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* PHILOLOGUS
ZEITSCHRIFT
DAS CLASSISCHE ALTERTHUM
BEGRÜNDET
von F. W. SCHNEIDEWIN vum ἢ. v. LEUTSCH
HERAUSGEGEBEN
VON
OTTO CRUSIUS
IN MÜNCHEN
Supplementband X.
De un)
LEIPZIG
DIETERICH’SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG.
THEODOR WEICHER
1907.
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Inhalt des zehnten Supplementbandes.
Seite
Untersuchung zur Geschichte von Eran. Von J. Marquart. 11
Bee)... . . Bat re δ 1
Die Be okisferunppsgeschichte di on, Von Fr. Vollmer . . 259
‘ De Senecae Hercule Oetaeo. Scripsit Aemelius Ackermann . . . 323
Das Ausleben des Clauselgesetzes in der römischen Kunstprosa.
Won In Ziehnsn . . . u EEE nr FR
Die Philostrate. Von Karl Mimscher Bir rc
Untersuchungen über die Lucianische Vita REN Kan
EN τς . [561
Zum Sprachenkampf im aber: Baish ‚Yon oda Hakıl . 699
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I. Die Namen der Magier.
In der syrischen Schatzhöhle wird erzählt, wie die Magier
bei der Erscheinung des wunderbaren Sternes voll Bestürzung in
ihren gelehrten Büchern forschten und nun im Orakel des
Nimrod!) fanden, dass ein König in Juda geboren werden
würde. Sofort verliessen sie den Osten und zogen mit Geschenken
an Gold, Weihrauch und Myrrhen, die sie in den Bergen von
Nod geholt hatten, zum neuen Könige, um ihm ihre Huldigung
darzubringen. „Die folgenden aber sind diejenigen, welche Opfer
darbrachten, Könige und Söhne von Königen: Hormeizkar (Hor-
mizdaö)?) von Mayözde‘ ἢ, der König von Persien, der den Titel
‚König der Könige‘ führte und in Adorwigan‘) unten) resi-
dierte; Azdeger Ὁ, der König von Saba, und Farwazd”?), der
᾿ König von Schebä, das im Osten liest. Und als sie sich an-
ge ea
ἵν
ΑΗ
schickten hinaufzusteigen, geriet in Bestürzung und Schrecken das
Reich der Riesen®) — es war aber ein sehr starkes Heer — so
dass auch alle Städte des Ostens vor ihnen in Furcht gerieten.
. Magier aber wurden sie genannt wegen der Maeiertracht,
1) Die arabische Übersetzung 5. }*o, 5: „in dem Orakel, welches
Jönton, der Sohn des Nüh, dem Nimrod gegeben hatte, als er mit ihm
zusammentraf“.
2) BA φμοδοοι, S 03094, V DWI0Q.
ὅ BS uJJan!0, Ar. RD, Thatsächlich ist der Ausdruck
“J)QA209 unübersetzbar. S. u. S. 6 f.
4 SV weil; A «Ὁ, Β RL SE vgl. Lagarde,
Mitteil. III 73.
PER kl: Ar. Mean yo 155)» Ir d. i. 2031.
Ὁ BJ0,9, Ar. lad vl ad 59.
8) D.i. Kana‘an, wo einst die Riesen gehaust hatten. ὃ. u. 8. 3.
Marquart, Untersuchungen. ΤΙ, 1
Philologus Supplementband X, Erstes Heft.
ῶ J. Marquart,
mit welcher die Heidenkönige bekleidet waren, welche, wenn sie
ein Opfer veranstalteten oder ihren Göttern Spenden darbrachten,
zwei Trachten anlegten, die des Königtums innen und die des
Masiertums aussen“).
Diese Erzählung geht natürlich aus von der messianischen
Psalmstelle 72, 10:
and) ma DIR) Bd ΞΡ
ΣΡ. NIER ΝΕΒΟῚ Na 1990
Hier ist also das den Spätern unverständliche Tars2$ auf Persien
(Pärs) bezw. das Partherreich bezogen worden.
Vom dritten Könige erzählt die erweiterte Recension A noch
folgendes: „Als der Sohn des Könies von Schebä noch ein kleiner
Knabe war, brachte ihn sein Vater zu einem Rabbi, und er lernte
die Schriften der Hebräer besser als alle seine Gefährten und
Volksgenossen; und er sagte zu Seinen Dienern, dass auch in allen
Geschlechtsregistern geschrieben stehe, dass der König in Bethlehem
geboren werden solle“?). Und als die Magier dem Messias Opfer
darbrachten und den Lobgesang der Engel hörten, die bei ihm
auf- und niederstiegen, sagt Parwazdadö zu seinen Gefährten:
„Jetzt weiss ich, dass die Prophezeiung des Jesaias wahr ist.
Denn als ich in der Schule der Hebräer war, las ich im Jesaias
und fand darin folgendes: „denn ein Kind ist uns geboren“ etc.
(9.68.0: Ὁ} Ἶ
Drei Magier mit ganz ähnlichen Namen kennt die Schatz-
höhle schon zur Zeit des Nimrod. Es heisst nämlich von Salomo:
„Er baute Tadmor in der Wüste?), und führte dort grosse
Wunderwerke aus. Und als Salomo an den Fuss des Gebirges
sekommen war, das Säir heisst, fand er dort den Altar, welchen
Parwarzkar?), Paiwarzani®) und Jazdwär) erbaut hatten. Diese
hatte nämlich Nimrod der Riese zu Balfam, dem Priester des
Berges geschickt, weil er von ihm gehört hatte, er verlege sich
auf die Sternbilder; als sie nun an den Fuss des Sä'ır gekommen
1 Die Schatzhöhle hrsg. u. übers. von C. Bezold S. ἢ, 8 ff.
Ma, 10 ff. — 8. 57. 58 der Übersetzung.
Ey
3, 8. Pf, 10 — 8. 59 d. Übs.
*) 2 Chron. 8, 4. Jos. aox. 8 ὃ 154.
1 B SS, SV IJ)uD, Ar. sr vi: sr Dr
d. 1: ἘΠ οΙ Η
Ὁ BSV PD, fehlt bei Ar.
) B 909L, VA joop, S ον, Ar. lol, v1 gar)
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 3
waren, bauten sie dort einen Altar der Sonnet); und da ihn
Salomo sah, baute er dort eine Stadt, und nannte sie Heliopolis
ἃ. 1. Sonnenstadt“?). Diese eigentümliche Kombination wird da-
durch verständlich, dass der Moabiterkönig Balaq als König der
Riesen galt (Ja‘qubi, Hist. I ἣν; Qazwinı I ff) und mit der
Landschaft Belga’ sLsl.)} zusammengebracht wurde?). Auch liest
wohl eine Verwechselung des Gebirges Seir mit dem Sanir “si
(Hohel. 4, 8), einer Kette des Antilibanos nördlich von Damaskus, vor.
Diese Stelle steht mit einer früheren im Zusammenhang, wo
es heisst: „In den Tagen des Ara (94, Payav) machten sich
die Megräer d. i. die Ägypter den ersten König, namens Pontos,
der über sie 68 Jahre herrschte. In den Tagen des Ar'ü herrschte
(gleichfalls) ein König in Schebä und Öphir und in Hawilä. Es
regierten nun in Schebä 60 Töchter von Schebäa, und viele Jahre
lang herrschten in Scheba Weiber, bis zur Regierung des Salomo,
des Sohnes Davids. Über die Söhne Ophirs®) herrschte aber der
König Lephörön ὅ), der Ophir aus goldenen Steinen erbaute;
denn. alle Steine in Ophir sind von Gold. Und über die Söhne
Hawilä’s herrschte der König Hawsl*®), der Hawilä erbaute“ ®).
Unter Re‘ü herrschte also noch ein König in Schebä, später
aber Frauen bis auf Salomo, zu welchem die Königin von Schebä
kam (ὃ. ja., 4. Unter Schebä versteht der Verfasser nicht
Südarabien, das alte Reich von Saba, sondern Indien, wie
aus dem Beisatz „welches im Osten liegt“ (5. p4, 12) hervor-
geht. Man bezeichnete Südarabien und das gegenüberliegende
Abessinien als „äusseres an) (ἡ ἔξω ᾿Ινδία, India citerior) im
Unterschiede vom „inneren“ oder eigentlichen Indien (ἡ ἐνδοτέρω
Ἰνδία, India ulterior). Schon bei Rufinus (h. e. I 9) begegnen
wir aber einer Verwechselung dieser beiden Begriffe. Er behauptet,
nach India ulterior sei vor den Zeiten Konstantins noch keine
apostolische Predigt gekommen und definiert dasselbe als zwischen
India citerior (dem glücklichen Arabien) und Parthien in der
Mitte gelegen, sed longo interior tractu. Allein gleich nach-
1) Vgl. Num. 23, 1 ff. 7. 14. 28 Β΄; 24, 17.
2) Vgl. Ivan, 10 δ᾽ — 8. 48 d. Übs.
τὴ ἫΝ Grünbaum, Neue Beiträge zur semitischen Sagenkunde
S. 181,
δ Ψ am Rande: „das ist Zind (Indien)“.
Ar ap vl 0) +22. Im äthiopischen Klemens heisst der
König von Sebä, der auch Ophir erbaut, Farnös = "5553 aus ..). 55 12.
Als ursprüngliche Form vermutet deshalb Bezold 8.77 Anm. 112 der
Übersetzung mit Recht «οὐαϑ statt HADN, also ein Eponymos
von Do.
6) 5, Pa, 5—14. 199, 6-13 = 5. 30/31.
| “=
4 J. Margquart,
her wird Frumentius als der erste Apostel jener Länder genannt,
der aber vielmehr in Abessinien das Evangelium gepredigt hat.
Dasselbe wird dann von Sokrates, Sozomenos und Theodoret wieder-
holt. Kosmas Indikopleustes in seiner Topographia Christiana ver-
steht unter dem „inneren Indien“ immer "Südarabien, wogegen
Johannes von Ephesos den König der Homeriten 0,3 (1. 10,3
— Aiuvov, 866.) richtig als König der oyaman/ — τῶν ἔξω
Ἰνδῶν bezeichnet!). In den apokryphen Apostelgeschichten aber
begegnet uns jene Verwechselung auf Schritt und Tritt).
Man sieht nun unschwer, dass die Namen „ya. S® und
90,8 (so die vollständigere Form) auf dieselbe Grundform zurück-
2341
gehen. Beide lassen sich ohne Mühe in 9,50,9 bezw. 9.1.0,
Farr-windaö?) „vom Glück erlangt“ oder „Glück erlangt habend‘
verbessern, dies ist aber nur eine Art Übersetzung von Gundafarr,
in den Thomasakten „Qı9o Ri: Dr) gr. Γουνδάφορος, auf
den Münzen "Yvdog&oong, Τονδοφάρης, ind. Gomdafarna, Guda-
phara, Gadaphara ete.’), ap. Winda(h)-farnä, gr. ᾿Ινταφρένης für
᾿Ινταφέρνης (Her. y 70. 78. 118 ff.), Ktes. Arap£gvng statt Avre-
φέρνης, aw. *Windat-hwaronanh „die Majestät erlangend* 6).
Der Name Gundaphar ist noch nack der Kompositionsweise der
alten Sprache gebildet und war deshalb gleich sehr vielen anderen
parthischen Namen, besonders der älteren Zeit, den Persern der
Sasanidenzeit noch weit weniger verständlich als der grösste Teil
der altgermanischen Namen den Deutschen im 13. und 14. Jahr-
hundert. Man suchte sich .deshalb dieselben mundgerecht zu
machen, indem man sie etymologisierte, wobei es natürlich bei der
grossen Verschiedenheit der Wortbildung und Kompositionsweise
der alten bildungsreichen Sprache von derjenigen der modernen
1) Assemani, B. 0.1359. Vgl. Gutschmid bei Nöldeke,
Gesch. der Perser und Araber 186 N. Gemeint ist νυ 8 οὖ,
2) Vgl. R. A. Lipsius, Die apokryphen Apostelgeschichten I 285.
II 2, 59. 64. 132 £.
®) Der Name ist belegt bei Tab. I }iv., 11. 14. 16 (a. 13 H.) mit
der Var. SAse],5 Farr-a-windäd bei Ibn al Agir III jo, 23, die mit
SA bei Ist. Ifa, 4. Ibn Haug. Y,1, ann. ὅ identisch ist. Vgl.
G. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer 297; F. Justi,
Iranisches Namenbuch 5. 90a. 91b. 98 Ὁ.
4) Wright, Apocryphal acts of the Apostles I S. 7.29:
5) Die Münzen bieten im griechischen Texte bald PNAO®BEPPOT,
bald TONdJO®APOT, TONJA®APOT. 5. Perey Gardner, The
coins of the Greek and Seythie kings of Bactria and India in the British
Museum p. 105—106, Pl. XXII, 5—13. Die Kharosthilegende zeigt
neben Gradapharasa (gen.), Gudapharasa d.i. *Gudapharrassa auch die
genauere Namensform Gomdafarna. Vgl. Otto Franke, ZDMG. 50,
603; G. Bühler, Indian Antiquary, May 1896. p. 141 N. 5.
©) Vgl.G. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer 287.
τὰς ον ΒΟ ΡΨ =
ü , 5
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 5
Dialekte, die den Flexionsreichtum jener zum grossen Teil als
unnützen Ballast über Bord geworfen hatten, an mannigfachen
Missverständnissen nicht fehlen konnte.
Der in Farr-windäö steckende Gundaphar, der Herrscher des
Sakenreiches im westlichen Indien und in Ariana, stammte aus
dem parthischen Adelshause der Sür&n und war ein Zeitgenosse
des Partherkönigs Gotarzes II., der sich nach seiner Vertreibung
im Jahre 42 n. Chr. in sein angestammtes Fürstentum Hyrkanien
und Karmanien zurückgezogen hattet). Während in den Thomas-
akten der indische König Gundaphar als Beschützer des Apostels
Thomas gepriesen wird, erscheint Gotarzes als hartnäckiger Feind
der neuen Lehre und eifriger Verteidiger des alten Glaubens, wes-
halb er schlechtweg den Namen Mazdaz führt, der ihn als eifrigen
Mazdaverehrer bezeichnet?). Gundaphar ist auch in den syrischen
Alexanderroman verflochten worden. In einem im griechischen
Texte (Pseudo-Oallisthenes ed. Ὁ. Müller 3, 17) fehlenden Stücke
des Briefes Alexanders an Aristoteles wird erzählt, wie Alexander
von Prasiak& nach 10 Tagen zu einem hohen Berge kommt, wo an
einem Flusse ein mächtiger Gott in Gestalt eines Drachen (näga)
hauste. Alexander vernichtet den Drachen mit Hilfe derselben
List, die Daniel gegen den Drachen angewandt hatte, und kommt
dann zu einem hohen Gebirge, von welchem der Fluss Dzrastös
(p. 196,2 gaolmS, p. 193, 13 a,A09,D, lies ana.
Βιδάστης, Ptol. VII, 1 p. 447,18 Bıdaonng) entspringt. Der ganze
Berg bestand aus Saphir und hatte Überfluss an Quellen und Wasser-
sprudeln. Hier gründete Alexander die Stadt „Alexandria, die Königin
der Berge“ — ohne Zweifel ᾿4λεξανδρεια ἡ πρὸς Kavzaow?) —
und liess seine Truppen da zurück, er selbst aber zieht mit zwanzig
seiner Freunde aus und gelangt zunächst nach Yaton oL|o, wo er
drei Tage rastet. Ich vermute, dass dies derselbe Ort ist wie
Cartana oppidum sub Caucaso, quod postea Tetragonis dietum
Plin. ἢ. n. 6, 92. Von da marschiert er 10 Tage auf gebirgigem
Pfade durch wasserreiche Gegenden und dann weitere 15 Tage
durch eine Wüste, bis er zu den Grenzen von Gin gelangt. Als er
den Hof des Königs von Qin erreicht, gibt er sich für Pithaös, den
Gesandten des Königs Alexander aus und wird von Gundaphar,
dem Heerführer des Königs verhört (S. 195, 5). Reich beschenkt
kehrt er alsdann wieder zu seinem Heere zurück. Die vorliegende
Erzählung versteht unter dem König von Gin offenbar den Kaiser
!) Siehe meine Beiträge zur Geschichte und Sage von Eran
ZDMG. 49, 641.
?) Siehe vorläufig meine Chronologie der alttürkischen Inschriften
S. 67 Anm. 3
ὅ Wie der Fluss Bidastes zeigt, hat hier eine Vermischung zwi-
schen Alexandreia Bukephalos am Hydaspes (Vitasta) und Alexandreia
am Kaukasos stattgefunden.
6 J. Marquart,
von China. Ursprünglich war aber wahrscheinlich nicht dieser
gemeint, sondern der König der Kusan, der, wie Sylvain
Levi aus chinesischen Übersetzungen buddhistischer Legenden
nachgewiesen hat!), in Nachahmung des chinesischen Kaisertitels
„Himmelssohn“ (£en-tzö') sich den Titel devaputra oder voll-
ständiger Cenasthana-devaputra, chinesisch abgekürzt Cen-tan,
pers. ‚„u% daypür, sogdisch ‚„ax; fayfür?), arm. Uen-bakur?)
beilegte.e. Der Sakenkönig Gundaphar wurde also zunächst zum
Heerführer des Grosskönigs der KuSan (Jüe-li) degradiert, welcher
das Reich der Saken vernichtet hatte.
Der Name „9jJJa,® ist augenscheinlich von den Schreibern
nach dem bereits verdorbenen „9a, S (aus 9,1,.0,9) gemodelt und
zunächst aus ‚2).[0]5001 verstümmelt worden, Er entspricht offen-
bar dem ersten der drei Magierkönige 9.090094 oder NUNDIOH.
Mit dem diesem Namen beigegebenen Zusatz )a209 ist nichts an-
zufangen ; er ist schlechterdings unübersetzbar. Ich vermute, dass
1) Sylvain Levi, Deux peuples meconnus. Melanges de Harlez
182 5. Notes sur les Indo-Sceythes. Journ. as. 1896, 2, 452. 457. 469.
472; 1897, 1, 23 Note 2. Zuerst findet sich der Titel devaputra auf
Münzen des Kusankönigs Kujula Kara Kaphsa (Cunningham. Num.
Chron. 1892, 66. Pl. IV, 9), der wohl mit Kozulo-Kadphizes identisch ist.
?) Dies ist im Persischen der ständige Titel des Kaisers von China.
Vgl. al Chuwärizmi, Mafätih al ‘ulüm ed. van Vloten S8. }1, 2. IP., 7
(wo zu lesen ist a RAR: aD 59 ,gule). Bei Tab. 1 "7", 11
heisst es: „Fr&dün machte den TüC zum König über die Gegend der
Türken, Chazaren und Cin, und man nannte dieselbe ἰδ (pw Cin
baya“, wofür cod. Spr. 30 richtiger \4>\25 (no = Cin bayapuhr hat.
Der Kaisertitel ist also irrtümlich als Landesname aufgefasst worden.
Die Form πὸ fay wird von den Wörterbüchern für feryanisch er-
klärt; 5. Horn, Neupersische Schriftsprache ἃ 35, 2 8. 78 (SA. aus
dem Grundriss für iranische Philologie Bd. I, 2, Lieferung 1).
Nach Ernst Kuhn, Barlaam und Joasaph S. 37 hätten schon
die Vorfahren der Arsakiden in ihrer östlichen Heimat den chine-
sischen Kaisertitel „Himmelssohn“ angenommen und ihn als daypuür,
fayfüur nach dem Westen übertragen. Erst von letzterem wäre das
devaputra der Kusankönige und weiterhin das δῦ 12 nz 2 —
ἐκ γένους ϑεοῦ der Sasaniden ausgegangen. Diese Auffassung ist in-
dessen völlig unhistorisch.
3) Moses Xor. Geogr. ed. Soukry p. 46, 12 = 62 der Übersetzung.
Bakur ist die armenische Form des parthischen Namens J/«xooos, den
man sich als ‚„„%; zurechtlegte und daher, da &: in manchen Dia-
lekten auch König bedeutete (al Chuwärizmi 14, 1. 1}., 7; Berüni,
Chronologie FT, 9), mit Sahpuhr „Königssohn“ übersetzte. So heisst
z. B. der persische König Säpür II. bei Prokop Pers. 1,5 p. 26 Ha xov-
o:os, in der entsprechenden Stelle des Faustos Byz. 4, 20 dagegen Sapuh.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran, 7
der ursprüngliche Text lautete: „910 099 „(Hormizkar) d.i. Mazda“.
Die Lesart ᾿-ομοϑοο, Hormizkar lässt sich vom iranischen Stand-
punkte aus nicht rechtfertigen, wogegen zSJo.® Ferözkar =
np. “1 9542 „Victor“ einen guten. Sinn gäbe. Das Ursprüngliche
wird aber „S,sjog% Hormizdfarr „von Hormizd Glück besitzend*
sein, wovon Hormizdaö lediglich erleichternde Korrektur ist. Man
hat sich also nicht daran gestört, dass Mazdai in den Thomasakten
als Feind des Christentums erscheint, und ihn ganz naiv
unter die drei Magier aufgenommen. Ein .ı1:2,9 oder :».9 er-
scheint auch in den arabisch-persischen Arsakidenlisten, unter
welchem, wie später gezeigt werden soll, gleichfalls Gotarzes II. zu
verstehen ist. Die Residenz des Königs in Adorbaigän würde aller-
dings besser auf Gotarzes’ Vorgänger und Schwager Artabanos II.
passen, einen Sprössling des alten Königshauses von Atropatene, der
aber in weiblicher Linie von den Arsakiden abstammte. Nachdem
er zunächst die Krone seines Erbreiches Medien gewonnen hatte,
wurde er später auf den Thron des Königs der Könige berufen,
und ward so der Begründer der weiblichen Arsakidenlinie. Freilich
war Atropatene gerade dasjenige Land, das — abgesehen von
Pärs — unter einer altpersischen Dynastie am längsten von der
unmittelbaren Herrschaft der Parther freiblieb. Seitdem aber
Artabanos den Thron von Ktesiphon bestiegen, ward es ein gut-
parthisches Land und erscheint in der arabisch-persischen Über-
lieferung als ein Hauptgebiet der Pahlawik’s. Wie lange es nachher
noch ein eigenes Königreich geblieben ist, lässt sich bis jetzt nicht
bestimmen; ebensowenig vermögen wir zu sagen, ob in der That
jemals Ganzak, die Hauptstadt von Atropatene, den Grosskönigen
als zeitweilige Residenz gedient hat, da unsere Quellen sich nur
auf die Periode vor dem Aufkommen der weiblichen Arsakiden-
linie beziehen!). Der Ausdruck „in Adorwigän unten“ [NND ©]
ist vielleicht mit Nöldeke (briefliche Mitteilung) durch die
Annahme zu erklären, dass dem Verfasser eine Karte vorlag, in
welcher Süden (mit Indien) oben und Norden (mit Adorbaigän)
unten war, wie in den arabischen Karten.
Über das oben erwähnte Orakel des Nimrod | erhalten wir
. II ip“, 16— Pd = 1 33 Auskunft?): „In den Tagen Nimrods des
Riesen wurde ein Feuer gesehen, das aus der Erde aufstieg.
Und Nimrod stieg hinab, sah es und betete es an und setzte
Priester ein, die dort dienen und Weihrauch hineinwerfen sollten.
1ὴ Strab. τὰ 13, 1 p. 522 sagt, dass die Partherkönige im Sommer
in Ekbatana und im Winter in Seleukeia am Tigris residierten.
2) Die folgende Erzählung ist benutzt von Ja‘qubi, Hist. I },, in
der arabischen Catene bei Lagarde, Materialien zur Geschichte und
Kritik des Pentateuchs I S. 96, sowie bei Eutychius ed. Pocock I 62. 64.
Vgl. Grünbaum, Neue Beiträge zur semit. Sagenkunde 94 ἢ,
8 | J. Marquart,
Seit dieser Zeit begannen die Perser das Feuer anzubeten (138)
bis auf den heutigen Tag. [Es fand aber der König S2san')
eine Wasserquelle in Adorbigan?), und machte ein weisses Pferd
und stellte es daran auf; und diejenigen, welche sich badeten,
beteten dieses Pferd an. Von da an begannen die Perser dieses
Pferd anzubeten.]) Nimrod aber ging nach Nögdora®), d. 1. Nod,
und als er zum See Okras®) kam, fand er dort den Jonton®), den
Sohn des Nöh.
Er stieg nun hinab und wusch sich in jenem See, und opferte
und betete den Jontöon an. Jöntoön sprach zu ihm: Du bist
König und betest mich an? Nimrod erwiderte ihm: Deinetwegen
bin ich hierher herabgekommen. Er verweilte nun bei ihm drei
Jahre, und Jontön lehrte den Nimrod Weisheit und das Buch der
Offenbarung und sprach zu ihm: Komm nicht wieder zu mir! Und
als er vom Osten heraufgekommen war und begann, dieses Orakel
anzuwenden, verwunderten sich viele über ihn. Als aber JazSar”),
jener Priester, der jenem Feuer diente, das aus der Erde hervorkam,
sah, (140) wie Nimrod in jenen alten Bahnen der Offenbarungen sich
bewegte, bat er jenen Dew, der um jenes Feuer erschien, sie
möchten ihn die Weisheit Nimrods lehren. Und wie es die Ge-
wohnheit der Dewe ist, diejenigen welche sich ihnen nahen, durch
die Sünde zu verderben, sprach jener Dew zu jenem Priester:
Kein Mensch vermag Priester und Magier zu sein, ehe er sich
nicht mit seiner Mutter und mit seiner Schwester begattet. Jener
Priester aber that, wie ihm der Dew gesagt hatte®). Von da an
begannen die Priester und Magier und Perser, ihre Mütter und
Schwestern und Töchter zu nehmen. Und dieser Priester Jazsar
begann zuerst die Stellung des Horoskops anzuwenden und die
Schicksale und Lose und Zufälle und die Zuckungen der Glieder
Dar url, ν. 1. ὦ “λα ὥΥ λλλὴνν im Clem. Aeth. Säs, im
äthiopischen Adambuch (Trumpp, Abh. der bair. Ak. XV, III.) Sachan.
) Aus 0%, Ar. „Up, v. L „use
Vgl. Lagarde, Mitteil. III 63.
ὃ Nur A und Ar.
Ὁ. So B; die übrigen Jj0,00,, J5,00., Ar. „Ass, als ὦ),
RT
5) SoB; Ar. οὐ], . 1} (P), Um) > wm); die übrigen Pl,
Clem. Aeth. Teräwes — | ws ol
6) A am Rande: Diesen Jöntön zeugte Nöh nach der Sintflut und
ehrte ihn hoch und schickte ihn nach Osten, dass. er dort wohne.
Ὁ So B; S yap, V zap/; A auf, Ar. ah, ve a,
alu); Lagarde, Mat. 96 Alu ol „st,
® A: „Und Idäser der Priester that so“.
h
4
1
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 9
und derartige Dinge der Chaldäerkunst. Dieses ist aber eine Trug-
lehre der Dämonen, und jene welche ihr dienen, werden mit den
Dämonen ihre Strafe empfangen am Tage des Gerichtes. Jenes
Orakel des Nimrod aber hat (142) keiner von den rechtgläubigen
Lehrern verworfen, denn auch diese haben es benutzt. Die Perser
aber nannten es Orakel, und die Römer Astronomia*.
Den Inhalt jenes Orakels selbst erfahren wir aus Salomon,
dem Metropoliten von Bacra (um 1222), der vielfach aus sehr
alten Quellen schöpfte und in seiner „Biene“ Kap. 37 folgende
„Prophezeiung des Zaräööst über unsern Herrn* mitteilt):
„Dieser Zarädost ist Barüy der Schreiber. Als er an der
Wasserquelle GlöSa von Hörin 5855, wo das königliche Bad errichtet
worden war, sagte er zu seinen Schülern, dem König Gusnasp
und Sasan?) und Mahimad: Höret, meine Söhne und Geliebten,
denn ich will euch ein Geheimnis offenbaren über den grossen
König, der künftig in der Welt aufstehen wird. Am Ende der
Zeit und bei der Endzerstörung wird ein Kind im Schosse einer
Jungfrau empfangen und in ihren Gliedern gebildet werden,
ohne dass ihr ein Mann genaht ist“. Es wird alsdann seine
Kreuzigung, Erhöhung und Wiederkunft verkündet. Darauf fragt
Gusnasp: „Dieser, von dem du diese Dinge sagst, woher hat er
seine Macht? Ist er grösser als du? oder bist du grösser als
er?“ Zarädust erwidert: „Er ist aus meinem Geschlecht ent-
sprossen. Ich bin er, und er ist ich, und er ist in mir und ich
in ihm. Wenn sich der Beginn seiner Ankunft zeigt, werden
Zeichen am Himmel gesehen werden, und sein Licht wird das
des Himmels übertreffen“. Er ermahnt seine Schüler sodann, auf
diese Zeichen zu achten, und wenn der Stern erscheine, Gesandte
mit Geschenken an ihn zu schicken. „Dieses sind die Dinge,
welche von diesem zweiten Bal’am gesagt wurden, und Gott hat
ihn nach seiner Gewohnheit gezwungen, dies zu verdolmetschen ;
oder er stammte aus einem Volke, das mit den Prophezeiungen
über unsern Herrn Jesus Christus bekannt war, und zeigte sie
vorher an“.
Die geheimnisvolle Prophezeiung des Zarädust bezog sich also,
wie man sieht, auf die Geburt des SauSjant vor der Welterneuerung
am Ende der Tage?).. Am Ende eines jeden der drei letzten Jahr-
tausende der Welt wird eine im See Käsava in Sagistän badende
Jungfrau schwanger von dem dort aufbewahrten Samen ZaraduStras.
So werden Uxsjat-ar?ta, Uxsjat-nomö und Saosjant geboren wer-
den, von denen jeder am Ende seines Jahrtausends die in Ver-
ἢ The Book of the bee, ed. E. A. Wallis Budge S. AO =
81 der UÜbs.
τ... “SI,
3) 8. bereits Ernst Kuhn, Eine zoroastrische Prophezeiung in
christlichem Gewande. Festgruss für Roth 8. 217 ff.
10 J. Μαγηυδτί,
fall geratene Mazda-Religion wiederherstellen wird. Der letzte,
Saosjaft, wird die Auferstehung und das mit der Welterneuerung
und der Ausrottung des Bösen beginnende selige Zeitalter herbei-
führent). Diese Lehre der Magier kannte schon Theopompos (ΟῚ
bei Laert. Diog. prooem. p. 2), und es spricht nichts dagegen,
dass die Sage von der wunderbaren Geburt des Saosjait ebenso
alt ist. Die Christen haben diese Kunde, wie schon E. Kuhn
(a. a. Ὁ. 219 f.) vermutet hat, wohl der apokryphen Schrift
Hystaspes entnommen, welche, wie wir aus Justin und Lactantius
schliessen dürfen , sicher die Prophezeiung vom Ende der Welt
enthalten hat ?). Wie die Schatzhöhle selbst angibt, war jenes
Orakel des Nimrod schon früher auch von orthodoxen Theologen
benutzt worden. Seine Aufnahme durch die Christen setzt aber
voraus, dass zur Zeit derselben noch chiliastische Hoffnungen und
Erwartungen weite Kreise beherrschten.
Unter dem König GuSnasp ist natürlich Gustäsp (lies
DcohNao,. ) oder Wistäspa, der Beschützer Zaradustras zu ver-
stehen. Die Quelle Glösa@ de- Hörin ist offenbar identisch mit
dem See Okras, an welchem Nimrod den Jöntön traf und dessen
Unterweisungen genoss. Wahrscheinlich ist davon aber auch die
Quelle, welche Sisan nach dem nur in A sich findenden Zusatz
in Adorbaigän entdeckt, nicht verschieden. Das an derselben auf-
gestellte und göttlich verehrte weisse Ross ist ohne Zweifel ein
Symbol des Feuers Atur-gusnasp (Hengstfeuer), d. i. des Blitzes,
das in Ganzak (Tacht-i Sulaimän) östlich vom Urmiasee, der süd-
lichen Hauptstadt von Adorbaigän verehrt wurde. Die genannte
Quelle kann also kaum etwas anderes sein, als der innerhalb der
Stadt Ganzak gelegene See (aelasta (Össt), nach welchem τ
Stadt bei den Arabern πὴ genannt wird ?).
Wie hier erscheint Wißtäspa auch in der romantischen Ge-
schichte aus Chares von Mitylene (bei Athen. 13, 35 p. 575) als
König von Medien bis zu den kaspischen Thoren. Mahimad
ist ohne Zweifel Zaradustras leiblicher Vetter und erster Schüler
Maidjör-mänha, der Spitäma (Jas. 51, 19; jt. 13, 95). Man hat
also 0,90 zu schreiben für „ao. Unter an oder
kann dann nur (Οἵ dmäspa (J asna D5jamäspa) der Sohn des Hwogwa
verstanden werden, der weise Minister des Wistäspa, der erste am
Hofe des Wistäspa, der die neue Lehre annahm und welchem
1) Vgl.Darmesteter, Le Zendavesta II 521 n.112, Ip. LXXIX;
Bundah. KXXII, 8—).
2) Justin. apol. 1, 20. 44; Lactant. Inst. VII 16. Vgl. Windisch-
mann, Zoroastrische Studien 298.
3) Vgl. G. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer
248. 250 ff. Bei Tab. I 1, 12 cod. ΤῊ heisst der See vunml> er
War-i Co.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 14
Zaradustra seine Tochter Pourutista vermählte (Jasna 46, 17.
49, 9. 51,18.; jt. 5, 68. 18, 103. 23,2. 24,3). In der Schatz-
höhle S. 1a, 2 = 31 erscheint Sisan!) als Minister des Nimrod
und erhält den Beinamen J3ja©9) „der Weber“. Wie Sisän in der
erweiterten Recension der Schatzhöhle in Adorbaigän auftritt, so
lässt Mas‘üdi (Murüg II 127) den Gämäsp aus ÄAdorbaigän stammen:
„Nach dem Tode des Zarädust nahm der weise Gämäsp?) seine
Stelle ein, der aus Adorbaigän stammte. Er war der erste
Möbad, der nach Zarädust unter ihnen auftrat, indem ihn der
König Bistäsp für sie bestellt hatte“.
Jetzt ist es auch möglich, den Namen des dritten Maeier-
königs zu erkennen. Der Priester „a ist natürlich kein anderer
als Zara ustra, und die Änderung in anf, ταν und il
bei A und dem Araber rein willkürlich. Die nächstliegende Ver-
besserung ist a9), vgl. die armenische Form Zradast aus *Zura-
dast und die Verderbnis von a Dax Abdagases in PR VI (Vater
des ‘Awida) und; δ, ΑΞ, wen, DN in der Addailegende ed. Phillips
‚p. 18, 4. Allein mit diesem Namen hängt der des dritten Magiers
aufs engste zusammen:
SI A ul:
S. Ivan, 13 B yoyu, 5 joyp, VA ὅρῳμ.
S. In, 13 Byap, S gap, Van, Α μαρύ.
Nun hat bereits Cureton (Spicil. Syr. 81) bemerkt, dass Theodoret
den Urheber des λισαδέινααα ϑα (der Ehe mit den nächsten Bluts-
verwandten) Ζαράδης nennt: “λλὰ χατὰ τοὺς Ζαράδου πάλαι
Πέρσαι πολιτευόμενοι. νόμους, χαὶ μητράσι χαὶ ἀδελφαῖς
ἀδεῶς χαὶ μέντοι καὶ ϑυγατράσι μιγνύμενοι, καὶ ἔννομον
τὴν παρανομίαν νομίζοντες 4). Die Namensform Ζαράδης für
Ζετυϑυδίγα begegnet aber auch sonst, so z. Β. in den Anathema-
tismen gegen die Manichäer: ἀναϑεματίζω Ζαράδην, ὃν ὁ Μάνης
ϑεὸν ἔλεγε πρὸ αὑτοῦ φανέντα παρ νδοῖς χαὶ Πέρσαις, καὶ
ἥλιον ἀπεχάλει" σὺν αὐτῷ δὲ καὶ τὰς Ζαραδείους ὀνομαζο-
μένας εὐχαςὅ). Das Ursprüngliche ist also vielleicht 209).
Möglicherweise hat aber die ursprüngliche Quelle mit verschiedenen
Namensformen abgewechselt: WI (a) ?), 09) (90) ?) und AN].
2) Ar. mim.
2) cod. L? und D »Lul>, ed. „UL, lies „ul,
3) Die Varr. des Arabers führen auf „> ΡΠ Be |
ὑφ
4) Ἕλλην. παϑημ. ϑεραπευτική. Περὶ νόμων I ed. Gaisford p. 351.
5) 5. Windischmann a.a. O. 264 N. 8.
19 , ᾿ J. Marquart,
de Lagarde, Mitteil. III 72 ἢ, hat also mit Recht gegen
die Identifikation der drei Magiernamen mit denen der sasanidischen
Könige Jazdegerd 11., Hormizd III. und Peröz (438—484) ἢ
protestiert. Freilich sind seine eigenen Winke noch viel bedenk-
licher und reine Irrlichter. Er erwartet für „Jazdegerd“ einen
äthiopischen Namen-, und sieht in den Magiern die Vertreter von
Sem, Cham und Japheth.
Jetzt kann es uns nicht mehr schwer fallen, auch die übrigen
Magierverzeichnisse zu analysieren und in ihre Elemente zu zer-
legen. Man findet sie zusammengestellt bei Albr. Wirth, Aus
orientalischen Chroniken ὃ. 202 ff. und E. Nestle, Marginalien
und Materialien 8. 67 ff.
Nach dem syrischen Lexikographen Bar Bahlül?) stammten
die Magier aus Persien, von den Söhnen des ‘Elam, Sohnes des
Sem. Sie waren berühmte Fürsten und vornehme Männer des
Landes Persien, hatten aber auch viel Volk und eine Geleitstruppe
von mehr als 1000 Mann bei sich, so dass Jerusalem in Be-
stürzung geriet, als sie anlangten®). Bar Bahlül gibt nun zunächst
zwei Gruppen von Namen der Magier:
T: SD ‘Arüfan
W001 Hormen
ET wol Tahses ;
nach andern
ΤΙ. POS Güdafarhöm
Nana)’ Artahsast
j;2No JyaaS Lepüda und Alperä.
Hier ist ohne weiteres deutlich, dass Ss auf HADN
(ursprünglich SH), den König von Ophir (oben 8.3 u. Anm. 5)
zurückgeht. ‚Dasselbe gilt für JJasS (aus [2 9.) und ON.
509 ist einfach Verschreibung für „0509 = Hormizd,
eine Abkürzung von Hormizdäd; aa], ist lediglich Verstümmelung
von Naal3/ Artahsast, und unter diesem Könige ist der Freund
des „Gottesvolkes“, der Gönner des Ezra und Nehemja zu ver-
stehen. Den Namen θα haben wir wohl in zwei Namen
ἢ Nöldeke, Lit. ΟΡ]. 1888 Sp. 234. — Als ich die thörichte
Anmerkung 2 bei Wirth, Aus oriental. Chroniken 203 schrieb, war
mir die Schatzhöhle nicht zugänglich, und ich kannte die Namen nur
aus Budge, The book of the bee 8. 84 n. 2.
2) Ed. Rubens Duval col. 1002 £.
>) Dieser Passus findet sich wörtlich schon bei Jakob von Edessa
(f 708. 8. Eb. Nestle, Marginalien und Materialien 71/72.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 13
2.999 und )909 zu zerlegen. Der letztere erinnert an das
)o9y00) im vierten Verzeichnis, ist aber vielleicht gleichfalls nur
eine Verstümmelung von Hormizd.
II. Auf persisch sollen die Namen der Magier lauten:
DBeh-amad (er kam gut), Zuöd-amaö (er kam schnell)!), und
Drust-amad (er kam heil).
IV. Zum Schluss gibt Bar Bahlül eine Liste von zwölf
Namen, die sich auch bei Ps. Dionysius von Telmahr®, Dionysius
Bargalibi (F um 1171), Michael Syrus und Salomo von Bacra und
in einer „Weissagung des Propheten Daniel* findet?). Sie wird
etwa foloendermassen herzustellen sein:
DR = wor "μο οὐ
m 5. ἢ γγμμοῖοο [ DH > 350901
Zahrwendad bar Artaßan \ Ahdujad
Hormizdaö bar Sanatrüg J Haöwendad bar Artaßan
δ en,» N) oachao Westasp bar Gundefar
10) SID 5 ?) ya Arsal bar Mihrög
ΠῚ ΕΓ ΤΣ
Diese vier brachten Gold.
) Var. φῸ 50).
5) Dionysii Telmahharensis Chronicon ed. Tullberg, Upsala
1849 p. 74. Nestle, Porta linguae syr.!.p. 85. The book of the bee
p- 93 (= 84 der Ubs.). Die armenische Übersetzung des Michael war
mir nicht zugänglich. Die Liste in der „Weissagung des Propheten
Daniel“ teilt Budge, The book of the bee p. 84 n. 2 der Ubs. mit.
Ich bediene mich folgender Abkürzungen:
1) — Dionysius Bargalibi.
Dion. — Ps. Dionysius von Telmahre.
Dan. — Weissagung des Daniel.
BB —= Bar Bahlül.
S — Salomo von Bagra.
») 8 94509), Dan. 995049, D 9.0991.
)D 15, Dan. ορϑϑ]αο.
5) Dion. 890%, D om.
6) So S eod. C; v. 1. SO, NO, Dan. NO,
om. D.
) DBB SNao, Dion. «ϑιδαού, 5 Amıaa
| DIENTE |
8) D Dion. AN Dan. Ιϑρμας,.
8) Dan. “κού. :
Ὁ) Dion. 009990, BB 90999, Ὁ ορϑορο.
NT Dan.
14 J. Marquart,
ἤ) 90) 0 > 1)y05) Zarwandad bar Warzüd
οἱ > οομϑ «Ἄγ bar Xesrö
ὭΣ 539 λδδω δ Artahsast bar Παιοϊίαϑ'
) ua 5. N) yanssoha/ Astön‘abödan bar Sisron
Diese vier brachten Myrrhen.
)yo909y „> διϑοθομοο Mihrög bar Höham
a IK 10) auan/ Ahsöres bar (ahban
Re RR (ardenäh bar Baladan
ee) 90,0 Meröday bar Baladan
Diese vier brachten Weihrauch. |
Woher Wistäsp (GuStäsp) und Gundafar stammen, haben wir
bereits gesehen, ebenso kann über die Herkunft des Hormizdäd
kein Zweifel bestehen: es ist der erste der drei Magier in der
Schatzhöhle. Dann erkennt man aber unschwer, dass 9,5099) zu-
nächst nach Nr. 5 zurechtgemacht ist aus 9,5099) (BB) und dieses
') Dan. 943050), Dion. BB 450%), D .109).
») 8 v. 1. 99090» 90)090, Dan. J030, Ὁ 90, Dion. 9090, BB
090, zul 090.
ὃ 5 09. /.
*) 5. Dan. Dion. Nuan))/, D Nail.
ὃ 5 .hSa,, DBBNNca,, v1. Man, Dan. dm.
Ὁ 5. ν. 1. «Ορνα, anısoha/, Dan. SrasNa/, Dion. D
BB ‚JanıNa/.
ΒΒ ν. 1. Sau, D oa, Dan. KAsoua.
δ) Dion. 9009949, BB Ἰϑοϑόμο, D 00999.
ὃ) Dion. A009, S yoyaw, Dan. υο)α,».
10). Ὁ ayn/, Dion: azar/.
11) Ὅδη. το D ae BB v. 1. Sun S ap
29) 5 Dan. „Ss, Dion. u. oder N.
=) Dan: «1.5.
Ὁ D BB 099. |
1) 5 385, v.l. 9842, ID, Dion. BBDNS,
Untersuehungen zur Geschichte von Eran. 15
..
dem 990,9 bezw. φῳιος Ὁ Farr-windäöd der Schatzhöhle entspricht.
Die Willkür, mit der diese Namen mit einander in ein genealogisches
Verhältnis gesetzt werden, darf uns nicht irre machen. Artaban
ist wohl der historische König Artabanos I., der Zeitgenosse des
Gundaphar; Sanatrüg aber ist der armenische König, unter welchem
die Apostel Thaddaeus!) und Bartholomaeus das Martyrium er-
litten haben sollen. Sein Name wird in den apokryphen Apostel-
geschichten meist in greulicher Weise verunstaltet, z. B. Asireges,
Astriages und gar Astyages?), bei Salomon von Bagra 3. AuO,
δοσῖοο, u.ä. Er regierte nach Mar Abas von 167—196 n. Chr,
und erbaute sich einen Palast in Mcur oder Mcurk‘ am Euphrat?),
in dessen Trümmern späterhin, als man die Pfeiler jenes Palastes
für die Pforte des Königs der Perser verlangte, eine Säule ge-
funden worden sein soll mit einer griechischen Inschrift, welche
ein Verzeichnis der armenischen und parthischen Könige enthielt?).
Diese Erzählung knüpft an den grossen Streifzug des ‚Königs
apüur II. nach dem westlichen Armenien im Jahre 359 an, auf
welchem derselbe bis nach Mzur, Daranal® und Eketeac‘ ge-
kommen sein soll?). Das Grabmal des Königs befand sich in der
1) Mos. Xor. 2, 34; Faust. Byz. 3,1. Vgl. Dashian, Die edesse-
nische Abgarsage. WZKM. 1890, 5. 144 ff.
2) Lipsius, Die apokryphen Apostelgeschichten I 147. 210 ff.;
II 2, 55. 66 Ε. 104. Vgl. auch Justi, Iran. Namenbuch 282.
ὃ) Faust. Byz. 4, 14 S. 115.
4 Mar Abas bei Sebeos ed. Patkanean ὃ. 1, wo Ζ. 9 für
fh Welt geogupl zu lesen ist ᾽ν WSpbt gunguph „in der Stadt
Meur“. Erst dem Ps. Moses 2, 36 S. 113 ist es vorbehalten geblieben,
ihm die Wiederherstellung von Mebin (Nisibis) zuzuschreiben, das er
aus Mar Abas (ὃ. 9, 2.9, wo zu lesen 'ῥ 1} διεἥμαω für ᾽ν Wpdwty) als
Residenz des ersten armenischen Arsakiden Ar$ak des Jüngeren kannte.
„Aber was immer für 'Thaten des Sanatruk geschehen sein mögen, so
haben wir doch keine der, Erwähnung wert gehalten ausser den Grün-
dungen der Stadt Mebin (Überarbeitung von Faust. 4, 14 S. 115). Denn
nachdem sie von einem Erdbeben verschüttet war, liess er sie zerstören
und prächtiger wieder auibauen und von neuem mit einer Mauer und
einem Vorwerk umgeben. Sich selbst liess er in der Mitte als Bild-
säule aufstellen, eine Drachme in der Hand halterid, was etwa andeutet,
dass zur Erbauung dieser Stadt alle Schätze aufgebraucht wurden und ᾿
nur diese einzige übriggeblieben war“.
V Febr ist also im Auszuge aus Mar Abas nachträgliche Korrektur
nach dieser Stelle des Moses. Damit fällt die Schwierigkeit, für Sanatruk
den Besitz der Festung Nisibis zu erweisen (ΖΜΟ. 49, 650 f.), weg.
Über Mecur, arab. ‚;2 \u>, welches dem östlich vom Euphrat
gelegenen Teile des Landes Mugrs bei Salmanassar II. entspricht, vgl.
H. Gelzer, Georgius Cyprius p. 183 5. Kiepert, Die Landschafts-
grenze des südlichen Armeniens. Monatsber. ἃ. Berl. Akad. 1873, 5. 201.
Ibn Serapion ed. Guy le Strange. JRAS. 1895, 13. 64.
Ν 5) Faust. 4, 24 5. 141. Vgl. Amm. Marcell. 19, 6, 1, wonach
Sapür auf diesem Zuge unter andern befestigten Plätzen auch Ziata
eastellum einnahm, syr. A) Land, Anecd. Syr. II 61, 12 (Nöldeke,
16 J. Marquart,
Festung Ani (Kamach) am Euphrat, der Nekropole der armenischen
Könige!), und war so fest, dass es allein der Zerstörung durch
die Perser entging.
Suidas hat aus einem unbekannten griechischen Historiker?)
eine Notiz über Bu König aufbewahrt, die ihn in sehr ‚günstigen
Lichte darstellt: “Ξανατρούκχης ᾿Αρμενίων βασιλεύς, ὃς τὸ μὲν
σῶμα ξύμμετρον εἶχε, τὴν γνώμην δὲ μέγας ἐτύγχανεν εἰς
ἅπαντα, οὐχ ἥκιστα δὲ εἰς τὰ ἔργα τὰ πολέμεα.
ἐδόκει δὲ χαὶ Tor δικαίου φύλαξ ἀκριβὴς γενέσϑαι, καὶ τὰ
εἰς τὴν δίαιταν ἴσα χαὶ τοῖς κρατίστοις ᾿λλήνων τε καὶ
“Ῥωμαίων χεχολασμένος.
Ps. Moses Chor. 2, 36 lässt den Sanatruk auf der Jagd durch
einen Pfeil getötet werden zur Strafe für die Martern, die er
seiner Tochter Sanducht bereitet hatte. In der That aber fiel er
im Jahre 196 n. Chr. im Kampfe gegen die Alanen oder Mazk’ük‘,
die unter ihrem König Wsnasp Surhap einen Einfall in Armenien
gemacht hatten ?)., Es ist übrigens zu beachten, dass hier Sanatruk
nicht selbst als einer der Magier erscheint, sondern nur als Vater
eines derselben.
Der Vater von Nr. 5, 90)90 mit mannigfachen Varianten,
verdankt seinen Namen dem Magier 909), der Schatzhöhle, d. 1.
ursprünglich Zarädust, aber auch der scheinbar ganz tadellos
persische Name 9,305) Zarwandadt) ist lediglich aus einer hand-
schriftlichen Variante jenes 909%, 095) zurechtgemacht. Hawila#
ist natürlich der König des goldreichen Hawıla (oben 8. 5),
als dessen Produkte Gen. 2, 11 ausserdem nb=3 und der 3oham-
Stein genannt werden. Von den Späteren (schon Jos. &ey. 1, 147)
wird Hawila ebenso wie Ophir nach Indien verlegt. Im zweiten
Teil des Namens gaasıoha/, anı bezw. „ans erkennen
wir dann leicht ἀν König von Ophir, ‚gjaD@N bezw. «οὐοθο
wieder). ᾿
δεδγῦη ist dem König San Sirsön®) von Bela‘ ent-
WZKM. X 169), später „9 Jun, arab. ol; Guam, arm. Karberd,
das heutige Charput.
1) Faust. 4. 24 3.112. Vgl. 3, 12. Agathang. bei Langlois1167b.
5) Petros Patrikios, an den man zunächst denkt, kann es wegen
des ξύμμετρον nicht sein, ebensowenig Kassios Dion.
°®) S. meine Chronologie der alttürkischen Inschriften 5. 92. Bei-
träge zur Geschichte von Eran. ZDMG. 49, 649 f.
) Vgl. Justi, Namenbuch 383/84.
5) Doch wäre es auch möglich, dass der in Verbindung mit dem
Satrapen Sisines von Arbäja genannte TINO Σαϑραβουζάνης (eig.
Tann) Ezra 5, 3 zu Grunde läge und die LA. Jasıha/ vor-
zuziehen wäre.
9) Van, A ρου, Ar. als,
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 17
nommen, der nach der Schatzhöhle 8. jo., 8 (= 36 der Übs.) sich
mit dem König Bera‘ von Sodom, Bar$a‘ von Gomorrha, Jebüs,
dem König von Damaskus (Darmesug), Bogtor, dem König der
Wüste und andern Königen bei Melchisedek versammelte und
demselben die Stadt Jerusalem erbaute (vgl. Gen. 14, 2). Wir
werden uns also nicht mehr wundern, wenn wir nicht bloss
Artach$aSt, den Beschützer Ezras und Nehemjas, sondern auch eine
Reihe anderer Freunde des „Gottesvolkes“ unter die Magier ver-
setzt sehen, wie Achsires (Achsawars), den Judenfreund des
Estherbuches, (ardenäch ἃ. i. Iaysodovog (Asarhaddon), unter
welchem der Jude Achikar assyrischer Finanzminister wurde und
dessen Oheim Tobit nach Ninive kam (Tob. 1, 21. 22 ed. Swete),
und vor allen Merodakh bar Baladän, d.i. 77853 73 712 53 T77n
Jes. 89, 1 = 2K. 20, 12, den chaldäischen König Marduk-abal-
iddina, den Zeitgenossen des Messiaspropheten Jesaja, welcher an
den judäischen König Chizqlja eine Gesandtschaft mit reichen
Geschenken schickte und ihm eine Allianz gegen Assyrien anbot.
Die Lesart Mardüx bar Bel denkt dagegen an den Gott Bel-
Marduk selbst und passt nicht in den Zusammenhang dieser Liste.
In 039.0 Nr. 9 habe ich schon vor Jahren Mahrawäk
— aw. Mädrawaka erkannt!). Vielleicht haben wir als ur-
sprüngliche Lesart og Manharwäk anzunehmen, was der
gewöhnlichen Transskription des aw. mädra im Pahlawi, mandar,
noch, näher käme. Die richtige Etymologie von Yo hat
Justi gefunden?): es ist AZu-wahm = aw. *hu-wahma „sehr
fromm*. Das Awesta kennt einen Mädrawäka, Sohn des Säimuzi,
der als a&drapaiti (herpat) und hamiöpaiti bezeichnet und als
Bekämpfer der Ketzer gepriesen wird jt. 13, 105, ausserdem wird
ein Wahmae-däta, Sohn des Mädrawäka genannt 70. 13, 115. Diese
beiden Personen sind in späterer Legende offenbar zusammen-
gefallen, der Name Huwahm entspricht dem aw. Wahmasöäta „in
Lobpreis (Gottes von Seiten der Eltern) geschenkt“ (Justi). Es
steht nichts der Annahme im Wege, dass in apokryphen Evangelien
so gut wie Madjamäh (Maidjoimänha) auch der Asrapaiti MäYra-
wäka in Verbindung mit messianischen Prophezeiungen Zoroasters
genannt war.
In 09,3/ möchte ich den Namen des Ahnherrn der edesse-
nischen Königsfamilie, a,5/ Arjü „Löwe“ erkennen?) Dann
stünde oa» Xesrö für ᾿Οσρόης (sonst gleich Xoogong, Chosrau),
wie nach Prokop. Pers. I 17 p. 85 ein alter König von Edessa
in der Partherzeit hiess, nach welchem die Landschaft Osroöne
1!) Bei Albr. Wirth, Aus orientalischen Chroniken 206/7.
35) Iran. Namenbuch 140 a.
8) The doctrine of Addai ed. Phillips p.47. Vgl. meine Assyriaka
des Ktesias S. 515.
Marquart, Untersuchungen. II. 2
18 J. Marquart,
benannt wurde!). Freilich lautet der syrische Name von Edessa
„0930/ Orhäl, und Ps. Dionysios von Tellmahre 8. 65 nennt
deshalb als Eponymos der Stadt den Orhäi bar Hewja. Allein
dies brauchte den Verfasser unserer Liste nicht zu stören.
Der Name Arsak bot sich natürlich von selbst. Dagegen
möchte ich im Namen seines Vaters 059.0 Mihrög nicht den
awestischen Magiernamen Mäyrawaka erkennen. Vielmehr er-
blicke ich darin nur eine der vielen Verschreibungen des Namens
DO, vielleicht auf eine Nebenform sojyuno *Sanahrük
zurückgehend ?).
Es hat sich also herausgestellt, dass der historische König
Gundafarr in sämtlichen Verzeichnissen den Mittelpunkt bildet,
auch in demjenigen, welches im Westen die Oberhand gewonnen
hat und nachweisbar zuerst in den Excerpta Latina Barbari er-
scheint?), während die übrigen Namen aus verschiedenen Legen-
1) Vgl. Gutschmid, Untersuchungen über die Geschichte des
Königreichs Osroene 8. 10.
2) Etymologie und Lautverhältnisse dieses Namens sind noch un-
klar. Der erste Partherkönig dieses Namens (76—67 v. Chr.) wird von
Ps. Lukian, Makrob. 15 Σινατροκλῆς, von -Phlegon fr. 12 bei Phot.
cod. 97 — Müller, FHG. III 606 Σινατρούκης, von Appian Mithr. 104
Σιντρίκης genannt. Der zweite Partherkönig $., der beim Partherfeld-
zug des Trajan regierte und a. 116 n. Chr. vertrieben wurde, heisst bei
Malalas S. 270 Σανατρούκιος (aus Arrian).. Der König von Armenien
endlich, von welchem oben die Rede ist, Σανατρούκης, wird von Kass.
Dion 75, 9, 6 als Vater des Οὐολόγαισος (Watars) bezeichnet. Die Syrer
schreiben 00,109 oder 0,109, die Armenier Sanatruk und die
persisch-arabischen Quellen 5 in (mit ἃ) Tab. I a}., 6, arabisiert
Br ρων. Vgl. Justi, Namenbuch 282. Ps. Mos. Chor. 2, 36 8. 114
leitet Sanatruk vom Namen seiner Amme Sanot und dem arm. turk‘
„Geschenk“ ab. Die ursprüngliche Sage sprach aber offenbar von
einer von den Göttern gesandten weissen Hündin, welche das Kind in
Obhut nahm, woraus erst der Rationalismus des Moses eine Frau ge-
macht hat, wie Her. « 110. Dies setzt eine Nebenform *san- ‚Hund‘ zu
aw. span- (gen. suno) voraus, wie np. &\w zu med. σπάκα, spah (Hamza
bei Jägüt III f}, 17. = I}, 21 84), skythisch σπάγα bei Hesych.:
παγαίη κύων σκυϑιστί, wofür zu lesen: (o)ndya' ἡ κύων σκ.
ὅ Bei Schöne, Eusebii Chron. I App. p. 228: Magi autem voca-
bantur Bithisarea Melichior Gathaspa. In diesem Gathaspa hat be-
kanntlich zuerst Gutschmid, Die Königsnamen in den apokryphen
Apostelgeschichten. Rh. Mus. 1864 5. 162 = Kl. Schr. TI 334 den Gunda-
farr erkannt. Der Armenier Wardan folgt derselben Tradition; bei
ihm heissen die Magier:
Metk‘on der Perser;
“μενα αν Daspar (ν. 1. pwpwunywp Daraspar) der Inder;
Batdasar Arab.
Es ist zu lesen pogzwinywp Gadaspar = Γαδασπαρ. Vgl. Baum-
gartner, ZDMG. 40, 508 N.1. Da in anderen Verzeichnissen einer
der drei Könige Malachath, Malgalat, Magalach heisst, was nuntius
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 19
den, namentlich aber aus der Schatzhöhle, zusammengetragen und,
soweit sie ursprünglich historisch sind, den verschiedensten Zeit-
altern angehören. Viele Namen sind aber auch reine Erfindung,
und sämtliche dieser angeblichen Magier sind sehr willkürlich
‚geordnet und miteinander verbunden worden.
Sehr merkwürdig ist es, dass die Addailegende auf die Zu-
sammenstellung dieser Verzeichnisse gar keinen Einfluss ausgeübt
hat: weder von Narse, dem König der AdYöräje, d. 1. dem jüdischen
König Izates von Adiabene und seinen Fürsten, noch dem später
an seine Stelle getretenen Abgar Ukkaämä von Orhäi findet sich
in den Verzeichnissen die geringste Spur. Die Erklärung für diese
auffällige Thatsache muss ich einer andern Gelegenheit aufsparen.
Soviel aber ist ohne weiteres klar, dass die Thomasakten in Edessa
weit früher bekannt gewesen sein müssen als die Edessa ursprüng-
lich fremde Addailegende. |
Hoffentlich bleiben nun die vielgereisten Magier von den
Geisterbeschwörungen der Theologen und Orientalisten etwas ver-
schont und dürfen sich der wohlverdienten Ruhe in der rheinischen
Kathedrale erfreuen.
2. Alexanders Marsch von Persepolis nach Herat.
Nach der Verbrennung von Persepolis und der Ernennung
eines neuen Satrapen von Pärs rückte Alexander nach Medien
vor, wo Dareios, wie er hörte, sich aufhielt. Dareios hatte be-
schlossen in Medien (Ekbatana) zu bleiben, so lange Alexander
bei Susa oder Babylon verweilen würde, und dort abzuwarten,
ob etwa ein Umschwung des bisherigen Glückes Alexanders ein-
treten würde, aber nach Parthyaia und Hyrkanien und weiter
nach Baktrien zu ziehen, wenn jener gegen ihn anrücken sollte.
Während er nun die Frauen und den Tross zu den Kaspischen
Thoren vorausgesandt hatte, war er selbst mit der Truppen-
macht, die sich wieder um ihn gesammelt hatte, in Ekbatana
geblieben. Auf die Nachricht davon zieht Alexander gegen
Medien und unterwirft auf dem Marsche dahin die Zlaouı-
τώχαι und setzt über sie einen Satrapen. Als er aber auf dem
Marsche die Nachricht erhält, Dareios habe beschlossen ihm zum
Kampfe entgegenzuziehen, da er Verstärkungen von Skythen und
Kadusiern erhalten habe, lässt er den Tross nachfolgen und das
übrige Heer gefechtsbereit vorrücken. Am 12. Tage kommt er
nach Medien (d. h. von Persepolis aus zur Grenze von Medien
NDn) bedeuten soll, so wird man den Namen Melichior, Melchior
damit zusammenzubringen und als NX">857 „Bote des Lichtes“ (des
durch den Stern angekündigten Messias) oder „mein Bote ist das Licht‘
aufzufassen haben. Bei letzterer Auffassung würde der Name des
Magiers eine Art Programm des Lichtkönigs enthalten.
Fee
20 | J. Marquart,
und Paraitakene). Dort erfährt er, Dareios besitze keine schlag-
fähige Streitmacht, noch seien Hilfsvölker der Kadusier oder
Skythen eingetroffen, sondern Dareios habe sich zur Flucht ent-
schlossen. Darauf rückt Alexander mit noch grösserer Eile vor,
und als er noch drei Tagemärsche von Ekbatana entfernt ist,
kommt Bistanes, ein Sohn des Ochos zu ihm und meldet, Dareios
sei seit fünf Tagen auf der Flucht.
Dareios hatte also Ekbatana bereits verlassen, als Alexander
noch acht Tagemärsche von demselben entfernt war, und als
dieser an der medischen Grenze von dem Entschluss des
Dareios, zu fliehen, Kunde erhielt, war derselbe bereits seit drei
Tagen aus der medischen Hauptstadt entwichen. Die medische
Grenze war also fünf Tagemärsche von Ekbatana entfernt und
der gesamte Marsch von Persepolis bis Ekbatana betrug 17 Tage-
märsche. Wie wir unten sehen werden, befand sich die medische
Grenze wahrscheinlich bei der Stadt Rapsa.. Von hier bis nach
Persepolis rechnet nun die Karte des Castorius 86 Parasangen oder
12 Tagereisen ἃ 7 Parasangen, bis Ekbatana aber nur 30 Par.
oder fünf schwache Tagereisen ἃ 6 Par.!) Alexander kann also
bei der Unterwerfung der Paraitaken keinen irgendwie nennens-
werten Umweg gemacht haben, vielmehr führte seine Route direkt
durch ihr Gebiet.
In Ekbatana entlässt Alexander die thessalischen Reiter und die
übrigen Bundesgenossen in die Heimat und befiehlt dem Parmenion
mit den Söldnern, den Thrakern und der übrigen Reiterei, ausser
den Hetairen, am Lande der Kadusier entlang nach Hyrkanien zu
ziehen. Für Kleitos, der krank in Susa zurückgelassen worden
war, hinterliess er die Ordre, sobald er von Susa nach Ekbatana
käme, mit den 6000 Makedonen, die zur Bewachung der in der
Burg von Ekbatana hinterlegten Schätze aus den persischen Königs-
schlössern zurückgelassen wurden, nach Parthien zu ziehen. Er
selbst aber zog mit der Reiterei der Hetairen, den Aufklärungs-
und Söldnerreitern unter Erigyios, sowie der makedonischen Pha-
lanx und den Bogenschützen und Agrianern in Eilmärschen gegen
Dareios, und erreichte am 11. Tage Ragai, von wo die Kaspischen
Thore in diesem Tempo in einem Tagmarsch zu erreichen waren.
Dareios hatte jedoch den Pass bereits hinter sich, doch hatten ihn
schon viele verlassen und sich aufgelöst, um ihre Heimat zu er-
reichen, nicht wenige ergaben sich auch dem Alexander. Da dieser
die Unmöglichkeit einsieht, den Dareios sofort zu ergreifen, so
hält er in Ragai fünf Tage Rast, um seinen erschöpften Truppen
Ruhe zu gönnen.
Plutarch, der hier einer Quelle folgt, weiche die Ergreifung
1) Über die genaueren topographischen Details kann ich für vor-
liegenden Zweck auf Tomascheks Abhandlung Zur historischen Topo-
graphie von Persien I, SBWA. Bd. 102, S. 145 ff. (1883) verweisen.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 1
des Dareios durch Bessos schon in Ekbatana erfolgt sein liess,
und sich auch sonst mit der romantischen Gruppe berührte, in
Einzelheiten aber noch viel genauer war als diese, erzählt (Alex. 42),
dass Alexander auf die Nachricht von der Ergreifung des Dareios
durch Bessos die Thessaler in die Heimat entliess und ihnen noch
2000 Talente über den schuldigen Sold auszahlen liess, dann aber
die Verfolgung fortsetzte, die langwierig und beschwerlich ge-
wesen sei, da er in 11 Tagen 3300 Stadien durchritten habe.
Die meisten aber wären ermattet, zumal in der wasserlosen Wüste
(vgl. Arr. y 20, 1). Allerdings hat die Quelle Plutarchs die 11 Tage
von Ekbatana bis Ragai und den Marsch von da bis zur Auf-
findung der Leiche des Dareios zusammengeworfen und rechnet
jene 11 Tage bis zur Katastrophe des Dareios. Es kann aber
nicht zweifelhaft sein, dass die Angabe sich ursprünglich nur auf
den Marsch von Ekbatana bis Ragai bezogen haben kann. Alexander
hätte also damals täglich 300 Stadien zurückgelegt; der ganze
Weg von Ekbatana nach Raj hätte, wenn man den Parasang nach
seinem Normalwert zu 30 Stadien rechnet, 110 Parasangen oder
151!/, Tagereisen ἃ 7 Par. betragen.
Allein die arabischen Itinerare bemessen die Entfernung von
Hamadän nach Raj auf nur 62 (Ibn Rusta Ἵν, 11 ff.) oder
64—65 Par.!) = 9 Tagereisen ἃ 7 Par. Alexander müsste also
einen ganz ungeheuren Umweg, zuerst in nördlicher Richtung etwa
bis Zängän, und weiter über Kazwin gemacht haben, was um so un-
erklärlicher wäre, da er doch das grösste Interesse daran hatte, den
Dareios auf der geradesten und schnellsten Route zu erreichen. Wir
müssen also zuerst einen festen Massstab für die Märsche Alexanders
gewinnen. Es ist hier auszugehen von der Lage der Stadt Heka-
tompylos. Diese lag nach dem Geschichtsschreiber der Parther,
Apollodoros von Artamita, 1260 Stadien östlich von den Kaspischen
Thoren (Strab. ı« 9, 1 p. 514), und diese Angabe wird gestützt
durch die Lage von T&yn (so ist zu lesen für TAP’H), welches
nach demselben Schriftsteller ?) 1400 Stadien von den Kaspischen
Thoren entfernt war (Strab. ı@ 7,2 p. 508), also 140 Stadien nörd-
lich von Hekatompylos lag. Tage war nach Strabon (d.i. Apollodor)
eine hyrkanische Königsburg?); Antiochos d. Gr. rückt von
Hekatompylos, das mitten in Parthyene lag, nach Hyrkanien vor
und kommt zuerst nach Tayai (Polyh. ı 28, 7. 29), das demnach
bereits zu Hyrkanien gehörte. Hekatompylos muss also in der
Nähe von Tayai gelegen haben. Die Burg Ta&yn, arab. Slot,
war noch in der ältern Chalifenzeit berühmt: es war ein ungemein
1) Ibn Chordadbih Pi, 3 ff. Qod. P.., 6 ff.
39) Dass diese Notiz aus Apollodor, nicht, wie Behr, De Apollo-
dori Artamiteni reliquiis p. 11s. meint, aus Eratosthenes stammt, be-
weist schon das Verhältnis zu der Entfernung von Hekatompylos.
3) Uber den Beisatz μικρὸν ὑπὲρ τῆς ϑαλάττης ἱδρυμένον 5. unten,
22 J. Marquart,
festes Schloss in Tabaristän, in welchem sich der Spähpet im
Jahre 141 H. (758/59) vor den Arabern verschanztet!), und das
den persischen Königen als γαζοφυλάκιον gedient haben sollte:
Manös£ihr soll es zuerst dazu gemacht haben ?).
Die Lage des Schlosses T&yn ist uns nun bekannt: es ist
unzweifelhaft das heutige Täk (bei Melgunoff, Das südliche
Ufer des Kaspischen Meeres 143 f. 70%), 5 miles nördlich von
Dämyän auf dem Wege in das ‘Alitäsmä-Thal, 51/, Farsang sw.
von Deh-i Mollä®?). Daraus muss sich auch die Lage von Heka-
tompylos ungefähr feststellen lassen: 140 Stadien oder 4?/, Par.
südlich von Täk führen uns genau zu den Ruinen zwischen Frät
und Dämyän (16 +5 miles s. von Täk), wo General Houtum-
Schindler (Zeitschr. der Gesellschaft für Erdkunde 1877, 217)
das alte Hekatompylos ansetzt. ’
Völlig abweichend von Apollodor gibt aber Eratosthenes die
Entfernung der Stadt Hekatompylos von den Kaspischen Thoren,
ἃ. h. offenbar vom Beginn derselben, auf 1960 Stadien an (Strab. ı«
8,9 p. 514). Diese Zahl lässt sich kontrollieren durch eine andere
Angabe, wonach man von den Kaspischen Thoren bis Alexandreia
im Areierlande ἃ. 1. Herät (in runder Summe) 6400 Stadien zählte.
Da Eratosthenes von Hekatompylos bis Herät 4530 Stadien rechnet,
so ergäbe sich als Gesamtsumme 6490 Stadien, d. i. gerade um 100
zu viel. Plin. h.n. 6, 44 (vgl. 61) gibt die Entfernung zwischen
Hekatompylos und den Kaspischen Thoren nach Diognetos und
Baiton, den Bematisten Alexanders auf OXXXII p. an. Da sich
nun aus dem Verhältnis der weiteren Angaben des Plinius zu
denen des Eratosthenes ergibt, dass derselbe bei der Reduktion in
normaler Weise ὃ Stadien auf die römische Meile rechnete®), so
folgt notwendig, dass die Zahl 133 falsch sein muss. Schreibt man
dagegen CCXXXII p., so erhält man genau 1864 Stadien):
1860 + 4530 — 6390. Bei Eratosthenes ist also 1860 herzustellen,
und es ist klar, dass er hier einfach den Bematisten gefolgt ist,
1) Tab. III iv, 3. Ibn al Fag. ”i., 8.
2) Ibn al Faq. i., 8. Wil, 3. Börünı ff, 3 ff. Manoflihr ent-
spricht in dieser Sage dem Partherkönig Mithradates I. der Geschichte,
welcher in Hyrkanien residierte und dort an seinem Hofe den ge-
fangenen Demetrios 1. Nikator in freier Haft hielt.
ὃ. 5. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien I 82.
4) Genau acht Stadien auf die römische Meile ergeben die Strecken
Alexandreia Areion — Prophthasia (1600 Stadien, 199 mp.) und Ara-
cehotoi — Ortospana (2000 Stadien, 250 mp.). Für die Strecke Heka-
tompylos — Alexandreia Areion (4530 Stadien, 575 mp.) dagegen würde
man 565 mp. erwarten, und die 565 mp. von Prophthasia nach Ara-
chotoi setzen 4520 statt 4120 Stadien voraus.
5) Dagegen sagt Ammian 23, 6, 48: et Hecatompylos, a cuius
finibus per Caspia litora adusque portarum angustias stadia quadra-
ginta numerantur et mille. Diese würden 130 mp. entsprechen.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 23
Für dieselbe Strecke, d. h. vom Beginn der Kaspischen Thore
bis Dämayän, rechnen nun die arabischen Geographen 46 Para-
sangen (s. u.) oder 61/, Tagereisen zu 7 Par. Stellt man also
beide Angaben einander gegenüber, so ergibt sich, dass hier der
arabisch-persische Parasang —= 40,435 Stadien der Bematisten
ist. Das hier zu Grunde geleste Stadion kommt also dem des
Eratosthenes (— 157,5 m.), welcher 40 Stadien auf den ägyptischen
Schoinos von 6300 m. rechnete!), äusserst nahe.
Die 1260 Stadien des Apollodoros von Artamita dagegen er-
geben genau 42 Parasangen zu 30 Normalstadien. Wendet man
nun diese Erkenntnis auf den 1iltägisen Marsch von Ekbatana
nach Ragai mit einer Länge von 3300 Stadien an, so ergibt sich
als dessen wirkliche Länge 81!/, Par. d. 1. 11!/, gewöhnliche
Tagereisen ἃ 7 Par. gegenüber den 62 oder 64—65 Par. der
arabischen Geographen. Die heutige Route von Hamadan nach
Teherän beträgt sogar nur 188 Miles = 47 Par. (Houtum-
Schindler, Zeitschr. d. Ges. für Erdkunde 1879, S. 114). Die
damalige Route müsste also thatsächlich einen beträchtlichen Um-
weg von 16—19 Par. gemacht haben, da man sogar von Hamadäan
über Qazwin nach Raj nur 40 -- 27 = 67 Par. rechnete.?)
Die Karte des Castorius rechnet von Hecantopolis ἃ. 1. ’Ex-
(Bar)ave 1) πόλις nach Europos (Raj), wenn die Zahlen richtig
überliefert sind, 92 Masseinheiten. Tomaschek sieht darin
Parasangen ‚ allein schon Konrad Miller, Die Weltkarte des‘
Castorius 109 hat Zweifel hieran geäussert und vermutet, dass
wir vielleicht den Schoinos des Isidor von Charax — 25 Stadien
— 3 röm. Meilen zu Grunde zu legen haben. Gehen wir nun
mit Tomaschek davon aus, dass die 80 Schoinen des Isidoros
für die Strecke von X&A« (Holwän) bis Hamadän den 61 Para-
sangen der arabischen Itinerare®) für dieselbe Strecke entsprechen,
welch letztere Zahl auch die Quelle der Karte des Castorius ge-
boten hatte, so ergeben 92 Schoinen gerade 70 Parasangen =
2835 Stadien, oder 10 gewöhnliche arabische Tagereisen ἃ 7 Par.,
11!/, kleine Tagereisen ἃ 6 Par. Damit ist Millers Vermutung
aufs glänzendste bestätigt. Die Route führte wohl zuerst nord-
östlich durch die Landschaft «Συγριανη, 4), im Mittelalter Charrakän
1 Vgl. Fr. Hultsch, Griechische und römische Metrologie? 60 ἢ,
und N. 6.
2) Ibn Chord. P1,12. ἢ, 9. Ibn Rusta ᾿Ἵν, 11. 111, 2.
3) So Ibn Chord. j1, 8 Εἰ P}, 8ff. Bei Ibn Rusta Mo, 7 ff. sind
mehrere Zahlen in Unordnung,
*) Vgl. Strabon ιὰ 13, 8 p. 525: donet δὲ μέγιστον εἶναι μῆκος
τῆς Μηδίας τὸ ἀπὸ τῆς τοῦ Ζάγρου ὑπερϑέσεως, ἥπερ καλεῖται Μηδικὴ
πύλη. εἰς Κασπίους πύλας διὰ τῆς Σιγριανῆς σταδίων τετρακισχιλίων
ἑκατόν. Die ganze Entfernung vom Passe von Holwän bis zu den
Kaspischen Thoren wird also hier auf 4100 Stadien — 136 Parasangen
zu 30 attischen Stadien geschätzt, wovon nach Apollodoros von
24 J. Marquart,..
(jetzt Karayän), nach Kazwin, und von da sö. nach Ragai. Die
auf der Tabula 50 (σχοῖνον) ἃ. i. 38 Par. von Hamadän ver-
Artamita 500 Stadien — 16 Par. a 30 Stadien auf die Strecke von
Ragai bis zu den Kaspischen Thoren entfallen (s. ὁ... Die arabischen
Geographen rechnen für diese Strecke 18 Parasangen oder zwei Tage-
reisen (s. u.)! Da nun an der zweiten Stelle Apollodoros von Artamita
ausdrücklich eitiert wird, so ist es mehr als wahrscheinlich, dass auch
die erstere Angabe über Poseidonios auf ihn zurückgeht, was schon
aus dem angewandten Massstabe zu schliessen wäre. Die nach Abzug
jener 500 Stadien übrigbleibenden 3600 Stadien ergeben 120 Parasangen,
die sich aufs genaueste mit den Angaben der arabischen Geographer
decken: von Mäh-Druwäspän .‚umf» öls (nach einem Perser Mah-
Druwäsp lo, SW, Dihgän von Bäbil Mahrüd a. 76/77 H. benannt,
Tab. II 94, 10. 9}, 4), dem ersten Orte jenseits des Passes von Holwän,
bis Raj rechnet Ibn Chordädbih 57 + 64 = 121 Par. (Ibn Chord. 11,8 ft.
vgl. Qod. 11a, 4 ff. Ibn Rusta |1o, 7 ff. Mogq. Io, 6 8). Apollodor
kannte also bereits dieselbe Strasse, welche später die arabischen Geo-
graphen beschrieben haben.
Die Landschaft Σιγριανή wird bei Ptol. 6,2 p. 391f. Σιγριανική
genannt. Es heisst hier in der Beschreibung Mediens: (κατέχουσι) τὰ
μὲν ἀνατολικώτερα τοῦ Ζάγρου ὄρους Σαγάρτιοι, μεϑ' οὺς ἐκτέταται
μέχρι τῆς Παρϑίας ἡ Χωρομιϑρηνὴ ἀρχτικωτέραν ἔχουσα τὴν ᾿Ελυμαΐδα
(l. ΖΔελυμαΐδα), ἧς τὰ μὲν πρὸς ἀνατολὰς κατέχουσι Τάπουροι" ἀπὸ δὲ
μεσημβρίας εἰσὶ τῆς Χωρομιϑρηνῆς οἵ τε Σίδικες καὶ ἡ Σιγριανικὴ
καὶ ἡ 'Ραγιανή. Die Σιαγάρτιοι stammen aus veralteter Quelle und sind
richtig bei Arbela und weiter östlich anzusetzen (s. meine Untersuchungen
z. Gesch. von Eran I 60 N.). Unter Χωρομιϑρηνή kann im Sinne des
Ptolemaios nur die Elburzkette verstanden werden, die sonst den Namen
Παραχοάϑρας (bei Ptol. Παρχοάϑρας) führt. Ζελυμαΐς ἃ. 1. Delum bildet
eigentlich nur einen Teil derselben. Σιγριανική entspricht wohl un-
gefähr der heutigen Provinz Kazwin, dem Dastabü (pers. Dast-” ρα)
„Ebene am Gebirgsfuss“) der Sasaniden- und älteren Chalifenzeit. Die
Σίδικες sind dann wohl weiter westlich zu suchen.
Die Landschaft Σιγριανή bezw. Ziygıavırn verdankt ihren Namen
wohl ebenfalls einem Volksstamme. Plinius h.n. 6, 118 erwähnt nämlich
in anderer Gegend zwei Volksstämme Szliers und Sitrae nebeneinander,
deren Namen unmittelbar an die Σίδικες und die Landschaft Σιγριανή
erinnern. Der Text lautet: „Gurdiaeis vero iuncti Azoni, per quos Zerbis
fluvius in Tigrim ceadit, Azonis Szlöces montani et Orontes, quorum ad
oceidentem oppidum Gaugamela, item Suae in rupibus. Supra Silicas
Sitrae, per quos Lycus ex Armenia fertur, ab Sitris ad hibernum
exortum Azochis oppidum, mox in campestribus oppida Diospege,
Polytelia, Stratonicea, Anthemus“.
Die Sitze dieser beiden Stämme lassen sich nun mit einiger
Sicherheit bestimmen. Der Zerbis ist der kleine Zäb, kurdisch Zerd
(Kiepert, AG. 8 123 N. 3. Nouvelle carte generale des provinces
asiatiques de l’Empire ottoman, 1883), dessen beide Hauptquellflüsse
weit von einander entspringen. Der eine, Kelur genannt, kommt aus
der Landschaft Lähigän, fliesst südöstlich und vereinigt sich unweit
Alot mit dem Fluss von Bäanä (Berözä), und strömt nun nach Westen.
Der südlichste Hauptarm entspringt auf der Ostseite des Awroman-dagh
und vereinigt sich mit dem nördlicheren Cämi-Qyzyl$ik, der einen nörd-
lichen Nebenfluss, den Sirwänfluss, aufnimmt, in der Nähe von Machüd;
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 25
zeichnete Station Spane fällt wohl in die Nähe von Kazwin. Was
nun die für den Marsch Alexanders angenommene Summe von
3300 Stadien anlangt, so ist zunächst zu betonen, dass Plutarch
der vereinigte Südarm, auch Siwäbfluss genannt, vereinigt sich alsdann
mit dem Kelur oder Altun-su bei Sinek (α. Hoffmann, Auszüge aus
syr. Akten pers. Märtyrer 257 f.. Uber den Azoni sitzen die Silices
und ÖOrontes, und westlich von diesen ist Gaugamela am GÖmalfluss,
dem westlichen Hauptarm des Chäzir, bei den Alexanderhistorikern
Βούμωδος (Arr. y 8,7) oder Bumelus (Curt. 4, 9, 10). Der Gömalfluss ist
benannt nach einem grossen Dorfe Gaumal der Provinz Margä im NO.
des Elfefgebirges, bei Jägqüt δον bei Thomas von Marga, The Book
of Governors ed.E. A. Wallis Budge p. 164, 1 (mir nicht zugänglich)
Gögmal (vgl. G. Hoffmann, Auszüge 194. Th. Nöldeke, Lit. ΟΡ].
1893. Sp. 1752). Es ist ohne Zweifel identisch mit Tel &ömel, nördlich
vom Gebel Maglüb, auf Kieperts Karte. Die Orontes und Silices
sind also östlich vom Chäzir anzusetzen, und zwar letztere wohl noch
über den grossen Zaäb hinaus. Suae ist. wie der Satzbau an die Hand
gibt, ebenfalls eine Stadt, und wohl identisch mit Zode« bei Ptol. 6, 1
p. 389, 14 unter 83° L. 46° 40’ Br.
Der Lycus ist der grosse Zäb (Arr. y 15, 4). Derselbe fliesst zuerst
südlich durch die Landschaft Albag, nimmt dann den Nehib-tai auf
und fliesst nun sw. an Gülamerk vorbei. In der Landschaft Tijärı
wendet er sich östlich, nimmt den von Amadija kommenden Ghärafluss
und bei Rizän den durch die Vereinigung der Flüsse von Semdinän
und Nauta gebildeten Fluss von Sirwän, endlich im Gebiete der Zibäri-
Kurden den Rawändiz-Cai auf, dann schlägt er wieder eine südwestliche
Richtung ein. Die Sitrae sind also nach Plinius in dem thatsächlich
ehemals zu Armenien gehörigen Ursprungsgebiet des Grossen Zäb, der
Landschaft Albäg (armen. Gross-Atbak, dem heutigen türkischen ge
entsprechend, und Klein-Atbak mit dem Hauptorte Gülamerk) zu suchen.
Die Namen Zidixes und Σιγριανική südlich von Χωρομιϑρηνή
sind offenbar von den Silices und Sitrae des Plinius (d. 1. ZIAIKEL&
und ZITPAI, verlesen für ZIJIKE2 und ZII’PAI) nicht verschieden.
Wir haben aber nicht den geringsten Anhalt zu der Annahme, dass
die Sitze dieser beiden Völkerschaften sich ununterbrochen vom Strom-
gebiete des Grossen Zab bis an den Elburz erstreckt hätten. Vielmehr
werden wir uns daran erinnern müssen, dass nach Strabons Aussage
Abteilungen der Amarder, Tapuren, Kverioı und anderer Nomaden-
stämme sowohl im nördlichen Atropatene als im Zagros und Niphates
(armen. Npat) sowie in Pärs zersprengt wohnten (νὰ 13, 3 p. 523).
Marder kennt auch Ptolemaios in Armenien (5, 12 p. 360, 12) und nach
ihnen ist die Landschaft Mardastan in der Provinz Waspurakan be-
nannt (Ps. Moses Geogr. ed. Soukry p. 32). Ebenso gab es Asagarta
in der Gegend von Arbela und im Osten. Und in welcher Weise die
ehemals weit verbreitete Nation der Matiener, nach denen der See von
Urmia im Altertum den Namen „der mantianische‘“ erhielt, in histori-
scher Zeit zersprengt war, hat jüngst Th. Reinach lichtvoll aus-
einandergesetzt (Revue des etudes greeques 1894, 313—318). Wir werden
also in den Silices und Sitrae (r. Σιίγραι) des Plinius am Grossen Zäb
und den Σίδικες und den Einwohnern von Σιγριανική südlich von
“Χωρομιϑρηνή (Elburz) je zwei von einander räumlich getrennte Ab-
teilungen derselben Völkerschaften zu erkennen haben.
26 J. Marquart,
hier einer Quelle der romantischen Klasse folgt, die jene Zahl
wohl kaum aus den βθηματισταί geschöpft haben wird. Sie wird
vielmehr einfach auf die Weise entstanden sein, dass der Verfasser
den Tagemarsch durchschnittlich zu 300 Stadien annahm. Viel-
leicht sind aber in jenen 11 Tagen auch noch mehrere Rasttage
enthalten. Noch einfacher wäre die Differenz zwischen Plutarch
und der Tabula zu erklären, wenn wir annehmen dürften, dass
Alexander unterwegs noch Kämpfe zu bestehen gehabt hätte, wo-
durch Abweichungen von der Heerstrasse unvermeidlich gewesen
wären. Freilich ist davon nichts berichtet. Ich glaube aber trotz-
dem, dass wir an der Identität der Route Alexanders mit der der
Tabula nicht zu zweifeln brauchen.
Fassen wir nun das Resultat unserer bisherigen Untersuchung
zusammen, so ergibt sich uns, dass Alexanders Marschleistungen
wohl den Hellenen, die an Märsche von nur 150 Stadien und
Tagereisen von 200 Stadien gewöhnt waren (Her. e 53. δ᾽ 101))),
als Wunder der Schnelligkeit erscheinen mussten, und auch uns
noch in Anbetracht des zu durchziehenden schwierigen Terrains —
der Weg führte teilweise durch wasserlose Wüste — und der
Jahreszeit hohe Achtung abnötigen. Allein vom Standpunkt des
heutigen preussischen Infanteristen oder gar der arabischen Reiter-
geschwader müssen sie beträchtlich von ihrem bisherigen Nimbus
verlieren.
Kehren wir nunmehr zu Alexander zurück, den wir in Ragai
verlassen hatten. Hier, in der letzten Stadt Mediens, ernennt er
den Perser Oxodates (ap. Warsudata „von Wachsu geschaffen)“ ?)
τσ Fr. Hulisch’a. 20.9122
2) Bei Curt. 6, 2,11 und 8,3, 17 Oxydates. Justi, Iran. Namenbuch
233 übersetzt „zum Wachstum geschaffen“. Das Wort waxsu enthalten
auch die Namen Ὀξυάρτης — *Waxsu-warta „von Wachsu beschützt“
(von W.war „wehren‘“), sowie der auf einer Goldmünze vorkommende
Name eines Satrapen "77077 Wazsu-war;a (Num. Chron. 1879, 8.
P1.I,2, von P. Gardner ganz falsch gelesen), der unter Antiochos HI.
Theos (um 250 v. Chr.) wahrscheinlich in Hyrkanien (72, Abkürzung
von 7271 Wrkäan) den Königstitel angenommen haben muss. Der Name
Waxsu-warja bedeutet „erwünschtes Wachstum besitzend“. Wachsu war
der Name des Genius des Wassers (Apäm napät oder Ardwisüra?) und
besonders des Oxusstromes bei den Chwärizmiern (Berüni ἢν) und er-
scheint als OAXPO Oax3o auf einer Kusänmünze bei Cunningham,
Coins of the Kushans. Num. Chron. 1892, p. 121. Pl. XXIH, 12. Vgl.
die Beschreibung p. 156: „This figure differs entirely from OXPO [Ox3o]
als well as from OKPO [ok$%o — skt. uksan, der Nandistier des Siva],
so that there is no possibility of the legend being blundered. The
figure is that of an old man holding a long sceptre in his right hand,
and carrying what looks like a dolphin or fish in his left
hand. If I could be sure as to the fish or dolphin, I should be
inclined to accept the figure as the god of the „Ocean“
[von mir gesperrt. — Den Namen des Oxus tragen auch die von
Ptol. 6, 12 p. 422, 28 an die sogdischen Berge versetzten Ὀξυδραάνοι
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. vr
zum Satrapen von Medien, das ja nun im Grossen und Ganzen
für unterworfen gelten konnte, worauf er selbst ὡς ἐπὶ Ilao-
Üveiovg zieht. Am ersten Tage soll er bis zu den Kaspischen
Thoren gekommen sein, welche von jeher die Grenze zwischen
den Provinzen Medien und Parthien gebildet hatten, am zweiten
passiert er das Defile und durchzieht das Kulturgebiet von Chwär
jenseits desselben, das bereits zur Provinz Parthien gehörte).
Ibn Chord. fr, 12 ff. rechnet von Raj nach Mufaddaläbäd
4 Par., dann _„\s‘ Käsp 6 Pars., dann Afridin 8 Par., dann
Chwär 6 Par. Istachri Yo, 3 ff. nennt folgende Stationen: Raj
1 Tag Afrıöin 1 Tag Kuhandih (das alte Dorf) 1 Tag Chwär.
Auch Ibn Rusta nennt Afridün unmittelbar hinter Raj. Es
ist nach ihm 9 Par. von Raj entfernt. Daraus folgt zunächst,
dass bei Ibn Chord. herzustellen ist: Χαθί 3. („eat N al εχ
a amp. Die Summe von 24 Par. bei Ibn Chord. stimmt zu
Istachri’s 3 Tagereisen, nur dass bei Ibn Chord. grosse Tagereisen
ἃ 8 Par. angenommen werden.
Ibn Rusta 114, 6 fi. beschreibt den Weg folgendermassen :
„Von Raj nach Afridun „us, 9 Par. Der Weg führt durch
das Kulturland von Raj, bis man zum Dorfe Karmäna (Garmäba
δα Ὁ) kommt; rechts und links vom Wege sind Berge, und
man kommt an laufenden Kanälen, gegen 80 an der Zahl, vorbei
— (daher) der Name Hastäd-rödan (die 80 Flüsse) — die man
sämtlich überschreitet, bis man zum Dorfe Afridun kommt. Von
Afrıdun nach Chwär sind zweimal 8 Par. (ἃ. h. 2 Tagereisen &
8 Par.)?). Der Weg führt eine Zeit lang durch Kulturland, dann
durch Wüste, bis man zu einem Dorfe am Eingange eines Passes
kommt, das Kesp (l. mus) heisst und wo früher die Station
war. Heutzutage wird aber dort nicht mehr Halt gemacht, sondern
die Karawanen gehen daran vorbei nach Chwär und marschieren
durch einen Engpass von 5 Par. Länge“.
Die Entfernung von zweimal 8 Par. zwischen Afridün und
Chwär stimmt mit dem wiederhergestellten Texte des Ibn Chordädbih
überein. Das Dorf _mus (ebenso Jaq. IV ri, 2) oder Kasp
am Eingange der 5 Par. langen Kaspischen Thore°) entspricht
(so 1. mit codd. BE Pal. 1) ἃ. 1. *Waxsu-drajana „Anwohner des
ÖOxussees“, sowie die Oxyttagae Plin. h. n. 6, 48, bei Solin c. 49, 1
ÖOxistacae am See Oaxus.
1) Plin. 6, 44; Mox eiusdem Parthiae amoenissimus situs qui
vocatur Choara. Uber Strab. ı« 9, 1 p. 514 5. u.
τὴ Cod. £ up Kaslas Kasles Be 5 δῖα 9) ὌΝ Der
Ausdruck ist schlecht, kann aber nicht anders aufgefasst werden.
3) Nach Isidor von Charax, σταϑμοὶ Παρϑικοί $ 7, hatten die
Thore ihren Namen von dem Gebirgszug, durch den sie führten. Das
28 J. Marquart,
völlig dem Kuhan-dih εἰπε, des Istachri, sowie dem heutigen
Aiwän-i Keif, das von Qysläq, dem alten Chwär 22 miles oder
51/, Par. entfernt ist. Zur Zeit des Ibn Rusta hielten aber die
hier genannte Dorf Käsp oder K2sp hatte noch in der älteren Chalifen-
zeit den alten Namen bewahrt. Plin. 5, 99 leitet den Namen des Kaspi-
schen Gebirges von einem Volke der Kaspier her. Dies sind gewiss
die Κάσπιοι Her. y 92 und Plin. 6, 114: habet ergo ipsa (Media) ab
ortu Caspios et Parthos. Bei Herodot stehen die Κάσπιοι neben den
Ζαρεῖται, die nach Ptol. 6, 2 p. 392, 4, wo ἡ Jugeirıs χώρα unter dem
᾿Ιασόνιον ὄρος ὃ. von ἱΡαγιανή verzeichnet wird, ebenda anzusetzen sind,
und den Παυσίκαι ἃ. i. den ᾿Ζ“πασιάκαι, die wir schon um 230 v. Chr.
in den Steppen westlich vom Oxos finden Polyb. ı 48, Strab. ı« 8, ὃ
p. 513 (wo auch für ATTAZIOI zu lesen ist ATTAZI|AK]AI), Steph.
ΒΖ. 8. v. 4πασιάκαι, bei Ptol. 6, 12 p. 422, 25 (wo sie aber ganz falsch
an die oxischen Berge versetzt sind, wie die ᾿ἰάτιονι und Τάχοροι d. i.
die Jüe-Ci an den nördlichen Abschnitt des Jaxartes) Πασίκαι, bei
Plin. 6, 50 und Mela 3, 39 Pestici, Mela 3, 42 Paesicae. Spuren jenes
ehemals weitverbreiteten Urvolkes finden wir ferner an der Südwestküste
des nach ihnen benannten Meeres, am Unterlauf des Araxes, von wo
sie sich später mehr nach dem Binnenland in die Gegend der Stadt
P‘aitakaran (arab. et) zurückzogen (s. K. J. Neumann, Patrokles
und der Oxos. Hermes Bd. 19, 173); ebenso weist der Name des Kasp-
röt, des Flusses von Tös-Mäshäd, Bundahisn p. 53, 3 (West, PT. 1
81 f.), jetzt Käfäf-rüd, im Epos Käsak-röt (arab.-pers. ὃς LS Tab. I
4.1, 9. Ἵλ., 7) auf jenes Volk. Wir finden sie aber insbesondere östlich
von Baktrien: Her. y 93 steuern sie mit den Saken, n 67 werden sie
hinter Gandärern und Ζαδίκαι (d.i. *Dadika, Darden) aufgeführt. Sie
trugen Pelzröcke und führten einheimische Rohrbogen und kurze
Schwerter als Waffen. Nach n 86 dienten sie auch als Reiter und
folgen auf die Baktrier. Sie müssen also damals noch im Besitz von
Ebenen gewesen sein, und wir werden sie nicht allzuweit von Baktrien
suchen dürfen. Aus Ktesias erfahren wir, dass sie eine besondere
Rasse von Kamelen züchteten, deren Haare der milesischen Wolle
an Zartheit gleichgeachtet wurden, so dass die daraus hergestellten
Stoffe den Priestern und Vornehmen als Kleidung dienten (Apollon.
hist. mirab. 20 aus Ktesias’ 10. Buche. Aelian hist. an. 17, 84). Toma-
schek, Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen Norden
1 35 (SBWA. Bd. 116, 15, 1888, S. 749) will auch bei Plin. 6, 55 (ab
Attacoris gentis Thuni et Focari, et iam Indorum Casiri introrsus ad
Seythas versi humanis corporibus vescuntur) CASPII für CASIRI lesen,
obwohl letzteres auch 6, 64 in der Schreibung Cosirö wiederkehrt, und
sieht in den heutigen Buris in den Hochthälern Hunza und Nagar
nördlich von Gilgit den einzigen Überrest dieser Urbevölkerung. Viel-
leicht dürfen wir auch in den bei Her. ἡ 86 neben den Parikaniern
genannten Κάσπιοι, falls die LA. richtig ist, einen nach SO. ver-
schlagenen Rest derselben Bevölkerung erblicken.
Ein ebenso versprengtes vorarisches Volk sind die Zapuren. Der
Alexanderzug zeigt sie uns im Elburz etwa nördlich von Semn‘'n.
Später nehmen sie auch die Sitze der Marder beim heutigen Amul
ein (s. u.). Eine andere Abteilung dieses Volkes sass zwischen den
Hyrkaniern und Areiern (Strab. ı« 8, ὃ p. 514), und an diese erinnerte
wohl noch der Rustäk Tabarän bei Sarachs, sowie Zabaran oder
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 99
Karawanen nicht mehr in Käsp, sondern in einem Karwänseräi
2 Par. weiter westlich, 8 Par. von Afridüun, so dass die ganze
Strecke folgendermassen lautet:
Ibn Chord.: Ibn Rusta:
Raj Raj
Afridün 8 Bar. Afridün 9 Par.
Mufaddal äbad Als Neue Station 8 „
Käsp (Kuhan-dih) 6 „ Kösp (2) \ 8
Chwär ©, Chwär (6) Ἶ
24 Par. 25 Par.
Mugaddasi *.., 11 nennt folgende Stationen: Raj 1 Tae
Kilin („us 1 Tag Kes „5 (= Kesp) 1 Tag Chwär. Hier ent-
spricht also Kılın dem Afridün der älteren Geographen. Jener
Ort ist aber heute noch bekannt und liegt gegen Warämin zu,
woraus sich auch für Afridün eine benachbarte Lage ergibt. Bis
zum Orte Käsp am Eingange der Kaspischen Thore rechnete man
also 18 bezw. 19 Par. oder zwei (starke) Tagereisen. Damit stimmt
die Angabe des Apollodoros von Artamita fast völlig überein, wo-
nach Ragai von den Kaspischen Thoren 500 Stadien = 16?/, Par.
entfernt war (Strab. ı« 13, 6 p. 524 fin). Heute rechnet man
allerdings von den Ruinen von Raj bei Saäh ‘Abdul ‘Azim bis zum
Beginn des Sär-darra-Passes nur 52 miles = 14 Par. oder zwei
Tagereisen!. Die Differenz erklärt sich daraus, dass die von
Tabarän, die Hauptstadt der Provinz Tös (beim heutigen Mäshäd).
Vgl. meine Assyriaka des Ktesias 614 N. 383. Unters. zur Gesch. von
Eran S. 70 N. 76 (Philologus Bd. 55, 238). Sie waren aber ohne Zweifel
in historischer Zeit überall von den Ariern aus den Ebenen in die ent-
legeneren Gebirgsthäler zurückgedrängt worden. Auch östlich von der
üste von Margiana waren sie verbreitet (Ptol. 6, 10 p. 418. Dionys.
περιηγ. 732 ff.), wohl im heutigen Bädchiz. Nach Strabon νὰ 13, 3
p. 523 gab es sogar im nördlichen Atropatene Horden dieser räuberischen
Nomaden, wie auch der Amarder und Kyrtier (Kurden), und es scheint,
dass auch der Zagros und Niphates versprengte Abteilungen dieser
Nationen beherbergten, wenn Strabons Ausdruck nicht auf die speziell
genannten Κύρτιοι und Μάρδοι zu beschränken ist: ἡ δὲ προσάρκτιος
ὀρεινὴ καὶ τραχεῖα καὶ ψυχρά, Καδουσίων κατοικία τῶν ὀρεινῶν καὶ
᾿Δμάρδων καὶ Ταπύρων καὶ Κυρτίων καὶ ἄλλων τοιούτων, οἱ μετανάσται.
εἰσὶ καὶ λῃστρικοί. καὶ γὰρ ὃ Ζάγρος καὶ ὃ Νιφάτης κατεσπαρμένα
ἔχουσι τὰ ἔϑνη ταῦτα. καὶ οἱ ἐν τῇ Περοίδι Κύρτιοι καὶ Μάρδοι (καὶ
γὰρ οὕτω λέγονται οἱ "Aucodoı) καὶ οἱ ἐν τῇ ᾿Δρμενίᾳ μέχρι νῦν ὁμω-
νύμως προσαγορευόμενοι τῆς αὐτῆς εἰσιν ἰδέας. Darnach wird man es
wagen dürfen, auch die von Ptolemaios 6, 14 p. 427, 19 östlich von den
Τάπουρα ὄρη und den Σύηβοι Σκύϑαι angesetzten Ταπουραῖοι als einen
weit nach Osten verschlagenen Bruchteil derselben Nation aufzufassen.
Tomaschek, Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen
Norden II 51 (SBWA. 1888 Bd. 117, 1) versetzt die Τάπουρα ὅρη nörd-
lich vom Sir-darjä, vom Kurama-tau bis zum Catgal-tau.
1 Tomaschek ἃ. ἃ. O. 12. S. 79 dagegen gibt derselbe nur
44 Miles an.
30 J. Marquart,
den arabischen Geographen beschriebene Route eine mehr südliche
Richtung hatte. Allein schon a priori werden wir anzunehmen
haben, dass die Route Alexanders eher mit der des Apollodoros
und der arabischen Geographen als mit der heutigen überein-
stimmte. Behalten wir nun im Auge, dass des Apollodoros
1260 Stadien ἃ !/s, Par. von den Kaspischen Thoren bis Heka-
tompylos nur 42 Par. gegenüber den 46 der arabischen Geographen
und der Bematisten ergeben, so muss auch zwischen den 500 Stadien
— 16?/, Par. gegenüber den 18 (19) Par. der Araber ein be-
stimmtes Verhältnis obwalten. Wir dürfen also für die Bematisten
18 Par. zu Grunde legen und erhalten so für die Entfernung
Ragai — Kaspische Thore eine Länge von 720 Stadien. Dass
Alexander diese an einem Tage durcheilt haben sollte, ist ganz
undenkbar, und wir müssen anerkennen, dass hier die Angabe
Arrians falsch ist. Aus den vorangehenden wie aus den folgen-
den Untersuchungen ergibt sich, dass wir uns von den Märschen
Alexanders keine gar zu übertriebenen Vorstellungen machen dürfen.
Auch wenn Alexander diese Strecke in zwei Tagen zurücklegte,
war dies für eine Armee eine ganz anerkennenswerte Leistung.
Der zweite (richtig dritte) Marschtag führte nach Tomaschek
über Chwär bis Aradan und hatte eine Länge von 34 Miles =
9 Parasangen.
An der Grenze des Kulturgebiets von Chwär kommen zu
Alexander Dagestanes, ein vornehmer Babylonier und Artibelos),
einer der Söhne des Satrapen von Babylon Mazdai, und melden,
dass Dareios von dem Hazarapet Nabarzanes, dem Satrapen von
Baktrien, Bessos und von Brzavanta, dem Satrapen von Arachosien
und Drangiana festgenommen worden sei (Arr. 19—21, 1).
Eine völlig abweichende Darstellung finden wir bei Curtius,
der hier für uns der einzige vollständige Vertreter der romantischen
Gruppe ist. Nach ihm hatte Dareios in Ekbatana zuerst be-
schlossen, nach Baktrien zu gehen, änderte aber dann seinen Plan,
da er fürchtete, der Schnelligkeit Alexanders doch nicht entfliehen
zu können, obwohl dieser noch 1500 Stadien entfernt war,
itaque proelio magis quam fugae se praeparabat
(5, 8,1. 2; vgl. 9, 13). Er fordert also in einer Rede seine Leute
auf, nochmals das Glück der Waffen zu versuchen. Curtius ver-
legt nun gleich hierher den Beginn der Meuterei des Bessos und "
Nabarzanes. Diese widersetzen sich dem Plane des Dareios, eine
neue Schlacht zu liefern, und fordern den Rückzug nach Baktrien
Ἢ Arr. y 21, 1 Avrißnaos, 86, 4 Aerıßoins. Das Richtige ist
᾿Δρτίβηλος, Der Name ist babylonisch — Ardu-Bel „Diener des Bel*.
Curtius 5, 13, 11 gibt dem Manne den Namen Prochubelus, was nicht
wohl etwas anderes sein kann als ein Schreibfehler für Orodubelus (vgl.
Terioltes IX, 8, 9 für Terid(a)tes, Τηριδάτης Diod. 17, 81, 2. Unter-
suchungen I 70). Wie rasch übrigens die in Babylon begüterten vor-
nehmen Perser babylonisiert wurden, dafür liefert eine vom 1. Duzu
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 31
und die einstweilige Übergabe der königlichen Gewalt an den
Satrapen Bessos. Da Dareios sich ausser Stande sieht, seinen
Plan, dem Feinde entgegenzuziehen, auszuführen, so bleibt er zu-
nächst völlig fassungslos und unthätig in Ekbatana (9, 13). Am
folgenden Morgen jedoch machen ihm Bessos und Nabarzanes ihre
Aufwartung und der König lässt sich zur Flucht bewegen (10, 15:
Alexandri manus, quas solas timebat, effugere properabat).
Auf dem Marsch gewinnt die Gefahr für den König greif-
bare Gestalt, vergeblich bittet ihn aber Patron, der Führer der
hellenischen Söldner, sich seinem Schutze anzuvertrauen. In der
folgenden Nacht wird er von Bessos und Nabarzanes gefangen
genommen, mit goldenen Ketten gefesselt!) und auf der Flucht mit-
geschleppt. Dies geschah nach Justin 11, 15, 1 in vico Parthorum
Thara. Artabazos mit den treugebliebenen Persern und den
Hellenen zieht nach Parthiene, die Perser aber, nunmehr führerlos
und durch die Versprechungen des Bessos geködert, folgen den
Baktriern und holen sie am dritten Tage wieder ein?). Sobald
Alexander erfuhr, dass Dareios von Ekbatana aufgebrochen sei,
gab er den Marsch dahin auf und setzte die Verfolgung energisch
fort. In Tabai, einer Stadt an der Grenze von Paraitakene, er-
fährt er durch Überläufer, dass Dareios in wilder Flucht Baktra
zueile. Certiora deinde cognoscit ex Bagistane Babylonio: <non>
equidem vinctum regem, sed in periculo esse aut mortis aut
vinculorum adfırmabat (13, 1—3).
Diese Darstellung des Curtius wird man zunächst so ver-
stehen, dass die Gefangennahme des Dareios auf dem Marsche von
Ekbatana nach Ragai erfolgt sei. Alexander aber, der nach ihm
nicht nach Ekbatana gekommen ist, sondern gleich auf die Nach-
richt von der Flucht des Dareios den Marsch dahin aufgab, hätte
wohl die direkte Route von Paraitakene nach Ragai über Käsän
und Qomm eingeschlagen.
des Jahres IV des Xerxes (Akkasiarsi) datierte Vertragstafel einen
merkwürdigen Beleg. Es wird auf derselben ein gewisser Kibi-Bel ge-
nannt, der Sohn eines Persers Mardinija, der bereits selbst auch einen
babylonischen Namen angenommen hatte (J. Oppert, Revue des
etudes juives 1894, p. 54). Nichts hindert, in diesem Mardinija den
bekannten Mardunija, den Sohn des Gaubruwa zu sehen, der uns als
in Babylonien ansässig, bei dem Aufstand der Babylonier unter Xerxes
entgegentritt (Ktes. ecl. 21. Vgl. meine Assyriaka des Ktesias 624 f.)
und in der Schlacht bei Plataiai a. 479 fiel.
1) Der Satz Ne tamen honos . .. . sequebantur (5, 12, 20) ist an
falsche Stelle geraten und gehört hinter ὃ 16: rex curru ... inponitur.
3) Damit kann nicht der dritte Tag seit der Ergreifung des
Dareios gemeint sein, sondern nur seit dem Aufbruch von Ekbatana.
Denn nachdem Alexander von Bagistanes erfahren hat, dass Dareios
zwar noch nicht gefesselt sei, aber in grösster Gefahr schwebe, legt er
in zwei Tagen 1000 Stadien zurück und holt die Verschworenen ein
(13,6 ff.). An dem verhängnisvollen Tage, der der Flucht vorausging,
war Alexander noch 1500 Stadien entfernt (8, 2), am Morgen der Flucht
aber hatte sich die Entfernung ohne Zweifel bedeutend verringert.
20 J. Marquart,
Die Stadt Tabae ist nach Curtius offenbar nicht identisch
mit dem Orte, wo Alexander zuerst die Flucht des Dareios erfuhr,
sondern nördlich von diesem zu denken. Nun ist aber TABAE
eine Verlesung für [’'ABAI, und dieses war die Hauptstadt der
Landschaft Gabiene, die im weiteren Sinne zur Provinz Paraitakene
gehörte (vgl. Diod. 1.9 26, 1.5. 34, 7) und seit der seleukidischen
Satrapieneinteilung eine Provinz von Elymaia bildete (Strab. ἐς
1,18 p. 745). Gabai entspricht dem arabisch-persischen „> Ga,
der Altstadt von Ispahan, wie C. F. Andreas zuerst gesehen
hat!). Es befand sich daselbst ein achaimenidischer Palast (Strab.
ıe ὃ, 3 p. 728). Das eigentliche /lagaıraxnvn, dessen Name sich
in dem des Distriktes Faraidan (volkstümliche Form Pärzä),
arab. ep Faridin, einmal auch es; 32) am Oberlauf des
Zajändä-rüd nw. von Ispahän erhalten hat, erstreckte sich offenbar
nördlich und nw. von Ispahän. Die Grenze gegen Medien bildete,
wie es scheint, die Stadt 'Pawe, welche nach C. F. Andreas
dem heutigen Gulpäigän (arab. „Löl,,> Garpadakan) oder besser
dem heutigen Sahwärdi im nördlichen Teile des Distriktes Faraidan
entspricht?). Gabai lag nur gegen Osten in Paraetacene ultima,
indem schon in der ältern Partherzeit die Städte Issatis (Jezd,
arab.-per. sis Kada ἃ. i. Haus) und Kalliope den Parthern ge-
hörten®). Wenn also Gabai in der guten Überlieferung des
Ptolemaios und Aristobulos genannt war, so kann dies nur in dem
Bericht über die Unterwerfung der Paraitaken und die Einsetzung
des Satrapen Oxathres (Arr. y 19, 2) gewesen sein. Nach der-
selben erfährt aber Alexander zunächst den Entschluss des Dareios,
eine neue Schlacht zu wagen, und erst an der medischen Grenze
hört er, dass Dareios sich zur Flucht entschlossen habe.
Man sieht also, wie sehr die richtige Aufeinanderfolge der
Be bei Curtius verschoben ist. Die beiden Überläufer
1) Bei α. Hoffmann, Auszüge aus syr. Akten per. Märtyrer
S. 132 N. 1130.
2) Tab. I ἢν, 9 antworten die Araber den Persern auf deren
Friedensanerbietungen: „Nie wird zwischen uns und euch Friede
sein, bis wir den Honig von Afridin essen mit Citronen von Küsä*.
Dass hier von dem Gau der Provinz Ispahän und nicht von dem
unten behandelten Dorfe die Rede ist, ergibt sich daraus, dass als
Heimat des vorzüglichen Honigs, des sogenannten „medischen* (si),
Ispahän galt (Ibn Rusta ἰὸν, 4. Ibn al Faq. 41, 8).
®) Pauly-Wissowa? 5. v. Andriaka. Vgl. Tomaschek, Zur
histor. Topographie von Persien I 24 ff.
4) Plin. h. n. 6, 44: duae urbes ibi Parthorum oppositae quondam
Medis, Calliope et alia in rupe Issatis. Vgl. 6,113. Polyb. 10 fr. Vor
der Eroberung Mediens durch Mithridates I. hatten sie als Kae
Vorposten gegen das seleukidische Medien gedient.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 33
Βιστάνης, der dem Alexander drei Tagereisen südlich von Ekba-
tana meldet, dass Dareios bereits fünf Tage auf der Flucht sei
(Arr. y 19, 4. 5), und Βαγιστάνης, der ihm zwei Tagemärsche
östlich von Ragai die Gefangennahme des Dareios meldet (Arr. y
21, 1), sind bei Curtius zusammengeworfen, und die Ereignisse
von der Flucht bis zur Gefangennahme des Dareios, die bei Arrian
einen Zeitraum von nahezu 30 Tagen in Anspruch nehmen?), sind
bei ihm ganz dramatisch auf einige Tage zusammengedrängt. Der
Grund der Verschiebung lässt sich aber hieraus nicht erkennen.
Dieselbe erklärt sich nur daraus, dass der Verfasser durch
geographische Vorstellungen beeinflusst war. Die beiden Haupt-
städte Mediens, Ragai und Ekbatana, sind nämlich bei
ihm völlig zusammengeworfen. Bei Strabon ες 1, 17
Ρ. 744 finden wir sodann folgende Grenzbestimmungen : ταύτῃ δὲ
(τῇ Περσίδι) συνάπτει ἡ Παραιτακηνὴ καὶ ἡ Κοσσαία μέχρι
Κασπίων πυλῶν, ὀρεινὰ καὶ λῃστρικὰ ἔϑνη. τῇ δὲ Σουσίδι
ὴ ᾿Ελυμαΐς καὶ αὐτὴ τραχεῖα ἡ πολλὴ καὶ λῃστρική, τῇ δὲ
Eivucidı τὰ περὶ τὸν Ζάγρον καὶ ἡ Μηδία. Den Landschaften
Paraitakene und Kossaia wird also eine Ausdehnung bis zu
den Kaspischen Thoren gegeben und nach ı« 13, 6 p. 524
bilden Parthyaia, die Berge der Kossaier und die Paraitakener die
Östgrenze von Gross-Medien?).. Diese Angaben gehen wohl ohne
Zweifel in letzter Linie auf Eratosthenes zurück. Dann folgt aber
unmittelbar, dass die Quelle der Erzählung des Curtius jünger
als Eratosthenes sein muss, was auf Agatharchides vortrefflich
passt. Zur Erklärung der hier der Landschaft Paraitakene gegebenen
östlichen Ausdehnung darf vielleicht an das oben erwähnte Afridün
zwischen Raj und den Kaspischen Thoren erinnert werden?). Der
Name „9421 oder „„uAs,51 geht wohl auf *»ara-ita „umflossen“
zurück, dessen Ableitung Παραιτάκαν — para-da-ka (als Volks-
name) oder Παραιτακηνή (mit hellenischer Endung) uns in den ver-
schiedensten Gegenden Irans als Landschaftsname begegnet. Die
betreffenden Landschaften 4) sind sämtlich von zahlreichen Flüssen
oder Kanälen bewässert. Der Name Afrööün oder richtiger
Paredun bezeichnete also wohl ursprünglich das von 80 Kanälen
1) Flucht 3 Tagereisen von Ekbatana +4 Rast in Ekbatana +
11 Tage bis Ragai + 5 Tage Rast + 2 Tage bis zur Ankunft des
Bagistanes.
2) τούτοις τὲ δὴ ἀφορίξεται πρὸς ἕω (ἡ μεγάλη Μηδία) καὶ ἔτι τοῖς
Παραιτακηνοῖς, οἱ συνάπτουσι Πέρσαις ὀρεινοὶ καὶ αὐτοὶ καὶ λῃστρικοί.
°) Es ist zu beachten, dass die Alexandergeschichte auch einen
Stamm der Tapuren neben Kossaiern in der Nachbarschaft der Persis,
also im Zagros kennt (Arr. 7, 23, 1), wodurch Strabons Angabe ı« 13, 3
p. 523 (oben S. 29 Anm.) bestätigt wird. Es lag natürlich nahe genug,
diese Tapuren mit denen nordöstlich von Ragai zu verbinden.
) 1) nördlich von Pärs, 2) in Drangiana, das spätere Sakenland
Σακαστάνη, 3) am obern Oxos, das mittelalterliche Chottal.
Marquart, Untersuchungen. II. 3
34 J. Margquart,
des Ga$arüud (pers. Haktäd-rödan) befruchtete Kulturland südöst-
lich von Raj!). Die Schreibung ap! findet sich bei Tab. I
ἢ.) 9 auch für den gewöhnlich .„..,,5 genannten Rustäk von
Ispahän, welcher den Namen der Provinz Παραιτακηνή bewahrt hat.
Wenn sich aber Paraitakene bis zu den Kaspischen Thoren
erstreckte und Gabai ἐν JParaetacene ultima lag, so hatte
Alexander freilich von da nicht mehr weit bis zu dem Orte, wo
Dareios gefangen genommen worden war. Dieser heisst bei Justin
Thara und wird als vecus Parthorum bezeichnet. Da Curtius
die Ergreifung des Dareios bereits in der ersten Nacht nach dem
Aufbruch von Ekbatana (praktisch = Ragai) geschehen sein lässt,
so kann unter Thara kaum ein anderer Ort gemeint sein als
Ohoara?), die erste Stadt in Parthien (Plin. 6, 44). Freilich
brauchte Alexander nach Arrian von Ragai bis dahin bezw. zu dem
3 Fars. weiteren Aradän zwei Tage. Von diesem Gesichtspunkte
aus erklärt sich die völlige Umarbeitung der ursprünglichen Be-
richte. Der romantische Bericht hat also den Ort der Ergreifung
des Dareios mit der Stadt, in deren Nähe Alexander von derselben
benachrichtigt wurde, verwechselt. Trogus schrieb wohl CHARA,
und eine ganz ähnliche Form findet sich bei Orosius 1, 2,16:
der Kaukasus heisst a fonte Tigridis usque ad Oharras eivitatem
inter Massagetas et Parthos mons Ariobarzanes; a Charris eivitate
usque ad oppidum Catippi inter Hyrcanos et Bactrianos mons
Memarmali ete. Ariobarzanes ist aw. Hara barszartıs, der heutige
Alburz, es kann also mit Charrae hier nur die Stadt Choara am
Ende der Kaspischen Thore gemeint sein®). Vielleicht ist mit
Rücksicht auf obige Stelle des Justin auch bei Plin. 6, 44 (oben
S. 27 Anm. 1) für amoenissimus situs qui vocatur Choara zu
lesen a. vicus q. v. Ch. 4
Nachdem Alexander die Gefangennahme des Dareios erfahren,
beeilte er sich noch mehr und nahm nur die Hetairen, die Auf-
klärungsreiterei und die kräftigsten und leichtesten Fusssoldaten
mit; nicht einmal die unter Koinos zum Fouragieren ausgesandten
Ὁ Ein anderer Ort namens .„gA,,2) lag auf dem Wege von
Tabasain durch die Wüste nach Tursiız, 20 Fars. östlich von Tabasain
Ibn Chord. οὐ, 3, wahrscheinlich in einer Oase.
32) Ganz mechanisch, ohne Rücksicht auf die Eigenart der Quelle,
sucht diesen Ort Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien
1 80 zu bestimmen. UÜberaus naiv ist dagegen der Versuch von Adolf
Sonny, Jahrbb. f. Phil. u. Pädagogik 1891, Bd. 143,278 ff, der in
den drei Namen ‘Paycı (Arrian), Zabae (Curtius) und T’hara (Justin)
eine und dieselbe Ortlichkeit sieht. Er steht würdig neben Krauths,
dieselbe Zeitschrift zierender Entdeckung der „verschollenen Länder
des Altertums“.
8) Vgl. über diese Stelle meine Schrift: Eränsahr nach Ps. Moses
Chorenac‘i.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 35
Reiter wartete er ab. Über die Zurückbleibenden setzte er den
Krateros mit dem Befehle, in mässigen Tagemärschen zu folgen.
Alexander marschierte die ganze Nacht und den folgenden Morgen
bis gegen Mittag, und dann nach kurzer Rast wiederum die ganze
Nacht hindurch bis Tagesanbruch, und erreicht nun das Lager,
von welchem Bagistanes nach Ergreifung des Dareios aufgebrochen
war. Hier erfährt er, dass Bessos die Gewalt ergriffen habe, dass
aber Artabazos und die hellenischen Söldner, nicht im stande,' das
Geschehene zu hindern, von der Heerstrasse abgebogen seien und
für sich nach den Bergen zu marschieren. Trotz der Erschöpfung
der Pferde und Mannschaften setzt Alexander den Gewaltmarsch die
Nacht und den folgenden Tag bis zum Mittag fort, bis er zu einem
Dorfe kam, wo die Verschworenen am vorhergehenden Tage gelagert
hatten. Hier erfuhr er, dass die Barbaren beschlossen hätten, des
Nachts zu marschieren.
Seit der Ergreifung des Dareios waren mindestens 5—6 Tage
verflossen!), die genügt hätten, den Verschwornen einen tüchtigen
Vorsprung zu sichern. Allein die mit der Ergreifung des Dareios
ausgebrochene Revolution und die dadurch hervorgerufene Un-
schlüssigkeit hatte offenbar noch ein längeres Verweilen im
Lager nach dem Weggang des Bagistanes zur Folge. Auf diese
Weise war viel kostbare Zeit verloren worden.
Alexander erkundet nun von den Eingebornen einen kürzern
Weg, der aber durch wasserloses Land führe, und da er einsieht,
. dass das Fussvolk seinem Gewaltritt nicht würde folgen können,
so lässt er gegen 500 Reiter absitzen und macht dafür die Offiziere
und die tüchtigsten Leute des Fussvolks in ihrer Infanteriebewaffnung
beritten. Dem Nikanor und Attalos, den Führern der Hypaspisten
und Agrianen befahl er, die Zurückgebliebenen ebenfalls in möglichst
leichter Rüstung auf der Heerstrasse heranzuführen, das übrige Fuss-
volk sollte in Schlachtordnung nachfolgen. Er selbst brach mit
den 500 „Doppelkämpfern* und der Reiterei?) gegen Abend auf
und legte die ganze Nacht hindurch gegen 400 Stadien zurück,
bis er gegen Morgen auf die ungeordnet und unbewaffnet mar-
schierenden Barbaren stiess. Die meisten wandten sich alsbald
1) 2—3 Tage Marsch des Bagistanes vom Ort der Festnahme des
Dareios bis zum Lager Alexanders + 2 Tage Marsch Alexanders bis
zum Ort der Festnahme des Dareios + 1 Tag bis zum letzten Lager
der Verschwornen.
2) Arrian y 21, 7 ff. erwähnt die Reiterei nicht besonders. Dass
aber Alexander auf seinem Gewaltritt die Reiterei bei sich hatte, würde,
wenn es sich nicht von selbst verstünde, sowohl aus der Pointe jener
Massregel (er will auf die Mitwirkung der Infanterie nicht verzichten,
da diese aber zu Fuss nicht mehr zu folgen vermag, so lässt er sie in
ihrer eignen Bewaffnung aufsitzen) als auch aus dem Fehlen der
Reiterei unter den ‚Zurückgebliebenen folgen. Die Romantiker sind
hier also genauer. Überhaupt ist Arrian’s Auszug hier ganz besonders
liederlich.
85
36 J. Marquart,
zur Flucht, sobald sie Alexander in Sicht bekamen, nur wenige
ermannten sich zur Abwehr, nahmen aber gleichfalls Reissaus,
nachdem einige gefallen waren. Als Alexander bereits nahe war,
stiessen Nabarzanes und Barsaentes den Dareios nieder, der bald
darauf verschied, und flohen mit 600 Reitern. Da die Feinde
nach allen Richtungen auseinanderstoben und seine Leute völlig
‚erschöpft waren, sah Alexander die Unmöglichkeit ein, die Verfolgung
fortzusetzen. Er wartete also die Ankunft der zurückgelassenen
Truppen ab und sandte den Leichnam des Dareios zur Beisetzung
in den Königsgräbern nach der Persis.
Darauf ernannte er den Parther Amminapes!) zum Satrapen
der Parther und Hyrkanier und erwartete die Ankunft der bei der
Verfolgung zurückgelassenen Abteilungen des Heeres. Nachdem
er diese an sich gezogen, rückte er gegen Hyrkanien vor.
So der lakonische Bericht des Arrian. Nach Curtius dagegen
legt Alexander, nachdem er von Bagistanes erfahren hat, dass
Dareios zwar noch nicht gefesselt sei, aber in höchster Gefahr
schwebe, in einem Gewaltmarsch bei Tag und Nacht 500 Stadien
zurück und erreicht das Dorf, wo Dareios gefangen worden war.
Bald darauf treffen zwei Uberläufer Orsilos und Mithracenes ein
mit der Meldung, die Perser seien nur mehr 500 Stadien entfernt.
Gegen Abend bricht nun der König mit 6000 auserlesenen
Reitern und 300 Doppelkämpfern auf, indem er die Phalanx mit
dem Befehle, so schnell wie möglich zu folgen, zurückliess.
Unterwegs soll er nach Justin 11, 15, 4 multa et periculosa
proelia bestanden haben. Nachdem er 300 Stadien zurückgelegt,
kommt ihm Brochubelus, der Sohn des Mazaios, der ehemalige
Satrap von Syrien, entgegen mit der Nachricht, Bessos sei nicht
mehr als 200 Stadien entfernt. Sein Heer, das ungeordnet und
unvorbereitet marschiere, scheine nach Hyrkanien marschieren zu
wollen. Nun gieng es im gestreckten Galopp auf die Feinde.
Beim Herannahen Alexanders suchten Bessos und seine Mit-
verschwornen den Dareios zu bewegen, zu Pferde zu steigen und
sich mit ihnen durch die Flucht zu retten. Da er sich aber dessen
weigerte, stiessen sie ihn nieder und flohen nach verschiedenen
Richtungen, Bessos nach Baktrien, Nabarzanes nach Hyrkanien.
Artabazos mit den treugebliebenen Persern und den hellenischen
1 Bei Arrian y 22, 1 liest man ᾿Φμμινάσπης, allein die Form des
Curtius 6, 4, 25 Minapis weist darauf hin, dass dessen Gewährsmann
im zweiten Teil nicht ap. aspa gefunden hat. Im ersten Teil erkennt
man aw. wahma „Lobpreis“; vgl. aw. Wahmae-data oben 5. 17, Me-
dates Curt. 5, 3,4.12.15, Μαδέτης Diod. 17, 67, 4 = Oiuntadns Ps. Call.
I 11 cod. A? (Ausfeld, Zur Kritik des griech. Alexanderromans,
Karlsruhe 1894, S. 24), Amedines Curt. 7,5,4. Der zweite Teil ist
wohl ap. παρᾶ „Enkel, Sprössling“; vgl. Ao-varns Xen. Hell. « 3, 12
und dazu ᾿4ρ-τόχμης Her. ἡ 73, ΄4ρ-πάτης Plut. Artox. 30, Παρα-πίτα
Xen. Hell. 4,1,39.40. Vgl. auch den Namen der Stadt Mevari« in
Baktrien Ptol. 6, 12 p. 421,4 Wilberg.
+
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 37
Söldnern hatte sich schon nach der Ergreifung des Dareios nach
Parthiene gewandt (5, 12,18). Die ihrer Führer beraubten
Barbaren lösten sich planlos auf, nur 500 Reiter hatten sich
versammelt, noch unsicher, ob Widerstand oder Flucht vor-
zuziehen sei. Sobald Alexander die Demoralisation des Feindes
sah, sandte er den Nikanor mit einem Teil der Reiterei aus, um
die Flucht zu verhindern, und folgte selbst mit den Übrigen.
Ungefähr 3000, die Widerstand versuchten, wurden getötet, der
Rest aber wie eine Viehherde herbeigetrieben, da der König dem
Blutvergiessen Einhalt zu thun befahl. Dem Alexander selbst
hatten kaum 3000 Reiter zu folgen vermocht, die Gesamtmasse
des Trosses aber fiel den langsamer Nachrückenden in die Hände.
Die Pferde, die den Wagen des Dareios zogen, waren jedoch von
der Heerstrasse abgewichen und nach vier Stadien in einem
Thale vor Erschöpfung stehen geblieben, wo der Wagen von
einem Makedonen aufgefunden wurde.
Unter den Gefangenen befanden sich gegen 1000 adlige
Perser, worunter des Dareios Bruder Oxathrest!). Alexander
ernannte hier den Perser Oxydates, der von Dareios zum Tode
verurteilt worden war und noch in Fesseln lag, zum Satrapen
von Medien und marschierte dann nach Parthiene.
Von jetzt ab stehen uns ausser dem Bericht des Curtius
auch ausführlichere Erzählungen des Trogus-Justin und Diodor
zur Verfügung. Da letzterer, wie wir sehen werden, die ur-
sprüngliche Reihenfolge der gemeinsamen Quelle am treuesten
bewahrt hat, so werden wir ihm fortab folgen.
Auf der Verfolgung des Dareios waren Alexander grosse
Schätze in die Hände gefallen, vor allem der Königsschatz von
Ekbatana im Betrage von 8000 Talenten?). Nach dem Tode des
Dareios entlässt Alexander nun die Thessaler und übrigen hellenischen
Bundesgenossen?), indem er ihnen den vollen Sold bis zu ihrer
Rückkehr in die Heimat auszahlen liess, ausserdem aber jedem
Reiter ein Talent, jedem Fussgänger 10 Minen schenkte‘). Von
ı) Vgl. Plut. Alex. 43. Diod. εξ 77, 4.
2, Diod. ı& 74, 5; ebenso Strab. ıe 3, 9 p. 731. Dagegen 7000 Talente
nach Arrian y 19, 5.
8) Plut. Alex. 42 folgt einer ältern Gestalt der romantischen Version:
die Thessaler werden entlassen, nachdem Alexander die Kunde von der
Ergreifung des Dareios durch Bessos erhalten hat. Darauf haben
aber Alexanders Truppen erst noch die Strapazen einer 11tägigen Ver-
folgung durchzumachen, auf welchersie 3300 Stadien zu Pferde zurücklegen,
bis sie die Leiche des Dareios erreichen. Nach Arrian aber wurden
die hellenischen Bundesgenossen bereits in Ekbatana entlassen. Die
11 Tagesritte des Plutarch gehen offenbar auf die 11 Tagemärsche
Alexanders von Ekbatana bis Ragai (Arr. y 20, 2) zurück.
4) Nach Arrian y 19,5 und Plut. Alex. 42 gab er ihnen ausser
dem Sold noch 2000 Talente.
38 ἢ: Marquart,
denen aber die weiter dienen wollten, gab er jedem 3 Talente.
Im ganzen wurden so, mit Einrechnung der Schmucksachen und
Trinkgefässe, 13000 Talente an die Soldaten verteilt, noch mehr
aber war, wie man vermutete, unterschlagen und geraubt worden).
Nach dem Tode des Dareios ergriff die Makedonen eine
ganz ähnliche Stimmung wie die Deutschen nach der Gefangen-
nahme Napoleons bei Sedan; sie glaubten den Feldzug beendet
und die Rückkehr in die Heimat nahe, zumal sie Alexander bei
der Nachricht, dass Dareios selbst in Gefahr schwebe, zur äussersten
Anstrengung angefeuert hatte durch die Aussicht: „Maximum
opus, sed labor brevissimus superest. Dareus haud procul,
destitutus a suis aut oppressus: in 1110 corpore posita
est nostra victoria et tanta res celeritatis est praemium
(Curt. 5, 13,4). In dieser Hoffnung wurden sie noch bestärkt
durch die Kunde, dass die hellenischen Bundesgenossen in
die Heimat entlassen würden. Der hinreissenden Beredsamkeit
Alexanders gelang .es indessen, seine Makedonen von der Not-
wendigkeit der Fortsetzung des Kampfes und der Vernichtung
der Mörder des Dareios zu überzeugen und so brach er mit
seinem Heere gegen Hyrkanien auf. Am dritten Tage lagerte er
in der Nähe der Stadt Hekatompylos?), und gönnte seinen
Truppen mehrere Tage Rast, da diese Stadt mit allen Lebens-
bedürfnissen reichlich versehen war.
Es ist ohne weiteres klar, wie dramatisch hier alle effekt-
vollen Motive zusammengedrängt sind. Schon in Ekbatana fassen
Bessos und Genossen den Plan, den Dareios zu beseitigen, und
bereits in der ersten Nacht nach dem Aufbruch von der medischen
Hauptstadt wird er von ihnen festgenommen und fortgeschleppt.
Nachdem Alexander erfahren hat, dass Dareios in Gefahr schwebt,
erreicht er in einem Tage den 500 Stadien entfernten Ort, wo
Dareios gefesselt worden war, und in einem weiteren Marsche
von 500 Stadien gelangt er zur Leiche des Dareios. Diese
Ereignisse, die bei Arrian 4 Tagemärsche ausfüllen, sind also
hier auf zwei Tage zusammengedrängt. Da Alexander nach dem
Tode des Dareios einen Satrapen von Medien ernennt, so wird
wohl vorausgesetzt, dass er sich noch auf medischem Boden befand.
Nach Arrian y 20,3 erfolgt die Ernennung des Oxydates aller-
dings in Ragai. Auch der dreitägige Marsch bis nach Hekatompylos,
das nach Diodors Darstellung offenbar in Parthien und in der
Nähe der Grenze Hyrkaniens gedacht ist, sowie der Ausdruck des
Curtius 6, 2, 12 hine in Parthienen perventum est
‘ weisen darauf hin, dass nach der Vorstellung der Quelle Alexander
1) Vgl. Justin 12, 1, 1. Curt. 6, 2, 10 schätzt die Beute auf
26000 Talente, wovon 12000 (r. 13000) unter die Soldaten verteilt
wurden, par huie pecuniae summa custodum fraude subtraeta est.
3) Uber Hekatompylos 5. ὃ. 39 ff. 44.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 39
sich bei der Auffindung der Leiche des Dareios noch nicht auf
parthischem Boden befand. Dabei ist aber merkwürdig, dass die
Anzahl der Märsche Alexanders von Gabai, wo er zuerst die
Flucht des Dareios erfährt, bis nach Hekatompylos wahrscheinlich
mit den 6 Gewaltmärschen von Ragai bis zur Auffindung der
Leiche des Dareios nach Arrian übereinstimmt. Die Entlassung
der Bundesgenossen, die bereits vor einem Monat in Ekbatana
stattgefunden hatte, wird hier zu einem Momente höchster
Spannung verwertet, in welchem der siegreiche König nach
beispiellosem Glücke fast an der Vollendung seiner Sieges-
laufbahn gehindert worden wäre.
Curtius lässt den Alexander nach der Auffindung der Leiche
des Dareios nach Hekatompylos in Parthiene gelangen und verlest
hieher die Entlassung der hellenischen Söldner und die Hoffnung
der Makedonen auf sofortige Heimkehr. Von da gelangt er am
dritten Tage durch Parthiene an die Grenzen von Hyrkanien.
Allein dass jene Szene ihre richtige Stelle im Sinne der Urquelle
nur unmittelbar nach dem Tode des Dareios haben kann, wo sie
bei Diodor richtig steht, folgt aus ihrer Beeründung. Curtius
oder sein Gewährsmann hat also die Urquelle eigenmächtig ver-
schlimmbessert. Dass natürlich letztere auch nicht den Beisatz
zu Hekatompylos enthalten konnte: condita a Graecis, ist
selbstverständlich. Dadurch wäre ja bereits die ganze Erzählung
jedem denkenden Leser als widersinnig hingestellt worden. Diese
Notiz ist wohl einer Chorographie entnommen. Die Bemerkung
über den skythischen Ursprung der Parther (vgl. 4, 12, 11),
näherhin ihre Abkunft von den europäischen Skythen stammt
aus Agatharchides 1).
Die Vorlage des Trogus 11, 15,1 lässt den Dareios: bereits
auf parthischem Gebiet gefangen genommen werden und verlegt
folgerichtig auch jene Erregung unter den Makedonen infolge
ihrer Erwartung der Beendigung des Krieges nach Parthien (12, 3,1),
nennt aber den Namen der Stadt Hekatompylos nicht. Sie hat
also die Hauptquelle Agatharchides wie so häufig aus einer
Nebenquelle verbessert.
Da es den Romantikern darauf ankam, die Ereignisse nach
rhetorischen Gesichtspunkten zu gruppieren, wobei sachliche und
geographische Rücksichten, wie wir bereits gesehen, völlig in den
Hintergrund traten, so können wir von der Behauptung, dass
Alexander von der Auffindung der Leiche des Dareios noch
3 Tage bis Hekatompylos gebraucht habe, völlig absehen. Soviel
ist klar, dass die Urquelle dieser Darstellungen von der Geographie
von Parthien eine ebenso mangelhafte Vorstellung hatte wie von der
von Paraitakene. Denn Hekatompylos lag ja im Herzen von
1) Vgl. meine Untersuchungen zur Gesch. von Eran I 35.
ἢ ᾿ J. Marquart,
Parthien (ἐν μέσῃ τῇ Παρϑυηνῇ Polyb.ı 28,7 a. 209), und war
die Hauptstadt der Landschaft Komz$, arab. γιοῦ, gr. Κωμισηνή,
welche den Mittelpunkt der alten Provinz Parthien und in der seleu-
kidischen Satrapieneinteilung eine der sechs Provinzen bildete, in
welche das alte Parthien zerlegt worden war. Die Landschaft Kömis
gilt noch bei dem Armenier Sebeös (7. Jh.) als Stammsitz der
Parther oder Palhav!). Medien aber reichte vom Passe von
Holwän bis zu den Kaspischen Thoren ?).
1) Seb. 57. 58/59. Vgl. mein Eränsahr nach der Geographie des
Ps. Moses Chorenae‘i 8.71.
2) Strab. ı« 3, 8 p. 525. Arrian, Τὰ μετὰ ᾿Δ4λέξανδρον 8 35 in
C. Müller’s Arrian p. 245.
Ein Muster von Unklarheit und Unkritik ist Spiegel’s Exkurs
„Parthien* (Eranische Altertumskunde II 630—632). Er hat nicht
einmal gesehen, dass des Ptol. Παρταυτικηνή und Χοροανή einfach
Verballhornungen von Isidoros’ Anavagxrınnvyn und Xocenvn sind.
Die Stelle des Strab. ıx 9, 1 p. 514 beruht ja allerdings z. T. auf
Irrtum und lässt an Klarheit des Ausdruckes zu wünschen übrig. Es
ist deshalb sehr zu bedauern, dass sich durch Spiegel’s Bemerkung:
„auch sagt er (Strabon), dass Choarene und Komisene erst später zu
Parthien hinzugefügt worden sei‘ auch Gutschmid, Gesch. Irans
S. 43f. zu der Annahme verleiten liess, Komisene und Choarene hätten
früher zu Medien gehört. Sieglin in der neuen Ausgabe von
Spruner-Menke’s historischem Atlas ist ihm darin blindlings
gefolgt. Strabon behauptet zunächst: Ἢ δὲ Παρϑυαία πολλὴ μὲν
οὐκ ἔστι" συνετέλει γοῦν μετὰ τῶν Ὑρκανῶν [κατὰ] τὰ Περσικὰ καὶ
μετὰ ταῦτα τῶν Μακεδόνων κρατούντων ἐπὶ χρόνον πολύν. πρὸς δὲ τῇ
σμικρότητι δασεῖα καὶ ὀρεινή ἐστι καὶ ἄπορος, ὥστε διὰ τοῦτο δρόμῳ
διεξιᾶσι τὸν ἑαυτῶν οἱ βασιλεῖς ὄχλον, οὐ δυναμένης τρέφειν τῆς χώρας
οὐδ᾽ ἐπὶ μικρόν" ἀλλὰ νῦν ηὔξηται. Allein die Meinung, dass Parthien
in persischer Zeit kleiner gewesen sei als später, ist falsch. Die An-
fänge des parthischen Reiches der dahischen Parner waren allerdings
klein, und dieses beschränkte sich ursprünglich auf die Landschaft
Παρϑυηνή mit der Stadt Nıodx, wo die Gräber der parthischen
Könige lagen (Isidor von Charax, Σταϑμοὶ Παρϑικοί Ὶ 12. ΒΕ
Tomaschek, Zur histor. Topographie von Persien I 74). Strabon
fährt dann fort: μέρη δ᾽ ἐστὶ τῆς Παρϑυηνῆς ἥ τε Κωμισηνὴ καὶ ἡ
Χωρήνη, σχεδὸν δέ τι καὶ τὰ μέχρι πυλῶν Κασπίων καὶ ἹῬαγῶν καὶ
Ταπύρων ὄντα τῆς Μηδίας πρότερον, ἔστι δ᾽ ᾿ἡπάμεια καὶ Ἡράκλεια,
πόλεις περὶ τὰς Ῥάγας. Zunächst sind die Worte σχεδὸν δέ τι καὶ τὰ
μέχρι πυλῶν Κασπίων neben ἡ Χωρήνη sachlich eine Tautologie, da ja
die Landschaft Χωρηνή (Chwär) westlich bis zu den Kaspischen Thoren
reichte. Wenn also Strabon gut berichtet war, so muss der Text, wie
er vorliegt, notwendig verdorben sein. Es wird zu lesen sein καὶ 7
Χωρηνὴ μέχρι πυλῶν Κασπίων, σχεδὸν δέ τι καὶ τὰ «μέχρι;
ἱΡαγῶν καὶ Ταπύρων ὄντα τῆς Μηδίας πρότερον, ἔτι δ᾽ ᾿ἀπάμεια καὶ
Ἡράκλεια κτλ. Die Worte ὄντα τῆς Μηδίας πρότερον würde vom rein
grammatischen Standpunkte aus gewiss niemand auf 7 τε Κωμισηνὴ
καὶ ἡ Xoenvn, sondern nur auf das letzte Glied σχεδὸν δέ τι καὶ τὰ
u. P. καὶ T. beziehen, und von den Gebieten westlich von den
Kaspischen Thoren bis Raj und nördlich bis zu den Tapuren ist die
ehemalige Zugehörigkeit zu Medien auch sachlich korrekt. Denn die
Tapuren wohnten im 2. Jh. v. Chr. nicht mehr in den Bergen nördlich
von Semnän, sondern hatten seit der Verpflanzung der Marder nach
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 41
Für uns handelt es sich nur um die Frage, ob Alexander
in der That in der Nähe von Hekatompylos die Leiche des
Dareios aufgefunden und darauf mehrere Tage daselbst gerastet
hat. Arrian berichtet allerdings nichts von einer mehrtägigen
Rast nach dem Tode des Dareios. Allein da Alexander vor dem
Weitermarsch die Ankunft der bei der Verfolgung zurückgelassenen
Truppen abwartete, so musste er notwendig mehrere Tage Halt
machen, da Krateros mit dem Fussvolk schon am zweiten Tage
nach dem Aufbruch aus Ragai mit dem Befehle, in mässigen
Märschen zu folgen, zurückgelassen worden war (Arr. y 21, 4).
Der Auszug des Arrian ist also hier sehr unvollständig. Die
Hauptfrage ist demnach die: wie weit ist Alexander auf seinen
6 Märschen von Ragai bis zur Auffindung des toten Königs
gekommen ?
Mordtmann hat nun von numismatischen Erwägungen
aus, die aber in keiner Weise überzeugend sind, Hekatompylos
beim heutigen Sährüd, 1 Fars. sw. von Bistäm, gesucht!), und
lässt den Dareios in der Nähe dieser Stadt ermordet werden.
In letzterer Annahme folgt ihm auch Tomaschek, obwohl dieser
an der Lage von Hekatompylos bei Dämayan festhält. Seine
Berechnungen sind indessen verfehlt. Als die grösste Leistung
auf der ganzen Verfolgung galt offenbar der letzte Ritt von
400 Stadien (Arrian 3, 21, 9), wobei aber nicht, wie Tomaschek
will, Normalstadien (er rechnet 33 Stadien auf den Parasang),
sondern Itinerarstadien zu Grunde zu legen sind, von denen
40, 435 auf den Farsang gehen (s. o. S. 23). Derselbe betrug
also rund 10 Fars. Der Weg von den Kaspischen Thoren (d. h.
von deren Beginn) bis nach Hekatompylos betrug nun nach den
Bematisten 1860 Stadien — 46 Farsangen. Über diese Route
sind wir, abgesehen von modernen Reisenden, durch Ibn Rusta
gut unterrichtet. Derselbe gibt von der Strecke von Chwär am
Charax in der Nähe der Kaspischen Thore durch den Arsakiden
Phradates I. deren Sitze um Amul eingenommen. Der Elburz (Oe-
ϑοκορυβάντιοι) aber gehörte nach Her. 3, 92 zur medischen Satrapie.
Spätestens unter König Phradates I. gehörten aber jene beiden
Gebiete zu Parthien, also lange vor der Eroberung des übrigen Mediens
durch Mithridates I. (um 145 v. Chr.), wie eben aus der Nachricht
über jene Verpflanzung der Marder hervorgeht. Ja die Städte Καλλιόπη
und Issatis (Jezd), eitra deserta ab occasu (Plin. ἢ. n. 6, 113),
oppositae quondam Medis (Plin. h. n. 6, 44) gehörten schon im
Jahre 209 den Parthern (Polyb. 10, 31, 15 aus Steph. Byz. s. v.
Καλλιόπη).
Im einzelnen können wir die successive Eroberung der einzelnen
Provinzen des alten Parthien durch die Parner nicht verfolgen. Doch
spricht nichts gegen die Annahme, dass die Arsakiden nach der Be-
wältigung der Könige Andragoras von Parthien (Justin 41, 4,7) und
Wax$uwarja von Hyrkanien (Justin 41,4,8; vgl. oben 5. 26 Anm. 2)
ihre Residenz in Hekatompylos aufschlugen.
1) Hekatompylos. Sitzungsber. ἃ. bair. Akad. 1869, 1,511 ff.
49 J. Marguart,
Ausgange der Kaspischen Pforten bis zur Ostgrenze von Kömis
folgende Beschreibung (p. 141, 12):
„Von Chwär nach Qacr al milh (Diz-d namak) sind 7 Fars.
Der Weg führt durch Kulturland, bis man zu einer Brücke über
ein trockenes Flussbett kommt und sie überschreitet, dann von
da nach Qacr al milh. Von Qacr al milh nach Ra’s as kalb
(Hundskopf) 7 Fars. Der Weg führt durch Salzboden, welchen
eine Heerstrasse durchzieht, bis man zu einer Brücke kommt,
welche man überschreitet und weiterzieht, bis man zu einem
Dorfe kommt namens Mardkustan. Dort ist ein Schloss gleich
einem Leuchtturme, auf welchem ein Wächter ist, der diesen
Weg bewacht. Dann steist man bald auf- bald abwärts,
wobei man rechts und links Berge hat, bis man zu einem Dorfe
kommt namens Ra’s al kalb. Und von Ra’s al kalb bis Simnan
sind 8 Fars. durch ebenes Land, wobei man rechts Wüste und
Berge und links Wüste hat, bis man nach Suhr darra!) kommt,
und von da dann nach der Stadt Semnän. Von Semnän nach
Achurin sind 9 Fars. Der Weg führt durch eine gleichmässige
Ebene, dann kommt man zu einem Defile, das man betritt und
4 Fars. weit passiert, wobei man zu ein Ribät kommt namens
Abi-Ahuwan, dann zieht man vorbei zu einem Dorfe namens
Achurin. Von Achurin zum Dorfe Daja 5 Fars. Der Weg führt
durch ebenes Land bis Dih-ı däja, wo die Station ish. Von
Dih-i däja nach Dämayän, der Hauptstadt von Qümis, 4 Fars.
Der Weg führt durch ebenes Land, bis man nach Qümis kommt.
Das meiste was (hier) verkauft wird, sind die weissen Stoffe zum
Kopfbund. Von Qümis nach al Haddada 7 Fars. Der Weg führt
durch dessen Kulturland, bis man zu einem Ribaät und Ruinen
kommt. Man sagt, dass es Häuser seien, die durch ein Erdbeben
verschüttet worden seien. Dann zieht man rechts und links
zwischen Dörfern hin, bis man nach al Haddäda kommt. Von
al Haddäda nach Badas (Bidas 6) 7 Fars. Der Weg führt
durch ebenes Land rechts und links und zusammenhängende
Dörfer, bis man nach BadaS kommt, um welches rings Saatfelder
und Gärten sind.*
BidaS lag 2 Fars. östlich von Bistäm 2). Es ist dem Namen,
vielleicht auch der Sache nach identisch mit Βιτάξα in Areia,
das Ptol. 6, 17 p. 488, 12 unter 103° 40’ L. und 38° Br. setzt?).
Ibn Rusta’s Beschreibung verhält sich zu den übrigen
2) cod. 5 sy BY lies %, Dash Qod. 71,3 z We heute Surchak.
5 Tomaschek, Zur histor. Topp von Persien IL 77.
8) Ptol. rechnet auch die Νισαῖοι und ’Aoreßnvot, die Bewohner
der parthischen Provinzen Νησαία und ᾿Δσταυηνή (6,9 zu Hyrkanien
gerechnet, 6, 5 p. 400, 2 in Ταβιηνή verstümmelt) zu Areia.
΄
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 43
arabischen Itineraren (Ibn Chord. fr, 14 ff. Qod. Pr, 1ff. Ist. Pot, 4 ἢ
Mog. Put, 18 ff.) folgendermassen :
Ibn Rusta: Ibn Chord. und Istachri: Mogaddasi:
Qodäma:
Chwär τ Chwär | Chwär Chwär
Brücke
- Qacralmilh7Fars.. Qacralmilh7Fars. QarjatalmilhIT. Qarjat almilh1T.
Brücke
Diz-i Mardkustän
Ra’salkalb7Fars. Ra’salkalb7Fars.. Ra’salkalb1Tag Ra’salkalb 1Tag
Suhr darra (Surch 4 F.)
Simnän 8 Fars. Simnän8Fars. (4) Simnän 1 Tag Simnän 1 Tag
Engpass 4 Fars.
Abi-Ahuwän “Ali äbäd 1 Tag Ribät 1 Tag
Ächurin 9 Fars. Achurin 9 Fars. Garmgüi 1 Tag Garmgü 1 Tag
Dih-i däja 5 Fars. (Qarjat daja 4 F.)
- Dämayän 4 Fars. Qümis ὃ Fars. (4) Dämayän 1 Tag Dämayän 1 Tag
„ Ribät u.Ruinen
- alHaddada7Fars.. alHaddada7Fars. alHaddädal Tag alHaddäda 1 Tag
(„As Te] Gözi-
=. stän 4 Fars.)
Bidas 7 Farsang Bidas (Gudas Bidas 1 Tag Bidas 1 Tag!)
KT )IT@)F.
Aus diesen Itineraren ersieht man, dass in arabischer Zeit
der Weg vom Ausgang der Kaspischen Thore bis nach Dämayän,
der Hauptstadt von Qümis auf 39 bezw. 40 Fars. oder 6 Tage-
reisen ä 61/, Fars. geschätzt wurde. Dazu kommt die 6 Fars. oder
1 Tagereise betragende Strecke vom Eingang der Kaspischen
Thore bis nach _Chwär, woraus sich für die ganze Strecke vom
Beginn der Kaspischen Thore bis nach Dämayän 39 (40) + 6 — 45
(46) Fars. oder 7 Tagereisen ergeben, welche den 1860 Stadien
der Bematisten von den Kaspischen Thoren bis Hekatompylos
genau entsprechen und welche Alexander, wenn er die Leiche
des Dareios bei Hekatompylos fand, in 5 Tagemärschen durch-
messen hätte. Daraus ergäbe sich eine durchschnittliche Marsch-
leistung von 372 Stadien oder 71/, Fars. pro Tag, also immerhin
beträchtlich mehr als für die Strecke von Ekbatana nach Ragai,
für welche durchschnittliche Märsche von 300 Stadien voraus-
gesetzt werden. Auch Arr.y 25,6 wird ein Marsch von 300 Stadien
schon als eine grosse Leistung betrachtet. Jenen 7 Tagereisen
sind aber noch die 2 Tagereisen oder 18 (19) Fars. von Raj nach
Käsp zuzurechnen, welche Alexander angeblich an einem Tage,
1) Ebensoviel betrug die Entfernung von al Haddäda nach Bistäm,
p. FW, 3.
?) So ist zu lesen für (»,3 bezw. ury> der Hs.
44 J. Marquart,
nach unserer Meinung dagegen in zwei Tagen zurückgelegt hat.
Nach Mordtmann’s und Tomaschek’s Ansicht dagegen
soll Alexander die ganze 77 (Ibn Chord.) bezw. 79 (Ibn Rusta)
Fars. oder 11 Tagereisen betragende Strecke von Raj bis Bidas
in der Nähe von Sährüd in 6 Tagen durchmessen haben)!
Soviel ich sehe, spricht also nichts dagegen, dass Alexander
in der That in der Gegend von Hekatompylos den toten König
der Könige einholte. Seine beiden letzten Märsche führten ihn von
Semnän rechts durch Sandsteppe über das Dorf "Alah und die
Quelle Garmäb, weiter über Doseir und Frät nach Dämayän.
Wahrscheinlich war das in der Nähe gelegene Hekatompylos
schon in achaimenidischer Zeit die Residenz des Satrapen von
Parthien gewesen, und es ist daher ganz natürlich, dass Alexander
den Aufenthalt, den er machen musste, dazu benützte, um den
neuen Satrapen gleich in seine Hauptstadt einzuführen und ihm
Achtung zu verschaffen. Man darf hiergegen nicht einwenden,
dass Hekatompylos nach Appian Syr. 5l eine Gründung des
Seleukos Nikator sei, womit Curtius’ Bezeichnung condita a
Graecis übereintrifft. Denn dass die Stadt schon zu Alexanders
Zeit bestanden haben und von ihm berührt worden sein muss,
ergibt sich daraus, dass sie von Baiton und Diognetos, den
Bematisten Alexanders in ihren Berechnungen der Märsche des-
selben genannt war (Plin. n. h. 6, 61. 44). Es kann sich demnach
unter Seleukos nur um eine Neugründung gehandelt haben, wie
bei Ragai - Εὐρωπός, Merw -᾿Αντιόχεια, ete. Freilich haben die
Romantiker augenscheinlich den Aufenthalt Alexanders in dieser
Stadt nach dem spätern Besuche Antiochos’ d. Gr. (Polyb. ı 28, 7.
29, 1) und unter dem Gesichtspunkt der nachmaligen Hauptstadt
des Partherreiches, das bestimmt war, die Herrlichkeit des iranischen
Reiches wieder aufzurichten und der Monarchie der Nachfolger
Alexanders in Syrien den ersten Stoss zu versetzen, weiter aus-
geschmückt (Curt. 6, 2,12ff., vgl. Justin. 11,15,1). Für die
Bedeutung der Stadt in seleukidischer und der ältern parthischen
Zeit spricht die Thatsache, dass dort von allen Seiten die Wege
zusammenliefen, wovon die Stadt ihren Namen hatte (τῶν δὲ
διόδων «τῶν» φερουσῶν ἐπὶ πάντας τοὺς πέριξ τόπους ἐνταῦϑα
συμπιπτουσῶν ἀπὸ τοῦ συμβαίνοντος ὃ τόπος εἴληφε τὴν προση-
γορίαν Polyb. ı 28, 7). Später, offenbar zur Zeit der über
Hyrkanien und Karmanien gebietenden Dynastie des Gotarzes, die
sich unter Volagases I. unabhängig machte, bildete die 140 Stadien
weiter nördlich gelegene hyrkanische Könissburg Tage den
Mittelpunkt des Strassennetzes?). Bei den Persern gilt Damayan
1) Ibn al Faq. "in, 18 gibt fälschlich die Entfernung von Raj
nach Däamayän auf 80 Fars. an.
2) Karte des Castorius Segm. XII, 2 ed. Miller (Nagae). Geogr.
Rav. p. 47,2 (Age). 48,5 (Thage). Vgl. Tomaschek ἃ. ἃ. Ὁ. 79.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 45
stets als die Hauptstadt von Kömis, also als Nachfolgerin von
Hekatompylos. Die Städteliste von Irän $ 19 spielt auf eine
Legende an, nach welcher A%-i dahäk der Usurpator (pat) die
fünftürmige Hauptstadt von KomiS zu seinem Harem ($apstan)
machte. Da Az-i dahäk im iranischen Epos der Vertreter der
Seleukidenherrschaft ist, so sieht man, dass der seleukidische
Ursprung (richtiger Neugründung) der Stadt nicht völlig vergessen
war. Wir verdanken dem arabischen Dichter und Belletristen
Abu Dulaf Mis‘ar Ὁ. al Muhalhil (um 941 n. Chr.) folgende Be-
schreibung der Stadt (bei Jäq. II 6.4): „Dämayän ist eine
obstreiche Stadt, deren Früchte prima sind und deren Wohlgerüche
bei Tag und Nacht nicht aufhören. Es gibt daselbst ein von
den Kisräs herrührendes wundervolles Wasserschloss, dessen
Wasser aus einer Höhle im Berge kommt und, sobald es von
dort herabgeflossen ist, in 120 Kanäle geteilt wird für 120 Rus-
täge, wobei kein Anteil!) den andern übertrifft, und es ist nicht
möglich, es auf etwas anderes als diese Wasserversorgung anzu-
passen. Es ist in hohem Grade merkwürdig; ich habe in den
übrigen Ländern seinesgleichen nicht gesehen noch ein schöneres
in Augenschein genommen. Und es gibt daselbst ein Dorf, das Dorf
der Kameltreiber genannt, wo sich eine Quelle befindet, aus welcher
Blut hervorsprudelt. Hieran ist nicht zu zweifeln, weil es alle Bigen-
schaften des Blutes vereinigt. Wenn Quecksilber darein geworfen
wird, so wird es sofort zu trockenem hartem mannigfach ver-
wertbarem Stein. Dieses Dorf ist auch unter dem Namen Tangan
bekannt. In Dämayän gibt es eine vorzügliche Apfelsorte, die
von Kömit (al gumist) genannt, schön rot, die nach dem “Iräq
exportiert wird; und es gibt dort Alaun- und Salzbergwerke,
aber keinen Schwefel, dagegen Gruben von reinem Gold“.
Für den nun folgenden Marsch über das Gebirge nach der
Ebene von Hyrkanien sind unsere Berichte so summarisch, dass
es fast unmöglich scheint, von dem Verlauf desselben eine Vor-
stellung zu gewinnen. Ich stelle zur rascheren Übersicht die
beiden Berichte Arrians und der Romantiker einander gegenüber.
Arrian y 23—24. Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76.
Nachdem die auf der Ver-
folgung zurückgelassenen Truppen
sich eingefunden hatten, verliess
Alexander die Strasse nach Cho-
rasan und rückte gegen Hyrkanien,
— Es scheint, dass dabei Hekatompylos gar nicht mehr berührt wurde.
Nur so erklärt sich die auffällige Thatsache, dass Isidor von Charax,
σταϑμοὶ Παρϑικοί $ 9 in Komisene keine einzige Stadt kennt.
»L. er.
40
Arrian y 28---24,
da er erfahren hatte, dass die
hellenischen Söldner des Dareios
sich in die Berge der Tapuren
geflüchtet hatten, und er diese
sowie die Tapuren erst nieder-
werfen wollte. Er teilte jetzt
sein Heer in drei Corps: er selbst
wählte mit dem leichtesten und
zahlreichsten Teil den kürzesten,
aber auch beschwerlichsten Weg,
den Krateros sandte er mit seiner
und des Amyntas Phalanx und
einer Anzahl von Bogenschützen
und wenigen Reitern gegen die
Tapuren, Erisyios aber sollte
mit den Söldnern und der übrigen
Reiterei auf der längeren Heer-
strasse den Tross und die Bagage
hinüberführen.. Nachdem man
die ersten Berge passiert hatte,
wurde gerastet.
Darauf zog der König mit
den Hypaspisten und den leich-
testen der makedonischen Phalanx
sowie einigen Bogenschützen auf
schwierigem und gefährlichem
Pfade voraus, φύλακας τῶν
ὁδῶν καταλιπὼν ἵνα σφα-
λερόν τι αὐτῷ ἐφαίνετο,
ὡς μὴ τοῖς ἑπομένοις κατ᾽
ἐκεῖνο ἐπίϑοιντο οἷ τὰ ὄρη
ἔχοντες τῶν βαρβάρων. Als
er mit den Bogenschützen die
Engpässe überwunden hatte, 18 -
gerte er in der Ebene an
einem nicht bedeutenden
Flusse. Hier erschien vor ihm
Nabarzanes, der Hazarapet
des Dareios, sowie Phrataphernes,
der Satrap von Hyrkanien und
Parthien mit andern vornehmen
Persern, um sich zu ergeben.
Wie die spätern Verhältnisse
lehren, wurde Phrataphernes, viel-
leicht während der 15tägigen
J. Marguart,
Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76.
Nach der Rast in Hekatom-
pylos liess Alexander den Krateros
mit seinen eigenen und des Amyn-
tas Truppen, 600 Reitern und
600 Bogenschützen zum Schutze
der Provinz Parthien gegen einen
Einfall der Barbaren [d. h. wohl
der Tapuren] zurück und befahl
dem Erigyios, das Gepäck auf
ebenem Wege hinüberzuführen.
Er selbst rückte mit der Phalanx
und der Reiterei 150 Stadien
vor und lagerte alsdann ἐγ) valle,
qua Hyrcanıam adeunt, in der
Nähe eines grossen Felsens, an
dessen Fuss ein beträchtlicher
Fluss namens Zrıßoirng aus einer
Höhle hervorbrach. Wir werden
die Beschreibung desselben unten
näher mitteilen.
Am vierten Rasttage
traf ein Brief des Nabar-
zanes ein, worin dieser sich
wegen seiner Teilnahme an der
Ermordung des Dareios ent-
schuldigte und im Falle der
Amnestie die Sache des Bessos
zu verlassen versprach. Hierauf
brach man auf und quadrato
tum agmine ibat, specula-
tores subinde praemittens,
qui explorarent loca. S8o
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
Arrian y 23—24.
Rast in Zadrakarta (vgl. Justin
12, 4, 12), in seiner S$atrapie
bestätigt und die Ernennung des
Amminapes wieder rückgängig
gemacht. Alexander hielt hier
4 Tage Rast und erwartete
die auf dem Marsche Zurück-
gebliebenen.
Von da rückte er auf Zadra-
karta, die Hauptstadt Hyrkaniens
zu, und auf dem Marsche dahin?)
vereinigte sich das Korps des
Krateros wieder mit ihm, das
zwar die hellenischen Söldner
des Dareios nicht getroffen, aber
die ganze Gegend, soweit es
dieselbe durchzogen hatte, teils
mit Gewalt, teils durch freiwillige
Ersebung der Bewohner unter-
worfen hatte. Dann traf auch
Erigyios mit dem Tross und der
Bagage ein.
Wenig später erschien aber Ar-
tabazos nebst dreien seiner Söhne,
sowie eine Abordnung der hel-
1) So richtig B. Niese, Gesch.
der griech. und makedonischen
Staaten I 108. Droysen, Gesch.
des Hellenismus I? 1, 332 nimmt
fälschlich Zadrakarta als Vereini-
gungspunkt der drei Heersäulen an.
47
Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76.
zog man auf fast unwegsamem
Pfade, auf dem die Urwälder
von Mäzandarän und Sturzbäche
und tiefe Schluchten den Marsch
vielfach hemmten, 20 Stadien
weit, bis man, ohne einem Feinde
zu begegnen, endlich in eine
kultiviertere Gegend gelangte.
Alexander unterwarf nun sämt-
liche Städte Hyrkaniens bis zum
Kaspischen Meere und durchzog
das Land bis zu den sog. „glück-
lichen Dörfern“ (Diod. 17, 75, 4),
die an Lebensmitteln Überfluss
hatten und sich besonders durch
die Menge an Obstbäumen und
köstlichen Trauben auszeichneten.
30 Stadien weiter kam Phrata-
phernes zum Heere und ergab
sich und die, welche nach dem
Tode des Dareios geflohen waren,
dem Sieger.
Darauf kam man zur Stadt
Arvae, wo Krateros und Erigyios
eintrafen, die Phradates, den
Satrapen der Tapuren, mit-
brachten. Derselbe wurde zu
Gnaden aufgenommen und erhielt
die Statthalterschaft über die
Tapuren zurück, während über
Hyrkanien Minapis, der unter
Ochos als Verbannter an den
Hof Philipps gekommen war,
gesetzt wurde.
Alexander unterwarfnun Hyr-
kanien und die umwohnenden
Völkerschaften, und schon hatte
man das äusserste Ende Hyrkaniens
betreten, als Artabazos mit
seinen 9 Söhnen und den Ver-
wandten des Dareios, sowie einer
Abordnung der griechischen Söld-
ner eintraf. Artabazos ward als
ehemaliger Gastfreund des Phi-
lippos zuvorkommend aufgenom-
48
Arrian y 23—24.
lenischen Söldner und ΥΥ ἃ ὑ8 -
fradata (Δυἂτοφραδάτης), der
Satrap der Tapuren. Letzterer
erhielt seine Satrapie zurück,
Artabazos und seine Söhne wurden
ehrenvoll aufgenommen, den Ge-
sandten der hellenischen Städte
aber wurde bedeutet, mit ihnen
sei keine Kapitulation möglich,
sondern sie müssten sich auf
Gnade und Ungnade ergeben,
was sie dann zusagten.
Alexander errichtete hier ein
Standlager!) und zog an der
Spitze der Hypaspisten, der Bogen-
schützen und Agrianer, der Pha-
langen des Koinos und Amyntas,
der Hälfte der Hetairen und
der neuformierten Akontisten zu
Pferd gegen die Marder. Er
durchzog den grössern Teil ihres
Gebietes und tötete viele auf
der Flucht, manche auch die
Widerstand versuchten, und nahm
viele gefangen. Seit Menschen-
gedenken war kein Feind in ihr
Land eingedrungen wegen der Un-
wegsamkeit desselben und wegen
der Armut und Wehrhaftigkeit
der Marder, und deshalb hatten
sie sich auch keines Einfalles
Alexanders versehen, zumal er
ja schon weiter vorgerückt war.
So wurden sie denn gewisser-
1) Dies ergibt sich aus c. 24, 4.
J. Marquart,
Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76.
men. Als man darauf lagerte,
wurden die mit Artabazos ge-
kommenen Griechen vorgelassen.
Sie erklärten, sich nur ergeben
zu wollen, wenn auch den Ge-
sandten der Lakedaimonier und
Sinopeer, die an Dareios geschickt
worden waren, Sicherheit gewährt
würde. Allein es wurde ihnen
bedeutet, sich auf Gnade und
Ungnade zu ergeben, was sie
nach langem Zaudern endlich
annahmen. So erschienen denn
die 1500 Söldner, wozu noch
90 früher an Dareios geschickte
Gesandte kamen, im Lager. Sie
wurden begnadigt und mussten
unter Alexander weiterdienen, die
übrigen wurden entlassen mit
Ausnahme der Lakedaimonier,
welche in Gewahrsam gehalten
wurden.
Hierauf durchzog Alexander
die Küste Hyrkaniens und fiel
ins Land der Marder ein, die
allein keine Gesandten geschickt
hatten. Der König liess den
Tross mit einer Bedeckung zurück
und marschierte die Nacht hin-
durch, bis man bei Tagesanbruch
den Feind in Sicht bekam. Dieser
hatte die Zugänge des Landes
mit 8000 Mann besetzt, allein
der König griff sie an und hieb
die meisten nieder, die übrigen
aber verliessen die besetzten Hügel
nnd flohen. Alexander verheerte
nun ihr Gebiet, allein das Innere
des Landes bot dem Marsche
eines Heeres die grössten Schwie-
rigkeiten. Hohe Gebirge und
unwegsame Wälder und Felsen
umsäumten es, in der Ebene aber
hatten die Einwohner die dicht
verwachsenen Wälder künstlich
noch unzugänglicher gemacht. Es
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
Arrian y 23—24.
massen unversehens überfallen
und gefangen. Viele von ihnen
aber flohen in die hohen und
steil abfallenden Berge ihres Ge-
bietes, in der Annahme, dass
Alexander hieher nicht vordringen
werde. Als er aber auch dahin
vorrückte, schickten sie Gesandte
und übergaben sich und ihr
Land, worauf sie Alexander Auto-
phradates, dem Satrapen der
Tapuren unterstellte.
Alexander kehrte darauf ins
Standlager zurück und fand hier
die hellenischen Söldner vor, 1500
an der Zahl, sowie die Gesandten
Margquart, Untersuchungen, II.
49
Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76
gab nur ein Mittel, sich mit
dem Schwert einen Weg durch
das Dickicht zu hauen, was frei-
lich sehr umständlich war. Dabei
lauerten ihnen die Eingebornen
wie richtige Jägervölker überall
im Dickicht auf und belästigten
von daaus, einer regulären Truppe
unerreichbar, durch ihre Geschosse
die Makedonen. Zuletzt liess
Alexander den Wald von seinen
Soldaten umzingeln, um, wo es
möglich wäre, einzudringen. Al-
lein sehr viele verirrten sich und
einige, darunter auch das Leibross
des Königs, der Bukephalas wurden
abgeschnitten. Der Verlust seines
Streitrosses versetzte den König
in die äuwsserste Wut, und es
scheint, dass die Romantiker
hierin die ersten Anzeichen seines
gleich darauf ausbrechenden Cä-
sarenwahneserblickten. Er drohte
das Land völlig zu Grunde zu
richten und den ganzen Stamm
der Marder auszurotten, wenn
sie das Pferd nicht zurückgäben,
und machte sich auch alsbald
daran, die Drohungen auszuführen.
Er liess die Wälder niederhauen
und die durch verschlungenes
Geäst unwegsame Ebene mit Erde,
die von den Bergen herbeigeschafft
wurde, aufschütten. Schon war
das Werk bis zu einiger Höhe
gediehen, als die Barbaren an
der Möglichkeit, ihr Land zu
behaupten, verzweifelnd, das Pferd
mit kostbaren Geschenken her-
beiführten und sich ergaben, indem
sie Geiseln stellten. Der König
unterstellte sie darauf dem Phra-
dates und kehrte am 5. Tage
ins Standlager zurück. Den Ar-
tabazos entliess er sodann nach
Hause. Nun kam man zur Haupt-
4
50
Arrian y 23—24.
von Sparta, Athen, Sinope, Kal-
chedon, die an Dareios gesandt
worden waren und sich nach
dessen Tode den Griechen an-
geschlossen hatten. Die Gesandten
von Sparta und Athen wurden
festgenommen und in Gewahrsam
gehalten, die von Sinope und
Kalchedon entliess er, weil ihre
Städte persische Unterthanen ge-
wesen waren und nicht zum
hellenischen Bunde gehört hatten.
Ebenso wurden von den Söldnern
die, welche vor dem hellenischen
Bündnis in persische Dienste ge-
treten waren, freigegeben, die
andern mussten in seine Dienste
übertreten. Hierauf zog er nach
Zadrakarta, der grössten Stadt
Hyrkaniens, wo die Residenz der
Hyrkanier war.
Von Dämayän aus war der
J. Marquart,
Curt. 6, 4—5, 23. Diod. 17, 75. 76.
stadt von Hyrkanien, wo der
Palast des Dareiost) gewesen
war. Hier erschien Nabar-
zanes, nachdem er Verzeihung
erhalten, mit ungeheuren Ge-
schenken, worunter der Eunuch
Bagoas, der Geliebte des Dareios
und später des Alexander.
ı) D. 1. wohl des Dareios I.
Ochos, der vor seiner T'hronbestei-
gung Satrap von Hyrkanien gewesen
war Ktes. Pers. 44.
natürliche Weg Alexanders nord-
wärts über Täk durch das "Ali-2ä$mä-Thal. Die Streitmacht des
Krateros muss wieder eine Strecke westwärts gezogen sein, da
die Griechen, welche sie aufsuchen sollte, schon von dem Orte
aus, welchen Alexander am vierten Tage nach dem Aufbruch
aus Ragai erreichte, ἃ. ἢ. etwa von Semnän (Σήμινα) aus sich
nordwärts in die Berge der Tapuren gewandt hatten. Diese sind
also nördlich von Semnaän im Sawäd-küh und weiter östlich zu
suchen. Die längere Heerstrasse, auf welcher Erigyios die Bagage
hinüberführte, kann nur über Sährüd geführt haben.
Weit schwieriger ist es aber, den Sammelpunkt der drei
Heersäulen auf der Nordseite der Elburzkette zu bestimmen. Für
die Charakteristik der Urquelle des Diodor und Curtius ist es
von Wichtigkeit, dass sie, wie man sofort sieht, die beiden Rasten
Alexanders zu Beginn und nach Beendigung des Gebirgsüberganges
zusammengeworfen hat, so dass die Beschreibung des Verlaufs
desselben ganz unbrauchbar geworden ist. Die Rehabilitierung
des Nabarzanes ist, entsprechend der Schwere seines Verbrechens,
sehr psychologisch und ganz in der Weise eines modernen Romans
in zwei successive Akte zerlest. Nach ÜCurtius wäre es dem
Krateros und Erigyios auch geglückt, den Satrapen der Tapuren,
Phradates in ihre Gewalt zu bekommen. Auch hier sehen wir
wieder das Bestreben obwalten, die Ereignisse mehr nach rheto-
rischen als nach rein sachlichen Gesichtspunkten zu gruppieren
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 51
und zu gestalten. Vor allem ist hier der Irrtum jener Quelle
zu beseitigen, dass Alexander schon vor dem Zuge gegen die
Marder ganz Hyrkanien durchzogen und dessen sämtliche Städte
bis zur Küste des Kaspischen Meeres sowie die benachbarten
Völkerschaften unterworfen (Diod. 17, 75, 3. 76, 1) und
beim Eintreffen des Artabazos unmittelbar vor der Errichtung
des Standlagers bereits ultima Hyrcaniae d. i. nach dem
Zusammenhange die jenseitige Grenze von Hyrkanien erreicht
hatte (Curt, 6, 5, 1). Diese Auffassung beruht lediglich auf einem
Missverständnis des Ausdrucks ultima Hyreaniae = τὰ
ἔσχατα τῆς Ὑρκανίας, der im Sinne der zeitgenössischen Quellen
den Beginn des hyrkanischen Gebietes bezeichnete, wo Alexander
nach Überwindung des Gebirges rastete (Arrian y 23, 4), nicht
aber dessen Ende. Allgemein Timmt man nun an, dass Alexander
und vor allem Erigyios direkt nach Zadrakarta, das man ein-
stimmig beim heutigen Astaräbaäd sucht, gezogen sei. Alexander
wäre über Tak, Kalätä und Cär-deh durch den Engpass Samfir-
bur nach dem "Thale Caman säwar und von da über den Berg
Gihän-numä auf steil sich hinabwindendem Pfade nach Astaräbäd
gelangt). Den Erigyios lässt man meist den grossen Umweg
über Bistäm, Gä$erm und Kälpü$ im Gebiet der Göklän-Turk-
menen (etwa 15 Fars. von Astaräbäd) einschlagen ?), wo freilich
der leichteste Übergang über das Elburzgebirge ist?). Allein
Gägerm an der Strasse nach Chorasan ist von Dämayän aus
bereits ein so vorgeschobener Posten, dass es als höchst unwahr-
scheinlich erscheinen muss, dass Alexander gerade seinen Tross
selbst einem fliehenden Feinde so stark exponiert hätte. Für
weit wahrscheinlicher müsste es gelten, dass Erigyios von Sährüd
vielmehr über das Gebirge Galäli nach Kalätä, von da über Tas
und den Berg Öaldalijän nach Bäla-Sahküh und weiterhin über
den Kamm des Elburz nach Zijärät und Astaräbäd marschiert
wäre. Alexander hielt nach Überwindung der Pässe an einem
nicht bedeutenden Flusse in der Ebene, also nach dieser Auf-
fassung in der nächsten Nähe von Astaräbäd 4 Tage Rast. Nach
dem Aufbruch aus dem Lager marschiert er auf Zadrakarta, und
auf dem Wege dahin vereinigen sich mit ihm zunächst das Korps
des Krateros, welches die Berge der Tapuren durchzogen hatte,
und bald auch die Abteilung des Erigyios.. Nach dieser Annahme
müsste also die Division des Krateros, die von Dämayän wieder
2 Tagemärsche bis Semnän hatte zurückmarschieren müssen und
von da über Gör-i sätıd und Peröz-köh den Weg durch das
D) Vgl. α. Melgunoff, Die südlichen Ufer des Kaspischen
Meeres 144f. 133.
2) Spiegel, Eran. Altertumskunde I 536 N. 2. Droysen,
Gesch. des Hellenismus 15, 1, 382 N. 2.
ὃ Melgunoff ἃ. ἃ. Ο. 143.
4*
52 J. Marquart,
Thal des Talär nach ΑΙ äbad eingeschlagen und hier die Strasse
über Särı und Gäz nach Astaräbäd erreicht!), also den weitesten
Weg zurückgelegt hätte, vor der Vereinigung mit Alexander be-
reits Zadrakarta passiert haben.
Diese Auffassung ist indessen mit der Darstellung Arrians
unvereinbar. Sowohl aus Arrians wie aus Curtius’ Bericht geht
klar hervor, dass keine der drei Abteilungen Zadrakarta vor dem
Zuge gegen die Marder erreicht hatte. Die Vereinigung der
drei Heersäulen muss also westlich von Astaräbäd stattgefunden
haben, und da die Abteilung des Erigyios zuletzt eintraf, so muss
das hernach errichtete Standlager dem Endpunkt ihres Weges
am nächsten liegen. Daraus ergibt sich, dass Erigyios nur beim
heutigen Gäz die Küste erreicht haben kann, und dass sein Weg
von Sahrüd über Tas (6 Fars.), von da über den Berg Öal&alijan
nach Bala Sahkuü, weiterhin über das Thal Öaman säwär nach
Rädkaän (6 Fars.) "und von da über Barkuläh (1 Fars.) nach Gäz
(4 Fars.) führte. Von Gäz bis Sährüd rechnet man heute im
ganzen 19 Fars.?). Dazukommt noch die Strecke von Sährüd bis zu
deh Ruinen von Hekatompylos bei Frät, welche 26 +16 - 16
= 58 miles oder 141/, Fars. — 2 Tagereisen beträgt, im ganzen
also 5 Tagereisen. Melgunoff brauchte in schlechter Jahreszeit
von Gäz bis Sährud 5 Tage.
Alexander muss demnach noch weiter westlich die Küste
erreicht haben, etwa bei Pul-i Nikäh. Er zog also von Heka-
tompylos zunächst nördlich nach Täk, von wo der Weg durch
eine Schlucht links von diesem Dorfe und dann durch eine ge-
birgige Gegend weiterführt. Nach Überschreitung, der ersten
Berge lagerte man, vermutlich beim Engpass (äßmä-i "Alı.
Melgunoff gibt von diesem Wege folgende Beschreibung
(5. 144): „Drei Farsakh von Tok ist ein Schwefelquell mit
klarem und frischem Wasser, von wo aus man die damganischen
Salzseen sehen kann. Der Weg führt denn immer weiter durch
Schluchten, in denen man bei jedem Tritte ein hohles metallenes
Dröhnen hört, bald stärker, bald schwächer, welches von früheren
unterirdischen Kanälen herrühren soll, durch welche einmal das
Kaspische Meer mit dem persischen Meerbusen in Verbindung
gestanden haben soll; andere meinen, es- rühre von den in den
Bergen lagernden Metallen her. Nachdem man einen Hügel und
ein altes Karawanserai am Fusse desselben hinter sich hat, kommt
man durch ein Thal nach Tschaarde oder Tsschahordeh 35 =),
welches vier Farsakh von dem Schwefelquell entfernt ist. Das
1 Vgl. J. G. Droysen, Gesch. des Hellenismus 15,1, 382 N. 2.
?) Melgunoff, Die südlichen Ufer des Kaspischen Meeres $. 127 ff.
3) Auf dem vom kriegstopographischen Bureau in Taschkent
bearbeiteten Blatt XVIII der Karte des asiatischen Russland Cahadar-
deh \arazap-ıext.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 53
Dorf Tschahorde liegt in einer von drei Seiten mit hohen Bergen um
gebenen Aue, mitten zwischen Gärten, und besteht eigentlich aus vier
Dörfern. ... In den nahen Bergen hausen Tiger, Panther und. der-
gleichen. ... Von Tok bis Tschahorde rechnet man 7 Farsakh* u. s. w.
Diodor und Curtius lassen Alexander allerdings bereits
150 Stadien von Hekatompylos Rast machen, ®n valle, qua
Hyrcaniam adeunt, wie Curtius (6, 4, 3) sagt. „Nemus praealtis
densisque arboribus umbrosum est pingue vallis solum rigantibus
aquis, quae ex petris imminentibus manant“. In der Nähe war
ein grosser Felsen, an dessen Fuss ein beträchtlicher Fluss namens
Στιβοίτης (Curtius Ziobetis für Ziboetis, *Stbawatis) aus einer
Höhle hervorbrach. Derselbe floss zuerst 3 Stadien in ungestümem
Gefälle dahin, und teilte sich dann bei einem zitzenförmigen
Felsen, an dem er sich brach. Unter diesem befand sich ein
gewaltiger Schlund, in welchen der Fluss mit mächtisem Getöse
hinabstürzte und 300 Stadien weit unterirdisch floss, bis er
wieder zu Tage trat und sofort in einem nunmehr 13 Stadien
breiten Bette dahinfloss, das aber bald wieder eingeengt wurde.
Endlich fiel er in einen andern Fluss namens Ridagnus. Die
Eingebornen behaupteten, dass solche die beim Eingang dieser
Höhle hinabgelassen würden, beim Wiederaustritt des Flusses
wieder zum Vorschein kämen. Alexander habe dann zwei Leute
in den Schlund hinabwerfen und konstatieren lassen, dass sie am
bezeichneten Orte wieder herausgeworfen worden seien.
Die angegebene Entfernung führt uns unzweifelhaft nach
Täk. Es ist deshalb gewiss nicht zufällig, dass Ibn al Fagih!)
dasselbe Phänomen von Täq „öLbJ} berichtet. Seine Beschreibung
lautet: „Täq ist ein schwer zu begehender Tunnel an einer Stelle
des Berges, den selbst ein Fussgänger nur mit Anstrengung
passieren kann. Dieser Tunnel gleicht einem kleinen Thore.
Wenn man ihn betreten hat, schreitet man darin etwa eine
Meile in tiefer Finsternis voran, dann kommt man heraus zu
einem weiten Ort ähnlich einer Stadt, den die Berge von allen
Seiten umringen, und zwar Berge, die niemand zu besteigen ver-
mag wegen ihrer Höhe, und wenn ihm das auch glücken würde,
so vermöchte er nicht abzusteigen. Auf dieser Flur sind Höhlen
und geräumige Kammern, deren Ende man teilweise nicht erreichen
kann. In der Mitte derselben befindet sich eine wasserreiche
Quelle, die aus einem grossen Felsen hervorsprudelt und deren
Wasser wieder in einen andern Felsen hinabsinkt, der etwa
10 Ellen vom andern entfernt ist, und niemand kennt nachher
den Verbleib ihres Wassers. In den Zeiten der Könige der
Perser pflegten diesen Tunnel zwei Mann zu bewachen, die eine
τς 1) Bei Jäq. III Y4., 1086. Vgl. die abgekürzte Bearbeitung Bibl.
Geogr. V PR, 9—12.
54 J. Marquart,
Strickleiter bei sich hatten, die sie hinabliessen* vom Orte, wenn
einer von ihnen hinabsteigen wollte, lange Zeit hindurch’). Und
beide hatten alles was sie brauchten, bei sich auf viele Jahre.
Die Lage bezüglich dieses Tunnels und dieses γαζοφυλάκιον blieb
ununterbrochen in dem beschriebenen Zustand, bis die Araber die
Herrschaft antraten. Da begehrten sie hinaufzusteigen, es war
aber zu schwierig, bis al Mazijär die Herrschaft von Tabaristän
antrat. Der fasste diesen Ort ins Auge und lag eine Zeit lang
vor ihm, bis die Hoffnung, ihn zu besteigen, sich ihm geebnet
hatte. Da stieg ein Mann von seinen Leuten hinauf. Als er
nun angelangt war, liess er Stricke herunter und liess Leute
hinaufklettern, darunter den al Mäzijär selbst. Schliesslich richtete
er seine Aufmerksamkeit auf die Gelder, Waffen und Schätze,
die in jenen Höhlen und Kammern waren. Da betraute er mit der
Bewachung von all dem Leute von seinen Vertrauten und gieng weg.
Der Ort blieb nun in seiner Gewalt, bis er gefangen wurde, und die
mit dessen Bewachung Betrauten entweder kapitulierten oder
starben. Der Weg ist abgeschnitten bis zu diesem Zeitpunkte.*
Dass Curtius-Diodor und Ibn al Fagih dieselbe Örtlichkeit
im Auge haben, ist unverkennbar. Wenn die Entfernung zwischen
den beiden Felsen bei erstern auf 3 Stadien anstatt auf 10 Ellen,
wie bei Ibn al Fagih angegeben wird, so kann dies um so
weniger gegen die Identität entscheiden, als Curtius die Breite
des Bettes des wieder zu Tage getretenen Flusses auf 13 Stadien(!)
angibt, während doch der Euphrat nach Xenophon nur 4 Stadien,
der Maiandros nur 2 Plethren breit war (Anab. 1,2,5.4,11).
Dass man zu Alexanders Zeiten zu wissen glaubte, wo der in
den Felsschlund versunkene Fluss wieder zum Vorschein komme,
im 9. Jh. n. Chr. aber diese Kunde verschollen war, hat gleich-
falls nichts zu bedeuten. Natürlich kann aber Alexanders Heer
nicht an der Stelle jenes Phänomens selbst gelagert haben, sondern
nur unten im Thale; höchstens eine kleine Sicherungsabteilung
kann dasselbe erkundet haben. Ich glaube aber, dass die ganze
Beschreibung dieses Ortes gar nicht ursprünglich der Alexander-
geschichte angehört, sondern einem Bericht über Antiochos des
Grossen Feldzug im J. 209 entlehnt ist, welcher thatsächlich von
Hekatompylos aus nach Ταγαί gelangte und hier seine Dispositionen
für den Marsch über das Gebirge traf (Polyb. 10, 29, 3). Dafür
sprechen besonders die 150 Stadien von Hekatompylos bis zu
jenem Lagerort, welche genau der aus Apollodoros von Artamita
zu erschliessenden Entfernung zwischen Hekatompylos und Tayn
— 140 Stadien = rund 5 Fars. entsprechen, aber hinter der nach
dem sonstigen Wegmass der Bematisten zu erwartenden Anzahl
(ca. 200 Stadien) erheblich zurückbleiben. Im Unterschiede von
Ἢ Der Auszug: „vom Gipfel des Berges zu denen, welche zu
ihnen hinaufsteigen wollten; sonst gab es absolut keinen Weg dahin“.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
den Bematisten und Alexanderhistorikern rechnete aber Polybios
nach attischen Stadien zu 185 m.
Ibn al Faqih weiss noch eine andere merkwürdige Natur -
erscheinung aus der Umgebung von Täq zu berichten: „Sulaimän
b. “Abdalläh erzählt, dass neben diesem Täq etwas wie ein Laden
sei, und dass, wenn jemand zu ihm komme und ihn mit
Menschenkot besudle, oder mit sonstigem Schmutze , sich alsbald
mächtige Wolken erheben und auf ihn herabregnen, so dass sie ihn
waschen und reinigen und jener Schmutz davon abgeht, Das ist in
der Stadt bekannt, indem es deren Einwohner wissen und keine zwei
von den Einwohnern dieser Gegend an dessen Richtigkeit zweifeln,
und es bleibt kein Schmutz daran weder Sommers noch Winterst).*
Berüni, der dieselbe Sage erwähnt?), nennt den Ort „Laden
Salomos des Sohnes Davids“ und sagt, dass er in der Höhle
Ispahbedän „NRgmo! im Berge Täq in Tabaristän liege?).
Nun erzählt Melgunoff 5. 144: „In der Nähe von Tschahorde
[7 Fars. von Tok] ist ein Brunnen, Tscheschmebad las >,
Windbrunnen genannt. Die Perser glauben, dass, wenn man
irgend etwas Unreines hineinwirft oder ein Ungläubiger ihn
berührt, sich plötzlich ein Sturm oder Gewitter erhebe.. Aga
Mohammed Khan, erzählt man, wollte die Wahrheit dieser Tradition
erproben, aber in einem Augenblicke wurde sein ganzes Heer
durch einen starken Sturm niedergeworfen.* Wenn die Örtlich-
keiten auch nicht genau stimmen, so ist es doch dieselbe Sage,
die also auf eine weiter abliegende Lokalität übertragen ist.
‚.. Hinter Kaläta verliess Alexander die Strasse, welche rechts über
Cahär-deh und weiter durch den Pass SamSirbur nach Caman-säwar
und von da einerseits über Rädekän nach Gäz, andererseits nach Asta-
räbäd führte, und zog links auf der Strasse, die auf der oben S.52 Anm. 3
erwähnten russischen Karte des asiatischen Russlands verzeichnet ist,
über Namäkä, Badali, Nabendi nach Pul-i-Nikäh, wo er in der Ebene
am Ufer des Nikaäh Rast hielt*). Der Weg Alexanders war also
in der That nicht viel kürzer, dagegen allerdings weit beschwer-
licher als der des Erigyios. Leider fehlt uns jede Angabe darüber,
wie lange Alexander zu dem Gebirgsübergang gebraucht hat.
1) Jäg. ΠῚ ri, 4ff. Bibl. Geogr. Arab. V ”1.. 13—16.
®) Chronologie 5. ἢ, 3 (ΞΞ 235 der Übersetzung Sachau’s).
ὃ), Diese Höhle ..‚\\42o0l ist natürlich nicht zu verwechseln
mit der gleichnamigen Stadt, die nur 2 Meilen vom Meere entfernt
war, Ibn al Faq. ®., 10. ®., 7.
*) Es ist anzuerkennen, dass Niese, Gesch. der griech. und
makedon. Staaten I 108 N. 1, sich der Schwierigkeiten des herkömm-
lichen Ansatzes des Lagerortes bei Zadrakarta voll bewusst geworden
ist. Freilich liegt Säri, an das er denkt, wieder zu weit westlich.
56 J. Marquart,
Von da schlug er den Weg östlich der Küste entlang über ASräf
und Gäz nach Zadrakarta ein. In der Nähe von ASräf haben
wir die εὐδαίμονες κῶμαν zu suchen, deren üppige Vegetation
so hoch gepriesen wird (Diod. 17, 75, 4—7 vgl. Curt. 6, 4, 21. 22).
„Durch ihre malerische Lage und den Reichtum der Vegetation
zeichnet sich die Stadt vor allen andern Städten an der südlichen
Küste des Kaspischen Meeres aus, dennoch aber ist der Distrikt
Aschref einer der ärmsten in der ganzen Provinz Mazanderan“ ἢ).
Zunächst traf. nun von Westen her das Korps des Krateros ein,
und bei Gäz langte auch Erieyios mit der Bagage an. Als dann
auch Artabazos und die Abgesandten der hellenischen Söldner
eintrafen, wurde gehalten. Artabazos und die hellenischen Söldner,
die ja einen beträchtlichen Vorsprung hatten, da sie schon von
Semnän aus sich in die Berge gewandt hatten und deshalb von
dem Korps des Krateros nicht mehr erreicht worden waren, hatten
den Satrapen der Tapuren, Wätafradaäta veranlasst, mit ihnen
nach Hyrkanien zu ziehen und standen offenbar bereits östlich
von Zadrakarta. Der Ort des Standlagers, das heutige Gäz, besitzt
eine strategisch sehr wichtige Lage, da er die Verbindung
zwischen Tabaristän und Gurgaän beherrscht. Von Gäz rechnet
man 6 Fars. nach Astaräbäd (Melgunoff, Die südlichen Ufer
des Kaspischen Meeres 112). Hier muss die alte Stadt Tames
insb oder Tamesa zii, ans gelegen haben, welche in
der Sasaniden- und ältern Chalifenzeit eine wichtige militärische
Rolle spielte. Sie war 7 Fars. von Astaräbad entfernt (Ibn al
Faq. P*., 6) und lag an der Grenze zwischen Tabaristän und
Gurgän?. Genau war die Grenze bei Ribät-i Achor zwischen
Tame$ und Astaräbäd (Ibn Rusta 54. 11). Bei Tamesa befand
sich eine vom Gebirge bis zum Meere reichende Backsteinmauer,
welche Chosrau Anosarwän zum Schutze des Landes gegen die
Einfälle der Türken erbaut hatte?). Kohijär, der Bruder des
Spähpets Mähjazdjär*) zerstörte im Auftrage des letztern Stadt
und Mauer von Tames, um den dort angesiedelten Arabern ihren
Stützpunkt zu entziehen. Darauf liess Sarchästan®), der Wezir
des Mähjazdjär, die Mauer des Chosrau wiederherstellen und
noch ins Meer hinein erweitern und mit Türmen verstärken und
errichtete ein festes Lager, um den Truppen des Emirs Abdallah Ὁ.
Tähir den Zugang zum Lande zu verwehren. Die einstige Bedeutung
1 Melgunoff S. 149.
2) Ibn al Faq. ἢ, 19. Ibn Rusta lo., 2.
3) Ibn Rusta lo., 4ff. = Ibn al Fag. ”.Y, 7. Tab. III \fvo,
ἢ) So Bal. if, 14. P1, 7ff. „den Ized Mäh zum Helfer habend‘*;
gewöhnlich abgekürzt u;Lr,
5) Tabaristanisch für „Ley, (Cahır eddin).
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 57
von Tame$a tritt noch in der Überlieferung des iranischen Epos
bei Firdausi zu Tage, bei welchem es als Residenz des Fredün
erscheint?), welcher hier dem Partherkönig Mithridates I. entspricht.
Der Feldzug gegen die Marder führte Alexander bis in die
Gegend von Amul, das von denselben seinen Namen hat. Amul
ist die regelrechte neupers. Form des alten Volksnamens Maedoı
oder ”Auegdo:, ap. *Mrda oder *Amrda. Unter dem Namen
"Aueodor lernte Patrokles dieses Volk am östlichen Ufer des unteren
Sped-röd (Qyzyl-özän) kennen. Ihr Gebiet wird ganz so geschildert
wie noch in der Chalifenzeit Tabaristän, dicht bewaldet und un-
wegsam, mit vielen Schluchten und hohen Bergen. Manches
arabische Heer wurde hier mit blutigen Köpfen heimgeschickt,
und auf Macgala Ὁ. Hubaira, der unter Mu’äwija bei einem Ver-
suche, in Tabaristän einzudringen, in dessen Engpässen den Unter-
gang gefunden hatte, ward das Sprichwort gemünzt: „bis Macgala
aus Tabaristän zurückkehrt“ Ὁ. Der Partherkönig Phradates I.
unterwarf die Marder wiederum und verpflanzte sie nach der
Stadt Χάραξ in der Nähe der kaspischen Thore®). Ihre Sitze
nahmen alsdann die Tapuren ein, von denen das Land später den
Namen Tabaristan (Münzen 4893239? Tapurstäm) erhielt. Ein
anderer Stamm des weitverzweigten Volkes der Marder wohnte in der
Nähe des Oxus, und zwar nicht bloss an dessen Mündung 4), sondern
auch viel ir östlich®), wo noch im Mittelalter die Stadt Amul
oder Amis, chin. Mu‘) (heute Cärsüi) ihren Namen bewahrt hatte.
Dass wir die Sitze der Marder bei Amul und das Standlager
Alexanders bei Tam&S richtig bestimmt haben, wird durch die
Ὦ In Rückert’s Übersetzung Bd. 1 72. 116. 180. Freilich findet
sich in den arabisch-persischen Reflexen des Chodäi-namak keine Spur
davon. — Vgl noch über Tam&sa Spiegel, Eran. Altertumskunde I 69
NL. er: eddin ff. Dorn, Auszüge aus muhammedanischen Schrift-
stellern 8. 37. 73.
®2) Bal. Mo, 4—10.
3) Justin 41, 5, 9. Isidor v. Charax, σταϑμοὶ Παρϑικοί ξ 7 bei
C. Müller, Geogr. Gr. min. I 251. Vol. oben S. 25 Anm. und
mein „Eränsahr‘ 5. 135 f. und Anm. 7.
4) Mela 3, 39: intus sunt ad Caspium sinum Caspii et Amazones
sed quas Sauromatidas adpellant, ad Hyrcanium Albani et Mochi (Mükän)
et Hyreani, in Seythico Amardi et Pestici et iam ad fretum
Derbices.
3, 42: Jaxartes et Oxos per deserta Sceythiae ex Sugdianorum
regionibus in Seythieum (sinum) exeunt, ille suo fonte grandis, hie
incursu aliorum grandior, et aliquamdiu ad occasum ab oriente ad
septentrionem converso inter Amardos et Paesicas os aperit. Die
Paesicae oder Pestiei (Plin. 6, 50) sind die Arasıazaı des Polybios
ı 48 und Strab. τα 8,8 p. 513, die Παυσίκαι Her. y92. 5. oben S.23 Anm.
5) Plin. h.n. 6, 47: Ab huius (Margianae) excelsis per iuga Caucasi
protenditur ad Bactros usque gens Mardorum fera, sui iuris.
6) 8. meine Chronologie der alttürkischen Inschriften 8. 64f.
58 J. Marquart,
Angabe des Curtius aufs schönste bestätigt, dass Alexander am
5. Tage nach der Unterwerfung der Marder das Standlager wieder
erreichte (6, 5, 22 inde quinto die instativarevertitur).
Die beiden Rezensionen des Istachri ἢ}. geben folgende Itinerare
von Amul nach der Hauptstadt von Gurgän:
α β (ὃ, E, OundL)
Amul
Mala 2 Fars.
- 0 1 marh.
We > 1
Säarıjjaa 1 marh.
Bärist 1 marh. Nämija!) 1 marh.
Abadan 1 n Sa 32) 1 ”
Tamesa 1 Tamesa 1
”
Astaräbäd 1 marh.
Ribät Hafe 1
Gurgän 1
Das erstere Itinerar ist von Särija ab von Mugaddasi pr, 14 ff.
aufgenommen worden, das zweite findet sich teilweise bei Ibn al
Faq. P*,, 5 wieder, wo es folgendermassen lautet:
St} ἢ
Nämija 8 Fars.®)
Tamzs 6
ἢ
Αβίαταραδ 7 ,
Sahristän 14 ,
(35 Fars.)
Dass hier Ibn al Fagih das richtige hat und Nämija näher
bei Tames lag, scheint sich schon daraus zu ergeben, dass Mihrawän,
welches in cod. C des Istachri dessen Stelle einnimmt, 10 Fars.
von Särija entfernt war (Ibn al Fag. ®.%, 13). Eben darauf
führt Ibn al Fagih's Bemerkung "Ὁ, 12: „Zwischen Sarija,
Nämija und Tames sind 20 Fars.“. Diese Angabe ist freilich
sehr ungenau ausgedrückt, kann aber doch nur den Sinn
haben, dass man von Särija über Nämija nach Tames 20 Fars.
rechnete, während er 8. ΚΡ, 13 (daraus Jäg. III οἷν, 16) die
Entfernung zwischen Särija und Tames (also wohl auf direktem
1) C „arg“. Diese Stadt hatte eine Kanzel und lag nach Ibn
al Faq. ΩΝ, 13 10 Fars. von Särija.
2) Cod. F Sm, lat.
BD Sutil, J ame,
4) δ 3105
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 59
Wege) nur auf 16 Fars. angibt. Nämija war nur ein Dorf!), das
seinen Namen (xı.L;, arabisiert aus np. rl phl, namik „nam-
haft“, oder, falls xls zu lesen, np. orte ΡΒ]. bamik „glänzend‘,
aw. bämja) in historischer Zeit nicht rechtfertigte.e Es wird mit
TameS zusammen in der Eroberungsgeschichte (a. 30 H.) ge-
nannt 3).
Sollte dagegen „Sut,L derselbe Ort sein wie das heutige
Dorf! wien! Limräs östlich von Asräf an der Grenze der
Kreise Kulbäd und ASräf?), so hätte Istachrı die richtige Reihen-
folge bewahrt. Wenn aber damit auch Jagüt’s Sm 4) identisch‘
sein soll, so muss seine Angabe, dass es nur 11/, Fars. von Astaräbad
entfernt sei, notwendig falsch sein.
Neuere Reisende geben folgende Route von Säri nach Asta-
räbad):
Sarı
ASräf 8 Fars.
Kulbär 5
n
Sär mahallä 7
Astaräbad 8
Von Amul gab es auch einen direkten Weg nach Särija, der
Turunga nicht berührte, sondern in einer Tagereise nach Mamatir
λα, und von da in einer weiteren Tagereise nach Särl führte ®).
Mugaddası ®\f, 13 hat hier wieder Verwirrung gestiftet. Sein
Itinerar lautet:
Amul
Mämatir 1 marh.
Sarıja Τα
sn I»
Beginn der Grenze 3 „
Allein Turunga lag ja vor Särja Es muss also richtig
1) Bal. Pf, ult. Nach Tab. I fu, 14 war es keine Stadt,
sondern eine wüste Ebene.
2) Die Vermutung Wüstenfelds (Jäqüt V 298), das url
mit UmanD identisch und nur eine falsche Schreibung statt Χαμ’
[vielmehr &mAl5] sei, ist also abzulehnen.
ὃ Melgunoff, S. 161.
*) Jäq. IV PU, 7.
5) Mordtmann, Hekatompylos. SB. der bair. Akad. 1869, 1, 535.
δ) Ist. ἤν, 2 = Ibn Haugal P?vo, 12.
60 J. Margquart,
beissen: „ei! ὁ | > „ale (“ἢ ae. 7 . ἁφὰς
a &>a Kulm ra 0
Ebenso unrichtig ist die Angabe des Ihn al Fagih f, 15:
„Die Hauptstadt und zugleich die grösste Stadt von Tabaristän
ist Amul, wo die Stadthalter residieren, dann Mämatir, die 6 Fars.
. . nn 33 . .
von einander entfernt sind, dann Turunga x = 's, eine kleine Stadt,
die 6 Fars. von Mämatir entfernt ist, dann Särija“ Turunga
muss in der Nähe von Mämatir gelegen haben und kann nur von
Amul 6 Fars. entfernt gewesen sein. Heute rechnet man von
Amul nach Bärfurüß, dem alten Mämatir, 7 Farsach subuk —
1 Tagereise, und von da nach Säri 7 Fars.!), Balädurl bei Ibn
al Fagih 0, 14 = ὅ8α. II of, 12) gibt die Entfernung
zwischen Amul und Särija auf 13 Fars. an?).
Wir erhalten demnach folgende zwei Itinerare:
Amul Amul
alın 2 Fars.
Mämatir 6 Fars. (1 marh.) Σοὶ Bu | 3(?): „ a
Sarıjja 1 marh. Sarıja 1 marh.
wm. 1 , sl 1, oder
sul Inu i Nämija®) 8 Fars. (1 marh.)| umgekehrt
Tamesı T Ὁ Tames ’ "6°, ΞΕ
Astarabadö 7 Fars.(1 marh.)
Ribat Hafg 1 marh. } 14.Tar
Gurgän ἼΛΗΣ
Die Entfernung von Amul bis Tame$a beträgt also genau
5 Tagereisen, und von da hatte man noch eine Tagereise bis
Astaräbaäd (Zadrakarta).
Tomaschek identifiziert die von Curtius genannte Stadt
Arvae, bei welcher die Wiedervereinigung mit den Corps des
Krateros und Erigyios stattfand, mit dem von Ptol. 6, 9 unter
98° L. 40° 30' Br. aufgeführten Σάρβα. Ist diese Gleichsetzung
richtig, so wäre Σάρβα der antike Name von Tamesa.
Antiochos d. Gr. scheint im Jahre 209 im wesentlichen den-
ı) Melgunoff ἃ. a. O. S. 176. |
2) Wenn Jäg. III |., 9 dafür 18 Fars. gibt, so hat er die bei Ibn
al Faq. ®.}, 16 nicht angegebene Entfernung Turunga-Särija (1 Tage-
reise) fälschlich dazugerechnet. |
)C οἷ» ΣΝ
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 61
selben Weg gemacht zu haben wie Alexander. In Tagai ward
er von den Eingeborenen über die Schwierigkeit der zu passierenden
Gegend unterrichtet, bis man zu den Übergängen des Labos- oder
Labutasgebirges gelange, die nach Hyrkanien führen. Er teilte
nun sein Heer in 3 Abteilungen und gab jeder eine Anzahl
leichtbewaffneter Truppen und Pioniere bei, welche im Notfall
die von den Feinden besetzten Höhen erklimmen und die Wege
in Stand setzen konnten. Die Schwierigkeiten des Weges stellten
sich aber als viel bedeutender heraus, als der König sie sich vor-
gestellt hatte. Die Länge des Aufstieges betrug gegen 300 Stadien
—= 10 Fars.), währenddessen der Weg grösstenteils durch die
tiefe Schlucht eines Gebirgsbaches führte, welche häufig durch
herabgestürzte Felsblöcke und Baumstämme versperrt war; wo
dies nicht der Fall war, hatten die Eingeborenen künstliche Ver-
haue hergestellt und den ganzen Hohlweg entlang die geeignetsten
Vorsprünge besetzt, von denen aus sie das makedonische Heer
belästigen konnten. Allein die Massregeln des Königs bewährten
sich, und als es beim ersten Wachtposten zum Zusammenstoss mit
der ersten Division unter Diogenes kam, erkletterten die Leicht-
bewaffneten des Diogenes ohne weiteres die Seitenwände der
Schlucht und gewannen so einen höheren Standpunkt als die Feinde,
denen sie mit ihren Geschossen, besonders mit den Schleudern,
sehr zusetzten. Hatten sie dann dieselben von ihren Posten ver-
trieben, so erhielten die Pioniere Gelegenheit den Weg ungestört
in Stand zu setzen. Auf diese Weise gelang es der Armee des
Antiochos, die Engpässe sicher, wenn auch langsam und mit
grossen Schwierigkeiten zu überwinden, bis man endlich am achten
Tage die Höhen des Labos erreichte. Darunter ist wohl die letzte
Gebirgskette zu verstehen, welche man auf dem Wege nach
Hyrkanien zu übersteigen bat, Hier hatten sich die Feinde ge-
sammelt, entschlossen, "den Makedonen den Übergang zu wehren,
und es efttdparin sich ein heisses Gefecht, in welchem Antiochos
jedoch dank der Tüchtigkeit seiner Leichtbewaffneten, welche eine
grosse Umgehung ausgeführt und die überragenden Punkte im
Rücken der Feinde besetzt hatten, Sieger blieb. Der Feind wandte
sich zur Flucht, der König liess aber die Seinigen von der hitzigen
Verfolgung durch Trompetensignale zurückrufen, da er in ge-
schlossener Ordnung nach Hyrkanien hinabziehen wollte. Darauf
zog er nach Τάμβραξ, einer unbefestigten Stadt, die aber einen
ziemlichen Umfang hatte und einen Palast besass, und hielt dort
Rast. Da aber die meisten der aus der Schlacht geflohenen Feinde
sowie die Einwohner der Umgegend sich nach der nicht weit von
Tambrax gelegenen Stadt Ziovy& zurückgezogen hatten, welche
wegen ihrer Festigkeit und ihrer sonstigen günstigen Lage ge-
wissermassen die Residenz von Hyrkanien war, so beschloss er
diese gewaltsam zu nehmen. Die Stadt war von einem dreifachen
Graben umgeben, jeder wenigstens 30 Ellen breit und 15 Ellen
62 J. Marquart,
tief. An den Rändern eines jeden lagen doppelte Wälle, und
zuletzt ein mächtiges Vorwerk. Die Parther wehrten sich tapfer,
allein der Übermacht des Königs gelang es schliesslich, die Gräben
aufzufüllen und die Mauern durch Minen zum Einsturz zu bringen.
Nun töteten die Parther die in der Stadt ansässigen Hellenen,
plünderten die wertvollsten Geräte und versuchten sich während
der Nacht durchzuschlagen. Allein als der König dies gewahr
wurde, schickte er ihnen den Hyperbasis mit den Söldnern nach,
weleher die Feinde wieder in die Stadt zurücktrieb. Als mun
die Infanterie durch die Bresche eindrang, verzweifelten sie am
weiteren Widerstand und ergaben sich.
Leider lassen sich die beiden Städte Τάμβραξ und Σίρυγξ
bis jetzt nicht mit irgend welcher Sicherheit identifizieren. Es
gab wohl eine sehr feste Burg Sb Tabarak auf dem Gipfel
eines kleinen Berges in der Nähe von Raj, rechts von der Strasse
nach Chorasan, die vom Selgukensultan Togrul Ὁ. Arslan im
Jahre 588 H. zerstört wurde (Jäq. IH o.v, 19ff.), dagegen ist in
Hyrkanien und Tabaristän weder heute noch im Mittelalter ein
ähnlicher Name zu finden. Cahir-eddin p. 10, 14 gibt allerdings
dass αἱο im Dialekt von Tabaristan „Berg“ bedeute Man
kann vermuten, dass Tambrax beim heutigen SärI lag, dann hätten
wir Ziovy& etwa in dem eine Tagereise westlich von Särija ge-
an,
legenen Ort ein oder „ey Turunga der arabischen Geo-
graphen zu suchen, der eine Kanzel besass.. Dorn, Caspia 49
stellt für Sirynx auch den x,5 SS, 45 Türeng-täpä (Fasanenhügel)
im Gebiete von Astaräbäd zur Verfügung, wo man viele Alter-
tümer gefunden hat. Jedenfalls hat der Name “Σίρυγξ mit Sarı
5m, arabisiert &4,L. nichts zu thun. Denn wie der dazu er-
fundene Eponymos ἃς. > bei Cahir-eddin %,, 3 οἷο. beweist, ist
Säri dialektische Umbildung von Sari. Der Name Särüi oder
älter So Lu Särük aus Sarbak ist aber ursprünglich ein Appella-
tivum mit der Bedeutung „Burg“ oder „Palast*t). Die appella-
1) Zum Übergang von ὦ in 2 vgl. Horn, Neupers. Schriftsprache
5, 21 8 5,6. — .ὖν „lud! hiess ein uralter auf Tahmörup zurückge-
führter Palast in Ispahan Ibn Rusta 4}, 1, bei Hamza },, 3. iv, 8.
1a, 5 v. u. 114, 4 v. u. Fihrist }f., 16. 27. Pi, 14 ausw. sowie die
Burg von Hamadän, in welcher man das von Gam gegründete
Wara erblickte, Jäg. IV 1, 3. Ibn al Fag. ἢ“, Pf, Pr, wo-
für! Jäqg. III 1, 18 vgl. IV I, 9. 14 die neupers. Form „lm
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 63
tive Bedeutung des Namens Ta&ußo«& würde es erklären, wes-
halb derselbe später durch ein anderes Appellativum ersetzt worden
wäre. Haben wir dagegen „Sul, mit dem heutigen Limräs
gleichzusetzen, so könnte Tambrax mit dem mittelalterlichen
Nämija zusammenfallen.
Strabon ı@ 7,2 p. 508 schreibt T«AAßo6xn für Τάβρακα
(ace.)1). Wenn er aber zum βασίλειον Teyn (8. ο. S. 21) bemerkt:
ὅ φασι μικρὸν ὑπὲρ τῆς ϑαλάττης ἱδρυμένον, so beruht
dies auf einer Verwechslung mit Τάμβραξ, wie die Entfernung
Tage’s von den Kaspischen Thoren unwiderleglich beweist. Neben
diesen beiden nennt er noch zwei andere hyrkanische Städte
Σαμαριανή und Kaore. Letzteres dürfte dem Ζαδράκαρτα Arrians
entsprechen, Σαμαριανή aber ist dieselbe Stadt, die von Ptol. 6, 9
p. 416, 11 Σαραμάννη geschrieben und an die hyrkanische Küste
unter 94° 15’ L. 40° 80° Br. gesetzt wird. Bei Plin. 6, 113 ist
der Name in Maria verstümmelt.e. Dorn, Caspia 54 N. 1. 120
denkt für Σαμαριανή an ei 2), eine Stadt in den Qären-bergen,
1 Tagereise von Särija Ist. Yo, 11. ἣν, 2, was aber mit den
Daten des Ptol. nicht stimmt.
Nachdem Alexander in Zadrakarta 15 Tage Rast gehalten
hatte, welche mit Opfern und gymnischen Spielen zu Ehren der
Götter ausgefüllt wurden, brach er wiederum nach dem Land der
Parthyaier auf. Nachdem er diese unterworfen hatte, setzte er
angibt. Ss em scheint auch der Name der Stadt ἜΝ in Sagi-
stän gewesen zu sein (Mas. VIII 42 cod. A). Eine ältere Form
ist erhalten im Namen der Burg von Karchä de Böth Selöch in
Garamaea, „AD;SS Sarbai (G. Hoffmann, Auszüge S. 45. 269), die
identisch ist mit dem im gnostischen Hymnus bei Wright, The
apoeryphal acts of the apostles I p. 933, 6. as}, 15. 85, 14 ge-
nannten NK Sarbüg. Die älteste Form ist also offenbar #Sarbik
oder *Sarbuk. Nun heisst es im Bund. 29, 14 (West, PT.I120): „The
enclosure formed by Jam is (in) the middle of Pärs, in Sruvä (T D pahl.
Srübak); thus, they say, that what Jim formed (Jam-kart) is below
Mount Jamakän (TD Camakän)‘. Ich vermute deshalb, dass ϑΔῸ ein
Fehler ist für 8144.090 Sarbük. Der Übergang von ὦ in die Spirans ß
nach r ist regelmässig, wie der entsprechende des g in y (Mary). Vor
u fällt das ß leicht aus, z. B. Merhuian, Mehrusan, Merusan =
Μιϑροβουξάνης: vgl. Mehendak, Mehundak = Mihrevandak, *Mitra-
Bandaka. — ὃ. jetzt auch mein „Eränfahr nach der Geographie des
Ps. Moses Chorenaci 134f.
1) Vgl. Dorn, Caspia 129.
2) Jäq. ΠῚ PP schreibt unrichtig HR.
64 J. Marquart,
ihnen, wie Justin 12, 4, 12 berichtet, einen vornehmen Perser
zum Satrapen, von welchem die nachmaligen Könige der Parther
abstammten. Wir machen auch hier wieder die Beobachtung,
dass der Gewährsmann des Trogus seine Hauptquelle selbstständig
verbessert. Es war ihm bekannt, dass in parthischer Zeit die
Städte Arsace (A004 Asak) in der östlich an Hyrkanien stossenden
parthischen Landschaft ’4orevnvn und Νίσαια in der Landschaft
Parthyene (8. u.) die wichtigsten Orte von Parthien waren, und
er hielt sich zu der Annahme berechtigt, dass es schon in
achaimenidischer Zeit so gewesen sei. Demnach war die Unter-
werfung der Provinz Parthien erst mit der Sicherung dieser
Landschaften beendigt. Der Auszug des Justin ist freilich offenbar
lückenhaft und verwirrt. Der Text lautet: Parthis deinde
domitis praefectus his statuitur ex nobilibus Per-
sarum Andragoras; inde postea originem Parthorum
reges habuere. Allein Andragoras war der seleukidische
Satrap von Parthien, welcher im Jahre 250 v. Chr. (L. Manlio
Vulsone ΝΜ. Atilio Regulo coss., lies ©. Atilio Regulo)!) sich in
seiner Provinz selbstständig machte und Goldstatere zum Zeichen der
Suveränetät mit dem Typus des Viergespanns schlagen liess?), aber
nach der Niederlage des Seleukos Kallinikos gegen die Galater
um 235 den dahischen Parnern des Arsakes erlag (Justin 41, 4,
4—7). Hier bezeichnet Justin den Arsakes als vir incertae
originis, allein es ist nicht zu zweifeln, dass sein Gewährsmann
an der ersten Stelle thatsächlich den Arsakiden einen altadeligen
persischen Stammbaum geben wollte. Statt Andragoras muss also
ursprünglich ein anderer Name dagestanden haben, und zwar
höchst wahscheinlich Phradates. . Dieser führt nach Curt. 4,
12,9 in der Schlacht bei Gaugamela die Kaspier, 6, 4, 24 wird
er als praefectus Tapurorum bezeichnet und 6, 5, 21 werden auch
die besiegten Marder seiner Verwaltung unterstellt. 8, 3, 17
wird Phrataphernes, welcher mit der Verwaltung von Hyrkanien,
der Marder und Tapuren betraut wird, und 9, 10, 17 als Satrap
der Parthyaier auftritt, als Nachfolger des Phradates
bezeichnet, den er gefangen zu Alexander schicken soll (vgl.
Arrian 4,18, 2). Später wird Phradates hingerichtet, weil er
im Verdachte stand, nach dem Könistum zu streben 10,1, 39.
Es ist demnach klar, dass Curtius den Phradates auch als Satrapen
von Hyrkanien und Parthien betrachtet haben muss. Der Name
Phradates, eine Abkürzung von «“ὐτοφραδάτης = ap. Wätafradata
1) Vgl. Droysen, Gesch. des Hellenismus IH? 1, 364 N. 1
365 N. 23.
2) Siehe P. Gardner, Numismatie Chroniele 1879 p.3ff. The
coins of the Greek and Seythie Kings of Bactria and India in
the British Museum. London 1886 p. 1. Pl. I 1.2. Henry H.
Howorth, The initial coinage of Parthia. Num. Chron. 1890
p- 33— 41 (töricht).
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 65
„von Wäta (dem Windgott) geschaffen“, der im arsakidischen
Königshaus vom vierten Partherkönige an öfter vorkommt, gab
aber dem Gewährsmann des Trogus Veranlassung, der von
Agatharchides erfundenen Genealogie der Arsakiden, welche auf
einen Sohn des Artaxerxes Mnemon zurückführte!), eine andere
gegenüberzustellen, welche den unbestreitbaren Vorzug hat, dass
sie sowohl in der Chronologie als in den geschichtlichen Ver-
hältnissen sich innerhalb der Grenzen des Wahrscheinlichen hält.
Von Parthien gelangt Alexander zu den Grenzen von Areia
(Haraiwa) und nach Zovoi«, der ersten Stadt von Areia, wo
Satibarzanes, der Satrap der Provinz sich zur Huldigung einfand
und in seiner Satrapie bestätigt wurde. Der König gab ihm
gegen 40 Lanzenreiter unter Anaxippos mit, um beim Durchzug
des Heeres durch das Land der Areier dieses zu schützen. Daraus
geht hervor, dass Alexander zunächst beabsichtigte, die süd-
. östlichen Satrapien Areia, Drangiana und Arachosien zu durch-
ziehen und zu sichern, um sich erst dann gegen Bessos zu wenden.
Da erschienen aber einige Perser bei ihm mit der Nachricht,
dass Bessos die königlichen Abzeichen und den Thronnamen
Artaxerxes angenommen habe und über die nach Baktra geflohenen
Perser sowie zahlreiche Baktrianer verfüge; auch erwartete er
skythische Bundesgenossen. Diese Botschaft bewog Alexander,
der nunmehr seine gesamte Streitmacht wieder beisammen hatte,
nachdem Philippos auch die in Medien zurückgebliebenen thessa-
lischen Freiwilligen, sowie die berittenen Söldner herangeführt
hatte, seinen Plan zu ändern und unverzüglich auf Baktra zu
marschieren.
Man identifiziert Zovoi« jetzt gewöhnlich mit dem mittel-
alterlichen Tös . με. arm. Tos in der Nähe von Mäshäd.
»
Freilich stehen dieser Gleichung lautliche Bedenken entgegen, die
ich nicht zu beheben weiss. Man müsste annehmen, dass eine
griechische Umformung in Anlehnung an den Namen des be-
rühmten Σοῦσα stattgefunden hätte. Umgekehrt haben die Araber
-ν
ν ἀφ
den Namen von Söstar, Sostrate d. 1. Σῶστρά re in md Tustar
arabisiert?). Ist die Gleichung richtig, so lässt sich wenigstens
soviel erkennen, dass Alexander von Zadrakarta aus auf direktem
Wege am Gurgän-rüd entlang nach Gurgän und von da über
Samalgan und Bu&nürd ins Atrekthal gelangte, wo die zur
achaimenidischen Satrapie Parthien gehörige seleukidisch-arsakidische
Provinz ’Aorevnvn, arab. j.x.} Ustuwa lag. Ihr Hauptort war
im Mittelalter Chabücan, heute Chucan. Von da gelangte er
über den Köh-i Allähu akbar ins Thal des Käschäf-rud, im
DS. diese Unters. I 29.
22) Vgl. mein „Eränsahr‘“ S. 144 Anm. 8.
Marquart, Untersuchungen. II. δ
66 J. Marquart,
Bundahitn XX 30 Kasp, im Epos Kasak-röt, arab.-pers. ὁς uß
(Tab. I 4.4, 9. 4., 7) genannt).
Die eigentliche Landschaft Παρϑυηνή mit dem αὐλὼν Παρϑαῦ͵
dem heutigen Därrä Gäz und der Ebene Nnoci« (ap. Nisäja) beim
heutigen Asxäbäd, sowie die Landschaften ’Anavegrrinnvn mit
Abeward und Margiana mit dem uralten Marw hat Alexander
aber auf seinem Zuge nicht berührt. Die Gründung der Stadt
Alexandropolis bezw. die Umnennung des alten Nisaia in Parthyene?),
sowie die Neugründung von Marw unter dem Namen Alexandreia°)
muss also zu einer spätern Zeit stattgefunden haben, wahrschein-
lich während des Winterlagers in Zariaspa 329/28 v. Chr., wo
sich auch der Satrap Phrataphernes von Parthien einfand, der
den von Bessos ernannten Satrapen von Parthien Barzanes ge-
fangen herbeiführte (Arr. 4, 7,1). Mit der nicht lange vor
Alexanders Tode erfolgten Sendung des Herakleides nach Hyrkanien,
um Schiffe für eine Entdeckungsfahrt auf dem Kaspischen Meere
zu bauen (Arr. 7, 16, 1—4), wird man diese Gründungen
keinesfalls in Verbindung bringen dürfen. Dass aber die Makedonen
thatsächlich auch nach Nisaia gekommen sind, ergibt sich aus
der Bemerkung des Strabon νὰ 7,3, dass der Ochos durch jene
Landschaft fliesse, die ebenso wie die Behauptung, dass der Ochos
und Oxos gleich dem Jaxartes ins Kaspische Meer münden
(κα 7, 4 p. 510), auf Polykleitos von Larisa zurückgeht).
Die Karte des Castorius nennt nach NAGAE d.i. Thagae, Täk
folgende Stationen: XX Catippa. XX fociana. X Stai. XXXV Saphani.
Tomaschek setzt Catippa, wofür Orosius 1, 2, 16 Catippe liest,
nach Astaräbäd, foczana (Geogr. Rav. 2, 3 p. 48, 6 Gugitana), das
er mit Ptolemaios’ Ταυκιάνα (6, 17 p. 433, 25) identifiziert, nach
dem Karwanserai Candä-äbaz an der Vereinigung der Quellen des
Gurgän-rüd. Allein Tevzıdve liegt bereits in Areia, unter 106°30’L.
und 36° Br. Catippa ist wohl identisch mit Ptolemaio® ΚΑ ΘΑ ΠΗ
(für KAOAIIH?) unter 95° 30° L. 40° 20° Br. Die Form
Catippa erinnert an Xenippa Curt. 8, 2, 14 (aus aw. achsaena
„braun“, phl. chasen, np. chasin, und @p- „Wasser“?) und beruht
wohl gleich diesem auf Hellenisierung. Orosius liest von seiner
Karte ab, dass der Kaukasus von den Tigrisquellen bis zur Stadt
1) 8. 0. 8.28 Anm.
| 22) Plin. 6,113 regio Nisiaea Parthyenes nobilis, ubi Alexandro-
polis a conditore. Vgl. Isidor von Charax, σταϑμοὶ Παρϑ'. 8 12: ἐν-
τεῦϑεν Παρϑυηνή, oyoivor κε΄, ἧς αὐλὼν Παρϑαῦ. Νίσα ἡ πόλις ἀπὸ
σχοίνων ς΄, ἔνϑα βασιλικαὶ ταφαί. “Ἕλληνες δὲ Νίσαιαν λέγουσιν. Wie
die verwandten Stellen lehren, ist zu schreiben Νισὰκ πόλις. Bei
Plinius vermute ich deshalb regia Nisaea Parthyenes nobilis.
8) Plin. h. n. 6, 46.
#) Vgl. Droysen, Gesch. des Hellenismus III 2, 215.
5) Vgl. Arnold Behr, De Apollodori Artamiteni reliquiis atque
aetate. Argentorati 1888 p. 15. 17. vgl. 11f.
ΘΝ τ ΎΌΣΕΙ Θ σθτενυυ το ρου ξεν
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 67
Charrae ἃ. i. Chwär inter Massagetas et Parthos Arzvobarzanes
heisse; a Charris ceivitate usque ad oppidum Catippi inter Hyrcanos
et Bactrianos mons Memarmali, ubi amomum nascitur; a quo
proximum iugum mons Parthau dicitur; ab oppido Catippi usque
ad vicum Safrim inter Dahas, Sacaraucas et Parthyenas mons
Oscobares, ubi Ganges fluvius oritur et laser nascitur. Wie die
uns erhaltene Karte des Castorius zeigt, stehen die auf derselben
verzeichneten Flüsse, Gebirge und Völkernamen unter sich und:
mit den Stationen meist in gar keiner Beziehung. Wir sehen
aber soviel, dass auf das Gebirge nördlich von Chwär bereits der
Name des Götterberges, *Harabrzatis, aw. Hara bar’zaiti, np.
Alburz übertragen war. Für die genauere Lokalisierung dieses
Gebirges kommen jedoch die in der Nähe desselben verzeichneten
Massageten und Parther nicht in Betracht; erstere werden von
Ptol. 6, 10 p. 418 nach Margiana, unter die Derbikker gesetzt.
Weiterhin werden wir etwa festhalten dürfen, dass das Gebirgs-
system, welches sich von Hyrkanien gegen Baktrien und Areia
hin erstreckt, den Namen Memarmali oder, wie die Kosmographie
des sog. Aethicus (bei Alex. Riese, Geographi latini minores
p. 94, 22) richtiger hat, Menalius führte!). Dieser Name wird
von arkadischen Kolonisten in Erinnerung an ihren heimatlichen
Berg Maimalon aufgebracht worden sein. Vielleicht haben wir
diesen Gebirgszug mit dem Maenacha des Awestä (Zamjäd jt. 4)
zu identifizieren. Ein Abschnitt dieses Gebirgssystems war als
mons FParthau bezeichnet, d. 1. ohne Zweifel die Gebirgsketten,
welche das Thal des obern Atrek und des Käschäf-rüd ein-
schliessen. Noch weniger hat der Oscobares mit der über ihm
verzeichneten Route Catippi-Safrı und den darüber verzeichneten
Völkern Dahae und Parthyenae zu thun — diese gehören viel-
mehr in die Nähe des mons Parthau — dagegen gehören
allerdings die Sacaraucae in sein Bereich, wie ich anderswo zeige.
Der Ort Safri, bei Isidor Σαφρί, in der Tabula Saphani
(Geogr. Rav. p. 47, 22 Saphar) ist wohl identisch mit Σιφάρη,
das Ptol. unter 107° 15 L. 38° 15’ Br. in Areia verzeichnet.
Man hat zu beachten, dass er die ’4or«ßnvoi und Nıcaioı ebenso
wie die Μασδωρανοί (in Mazdörän) in den Norden von Areia
versetzt.
Alexander hatte, wie wir gesehen, zunächst den Plan, von
Tos über Mäshäd nach Herät zu ziehen, als er sich durch die
Nachrichten über Bessos bestimmen liess, unverzüglich auf Baktra
zu marschieren. Er zog also das Thal des Käschäf-rüd entlang
nach Pul-i chätün, um von da aus zunächst das obere Marw
(Marw-i röt, 1. Muryäb-i bälä) zu erreichen. Auf dem Marsche
mae
1) Memarmali ist aus falscher Auffassung einer Korrektur menali(us)
entstanden.
5%
68 J. Marquart,
dahin erhielt er aber die Nachricht, dass Satibarzanes die make-
donischen Posten getötet habe, die Areier bewaffne und in
Artakoana, der Residenz von Haraiwa zusammenziehe. Sobald
Alexander aus dem Bereich der von Norden nach Herät führenden
Strassen sei, wolle er von da mit seiner Streitmacht zu Bessos
stossen. Nun gab der König alsbald den Marsch nach Baktra
auf und zog an der Spitze zweier Phalangen, der Ritterschaft
und der Lanzenreiter sowie der Bogenschützen und Agrianer in
Eilmärschen gegen die Areier, während er die übrigen Truppen
unter dem Befehle des Krateros zurückliess. In zwei Tagen legte
er gegen 600 Stadien zurück und gelangte in die Nähe von
Artakoana, allein auf die Nachricht, dass Alexander schon in der
Nähe sei, entfloh Satibarzanes mit wenigen Reitern!), da die
Mehrzahl seiner Soldaten ihn auf der Flucht verliess, sobald auch
sie erfahren hatten, dass Alexander anrücke. Dieser verfolgte
nun die, welche ihre Dörfer verlassen und sich dem Abfall an-
geschlossen hatten, in ihre Schlupfwinkel und begann hier die
Reihe jener fürchterlichen Strafgerichte, durch welche er sich
unstreitig einen Platz neben einem Sulla und Gingiz-chan erworben
hat. Was nicht dem Schwerte zum Opfer fiel, ward zu Sklaven
gemacht.
Diodor und Curtius lassen ihn dabei ein unnahbares Felsen-
nest erobern. Die Beschreibung dieser Heldenthat bei Curt. 6, 6,
26—32 stimmt überraschend mit der Erzählung der Einnahme
einer festen Stadt durch Alexander im syrischen Alexanderroman
(ed. Budge 5. 203, 10ff. — 114 der englischen Übs.), nur dass die-
selbe hier nach Söd d. 1. Sogdiana verlegt ist. Die Stelle fehlt
in den uns erhaltenen griechischen , lateinischen und armenischen
Texten, muss ‘aber aus dem Griechischen übersetzt sein. Ich
stelle die charakteristischen Züge der beiden Berichte (den
syrischen nach Budge’s Übersetzung) neben einander:
Curt. 6, 6, 26 ff.
Alexander bemüht sich zuerst,
einen Weg gangbar zu machen:
deinde, ut occurrebant inviae
cotes praeruptaeque rupes, inritus
labor videbatur obstante natura.
In seiner Verlegenheit kommt
ihm aber das Glück zu Hilfe.
Vehemens favonius erat, et mul-
tam materiam ceciderat miles,
aditum per saxa molitus. Haec
vapore torrida iam inarserat.
Ergo adgeri alias arbores iubet
Budge p. 203, 10 ff.
Alexander sieht im Lande
Söd einen grossen Fluss, der
nach Südwesten fliesst und schwer
zu überschreiten ist. Von Ge-
sandten erfährt er nun, dass alle
Vornehmen des Landes an einem
Orte sich aufhielten. „Und mit
50 Reitern gieng ich voraus in
der Nacht, um zu gehen und
den Weg auszuforschen und die
Stadt zu sehen. Denn es war
Nacht und wir kannten die Ge-
1) Nach Diod. c. 78, 2 und Curt. 6, 6, 22 mit 2000 Reitern.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
Curt. 6, 6, 26 ff.
et igni dari alimenta: celeriter-
que stipitibus cumulatis fastigium
montis aequatum est. Tune un-
dique ignis iniectus cuncta con-
prehendit. Flammam in ora hos-
tium ventus ferebat, fumus ingens
velut quadam nube absconderat
caelum. Sonabant incendio silvae
atque ea quoque, quae non incen-
derat miles, concepto igne proxima
quaeque adurebant. Barbari sup-
plieiorum ultimum, si qua inter-
moreretur ignis, effugere temp-
tabant, sed qua flamma dederat
loecum, hostis obstabat. Varia
igitur caede consumpti sunt: alü
in medios ignes, alii petris prae-
eipitavere se, quidam hostium
manibus obtulerant, pauci semi-
ustulati venere in potestatem.
69
Budge p. 203, 10 ff.
wohnheit der Gegend nicht, und
deshalb war ich auch furchtsam.
Da gieng ein qundägör weg
und erforschte den Weg, kehrte
zurück und kam zu mir und sagte
zu mir: Der Weg ist leicht und
die Stadt ist nicht gross. Da-
rauf zogen ich und meine Truppen
gegen jene Stadt. Und ich liess
dieHörner blasen und die Truppen
die Stadt umringen. Und ich
liess viel Holz herbeibringen und
rings um die ganze Stadt ein
Feuer anzünden, und die Truppen
ausserhalb des Feuers stehen.
Und ich befahl, jeden, der aus
der Stadt fliehen würde, zu töten.
Als die Leute in dieser Stadt
den Schall der Hörner hörten,
kamen sie aus den Häusern heraus
und sahen das Feuer rings um
die Stadt, und einige von ihnen
wollten fliehen. Als sie aber
aus der Stadt flohen, und von
der Hand meiner Truppen starben,
da kam ihr Haupt und die Vor-
nehmen (204) in jener Stadt
heraus aus der Stadt und riefen
mit lauter Stimme: „König Ale-
xandros, wende deinen Grimm
in Versöhnung und gebiete deine
Diener nicht zu töten“. Darauf
liess ich sie vor mich kommen,
und als sie gekommen waren,
befahl ich sie in Gewahrsam zu
nehmen.
Nach Curtius hätte Alexander inzwischen den Krateros zur
Belagerung von Artakoana zurückgelassen, wohin sich 13 000 Be-
waffnete geflüchtet hatten.
Nach der Rückkehr Alexanders von
seiner Blutarbeit hätte sich die Festung alsbald ergeben, als er
Miene machte, die Belagerungstürme heranzuführen. Allein diese
' Darstellung ist mit der Erzählung Arrians unvereinbar, der von
einer Belagerung der Hauptstadt überhaupt nichts weiss. Die
Situation ist sehr ähnlich wie bei der Züchtigung der sieben Städte
von Sogdiana, Arr. 4, 2,1. Curt. 7,6, 10, wo Alexander in der
70 J. Marquart,
That den Krateros zur Belagerung von Kyropolis, der be-
deutendsten derselben, aussendet, während er selbst sich gegen
die fünf zunächstliegenden Plätze wendet und dieselben ausmordet.
Wir werden später sehen, dass die im syrischen Alexanderroman
erzählte Episode in der That dem Strafgericht gegen die
sieben sogdischen Städte entspricht, und ich glaube daher, dass die
von Curtius und Diodor berichtete Geschichte ursprünglich nur
eine Variante der sogdischen Blutthat ist, die dann von einem
Romantiker bei der Eroberung von Areia verwandt worden ist.
Wie weit Alexander bereits nach dem Osten vorgerückt war,
als er seinen Vormarsch gegen Baktra einstellte und sich gegen
Herät wandte, lässt sich aus unsern Berichten nicht entnehmen.
Jedenfalls kann er aber Marw-i τοὺ noch nicht erreicht gehabt
haben. Denn wäre er von Balä-Muryäb her gegen Herät an-
gezogen, so hätten ihm die Begleiter des Satibarzanes auf ihrer
- Flucht nicht entgehen können. Er muss also yon Westen her
gegen die Stadt gerückt sein. Der König wird demnach, um
die Wüste zwischen Tegend und Muryäb zu vermeiden, von Pul-i
chatün südöstlich zum Egri-gök, einem linken Nebenfluss des
Kusk-rüd an der heutigen afghanisch-russischen Grenze gezogen
sein. In der Gegend von Ak-robät oder Cokan Sor erfuhr er
den Abfall des Satibarzanes und zog sofort südwärts durch das
Quellgebiet des Egri-gök über die Berge von Herät, wohl über
CäSmä-säbz nach Nauchän gegenüber von Birnäbäd. Wie die
600 Stadien unterzubringen sind, welche Alexander in 2 Tagen
zurücklegte, ist schwer zu bestimmen. Offenbar sind sie nur bis
zu dem Punkte gerechnet, wo Alexander die Thalebene des
Har&-rüd erreichte. Jedenfalls war aber Alexander von der
Langsamkeit und Bedächtigkeit weit entfernt, die seine modernen
Erben in Moskau, freilich keineswegs immer zum Nutzen der
von ihnen vertretenen Kulturaufgabe, auszeichnet, und er hätte
in diesem Schneckentempo wohl auch sein Ziel nie erreicht.
Satibarzanes ist wohl nicht auf der Strasse von Herät über
Marw-i röd nach Balch geflohen, sondern auf dem schwierigen
Weg, der von Herät ostwärts dem Thal des Hare&-rüd entlang
ins Gebirge und vom Quellgebiet des Flusses über die Pässe
des Hindukus in die Thäler des Dehäs (Balchäb) und Sari-pul
(des Flusses von Schibergän), sowie über Bämijän in die Thäler
der Flüsse von Chulm und Qunduz führt.
Eratosthenes berechnet den ganzen Weg von Hekatompylos
bis ᾿4λεξάνδρεια ἡ ἐν ’Agsioıs auf 4530 Stadien (Strab. μὰ 8, 9
p. 514), womit Plinius’ 575 mp. bis auf 10 röm. Meilen über-
einstimmen. Es wird also zu schreiben sein DLXV. Die Entfernung
der Provinz Areia von Hyrkanien wird auf etwa 6000 Stadien
geschätzt (ie 10, 1 p. 516), eine Angabe, die auf einer Ver-
wechslung mit der Distanz von den Kaspischen Thoren bis nach
Alexandreia Ar. (6400 Stadien ı« 8, 9 p. 514) beruhen muss.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. ys:
Die Länge von Areia wird auf 2000 Stadien angegeben, die Breite
in der Ebene auf 300 Stadien. 4530 Stadien würden etwa
113 Fars. und 16 arabischen Tagereisen ἃ 7 Fars. entsprechen.
3. Παραχοάϑρας, Παροπανισάδαι, Paradata.
Παραχοάϑρας ist der Name des Alburzgebirges bei Strab.
we 8,1 p. 511: καλεῖται δὲ τὸ μέχρι δεῦρο (bis zum Flusse Ochos-
Tegend und Σάρνιος) ἀπὸ τῆς ᾿Δρμενίας διατεῖνον ἢ μικρὸν ἀπο-
᾿ λεῖπον Παραχοάϑρας. Vgl. 8,8 p.514.12,4 p. 522. 14,1 p. 527.
Dazu verhält sich der Pahlawiname Pataschwär(-gar)!) wie
Pesdäd zu ἃν. Para-däta, ἃ. h. PataSchwär ist die Übersetzung
von Παραχοάϑρας.
de Lagarde, Beiträge zur baktrischen Lexikographie 51.
Mitteilungen I 148 erklärt Pe$xwar [so!] oder PadaSchwar(-gar)
[so!] als „das vor Xwar [lies Chwär >] ἃ. 1. Xoenvn?)
gelegene Land“. Die Pahlawiform von Chwär ist aber Chwärih
(Bundah. XII 2 West), das auf ap. *Au-a9ra zurückgeht?).
Letztere Form setzt in der That Παραχοάϑρας noch voraus,
während bereits Strabon ı« 9, 1 p. 514 (aus jüngerer Quelle) die
Landschaft Xwenvn, Isidor von Charax Xo@envn*) nennen, und
die Stadt bei Plin. 6, 44 Choara, bei Oros. I 2,16 Charrae
heisst. Der persische Stamm (richtiger Sippe) Patishuwaris
1) Derselbe findet sich auch bei Ibn al Faqih ®,”, ult., wo für
das 2. al, oder a PO ῈΝ der Hss. > lg » herzustellen
ist; vgl. Ibn Chord. 111, 1. Ebenso ist als Titel des Mäzijar Tab. III
©
ia, 11 ‚Li, ΩΝ oder si > 1 Feswär- oder Padaswäar-
gar-Sah für ÖL&,> „es herzustellen. Die Form Patitahar bei
Ps. Mos. Chor. 2, 53 ist wohl sicher in Patizahor zu ändern; vgl. z.B.
arm. Nihorakan, arab.-pers. „L>,lSUl, „I> au}, pers. ὃ N. —
Vgl. weiter über den Namen de Lagarde, Beiträge zur baktrischen
Lexikographie ölf. Spiegel, Eran. Altertumskunde 1, 61. 197.
Justi, Beiträge zur Geogr. des alten Persiens 2,3. Nöldeke, Bezzen-
bergers Beiträge IV 47 N. 2. de Lagarde, Mitteilungen I 148.
III 260 N. 1. 288 N. 1 und jetzt Hübsehmann, Armen. Gramm.
I 1, 66.
2, Heute Qysläq Chwär oder ἐϊ9 ΝΕ , östlich von den Kaspischen
Thoren. Vgl. W. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien
I 80 = WSB. Bd. 102, 222.
3) Darmesteter, Etudes iran. II 85. 191.
4 Bei Ptol. 6,5 p. 400,1 zu Χοροανή verdorben und an falsche
Stelle geraten.
72 J. Marquart,
(eine patronymische Vrddhibildung, vgl. ap. Märgawa!) und die
Patus’arra der Sargoninschriften (in Medien) haben also, wie
ich bereits Assyriaka S. 647 N. 559 betont habe, mit PataSchwärgar
nichts zu thun?).
Von der jüngern Form geht der Name Χωρομνϑρηνή aus,
welchen jenes Gebirge bei Ptol. ς 2 p. 391, 28 führt. Ich weiss
für den zweiten Teil keine sichere Erklärung. Sollte am Ende
gar der Name des in Raj ansässigen Geschlechtes Mehran darin
stecken, also COhwär-! Misren?) (mit medischer Imäla für
Misrän)? Ä
Der Name Aldurz, aw. Hara barszaiti, erscheint zuerst bei
Orosius 1. 1. in der Form Ariobarzanes®), einer Angleichung an
den bekannten Personennamen, statt ““ροβάρζατις.
Der Name des Gebirges Παρυάδρης —= arm. Parchar in der
Nähe des Pontos braucht mit Παραχοάϑρας keineswegs formell
identisch zu sein, sondern kann ganz wohl auf ap. *paru-huwädra
zurückgehen, wie Lagarde behauptet hatte). Die Wiedergabe
des ap. 9r durch de hat ihr Analogon in Meyaoideng Her. ἡ 72,
falls dies — dbagacidra, sowie in Ὀξένδρας (lies Ὀξέδρας) Ktes.
ecl. 496), mit falschem Nasalstrich für Deinons Ὀξάϑρης Plut.
Artox. 1.5, wie in CExvvdiovös für COxvdınvös, Diod. εβ 71,1
1) In Νησαῖοι ἵπποι Her. y 106. n 40. ı 20 ἃ. 1. ap. *Naisajafh)
aspä(h) Rosse von Nisäja liegt eine ähnliche Vrddhibildung vor. Von
hier aus wurde das 8 -- ai der Vrddhi bei den Hellenen auch auf
den Namen der Landschaft übertragen: Νήσαιον πεδίον Her. ἡ 40 —
ap. Nisäja (von W. s, κεῖσθαι - ni), arab.-pers. Us Ibn al Fag.
Pd, 5. ὃλ., 18, Jäg. IV vn, 7. Ähnlich Kürus, hebr. %12, gr. Κῦρος
zu Kuru-, der Monatsname Bägajadis nach dem darin gefeierten Fest
des Baga (*dagajada, sogdisch RR) — Mira, später Μιϑράκανα
Mihragän.
3. Gegen de Lagarde, Mitteil. I 148. III 260 N. 1. 283 N. 1.
3) Im grossen Bundahisn 31, S6ff. (West, Pahlavi Texts I 139£.)
ist von drei Paaren die Rede, die von Säm abstammen. Eines der-
selben, namens Chusrau, erhält hier merkwürdigerweise die Regierung
von Raj. Ein anderes Paar wird Märgandak genannt, welchem das
Königreich, Wald- und Bergdistrikte von Padaschwärgar gegeben
werden. Sollte für Märgandak vielleicht Mihre(w)andak zu lesen
sein? Dies ist der Beiname eines Mehrän (s. Justi, Iranisches Namen-
buch unter Mipräna Nr. 13, S. 214b), sowie des Bahräm Cöbin (s. eb.
S. 363b unter Werehraghna Nr. 28, sowie Hübschmann, Arm.
Gramm. I 1, 52). Die richtige Pahlawischreibung wäre freilich
Misre-bandak; vgl. auch die Schreibung Mäh-bundak Bund. 33,7 bei
West 8. ἃ. Ο. p. 147.
4 Vgl. Tomaschek ἃ. ἃ. 0. 5. 82 — 224.
5) Vgl. jetzt H. Hübschmann, Armen. Gramm. I 1, 66,
6) ᾿Αδραπάναν (acc.) bei Isidor von Charax —= ap. Atrpawna (gen.)
ist dagegen anders zu beurteilen.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 713
Zoydıwvög, Pausan. 6, 5,7 Σόγδιος d.i. ap. *Sugudyjat). Es bleibt
aber unsicher, ob man Παρυάδρης als *paru-hadr — *paru-chadr
aufzufassen hat, so dass wir bereits die in armen. Parchar vor-
liegende Vertretung von ap. Auw durch armen. ch (bezw. h) zu
erkennen hätten, oder aber als *par-huwäsr mit Abfall des
Stammvokals des ersten Kompositionsgliedes, wie in Παρμίσης
(Ktes. 66]. 3. 52) = ap. *Paru-misa (vgl. Wahu-misa, Beh. 2, 49 ft.,
Ὠμίσης Plut. Artox. 4), Φάρξιρις = np. 4>2.
Dagegen liegt die Präposition para- auch vor in Pa-ar-u-
pa-ra-e-sa-an-na, welches in der babylonischen Version der Inschrift
von Behistün 1. 6 das ap. Gandära wiedergibt. Es ist abzuteilen
Par-uparaesana ἃ. 1. ap. *Para-uparisaina „das vor (ἃ. h. südlich
von) dem Uparisaina-gebirg gelegne Land“. Das Silbenzeichen
ra- hat hier offenbar den Lautwert r oder rz, wozu e das phone-
tische Komplement bildet. Das Gebirge Uparisaina erscheint als
Sata upairi-saena im Jasna 10,11. Es heisst hier, die Vögel
hätten den Hauma zu dem Gebirge Sata-upairi-saena gebracht,
was Bartholomae, K. Z. 29, 487 mit „die überadlerscharten“
übersetzt. Es folgen noch mehrere Gebirgsnamen, die jedoch bis
jetzt nicht lokalisierbar sind”). Auch jt. 19, 3 erscheint das
Gebirge Sata upairi-saena in der Umgebung von lauter bis jetzt
nicht identifizierbaren Namen. Im Mihr jaSt 13.14 dagegen heisst
es von Mithra: „Und von dort (der Hara barszaiti) wirft der
Heilbringendste seine Blicke auf den Wohnsitz der Arier; da wo
die mächtigen Fürsten die zahlreichen Truppen ordnen; da wo
die hohen weidereichen, wasserreichen und nahrungspendenden
Berge das Vieh mehren; da wo die tiefen Seen mit Salzwasser
liegen; da wo die grossen Ströme ihre Wogen herabwälzen, gegen
Sata?) und Pouruta, gegen Mouru und Haröju, gegen Gawa
in Suyda und Ohwänrizam*.
Ein Blick auf die Karte zeigt, dass unter der Hara barszaiti
hier die Paropamisoskette zu verstehen ist. Soll mit dem Satz
„gegen Sata und Pouruta“ etc. die Richtung der Ströme be-
zeichnet werden, so ist die Hara borszaiti zugleich als deren
Ausgangspunkt zu betrachten, mit Ausnahme des Stromes von
Soyd. Das hier genannte Sata entspricht dem Sata upairi-saena
der beiden andern Stellen. Wennschon das daneben stehende
Pouruta sich lautlich nicht völlig mit den von Ptolemaios 6, 18
1) Ein pleonastischer Nasal findet sich auch im kappadokischen
Monatsnamen Eavdgıoon aus Ξαϑρηορη = Chsadre warje. Dagegen
fehlt der Nasalstrich in Arap£ovng Ktes. ecl. 14 (lies ᾿ἀνταφέρνης), Her.
᾿Ινταφρένης = ap. Windafarna.
2) taerö + barö-sraianö übersetzt Bartholomae „die Spitzen,
welche die Sterne auf dem Haupte tragen“.
ὃ) So ist zu lesen für Aisata.
74 J. Marguart,
p. 435, 8. 20 p. 457, 27 im nördlichen Arachosien, am Südabhang
des Paropamisos, angesetzten Παρουηταί deckt, nach denen die
Παρουητὰ den 6, 18 p. 434, 29 benannt sind!), so ist doch un-
verkennbar, dass es etwa im heutigen Ghör zu suchen ist. Für
Sata ergäbe sich etwa die Lage des Köh-i Bäbä, der Bergketten
bei Bämijän. Freilich liegen die Quellen des Oxus, der nach
Chwärizm fliesst, noch viel weiter östlich in BadachSän und im
Pamir, aber jenem Gebirgssystem entströmen die Flüsse von
Herät und Marw wie die von Balch, Käbul und Kandahär. Der
arabische Geograph al Ja’gübi sagt: „Aus dem Gebirge von
Bämijän kommen zahlreiche Quellen. Von diesen fliesst ein Strom
nach Qandahär in einer Weglänge von einem Monat; ein Fluss
geht aus einem andern Engpass nach Sagistän in einer Weglänge
von einem Monat, ein anderer Fluss wendet sich nach Marw in
einer Wegstrecke von 30 Tagen, ein anderer Fluss strömt nach
Balch in einer Wegstrecke von 12 Tagen, noch ein anderer Fluss
endlich nach Chwärizm in einer Entfernung von 40 Tagen. All
diese Flüsse kommen aus dem Gebirge von Bämijän wegen seiner
grossen Erhebung?).* Unter dem Flusse, der nach Chwärizm
fliesst, ist hier wohl der Fluss von Qunduz (Aq sarai) zu ver-
stehen, der gleichfalls in den Bergen von Bämijän entspringt und
nachdem er unterhalb von Qunduz den durch mehrere Nebenflüsse
verstärkten Fluss von Talakän aufgenommen hat, unweit der
Vereinigung des Pang und WachSab in den Oxus mündet. Er
wird hier offenbar als der eigentliche Quellfluss des Oxus be-
trachtet. Bei den Arabern heisst dieser Fluss χϑιὲ 9 ιςο» und
in seinem Unterlauf Legal Ὁ „Löwenfluss“. Auch das Bundahisn
(XX, 16.17. 21. 22 bei West, P. T. I 79. 80) lässt die Flüsse
von Harew, Marw, Balch und den Hetumand von Sagistän auf
dem Apärsen-Gebirge entspringen.
Der Name Uparri-saena, ap. *Upari-saina hat sich noch
bis mindestens ins 7. Jh. n. Chr. lebendig erhalten. Als der
chinesische Pilger Hüan-Cuang im Jahre 644 vom Nordosten des
Königreiches Fo-h-s2-sa-t’ang-na aufbrach, das Henry Yule
mit dem Gebiete der Parätis in der Umgegend von Parwän
gleichsetzt (JRAS. 1873, 104 N.1 278), „il franchit des montagnes,
1). An der ersten Stelle lesen die meisten Hss. nach Wilberg
und Grashoff Παρσιῆται, die übrigen Παρσιεῖται. Παροιηται, Παρσηῖται,
6,20 ist Παργυῆται und Παργυῖται die Lesart der Hss., wofür Gras-
hoff Παρουῆται in den Text gesetzt hat. Auch in Areia παρὰ τοὺς
Παροπανισάδας wird 6,17 p.433,4 eine Völkerschaft Παροῦται genannt,
wofür Grashoff gleichfalls Παρουῆταν vermutet. Allein Παροῦται
würde besser zu dem po"ruta des Awestä passen. Der Name parwata
von ind. parwata „Gebirge“ bedeutet „Gebirgsbewohner*.
?) Ja‘gübi, Geogr. ed. de Goeje 8. In1, 9—13.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 75
passa des rivieres, et, apres avoir traverse plusieurs dizaines de
petites villes situees sur les frontieres du royaume de Kia-pi-che
(Kapiga), il arriva ἃ un grand passage de montagne, appele P’o-
lo-si-na (Varasena), qui fait partie des grandes montagnes neigeuses.
... Les faucons eux-m&mes ne sauraient les franchir au vol;
ils marchent pas ἃ pas, et reprennent leur essor* etc. Nach drei
Tagen erst kam man auf die Passhöhe, und ebenso lange dauerte
der Abstieg zum Königreiche "An-ta-lo-po (Andaräb) am Fusse
des Gebirges!).
Das Gebirge P’o-lo-si-na ist also speziell diejenige Kette des
Hindukus, welche die Thäler des Pan&$ir- und Ghörbandflusses von
dem von Andaräb trennt. P’o-lo-se-na gibt so genau wie möglich
die sanskritisierte mitteliranische Form von Uparisaina
wieder, welche *Parasena oder *Varasena — pahl. Aparsen,
Avarsen bezw. *Parsen lauten musste?). Die Anekdote, dass sogar
den Falken der Pass zu schwierig sei, soll offenbar den Namen
desselben („über den Adlern“ bezw. nach der Bedeutung des ent-
sprechenden indischen Wortes Jena „über den Falken“) erklären.
An den Namen Uparisaina knüpft auch die von Diodor 17, 83, 1
berichtete Sage an: χατὰ δὲ μέσον τὸν Καύκασον ἔστι πέτρα δέκα
σταδίων ἔχουσα τὴν περίμετρον, τεττάρων δὲ σταδίων τὸ ὕψος,
ἐν m καὶ τὸ Προμηϑέως σπήλαιον ἐδείκνυϑ' ὑπὸ τῶν ἐγχωρίων καὶ
ἡ τοῦ μυϑολογηϑέντος ἀετοῦ κοίτη καὶ τὰ τῶν δεσμῶν
σημεῖα ἢ. Dass die Hellenen hier an ihre Prometheussage
erinnert wurden, ist begreiflich. Wahrscheinlich war aber
der Adler, dessen Sitz hier gesucht wurde, der mythische
Vogel Simury (Saena maroya), der auf dem Alburz in der
Nähe von Hindustan horstete und den kleinen Zäl aufzog®).
Dem ap. *Uparisaina, mitteliranisch *Parsen entspräche genau
ein griechisches ἘΠαρσηνός, wofür wir aber bei Dionys. περιήγ. 737,
der hier wie gewöhnlich aus veralteter Quelle schöpft, die
mit Rücksicht auf den heimischen Musensitz hellenisierte Form
Παρνησός und bei Aristoteles Metereolog. 1, 13 die entsprechende
a) Hiouen-thsang,, Memoires trad. par Stan. Julien II p. 1905.
Sam. Beal, Chinese Buddhist travellers to the West II 286.
3) Belegt ist in den Parsenschriften nur die erstere Form (ge-
schrieben Apärsen), die aber im 7. Jahrh. ohne Zweifel bereits Varsen
oder Parsen mit Abfall des anlautenden @ gesprochen wurde. Wahr-
scheinlich war aber der Name im persischen Dialekte nicht mehr im
lebendigen Gebrauch, sondern ist lediglich Transskription des Awesta-
wortes. — Vgl. schon Alex. Cunningham, The ancient geography
of India 19. Da ich aber auf diese Gleichung Wert lege, so will
ich ausdrücklich betonen, dass ich erst nachträglich die Übereinstimmung
τς ἧς χα bemerkte, nachdem meine obige Ansicht längst
est stand.
®) Vgl. Curt. 7, 3, 22. Strab. να 5,5 p. 505/6. ve 1,8 p. 688.
4) Schahname VII 83. 100. 130, übs. von Rückert 1188. 139. 141.
76 J. Marquart,
attische Παρνασσός treffen. Der geläufige griechische Name Παρο-
πάμισος ist zunächst mit Anlehnung an den griechischen Flussnamen
Παμισός aus Παροπάγισος !) und dieses aus ἘΠαροπά(ρ)νισος ent-.
standen, das selbst wieder eine unter dem Einflusse der ältern
Form Παρνησός vollzogene Umbildung von Fara-uparisarna,
mp. *Par-apar-sen ist. Das Ethnikon Παροπαμισάδαι ist also
eine selbständige griechische Bildung.
Während aber Παραχοάϑρας das Gebirgsland nördlich
von Chwär bezeichnet, ist Para-uparisaina der Name der Thal-
landschaft Gandhära südlich vom Uparisainagebirge.
Mit der oben besprochenen Präposition para- = np. “δ
„vor“ ist auch der Beiname Haosjanha’s, des ersten Herrschers
von Iran, Para-data gebildet. Derselbe ist stehendes Epitheton
des Haosjanha jt. 5, 21. 9, 3.15, 7, Wend. 20, 1.2 dagegen wird
er auf die Heroen der Vorzeit im allgemeinen angewandt. Allein
die spezielle Beziehung auf Haosjanha ist offenbar das Ursprüngliche
und da kann er nichts anderes bedeuten als „der Erstgeschaffene*“,
der erste Mensch. Haosjanha ist der Begründer der Souveränetät,
der dahjupaiti-Würde, während sein Bruder Wehkart (Wekart)
„der gutgeschaffene“ (aw. wahrscheinlich *Wohu-däta) als Ur-
heber des Dihgänstandes (aw. wahrscheinlich vispazti) und
des geregelten Ackerbaues gilt: „the original establishment of
law and custom; that of village, superintendence (dıhankanih),
for the cultivation and nourishment of the world, dependent upon
Vaegere&d the Pe$Sdädian; and that of monarchy, for the protection
and government of the creatures, upon Hoösäng the Pesdädian“ 2).
Auf Wehkart führten die Dihgäne des Sawad ihren Stammbaum
zurück, welche unter den von Eri€ im Sawäd eingesetzten
Sahrıgan (> 21) = ὀσέϑγαραϊξε standen und in fünf Klassen
zerfielen 5).
Wenn im Dinkart auch Wehkart das Epitheton Pe3dad erhält,
so ist das ungenau, und die Erklärung dieses Beinamens im
Kommentar des Wendidäd 20, 1: „parce quils ont les premiers
mis en vigueur la lo? de la royaute* (dat-« chwataih), ist sprach-
lich falsch, wie alle Erklärungen, welche darin das Wort däta
„Gesetz sehen. So heisst es bei Tab. I jvi: „Man berichtet,
1) Diese Form findet sich bei Ptol., sowie bei den röm. Geographen
(Plin. 6, 48), während Diodor, Arrian, Strabon Παροπάμισος, Παροπαμι-
σάδαι vorziehen, Curtius Parapamisus, Parapamisadae. Bei Justin
12,5,9.13,4,21 hat Gutschmid Parapamesos Parapamesadae her-
gestellt. Vgl. Kiepert, Lehrbuch ἃ. alten Geographie ὃ 62 S. 59.
2, Dinkart VIII 13,5 Waögeret Pesdade. West, Pahlavi Texts
IV 26.501 nach Darmesteter, Le Zendavesta II 371 n. 26. Dinkart
VII 1, 16—18. V 4, 2 bei West, P. T. V 8. 1238. Hamza 4, 14.
Berüni PP, Yo,
3) Mas‘üdi, Murüg 11 240.
nee
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. UT
dass er (OShang) der erste war, welcher die Rechtsordnungen
und Strafen festsetzte und davon den Beinamen Pe3 dad führte,
der auf persisch bedeutet: „der erste, welcher nach Gerechtigkeit
Urteil sprach“. Denn δῷ bedeutet „der erste* und dad bedeutet
Gerechtigkeit und Rechtsprechung“.
Aus diesem Missverständnis in Verbindung mit der Stelle
Wend. 20, 1. 2, wo das Wort im Plural steht), ist die Dynastie
der Pesdädier entstanden, die sich meines Wissens zuerst bei
al Chuwärizmi, Mafätih al'ulüm 4,., 10 ff. und Berüni, Chronologie
1, 1.P, 1%, 64, 1a findet. Nach der gewöhnlichen Ansicht rech-
nete man, wie Berüni angibt, zu den P&sdädiern die Könige
Hösang, Tahmöra$, Gam, Akdahäk und Fredün. Ein anderes
System aber, dem auch al Chuwärizmi folgt, fasste unter jenem
Namen alle mythischen Herrscher von Gajömar® bis auf Karsäsp
zusammen.
4. Über einige skythisch-iranische Völkernamen.
Die Versuchung liegt nahe, auch den Namen des Königs-
stammes der iranischen Skythen oder Skoloten, Παραλάται (Her. ὃ 6)
als paradata „die Erstgeschaffenen* aufzufassen. Hier würde
das Wort aber keinen zeitlichen, sondern einen politischen und
sozialen Vorrang bezeichnen. Allein der Lautwandel von aw. d
in skyth. ὦ ist sehr bedenklich und müsste erst durch andere
Beispiele belegt sein. Zudem wird es durch eine Reihe anderer
Namen nahegelegt, -ται als Endung abzutrennen.
Nach Herodot trieben‘ die Massageten, welche jenseits des
Araxes wohnten («x 201), keinen Ackerbau, sondern lebten von
Fischen, von welchen der Araxes wimmelte, und der Milch ihrer
Herden?). Der Araxes bildete nach ihm ein Mündungsdelta von
40 Armen, von welchen nur ein einziger sich ins Kaspische
Meer ergiesse — nämlich der von Herodots Gewährsmann mit
dem ostiranischen verbunden gedachte armenische Araxes — die
übrigen aber ἐς ἔλεά re καὶ τενάγεα ἐχδιδοῖ᾽ ἐν τοῖσι ἀνθρώπους
'κατοικῆσϑαι λέγουσι ἰχϑῦς ὠμοὺς σιτεομένους, ἐσϑῆτι δὲ νομίζοντας
N Y χ μους μ ἢ N μ
χρᾶσϑαι φωχέων δέρμασι (α 202). Damit sind die Wohnsitze der
Massageten oder eines Teiles derselben deutlich in die Nähe des
Aralsees verlegt. Noch klarer geht dies aus der Beschreibung
Strabons hervor, welcher, wenn auch durch mehrere Mittelglieder,
auf dieselbe Quelle zurückgeht wie Herodot, nämlich Hekataios.
1) Möglicherweise sind aber die dort im Plural stehenden Epitheta
der Helden der Vorzeit nach Art der lat. Plurale Catones, Scipiones
„Leute wie Cato“ aufzufassen, zumal der Kommentar jedes derselben
auf einen speziellen Helden bezieht.
3) ἀλλ ἀπὸ κτηνέων ξώουσι καὶ iyPomv' οἱ δὲ ἄφϑονοί σφι En
τοῦ ᾿Δράξεω ποταμοῦ παραγίνονται" γαλακτοπόται δ᾽ εἰσί.
78 J. Marquart,
Nach ihm münden die übrigen Arme des Araxes εἰς τὴν ἄλλην
τὴν πρὸς ἄρκτοις ϑάλατταν, die Robben, in deren Felle sich die
Bewohner kleiden, werden ausdrücklich als vom Meere stammend
bezeichnet ἢ.
Die Fischnahrung galt demnach als eine bemerkenswerte
Eigentümlichkeit der Massageten, und nach dieser sind sie that-
sächlich benannt. Πασσαγέται gehört zu aw. masjö (skt. matsja)
„Fisch“, das in Wirklichkeit massjö gesprochen wurde, woraus
sich die neueren Formen (np. mäht, kurd. mas?) erklären. Die
Verdopplung wird in .der Awestäschrift nicht geschrieben. Vgl.
Bartholomae, Grundriss der iran. Phil. 1 8 ὅ N.5. Von
massja ist zunächst mittelst des Suffixes -ka, osset. äg das Sub-
stantiv *massja-ka, "massja-ga gebildet, wozu Μασσαγέται der mit
der ossetischen Pluralendung -Φ ἃ versehene Plural ist?).
Ebenso zu erklären sind die Namen Θυσσαγέ-ται Her. ὃ 22. 122,
Plin. 6, 19; Σαυρομά-ται Συρμά-ται Σαρμά-ται ἃ. 1. ἐϑαύγιω-ηια (mit
u- Eoentbesey! *Sar-ma, vgl. aw. Salrima ; Τυρεγέ-ται Strab. &
3,17 p. 306, ein Überrest der Skytben am "Tyras 8), ᾿Ιαξαμά-ται
(Ptol) oder ee Skymn. 879ff., ᾿ἸΙξιβά-ται Hekat. fr. 166,
Mela 1, 114 Ixamatae etc., Plin. 6, 21 Mazamacae vgl. Ps. Mos.
Chor. Geogr. p. 36 Soukry Nachla-mateank‘ — ᾿Ιαξαμάται ἢ);
Θισαμά-ται, Σαυδαρά-ται Latyscheff I 16 B, 9; Μυργέ-ται
Hekat. fr. 155 (falls nicht Τυραγέ-ται zu lesen ist); Morvxt-ta
ib. fr. 156; ΜΝαπά-ται Apollon. Rhod. Argon. 758, vgl. Steph.
Byz. Νάπις᾽ κώμη Σκυϑίας. ὃ οἰκήτωρ Nandıns ἢ Nantıns
neben Νάπαι Diod. 2, 48, 4, Napaei Plin. 6, 50, Inapaei 8 22,
Naprae $ 20°), Napaei Ammian. Marcell. 22, 8, 33, im Alexander-
roman I 2 cod. A und 1, Aondres (neben Βούσποροι); Sarge-tae
Ammian 22, ὃ, 38, ΖΣαργάτιον Ptol. 3, 5, 23, Sardetae für
Sargetae Karte des Castorius Segm. IX 3 ed. Miller. Vor
allen aber gehört hieher der einheimische Name der Skythen,
Σκόλοτοι Her. ὃ 6. Der reine Stamm desselben liegt vor im
Namen des Scolo-pitus Justin 2, 4,1, der mit seinem Bruder
Plinos aus der Heimat vertrieben nach Themiskyra am Thermodon
auswanderte. Plinos für *IIeA-wog ist hier der Vertreter der
Πάλοι; vgl. Placıa Plin. 4, 86 —= Παλάκιον Strab. & 4, 7
p. 312, wahrscheinlich benannt nach Πάλ-ακος, dem Sohne des
taurischen Königs Skiluros Strab. & 3,17 p. 306. 4,3 p. 309°).
τ ϑίταθ. τὰ ὃ; 6. 7 pr sl.
5) Diese Etymologie, die ich selbständig gefunden habe, vertritt
bereits Tomaschek, Kritik der ältesten Nachrichten über den sky-
thischen Norden II 47 vgl. 34.
3) Vgl. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde III 36.
4 Vgl. Müllenhoff ἃ. ἃ. Ο. 825,
5) Vgl. Müllenhoff, D. A. III 23*. 89.
6, Vgl. Müllenhoff ἃ. ἃ. O. IH 58.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 79
Scolo-pitus ist gebildet wie ’Agıa-meidng Her. ὃ 76. 78, Σπαργα-
πείϑης König der Agathyrsen Her. ὃ 78, ein Skythe ὃ 76,
und wäre also richtig Scolo-pithes zu schreiben. Ebenso erkennt
man den Volksnamen im Namen des skythischen Königs Σκύλης
Her. ὃ 76. 78, sowie in Κολά-ξαις, dem Namen des jüngsten der
drei Söhne des skythischen Urkönigs Teeyırdog, von welchem die
königliche Horde der Παραλάται abstammte Her. ὃ 5. 71). κολα-
steht neben scolo- wie Πάλοι Diod. 2, 43,4, Palaei Plin. ἢ. ἢ.
6,50 neben Spali Jordan. Get. c. 4, Satharchei Spalaei Plin. 6, 22,
und wie aw. δέαδγα Spitze jt. 12,25 neben iaera, ai. spdsas
neben pdsjatı, gr. στέγος neben τέγος u. 85. w. Vgl. Bartholomae,
KZ. 29, 487.
Dass obige Auffassung der skythischen Namen auf -raı richtig
ist2), beweist die Glosse: τὰς δὲ ᾿“μαζόνας καλέουσι Σκύϑαι Οἰόρπατα,
δύναται δὲ τὸ ὄνομα τοῦτο κατὰ ᾿Ελλάδα γλῶσσαν ἀνδροκτόνοι᾽" οἰὸρ
γὰρ καλέουσι ἄνδρα, τὸ δὲ πατὰ κτείνειν Her. ὃ 110. Hier ist
also der Name Οἰόρπατα offenbar eine Pluralform, als deren
Singular wir zunächst οἰορπα- anzusetzen haben. oiog d.i. *woer
ist durch aw. wöra „Mann, Held“, skt. wörd, pahl. w2r hinlänglich
gedeckt. Vielleicht haben wir für das Skythische eine Nebenform
*warra-, *wair- anzusetzen. Der Begriff des Tötens muss also
in /’A liegen. Damit ist allerdings vom iranischen Standpunkte
aus nichts zu machen, es wäre aber der Glosse genügt, wenn wir
OIOPT<N>ATA —= *waira-gna-ta (vgl. wor’$ra-yna „Worthra-
töter*) lesen dürften. Die Annahme einer Verderbnis aus
ΟἰορΖατά (T aus Z), das dann direkt —= aw. wöra-gan jt. 13, 37
wäre, scheint mir dagegen zu kühn.
Wie 2%040-roı etc. ist nun auch Παραλά-ται zu beurteilen:
-reı ist Pluralendung, parala- der Stamm. Wir können nun
wenigstens &in sicheres Beispiel nachweisen, in welchem ὦ im
Alanischen durch Dissimilation aus n entstanden ist: die alanischen
“Ῥωξολανοί werden in dem Ehrendekret der Chersonesiten für
Diophantos (ca. 107 v. Chr.) Z. 22 Ῥευξιναλοι genannt?), bei
Ptol. 3, 5 p. 201, 24 Ῥευκανάλοι (statt ᾿Ῥευξανάλοι) neben Ῥωξο-
λανοί p. 200, 27. Gleich andern skythischen Völkernamen *)
1) Vgl. auch Stein zu Her. 4, 6.
?) Wie ich nachträglich aus dem Referate von J. Hanusz,
WZKM. I 156/57 sehe, hat schon Wsewolod Miller, Die epi-
nen Spuren des Iraniertums im Süden Russlands (Journal des
inisteriums für Volksaufklärung, St. Petersburg 1886, Oktober,
S. 232—283 [russ.]) die skythisch-sarmatischen Stammnamen auf -raı
vermittelst des ossetischen Pluralsuffixes auf -tö erklärt, in welchem er
ein ural-altaisches Element vermutet. Er vergleicht dazu die finnisch-
ugrischen Plurale auf -t-.
®) Dittenberger, Sylloge inseriptionum graec. no. 252. Laty-
scheff, Inscriptiones graecae orae septentrionalis Ponti Euxini ἢ. 185.
Ὁ Z. B. Κοναψός Latyscheff II 100 zu Κοναψηνοί: vgl. meine
Östeuropäischen und ostasiatischen Streifzüge S.55 Anm.2. Νάβαξος
80 J. Marquart,
wird auch dieser als Personenname verwandt und erscheint in der
Form ἱῬευσίναλος auf den Inschriften (Latyscheff II 296 N. 88).
Beide Formen gehen offenbar auf ein iranisches rauchsnana
zurück. Auf den skythischen Namen Ῥησπινδίαλος aus Olbia
Latyscheff 1104 N. 68, alanisch Respendial (a. 406) Gregor.
Turon. 2, 9 will ich mich nicht berufen, da noch keine plausible
Etymologie desselben gefunden ist!). Dagegen steht ebenso neben
dem persischen Stamm Πανϑιαλαῖον Her. « 125 die Station
Pantyene Tab. Peut. Segm. XII 2, Geogr. Rav. p. 52, 7
Patienas?2. Auch den Namen ’AAoyovvn Ktes. ecl. 44 möchte
ich jetzt durch Dissimilation aus *wana(h)-gauna — aw. *wanat-
gauna „Gestalt ersiegend“ (vgl. Ὀνα-φέρνης — *wanalh)-farna
„die Majestät ersiegend*) erklären.
In diesen Zusammenhang gerückt erscheint es selbst möglich, dass
der parthische Königsname Volagases, "8551 Walagas, zu betonen
Waldyas, woraus phl. Walachs, arm. Walars, eine ähnliche Bildung
und Bedeutung aufweist: wala-gas — aw. *wanat-gasa. Vgl. den
etwas ältern gleichfalls parthischen Ὑνδοφέρρης, Tovdapdens,
Gomdafarna ete.—= Windath)-farr, Gunda(h)-farr, ap. Winda(h)-
farna& (oben S. 4 und Anm. 5). Das zweite Element ist np.
gas 1) pulcer, bonus, 2) modus incedendi cum venustate et fastu
et hilaritate (Vullers), das auch in dem parthischen Namen Adda-
gases?), sowie in den skythischen Namen Γωδίγασος Latyscheff
Lat. II 447 = ἃν. Nawaza eb. S.55 Anm. 3. Σιαρμάτας Lat. 11 402;
Σαυρομάτης: Σκόξος Lat. II 404 d. i. *Skuca, die einheimische Form
des den Griechen in Kleinasien bekannt gewordenen Stammnamens
Σκύϑαι, assyr. Asküugaia (unten S. 111).
1 Vgl. dazu Müllenhoff, DA. II 113. 206. Justi, Iran.
Namenbuch 260b.
3) Vgl.auchTomaschek, Zur histor. Topographie von Persien 134.
3) Es sind zwei Personen dieses Namens bekannt. a) Der Bruders-
sohn des Gundafarr: Genitiv ABJAT'AZUT, kharosthi Awadagasasa,
Hawadagasasa auf den sakisch-parthischen Münzen Gardner, The coins
of the Greek and Seythic Kings of Bactria and India p. 107/8, Pl. XXIII
1—3. Alex. Cunningham, Numism. Chroniele 1890, p. 117—121.
Hörnle, Copper-coins of Abdagases, Proc. JRAS. Beng. 1895, 82—84.
Im Evangelium Ioannis de transitu Mariae bei Tisehendorf, Apo-
calypses apocryphae p. 101 entspricht ihm “αβδάνης, der Schwester-
sohn des Königs von Indien (für Aßddvns oder syr. 923 = pers.
Abdan, ein Hypokoristikon auf -än); vgl. Sylvain Levi, Notes sur les
Indo Seythes. Journ. as. 1897, 1,35. Ὁ) Der Vater des Sinnakes: Tac.
ann. 6, 36. 37. 43. 44 Abdagaeses, Jos. ἀρχ. νη 8884. ᾿4βδαγάσης,
ΒΤ. u) QDN (arm. V,erkbE Abdeche) und yaDN, war
Addailegende ed. Phillips p. u, % 3, 1 (oben 5. 11) für
ads Abdach! oder ayDIs Abdar$ aus *Abdayas (wie Walars,
Walach$ aus Walayas), gewöhnlich Ιμωαλ (Hypokoristikon, fälschlich
von jenem unterschieden) p. u, 4. SD: 12. 9, 23, von aw. abda,
phl. avd „wunderbar“.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 81
II 447, Ὀσσι[ζγασῆος ib. 446 (beide aus Tanais), Οὐσίγασος ib.
I 55 (Olbia) und vielleicht in Οὐά-γ[α]σις ib. Π 389, parthisch
Vagasıs Justin 41, 6,7 vorkommt. Vgl. meine Beiträge zur
Geschichte und Sage von Eran; ZDMG. 49, 636 Anm. 4 und
Justi, Iranisches Namenbuch 495. Dahin gehört, wie ich
glaube, auch der skythische Name des Kaukasus, Ürou-casım
(lies -gasim) id est nive candidum Plin. 6, 50. Ist die
vorgeschlagene Etymologie von Volagases richtig, so bildet dieser
Name einen weiteren Beweis für die enge Verwandtschaft der
dahischen Parner, des Kriegsadels der Parther, mit den Skythen
und Sarmaten.
Der parthische Satrap Σιλάκης, Σιλλάκης von Mesopotamien,
der beim Feldzug des Crassus neben dem Surenas genannt wird,
ist thatsächlich, wie eine eingehende Quellenkritik zeigt, mit
diesem identisch. Der Sieg über Crassus findet bei Σίννακα
statt (Strab. ἐς 1, 23 Ὁ. 747. Plut. Orass. 29), das wohl erst nach
dem Sieger benannt ist, vielleicht allerdings schon nach dem
frühern Statthalter von Mesopotamien ιϑριδάτης Σινάκης a. 88
v. Chr. Jos. ἀρχ. 13 8 384. Ich sehe daher in Σιλάκης bezw.
Σιλλάχης nur eine Nebenform von Σινάκης, Σιννάκης, dem
eigentlichen Namen des Surenas. Der von Tacitus (ann. 6, 31.
32. 36) erwähnte Sennaces, der Sohn des Surena Abdagaeses!),
wird in der Addailegende Yanı ;D Sum (Pp- N 1)2) oder
Ιωαλ > Ὅλροο (P. Ὁ ὶ 23) genannt, sein dort neben ihm auf-
tretender Verwandter Addus?) heisst hier p. 3. 10 (neben „y/
d. i. BAT, Izat). x ‚2 928, Pp..u, 16 in an verstümmelt.
Nach diesen mehr oder weniger sicheren Beispielen dürfte
es nicht als zu gewagt erscheinen, Παραλά-ται auf ap. parana
„früher“ zurückzuführen. In der Karte des Castorius Segm. ΧΙ 4/5
erscheint der Name in der Form PARALOCAE - SCYTHAE,
von einer Form *parala-k, wie der Personenname Sauroma-ces
(Ammian. 27,12, 4. 16. 30, 2, 4), georg. Saurma-g, arm. Var pufuly
1) S. meine Beiträge zur Geschichte und Sage von Eran. ZDMG.
49, 636.
2) An dieser Stelle wird in Wirklichkeit sein Sohn fisaaN
ADS 75 SD 52. genannt. Leböbena (durch Dissimilation für
#Nebö-benä) „Nebo hat geschaffen“ ist hier aramäische Übersetzung
des parthischen Tiridates. p. „3 ist der Name in „Das/ ver-
dorben. 7ir — Merkur (Nabü), der Stern der Schreiber Berüni ffi, 2.
3) Hypokoristikon auf -ὦ für gemeiniranisch -02, -0 nach skythischer
Weise von Abdagases. Vgl. Τουριούας Strab. ı« 11, 2 p. 517 und
meine Bemerkungen Unters. zur Gesch. von Eran 170. Zu der Bildung
‚überhaupt W. Schulze, KZ. 33, 376. Justi, Iran. Namenbuch 525.
Marquart, Untersuchungen. II. 6
82 J. Marquart,
Surmak Ps. Mos. Chor. 3, 63. 64. 66 neben dem Volksnamen
Σαυρομά-ται.
[Anders als in den obigen Beispielen ist wohl das ἰ im
Namer der Alanen zu erklären, das durch die einmütige Be-
zeugung der griechisch -lateinischen, chinesischen, armenischen
und arabisch-persischen Litteratur völlig sicher steht. Die Formen
lauten ’Alovoi, Alani, A-lan-na, Ü,pwZpr „> al-Lan aus
pers. Alan. Wir können ein solches Wort aber noch als Appellativ
im Armenischen nachweisen, ‘welches dasselbe aus dem Parthischen
entlehnt haben muss. Ü,gw% Alan allein findet sich als Eigen-
name eines Arcruniers bei Xazar P'arpecii (Venedig 1892)
S. 17. 139. 206. 644, und als zweiter Teil des zusammengesetzten
Namens 9 εἥηηεμηκῖ, Zand-alan „aus dem ostanischen Hause“
taz. 196. Besonders wichtig ist aber Ü,gwzuyagum Alana-jozan,
ein Heerführer des Königs Sapür II., „welcher ein Pahlav war
aus dem Hause der Arschakunier* Faust. Byz. 4, 38 8. 156.
Ps. Moses Chor. 3, 34 8.221 nennt ihn Ü,ywZuungus Alanaozan
(v. 1. U,pwtngut Alanozan), ein Pahlavik, welcher ein Ver-
wandter des (armenischen Königs) Arsak war. Alana-jozan ist
gebildet wie Razmiozan d. i. pers. *razm-jozan „Kampf suchend*.
Vgl. Hübschmann, Arm. Gr. Τ 17.69. Hübschmann hat
aber übersehen, dass das Wort sich auch in zwei armenischen
Appellativa findet. Bei Faustos Byz. 4, 2 8. 68 erhält das
armenische Adelshaus der Mamikonier unter einer Menge anderer auch
die Epitheta wqwlnuggPp wumwilaug put >p εὑ δ πε Euzuilp
ΟΦ ΟΜ von denen nur das dritte rein armenisch ist: ᾿
„Adlerstandarten führend“. Die drei übrigen Ausdrücke sind
sämtlich ὥπαξ λεγόμενα. Die beiden ersten haben als zweites
Kompositionsglied die Wörter «44 „Volk, Geschlecht“ und
{περ (Lehnwort aus iranisch drafsa, drafs) „Banner“ ; warznaka-
nısk‘ setzt als erstes Glied ein Adjektiv *warinak voraus,
das aus pahl. *warzänak oder *warienak, arm. *warzinak
verkürzt ist!), von np. warg „Grösse, Würde‘, phl. warz
(Horn, Grundriss der Neupers. Etymologie Nr. 1077). Die drei
letzten Ausdrücke sind also Synonyma, und daraus ergibt sich,
dass alan ein Appellativum (vermutlich Adjektiv) mit der
Bedeutung „siegreich, ruhmvoll, .würdig“ oder ähnlich gewesen
sein muss?). Der Volksname Alanen wird demnach ein Ehren-
1) Zum Ausfall des a vgl. die Geschlechtsnamen Wahn-unik‘ zu
Wahan—= Wahagn, aw. Waro®rayna, Bagrat-uni zu Baga-rat. ὃ. diese
Unters. 1 45 Anm. 3.
3) Das grosse Venediger Wörterbuch denkt an die Alanen oder
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 83
name sein, den sich das Volk selbst beilegte und der eine
‘Gruppe verschiedennamiger iranischer Nomadenstämme der kaspisch-
pontischen Steppen zu einer politischen Einheit zusammenfasste.
Der Name ist augenscheinlich jüngerer Bildung als die zahlreichen
älteren Stammnamen, die meist mit den Suffixen -ma (Plur.
-μά-ται) und -ka, -ga (Plur. -καὶ, -cae, -γέ-ται) gebildet sind.
Dies wird nun vollständig durch die historischen Zeugnisse
bestätigt. Aus dem Höu-Han-Su erfahren wir, dass die A-lan-na
früher An-ts’at (gewöhnlich Jen-ts’ai gelesen) hiessen und später
ihren Namen geändert hatten!). Die Alanen werden zuerst im
Jahre 35 n. Chr. von Josephos erwähnt?); allein die alte
lateinische Übersetzung liest Scythas, was Naber ohne weiteres
in den Text aufgenommen hat, ohne den Leser auch nur mit
einer Silbe über die Lesart der freilich weit jüngeren griechischen
Handschriften zu unterrichten. Da aber auch Taeitus ann. 6, 33
im gleichen Zusammenhang nur von Sarmaten redet, so ist es aller-
dings möglich, dass das ’AAavoi der griechischen Hss. auf eine im
Hinblick auf πόλ. ’Iovd. 7 ὃ 244, wo auf die frühere Stelle
verwiesen wird, vorgenommene Emendation eines Lesers zurück-
geht?). Die nächste sichere Erwähnung der Alanen findet sich
bei Lukan Pharsal. VIII 223 (zwischen 60—65). In den
An-ts’ai, was nach dem Höu-Han-$u der frühere Name der
Alanen war, haben Fr. Hirth und A. v. Gutschmid
unabhängig von einander die Aorsen erkannt), die zuletzt
im Jahre 49 n. Chr. in der Geschichte auftreten, und zwar ganz
in denselben Sitzen, die später die Alanen inne haben).
Strabon unterscheidet von den Aorsen am Tanais die :obern
Aorsen, die viel mächtiger waren als jene und deren Sitze wir
Altvank‘ oder alauni „Taube“, und verweist auf wwykrtaugpuny An
und für sich liegt sogar die Vermutung nahe, dass wewinmrpwiz.p
durch das folgende JepFtwhwbfz.p glossiert sei, da die ganze Stelle
von Glossen durchsetzt ist. Der Vollständigkeit halber will ich noch
auf die persische Glosse Be Stärke in der Erklärung des Namens
Alexander — dm ἣν (müsste mindestens ‚AAm a pahl. *Alak
Sandar sein] bei Dinaw. Γ᾽ aufmerksam machen. Vgl. Nöldeke,
Beiträge zur Geschichte des Alexanderromans 36.
1) Höu-Han-Su bei Fr. Hirth, Über Wolga-Hunnen und Hiung-nu.
SB. der bayer. Akad. 1899 Bd. II Heft II S.250. Ma Twan-lin bei
Abel Remusat, Nouv. mel. asiat. I 239.
5) Jos. ἀρχ. 18 8 97 ed. Niese.
3) Umgekehrt Gutschmid, Gesch. Irans $. 121 Anm. 1.
*) Fr. Hirth, China and the Roman Orient 1885 p. 139 n.1.
Gutschmid, Gesch. Irans 68ff.
5) Tac. ann. 12, 15 ff.
6*
84 J. Marquart,
uns im Norden und Osten des Kaspischen Meeres bis zum
Aralsee zu denken haben, wo zu Alexanders Zeit noch Massageten
und Daher haustent). Die obern Aorsen gelten als das Stammvolk
der Aorsen am Tanais und der Siraken am Achardeos?).
Ptolemaios nennt jene ‘AAdvogooı, die westlichen setzt er nach
dem europäischen Sarmatien®). Nach dem Reisebericht des
Generals Cang- kiien (126 v. Chr.) bei Sse-ma Ts’ien liegt das
Land der An-tsiai „an einem‘ grossen See, der keine Ufer hat
und den man deshalb für das Nordmeer hält“, Ich glaube, dass
hier eine Verwechslung des Aralsees mit der Maiotis vorliegt,
wie sie auch den Alexanderhistorikern passiert ist*). Die Gleich-
setzung dieses Meeres mit dem Nordmeer erinnert allzu merk-
würdig an die von Patrokles aufgebrachte und von Eratosthenes
in die Wissenschaft eingeführte Lehre von dem nach Norden
offenen Kaspischen Meer und seiner Verbindung mit dem nördlichen
Ocean, um an blossen Zufall zu glauben. Vgl. übrigens auch
Hekataios von Abdera fr. 6a bei Plinius h. n. 4, 94: septen-
trionalis oceanus. Amalchtum?) eum Hecataeus appellat a Parapaniso
amne, qua Scythiam adluit, quod nomen eius gentis lingua
significat congelatum. Über diesen Parapanisos u
Um die chinesische Bezeichnung Jen-ts’a® oder An-ts’ai
ἘΣ ἐπ lautlich mit den”40g60: des Strabon und Taeitus in Über-
einstimmung zu bringen, nimmt Hirth an, dass das schliessende n
des ersten Zeichens das dem Chinesischen fehlende r wiedergeben
solle, und beruft sich auf einige andere Fälle, in denen er nachweisen
will, dass finales n ein fremdes r wiedergebe®). Dies wird indes
neuestens von Schlegel bestritten, welcher nur finales £ als
1) Arr. 4, 16,4. 17,1.7.3,11, 3.28, 8.10. 5, 12,2. Strab. ı@ 8, 2
p. 511.8 p. 518.
2) Strab. κα 5, 8 p. 506: οἱ τ᾽ ἐφεξῆς νομάδες οἱ μεταξὺ τῆς
"Μαιώτιδος καὶ τῆς Κασπίας “Ναβιανοὶ (. Ναάβαζοι Ὁ) καὶ Πανξανοὶ καὶ
ἤδη τὰ τῶν Σιράκων καὶ ᾿Δόρσων͵ φῦλα. δοκοῦσι δ᾽ οἱ ἴδορσοι καὶ οἱ
Σίρακες, φυγάδες εἶναι τῶν ἀνωτέρω καὶ προσάρκτιοι (]. προσαρχτίων)
μᾶλλον ᾿Δόρσων. ᾿᾿βέακος μὲν οὖν ὁ τῶν Σιράκων͵ βασιλεύς, ἡνίκα
Φαρνάκης τὸν Βόσπορον εἶχε, δύο μυριάδας ἱππέων ἔστελλε, Σπαδίνης
δ᾽ ὁ τῶν ᾿Δόρσων καὶ εἴκοσιν, οἱ δὲ ἄνω Ἴορσοι καὶ πλείονας᾽ καὶ γὰρ
ἐπεκράτουν πλείονος γῆς καὶ σχεδόν τι τῆς Κασπίων παραλίας rüs
πλείστης ἤρχον, ὥστε καὶ ἐνεπορεύοντο καμήλοις τὸν ᾿Ινδικὸν φόρτον
καὶ τὸν Βαβυλώνιον παρά TE Agueviov καὶ , Μήδων διαδεχόμενοι"
ἐχρυσοφόρουν δὲ διὰ τὴν εὐπορίαν᾽ οἱ μὲν οὖν ἴδορσοι τὸν Τάναϊν
παροικοῦσιν, οἱ Σίρακες δὲ τὸν ᾿ἀχαρδέον, ὃς ἐκ τοῦ Καυκάσου ῥέων
ἐχδίδωσιν εἰς τὴν Μαιῶτιν.
8) Ptol. 6, 14 p. 426, 22. 8, ὅ p. 201, 14.
%) Vgl. Strab. τὰ 9,3 p.515. Curt. VI 2, 13—14.
5) Lies Amaechium — aw. *ham-aecha, von aw. aecha, np. jach
„Eis“. Vgl. Horn, Neupers. Etymologie S. 252 N. 3.
6) 1. 1. p.139 n.1. Wolga-Hunnen und Hiung-nu 8. 251.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 85
Wiedergabe eines fremden r zulassen will und die von Hirth
zu gunsten seiner Theorie angeführten Beispiele An-s! — *Ar-
sak, An-ku —='Ooyön, babyl. Arku, P'an-töu = mp. Παρϑαῦ,
ap. Pardawa anders erklärt!). Was dagegen unsern Fall angeht,
so ist, wie mir Schlegel erklärt, die alte Aussprache des
Zeichens {3} vemv oder αν, cantones. im, was mie αὖ -ε: α7'
a. u
gesprochen werden konnte. &% gibt skt. c@ wieder, so dass die
alte Aussprache * Am-ca oder *Jem-ca wäre. An der sachlichen
Identität dieses Namens mit den "40000: der Griechen kann
trotzdem kein Zweifel bestehen, und ich muss daher die Lösung
dieser Schwierigkeit, welche der lautlichen Gleichsetzung beider
Namen entgegensteht, den Sinologen überlassen.
Um die einheimische Form des Namens” 40000: zu finden, müssen
wir ausgehen von einer andern, uns bei den römischen Geographen
überlieferten Form jenes Völkernamens. Plinius sagt nämlich
6,38 bei der Beschreibung des sinus Scythicus des kaspischen
Meeres: utrimque enim accolunt Scythae et per angustias inter
se commeant hince Nomades et Sauromatae multis nominibus,
illine Adzoge non paucioribus. Dieses unverständliche ABZOAE
hat bereits Tomaschek?) stillschweigend in ARZOAE verbessert.
Zum sachlichen Verständnis der Stelle ist es zu empfehlen,
sich die Karte Orbis habitabilis ad mentem Pomponii Melae in
Konrad Miller’s Mappae Mundi Heft VI Taf. 7 anzusehen.
Gleich darauf heisst es bei Plinius 6, 39: Supra maritima eius
(Albanorum) Udinorumque gentem Sarmatae, Utidorst, Aroteres
praetenduntur, quorum ἃ tergo indicatae iam Amazones et
Sauromatides. Hier ist Utidorsi verlesen aus Οὗτοι (— Οὖδαι
bei Ptol.), "40000: ’Aoorrjoes. Unter dem Namen Aorsi erwähnt
er sie auch 4, 80, eine weitere Form haben wir 6, 48: Gandari
Pari<c>ani Zarangae Arasmi Marotiani Arsi Gaeli quos Graeci
Cadusios appellavere, Matiani, wenn Reinach’s Vermutung
zutrifft, dass Marotian! in Maeotiant zu verbessern sei?). In
diesem Fall wären die Arse natürlich die Aorsen. Doch bleibt
die Möglichkeit, dass Arsi aus <P>arsi — Πάρσιοι Strab. ı@ 7, 1
p. 508 verdorben ist. Aber die ungewöhnliche Form Arzoae
wird bestätigt durch die Karte des Castorius, welche an zwei
Stellen (Segm. IX 5 und X 1) ARSOAE verzeichnet. Arzoae oder
Arsoae setzt ein iranisches *arz-awa voraus, das zu np.
IE oE
τ δ» ἐδ „Wert“, aw. arogah-, phl. arz, arzan (Horn, Nr. 67
1. @. Schlegel, The secret of the Chinese method of transeribing
foreign sounds p. 17.21. Reprinted from the T’oung-Pao, Series II Vol. 1.
2) Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen Norden
II 37. SBWA. Bd. 117, 1888, Nr. 1.
3) Th. Reinach, Un peuple oublie, les Matienes. Revue des
etudes greeques 1894 p. 313 n.1.
86 J. Marquart,
bis) gehört!), gebildet mit einem Suffix awa-, au- (vgl. skyth..
Μάρδανος Latyscheff II 275 no. 451,15 aus Tanais a. 228.
n. Chr.), das wohl mit dem hypokoristischen Affıx -ὥας, -0%,
skythisch -oög identisch ist. Vgl. Justi, Iran. Namenbuch 525.
Als einheimische Form von "40900: erhalten wir nun ohne Mühe
ein Compositum *Au-arz, das sich zu Arzoae verhält wie z. B.
Su-gambrı zu Gambdriwü, Wesi-gothae zu Gutones?). Die Trans-
skription ist ähnlich wie in’”4oovog, das auf iranisches *hu-warna
„wohlbewehrt* (W. war „wehren‘) zurückgehen muss, und
zunächst durch das Streben nach Dissimilation zu erklären.
Ähnlich haben wir ”Arooo« — aw. Hutaosa; ᾿Δμύργιοι Her. 7, 64,
᾿Δμόργης 1) König der Saken Ktes. ecl. 3, 2) Enkel des Hystaspes,
Satrapen der Baktrier und Saken Thuk. 8, 28, 1yk. Humrkkä
Stele von Xanthos Süds. 50, umrggazn Nords. 50, neben Ὀμάργης
1) König der Saken Polyain. 7,12, 2) König der 'αραϑοί jenseits
des Tanais (Iaxartes) Chares von Mitylene bei Athen. 13, 35
p. 575, sämtlich — ap. (Sakä) Haumawarga. Nicht ganz gleichartig,
aber ebenfalls beizuziehen ist die Wiedergabe von anlautendem
wa durch αὖ in “Αὐτοφραδάτης, Iyk. Wataprddata, auf stachrischen
Münzen nen —= ap. Wätafradäta; Αὐτο- βοισάκης —= ap. *Wäta-
baugaka Xen. Hell. 2, 1, 8; 4ὐτο-βάρης Arr. 7,6,5 — ap. * Wäta-
pa-ra (Hypokoristikon mit Sufl. -ra zu * Wäta-pata). Daneben hat
aber wie in”Aogvog so auch in’”400001 griechische Volksetymologie
die Transskription beeinflusst, indem man den Namen an 0000g Angriff
(in ὀρσό-λοπος) anschloss. Vgl. die zahlreichen etymologischen
Spielereien, welche die hellenischen Geographen gerade in den
Kaukasusgebieten und Iran verbrochen haben, z. B. ᾽4χαιοί, “"Hvioyoı,
Αἰνιᾶνες, Παρράσιοι (Strab. τα 2, 12 p. 495/96. 7, 1 p. 508),
’Agu£vıoı (Strab. τα 14, 12 p. 530), Ἴβηρες.
Es ergibt sich somit, dass auch der Name Aorser, ebenso
wie Alanen, eine ehrenvolle Selbstbezeichnung ist, welche sich
das Volk bezw. der führende Stamm wahrscheinlich bei der
Begründung einer grössern politischen Einheit beileste. Für die
Datierung dieses Ereignisses besitzen wir bis jetzt nur einen terminus
ante quem in dem Reisebericht des Cang-k’ien (ca. 126 v. Chr.),
da sämtliche griechische Berichte über das Ende der hellenischen
Herrschaft in Sogdiana und Baktrien für uns verloren sind. Da
die obern Aorsen sich, wie wir gesehen haben, östlich bis zum
Aralsee “ erstreckten , wo die Alexanderhistoriker und selbst
Eratosthenes noch Massageten und Daher kennen, so ist Ammians
Angabe, dass die Alanen — d. h. die Aorsen unter ihrem neuen
Namen — Nachkommen der alten Massageten seien®?), gar nicht
1) Es darf indessen nicht verschwiegen werden, dass das ent-
sprechende ossetische Wort ary—=skt. argha (Hübschmann, Ety-
mologie und Lautlehre des Ossetischen ὃ. 23 Nr. 31) lautet.
2) Vgl. Streitberg, Indogerm. Forsch. IV 300—309.
8) Ammian. Marcell. 23, 5, 16. 31, 2,12. Vgl. Kassios Dion 69, 15.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 87
so unwahrscheinlich, wenn man sie auf die führende Horde dieses
Volkes beschränkt, welches infolge seiner politischen Expansion
die älteren iranischen Nomadenstämme der aralo-pontischen Steppen
aufgesogen hatte. Der Name „Fischesser“ passte nur auf einen
Teil der alten Massageten, wie ein Blick auf ihre Wohnsitze und
Lebensweise zeigt, und wir wissen auch nicht, ob das Volk jenen
ihm von seinen Nachbarn beigelegten Namen selbst angenommen
hatte. Über die Wwy.pm[d.p Mazk‘utk‘, die wir im 4. Jahrh.
im östlichen Kaukasus, am Westufer des Kaspischen Meeres
finden, wird anderswo ausführlich gehandelt werden.
Neben der Pluralendung -raı finden wir im Skythischen
auch noch Spuren einer älteren Pluralbildung. Herodot 4, 52
spricht von einer überaus bitteren Quelle, welche vier Tagfahrten
vom Meere in den Upanis münde, und obwohl unbedeutend , das
Wasser des mächtigen Upanis untrinkbar mache. ἔστε δὲ ἦ κρήνη
αὔτη ἐν οὔροισι "χώρης τῆς TE ἀροτήρων Σκυϑέων καὶ ᾿4λαζόνων᾽
οὔνομα δὲ τῇ κρήνῃ καὶ ὅϑεν ρέει τῷ χώρῳ σκυϑιστὶ μὲν ᾿Εξαμπαῖος,
κατὰ δὲ τὴν ᾿Ελλήνων γλῶσσαν ᾿Ιραὶ ödol. Dieser Ort lag
zwischen Borysthenes und Upanis. Der Skythenkönig Ariantas
hatte daselbst einen kolossalen ehernen Mischkessel aufstellen
lassen (Her. 4, 81). Stein erklärt den Namen des Ortes daraus,
„dass er ein Knotenpunkt aller Verkehrsstrassen war, deren
Sicherheit, nach antiker Sitte, unter den Schutz der Götter
gestellt war“. Eine Etymologie des Namens versuchte Müllen-
hoff, DA. III 104f. „Das ’E, schreibt er, wird auch hier ein
privatives a sein und in dem wort der begriff ‚unverletzt,
unverletzlich‘ liegen, wie in unserm ‚heilig‘ (vgl. altpers. akhsatä
von khshan verwunden). ... wie im pehlevi und im neupers.
päi aus pädha fuss entstand, so kann auch im scythischen
pai aus path altpers. pathi pfad geworden sein, nahe liest sonst
auch zd. paya‘ weide, trift, wonach die paradiese Ctarpäya,
Mähpäya (Spiegel parsigramm. s. 180) benannt sind“. Toma-
schek, Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen
Norden II 62 (SBWA. Bd. 117, 1888, N. D spricht das
unbedenklich nach und erklärt ἐξαμπαῖος — e-ksan-pay [so!]
„unverletzliche Weide“. In der Inschrift Dar. Pers. I 23 findet
sich allerdings der Ausdruck Aja duwazstam sijatis achsata, der
aber noch nicht sicher erklärt ist.
Allein wenn hier achsatz in der That das Fem. eines Part.
Pass. der Wurzel skt. ksan, aw. οἶδα, „verletzen + a priv.
ist, so beweist dies gerade die Unmöglichkeit von Müllenhoff’s
Erklärung des skythischen ἐξαμ-: es müsste mindestens *e&as-
(durch Assimilation aus *e&ar-) lauten.
Zonaras 11, 24 (vol. III 75 ed. Dindorf). S. darüber vorläufig diese
Unters. I 48 Anm. 16.
88 J. Marguart,
Müllenhoff hat ganz richtig gesehen, dass der Begriff
ὁδοί in -παῖος stecken müsse, woraus sich ergibt, dass wir den
Begriff „heilig* in ἐξαμ- zu suchen haben. Es ist nun schon
mehrfach darauf hingewiesen worden, dass die skythischen Namen
vielfach die dem Ossetischen, dem heutigen Nachkommen des
Alanischen eigene Konsonantenumstellung zeigen. Bereits Müllen-
hoff (DA. 11T 121) fiel diese Metathesis in den tanaitischen
Namen auf -ξαρϑὸς auf, worin er aw. ap. chsadra „Herschaft“
erkannte, und er verglich dieselbe mit ähnlichen Erscheinungen
im Neupersischn. Wsewolod Miller hat dann die sprach-
wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen gegeben, indem
er zeigte, dass die altiranischen Lautgruppen ®r und chr im
Skythischen zu γέ, rch werden, wie im Össetischen?).
In gleicher Weise wird im Össetischen nun auch altiranisches
sp in fs verwandelt, z. B. Jäfs Stute, aw. aspa; äfsad Heer,
aw. späda?). Nach dieser Regel müsste das altiranische Wort
für „heilig, aw. sponta, medisch σφενδα- (in «Σ:φενδα-δάτης,
lyk. Sppnta-za), altpers. *sanda- in Σανδ- ώκης, San-tak-Sat-ru
(unten S. 105 Anm. 5) im Ossetischen *äfsand lauten. Ein solches
Wort findet sich nun freilich meines Wissens im Össetischen nicht
mehr, wird aber für das Skythische sehr wahrscheinlich gemacht
durch die Notiz bei Steph. Byz.: Pevdagrdan‘ λόφος ἐν Σκυϑίαᾳ,
μετὰ τὸ λεγόμενον ὄρος ἅγιον, wo Φευδαρτάκη in Perdagrdan zu
verbessern ist. Der zweite Teil gehört wohl zu osset. art‘
„brennendes Feuer, Flamme“, aw. ätaro (gen. a9rö) „Feuer“
Hübschmann ἃ. ἃ. Ὁ. S. 24 Nr. 36, im ersten Teil ist *fsänd
„heilig“ nicht zu verkennen. Der ganze Name ist also *fsänd-
art-ak Ort des heiligen Feuers. In ähnlicher Weise werden wir
auch den Stammnamen Psacae Plin. ἢ. n. 6, 50, Psaccane der
Karte des Castorius Segm. IX 3.4 auf ein skythisches *äfsak
— medisch σπάκα, np. sag „Hund“ zurückführen dürfen.
Wenden wir uns nun wieder zu &&au-, so fällt es uns wie
Schuppen von den Augen, dass hier dasselbe Wort *äfsänd-,
*äfsand- vorliegt. Wir machen aber zugleich mehrere wichtige
lautgeschichtliche Beobachtungen.
1) Das erste Kompositionsglied hatte bereits den auslautenden
Stammvokal a verloren, der auslautende Doppelkonsonant nd
bezw. nt musste sich deshalb dem anlautenden » der folgenden
Silbe assimilieren und in den Labial m übergehen.
2) Die genaue Transskription wäre also *eyau-melog ἃ. i.,
wie die älteste Orthographie der Inschriften zeigt, *Epoau-meiog.
1) In der 5. 79 Anm. 2 zitierten Schrift, die ich leider nur aus
der Anzeige J. Hanusz’s kenne.
®) Hübschmann, Etymologie und Lautlehre des Össetischen
S. 108 8. 859.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 89
Allein ein solches Wort wäre gegen den griechischen Sprachgeist,
welcher zwei derartige unmittelbar aufeinanderfolgende labiale
Lautgruppen nicht duldet. Es findet deshalb eine Dissimilation
statt, und an Stelle der labialen Gruppe Pd. 1. ®2 tritt die
gutturale αἰ ἃ. 1. X2.
Da der Name ἐξαμ-παῖος durch einen Plural glossiert wird, so
muss auch in -παῖος eine skythische Pluralform stecken. Wir werden
eine Form *pahaja —= ap. *"padajah (zu ap. ραϑὲ „Pfad“),
aw. "padajo ansetzen dürfen. Dasselbe skythische Wort fir „Weg“
erkenne ich auch im. Stammnamen Agyıraeioı (Her. 4, 23),
wofür einige Handschriften sowie Zenob. 5, 25 Ὀργεμπαῖοι lesen, Plin.
6, 19. 35 und Mela1, 116 Arimphaei (einer „etymologischen Spielerei
zuliebe, die den Namen mit den ἱῬίπαια on zusammenbrachte) !).
Die ursprüngliche Form wird also ’Aoyıursceioı lauten. Herodot
berichtet über dieses Volk: τούτους οὐδεὶς ἀδικέει ἀνθρώπων᾽
ἰροὶ γὰρ λέγονται εἶναι" οὐδέ τι ἀρήιον. ὄπλον ἐκτέαται. καὶ
τοῦτο μὲν τοῖσι περιοικέουσι οὗτοι εἰσὶ οἱ τὰς διαφορὰς διαιρέοντες,
τοῦτο δὲ ὃς ἂν φεύγων καταφύγῃ ἐς τούτους, ὑπὶ οὐδενὸς
ἀδικέεται. οὔνομα δὲ σφι ἐστὶ ᾿4ργιππαῖοι. μέχρι μέν νυν τῶν
φαλακρῶν τούτων πολλὴ περιφανείη τῆς χώρης ἐστὶ καὶ τῶν
ἔμπροσϑε ἐθνέων καὶ γὰρ Σκκυϑέων͵ τινὲς ἀπικνέονται ἐς αὐτούς,
τῶν οὐ χαλεπόν ἐστι πυϑέσϑαι καὶ Ἑλλήνων τῶν ἐκ Βορυσϑένεός
τὲ ἐμπορίου καὶ τῶν ἄλλων Ποντικῶν ἐμπορίων. Σκυϑέων δὲ οἱ
ἂν ἔλθωσι ἐς αὐτούς, di ἐπτὰ ἑρμηνέων καὶ dl ἐπτὰ γλωσσέων
διαπρήσσονται. μέχρι μὲν δὴ τούτων γινώσκεται, τὸ δὲ τῶν
φαλακρῶν “κατύπερϑε οὐδεὶς ἀτρεκέως οἶδε φράσαι. Das Merk-
würdigste in dieser Schilderung ist ohne Frage die Bezeugung eines
Asylrechts und einer Art Gottesfriedens zum Schutze des
Handelsverkehrs, der unter der Garantie des Völkerrechts stand,
wie bei den hellenischen Festspielen oder auf dem Markte von
Ukac.. Tomaschek geht noch weiter und sagt: „Wir sehen
eine feste Regierung, welche den Handel schützt und den
Verkehr überwacht“. Er sieht in den ’Aoyıureioı „Inhaber des
tamgha, mit Vollmacht versehene Beamte des fern in der Gobi
oder an der Selengga sitzenden Türken- [d. h. Hiung-nu] herrschers,
Rechtsprecher und Entscheider (jarghuti), Ordner des Karawanen-
verkehrs, welche die fremden Gäste in Grenzposten empfingen“ 3).
Ob er freilich Recht hat mit seiner Behauptung, dass die
᾿Δργιμπαῖοι im Altai zu suchende Vorposten der Hiung-nu gewesen
seien, ist eine offene Frage, aber seine Charakteristik derselben
als Ordner des Karawanenverkehrs ist völlig zutreffend: sie sind
die Wächter und Schützer der Strassen, und dieser Begriff ist,
wie ich glaube, in ihrem Namen ausgedrückt, der ohne Zweifel
1 Vgl. über dieses Volk Müllenhoff, DA. III 94 47f.
Tomaschek, Die ältesten Nachrichten über den skyth. Norden Il 54—65.
> A.a.0. 8. 62.
90 J. Marquart,
skythisch-iranischen Ursprungs ist. Das erste Element desselben
ἀργιμ- ist also wohl ein Participium Praes. auf -ni, -nd, das sich
vor dem folgenden Labial in m verwandeln musste, wie in &&au-
für *äfsand, und wir haben es mit einem partizipialen Compositum
zu thun nach dem Typus aw. swindat - posana Schlachten
gewinnend 1), ap. Winda(h)-farna, Daraja(h)-wahus. Das Wort
ἀργιμ- finden wir auch in ’Aoyiu-nece, dem skythischen Namen
der himmlischen Aphrodite (Her. 4, 59), die wir als Göttin der
Fruchtbarkeit aufzufassen haben (vgl. Her. 1, 105). Im zweiten
Teil dieses Namens erkennt man unschwer osset. fuss D {155 T
Schaf (Hübschmann a.a. Ὁ. S.68 Nr. 295), aw. pasu Vieh,
so dass Aoyiu-nao« — skyth. *argind-pas etwa „das Vieh schützend‘*“
bedeutet haben muss. Auch hier beobachten wir wiederum, dass
das altiranische Wort pasu- im Skythischen bereits den auslautenden
(unbetonten) Stammvokal verloren hatte, da ἃ offenbar bloss
griechische Femininendung ist. Das skythische ἄργιμ- — *argind
stelle ich zu gr. ἀρχέω „abwehren, schützen“, lat. arceo, arm. argel
„Hindernis“, np. arg „Zitadelle (Hübschmann, Arm. Gr. I 423.
Horn, Neupers. Etymologie 18 Nr. 73). In dem Vokal © der
Endung darf man wohl den Charakter des Causativums sehen. Da
die Skythen ein Nomadenvolk waren, dessen hauptsächlichster
Besitz in seinen Herden bestand, so werden wir uns nicht
wundern, dass der Name ihrer Göttin der Fruchtbarkeit eine
Beziehung auf jene aufweist. Wenn ich mich nicht täusche,
entstammt auch Γοιτόσυρος, der Name des skythischen Apollon,
derselben Begriffssphäre: in -ovoog hat man längst aw. sära
stark gesehen, yoıro- nehme ich, wenn auch nicht ohne Bedenken,
Ξε aw. gaeda, ap. φαῦῖϑα (Beh. I 65) Herde. Freilich weiss ich
für die Transskription von skyth. αὖ durch gr. οὐ kein anderes
Beispiel, da οἷορ — *wair- nicht ganz sicher ist.
Die Richtigkeit der obigen Deutung des skythischen -παῖος
wird bewiesen durch eine andere, bisher arg misshandelte Glosse.
Nach Angabe der Issedonen wohnten über diesen die einäugigen
(μουνόφϑαλμοι) Menschen, wie die Hellenen durch Vermittlung
der Skythen gehört hatten, καὶ οὐνομάξομεν αὐτοὺς σκυϑιστὶ
᾿Αριμασπούς" ἄριμα γὰρ tv καλέουσι Σαύϑαι, σποῦ δὲ ὀφϑαλμόν
(Her. 4, 27). Neumann, Die Hellenen im Skythenlande I 195
hat den skythischen Ursprung der Etymologie bezweifelt, Zeuss
dagegen?) hält sie für eine „philologische Fabelei* und lässt die
Wahl zwischen zwei Erklärungen: entweder ’Agı-uaoroi, „zum
häufigen ar? und dem persischen Volksnamen Meozuo: (Her. 1, 125),
oder ‘Agın-aornoi, mit dem häufigen asp“. Sein gegen Herodots
Deutung angeführter Grund, dass der Name, wenn er eine Wurzel
σποῦ enthalten hätte, mindestens ριμασπουοί oder ᾿᾽Δριμασπυοί
ἢ Jackson, Avesta grammar p. 243/44 8 888.
2) Zeuss, Die Deutschen und ihre Nachbarstämme 299 Anm.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 9]
wiedergegeben sein müsste, ist indessen ganz hinfällig, und die
zur Stütze dieser Behauptung angeführten Beispiele sind gänzlich
unbeweisend. Enthielt der Name als zweiten Bestandteil ein Wort,
das die Ionier durch σποῦ wiedergaben, so bildeten sie naturgemäss
vom Nominativ ᾿ἀριμασποῦς einen Plural ’Agıuaonoi. Die "Frage
kann also nur sein, ob die überlieferte Accentuirung richtig und
der Name statt als ὀξύτονον nicht vielmehr als περισιοώμενον zu
sprechen ist. Aber die Endbetonung beweist auf alle Fälle, dass
die Griechen in dem Namen nicht das ihnen aus einer grossen
Anzahl von Personen- und Stammnamen geläufige iranische aspa
„Ross* gesehen haben. Dies lässt sich übrigens schon daraus
schliessen, dass der Name im Griechischen kein a-Stamm ist, wie
die Namen auf -aspa (-ἄσπης, -ἀσπαι) fast durchweg, sondern
ein 0-Stamm.
Ganz in Zeuss’ Fusstapfen wandelt Müllenhoff. Bei Herodot,
„der in geographischen und geschichtlichen dingen sich arge
nachlässigkeiten zu schulden kommen liess, darf“, wie der Ver-
fasser meint, „ungenauigkeit in sprachlichen noch weniger befremden,
da er selbst, der scythischen sprache unkundig, von der aussage
der Olbiopoliten abhängig war, die volkssage aber allenthalben
‚gesuchter und verkehrter deutungen‘ voll ist (J. Grimm Hl.
schriften I 304).*“ Als ein bezeichnendes Beispiel einer solchen
gesuchten Deutung gilt ihm Agıuaonol. Zwar erkennt er selbst
an, dass aw. a'rima „Einsamkeit“, wozu er aus Justi’s Handbuch
der Zendsprache ὃ. 31 „zd. armöshad ‚einsam sitzend‘, osset.
tagaur. ärmäct adv. ‚bloss, allein‘* vergleicht, auf ein adj. *arıma
Ξε μόνος schliessen lasse, und für σποῦ „Auge“ hatte schon
Jakob Grimm, Gesch. der deutschen Sprache 233 an unser
„spähen“ erinnert, was Müllenhoff näher ausführt: „Wurzel cpac
— spak, lat. specio, ahd. spehön: man vergleiche σπέος specus,
pehl. pät, πα. pacu (statt paku)*. Trotzdem verwirft er Herodots
Deutung und behauptet, "Agıuconoi sei „ohne zweifel nichts
anderes als ein compositum von zd. aziryama folgsam und
acpa, ας ross, und der name bedeute ‚folgsame pferde habend‘“ !).
Noch willkürlicher geht Tomaschek zu Werke. Er fälscht
die Glosse σποῦ „Auge“ geradezu in omog, das er für aw. spas
m. „Späher“ (nom. spas) nimmt, und modifiziert Müllenhoffs
Deutung dahin, dass Agıuconoi „Besitzer von wilden, von Steppen-
rossen* (von aw. azrıma „Einsamkeit, Einöde“): bedeute ?).
Allein an Herodots Erklärung ist nicht zu rütteln. Schon der
Umstand hätte die Kritiker vorsichtig machen müssen, dass auch
das indische Epos und schon Skylax und Megasthenes ein fabel-
haftes Volk von Einäugigen (Ekalöcana) sowie zahlreiche Barbaren-
2) DA. ΠῚ 105 £.
®) Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen Norden
147 —=SBWA. Bd. 116, 1888, S. 761.
92 J. Marquart,
völker mit ähnlichen Spottnamen kennen!). Herodots σποῦ ἃ. 1.
spou (mit dem im Ionischen und auch noch lange im Attischen
erhalten gebliebenen Diphthong ou, der sich auch im Alt-
lateinischen und Gallischen vorfand und wohl denselben Laut
hatte wie das heutige schwäbisch ou aus ahd. @, nicht
wie das alamannische und mittelfränkische (ribuarische) au —=
ahd. ou, got. au) gibt zunächst skythisches spohd, *spahü
wieder, das älteres *spa®ı& — ap. *spadd, aw. *spasüi voraussetzt,
offenbar ein Neutrum auf -& von der W. spas „schauen, bewachen*,
wie aw. Znd- „Knie“, skt. Jänu-; vgl. auch die Feminina aw.
bazu-, skt. bahd- „Arm“, nasu- „Leichnam“, Zanu-, skt. tanü-
„Körper“. Wir haben hier somit ein Beispiel, in welchem skyth.
h aus $# zwischen Vokalen iranischem s —=idg. k! entspricht —
also eine sehr bemerkenswerte Übereinstimmung mit dem Alt-
persischen?). Skyth. arima- ist jedenfalls zu aw. alrima- zu
stellen, dass mit gr. ἔρημος, skt. irma zusammenhängt°). Darme-
steter übersetzt asrem2-gatum Wend. 9, 133. 137. 141. 14, 21
durch „lieu de r&clusion, d’isolement“, dagegen das damit zusammen-
gehörige airime-anhadö Jt. 13, 73, armae-Sawde Js. 62,8 soll
ebenso wie armaesta Wend. 6, 30. Jt. 5, 78. 6,2. 8,41, phl.
armest bedeuten „qui ne bouge pas“). Allein das ist jedenfalls
nicht der Wortsinn dieser Adjectiva, die nur bedeuten können
„in der Einsamkeit sitzend bezw. stehend“. Wenn diese Ausdrücke
nicht bloss von den während des Zustandes der Unreinigkeit von
der Berührung mit andern abgesperrten Personen, sondern auch
von stehenden Gewässern gebraucht werden, so ist ja bekannt
genug, dass alle abflusslosen Gewässer in Iran in Sümpfen in
der Wüste enden. Man wird also aus dem aw. Neutrum
airima ein Adj. *arima „einsam“ ableiten können, von wo aus
der Bedeutungsübergang zu „vereinzelt, einzig“ nicht mehr sehr
weit ist. Im Ossetischen bleibt allerdings aw. ı#, im Unterschied
vom Skythischen und Neupersischen, auch zwischen Vokalen als
i{‘ erhalten, z. B. fät‘än „Breite“, aw. ραϑαπα; dig. at'ä „so“,
aw. adtad). Für „Weg, Strasse“ gebraucht das Ossetische das
1). M. Bh. IH 297 v. 16137. I p. 748. Skyl. von Karyanda bei
Tzetzes, Hist. VII v. 638. Vgl. Reinhold Issberner, Inter Scylacem
Caryandensem et Herodotum quae sit ratio. Diss. Berlin 1883 p. 5.
Megasthenes bei Strab. ß 1, 9 p. 70. ıs 1, 57 p. 711. Gellius IX 4.
Vgl. Lassen, Ind. Altertumskunde 113 656 Anm. 1. — Dagegen darf
man sich nicht auf die &kawelötana des Warähamihira, Brhat-Samhita
XIV 23 transl. by H. Kern (JRAS. V, 1870, p. 85) berufen, die in
den Nordwesten (neben die Sülika (Sogdianer), Langhälse, Langgesichter
und Langhaarigen) verlegt werden, da dieselben wahrscheinlich aus
griechischer Quelle stammen.
2, Vgl. Hübschmann, Pers. Stud. 2101
3) Den Hinweis auf das indische Wort verdanke ich Prof. Kern.
41 Le Zendavesta II 83 n. 97. 524 n. 125.
5) Hübschmann, Etymologie und Lautlehre des Ossetischen
5. 96 8 20, b.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 093
Wort digor. fandag, tagaur. fündäg —= aw. pahtan, skt. pant‘an?).
Allein wir dürfen nicht vergessen, dass das Ossetische ja nicht die
Tochter des Skythischen, sondern einer Schwester desselben, des Ala-
nischen ist, das nicht einfach mit jenem identisch gewesen sein wird.
Obige Beispiele liefern uns auch den Schlüssel zum Ver-
ständnis anderer skythischer Namen, wie Ἰραμ-βοῦστος Latyscheff
II 427 bis und ἐιαμ-φώκανος ib. II 447. Letzterer Name ist von
besonderer Wichtigkeit, da sein erstes Element ξιαμ- — *chsijant-
unzweideutig ein Part. Praes. der W. οὐδὲ „herrschen“ ist und so
meine Auffassung des Namens ᾿ἄρτα-ξίας (auch in ’Agrafıdoare
‚Strab. ἑὰ 14, 6 p. 529 ἃ. i. * Artachsijas-sät „Freude des Artaxias*,
der ältern Form des Stadtnamens ᾿ἀρτάξατα, ArtaSat), später "Aord-
Eng, arm. 1}, σγεπεμοῖξιν Artases stützt. Da Artaxias sich um
189 v. Chr. gegen die Seleukiden empörte, so ist es sehr wohl
möglich, dass man damals im mazdajasnischen Kleinasien noch den
richtigen Nominativ eines Part. Praes. bilden konnte und bildete.
Haben sich doch altpersische Namen in Kappadokien und besonders
im pontischen Königshaus bis in die römische Zeit herein erhalten,
nachdem sie in Pärs selbst längst ausgestorben waren. Einmal
geprägt, wurde der Name Arta-chsajas ’Aora&iag aber in dieser
Form weiter vererbt, geradeso wie die kappadokisch -iranischen
Monatsnamen, und hat dieselbe auch als Lehnwort im Armenischen
behalten?). Eine Form der Wurzel οὐδὲ liegt auch im Namen
Em-yödıs ((4χαιμένου) Latyscheff II 446. 455 vor, dessen zweiter
Teil als erstes Element in Γοδο-σαυος und I'wdi-yaoog vorkommt und
von Justi, Namenbuch 495 durch osset. gäwd Ochse erklärt wird.
Wir werden von vorne herein erwarten dürfen, das auslautende
nt bezw. nd des ersten Gliedes in derartigen partizipialen Composita
vor dentalem Anlaut des zweiten Gliedes in der Form n, vor voka-
lischem Anlaut in der vollen Form nd bezw. nt auftreten zu sehen.
Ersteres ist in der That der Fall, 2. B. in ᾿Ιδάνϑυρσος Her. 4, 76.
120. 126 ἢ, Megasthenes bei Strabon ıs 1, 6 p. 687 — *zdant- aus
*wedant- mit Schwund des ‚anlautenden w, wie im Össetischen ὃ);
vgl. aw. widat- in Widat-ga Fraward. 70. 127, Widat-hwarenö ib.,
pers. Ὑδάσπης Ktes. bei Diod. 2, ὅ, 1 = ap. *Widalh)- -Aspa. Arrian
Ind. 5, 5 schreibt jenen Namen in seinem Citat aus Megasthenes
Ἰνδάϑυρσις, das mehr zu ap. medisch Windath)- farna, parthisch
ὝὙνδο- -φέρρης (oben S. 4 und Anm. 5) stimmt, in seinen Parthika
dagegen ᾿Ιάνδυσος ). Vor vokalischem Anlaut finden wir, ganz
der awestischen Bildung entsprechend, Βανάδ-ασπος (ein Jazyge)
Kass. Dion. 71,16, 1 = ἃν. *wanat-aspa „siegreiche Rosse be-
sitzend“ Müllenhoff, DA. III 119. Justi, Namenbuch 347.
1. Hübschmann 8. ἃ. O. S. 64 Nr. 272.
2) Siehe diese Unters. I 71.
3) Ws. Miller nach Hanusz, WZKM. I 155.
#) Siehe diese Unters. I 32.
94 J. Margquart,
Von hier aus wird vielleicht mit der Zeit auch einiges Licht
auf die rätselhafte Geographie der hyperboreischen Geschichten des
Hekataios von Abdera fallen. Nach diesem führte der nördliche
Ozean vom Flusse Parapanisos an, da wo dieser Skythien bespült,
den skythischen Namen Amalchios (richtig AMAIXIOC) d.i. ge-
froren (*ham-aichija, oben S. 84). Einen Fluss jenes Namens
suchen wir bei den griechischen Geographen freilich vergebens,
und das Nächstliegende wäre daher die Annahme, dass der Fluss-
name dem des Paropanisosgebirges entlehnt sei, wie Müllenhoff
meintt). Ich halte es in der That sehr wohl für möglich, dass
Hekataios, ein Zeitgenosse Ptolemaios’ I., in erster Linie einen vom
Paropanisos kommenden Fluss, nämlich den durch den Alexander-
zug bekannt gewordenen Χοάσπης d.i. den Swät-Pangkora im Auge
hatte, indem er das an diesem zu suchende sagenhafte Nysa mit
den Hyperboreern der hellenischen Sage verknüpfte, die man bis
zum Nordmeer reichen liess, und jenen Fluss, gewisse Andeutungen
des alten Hekataios umdeutend, in die Nähe von Skythien ver-
setzte?). Damit ist jedoch noch keineswegs erklärt, wie der nörd-
liche Ozean einen skythischen Namen führen konnte. Vielmehr
werden wir, da der Name des gefrorenen Meeres unzweifelhaft eine
skythisch-iranische Glosse ist, auch dieses Meer selbst, welches den
realen Hintergrund der phantastischen Schilderungen des Hekataios
gebildet haben muss, samt jenem Flusse im Bereiche der pontischen
Skythen suchen müssen. Sollte der Name Parapanisos etwa mit
einem ähnlich klingenden eines ganz anderswo gelegenen Flusses
vermengt worden sein? Er erinnert in seinem zweiten Teile an
den mehrfach vorkommenden Flussnamen Upanis, attisiert Ὕπανις.
Freilich der aus Herodot bekannte Fluss dieses Namens, der heutige
Bug, kann hier nicht in Betracht kommen, allein denselben Namen
führte auch der heutige Kuban?), und hier lassen uns die physischen
und klimatischen Verhältnisse begreifen, auf welche Weise sich
Hekataios seine Vorstellungen gebildet hat. Schon Herodot 4, 28
berichtet ‚über die ausserordentliche Kälte 1 in Skythien: δυσχείμερος
δὲ αὔτη N καταλεχϑεῖσα πᾶσα χώρη οὔτω δή τι ἐστί, ἔνϑα τοὺς μὲν
ὀκτὼ τῶν μηνῶν ἀφόρητος οἷος γίνεται κρυμός, ἐν τοῖσι ὕδωρ ἐκχέας
πηλὸν οὐ ποιήσεις, πῦρ δὲ ἀνακαίων a [πηλόν]: ἡ δὲ ϑά-
λασσα [d. 1. die Maiotis] πήγνυται καὶ ὁ Βόσπορος πᾶς ὁ
Κιμμέριος, καὶ ἐπὶ τοῦ κρυστάλλου οἱ ἐντὸς (ng) τάφρου Σκύϑαι
κατοικημένοι στρατεύονται καὶ τὰς ἁμάξας ἐπελαύνουσι πέρην ἐς
τοὺς Σίνδους. οὔτω μὲν δὴ τοὺς ὀχτὼ μῆνας διατελέει χειμὼν ἐών,
τοὺς δ᾽ ἐπιλοίπους τέσσερας ψύχεα αὐτόϑι ἐστί. So übertrieben
und ungenau diese Schilderung auch ist, so erklärt sie uns doch,
wie sich die Vorstellung bilden konnte, dass die Maiotis sich
bis in die Polarregion erstrecke und mit dem nördlichen Ozean
1) DA. I 424. 2) Siehe Nachtrag.
8) Strab. ı@ 2, 9 p. 494. 10 p. 495.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 05
zusammenhänget). Dass die Maiotis bis zum kimmerischen Bosporos
zufriere, berichtet auch Strabon?).. Am deutlichsten war diese
Naturerscheinung gerade beim Ausfluss der Maiotis in den Pontos
zu beobachten, und es ist daher verständlich, warum Hekataios
das gefrorne Meer der Skythen, das er mit dem nördlichen Ozean
gleich oder in Verbindung setzte, beim Flusse Parapanisos d. 1.
dem Kuban beginnen lies, der gegenüber Pantikapaion seine
Arme in den Pontos und die Maiotis sendet. Parapanisos
bedeutete vielleicht „der jenseitige (östliche) Upanis“ im Unter-
schiede von dem gleichnamigen westlichen Flusse; vgl. skt. para
entfernter, jenseitig, osset. fallag gegenüberliegend (Hübschmann,
Etymologie und Lautlehre des Ossetischen S. 65 Nr. 274,3). Da
der Kuban im nordwestlichen Kaukasus entspringt und am
Nordfusse desselben dahinfliesst, so ist es wohl denkbar, dass die
Begleiter bezw. Geschichtschreiber Alexanders, welche den Namen
des Kaukasus auf den Hindukus übertrugen und im Jaxartes
den Tanais wiederzufinden glaubten, auch durch den einheimischen
Namen des indischen Kaukasos an den grossen nordkaukasischen
Fluss erinnert wurden und so Hekataios’ Parapanisos dazu beitrug,
dass der ältere Name Παρνησός für *II«oonvog durch die jüngeren
Formen Παροπάνισος Παροπάμισος verdrängt wurde — also
umgekehrt als Müllenhoff sich die Entwicklung vorstellte.
Hekataios hatte ferner von einer von den Hyperboreern
bewohnten Insel ᾿Ελίξοια gesprochen, die über dem Fluss
Καραμβύκας im Norden liegen und nicht kleiner als Sizilien sein
sollte. Nach diesem Flusse hiessen die Bewohner Καραμβύχκαι.
Aus Plinius ersehen wir, dass Hekataios den Fluss Karambykas
auf den Ausläufern der Ripäen?) entspringen liess, an welche er
die mit den Hyperboreern in Verbindung gebrachten Arimphaeer
(Herodots Aoyırmaioı) setzte. Auf Hekataios geht wohl auch in
letzter Linie die Verlegung der Issedonen nach dem Westen, in
die Nähe der Maiotis und des Kaukasus zurück®). Über den
Καραμβύκας wage ich noch keine bestimmte Vermutung aus-
zusprechen, so lange nicht klar ist, was der fabelhaften Insel
Ἐλίξοια zu Grunde liest. Ich bin aber überzeugt, dass wir
1) Siehe meine ÖOsteuropäischen und ostasiat. Streifzüge S. 162.
?) Strab. τὰ 2,8 p. 494: μέχρι γὰρ δεῦρο (bis zum kimmerischen
Bosporos) καὶ ὁ κρύσταλλος διατείνει, πηττομένης τῆς Μαιώτιδος κατὰ
τοὺς κρυμοὺς ὥστε πεζεύεσθαι. ξ.8, 18 ἡ. 807: τῶν δὲ πάγων ἡ σφοδρότης
μάλιστα ἔκ τῶν συμβαινόντων περὶ τὸ στόμα τῆς Μαιώτιδος δῆλός ἐστιν,
ἁμαξεύεται γὰρ ὁ διάπλους ὁ εἰς Φαναγόρειαν ἐκ τοῦ Παντικαπαίου.
ὥστε καὶ πλοῦν εἶναι καὶ ὁδόν. Plin. 4, 87: Ηδοο ibi latitudo Asiam
ab Europa separat, eaque ipsa pedibus plerumque pervia glaciato freto.
Uber das Zufrieren des kimmerischen Bosporos und des nördlichen
Teiles des Azowschen Meeres vgl. die von Stein zu Her. 4, 28
angeführten Worte Neumanns, Die Hellenen im Skythenlande I 65.
ὃ Siehe die Stellen bei Müllenhoff, DA. I 424*.
*) Plin. 6,21. Mela 2,2,13. Anders Müllenhoff, DA. III 53.
06 J. Marquart,
dieselbe nicht irgendwo hoch im Norden suchen dürfen. Auf
alle Fälle dürfte die Übereinstimmung des zweiten Teils von
Καραμβύκας mit dem Namen des Flusses Βύχης oder Buces
westlich von der Maiotis, welcher in den lacus Buces d. i. das
Faule Meer (Siwasch) mündet?), kein blosser Zufall sein. Freilich
kann der unbedeutende Bykes, in dem man wahrscheinlich die
heutige Nogaika, nach andern die Molo@naja woda zu erblicken
hat 3), sachlich mit dem Karambykas des Hekataios nichts zu thun
haben, zumal hier auch eine bedeutendere Insel völlig fehlt.
Dagegen würde sich Hekataios’ Darstellung am einfachsten
erklären, wenn wir unter dem Καραμβύχας einen der beiden
Hauptarme des vielnamigen Kuban verstehen dürften. Vel.
Mela 1, 112: obliqua tunc regio et in latum modice patens
inter Pontum Paludemque ad Bosphorum excurrit; quam duobus
alveis in lacum et in mare profluens Öoracanda paene insulam
reddit. Nach dem südlichen, in eine Lagune und durch diese
in den Pontos mündenden Arme des Coracanda war der Ort
Kogoxovödum benannt?). Das Land am Kuban war nachmals
von den Kasak (Cerkessen) bewohnt, deren ausserordentliche
Körperschönheit und Anmut schon den Arabern Bewunderung
abnötigte. Der ritterliche Sinn der Cerkessen wird noch heute
von allen Reisenden gepriesen. Im 10. Jahrhundert waren sie
berühmt wegen ihrer unübertrefflichen Leinenindustrie®), und
noch bis in unsere Zeit galt die Obstzucht im ÜCerkessenland als
musterhaft. Es bliebe daher vor allem aufzuhellen, wie sich
Hekataios das Verhältnis zwischen seinen beiden Flüssen Parapanisos
und Karambykas gedacht hat.]
5. Über einige Inschriften aus Kappadokien:.
In der Gegend westlich von Kaisärije hat Herr Anastasios
M. Levidhis in Zindii-därä am Argaios mehrere merkwürdige
Inschriften aufgefunden, von denen er Abschriften an Herrn
Dr. Zimmerer geschickt hat.
Levidhis gibt von dem Fundgebiet seiner Inschriften folgende
Beschreibung, die ich möglichst mit seinen eigenen Worten
wiedergebe:
Der Flecken Arebsun — auf Kiepert’s Nouvelle carte
1) Mela 2,2. Plin. 4, 84.88. Ptol. 3,5 p. 199, 6. 18.
2) Siehe Tomaschek, Pauly-Wissowa’s RE. III 15 5. v. Bykes.
8) Strab. τα, 2, ὃ. 9 p. 494. ᾿
41) Vgl. Mas‘üdi II 45 ff.
5) Dieser Aufsatz ist zu Weihnachten 1898 fertig gestellt worden
als Beitrag zu dem Reisewerk von Roman OÖberhummer und
Heinrich Zimmerer, Durch Syrien und Kleinasien (Berlin 1899),
konnte dann aber in demselben nicht mehr aufgenommen werden.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 097
generale des provinces asiatiques de l’Empire ottoman (1884)
Yarapison, bei Levidhis hellenisiert ’Agaßıooog, das alte Ζοροπασσός
in der στρατηγία Μουριανή (Morimene) Ptol. 5, 6 p. 341, 261)
— liegt am linken Ufer des Halys und ist von Nävsähir
4 Stunden entfernt. Es ist der Sitz des Qaäimmagams des
gleichnamigen Qazä (ὑποδιοίκησις), das im N. vom Sandzak Jozgat,
im Ὁ. vom Sandzak Kaisärije, im W. von den Sandzaks Ag-serai
und Qyr-Sary (Kir-Seher, alt Garsavira-Archelais) und im S. vom
Qazä Näv-Sähir und dem Sandzak Nigde (nach L. das alte Κάδηνα)
begrenzt wird?). In kirchlicher Beziehung untersteht der Bezirk
der Jurisdiktion des Metropoliten von Ikonion, politisch ist er
unmittelbar vom Sandzak Nigde, mittelbar vom Wilajet Konia
abhängig. Der Ort gewährt einen hübschen Anblick, besitzt
Pachtgüter und Weinberge und 400 türkische und 450 griechisch-
orthodoxe Häuser. Die Orthodoxen, Kolonisten von Savatra?),
reden ein verdorbenes Griechisch; ihre alte Kirche, auf den
Namen des hl. Demetrios geweiht und in Felsen gehauen, ist
zusammengefallen und man baut jetzt auf ihrer Stätte eine neue
aus Stein. Bei der Kirche haben sie eine neuerbaute Schule, in
welcher jetzt provisorisch Gottesdienst gehalten wird. Neben
dieser gibt es eine Kommunalschule und eine Kleinkinderschule;
als Mädchenschule dient ein Privathaus. Das alte Regierungs-
gebäude dient jetzt als Apotheke, das neugebaute enthält alle
Bureaux der Regierung und in der Nähe das Post- und Tele-
graphenamt, welches vor kurzem auf kaiserlichen Befehl entstanden
ist. Bei denselben ist das Mäktäb-i rußdijä (x.%, AKA)
oder die Schule der Jünglinge, und bei diesem eine alte Mädräsä
(σπουδαστήριον) mit einer ansehnlichen Bibliothek von türkischen
Büchern, eine Stiftung des aus diesem Flecken gebürtigen
Silahdär Qara Wezir Mähämäd Pascha, welcher das kleine
Dorf unter dem Namen Gul-Sähri („Rosenstadt“) zu einem
Flecken erhob und darin im J. 1193 H. einen schönen heiligen
Bezirk (τέμενος, haram) mit einem Turme und einer Kuppel
gründete. Die Säulen dieses Haram und seiner Vorhalle, sämtlich
aus Marmor, wurden aus den 6 Stunden entfernten Ruinen einer
zerstörten Stadt übergeführt, auf welcher jetzt das Dorf Kostasyn
liegt, unter dem eine vollständige kappadokische Stadt und
Kirche an der Oberfläche liegt.
Um Arebsun gibt es sehr viele alte Troglodytendörfer. Von
diesen sind zu nennen Karadza-sar, 1!/, Stunden von Arebsun.
.. ἢ Vgl. W. M. Ramsay, The historical geography of Asia
Minor p. 287. R. Geogr. Soc. Supplementary papers Vol. IV.
?) Im Säl-namä bei Kiepert, Nouvelle carte generale werden
Arebsun und Ag-serai nicht als eigene Qazä’s aufgeführt.
ὃ) Vgl. Ramsay 1. 1. 348.
Marquart, Untersuchungen. II. 7
98 J. Marquart,
Aus einem Hügel in der Nähe dieses Dorfes wurden die unten
zu besprechenden Inschriften nach Arebsun gebracht, und Levidhis
zweifelt nicht daran, dass, falls jener Hügel ausgegraben würde,
noch andere ähnliche Inschriften zu Tage kommen würden; ferner
westlich davon das Dorf Basan-sarnie, mit alten Zisternen und
Höhlenwohnungen; nach Norden das Dorf Agri-Köjyü mit alten
Höhlen, genannt Gjawur-ini; das 2 Stunden entfernte Awrän-
burnd mit einer griechischen Felseninschrift und einer Höhlung,
in welcher Bienen eine Unmenge Honig gesammelt haben; Satan-
sar mit alten Ruinen und Pfeilern; Sol-channy mit Ruinen
namens Zijarät d. i. Verehrung; Salanda jenseits des Halys, von
wo die Einwohner des zum Flecken Indzä-su gehörigen Quartiers
Salanda verpflanzt worden sind, mit sehr vielen Höhlenwohnungen
und einem Hügel namens Kejislik, ἃ. 1. Wohnung der Mönche;
Dzämäl mit dem Berg Chyrka!), einem erloschenen Vulkan mit
sehr grossem Krater, und mit den Ruinen einer Burg byzantinischer
Zeit; Barach, wo sich ein Grabstein mit Inschrift gefunden hat
(s. u.); Tatlar, wo zwei Marmorsteine mit Inschriften gefunden
sind. Tatlar ist ausserdem bemerkenswert wegen seiner vul-
kanischen porösen Steine, wegen der Bruchstücke von schwarzem
Basalt, ferner durch seine merkwürdigen Höhlen, die späteren
ausgegrabenen Wohnungen, die alten auf die Hellenen zurück-
gehenden Gräber, die wahrscheinlich zur Zeit der Christen-
verfolgungen als Zufluchtsstätte dienten ?).
In der Umgebung von Kostasyn liegt Sewasa Σήβασα, nach
L. das alte Onßoo«?), das unter und auf der Oberfläche viele
alte Ruinen besitzt. Hier befinden sich auf einem Felsen die
Reliefbüste eines Mannes und die Ruinen einer byzantinischen
Kirche, deren Altarraum noch vorhanden ist, indem die Kuppel
desselben auf sechs behauenen Pfeilern ruht, die Bilder aber, die
aus dem Jahre 718 ἢ. Chr. datieren, schön erhalten sind®). Neben
Siwasa ist eine Felskette von porösem Gestein, und auf einem
dieser Felsen befindet sich eine schwer lesbare griechische Inschrift,
sowie eine Grabschrift unter der Erde. Zwei Stunden sw. von
Kostasyn liegt das türkische Dorf Dadasyn mit vielen alten
Ruinen und einer byzantinischen, kreuzförmig gebauten Kirche
mit fünf Kuppeln, die auf sechs Pfeilern ruhen. In der Nähe
1 [Vgl. Roman Oberhummer und Heinrich Zimmerer,
Durch Syrien und Kleinasien ὃ. 143. 220.]
Ὁ [Vgl. Oberhummer und Zimmerer 8. ἃ. 0. 233f., welche
den Namen Tatlarin schreiben.)
3) S. aber Ramsay a.a. Ο. 339f., welcher zeigt, dass Thebasa
zu Lykaonien gehörte, und es in der Gegend von Kara-bunar auf
dem Wege von Ag-serai nach Qaraman sucht.
4) [Vgl. die Beschreibung bei Oberhummer und Zimmerer
S. 232f., wo der Ort Soasa heisst.]
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 09
des Dorfes Kälüsin ist ein Hügel Arsäl-höjüge genannt, unter
welchem sich in Stein gehauene Höhlen befinden, von denen die
meisten abgesondert sind. An der Kuppel einer dieser Höhlen
ist eine grosse Öffnung mit einem steinernen Verschluss!).
Südöstlich von Arebsun finden sich Holztürme (μόσυνοι),
in welchen ausser alten in Fels gehauenen Wohnungen auch in
Fels gehauene Tempel vorkommen, wie in Acyk-sarav?), Göreme,
‚Soandos [Näv-Sähir] u.a. Einer derselben heisst zweistöckige Kirche
der Erzengel (ταξιάρχαι). Dort sah unser Gewährsmann am Giebel
der Kuppel des Altarraumes, wo sich auch Heiligenbilder erhalten
haben, eine schwer lesbare griechische Inschrift mit dem Datum
ZERA €: EN IC MHNI AIIPLAIO HS ΚΕ. Bezieht
man dieses Datum auf die Weltära (6721), so entspricht es dem
Jahre 1213 n. Chr. Sollte aber der erste Buchstabe ζ nicht
zum Datum gehören, sondern Abkürzung für εἰς τὰ ἔτη sein, so
erhielte man KA = 721 n. Chr. Letzteres hält der Entdecker
für wahrscheinlicher, da das folgende bedeute &(rog) ἐνί(σαρκώσεως)
Ἰησ(οῦ) μηνὶ ᾿ἀπριλίῳ εἰς τὰς κε. Ähnliche Inschriften sah er
nämlich auch in Göreme und Soandos, und die Heiligenbilder
zeigen nach ihm, dass sie Werke des 8. Jahrhunderts sind.
Westlich davon befindet sich eine Öffnung, in welcher eine
Felsenhöhle ist mit Arbeitshütten auf beiden Seiten, und ein
sogenannter finsterer Markt, und dabei ein in Fels gehauenes
Fort mit vielen Stockwerken auf einem Felsen, Sorgun- Kalest
genannt; dann viele alte in Stein gehauene Wohnungen, und bei
denselben aus Stein gehauene Denkmäler auf einem Felsen.
Das Gebiet der im Vorstehenden beschriebenen Ruinen fällt
— mit Ausnahme von Salanda — vollständig innerhalb der
alten Strategie Morimene (Ptol. Movoiwevn ἃ. i. MURI[MJANA),
deren Umfang Ramsay 1. 1. p. 287—296 zu bestimmen gesucht
hat (vgl. auch die Karte zu p. 196). Morimene hat ebenso wie
die Strategien Garsauritis und Tyanitis, soweit die geschichtliche
Kunde reicht, stets zur Satrapie Kappadokien gehört, im Gegensatz
zu dem östlich daran grenzenden Kilikien. Nördlich von Morimene,
in dem später von den gallischen Trokmern besetzten Lande, also
im Gebiete der grossartigen Ruinen von Boghaz-köi und Ujük,
sassen die wahrscheinlich mit den Paphlagonen näher verwandten
Matiener?), eine im Westen zurückgebliebene Abteilung eines
Volkes, dessen Hauptmasse sich ehemals weit nach Osten ver-
breitet hatte). Die Grenze zwischen ihnen und den Phrygern
1) Nach Leon Diakonos p. 35 hiessen die früihern Bewohner dieser
Gegend Troglodyten. Vgl. Ramsay ἃ. ἃ. Ο. p. 293.
2) [Über diesen Ort Oberhummer und Zimmerer 5. 144f. 248.]
2). Her!11,.72::7, 72. Hekatsrfrı 189.
Ὁ Vgl. Th. "δε τα δ τη Un peuple oublie, les Matienes. Rev.
des etudes greeques 1894, 316. [S. aber unten.]
7*
100 J. Marquart,
bildete der Halys. Auf beiden Seiten des Mittellaufes desselben,
d. h. soweit er eine ostwestliche Richtung hat, wohnten die
Kiliker. Darnach könnte es scheinen, als ob auch Morimene zum
Gebiete der Kiliker gehört hätte. Allein dies würde allem, was
wir über die politische Entwicklung des Landes ermitteln können,
zuwiderlaufen. Dagegen finden wir in späten hyzantinischen
Bistumslisten einen der Metropolis Mokissos (Kir Seher) unter-
stehenden Bischofssitz Merıevn aufgeführt, dessen Name sich in
dem heutigen Dorfe Macan, wenige englische Meilen östlich von
Nävsähär erhalten hat, neben einer der auffallendsten Gruppen
von in Felsen gehauenen Häusern, Kirchen und Gräbern, die in
Kleinasien existieren!). Der Schluss drängt sich ohne weiteres
auf, dass sich in diesem Merıavn (Matan) die Erinnerung an die
Matiener erhalten hat, und dass diese einst nicht bloss das Land
östlich vom Halys, soweit er eine südnördliche Richtung hat,
etwa bis zur Einmündung des Delidze-Irmak, sondern auch das
Gebiet zu beiden Seiten des Halys von da an, wo er eine nord-
westliche Richtung einschlägt (etwas oberhalb von Arebsun) bis
zu dem grossen Knie bei Cukur-agha, wo er sich direkt nach
Norden wendet, inne gehabt haben. Wenn dies Land auch später
zu Kappadokien gerechnet wurde (Her. 5, 52), so war es zur Zeit
des Kroisos von Matienern bewohnt und nicht, wie Pteria, von
Kappadoken.
Im Osten stiess Morimene an die Strategie Krlekien am
Argaios mit der Hauptstadt Μάξακα, ἃ. 1. wohl „die Mazda-
stadt“ 2). Die armenische Form WwFmup Matak‘ würde ein
griech. ἘΜαΐζαχα voraussetzen und ist wahrscheinlich nach dem
Moooy — wn der LXX gemodelt. Diese Landschaft, assyr.
Chilaku, war einer der Gaue von Tabal, das etwa den beiden
Kappadokien der hellenistischen Zeit entspricht, und bildete den
Ausgangspunkt des spätern kilikischen Reiches®). Das Königreich
Chiluki wird zuerst von Salmanasssar II. im Jahre 859 v. Chr.
genannt. Sargon unterstellte Chilakku dem Tabaläer Ambaris,
dessen Vater Chulli den tabaläischen Gau Bit BuritiS beherrscht
hatte, liess ihn dann aber, als er sich mit Ursa von Urarti und
Mitä von Muski in Verbindungerr einliess, mit seiner Familie und
den Vornehmen des Landes nach Assyrien deportieren und
siedelte Assyrer im Lande an und machte es zur Provinz®).
Sanherib hatte später gegen die Bergbewohner von Chilakki
1)S. Ramsay 1. 1. 29. [OÖberhummer und Zimmerer
a. a. Ὁ. 182. 245 £.]
8) Strab. ıß 1,4 p.534.2,7 p. 537/38. Über den Umfang von
Kilikia vgl. Ramsayl. 1. 303 £.
8) S. jetzt H. Winckler, Altor. Forsch. II. Reihe Heft 3, 5. 117 ff.
4) Sargon, Prunkinschr. 29— 32. KB. 1157. Vgl. Winckler, Altor.
Forsch. I. Keihe S. 365. II. Reihe 5. 121.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 101
zu kämpfen, nennt aber keinen König des Landes. Doch tritt
uns ein solcher, namens Sandasarme, wieder beim Beginne
der Regierung Asurbanipals (668) entgegen, welchem er seine
Huldisung in Ninive darbrachtet). In diese Zeit fallen die An-
fänge des spätern kilikischen Grossreiches, das sich bald auch
südlich vom Tauros über die alte Landschaft Que (Qawe Salm.
_Obel. 101, KB. I 140, hebr. ΠῚ 1 Kön. 10, 28)?2) mit der
Hauptstadt Tarsos (Tarze) ausdehntee Es war für den neuen
Staat eine Lebensfrage, sich die Küste von Qu& und damit den
Anteil am Seehandel zu sichern. Dies führte aber naturgemäss
dazu, dass die Könige von Kilikien ihre Residenz vom Argaios
nach dem weit kultivierteren Tarsos verlegten.
Das Königreich Kilikien lag nach Her. 5, 52 zwischen Kappa-
dokien und Armenien und reichte bis zum Euphrat. Der Halys
floss in seinem Oberlauf durch kilikisches Gebiet (Her. 1, 72).
Darnach umfasste Kilikien die Landschaften Melitene, Kilikien
am Argaios zu beiden Seiten des Halys, Kataonien nördlich und
Kılızia πεδιάς, das alte Que, sowie Kılızia ἡ τραχεῖα oder Κιητίς
südlich von Tauros?. Nach Strabon hätten auch Akilisene
(Ekeleac‘ mit der Hauptstadt Erez-Erzingjan) und die Gegend
um den Antitauros®), d. i. die hocharmenischen Landschaften
Mzur (Movfovoewv) und Daranafi vor der Erhebung des Zariadris
und Artaxias (um 190 v. Chr.) zu Kataonien, d. ἢ. ehemals zu
Kilikien gehört). [Doch ist es zweifelhaft, ob die Nachricht
von einer ehemaligen politischen Zusammengehörigkeit dieser
Landschaften in dieser Form chronologisch genau ist. Durch
Ibn Serapions Beschreibung des Euphratlaufes wissen wir nämlich
jetzt, dass das vielerörterte Land Mu-us-(uz-, uc-)re, welches
Tiglatpileser I. (um 1020) sich rühmt bezwungen zu haben und
das Salmanassar II. (860 — 825) nach den Beischriften des
schwarzen Obelisken zweihöckerige Kamele, Rinder des Flusses
Irkea, Elefanten und Affen (?) als Tribut brachte®), genau dem
Gebiet des Antitauros nördlich von Malatja entsprach, welcher
den Namen „» > Muzür-Gebirge führte und sich nicht
bloss westlich vom Euphrat bis zur Wasserscheide zwischen
Euphrat und Halys erstreckte, sondern auch einen Teil des
Gebirgslandes im Süden des Euphrats etwa bis Erzingjän umfasste”).
1) Asurb. II 75—80. KB. II 173.
®) Fr. Hommel, Gesch. Babyloniens und Assyriens ὃ. 610 N. 3.
3) Vgl. Ed. Meyer, Gesch. des Königreichs Pontos 8. 15.
B. Niese bei Jensen, Hittiter und Armenier (1897) 85. 195f£.
Ὁ Vgl. W. Fabricius, Theophanes von Mitylene 5. 133/39.
5) Strab. ı« 14,5 p. 528.
6) Tiglatpil. I Kol. V 67—81. Salm. II Obel. KB. I 34/35. 150/51.
°) Ion Serapion, Description of Mesopotamia and Baghdäd,
written about the year 900 AD. Ed. with translation and notes by
102 J. Marquart,
Der Name des Landes Muzri, welches uns noch im 9. Jh. v. Chr.
als politische Einheit begegnet, hatte sich also als geographischer
Begriff noch mindestens bis ins 9. Jh. n. Chr. erhalten.
Als nördlichsten Zufluss des Euphrats von Westen nennt
Ibn Serapion den x43,) „5, der im Gebirge yazR I) Muzür im
Gebiete der Stadt Abriq (Tepeıxn, Diwrigi) entspringt und eine
Tagereise unterhalb Kamach in den Euphrat mündet. Tomaschek
versteht unter diesem Fluss den heutigen Quru-@ai oder den
Fluss von Armidan und Hassanowä. Nach ihm kommt der Fluss
von Abriq, der bis zu seiner Mündung von einem Gebirgszug
begleitet wird und angeblich kurz unterhalb der Festung Abriq
den Fluss von Zamra aufnimmt, der etwas oberhalb (?) der
Quelle des Lügija im Muzür-Gebirge entspringt. Unter dem
Flusse von Abriq ist der heutige Sary-Citek-su zu verstehen, der
an Diwrigi vorbeifliesst, über den Lauf des Flusses von Zamra,
dem heutigen Zimarra, ist Ibn Serapion aber falsch berichtet und
lässt ihn irrig in den Fluss von Abriq anstatt unmittelbar in
den Euphrat münden. Der nächste westliche Zufluss des Euphrat,
der LS} .,(9 d. i. der heutige Ango-su von Arabgir?) entspringt
im Gebirge von Abrigq, wenig oberhalb der Kreuzung der von
Malatja kommenden Heerstrasse, und mündet 5 Fars. unterhalb
(richtig: 5 mil oberhalb) der Einmündung des Arsanas in den
Euphrat. Dann folgt der x, > ‚525, der im Muzür-Gebirge
in der Nähe der Festung Charsana (Χαρσιανὸν κάστρον) auf
romäischem Gebiete entspringt und nachdem er den aus einem
Berge in der Gegend von Abriq kommenden Eyes) eo auf-
genommen, 10 Fars. unterhalb des Nahr Angä in den Euphrat
fällt. Es ist der heutige Quru-Cai entlang der nach Sebasteia
(Siwäs) führenden Heerstrasse, der wre 3) αὐ sein linker, vom
Citek-dagh kommender Zufluss.
Als Zuflüsse des Arsanäs (Arsanias, arm. Aracani) werden
genannt der „SAN ,g5 „Wolfsfluss“ und der Lil! iR
Guy le Strange. JRAS. 1895 p. 11. 13. 30. 31. 54f. 315. Vgl. dazu
die Anmerkungen von Guy le Strange p. 57f. 63ff. und W. Toma-
schek, Historisch-Topographisches vom obern Euphrat und aus ÖOst-
Kappadokien. Festschrift für H. Kiepert 5. 138—140. Diese Arbeit
war mir hier in Leiden nicht erreichbar, so wenige als Kiepert’s
Nouvelle Carte generale des provinces asiatiques de l’Empire ottoman,
und ich war daher auf die Notizen angewiesen, die ich mir früher daraus
gemacht hatte.
1) In der Hs. immer ohne Punkt.
3) Taylor, J. R. Geogr. Soc. 1868 p. 313. Vincent W. Yorke,
Geogr. Journ. 1896, 2 p. 230f.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 103
Jener entspringt in einem Gebirge in der Gegend von Qäligala
(Karnoj k'adak‘, Erzerum) und mündet angeblich kurz oberhalb
Simsät (Arsamosata) in den Arsanäs. Der Nahr asSalgit ent-
springt im Muzür-Gebirge, fliesst an zahlreichen Burgen vorbei
und mündet eine Meile unterhalb der Stadt Sim$ät und des sie
umgebenden Gebirge. Guy le Strange sah in dem „3A „g5 τῷ
den heutigen Gunek-su, allein es ist, wie Tomaschek erkannt
hat, der „andere Gailfluss“ der Geographie des Ps. Moses
Chorenac‘i (p. 30 ed. Soukry), der die Landschaft Chorzain im
sog. Vierten Armenien mit dem Hauptort Ko4oberd (Burg KoA)
oder Ket, das spätere Bistum Ket!) durchströmte, der Lieik-su
der gacaba Qyyy (aus dem armenischen Genitiv Kell) oder
der Peri-su, der nach Aufnahme des Muzür-Cai auch diesen
letztern Namen führt und gegenüber Charäba (Arsamosata) bei
der Münde des Saich- gatün-su am Ausgange Anzitene’s gegen
Badahowit in den Muräd-su fällt. Der Nahr asSalqit ist "nach
Tomaschek sicher der heutige Singit- (Süngüt) oder Aq-su, der
als Chozät-su im Muzür-tagh entspringt und westlich von Pertek
(arm. derdak „Schlösschen“) in den Muräd-su mündet. Der in
der Provinz Hoch-Armenien entspringende und nach Süden
fliessende Gail kann dann nur der eben genannte Muzür-tai sein,
ein bedeutender Zufluss des Peri-su, der im Muzür-tagh entspringt.
Der Muzür-tagh, d. h. der östlich vom Euphrat gelegene Abschnitt
des >52 Ju>, bildete ehemals den zur Provinz Hoch-Armenien
gehörigen Gau Mzur, das χλίμα Mov&ovoe@v?). König Sapür II.
erreichte denselben auf seinem Raubzug im Jahre 359 über
Atznik‘, Gross-Cop'k‘, Anget-tun, den Gau Anzit und Cop’k
Sahuni, "und rückte von da ee, nach Daranaf® mit der Haupt-
stadt Ani (Kamach) und Ekefeac‘ (Akilisene)?). Vielleicht hängt
damit auch der Name der Residenz des Königs Sanatruk (167—196),
Mcurk‘, zusammen), obwohl dieselbe nach der Beschreibung
des Faustos am Zusammenfluss der beiden Euphratarme, also im
Gau Cop'k Sahuni , der Satrapie Τζοφηνή in der spätern
romäischen Provinz Armenia IV zu suchen ist?).. Nachdem der
hair mardpet (Eunuchenoberst) seine Dörfer im Gaue Taraun
besucht und darauf einen Zusammenstoss mit dem Oberpriester
Nerses in AstiSat (Surb karapet) gehabt hatte, „gieng der haer
weg von den heiligen Orten und stieg hinab zum Ufer der
Stromschnellen des Euphrat, zu den Thälern des dichten Waldes,
1) Vgl. H. Gelzer, Georgius Cyprius p. 181,82.
2) Vgl. dazu H. Gelzer, Georgius Cyprius p. 1885.
3) Faust. Byz. 4, 24 p. 141.
%) Oben 8.15 und Anm. 4.
5) Vgl. über die Grenzen dieser Provinz H. @elzer, Georgius
Euprius Ῥ. ἘΝ ΗΕ ss. [Χ1. 173.
104 J. Marquart,
zum Zusammenfluss der beiden Ströme, in ein Rohr- und
Schwarzdorndickicht, an welchem von den Alten her eine Gründung,
eine Stadt war, welche der König Sanatruk gegründet hatte,
welcher Ort Mcurk‘ mit Namen genannt wurde“!). Hier verfiel
. der hair dann der Rache des Savasp, eines Sprösslings des auf
sein Anstiften einst ausgerotteten arcrunischen Geschlechtes. Nach
dieser Erzählung muss die Stadt Mcurk‘ an der Einmündung des
Aracani in den Euphrat gelegen haben, also gegenüber dem
römischen Daskusa. Nach der Geographie des Ps. Moses Chor.
p. 30, 18 mündete der Aracani bei der Stadt Zusaf‘-arid 2).
Doch mag nun eine Beziehung zwischen den Namen der
Stadt Mcurk WSregp in Cop‘k‘ Sahuni und des Gaues U'grıp
in Hoch-Armenien anzunehmen oder mag die Ähnlichkeit nur
eine zufällige sein: soviel ist unzweideutig, dass sich der Name
des alten Landes Muzri in dem des Gaues Mzur und dem Begriffe
nach vollständiger in dem des Gebirges Muzür ἃ. 1. des Antitauros
mindestens bis ans Ende der Chalifenherrschaft erhalten hatte.
Für die Beantwortung der Frage, wie lange die politische Einheit
dieses Gebietes gedauert hat, fehlt es indessen bis jetzt an sicheren
Anhaltspunkten und muss daher von Strabons Angabe einstweilen
abgesehen werden.]
Die Bildung eines grössern Reiches in den Taurusländern gieng
wahrscheinlich von einem gewissen Mukallu aus, der zuerst unter
Asarhaddon Meldi (Malatja) bedrängt und dann den Assyrern
entrissen hatte, worauf er sich mit ISkallü, dem Fürsten von Tabal
1) Faust. Byz. 4,14 5.118 (Venedig1889): ww αν’ εἴπω χη ἐπ
Sr] Pınul [9 ὧἵι ἀππέξω πε εἶν εἰ εἰν εν τα ἵν fr gkınumfrunadrmdhul Eplnıy
gkıunngh, y b Bwenfd kwp<&hgl εἴα εἶξε εν ἵν, ap 42 unEnph, Γ" Sunglı
inkgeny)b Wörcgpp Ynsf- Langlois übersetzt dem Sinne nach ganz
richtig: „et de roseaux abondants au confluent des deux rivieres“,
Lauer ist aber das Missgeschick passiert, im ‚französischen roseau
ein „Rosengebüsch“ zu vermuten. Daher seine Übersetzung: „in ein
Wäldcehen von Rosenstöcken und Schlehendornen‘. — Aus den obigen
Worten des Faustos ist durch Kombination mit Mar Abas 8.7 die
oben 8.15 Anm.4 übersetzte Stelle des Ps. Moses 2, 36 herausgesponnen.
2; Lusat‘ (zu lois „Licht“) muss der Name einer Gottheit gewesen
sein. Vgl. das Verzeichnis anderer mit -arz© oder -jariC zusammen-
gesetzter Ortsnamen bei Hübschmann, Arm. Gr. 125.113, wozu vor
allen noch Aafto-jarig oder Aalto-jarine bei Brosset, Hist. de la
Georgie. Additions et Eelaircissements p. 178, Καλτ-ιόρισσα in Klein-
Armenien Ptol. 5,6 p. 340,6 unter 69° 50° L. 41° 15’ Br., Τιτ-αρισσός
in Melitene ib. p. 341,1, Ζωπ-άριστος ib. p. 340,27 (unter 69945 L.
390 45 Br. bezw. 70° L. 40° Br.), “υταρ-αρίξων Prokop. de aedif. 3,4
p. 253, 15 nachzutragen wären. Zur Erklärung dieses Elements s. meine
Bemerkung über Daga-jarie diese Unters. I 65. Sollten Καλτιόρισσα
und Chaltojarine „Ort der Verehrung des (aus den Inschriften von
Wan bekannten) Gottes Chaldi‘ bedeuten?
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 105
‘ verband, um die assyrische Provinz Qu& anzugreifen (um 675).
Hier war kurz vorher (677) der König Sanduarri von Kundi
{Κύινδα)}) und Sizü (Sis, byz. Σίσιον im Taurus) 2), der sich mit
‘Abd Milkät von Sidon gegen Assyrien verbunden hatte, von den
Assyrern überwältigt und hingerichtet worden?). Beim Regierungs-
antritt Asurbanipals (668) schliesst Mukallu Frieden mit Assyrien.
Dabei ist merkwürdig, dass auf der nach 662 geschriebenen Tafel
K. 2675, Rs. 22ff.*) der Name seines Landes nicht ausgefüllt
ist, entweder weil ihn der Schreiber nicht wusste, oder aber, was
wahrscheinlicher ist, weil er im Zweifel war, welchen Titel er
dem Mukallu geben sollte. Auf dem um 649 abgefassten Prisma
B Kol. I 65 (KB. U 170/71 N. 1) und dem lange nach dem
Falle von Babylon (648) geschriebenen Rassamzylinder Kol. II 68
wird er dagegen als „König von Tabal* bezeichnet, offenbar
entsprechend den damaligen politischen Verhältnissen. In der
Zwischenzeit muss er sich also auch in den Besitz dieses Central-
landes von Kleinasien gesetzt haben. Dabei war ein Zusammen-
stoss mit Sandasarme von Kilikien bezw. dessen Nachfolger
unvermeidlich. Wer von beiden in diesem Duell Sieger blieb,
wissen wir vorläufig nicht; da aber das nachmalige Reich der
Syennesis sich nach der Landschaft Chilaku (Kilikien), nicht
Tabal benannte, so spricht die Wahrscheinlichkeit für Sandasarme
bezw. seine Erben, die demnach als die eigentlichen Gründer der
kilikischen Grossmacht zu betrachten wären.
Vermutlich hängt die Verlegung der Residenz nach dem
Süden des Tauros mit den Kimmerierstürmen zusammen. Diese
‘ Verschiebung des politischen Schwerpunktes brachte es mit
sich, dass die Herrschaft über die Länder nördlich vom Halys
aufgegeben werden musste. Wir erfahren dann, dass der Kim-
merierfürst Tuktamme (*Dugdamı, Aöydauıs), welcher Sardeis
erobert hatte, in Kilikien seinen Untergang fand — wobei
vielleicht an das alte Kilikien am Argaios zu denken ist — so
dass sein Sohn Santachsadra (assyr. San-dak-sat-ru°) sich
ı) Vgl. W. Max Müller, Studien zur vorderasiat. Gesch. 59.
Mitteil. der Vorderasiat. Ges. 1898 Heft3. Hugo Winckler, Altor.
Forsch. II 118.
®) Sachau, ZA. VII 9.
8) KB. II 127.
„.9KB. I 170/71 Ν. 2. Vgl. Winckler, Altor. Forsch. I 479 ff.
Uber den terminus post quem für die Abfassung jener Tafel siehe
Be eranologischen Untersuchungen S. 78 — Philologus, Suppl.
ἃ. ἿΙΙ 1712.
5) Der Name bedeutet „reine Herrschaft besitzend“ —= aw. *Spantö-
ῳὔαϑτο; vgl. den pers. Namen Σιανδώκης Her. 7, 194 — ap. *Santa-wäaka
„Heiliges verkündend‘, wozu Σανδαύκη Plut. Them. 13 das Femininum
ist (die Form Μανδάνη bei Diod. ı« 58 ist unursprünglich), und arm.
Sandaramet „Unterwelt“ (neben Spandaramet = Ζιόνυσος), kappadokisch-
100 7. Marquart,
bewogen fühlte, dem König Asurbanipal seine Huldigung an- ᾿
zubieten!). Dieser grosse Erfolg über die gefürchteten Kimmerier
hat gewiss viel dazu beigetragen, das Ansehen des Königs von
Kilikien zu heben und seinen Staat zu einer Lydien und
Babylonien gleichberechtigten Grossmacht zu erheben. Später
blieb dann der Name Kilikien speziell an dem alten Qu& südlich
vom Tauros haften. Zur Zeit des Satrapen Datames (karisch
I1%44P Tardama (oder Tidramü *A6ö<g>dung?)?) finden
wir in Kataonien einen besondern Fürsten Aspis3) (Nep. Dat. 4),
der in seinen Bergen dem Grosskönig zu trotzen wagte und ver-
mutlich von der alten Dynastie der Syennesis abstammte, Kilikien
am Argaios aber war die Hyparchie des Karers Kamissares*) und
pers. Sandara, Σονδαρα (Monatsname) = ap. *Santa-@ramati$ gegenüber
aw. Sponta - armaiti. Vgl. auch pers. Θαμάσιος Her. 7, 14 —
=Oljam-asija, aw. *Sjam-äspi. Das Kimmerische stimmt also hier
in bemerkenswerter Weise zum Altpersischen und stellt sich in
Gegensatz zum skythischen *äfsand, aw. sponta, medisch σφενδα-
(oben 8. 88). Medische Formen sind dagegen 1yk. Sppätaza
(Münzen) = aw. * Sponta-za „von heiligem Geschlechte“ und der dem
Magier Gaumäta von den Magiern beigelegte posthume Name Σφενδα-
δάτης = ἂν. Spontö-data (s. diese Unters. I 68 N. 71, Fundamente
israelitischer und jüdischer Geschichte 48 N. 3). Auch der Name
des Kimmerierkönigs Teuspa ist iranisch und entspricht dem pers,
Τέασπις Her. 4, 43. 7, 79. 9, 76 = ap. *Taw-äspa, med. *Taw-aspa
„kräftige Rosse besitzend‘*.
1) Strab. « 2, 21 p. 61. Plut. Mar. 11 (aus Poseidonios). Sonnen-
orakel aus Asurbanipals Zeit hg. von Arthur Strong, Journ. as.
1893, 1, 375. Vgl. diese Unters. 159 N.45 (wo aber die Kombination
mit dem vermeintlichen Namen Jribatukte zu streichen ist). H. Winckler,
Berl. Philol. Wochenschr. 1895 Sp. 1435, Altor. Forsch. II 253£.
Messerschmidt, Die Inschrift der Stele des Nabunaid S.43. Mitteil.
der Vorderas. Ges. 1896, 1. C. F. Lehmann, ZA. 1896, 858
2) Für das unbekannte *7idramü ist der geläufige Name Aoo&uns
eingesetzt worden bei Polyain, Strateg. 7, 28, 2. AIA<P>AMHC
wird für JIAAAHC herzustellen sein bei [Aristot.] Oecon. p. 1350b.
Vgl. diese Unters. I 9 Anm. 32.
ὃ) Vgl. die Namen der „chettitischen®* Fürsten Kundasp: und
Kustaspi von Qummuch (unter Salmanassar II... Es gehörte eine
völlige Unkenntnis der iranischen Sprachgeschichte und die den
Assyriologen eigene Naivetät, über alles sich ein Urteil anzumassen,
dazu, in diesen beiden Namen ein neup. (!) Gustasp = ap. Wistaspa
und *Gundäsp — ap. * Windäspa, ἃν. * Windat-aspa finden zu wollen
(Lenormant ete.).
4) Justi, Berl. Philol. Wochenschr. 1897 Sp. 1173 (vgl. Iran.
Namenbuch 154/55) bestreitet die karische Nationalität des Kamissares
und will den Namen aus dem Iranischen erklären und mit arm. Kamsar
(Eponymos des Geschlechtes Kamsarakan) Mos. Chor. 2, 73. 87 gleich-
setzen. Viel näher liegen aber doch Namen wie Μεγασσάρης Apollodor
bibl. 3,14, 3,1 8. 181, ᾿4βδισσάρης Fürst von Sophene Babelon, Les
rois de Syrie, d’Armenie et de la Commag£ene p. CXCIV, 211, pl.
XXIX 3—5.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 107
seines Sohnes Datames!): von hier aus vereinigt dieser dann
nach und nach Kappadokien und einen Teil von Kilikien zu
einer ansehnlichen Herrschaft, die nach seinem Tode auf seinen
verräterischen Sohn Sisines und dessen Nachkommen, die Dynastie
der Ariarathiden übergieng. Von nun an blieb die Landschaft
von Mazaka offenbar mit Kappadokien vereinigt; denn wir
finden keine Spur davon, dass sie etwa zu irgend einer spätern
Zeit von Kilikien losgetrennt worden wäre.
Nach dem Jahre 401 war die Dynastie des Syennesis von
Kilikien wahrscheinlich infolge der zweideutigen Haltung desselben
im Aufstande Kyros’ III. abgesetzt und durch einen persischen
Satrapen ersetzt worden. Die Namen der kilikischen Satrapen
in der ersten Hälfte des 4. Jhs. (bis auf Mazdai) sind uns aber
bis jetzt nicht bekannt.
Allein noch in der ersten Hälfte des 3. Jhs. scheint Kataonien
zu Kilikien gehört zu haben, und wird erst von Ariarathes III.
(ca. 255—220 v. Chr.), der zuerst den Königstitel annahm, mit
Kappadokien vereinigt?2).. Wahrscheinlich erhielt es seine Ge-
mahlin Stratonike, eine Tochter Antiochos’ II. Theos (261—246),
als Mitgift?).
Kappadokien wird ebenfalls ursprünglich nur einen der
Gaue von Tabal gebildet haben. Salmanassar II. spricht von
24 „Königen“ der Tabal, ein Beweis, dass in Tabal eine grosse
Anzahl von Häuptlingen sass. Kappadokien ist ursprünglich
das Gebiet zwischen dem Unterlauf des Halys und dem Iris,
speziell aber das Irisbecken. Der Name ist bis jetzt in den In-
schriften der Assyrerkönige, auch in den Briefen der Statthalter
und in den Sonnenorakeln aus der Zeit des Asarhaddon und
Asurbanipal, wo wir ihn doch erwarten würden, nicht gefunden
und begegnet uns auf zeitgenössischen Denkmälern zuerst in den
Inschriften des Dareios (Katpatuka). In der Geschichte kommt er
zuerst im Jahre 546 bei der Erzählung vom Sturze des lydischen
Reiches durch Kyros vor (Her. 1, 171 ἢ). Die Hauptfestung des
Landes war damals Pterea in der Nähe von Sinope®), das man
1) So dürften die vielgequälten Worte des Nepos Dat. 1: pater
eius Camisares ... habuit provinciam partem Cilieciae
iuxta Cappadociam, quam incolunt Leucosyri am wahr-
scheinlichsten zu interpretieren sein (gegen Ed. Meyer, Gesch. des
Königreichs Pontos ὃ. 27 und diese Untersuchungen I 8.9). Kilikien
am Argaios bildete in der That einen Teil der Satrapie Kilikien und
lag neben dem von den „Leukosyrern“ bewohnten Kappadokien
nördlich von Kataonien und besonders im Iris-Tal.
2, Strab. ıß 1, 2 p. 534.
8) Vgl. Th. Reinach, Trois royaumes de l’Asie mineure p. 18.
1. Her. 1, 76: ἡ δὲ Πτερίη ἐστὶ τῆς χώρης ταύτης ἰσχυρότατον,
κατὰ Σινώπην πόλιν τὴν ἐν Εὐξείνῳ πόντῳ κῃ κειμένη.
108 J. Margquart,
fälschlich in den Ruinen von Boghäz-köi gesucht hat. Die
Stadt muss aber viel nördlicher und nicht allzuweit von der
Halysmündung gelegen haben. Th. Reinach glaubt, Pteria sei
in der Umgebung von Amaseca zu suchen, das seinen Namen
wahrscheinlich dem Kroisos verdanke, der die Stadt nach der
Eroberung Kappadokiens seinem DBundesgenossen Amasis von
Ägypten zu Ehren benannt habe. Die Landschaft von Amaseia
hiess Γαξακηνή, woraus sich als persischer Name der Hauptstadt
mit grosser Wahrscheinlichkeit Γάξακα = mp. Gangak, arm.
ganzak „Schatzhaus“ ergibt!). Weiter südöstlich lag Γαξίουρα
am Iris, ein παλαιὸν βασίλειον (Strab. ıß 3, 15 p. 547), die
Hauptstadt der Satrapen von Kappadokien im 4. Jahrhundert,
welche hier Drachmen mit dem Typus des Zeus von Gaziura
(“τὸ 53) und aramäischer Aufschrift schlugen. Der Name ist
gebildet wie I«@e6«-vıox oder Garsaura im sw. Kappadokien und
Arma-vir in Armenien.
Die Griechen der ältern Zeit nennen die Kappadoken “Σύριοι
oder Zvoo.. Pindar sagt von den Amazonen am Thermodon:
Σύριον εὐρυαίχμαν δίεπον στρατόν (Strab. ıB 3, 9 p. 544), und
Sophokles zählt nebeneinander auf Κόλχος re Χαλδαῖός τε καὶ
Σύριον ἔϑνος (Steph. Byz. s. v. Χαλδαῖοι). Xanthos der Lyder
liess, wie wir aus Nikolaos von Damaskos ersehen, Gyges’ Vor-
fahren Daskylos II. vor den Iydischen Herakliden εἰς Σύρους
τοὺς ἐν τῷ Πόντῳ ὑπὲρ Σινώπης οἰκοῦντας fliehen (Nik. Dam.
fr. 48 bei Dindorf, Hist. Gr. min. 1.32, 6. 8).
Schon frühzeitig werden die Kappadoken als „weisse Syrer*
“ευκόσυρον bezeichnet, wie man glaubt, zum Unterschiede
von den Syrern in Mesopotamien und dem Westeuphratgebiete
(nam: "ar, Arbäja) ἃ. 1. den Aramäern. Diesen Namen scheint
schon Hekataios gebraucht zu haben (Steph. Byz. 5. v. Τειρία und
Χαδισία), ausdrücklich bezeugt ist er sodann für Ephoros (Steph.
Byz. s. v. Τιβαρανία, vgl. Skymn. v. 917), und auch Agatharchides
hatte ihn verwandt (Curt. 6, 4, 17. Nep. Dat. 1). Bei
den Spätern aber, wie bei Strabon, beruht er lediglich auf
gelehrter Überlieferung und entbehrt der realen Existenz. Er
ist hier völlig synonym mit Kappadoken und wird daher dem
spätern politischen Sprachgebrauche entsprechend auch auf die
Kappadoken am Tauros ausgedehnt. Allein die Erklärung des
Namens “ευκόσυρον als „weisse Syrer“ beruht lediglich auf
griechischer Volksetymologie: wäre derselbe eine original griechische
Bildung, so würde er als Gegensatz „schwarze Syrer“ verlangen,
welche nicht existieren?). Im ersten Teil des Wortes steckt
᾿ Vgl. Th. Reinach, Revue des etudes grecques 1894, 316
n.
ir Dies hat Strabon sehr wohl gefühlt, weshalb er solche
schwarze Syrer konstruiert. Strab. ἐβ 3,9 p. 544: καὶ γὰρ ἔτι καὶ νῦν
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 109
vielmehr der Name eines Stammes, welcher in der alten Liste
Her. 7, 72 in der Form Aiyves zusammen mit Marimvot,
Mogievövvoi und Σύριοι genannt wird. Δευκόσυροι ist also
eigentlich ein Kompositum = Aiyveg καὶ Σύριοι ἢ).
Herodot 7, 63 erklärt Σύριοι als hellenische Bezeichnung
der Assyrer (Asoveıoı), und so ist es erklärlich, dass man auch
den Namen der pontischen “Σύριοι oder “Σύροι von den Assyrern
ableitet. So führt denn in der fälschlich unter dem Namen des
Skylax von Karyanda laufenden Küstenbeschreibung (Ol. 105 =
360—356 v. Chr.) 8 88 die Küste vom Thermodon bis Harmene
den Namen ’Aooveix, und dies wird dann von den gelehrten
alexandrinischen Dichtern weiter ausgesponnen (vgl. auch Arrian
fr. 48. 49 bei Eustath. zu Dionys. περιήγ. 772. 378). Häufig be-
gegmet insbesondere die Angabe, dass Sinope in Assyrien liege.
Dies sind aber zweifellos lediglich gelehrte Kombinationen, aus
dem lebendigen Gebrauch war der Name längst geschwunden ?).
Aus Herodots Darstellung 1, 72 geht deutlich hervor, dass
Καππαδόκαι (Katpatuka) der seit der persischen Eroberung
bekannt gewordene persische Name des Volkes war, und dieser
hat seit dem Ende des 5. Jahrhunderts die ältere griechische
Bezeichnung Σύριον völlig verdrängt?). Da aber der Name
᾿Δσσυρία oder vielmehr Συρία später vorwiegend gerade an der
Gegend von Sinope haftete, so wird diese Thatsache nur so
erklärt werden können, dass die griechischen Kolonisten von
Sinope den Namen eines ihnen zunächst wohnenden Küsten-
stammes auf die weiter im Binnenlande wohnenden gleichartigen
Stämme oder Gaue übertrugen®), ein Vorgang, der sich ja fort-
“ευκόσυροι καλοῦνται (οἱ Καππάδοκες), Σύρων καὶ τῶν ἔξω τοῦ Ταύρου
λεγομένων" κατὰ δὲ τὴν πρὸς τοὺς ἐντὸς τοῦ Ταύρου σύγκρισιν, ἐκείνων
ἐπικεκαυμένων τὴν χρόαν τούτων δὲ μή, τοιαύτην τὴν ἐπωνυμίαν
"γενέσϑαι συνέβη. ı5 1, 2 p. 737: οἱ γοῦν Καππάδοκες ἀμφότεροι,
οἵ τὲ πρὸς τῷ Ταύρῳ καὶ οἱ πρὸς τῷ Πόντῳ, μέχρι νῦν “ευκόσυροι
καλοῦνται, ὡς ἂν ὄντων τινῶν Σύρων καὶ μελάνων" οὗτοι δ᾽ εἰσὶν οἱ
ἐχτὸς τοῦ Ταύρου.
1 Man höre dagegen Winckler, Altor. Forsch. I 462: „in
Kappadokien, das nach altem babylonischem wie späterem (Zveo:)
sprachgebrauch mit unter den begriff Suri fiel, finden sich die
Asvxoovooı‘ das sind keine „weissen Syrer“ — schon Strabo meint,
es gäbe ja doch keine schwarzen — es ist die ZLukkibevölkerung
von Sur:“.
2) Vgl. Nöldeke, Aoovgıos, Σύριος, Σύρος. Hermes V (1871), 443 ff.
3) Ktesias braucht nur mehr den Namen Καππαδόκαι, kann sich
aber doch von der ältern Vorstellung, dass die kappadokische Küste
von Syrern bewohnt gewesen sei, nicht völlig emanzipieren und lässt
daher den Sardanapal seine Kinder zu dem Statthalter Kottas von
Paphlagonien in Sicherheit bringen (Diod. 2, 26, 8. Athen. ıß 38
Ῥ. 529b, wo εἰς Νίνον auf Verwechslung beruht für εἰς Σινώπην oder
εἰς Παφλαγονίαν).
ἢ Früher dachte man an eine assyrische Oberherrschaft über
110 J. Marquart,
während wiederholt und dem eine ganze Menge von Völkernamen
ihren Ursprung zu verdanken hat. Katpatuka muss dann ur-
sprünglich der Name des am weitesten nach Osten gelegenen
Gaues gewesen sein. Einen Fluss Cappadox kennt die Karte
des Castorius Segm. XI 3 (und daraus der Anonymus von
Ravenna II 15 p. 90, 2) als rechten Nebenfluss des Euphrat
zwischen Samosata und der Singa-brücke (arab. eis >) in
Kommagene. Es ist der heutige Gök-su)).
H. Winckler sucht zu beweisen, dass das Gebiet nördlich
vom Halys, sowie die Landschaften im Norden des rauhen Kilikien
diese Gebiete, die sich aber bei genauerer Prüfung der assyrischen
Inschriften als unhaltbar herausgestellt hat. Auch die neuerdings
gefundenen assyrischen Keilschrifttafeln aus der Gegend von Kaisärije
können daran nichts ändern, da die Landschaft von Kaisärije gerade
nicht zum Gebiete der Σύριοι gehörte. Winckler bringt den Namen
mit dem babylonischen Ländernamen Sur’ zusammen, welcher in
altbabylonischer Zeit (besonders in dem sogenannten astrologischen
Werke, das aus der Zeit des Königs Sargon von Agade um 2700 v. Chr.
stammen will) und in der archaisierenden Sprache Nabünäids die
Länder im Norden von Babylonien zu bezeichnen scheint und bei
letzterem speziell für Assyrien gebraucht wird (vgl. Messerschmidt,
Die Inschrift der Stele Nabünäids S. 9. 41f.). Im astrologischen Werke
wird Suri immer mit Ansan (Susiana) zusammen genannt, wie aber
Winckler daraus ableiten will, dass auch Kappadokien „nach altem
babylonischem wie späterem (Zveo:) sprachgebrauch mit unter den
begriff Suri fiel“ (Altor. Forsch. Heft 5, 462), wird andern ebenso schwer
begreiflich sein wie mir. Wenn Winckler ferner schreibt: „Anzan
u Sri entspricht den ländern von Medien bis nach Klein-Asien
hinein [von mir gesperrt], nördlich vom gebiete der babylonischen
kultur und südlich von Gutium. also etwa entsprechend dem spätern
Mederreich, das hier einen uralten vorgänger hat. es hat Syrien
den namen gegeben, identisch damit ist es nicht. mit
Assur hat weder Syria noch Suri etwas zu thun“ [von mir
gesperrt], so wird man dieses Orakel nur mit Kopfschütteln lesen können.
In dem krampfhaften Bestreben, die Welt durch immer verblüffendere
Behauptungen in Atem zu erhalten, übertrifft also Winckler die
etymologischen Spielereien der Alexandriner bei weitem. Trotz aller
pseudohistorischen Kombinationen schimmert bei diesen doch immer
wieder die Thatsache hindurch, dass der Name Σύριοι von der Küste
von Sinope ausgegangen ist.
) S.Wilh. Tomaschek, Historisch-Topographisches vom oberen
Euphrat und aus Ost-Kappadokien. Festschrift für H. Kiepert S. 142 f.
Vgl. Plin. h. n. 6, 6: nune est colonia Sinope a Cytoro CLXHH.
flumen Varecum, gens Cappadocum, oppidum Caturia Zaceplum etc.
Hier werden die Cappadoces also in die Nähe des Iris bezw. von Sinope
verlegt. Mit seiner Angabe 6, 9: Cappadociae pars praetenta Armeniae
maiori Melitene vocatur, Commagenis Cataonia, Phrygiae Gassauritis,
Sargaurasana, Cammaneni, Galatiae Morimene, ubi disterminat eas
Cappadox amnis, a quo nomen traxere antea Leucosyri dieti ist nicht
viel anzufangen. Denn wenn der Kappadox Morimene und Galatien
trennt, so kann mit demselben, schon wegen der Bezeichnung amnis,
nur der Halys gemeint sein, nicht etwa der in den Tuz-gjöl mündende
Fluss von Ag-serai oder der von κοῦ Hicär.
ΡΟ U ΎΚΥ EEE αὐ TE — N ΞΡ ων»
σον τὺ ν
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 11
vielleicht mit Einschluss von Lykaonien zur Zeit Sargons (von
717 bis etwa 707) in der Hand des Königs Mitä von Muski
waren). Das wäre also genau das Land der Matiener oder viel-
mehr die spätere Satrapie Kappadokien, die auch noch die
Landschaften Morimene, Garsauritis und Tyanitis südlich vom
Halys umfasste?). Freilich will Winckler jenen König auch
noch mit Phrygien ausstatten und in ihm den König Midas von
Phrygien sehen, der nach Strab. « 3, 21 p. 61 (aus Poseidonios)
bei einem Einfall der Kimmerier sich durch Trinken von Stierblut
getötet haben soll. Allein diese Identifikation würde zugleich
die der Muski mit den Phrygern voraussetzen und den Schwer-
punkt des phrygischen Reiches von den Städten des Gordios und
Midas nach Pteria bezw. Üjük und Boghaz-köi verlegen , was
allem widerspricht was uns über die Geschichte jenes Reiches
überliefert ist. Winckler’s Hypothese von der Gründung
des phrygischen Reiches durch die vom Euphrat
nach Westen gedrängten Muski wird wohl ausserhalb
seiner engeren Gefolgschaft nicht viele Gläubige finden. Wenn
wir zur Zeit Tiglatpilesers I. (um 1020 v. Chr. nach Lehmann)
Scharen eingedrungener Muski in Qummuch am Euphrat antreffen
— der König schätzt ihre Zahl auf 20000 Mann — die aber
von Tiglatpileser vernichtet wurden, und erst unter Sargon Muski
am Halys begegnen, so wird dies ähnlich zu beurteilen sein wie
bei den östlichen und westlichen Matienern, nur dass bei diesen
die Hauptmasse weit nach Osten vorgedrungen war, während bei
den Muski der Kern des Volkes noch weit im Westen stand,
und nur einige Gefolgschaften als Wikinger bis zum Euphrat
vorgedrungen waren, ganz wie bei den Germanen während der
Völkerwanderung. Die Muski hätten dann mit den kaukasischen
Mo0x0ı wohl nichts zu thun und Josephos behielte gewissermassen
Recht, wenn er die Tun der Bibel mit den Kappadoken gleich-
setzt?), obwohl sein Grund, der Namensanklang von "272 an
Me£ax« schon darum hinfällig ist, weil Mazaka gerade nicht zum
ursprünglichen Kappadokien gehörte,
Die weitern Schicksale des Reiches der Muski sind uns bis
jetzt nicht bekannt. Teile des Gebietes nördlich vom Halys
werden späterhin Iskallü, dem König von Tabal, und dann
Mukallu, dem Begründer des kilikischen Reiches, gehorcht haben.
Allein dasselbe war naturgemäss den Einfällen und Verheerungen
1) Altoriental. Forsch. II. Reihe Bd. I Heft 3, 131.
?) Wenn wir umgekehrt bei Winckler S. 136 lesen, dass die
Grenze von Muski „also von Norden nach Süden um das
spätere Kappadokien herumläuft‘“, so ist dies wieder ein
Beweis für die leider so häufige Flüchtigkeit des allzu produktiven
Verfassers.
3) Jos. ἀρχ. α ὃ 125. Philostorg. hist. ecel. 9,12. Vgl. Ramsay
2.2. 4 303.
112 J. Μαγαυδτί,
der Kimmerier (Gimirräja) und Skythen in viel höherem Masse
ausgesetzt als das Reich Kilikien. War ja doch das Hauptlager
der Kimmerier, welche ich als Verwandte der Zaveouarar
γυναικοκρατούμενοι betrachte (vgl. Diod. β 45, 1), bei Themiskyra.
am Thermodon, und ihre Herrschaft muss doch nachhaltige
Spuren hinterlassen haben, wenn noch die christlichen Armenier
im 5. Jh. ganz Kappadokien mit dem Namen Gamerk* „Kimmerier“
nennen!). Die Skythen aber (assyr. As-gu-za-ara?) oder A3-ku-
ca-ara ἃ. i. Askucaza — iran. "Skuca, hebr. 388 für τὴ δ),
die Besieger der Gimiräja, betrachteten sich als Rechtsnachfolger
derselben, bis sie, als sie den Assyrern gegen die Koalition der
Meder und Babylonier zu Hilfe kommen wollten, von Kyaxares
aufs Haupt geschlagen wurden (um 607). Nach dem Falle
Ninives aber fiel das bisher von den Skythen beherrschte Gebiet
bis zum Halys ohne weiteres den Medern anheim. |
Wie diese das neue Gebiet organisierten, darüber wissen
wir nichts. Nach dem Sturze des Astyages waren die Perser
die Rechtsnachfolger der Meder geworden, und Kyros war nicht
gewillt, auf eines seiner Rechte zu verzichten. Als Kroisos sich
anschickte, sich des herrenlosen Landes zu bemächtigen, fand er
denn auch Widerstand, obwohl Herodot anzudeuten scheint, dass
die Kappadoken selbst nur gezwungen sich daran beteiligten ?).
Das Land oder der medische Statthalter desselben scheint sich
demnach alsbald nach Astyages’ Sturze dem Kyros freiwillig
unterworfen zu haben. Jedenfalls setzt die Erzählung Herodots
voraus, dass beim Anmarsche des Kroisos ein Statthalter des
Kyros daselbst gebot. Nach der Niederwerfung des lydischen
Reiches fassten die Perser sämtliche Länder von der Grenze
Kleinarmeniens bis zum Hellespont, welche bei ihrer Eroberung
keine selbständige staatliche Existenz mehr besassen, zu einem
einzigen Verwaltungsgebiete zusammen und unterstellten es einem
Satrapen, der seinen Sitz in Daskyleion am Hellespont hatte und
auch die Oberaufsicht über den Dynasten von Paphlagonien führte.
Der Grieche nannte es deshalb die daskylitische Satrapie, die
1) Die armenische Form Gamörk‘ setzt nicht die im gr. Κιμμέριοι
und in der gewöhnlichen assyrisch-babylonischen Form Gimirraja
vorliegende Namensform mit / in der ersten Silbe voraus, sondern eine
solche mit a in erster Silbe, die in der That auch im Assyrischen als
mät G’a-mir (schon unter Sargon) erscheint. Vgl. P. S. B. A. 1895,
p. 222. 226. Das Γαμέρ = "22 der O hat längst de Lagarde
verglichen.
5). Vgl. H. Winckler, Altor. Forsch. VI, 484ff. Ich glaube
den Namen der Askucäia noch in dem tanaitischen Personennamen
Σκόξος Latyscheff II 404 wiederzuerkennen (oben $. 79 Anm. 4).
Der Name der in Kleinasien zuerst bekannt gewordenen Σιχύϑανι ist
erst von den Milesiern auf die gleichartigen pontischen Σικόλο-τοι über-
tragen worden.
3) Συρίους τε οὐδὲν ἐόντας αἰτίους ἀναστάτους ἐποίησε Her. 1, 76.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 113
Perser nach dem ihnen zuerst bekannt gewordenen Gebiete
Katpatuka. Es versteht sich von selbst, dass dieses weite Gebiet
zum Zwecke der Verwaltung wieder in kleinere Distrikte, so-
genannte Hyparchien, zerlegt werden musste.
Bei Ktesias (Pers. ecl. 16) begegnet uns zum erstenmal ein
Satrap von Kappadokien, Ariaramnes, der unter Dareios I. eine
Rekognoszierungsfahrt nach dem Skythenlande gemacht haben soll.
Derselbe ist indessen höchst wahrscheinlich nur aus der Zeit des
Verfassers in die Vergangenheit projiziert, und wir werden
sicherer gehen mit der Annahme, dass dieser Satrap erst etwa
unter Dareios II. gelebt hat, und Kappadokien erst um diese
Zeit zu einer besondern Satrapie erhoben wurde!). Die Erzählung
des Ktesias zeigt den Satrapen noch im Besitz der pontischen
Küste, die im Jahre 401 den Persern verschlossen war. Aus
Anab. 1, 2,20 erfahren wir, dass das Gebiet von Jdva d. 1.
Dvana — Τύανα, assyr. (Ethnikon) Tunaza(?)?) zu Kappadokien
gehörte, und im Epilog der Anabasis wird Kappadokien und
Lykaonien als eine Satrapie betrachtet, als deren Satrap Mithridates,
wahrscheinlich der Freund des Kyros (Anab. 2, 5,35. 8, 8, 2. 4.
6. 3, 4, 2) genannt wird. Ausser dem Gebiete der Matiener, das
wahrscheinlich die Strategie Morimene südlich vom Halys ein-
schloss, umfasste Kappadokien jetzt also noch einen weitern
Landstrich im S. des Flusses, der im W. von der Salzwüste
Axylos, im S. und O. vom Königreich Kilikien begrenzt wurde.
Es sind die spätern Strategien Garsauritis und Tyanitis. Dass
aber diese auch noch in späterer Zeit eine gewisse Sonderstellung
einnahmen, beweisen einige Kupfermünzen, besonders zwei des
kappadokischen Fürsten Ariaramnes (4PIA0). Allein diese Gebiete
haben, wie wir oben sahen, wahrscheinlich bereits dem Könige
Mitä von Muski gegen Ende des 8. Jhs. v. Chr. gehorcht.
Wir sehen somit, dass das Gebiet nördlich vom Halys ein-
schliesslich der Landschaften Morimene, Garsauritis und Tyanitis
im S. des Flusses und die Länder südlich des Halys oder das
Königreich Kilikien mindestens vom letzten Viertel des 8. Jahr-
hunderts bis tief ins 3. Jh. v. Ch. hinein eine getrennte politische
Entwicklung durchgemacht haben. Wenn daher Strabon berichtet:
τὴν δὲ Καππαδοκίαν εἰς δύο σατραπείας μερισϑεῖσαν ὑπὸ τῶν
Περσῶν παραλαβόντες [Μακεδόνες περιεῖδον τὰ μὲν ἕκόντες τὰ δ᾽
ἄκοντες εἰς βασιλείας ἀντὶ σατραπειῶν περιστᾶσαν. ὧν τὴν μὲν
ἰδίως Καππαδοκίαν ὠνόμασαν καὶ πρὸς τῷ ΤἸαύρῳ καὶ νὴ Jia
μεγάλην Καππαδοκίαν, οἵ δὲ τὴν πρὸς τῷ Πόντῳ Καππαδοκίαν ?),
so ist diese Behauptung streng historisch falsch. Die Übertragung
Y» Vgl. J. urn Die Assyriaka des Kiesias. Philol.
Suppl. Bd. VI, 2. 5.6
=. Tiol. Pil. III Ἰὰς 53. K.B. 131.
3) Strab. ıß 1,2 p. 533.
Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 8
114 J. Marquart,
des Namens Kappadokien auf das sog. „eigentliche“ oder Gross-
kappadokien (richtiger Neukappadokien), dessen Mittelpunkt die
durch Datames mit Kappadokien vereinigte, ehemals zu Kilikien
gehörige Landschaft Kilikien am Argaios bildete, beruht darauf,
dass die Dynastie des Datames nach der Katastrophe Ariarathes
I. (322 v. Ch.) sich hier eine neue Herrschaft gründete, während
Alt-Kappadokien am Pontos von der Dynastie der Pharnaspiden
von Kios okkupiert wurde. Es liegt aber Strabons Angabe die
richtige Thatsache zu Grunde, dass das „eigentliche“ oder Neu-
Kappadokien aus lauter ehemaligen Gebieten des alten Königreichs
Kilikien gebildet war, während Kappadokien am Pontos der alten
Satrapie Kappadokien entsprach. Darauf deuten vielleicht auch
seine Worte: χαὶ ἡ Καππαδοκία δ᾽ ἐστὶ πολυμερής τε καὶ συχνὰς
δεδεγμένη μεταβολάς.
1) Diodor 81,19 kennt bekanntlich eine lange Reihe von Königen
Kappadokiens, die angeblich schon in achaimenidischer Zeit regiert
haben sollen, mit folgendem gefälschtem Stammbaum:
-------Ξὄ-Ξ-ἝἝ-ὄἝ-.--.-
1. Φαρνάκης Ἄτοσσα Kambyses
|
2. Γάλλος Kyros
|
3. Σμέρδις
4. ᾿Δρτάμνης
5. Avapäs ἃ, einer der 7 Perser
6. De β
1. ἀτάμς. ὁ ὁ ἸἈριμναῖος
8. AN 50 J.
—— TE ee — θυ ..
9. Apıaoddng ἃ Ὀλοφέρνης, Heerführer in Agypten
unter Ochos
m ς-Ὸ —
10. ᾿ἀριαράϑης P, adoptiert ᾿Δρύσης
von seinem Oheim
“ὉΠ ΞΘ
11. Aeıduvns 2 Söhne
|
12. ᾿ἀριαράϑης 7, Gem. Stratonike, T. des Antiochos II. Theos a. 257.
Dieser Stammbaum ist bereits in diesen Unters. I 1—28 analysiert
worden. Dazu ist noch hinzuzufügen, dass Sisines (nn), des Datames
Sohn, und sein mütterlicher Grossvater Μνϑροβαρ ξάνης (lies Midgo-
βουξάνης, “:ΤἼΞ 2; vgl. über beide Namen diese Unters. 1 68f. und
meine Fundamente israelitischer und jüdischer Geschichte 8. 51—54)
auch vom Verfertiger der Korrespondenz zwischen Sisines, dem
Satrapen von ‘Abar Nahrä, und Dareios (Ezrä 5, 3—6, 13), die in
einem Erlass des Dareios zu gunsten der Juden gipfelt, verwandt
worden sind. Der Verfasser konnte selbstverständlich den zu seiner
Zeit über ‘Abar Nahrä waltenden Satrapen Mazdai nicht brauchen,
wenn er sich nicht verraten wollte, und so griff er zum Satrapen
Kappadokiens, den er in die Zeit Dareios’ I. verlegte und zum Satrapen
EP de
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 115
Über die ethnographischen Verhältnisse von Kappadokien
berichtet uns Strabon, dass das ganze Gebiet, welches im 8. vom
kilikischen Tauros, im Ὁ. von Armenien und Kolchis und den
dazwischenliegenden fremdsprachigen Völkerschaften, im N. vom
Schwarzen Meere, im W. von den Paphlagonen, Galatern, Lyka-
onern und den Einwohnern des rauhen Kilikiens begrenzt werde,
von einer gleichsprachigen Bevölkerung bewohnt war. Καὶ
αὐτῶν δὲ τῶν ὁμογλώττων --- so fährt er fort — οὗ παλαιοὶ τοὺς
Κατάονας καϑ' αὑτοὺς ἔταττον, ἀντιδιαιροῦντες τοῖς Καππάδοξιν
ὡς Eregosdvicı, καὶ ἐν τῇ διαριϑμήσει τῶν ἐθνῶν μετὰ τὴν
Καππαδοκίαν ἐτίϑεσαν τὴν Καταονίαν, εἶτα τὸν Εὐφράτην καὶ τὰ
ς
πέραν ἔϑνη, ὥστε καὶ τὴν Μελιτηνὴν ὑπὸ τῇ Καταονίᾳ τάττειν, ἣ
von “"Abar Nahrä machte. Die ganze Korrespondenz ist also im 4. Jh.
gefälscht. Wollte man dennoch einen echten Kern derselben annehmen,
so wäre man zu der Hypothese gezwungen, dass im ursprünglichen
Texte der richtige, aus einer Keilschrifttafel vom 16. Tasrit des 3. Jahres
des Dareios bekannte Name des damaligen Satrapen von Babylon und
“Abar Nahrä, jNnON* — babyl. U&ta-an-ni (KB. IV 5. 304/5) ἃ. 1. ap.
Ustäna gestanden habe, den der UÜberarbeiter nicht verstanden und in
den Namen des zu seiner Zeit regierenden Satrapen von Kappadokien
nm geändert hätte. Mithrobuzanes, des Datames Schwiegervater,
welcher dessen Reiterei befehligte, gieng in einem schwierigen Feldzu
mit seinen Truppen zum Feinde über, allein Datames setzte ihm nac
und wusste es durch ein geschicktes Manöver zu bewerkstelligen, dass
die Feinde sich von den UÜberläufern verraten glaubten und nun auch
ihrerseits auf sie einhieben. So zwischen zwei Feuer geraten, erlitten
die Verräter trotz aller Tapferkeit gewaltige Verluste, und mehr als
10000 sollen die Walstatt bedeckt haben Darauf liess Datames durch
Trompetensignal seine Soldaten von der Verfolgung zurückrufen.
Von den übrig gebliebenen Reitern zog sich ein Teil zu Datames
zurück und erbat hing die übrigen aber verhielten sich abwartend,
da sie nicht wussten, wohin sie sich wenden sollten, und wurden
zuletzt, gegen 500 Mann stark, von Datames umzingelt und nieder-
geschossen (Cornel. Nepos, Dat. 6. Diod. 15, 91). Nach Diodor erfolgt
der Abfall des Mithrobuzanes in dem Kriege gegen des Königs
Feldherrn Artabazos, nach Nepos dagegen in einem Feldzuge gegen
die aufrührerischen Pisider, die bereits des Datames Sohn Arsideus
getötet hatten. Das nächstliegende wäre nun anzunehmen, dass Mithro-
buzanes bei seinem vereitelten Verratsversuche gefallen sei, allein
weder bei Diodor noch bei Nepos findet sich eine ausdrückliche Angabe
über sein Schicksal. Dagegen schliesst sich bei Nepos unmittelbar an
den Verratsversuch des Mithrobuzanes die Erzählung vom Abfall des
Sysinas, des ältesten Sohnes des Datames. Ich halte es deshalb für
möglich, dass Mithrobuzanes begnadigt worden oder entkommen ist
und sein Enkel Sisines mit ihm gemeinschaftliche Sache gemacht hat.
Dass dieser zum Lohn für seinen Verrat später die Satrapie seines
Vaters erhielt, wird durch die Münzen mit der Legende 700 29
— ἐποίησε Σισίνης bewiesen. Der ebenfalls durch Münzen mit aramäischer
Aufschrift bezeugte Ariarathes I. (MS) kann nicht etwa ein
Bruder von ihm sein, sondern gehört derselben Generation an wie
Datames, da er im J. 404 geboren ist. Er wird also ein Schwager des
Datames sein.
8*
116 J. Marquart,
μεταξὺ κεῖται ταύτης TE χαὶ τοῦ Εὐφράτου συνάπτουσα τῇ Kou-
μαγηνῇ . . .. οὔτε δ᾽ ἐκ τῆς διαλέκτου διαφορᾶς τινος ἐν τούτοις
πρὸς τοὺς ἄλλους Καππάδοκας ἐκφαινομένης οὔτε ἐκ τῶν ἄλλων
ἐθνῶν ϑαυμαστὸν πῶς ἠφάνισται τελέως τὰ σημεῖα τῆς ἀλλοεϑνίας ἢ).
Das Richtige ist vielmehr, dass die Namen Κατάονες und
Καππάδοκες nur Gau-, nicht Völkernamen sind. Da diese
Stämme aber so lange Jahrhunderte hindurch eine getrennte
politische Existenz führten, so kann ihre ethnologische Einheit
nicht ein Produkt der politischen Entwicklung sein, sondern muss
bereits vor dem Ende des 8. Jhs. bestanden haben. In dieser
Zeit treffen wir aber sowohl nördlich wie südlich vom Halys
das Volk der Tabal oder Tibarener, deren Name sich in späterer
Zeit freilich nur im äussersten Norden und Süden?) des einst
von ihnen besetzten Gebietes erhalten hat. Mit grösserer Be-
rechtigung dürfte man demnach, wie es scheint, die Bevölkerung
der beiden Kappadokien unter dem Namen Tabal oder Tibarener
zusammenfassen ?). Freilich wissen wir über die ethnographische
Stellung der letztern sehr wenig; die von ihnen berichtete
Männercouvade*) zeigt nur soviel, dass sie noch auf einer sehr
niedern Kulturstufe stehen geblieben waren. Auch die von de
Lagarde zusammengestellten kappadokischen Glossen lehren uns
Mit Hilfe der Bruchstücke der Historiker, besonders bei Cornelius
Nepos, und der Münzen lässt sich demnach etwa folgendes Stemma
der Satrapen von Kappadokien in persischer Zeit herstellen:
Korylas, 1. ᾿Δἀριαράμνης 1.
Dynast von um 410? (Ktes.)
Paphlagonien
nn
Orvs Seythissa Camisares, 2. ΜΜιϑριδάτης
Hyparch von Kilikien 401 (Xen.)
Thuys | am Argaios Μιϑροβου ξάνης
| (Hann)
nen meta mn [u [—
?
3. Datames (2,10) Tochter 5. ᾿ἀριαράϑης ἃ
Satrap von Kappadokien, + 362 (MAIS) 404—
. 322, mit seiner
ganzen Familie
m m gekreuzigt
4. Sysinas (700, nn, Arsideus,
Ziclvns) + um 368 Mi#o0ßov&dons,
ἡ 334
ΤΙ]
6. ᾿ἀριαράϑης β 302—ca, 280.
1ὴ Strab. ıß 1,1. 2 p. 538.
2) Noch Cicero (ad fam. 15, 4) erwähnt die Tibarani als ein
wildes Bergvolk in der Nähe der Eleutheroeilices.
2) Vgl. Ed. Meyer, Gesch. des Königreichs Pontos 5, 14.
Gelzer, Kappadokien und seine Bewohner. AZ. 1875, 14—26.
Schrader, Keilinschriften und Geschichtsforschung 155—162.
4) Apoll. Rhod. B 1011ff. Zenob. paroem. 5, 35.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 117
über den Charakter der kappadokischen Sprache so gut wie
nichts. Von viel grösserer Wichtigkeit für die Feststellung der
ethnologischen Zugehörigkeit der „Kappadoken* wäre die DBe-
antwortung der Frage, in welchem Verhältnis die Tabal zu den
Chettitern stehen, deren Reich im zweiten Jahrtausend sich ohne
Zweifel bis in die Halyslandschaften erstreckt hat. Gerade in
Kataonien hat sich ja eine ganze Reihe der sog. chettitischen
Inschriften gefunden, wenn sie auch in Alt-Kappadokien —
abgesehen von Boghaz-köi und Üjük im Matienergebiet — bis
jetzt völlig fehlen. Waren die Tabal etwa ein eingedrungenes
Eroberervolk, das sich als wenig zahlreicher Herrenstand, als
eine Art Kriegsadel inmitten einer allophylen altchettitischen
Bevölkerung bis ins 7. Jahrhundert behauptete, ähnlich wie die
Chettiter in den nordsyrischen Staaten? Dann würde sich sehr
leicht erklären, dass die Tabal im grössten Teile von Kappadokien
schon zur Zeit Ezekiels spurlos verschwunden sind (Ez. 32, 26):
sie waren eben in der alteinheimischen Bevölkerung aufgegangen,
so gut wie die Chettiter in den Aramäern von Nordsyrien, oder
wie die Goten, Franken, Langobarden in den Romanen. Jedenfalls
weisen die Ortsnamen auf -vdog, -νδὰ und -σσος, -σα auf
einen alten Zusammenhang des Grundstockes der kappadokischen
Bevölkerung mit der von Westkleinasien (Kilikien, Pisidien, Lykien,
Karien etc), die wiederum, wenn Bugge’s Hypothese sich
bestätigt), mit den Armeniern nahe verwandt ist. So deckt sich
z. B. der südkappadokische Ortsname Istunda?) völlig mit
dem pamphylischen ”Aonevdos, auf Münzen Eorfeduvg ἃ. 1.
Estvedijus —= ᾿Δοπένδιος ᾽).
Darnach müssen wir erwarten, im Kappadokischen eine mit
dem Lykischen verwandte, vielleicht indogermanische Sprache zu
finden). Die fremdartigen Elemente, vor allem die eigentümlichen
Zahlwörter, wie lingri 6, tatli 7, matli 8, welche sich in einem
nördlich vom Tauros gesprochenen neugriechischen Dialekte vor-
finden), können dann nicht aus der altkappadokischen, sondern
höchstens aus der Sprache der in die Berge des Tauros zurück-
gedrängten Tibarener stammen®). Dagegen versprechen die von
») Vgl. 5. Bugge, Lykische Studien I S. ff. 70ff. (Viden-
skabsselskabets Skrifter. Il. Hist.-fillos. Kl. 1897 Nr. 7. Christiania 1897).
[Vgl. aber jetzt die lichtvolle Abhandlung Vilh. Thomsen’s: Etudes
lyeciennes I. Extrait du Bulletin de l!’Acad. royale des Sciences et des
lettres de Danemark 1899.]
3) Tiglp. III Ann. 53. KB. I 31.
Ve Buügge a. ἃ. 0.813.
Ὁ Ebenso Six brieflich.
5) Karolidis, Movo. καὶ βιβλ. IV 478, Vgl. Tomaschek,
Die alten Thraker 13. Kretschmer, Einleitung in die Geschichte
der griechischen Sprache 399. =
6) Nach Tomaschek ἃ. 8. Ὁ. sind sie freilich „offenbare UÜber-
bleibsel der uralten kappadokischen Sprechweise“.
118 J. Marquart,
Chantre in Boghaz-köi ausgegrabenen Keilschrifttäfelchen für
unsere Frage von grosser Wichtigkeit zu werden).
Ich wende mich nun zu den von Levidhis mitgeteilten
Inschriften. Leider hat er von denselben nur Abschriften, keine
Abklatsche oder Photographien angefertigt. Es sind folgende:
1. Arebsun (Zoropassos).
„Fläche eines Granitsteins, 7 Spannen lang, 3 Spannen breit
und 8 Zoll hoch. In der Mitte die Sonne mit Strahlen, im
Mittelpunkte derselben eine Traube, an der Spitze ein Adler mit
geöffneten Flügeln, die mit dem Kopf und dem Schwanze zu-
sammen die Form eines Kreuzes bilden, und bei dem Adler ein
Ibis mit langem Schwanz, unterhalb des Schwanzes 6 Vertiefungen’).
Rings um die eine Seite ein Lorbeerkranz, ein Schaf, eine Ziege,
ein Löwe, ein Kamel, ein Büffel, ein Habicht, der einen Hasen
ergreift?), und auf der andern Seite zwei Menschen in Vorder-
ansicht, sämtlich in Relief, und eine dreizeilige Inschrift.“
Dieselbe läuft von rechts nach links und enthält 59 bezw.
60 erhaltene Zeichen, von denen 3 in der Zeichnung punktiert
sind. Man sieht sofort, dass man aramäische Schrift vor sich
hat; das ἢ, Y, P, 1 sind vollkommen deutlich. Allein
=, 7,7 und 7 lassen sich gar nicht auseinanderhalten, auch
" und ἃ sind nicht sicher zu scheiden. Die Abschrift ist offenbar
viel zu ungenau, um als Basis für eine Entzifferung dienen zu können.
Dreimal findet sich ein Zeichen AY-, das ich für eine Ligatur ansehe.
Dieser und der folgende Stein stammen von dem oben
erwähnten Hügel beim Dorfe Karadza-Sar.
2. Arebsun.
Abgerundeter zerbrochener Syenitstein. Derselbe zeigt ein
Pferd und einen Kranz mit Binden, in dessen Mitte einen Stern,
nach rechts eine Ente®), nach links zwei geschlossene Hände, deren
Finger leicht zu unterscheiden sind.
a. Quer darüber findet sich eine vierzeilige Inschrift von
108 erhaltenen Zeichen. Ein Buchstabe scheint zerstört zu sein.
Die vierte Zeile erreicht den rechten Rand nicht.
1) Vgl. vorläufig Sayce, Proceed. of the Soc. of Biblical
Archaeology Nov. 1898. [Soeben läuft die Notiz durch die Zeitungen,
dass nach einer Mitteilung Levidhis’ kürzlich auch in einem Hügel
bei Kaisarije, in der Nähe der türkischen Dörfer Baler und Karomb,
neben andern Spuren des Altertums Grabmäler-Inschriften mit keilschrift-
ähnlichen Zügen auf kleinen, viereckigen, luftgetrockneten und ge-
brannten Ziegeln gefunden "worden seien. Die Umschau, 14.
Juli 1900, Nr. 29 Sp. 575/76).
2) (Val. Smirnow bei Lidzbarski a. a. O. 5. 62.]
8) [Seite ὃ: Smirnow ἃ. 8. Ο. 8. 61.]
4) Levidhis schreibt νύσσα für νῆσσα. [Auch Lidzbarski S. 64
A.3 erklärt den Vogel für eine Ente.]
νυν εν“ -' νὰν Ὁ ΨΌΨΗΣ γἘΠρπππ
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 119
b. Dieser gegenüber findet sich eine zweite vierzeilige In-
schrift von ‘80 Zeichen, bei welcher die 3 letzten Zeilen den
rechten Rand nicht erreichen.
Beide Inschriften scheinen demnach rechtsläufig zu sein,
wenn anders der Stein nicht rechts beschädigt ist, obwohl
die aramäischen Zeichen, soweit sie sich identifizieren lassen,
linksläufig gezeichnet sind. Auf der andern Seite des Steines
sind fünf Fische, ein Wolf, zwei Menschen!) und andere Buch-
staben derselben Art eingemeisselt. Ausser den in der
ersten Inschrift vorkommenden Zeichen findet sich hier eine
Anzahl neuer, wie A, IT, Y, 1,53%, 4; H und
vor allem die griechischen Buchstaben K und X. Allein die
Buchstaben scheinen hier viel nachlässiger gearbeitet zu sein als
auf dem ersten Steine. Da aber unser Gewährsmann von der Schrift,
die er vor sich hatte, begreiflicherweise keine Ahnung besass und sogar
_ an die Möglichkeit denkt, dass es Hieroglyphen sein könnten, so
ist es selbstverständlich, dass seine Abschriften dieser ihm gänzlich
unbekannten Charaktere notwendig unbrauchbar sein müssen, so
gut wie z. B. die älteren Abschriften etruskischer Inschriften,
und eine Reproduktion derselben hätte keinen Zweck gehabt.
Dies soll natürlich kein Tadel gegen den um die Geschichte
seiner Heimat so verdienten und unermüdlich thätigen Priester sein.
Es verdient noch erwähnt zu werden, dass eine Mischung ara-
mäischer und griechischer Zeichen auch auf Münzen von Side in
Pamphylien nachgewiesen ist. Vgl. J. P. Six, Monnaies grecques,
inedites et incertaines. Extrait du Num. Chron. 1897 p. ὅ
Diese 3 Inschriften wurden schon am 21. Januar 1897
(a. St) an Dr. Zimmerer gesandt. Leider haben es auch
Dr. Zimmerer und Dr. Oberhummer auf ihrer Reise versäumt,
Abklatsche von denselben zu nehmen. [Die beiden Steine haben
. bereits eine kleine Geschichte. Sie sind jetzt nach Konstantinopel
geschafft worden und aus den Abklatschen und Photographien,
die Lidzbarski von dort erhalten hat, ergibt sich, dass die
selben weit mehr Inschriften enthalten als man nach Levidhis’
Angaben annehmen würde. Sobald Lidzbarski von allen Seiten
der Steine Abklatsche und Photographien erhalten hat, wird er
das ganze Material publizieren. Einstweilen sehe man seine Mit-
teilungen Ephemeris der semitischen Epigraphik I 1 S. 59 —74.
Damit der Leser einen Begriff von dem Grad der Zuverlässigkeit
von Levidhis’ Kopien erhält, habe ich mich nachträglich entschlossen,
dieselben hier mitzuteilen. (Siehe 5. 120.)
1) [Vgl. Smirnow 8. 8. Ο. S. 63 unten.]
..
J. Marquart,
120
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..'n...
GUN. TI 5 ΙΒ ΒΟ ΖΡΙΓΓΈΞΕΞ
Ἵ τπβαθαῦ nah -ρυλ ΤΠ κα΄, 5 μῖχ ιᾷ n
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 121
Nr.1 ist von Lidzbarski a.a.0. 8.71 Nr. 2. 8. 72/73
nach einem Abklatsch publiziert worden. Aus seiner Abbildung
ersieht man, dass es sich thatsächlich um zwei verschiedene
Inschriften in verschiedenem Duktus handelt. Man erkennt
65 Zeichen, von denen die der ersten und dritten Zeile voll-
kommen klar zu lesen sind. Zeile 1 liest L., zum Teil in Über-
einstimmung mit Clermont-Ganneau:
BosntRan na in Da ae
und übersetzt: „... gemacht bei der Vermählung Bels, des
Grossen, des Königs“. Zeile 2 ist ziemlich beschädigt und
erlaubt noch kein zusammenhängendes Verständnis; doch erkennt
man im Anfang das Wort my Ahuramazda. Zeile 3 zeigt
in dreimaliger Wiederholung das Wort 97 * Ann Mow-atr-d(ä)re.
Dieses lässt eine doppelte Deutung zu: als Dwandwa-Compositum
— „des Magiers und Feuerhüters* (mow + ütr-däre) oder als
Tatpurusa — „des Hüters des Magierfeuers“ (mowätr + dare).
Letztere Auffassung wird durch die Interpunktion mehr em-
pfohlen. Dann wird aber bereits hier die Beziehung der drei
Hauptfeuer auf die drei Stände (Adur-farndbag, das Magierfeuer,
in Kärijan in Pärs, Adur-gusnasp, das Kriegerfeuer, in Gangak in
Atropatene und Adur- Burzinmehr in Rewand bei Nesapür) 1) implieite
vorausgesetzt. Das Wort mowätr-dära ist ein Compositum von
mowältr- + dära, wie xO7n"o fräta-dära auf den stachrischen
Münzen — ap. fräta „Feuer“ (in Doara--peovns, Doara-yovvn),
arm. Arat (Justi, Iran. Namenbuch 105a) + däara, 7u777n®
sadr-d(A)r-än, pahlawik (atropatenisch) ποτὶ ch3adr-d(a)r-in
(Inschrift von Hagtabäd), np. SahrıJar — ap. *chsadtra-dara. Die
Form mow für moy aus *ma%yu finden wir in dem Titel
ım wi-Suitg ρδεμ ἔρια Elise 124, lauf wu päungkın
Lazar P’arp. 262, in den Akten der Martyrer von Karchä de
Bed Selöch bei Moesinger, Monum. Syr. φῦ, Payne-
Smith 1435 ZYsas, lies 00; vgl. G. Hoffmann,
Auszüge S. 50 N. 458. Die Genitivform stimmt zu den kappa-
dokischen Monatsnamen Mıiden, Zavdeoıoon ἃ. i. ἘΞαϑρηορὴ =
Ohsadr& warje.]
3. Bilinguis.
Der Fundort dieser Inschrift ist von Zindzi-därä (Φλαβιαναί
nach L.) 30 Stunden entfernt, Lage und Name werden aber von
L. nicht näher angegeben. Der Ort wird wie folgt beschrieben:
„Es ist eine natürliche Brücke, die eine Länge von 100 m und
anfangs. eine ebensolche Breite hat, die sich dann verengt. Auf
dieser Brücke befinden sich mit Cement gebaute, in Ruinen
liegende Mauern. Gegen Osten ist eine Stelle, die mir die Stelle
1) Vol. G. Hoffmann, Auszüsre 2831—293. 296—297.
&g ) 8
122 J. Marquart,
eines Tempels zu sein schien, mit zwei durch Menschenhand
aufgerichteten und skulpierten Felsblöcken. Auf einem derselben
sind zwei Lager für umgestürzte Säulen oder Standbilder aus-
gehauen, in der Mitte aber sind zwei Tafeln eingemeisselt, eine
über der andern, auf welchen in 15 cm. grossen Buchstaben zwei
Inschriften stehen, die eine in griechischen, die andere in
„kappadokischen* Buchstaben.“
a. Die griechische Inschrift steht auf der ersten Tafel und
umfasst 6 Zeilen:
CATTAPIOC Σαγγάριος
MAIANOY Meı&vov
CTPATHIOC στρατηγὸς
APIAPAMI ᾿Δριαράμ[νη]
Ο. MAT. ΕὙΟΘ. ς. μάγ(ος) εὐσε(βὴς)
ΜΙΘΡΗ͂ι": Μίϑρῃ.
b. Die „kappadokische* Inschrift steht auf der zweiten Tafel.
TAHTISIA AI ΠΤ ΕΞ
Dieser Fels war verdeckt von Felsen und Schutt, die von
dem darüberliegenden Hügel herabgerutscht waren. Nachdem L.
aber bis Mannshöhe gegraben hatte, fand er diese Inschriften.
Die „kappadokische* Inschrift setzt sich noch weiter fort, allein
ein grosser Stein, der vom Hügel herabgestürzt war, hielt den
übrigen Teil bedeckt und L. hatte nicht die nötigen Hilfsmittel
bei sich, um den Stein zu sprengen; er meint jedoch, zur Not
könnte er mit Pulver gesprengt werden, wozu wir allerdings
nicht raten möchten.
Σαγάριος findet sich als Personenname CIG. 4083 (aus Pessinüs)
[, ΖΣαγάρις bei J. G. C. Anderson, Exploration in Galatia cis
Halym. JHS. 1899 p. 308 nr. 250]. Den Namen αιάνης kann
ich nicht belegen, dagegen sind Maıdarng (Vater eines Menophilos
aus Eusebeia; Inschrift des 1. Jhs. v. Chr. aus Anisa bei
E. Curtius, Monatsber. ἃ. Berl. Ak. 1880, 646 und sonst) =
Mah-däta „vom Mond geschaffen“, αι-βουξάνης (Inschrift von
Komana, BCH. 1883, 130) und Maıpdrns (Grabinschrift von
Tokat CIGr. III nr. 4184 — Athen. Mitth. XIV, 316 und in Delphi,
Wescher et Foucart, Inseript. recueillies ἃ Delphes 1863 p. 112
n. 189, 5, [als Frauenname Meugdreig in Ilghin J.G.C. Anderson,
A summer in Phrygia. JHS. 1898 p. 123 nr. 71]) = Maähpäta
„vom Mond beschützt“ bekannt!). Vgl. Justi, Namenbuch
2) [J. @. C. Anderson, JHS. 1893 p. 123 sieht in Maı- den
Namen der vorzugsweise im kappadokischen Komana verehrten Göttin
Mä&. Vgl. aber das Verhältnis zwischen Μαιδάτης und dem Namen
seines Sohnes Μηνόφιλος in der angeführten Inschrift aus Anisa.]
δι u δ. u . «Δ,
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 1923
185 Ὁ. 188a. ’Aoıwoduvns wird von Ktesias bereits ein an-
geblicher persischer Satrap von Kappadokien unter Dareios I.
genannt!), und so hiess bekanntlich der zweite Fürst des wieder-
hergestellten Ariarathidenhauses. Der Name kommt auch auf der
Nordseite des Pontos, in Pantikapaion vor (Bas. Latyscheff,
Inscriptiones Graecae orae septentrionalis Ponti Euxini II nr. 141).
Dass der Magier einen iranischen Namen trägt, ist nur billig.
Für den Mithraskult in Kappadokien verweist unser Gewährsmann
noch auf seine (neugriechisch geschriebene) Kirchengeschichte von
Kappadokien ὃ. 30—33, sowie auf die jetzt CIL. III 6772
publizierte lateinische Inschrift.
Bei der aramäischen Inschrift fällt sofort des Ὁ ins Auge;
der folgende Buchstabe ist =. Wir müssen also hier den Namen
Meı&vng erwarten, persisch wohl 7% *Maährdäan; der Buchstabe
A bezeichnet demnach hier wie auf den Goldstateren des Wach$uwarja
(ca. 250 v. Chr.)?) und auf den stachrischen Münzen aus dem
2. Jh. v. Chr.?) das Jod. Dürften wir annehmen, dass die Inschrift
in aramäischer Sprache abgefasst ist, so müssten wir vor dem
ἡ das Wort μυ == erwarten, allein der Buchstabe vor n ist
nach der Abschrift entschieden kein Y. Der erste erhaltene
Buchstabe nach rechts ist, wie mir auch Six und Nöldeke
vorschlagen, wohl ein Ὁ, was besonders durch die Varianten der
Sisines-Münzen empfohlen wird®). Der dritte Buchstabe vor
ἡ ist ein durch Ligatur mit einem vorhergehenden oder ἃ
verbundenes 5). Wir erhalten dann für den Anfang der Zeile die
Lesung... ΠΏ (??)a2 3:0. In den 5 letzten Buchstaben muss
das Äquivalent für στρατηγός stecken. An dieser Inschrift können
wir uns so recht überzeugen, wie unzulänglich diese Abschriften
sind und sein müssen. In der Lücke rechts mag noch eine
Weiheformel gestanden haben. Eine noch verschüttete Zeile
muss die Übersetzung der 3 letzten Zeilen des griechischen
Textes enthalten und würde uns vor allem die auch für die
Münzschrift so wichtigen Buchstaben = und 5, sowie 7 und N
liefern. Diese Inschrift wurde von Levidhis zuerst an Herrn
DB 5.118.
er Nüum. Chron,. 1879, p.4 Pi Το ἢν. 2. 8.
8.2. B. Levy, ZDMG. XXI (1867) Taf. I (S. 460) Nr. 2.
4) Vgl. J. P. Six, Num. Chron. 1894, 302—305.
5) [Six wollte ihn als D auffassen. Ein ähnlicher Buchstabe
findet sich zweimal in einer der von Lidzbarski veröffentlichten
Inschriften von Arebsun a. a. Ὁ. 5. 71 Nr. 1: Z. 1 in dem Worte
Hn-mnnN und Z.2 in dem Worte "5 ΤΠ. Ich glaube, dass wir 2
zu lesen haben, also INENNTN — ap. *achtara-cidra „vom Samen der
Sterne“; vgl. ΩΣ ΩΣ Midra-Citra „von Mithras Samen“ CIS. II 1,1
p- 97 nr. 102.].
124 J. Marquart,
Karolidis in Athen und am 27. April (9. Mai) 1898 auf seine
Bitte an Dr. Zimmerer abgeschickt.
4. Barach.
Grabstein mit der Inschrift:
Στατία Δόμνα Φλαβίῳ ᾿Ιουλιανῷ ἀνδρὶ χρηστῷ καὶ Στάτιος
Φαῖδρος Καπουλιανὸς (Ὁ) καὶ Μάρκολλος τῷ ἕαυτῶν πατρί.
Nur in Kursive und ohne alle weiteren Angaben mitgeteilt.
Die Richtigkeit des Namens MAPKO_AAOC bezweifle ich; es
wird wohl einfach MAPKEAAOC auf dem Steine stehen. Ein
Cognomen Capulianus ist mir unbekannt. Ich vermute KAI
IOYAIANOC für KANUOYALANOC. Dann sind Statius
Phaedrus, Julianus und Marcellus die Söhne der Statia Domna
und des Flavius Julianus.
5. Tatlar.
Marmorstein mit der Inschrift:
Τίτος καὶ ᾿Δἀπολλώνιος Σοσικλέους Δίκνῳ τῷ ἀσυνκρίτῳ πατρὶ
καὶ Ἴλῃ μητρὶ χάριν μνήμης.
Nur in Kursive und ohne weitere Angaben.
Die Namen Lixvos und Ἴλη sind mir sonst nicht bekannt.
Die Ausdrucksweise der Inschrift ist merkwürdig, aber nur so
zu erklären, dass der Vater zwei Namen trug, einen barbarischen
und einen hellenischen.
6. Tatlar.
Marmorstein mit der Inschrift:
Ποππώνιος Πρόκλῳ.
Nur in Kursive und ohne weitere Angaben.
Nr. 4—6 sind schon am 21. Januar 1897 a. St. an
Dr. Zimmerer gesandt worden.
7. Zweisprachige Inschrift „auf Felsen auf kleinen erloschenen
Kratern, 9 Stunden von Zindzi-därä, da wo am Wege die
erloschenen Krater des Argaios gefunden worden sind:
AONTINS EPTOAABS Aoyyivov ἐργολαβοῦ
BIER ΠΕ ΒΗ, Τοδὴ Bros’.
ὍΛΗΣ ὙΠΘΉΡΕ CHAIS 2... Βα]σηλίου
ΚΟ. ΒΟΗΘΗ TO κύριε, βοήϑει τῷ
βίρμβοε, 1, ΓῚ φυν ΓΤ ΩΡ’. μα υν νυ ΗΒ ἢν τ
μρι πη ΠῚ... Phb2pr--.-IPP*rh%,
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 195
Unter den Felsen, welche diese Inschriften tragen, haben
sich 7 alte Cisternen gefunden. Levidhis glaubt deshalb, dass
der in der griechischen Inschrift genannte Longinos ein Unternehmer
war, welcher den Bau dieser Cisternen und des dabeiliegenden
Bassins übernommen hatte und dazu die Hilfe des Herrn erflehte.
Die Zeichen der „kappadokischen Inschrift“ sind grösstenteils
armenisch, und zwar im sogenannten Bolorgir, wie fr ἔν nm,
2, ps ἐμν m, 7 + Daneben finden sich aber wieder Zeichen,
die so wie sie dastehen, keine armenischen Buchstaben sind. Hier wie
bei der folgenden Inschrift bezweifle ich, dass die Sprache armenisch
ist. Auch hier kann die Abschrift einen Abklatsch nicht ersetzen.
8. Scwghen (vielleicht alt Σαβάγηνα).
δι η 1 4 δῷ ΖΡ
σ΄ -n:ayL Tg Junyu
Hier ist auch Levidhis die Ähnlichkeit der Buchstaben
mit den armenischen aufgefallen, und er zweifelt daher, ob die
Inschrift „kappadokisch“ ist.
Ausser 4, fs 4 ı] , o finden sich hier die kursiven
Zeichen $ » 4» πν u, daneben aber auch unarmenische Zeichen,
wie 7, und im Anfang drei griechische Buchstaben.
9. DIATOYKAAMZO
NTIELXAPIXEBWBAOTQKP KO
ΕΠ Τ ᾧ + AMOYZ
N
2 a ν a
Bei dieser Inschrift wie bei Nr. 11 enthalte ich mich jeder
Vermutung.
Bei Nr. 9—11 fehlt jede Angabe der Herkunft ete.
10. CIAAHL | TMH
MAPKON | MATHL
"ER: NOIKI
.AWLOBHP
NOTEN BNE N
Σίλλης Σίλλης
Μᾶρκον Mayns
Γ]αΐου Z ἐν οἰκί
ἡ νοβι ον) Ηρ | [e?....
αἸγινέα
126 7. Marguart,
Ein Ort ’Hole]yıw« ist mir allerdings nicht bekannt. Vgl.
aber die Ortsnamen Zaßdynve in Laviansene (Ptol.), Σαδάγηνα
(Ptol.) oder Zoß«ynv« (Sterrett, Epigraphical Journey in Asia
Minor p. 232) in Sargarausene, ’Eßdynv«e oder Zeßdyyve in
Kilikia (Ptol., vgl. Ramsay p. 305), Euagina (Tab. Peut.), Ptol.
5, 4 p. 329, 23 Φουβάτηνα lies Φουβάγηνα in Galatien (aus
Fuagina für Euagina und ᾿Εβάγηνα kontaminiert) ἢ).
11.
[Ähnliche Kreuze finden sich auf Grabsteinen aus dem
alten Prasmon und dem Dorfe Emir Ghazi in Galatien. Vgl.
J. G@. C. Anderson, Exploration in Galatia eis ἕω. JHS.
1899 p. 60. 57 nr. 27
Nr. 7—11 wurden am 27. April/9. Mai 1898 an Dr. Zimmerer
geschickt.
Ausser obigen Inschriften hat Levidhis, wie er berichtet,
gegen 1000 griechische und lateinische Inschriften in Kappadokien,
Lykaonien und den umliegenden Gegenden gesammelt, die z. T.
von europäischen Reisenden inzwischen herausgegeben sind, z. T.
aber sich noch unediert in seiner Hand befinden. Seine hand-
schriftlichen Materialien würden nach seiner Angabe vier volle
Bände füllen. Möchte er uns vor allem Abklatsche oder Photo-
graphien von seinen „kappadokischen“ Inschriften senden!
6. Die Chronologie des Kambyses und der Lügenkönige
und der altpersische Kalender.
Bekanntlich sagt Her. y 66. 67, dass Kambyses gestorben sei
βασιλεύσαντα μὲν τὰ πάντα ἐπτὰ ἔτεα καὶ πέντε μῆνας, .... ὁ δὲ δὴ
Μάγος τελευτήσαντος Καμβύσεω ἀδεῶς ἐβασίλευσε μῆνας ἐπτὰ τοὺς
ἐπιλοίπους Καμβύσῃ ἐς τὰ ὀχτὼ ἔτεα τῆς πληρώσιος.
1) Vgl. Ramsay p. 70. 261.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 127
Das bisher so schwierige Problem der Chronologie des Kam-
byses und des Magiers ist jetzt bedeutend vereinfacht worden,
seitdem PräSek und Peiser erkannt haben, dass die babylonischen
Vertragstafeln, welche nach Kambyses als König von Babylon zu
Lebzeiten seines Vaters Kuras, Königs der Länder datiert sind,
nicht, wie man bisher annahm, ins letzte (neunte), sondern in das
erste Jahr des Kyros nach der Eroberung Babylons zu setzen
sind!). Darnach wurde Kambyses, wie Weissbach zeigt, am
3. Nisan des Jahres 1 des Kyros, Königs der Länder zum Unter-
königs von Babylon gekrönt, und erscheint als solcher noch am
20./X. seines 1. Jahres. Am 17./I. des folgenden Jahres erscheint
dagegen bereits wieder Kyros als König von Babylon.
Der letzte Vertrag aus der Regierung des Kyros datiert vom
27.|IV. des 9. Jahres, der erste des Kambyses vom 12./VI. seines
Antrittsjahres. Die drei letzten Daten aus der Regierung des
Kambyses sind vom IV., vom 3./VIII. und vom 27./XI. des
8. Jahres, so dass es scheint als habe man dem Kambyses im
Widerspruch mit Herodot eine Regierung von 81/, Jahren bei-
zulegen. Allein PräSek ἃ. ἃ. Ο. 5. 19 f. (angeführt von Weiss-
bach ZDMG. 51, 664) hat bereits betont, dass die ununter-
brochenen Datierungen seit dem 23./I. des 8. Jahres aufhören,
während die drei übrigen weit auseinanderliegen und ganz ver-
einzelt sind. In dem Texte, welcher das Datum IV. Monat des
8. Jahres enthält, bezieht sich dieses, wie Weissbach zeigt, auf
den Vertragstermin, während die Abfassung desselben in den
VIII. Monat, wahrscheinlich des vorhergehenden (7.) Jahres _fällt,
in dem Vertrag vom 3./VIII. dagegen ist die Jahreszahl ver-
stümmelt und wohl 5 zu lesen. Somit bleibt das Datum vom
27.[XI. des 8. Jahres als singuläre, aus besonderen Verhältnissen
zu erklärende Ausnahme übrig und darf chronologisch nicht be-
rücksichtigt werden. Aus diesem Sachverhalt hat Weissbach
bereits geschlossen, dass sich den Vertragstafeln und der Inschrift
von Behistün?) zufolge für Kambyses eine Regierungszeit von
7 Jahren 61/, Monaten ergäbe.
In der Inschrift von Behistün berichtet Dareios, dass der
Magier sich am 14. Wijachna, der dem babylonischen Adar (XII.)
1) Peiser, Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft (MV G.)
II, 1897, 5. 229 ff. V. Prasek, Forschungen zur Geschichte des Alter-
tums I. Kambyses und die Überlieferung des Altertums. 1897. Letztere
Schrift ist auf der hiesigen [Tübinger] Bibliothek ebensowenig vorhanden
als Strassmaier’s Bahylonistte Texte. Vgl. dazu F. H. Weiss-
bach, Zur Chronologie des Kambyses, ZDMG. 51, 1897, S. 661 ff.,
dem ich obige Angaben entnehme.
?) Dies bezw. ..) „Ama Böstun aus *Bajistan ist die lautgesetz-
liche dialektische Form für das alte Βαγίστανα, Bayastäna, Baystän.
Vgl. \5, Raj: Raya, Sistan, arab.- pers. hmm Sagistan — Σα-
καστάνη.
198 J. Marquart,
entspricht, vom Berge Arkadr:is in der Landschaft Pisijähuwäda
aus empört habe. „Darauf ward das ganze Volk aufrührerisch, von
Kambyses gieng es zu jenem über, sowohl Pärs als Medien und die
übrigen Provinzen. Er ergriff die Herrschaft, am 9. Garmapada.
Darauf starb Kambyses durch eignen Tod“ (Beh. I 35—-43).
Über die Zeit, welche zwischen der Erhebung des Gaumäta am
14. Wijachna und seiner offiziellen Thronbesteigung verstrichen ist,
lässt sich der Inschrift nichts Sicheres entnehmen, allein wir be-
sitzen bekanntlich datierte Kontrakte aus seiner Regierungszeit,
welche zuletzt von Weissbach, Zur Chronologie des falschen
Smerdis und des Darius Hystaspis ZDMG. 51, 511 ff. erörtert
worden sind. Drei von den bis jetzt bekannten Texten sind vom
Antrittsjahre des Barzija datiert, und zwar vom II., 6./III. und
10./VI., die 10 übrigen Täfelchen datieren nach dem Jahre 1
und reichen vom 19./I. bis 1.113).
Es ist dabei auffällig, dass sich unter den 13 Täfelchen kein
einziges aus einem der letzten 5 Monate findet. Da nun Herodot
und die spätern Griechen dem Gaumäta übereinstimmend 7 Monate
geben, so hat Oppert gewiss mit Recht geschlossen, dass in
diesem Falle Antrittsjahr und Jahr 1 zusammenfallen, und da die
drei Texte, welche vom Antrittsjahre datieren, sämtlich aus Babylon
selbst stammen, so erklärt er jene Differenz einleuchtend durch
die Annahme, dass man in der Provinz die Regierung des
Barzija von seiner Erhebung am 14. Wijachna (Adar) an rechnete,
so dass die Zeit vom 14. Adar bis zum 1. Nisan als sein Antritts-
jahr und die Zeit vom 1. Nisan bis zu seinem Tode als sein 1. Jahr
galt, während man in Babylon selbst anfangs den Tag seiner
feierlichen Krönung am 9. Garmapada zum Ausgangspunkte nahm,
so dass das am 1. Nisan begonnene Jahr als sein Antrittsjahr
gerechnet wurde?). Dabei erhebt sich gleich die Frage, was wir
unter der „Ergreifung der Herrschaft* im Gegensatze zur „Er-
hebung“ näherhin zu verstehen haben. Dies kann, wie mir scheint,
nicht zweifelhaft sein: nur die Einnahme der Hauptstadt von
Anzan, dem Stammlande des Kyros?), und damit die Gewinnung
der ältesten Provinz des Reiches kann einen solchen Ausdruck
rechtfertigen. |
1) [Dazu kommen jetzt noch zwei Täfelchen aus Philadelphia
vom En und 15./VI. des Jahres 1. Vgl. Weissbach, ZDMG.
ὅδ, 207.
5. J. Oppert, Le Canon des dates babyloniens. Comptes rendus
de l’Acad. des Inscript. et belles lettres 1892, p. 410 ss.; Les inseriptions
du Pseudo -Smerdis et de l’usurpateur Nidintabel, fixant le Calendrier
perse. Actes du VIIIe Congres des Orientalistes. Section semitique B,
Leide 1893, 253—264. Vgl. meine Fundamente israelitischer und jü-
discher Geschichte 5. 50 Anm. 1.
2) Nabünäideylinder I 28-- 84, Nabünäid-Kyros-Chronik II 3—4.
KB UI 2, 99. 131.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 129
Wenn wir also bereits einen Vertrag vom 19./I. des Jahres 1
des Barzija besitzen und auf einem andern noch am 23./I. nach
dem Jahre 8 des Kambyses datiert wird, so folgt daraus, dass
am 19. Nisan des 8. Jahres des Kambyses Barzija bereits in
einem Teile Babyloniens als König anerkannt war, während
man in einem andern Teile noch am 23. desselben Monats an
Kambyses festhielt. Da nun der Ajaru (= ®@ürawähara) und der
Simanu (= @äigartis) bereits ihre inschriftlich bezeugten alt-
persischen Äquivalente haben!), so ergab sich daraus, dass der
persische Garmapada, in welchem Gaumäta offiziell den Thron
bestieg, dem babylonischen Nisan entsprechen muss?). Dazu
stimmt auch der Name: garma-pada — Fuss oder Boden der
Hitze im Gegensatz zum Kopf oder Gipfel der Hitze (*garma-
sara) im Ab und Tammüz. Justi, ZDMG. 51, 247 hat den
Namen richtig mit gr. πέδον, lat. peda Fussspur zusammen-
gebracht, aber unrichtig aufgefasst.
Das letzte Täfelchen aus Barzijas Regierung ist vom 1./VII.
seines 1. Jahres, am 10. Bägajädis wurde Gaumäta ermordet.
Daraus habe ich früher geschlossen, dass der Dagajadıs dem baby-
lonischen Tisrit (VII) entsprechen müsse?), und diese Gleichung
dann weiter gestützt durch den Nachweis, dass der Bägajädis
der Monat des Opfers des daga κατ᾽ ἐξοχήν d. 1. des Mithra ist,
welcher bei den Sogdiern nach demselben Feste, dem späteren
Mihragan Μιϑράκανα, den Namen „ix: Vayakan führte ®).
Oppert und Justi®) haben dann ebenfalls die Identität des
Bagajädis und Tisrit behauptet, die Weissbach neuerdings be-
streitet, offenbar ohne meinen Artikel im Philologus Bd. 55, 231 £.
zu kennen.
Nach der Ermordung des Gaumäta warf sich, wie Dareios
angibt, in Susiana A®rina und in Babylon Nidintu-Bel unter dem
Namen Nabu-kudurri-ugur zum König auf (Beh. I 72—81). Wir
besitzen Urkunden aus der Regierung dieses Nabukudurucur, in
welchen Itti-Marduk-balätu, Sohn des Nabu-ache-iddin aus dem
1) Vgl. meine Assyriaka des Ktesias. Philologus Suppl.-Bd. VI, 2,
S. 634 und Anm. 490 und jetzt Weissbach, ZDM@G. 51, 5611 N. 1.
3) Die Assyriaka des Ktesias S. 633. Unters. zur Gesch. von Eran
I 63 = Philologus Bd. 55, 231.
3) S. Assyriaka des Ktesias 5. 633. Diese Schrift ist im Februar-
März 1892 der Tübinger philosophischen Fakultät als Dissertation vor-
gelegt und im Laufe dieses Jahres gedruckt worden. Ich konnte also
damals Opperts Kongressvortrag, der im Jahre 1893 erschien, selbst-
verständlich noch nicht kennen, und sehe mich genötigt zu betonen,
dass meine Untersuchungen von Opperts Darlegungen völlig un-
abhängig sind.
4) Unters. z. Gesch. von Eran I 64.
5) Actes du 1116 Congres des Orientalistes, Sect. semitique B, 256.
Justi, ZDMG. 51, 234. 247.
Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 9
130 J. Marquart,
Hause Egibi als Zeuge auftritt, welcher zuletzt am 14./XII. des
1. Jahres des Dareios erscheint. Dieselben erstrecken sich vom
10./VII. bis zum 20./IX. des Antrittsjahres des Nabu-kudur-ugur.
Ob zwei andere Texte, welche vom 14./VI. und 16./VII des
Jahres 1 des Nabu-kudurri-ugur datiert sind und in denen Marduk-
nacir-aplu, der Sohn des genannten Itti-Marduk-balatu als Zeuge
fungiert, der Zeit dieses oder des zweiten falschen Nabu-kudur-
ucur, des Armeniers Aracha angehören, bleibt vorläufig unsicher”).
Doch ist mir ersteres unwahrscheinlich. Man müsste nämlich in
diesem Falle ebenfalls annehmen, dass das Anfangsjahr und Jahr 1
zusammenfielen, wofür indessen hier die thatsächliche Unterlage,
nämlich der wirkliche Regierungsantritt kurz vor oder unmittelbar
nach dem Neujahr fehlt. Ist nun der BägajädiS dem TiSrit gleich-
zusetzen, so muss sich Nidintu-Bel, entgegen der Angabe des
Dareios, bereits vor der Ermordung des Gaumäta gegen diesen,
nicht erst gegen Dareios, empört haben, da bereits am 10./VIL,
und wenn jene beiden Täfelchen aus dem 1. Jahre des Nabu-
kudurugur in seine Zeit fallen sollten, bereits am 14./VI. nach
Nabukudurugur datiert wird.
Sehen wir nun zu, wie sich dazu die für Kambyses und
den Magier überlieferten Zahlen und Daten verhalten. Die Datie-
rungen aus Kambyses’ Regierung laufen ununterbrochen vom
12./VI. des Antrittsjahres bis zum 23./I. des 8. Jahres, allein be-
reits am 14. Wijachna (Adar, XII. des 7. Jahres) erhebt sich der
Magier, und am 9. Garmapada (= Nisan) besteigt er offiziell den
Thron. Vom ersten Datum des Kambyses bis zum 9. Garmapada
τες Nisan des 8. Jahres erhalten wir somit 7 Jahre und 7 Monate
(6 Monate + [29/30 —11 =] 18/9 + 8 — 26/7 Tage), bis zum
letzten Datum des Kambyses 7 Jahre 7 Monate und 11/12 Tage
gegenüber Herodots 7 Jahren und 5 Monaten. Bis zur Erhebung
des Magiers dagegen beträgt die Summe allerdings nur 7 Jahre
und 6 Monate (6 Jahre + 6 Mon. 18/9 Tage + 11 Mon. 13 Tage).
Von der offiziellen Thronbesteigung (9. Garmapada — Nisan) bis zu
seiner Ermordung (10. Bägajadis — Tisrit) würde die Regierungs-
zeit des Magiers genau 6 Monate betragen, von seiner Erhebung
an gerechnet dagegen 6 Monate und 25/6 Tage (29/30 —13 —
16/7 + 9). Überdies war das Jahr 7 des Kambyses angeblich ein
Schaltjahr, wie auch das Anfangsjahr des Da welches
mit dem Jahre des Barzija und dem 8. Jahre des Kambyses zu-
sammenfällt?).
1) Weissbach S. 515.
2) Oppert, ZDMG. 51, 155. 156. [Vgl. jetzt über diese beiden
angeblich οἰ Ἀπ όκεαῖα δε: Schaltjahre Weissbach, ZDMG. 55,
208, und besonders F. X. Kugler, ZA. XVII, 1903, S. 218-217. 220 ff,
welcher nachweist, dass in der astronomischen Tafel Strassmaier,
Cambyses Nr. 400 "keine gleichzeitige Urkunde, auch keine einfache
Abschrift einer solchen, sondern eine weit spätere Überarbeitung alter
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 131
All das ist indessen nicht imstande, Herodots Ausdruck zu
erklären, dass die 7 Monate des Magiers das 8. Jahr des
Kambyses vollmachten. Nach älterer babylonischer Rech-
nung zählte Kambyses nur 7 Jahre, da die 61/,—7 Monate seines
Antrittsjahres chronologisch dem Jahre 9 des Kyros eingerechnet
wurden. Die spätere babylonische Rechnung dagegen, welche in
der Perserzeit die Usurpatoren nicht anerkennt, rechnet das Jahr
des Barzija und Nabukudurriugur (Nidintu-Bel), das Anfangsjahr
des Dareios (vom 1. Nisan 522 bis letzten Adar 521) konsequent
dem Kambyses zu, so dass dieser 8 Jahre erhält. So Berossos
bei Alexander Polyhistor (Euseb. Chron. I 29, 34 Schöne) und
der Ptolemäische Kanon. Allein die Angabe Herodots setzt ein
Jahr voraus, das nicht mit dem Nisan, sondern mit dem Tisrit
begann. Das Richtige hat bereits Floigl geahnt!), der freilich
darin irrt, dass er schon das altpersische Jahr für ein Sonnen-
jahr von 12 X 50 + 5 Tagen hält, aber insofern der Wahrheit
sehr nahe kommt, als er das altiranische Jahr mit dem Herbst-
äquinoktium beginnen lässt. Er beruft sich dafür auf eine Tra-
dition, welche diesen Jahresanfang als frühere Einrichtung bezeugen
soll, hütet sich aber wohlweislich, für diese Behauptung einen
Beleg zu geben?). Vermutlich ist er dem D. Petavius gefolst, der
in seinem Rationarium temporum Lib. I 15 voraussetzt, dass der
Anfang des persischen Jahres auf den Anfang des September ge-
fallen sei, und bemerkt: Quid in causa Persis fuerit cur in Calendas
Septembris epocham figerent, nemo quod sciam, causam exponit.
Diese Annahme des Petavius beruht aber auf einem gröblichen
Missverständnis einer Stelle des al Faryänı (p. 5 ed. Golius), wie
schon Thomas Hyde gezeigt hat), und bezieht sich überdies
auf das später bei den Persern übliche jungawestische Jahr 3).
Als Epoche des letztern galt aber das Frühlingsäquinoktium >).
Begann das altpersische Jahr mit dem Bägajädis —= Tisrit,
so laufen die Jahre des Kambyses vom 1./VII. des 9. Jahres des
Beobachtungen vorliegt und die Angabe, dass das 7. Jahr des Kambyses
einen zweiten Adar gehabt habe, gleich andern Fehlern der Tafel
irrigen Theorien des Bearbeiters ihren Ursprung verdankt. Man braucht
sich daher nicht weiter dabei aufzuhalten, dass die Tafel nicht bloss
einen Aiaru (Rs. Z. 3), Abu (eb. Z. 8. 10) und Ululu (eb. Z. 3) des 8.,
sondern sogar noch einen Aiaru des 9. Jahres (Z. 11) kennt.]
1) V. Floigl, Cyrus und Herodot 8.79 Α. 8. 83 Α. 8.
2) Bei Brissonius, De regio Persarum principatu, findet sich
keine Silbe über das altpersische Jahr, obwohl er über die Feste der
Perser handelt.
®) Historia religionis veterum Persarum ed. 2, Oxonii 1760, p. 184.
*%) Dieselbe Verwechslung des altpersischen mit dem jungawesti-
schen Jahre lässt sich noch Oppert, ZDMG. 52, 269 zu schulden
- kommen.
5) Berüni, Chronologie 8. fo, 2f. = 55,5 ff. der Übs.
9%
139 J. Margquart,
Kyros bis zum 29./30. XI. des 7. Jahres des Kambyses nach
alter babylonischer Rechnung. Der Monat Wijachna (Adar), in
welchem sich Gaumäta erhob, wird bereits diesem angerechnet,
wie ja auch die babylonischen Texte, welche sein 1. Jahr nennen,
voraussetzen. Kambyses regiert also nach persischer Rechnung in
der That 7 Jahre und 5 Monate, der Magier vom Wijachna (Adar)
des 7. bis zum 29./30. VI. des 8. Jahres des Kambyses genau
7 Monate und wird, wie Herodot sagt, im achten entlarvt.
Der 1. BägajäadiS ist das altpersische Neujahr; der Zeitpunkt
der Ermordung des Usurpators war mit Bedacht gewählt worden:
unmittelbar danach wurde das uralte 5tägige Fest bagajada „das
Opfer des Baga“ d. i. des Mithra gefeiert, woraus in der grie-
chischen Überlieferung durch Missverständnis das Fest μαγοφόνια
geworden ist!). Diesen altpersischen Namen des Mithra bewahrt
noch der Name des Dorfes Dagajari& in Dergan, wo ein altes
Heiligtum des Gottes Mirh — Mithra stand?), das schon in
1) Her. 3, 79. 80, ebenso Ktes. ecl. 15.
2) Agathang. 593/94 — Lag. 68, 1-3: „Er kam, gelangte zum
mihrischen Tempel, des sogenannten Sohnes des Aramazd, ins Dorf das
sie das Bagajaric (Dagajaric-n) nennen nach der parthischen Sprache“.
Nach Moses Chor. II 14, der sich auf eine angebliche Tempelgeschichte
des Priesters Utiup von Ani beruft, soll Tigran eine Statue des He-
phaistos (Mihr) in Bagajaring errichtet haben. Vgl. dazu Carri£re,
Les huit sanctuaires de l’Armenie payenne. Paris 1899, p. 12 ss.
Nach Agathangelos gehörte der Name Bagajarı& der parthischen
Sprache an. Andere Namen derselben Bildung sind (vgl. S. 104 A. 2):
Chattojari&E im Gebiete von Karin Steph. Asotik III 15 S. 192.
43 8. 278; Aristak&s 15.
Tir-ariE im Gau Bagrevand Joh. Kath. 37; Steph. Asolik Π 2
S. 81, in der Katholikosliste !der Ζιήγησις bei Combefis, Graecolat.
patr. bibl. novum auctar. II 289 Κουβαρίτξη (lies Κουκαρίτξη).
Mikn-arın& Lazar Parp. 5. 470 (= Langlois, Coll. II 338 a), etwa
2 Par.,von Du in Basean.
Zit‘-ari£ Seb. 77 in Hasteank‘, bei Steph. Asotik II 2 S. 86 und
in der Ζιήγησις p. 281 im selben Zusammenhang Kt‘rie, Kıreis, Joh.
Eph. VI 14. 27 2,40 Qitriz, gr. Kıdagifov Prokop. de Ὁ. Pers. II 24
p. 261, 17; de aedif. III 2.3. p. 248, 15. 250, 25. 251, 11.
Kukaj-arie Mos. Chor. III 65 5. 265, Κουκαρίξων Prokop. de aedif.
III 4 p. 254, 1, Κουβαρίτξη (lies Κουκαρίτξη) Zıny. p. 289.
Lusat‘-ari© Stadt am Zusammenfluss des Aracani und Euphrat
Mos. Chor. Geogr. S. 30.
“υταρ-αρίζων Prokop. de aedif. III 4 p. 353, 15 (westlich von
Βαιβερδών): καὶ τὸ Avciopuov ἀνενεώσατο πεπονηκὸς ἤδη σὺν τῷ
“Δυταραρίξων.
Danach werden wohl auch noch folgende Ortsnamen aus Klein-
armenien hierher zu stellen sein:
Καλτ-ιόρισσα 69° 50’ L. 41° 15‘ Br. Ptol. 5, 6 p. 340, 6 ed. Wilberg
[= p. 885, 8 ed. C. Müller], aber auf der Tab. Peut. XI, 1 ed. K. Miller
Calcorsissa.
Τιτ-αρισσός in Melitene 69° 45° L. 39° 45° Br. ib. p. 341, 1
> p- 887, 11 ed. Müller].
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 133
achämenidischer Zeit, jedoch erst nach dem Zuge der Zehntausend
gegründet sein muss. Auch noch in späterer Zeit scheint man
Ζωπ-άριστος 70° L. 40° Br. ib. p. 340, 27 [= p. 887, 10 ed. Müller).
Olotoedariza Itin. Anton. p. 81. 96. 102 ed. Parthey & Pinder (νυ. 1.
olotoaelariza, olutoaelariza, olutoelariza, olocedariza, olotedariza, ole-
toedariza etc.), 24 mp. von Nikopolis auf der Strasse nach Satala.
Aladaleariza Not. dign. Or. XXXVIII 17, identisch mit dem
vorigen.
Βασγοιδάριξα Strab. ıß 3, 28 p. 555, ein Schloss in Kleinarmenien,
neben Σινορία erwähnt; vielleicht identisch mit Olotoedariza und Av-
ταραρίξων, falls es aus BAOTOLdceı&« entstellt ist. Vgl. W. Fabricius,
Theophanes von Mitylene S. 180. Die Grundform wäre dann etwa
*Wrltoid-arie, woraus *Wltur-aric, in hellenischem Munde Δυταρ-αρίξων
entstanden wäre. [Steckt derselbe Ortsname etwa auch in dem Zuta-
rimaj (für Zutaricaj?) bei Uchtanes II 1 Bd. IH 5 (Brosset, Deux
histor. armen. p. 279): „Dieser (der nestorianische Chuzik Kis) kam zu
jenem (dem Katholikos Kiuron von Iberien) aus dem Reiche der Römer,
aus dem Gau von Kolonia, dem Wohnsitze nach aus dem Dorfe, das
Zutarimaj heisst, nahe bei Nikopolis, und beide sind am Ufer des
Flusses Gajl, wie früher gesagt worden ist“ Ὁ
Die Form Chaltojarit rät, in diesem Namen wie in Bagajarit
und Kukajarıe genetivische Komposita zu sehen; ein solches steckt
auch in syr. Semisat aus altarm. *Samaj-$at. Dann erhält man als
zweites Kompositionsglied arı£, womit der angeblich parthische Ur-
sprung dahinfällt. Die in Frage stehenden Namen sind, soweit durch-
sichtig, mit Götternamen zusammengesetzt: Bagaj-arı zu ap. baga —
Mithra, Chattoj-arıE zu Chaldis, dem Gotte und Eponymos der Chalder.
Auch in Tir-ari& wird der Gott Tir, bei Agath. 584 gen. Tiur stecken.
Freilich erwartete man dann *Trarie; vgl. Trpatuni von *Tirpät,
Trdat aus Τειριδάτης, in byzantinischer Orthographie Τηριδάτης --Ξ-
ap. Tiri-däta.. Der Umstand aber, dass es ausser dem bekannten
Bagajaric, Bagarit in Dergan noch zwei andere Orte dieses Namens nw.
von Ani-Kamach gibt, lässt daran zweifeln, ob das erste Kompositions-
glied daga- wirklich von vornherein den iranischen Gott Mithra und
nicht vielmehr einen echt armenischen Gott bezeichnete, der erst
nachträglich des Namensanklangs wegen mit Baga-Mithra verselbigt
worden war. Einen ähnlichen Vorgang haben wir ja ohne Zweifel bei .
der armenischen Anahit, die ihrem Wesen nach eine nationalarmenische
Göttin ist, die nur den Namen der persischen Anähita angenommen
hat. In diesem Falle läge es nahe, an den phrygischen Βαγαῖος — Zeus
(vgl. Kretschmer, Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache
198 £.) zu erinnern. Doch ist dies zweifelhaft, zumal wenn Βαγαῖος zu
gr. φηγός „Eiche“ gehört. Zusat‘- gehört zu lojs „Licht“ und ist ge-
bildet mit Suffix -at‘, wie arc-at‘ „argentum“. Vgl. auch H. Hübsch-
mann, Die altarmenischen Ortsnamen ἃ. 284. 287. 239—293. 379 £.]
1) Der Kult des Mithra wurde nebst dem der Anähita zuerst unter
Artaxerxes 11. offiziell eingeführt. Vgl. dessen Inschriften von Susa
und Hamadäan, sowie Beross. fr. 16 bei Klemens Alex. Protrept. I 5,
wonach jener in allen wichtigeren Satrapienhauptstädten Statuen der
Anähita aufstellen liess. Zu Xenophons Zeit waren Karin und Dergan
noch im Besitze der Chalyber und Mosynoiken, welche vom persischen
Satrapen von Westarmenien Tiribazos unabhängig waren (Xen. anab,
4,5, 84. 6,5; 7,8,25), dagegen ist es sicher unrichtig, wenn es nach
dem Resume Strabons über die Entwicklung der beiden armenischen
Königreiche scheint, als ob Karin und Dergan erst nach der Erhebung
134 J. Marquart,
Mithra —= Apollon als den daga ἃ. 1. den Spender κατ᾽ 2&0-
χήν betrachtet zu haben, wie der Name Dhagadatta für den
griechisch-indischen König Apollodotos im Mahäbhärata zeigt?).
Die persische Übersetzung des chinesischen .Kaisertitels, Zen-tze
„Himmelssohn“, indisch devaputra, der seit Kaniska auch von den
Kuschankönigen usurpiert worden war, durch „us, baypür,
sogdisch οὐδὲ vayvüur scheint ebenfalls auf die alte Bezeichnung
des Mithra als dJaya im Sogdischen zurückzugehen. Die Bedeutung
des Mihragan als ehemaligen Neujahrsfestes spricht sich auch darin
aus, dass man an demselben den Trägern der Regierungsgewalt.
Ehrengeschenke darzubringen pflegte, geradeso wie dies beim
Nauröz üblich war?). Schon Strabon ı« 14, 9 p. 530 weiss, dass
der Satrap von Armenien seinen jährlichen Tribut von 2000 nisä-
ischen Fohlen dem Grosskönig auf das Fest Midoaxeve abzuliefern
hatte, nach welchem der Monat bei den Armeniern Mehekan
heisst?). Speziell aus Balch ist uns ein solcher Fall aus dem
Jahre 32 H. (652/53 n. Chr.) nach dem Abschluss der Kapitulation
mit den Arabern berichtet, obwohl dies Gebiet seit Alexander d. Gr.
niemals mehr einen integrierenden Teil von Eransahr gebildet
hatte und die offizielle Religion daselbst um diese Zeit die Lehre
Buddhas war‘).
Das Mihragänfest, das am Tage Mihr (16.) des Monats Mihr
gefeiert wurde, war nach iranischem Glauben von Fredün ein-
gesetzt worden zur Erinnerung daran, dass an diesem Tage Käwe
sich gegen den Tyrannen Azdahäk Bewarasp erhoben und ihn ver-
trieben hatte, worauf er das Volk aufforderte, sich um das Käwe-
banner zu scharen und dem rechtmässigen Thronerben Fredun zu
huldigen. An diesem Tage sollen auch die Engel herabgekommen
sein, um dem Fre&dün zu helfen. Daher ward es Brauch in den
des Artaxias den Chalybern und Mosynoiken entrissen und armenisch
geworden wären (Strab. νὰ 14, 5 p. 528). In dieser Stelle sind zwei
ganz verschiedene Dinge vermengt: die ällmähliche Armenisierung der
ehemals von fremden unabhängigen Stämmen besetzten Landschaften,
und das politische Wachstum der neuen armenischen Reiche. Dergan
und Karin waren schon vor Artaxias von Kleinarmenien aus armenisiert
worden, worauf auch Strabons Worte hindeuten: Καρηνῖτιν καὶ Jeo-
ξηνήν, ἃ τῇ μικρᾷ ᾿Αρμενίᾳ ἐστὶν ὅμορα ἢ καὶ μέρη αὐτῆς ἐστι (schreibe
ἦν Ὅ), aber allerdings von Artaxias seinem Königreich Grossarmenien
einverleibt worden. Die alten, vielleicht erst iranisierten und dann
schon vor Artaxerxes II. vorhandenen Heiligtümer der Anahit in Erez
und des Mihr in BagajariE beweisen aber, dass Kleinarmenien wie
Der$an im 4. Jahrhundert wieder den Persern gehorchten.
') Gutschmid, Beiträge zur Geschichte des alten Orients 75.
?) Berüni "4, 4—5 — 204, 4 ff. der Übersetzung.
8) [Ich kann jetzt nachweisen, dass der ehemalige Jahresanfang
mit dem Mehekan sogar noch im armenischen Sprachgebrauch des
5. Jahrhunderts Spuren hinterlassen hat.] |
4) Tab. I MY, IE
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 135
Häusern der Könige, dass bei der Morgendämmerung ein tapferer
Krieger im Hofe des Palastes aufgestellt wurde, der in den höchsten
Tönen rief: „Ihr Engel, kommt herab zur Welt, schlaget die Dewen
und Übeltäter und vertreibt sie von der Welt!“ An diesem Tage
pflegten die Könige der Sasaniden sich mit einer Krone zu krönen,
an welcher ein Bild der Sonne und ihres Kreislaufs angebracht
war. Die Spekulation der Priester hat noch manche symbolische
Gedanken mit dem Mihragän verknüpft. Besonders ansprechend
ist die Deutung, welche in demselben ein Abbild von der Auf-
erstehung und dem Weltende sah, wie im Nauröz ein Abbild des
Weltanfangs. Am 21. des Monats (Ram-Röz) wurde das grosse
Mihragän gefeiert zur Erinnerung an die Fesselung des Azdahäk
durch Fredün!). ZaraduStra soll verordnet haben, dass das Mihragän
und Raäm-Röz gleichmässig in Ehren gehalten werden sollten.
Deshalb habe man beide Tage als Festtage gefeiert, bis Hormizd
b. Sapür „der Held“ (Hormizd I. 272—273) auch die zwischen-
liegenden Tage zu Festtagen erhob, wie er es mit den beiden
Nauröz gemacht hatte. Später hätten die Könige und das Volk von
Iran die ganze Zeit vom Mihragän bis 30 Tage später als Festtage
gefeiert, indem sie dieselben unter die verschiedenen Klassen der
Bevölkerung verteilten, von denen jede ihr Fest 5 Tage lang feierte.
Diese Erklärung der 5tägigen Dauer des Festes ist natürlich
unhistorisch. Dagegen ist es nach andern Analogien wahrscheinlich,
dass der Tag Mihr (16.) in älterer Zeit den Abschluss des Festes
bildete, und dasselbe somit vom 12. —-16. Mihr dauerte. Soviel ist
aber klar, dass die uns historisch bekannte Zeit des Festes an den
Tag Mihr gebunden ist und somit die Sitte, die einzelnen Monats-
tage unter den Schutz besonderer Genien zu stellen und nach diesen
zu benennen, voraussetzt, von welcher die Inschriften des Dareios
noch keine Spur zeigen. Es ist daher nicht unmöglich, dass es,
wie Herodot behauptet, im 6. Jahrhundert am Jahrestage der Er-
mordung des Magiers selbst (10. Bägajädis) gefeiert wurde, obwohl
ebensogut denkbar ist, dass diese Angabe nur auf der falschen
Auffassung des Namens *dagajada als μαγοφόνια beruhte?). Nach
dem Falle des Gaumäta dauerte die Aufregung, wie Herodot sagt,
1) Berüni Y}},9 ff. Mas‘üdi, Murüg II 114. III 404. Nach anderer
‘ Version war das Mihragän selbst dem Gedächtnis der Fesselung des
Azdahäk geweiht; 5. Tab. IN®.,9: καθ ME (sl paul 1 dad
ee) SIE UN KEE slaga ea ern, ΟΝ SL νοῦ ἐ
> gl slow οὐδ 6 2 KT! Kal gas, > abs
δ) Her. 3, 79: ταύτην τὴν ἡμέρην ϑεραπεύουσι Πέρσαι κοινῇ μά-
λιστα τῶν ἡμερέων, καὶ ἐν αὐτῇ ὀρτὴν μεγάλην ἀνάγουσι, ἢ κέκληται ὑπὸ
Περσέων ,“μαγοφόνια᾽ ἐν τῇ Μάγον οὐδένα ἔξεστι, φανῆναι ἐς τὸ φῶς,
ἀλλὰ κατ᾽ οἴκους ἐωυτοὺς οἱ Μάγοι ἔχουσι τὴν ἠμέρην ταύτην.
136 J. Marguart,
noch über 5 Tage!). In der That waren am 16., wenn das Fest
am 12. begann, seit der Ermordung des Usurpators 7 Tage ver-
flossen. Herodot 3, 79 bezeichnet die μαγοφόνια als das grösste
Fest der Perser. In Chwärizm entsprach dem persischen Mihragän
das Fest Öirs-Röd DE welches am 13. gefeiert wurde 2),
also dem vorauszusetzenden Beginne des altpersischen dbagajada
noch näher stand. Am 21. (köm-Roc) wurde gleichfalls ein Fest
gefeiert. Merkwürdigerweise erfahren wir nichts über ein ent-
sprechendes Fest bei den Sogdiern, nach welchem doch der Monat
benannt sein muss.
Die Bedeutung der That des Dareios in ihrer Wirkung auf
die religiösen Vorstellungen des Volkes wird also durch die Um-
stände für uns erst recht klar. Er fühlte sich ohne Zweifel als
ein neuer Fredün, welcher dem in Gaumäta wiedererstandenen
Drachen Dahäka, der Verkörperung aller Ungesetzlichkeit und Ge-
waltthat, den Kopf zerschmetterte. Freilich erschien Gaumäta
seinen Standesgenossen, den Magiern in ganz anderem Lichte.
Ihnen war er der Vorkämpfer für die reine Mazdalehre, wie sie
die Magier Mediens weiter ausgebildet hatten, und im Kampfe
für diesen Glauben war er als Märtyrer gefallen, wie einst Kawi
Wistäspa’s herrlicher Sohn Spontödata: deshalb führt er in der
von den Magiern beeinflussten Tradition geradezu den Namen
Zpevdadarns (Ktes. Pers. 10—15)?°).
Jetzt können wir versuchen, den wirklichen Verlauf der Be-
gebenheiten wiederherzustellen. Gegen Ende seines 8. Jahres als
König von Babylon, also wohl im Frühling 530, zog Kyros nach
dem Osten des iranischen Hochlandes, um hier die von den Persern
unter der gemeinsamen Bezeichnung Saka zusammengefassten räu-
berischen Steppennomaden, vor allem die Fischesser (Maooayeraı,
ap. *madtjaka, aw. *massjaka, skyth. *massjagä-t‘ä) um den Aral-
see zu Paaren zu treiben, welche die benachbarten Kulturoasen von
Chwärizm, Sogd und Margiana mit ihren Raubzügen heimsuchten.
Allein in der Steppe zwischen Oxus und Jaxartes ist der grosse
König im Vorsommer 530, etwa im Simannu (@aigardis) oder
Düzu, dem Schicksal erlegen‘). Am 12./VI. war die Kunde von
der Katastrophe bereits in Babylon eingetroffen. Auf jenem ver-
hängnisvollen Zuge hatte sich nach der ältern Sage vor allen
Kyros’ jüngerer Sohn Bardija°) ausgezeichnet, welchem es allein
1) Her. 3, 80: ἐπείτε δὲ κατέστη ὁ ϑόρυβος καὶ ἐκτὸς πέντε ἠμερέων
ἐγένετο κτλ.
2) Berüni ΤΠ, 13—14 — 224, 22 ff.
8) S. meine Fundamente israelitischer und jüdischer Geschichte
S. 48 Anm. 3.
4) [Über das angebliche 10. Jahr des Kyros s. Weissbach,
ZDMG. 55, 210.]
5) Die genaue altpersische Form ist wohl Draöja, die medische
hat sich bekanntlich im babylonischen Namen des Usurpators Gaumäta,
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 137
von sämtlichen Persern gelungen war, den von der Königin der
Barzija — aw. *barazja erhalten. Der Name hat scheinbar die Form
eines Ethnikon, wie Kambug-tja, Küru-8 (mit Vrddhi, zu Kurt-), Zoy-
διανός bezw. Σόγδιος (Pausan. 6, 5, 7), Ktes. Pers. 44—48. 51 Zsxvr-
διανός mit falschem Nasalstrich für Σοκυδιανός — ap. *Sugud-ija, und
vielleicht 4uöeyns Thuk. 8, 28, lykisch Humrkka Xanth. Süds. 50 (im
Akkusativ humrkkä), „milyisch“ umrggaz% Nords. 50, dessen Grossvater
Wistaäspa Satrap der Baktrier und Saken gewesen war Diod. 11,
69, 2. Thuk. 1, 115. Ktes. Pers. 20, weshalb die Tee nahe liegt,
dass er nach den Sakäh Haumawalrgah]| (Audeyıoı) benannt ist, wie der
Sakenkönig Auöeyns Ktes. Pers. 3.7.8 und der von Dareios bekriegte
Sakenkönig ‘Oudeyns Polyain. 7, 12 (oben 8.86; Justi, Iran. Namen-
buch a erklärt den Namen als altp. *humarga „schöne Wiesen be-
sitzend‘).
Mit den Habirdip, auch Hal-berdi (Beh. II 7. III 50), Al-la-ber-di
NR. 17, altsusisch Hal-Habirdipe (Sutruk-Nachunte C 24 bei Weiss-
bach, Anzanische Inschriften und Vorarbeiten zu ihrer Entzifferung
Ὁ. 19 — Abhandlungen der sächs. Ges. ἃ. Wiss. Phil.-hist. Kl. XII 2
S. 155; vgl. dazu Weissbach, Neue Beiträge zur Kunde der susischen
Inschriften S. 26. 37 — Abh. ἃ. sächs. Ges. ἃ. Wiss. Phil.-hist. Kl. XIV, 7
S. 754. 765; Jensen, ZDMG. 1896, S. 246; Hüsing, Elamische Studien
8. 17 — MVAG. III, 1898 5. 295) in Susiana hat der Name Bardija
nichts zu thun, wie die medische Form zeigt; ebensowenig mit den
Μάρδοι (Her. 1, 125. Strab. ı« 13, 3. 6 p. 523. 524. ıe 3, 1 p. 727 u. a.)
in der nach ihnen benannten persischen Landschaft Μαρδυηνή, die bis
zum Meere reichte Ptol. 6, 4 p. 398,2. Denn die Μάρδοι waren unter
diesem Namen oder unter der Nebenform "Aucodo: auch im nördlichen
und östlichen Iran, in Armenien (vgl. den Gau Marda-stan in der
Provinz Waspurakan Ps. Mos. Chor. Geogr. p. 32, 23 — 43 ἃ. 1705. und
den Gau Mard-ati in der Provinz Taruberan eb. 31, 12) so gut wie in
der Umgegend von Amul (*Amrda) in Tabaristän und von Amul am
Oxus verbreitet (vgl. oben S. 29 A. 57), und ihr Name Mard lebt
noch bei den arabisch-persischen Genealogen als der des Stammvaters
der Kurden fort (Mas‘üdi, Kitäb attanbih αἵ, 9. Murüg III 250, 7), die
sowohl in Persis (in den 01,5) „u2;, 9a0J JiDa9 a. 424) wie in
Armenien neben ihnen genannt werden (vgl. Th. Nöldeke, Kardü
und Kurden. Festschrift für H. Kiepert 8.78 £.).
Aischylos Pers. 774 nennt den Usurpator άρδος, wofür ein
Scholion im Mediceus Μάρδις lesen möchte. Der Scholiast selbst
nennt den Bruder des Kambyses nach unbekannten Quellen Μερδίας
— Brdija, und eine verwandte Form, nämlich Μέρδις setzt auch
Herodots Σμέρδις voraus. Dieselbe lag wohl auch dem Pompeius
Trogus vor, dessen Mergidem (Akk.) nur auf Dissimilation für * Merdidem
— Μέρδιν beruhen wird. Auf die medische Form Brziüja scheint da-
gegen ein bisher missverstandenes Bruchstück des Hellanikos zurück-
zuweisen. Am oberen Seitenrande (vor v. 749) findet sich im Mediceus
das Scholion: Κῦρος πρῶτος προσεκτήσατο Πέρσαις τὴν ἀρχὴν Μήδων
ἀφελόμενος. Κύρου υἱὸς Καμβύσης, ἀδελφοὶ δὲ κατὰ ᾿Ἑλλάνικον Μάρα-
φις, Μέρφις. Das Scholion will die Verse 769—777 (nach der Zählung
Wecklein’s) erklären, in denen wohl von Kyros und seinem Sohne
Kambyses, sowie von dem Usurpator, der den Namen des Bruders des
Kambyses (Μάρδος) annahm, die Rede ist, aber nichts von einem
Bruder des Kyros erwähnt wird. Das Scholion ist also notwendig ver-
dorben überliefert und herzustellen: Κύρον υἱὸς Καμβύσης, (ΚαμβύσουΣ
δὲ ἀδελφὸς κατὰ ᾿Βλλάνικον Μάραφις ζκαὶΣ Μέρφις. Diesem Scholion
138 J. Marquart,
Fischesser gesandten Bogen bis auf zwei Fingerbreiten zu spannen }).
Dies verschaffte ihm späterhin im Volksmunde den Beinamen Tanu-
wazrka (Ktes. Τανυοξάρκης) „von gewaltigem Körper“, welcher
ihn dem Heros Sijawarsan der Heldensage an die Seite stellte,
an den er auch durch seinen tragischen Tod in der Blüte der
Jugend erinnert. Die Volkstümlichkeit, welche Bardija so erlangt.
hatte, erregte die lebhafte Eifersucht und Besorgnis des neuen
Köniss. Ob Kyros vor seinem Tode in der That den Bardija
zum Prinzstatthalter (δεσπότην) der Baktrier, Choramnier, Parthier
und Karmanier ernannte, wie Ktesias behauptet, lässt sich mangels
anderweitiger Nachrichten nicht mit voller Bestimmtheit ent-
scheiden. An und für sich wäre es sehr wohl denkbar, dass er
auf diese Weise für einen wirksameren Grenzschutz sorgen wollte,
indem er die militärische und Steuerkraft dieser vier Provinzen in
einer Hand vereinigte. Allein die ganze Episode, deren Abschluss
jene Angabe bildet, leidet an einer Reihe von Anachronismen
verdankt dann weiter der unechte Vers 780: ἔχτος δὲ Μάραφις, ἕβδομος
δ᾽ Aorope£vns seinen Ursprung. Μάραφις und Μέρφις sind also zwei
aus den alexandrinischen πίνακες in ein Lexikon übergegangene Les-
arten des Namens des Bardija bei Hellanikos.. Das Richtige ist wohl
*Moegıs, eine Umschreibung welche die spirantische Aussprache des
d nach r, also Bardija voraussetzt, wobei die Spirans δ᾽ durch ῳ
statt 9 wiedergegeben ist; vgl. phl. Fretön, neup. „Ay = *Orai-
tauna. Vielleicht geht jene Form aber auch von einer kleinasiatischen,
der armenischen verwandten Aussprache *BDr2öja mit 2 (dz) aus.
Ein ähnliches Beispiel für die Ersetzung einer dentalen durch
eine labiale Aspirata bezw. Spirans scheint bei Strab. ı« 14, 5 p. 528
vorzuliegen, wo unter den von Zariadris seinem Reiche hinzugefügten
Provinzen neben Sophene und Ὀδομαντίς auch Augısonvn genannt wird.
So las Steph. Byz. 5. v. Ἄἄμφισσα, während die Hss. ἀκισηνῆς, die Ald.
ἀμισηνῆς bieten. C. Müller stellte dafür ἀνϑισηνῆς her nach ᾿ἀνξιτηνή
Ptol. 5, 13, 8, allein diese Anderung ist zu gewaltsam. Augıol[ojnvn
geht nicht auf Anzit, Hanzit‘, assyr. Enziti zurück, sondern auf die
in den assyrischen Inschriften mit letzterem wechselnde Nebenform
Enzi [vgl. Max Streck, ZA. XII, 91—94]. Die gleichbedeutenden
Nebenformen Enzete und Enzi wurden später so differenziert, das erstere
auf das Thal Hanzit‘ am 2,9 ‚25, die zweite auf das Gebiet des
Flusses von Simkät (Arsamosata), des heutigen Muräd-su, beschränkt
wurde, das καλὸν πεδίον des Polybios (8, 25, 1), armen. Anzean-Zor.
Vgl. Tomaschek, Historisch-Topographisches vom oberen Euphrat
und aus Ost-Kappadokien. Festschrift für H. Kiepert S. 188.
ΑΚΙΣηνῆς der Hss. ist also zunächst aus ABıonvijs und dies aus
Au(g)ıonvijs verdorben. Aug-ıc-nvj steht allerdings für δ᾿ 4νϑ-ισ-ηνή
und setzt einen armenischen Akk.-Lokativ plur. *Anzi-s voraus, wofür
später die abgeleitete Nebenform Anze-an (mit Suffix -an, wie Dase-an,
Φασι-ανή von Φᾶσις) gebräuchlich ist, wie Axıl-ıc-nun — *Akıl-s,
altarm. gen. abl. Eikel-eac‘, "Avıca — * Ani-s ist.
1) Die Geschichte ist später nach Afrika übertragen und in den
äthiopischen Feldzug des Kambyses eingereiht worden Her. 3, 30. Die
weitere Ausführung dieser Andeutungen muss einem andern Orte vor-
behalten bleiben.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 139:
und trägt völlig den Stempel ktesianischer Komposition. Bei
Ktesias vertritt die Stelle des verhängnisvollen Massagetenfeldzuges-
ein solcher gegen die Derbiker oder Τερβισσοί ἃ. ἢ. die Bettler').
Diese, von indischen Hilfsvölkern mit Kriegselefanten versehen,
bringen der persischen Reiterei eine schwere Niederlage bei, wobei
Kyros selbst von einem Inder tödlich verwundet wird. Da er-
schienen zur rechten Zeit 20000 sakische Reiter unter ihrem
König ’Auöoyns (Haumawarga), welche den Persern zu einem
entscheidenden Siege verhalfen. Vor seinem Tode ernannte Kyros
seinen älteren Sohn Kambyses zu seinem Nachfolger, den jüngeren
Tanyoxarkes setzte er zum steuerfreien Herrscher der Baktrier,
Choramnier, Parthier und Karmanier ein, während er seine beiden
Stiefsöhne Spitakes und Megabernes, die Enkel des Mederkönigs
Astyages, zu Satrapen der Derbiker und der schon früher unter-
worfenen Barkanier machte. Die Dienste des Sakenkönigs wusste
er so zu Schätzen, dass er diesen und seine eignen Erben eidlich
verpflichtete, sich gegenseitig Freundschaft zu halten (Ktesias
60]. 6—8).
Es ist nicht schwer einzusehen, dass die Unterwerfung der
im 10. und 11. Buche des Ktesias genannten Völker, der ge-
rechten Avoßeioı zwischen Baktrien und Indien?), der wilden
Χωραμναῖοι"), der Kaspier und Derbiker erst von Dareios auf
Kyros übertragen ist. Zu dem von Dareios übernommenen Be-
stande des Reiches gehörten Gandära, sowie die Saka und Oatagus®).
Die Eroberung von Gandära durch Kyros wird indirekt durch die
Angabe bestätigt, er habe die Stadt Kapesa in Capisene im T’ör-
bandthale zerstört). Uber die Lage von Qatagus wird später die
1) Ktesias selbst schrieb Τερβισσοί. Die beiden Namensformen
ehen auf zwei verschiedene, aber gleichbedeutende altiranische Grund-
ormen *drgw-ika und *drgw-iSija mit sonantischem r zurück, wodurch
das anlautende τ bei Ktesias erklärt wird. Es sind dies keine eigent-
lichen Volksnamen, sondern Schimpfnamen mit der Bedeutung „Bettler“,
womit die Iranier im Naturzustand zurückgebliebene Reste der Ur-
bevölkerung bezeichneten, die sich vor ihnen in die Gebirge zurück-
gezogen hatten. Damit sind sowohl die weite Verbreitung dieses Volkes
als die verschiedenen Namensformen, unter denen es in der Überliefe-
rung auftritt — ausser den erwähnten noch Dredices Plin.h.n. 6, 48,
“Ζερβίκκαι, ΖΙερκέβιοι, Zoißvxes Ptol. VI 2 p. 391 — hinlänglich erklärt.
Natürlich ergibt sich hieraus von selbst, dass die in verschiedenen Ge-
birgsgegenden erwähnten Derbiker durchaus nicht sämtlich ein und
derselben ethnischen Gruppe anzugehören brauchen und man zu der
Erwartung berechtigt ist, die einzelnen Zweige jeweils unter anderen
Namen wiederzufinden. Ahnlich verhält es sich mit dem Namen
᾿Δναριάκαι und wohl auch mit den so weit verbreiteten Κάσπιοι und
“Μάρδοι.
2) fr. 32 bei Steph. Byaz. 5. v.
8) fr. 34 bei Steph. Byz. 8. v.
4) Beh. 1 16—17. II 7—8.
Dr Plin.h.'n. 6, 92.
140 J. Marquart,
Rede sein. Unter den Saka sind hier die sogenannten „Hauma-
bereiter* Aaumawalrgah]!) zu verstehen, die von den spitz-
mützigen Saken (Sakah tigrachaudah) jenseits des Jaxartes, welche
in der spätern Regierungszeit des Dareios unterworfen wurden ?),
scharf zu trennen sind, obwohl schon Herodot 7, 64 beide zu-
sammengeworfen hat. Die erstern waren von Kyros nach den
Baktriern unterworfen worden, wie auch die Barkanier, nach
Ktesias (ecl. 3. 4) vor, nach Herodots Quelle (1, 153) richtiger
nach dem Falle von Sardeis. Sehr schwierig ist es, die Wohn-
sitze der Sakäh Haumawargäh zu bestimmen, die nicht bloss von
Dareios (Beh. I 16. Dar. Pers. 118. NRa 25/26), sondern auch
von Hekataios mit Gandhära verbunden worden waren. Dieser
sagt nämlich in einem Fragment: Κασπάπυρος, πόλις Γανδαρική,
Σχυϑῶν urn. Die seltsame Bezeichnung der Stadt Kaspapyros
als Küste der Skythen (Saken) wird später erörtert werden,
soviel ist aber auch ohnedies klar, dass auch hier die Saken
nördlich von Gandhära gedacht sind. Nach Ktesias soll Kyros
am dritten Tage nach seiner Verwundung gestorben sein?), wonach
die Saken in unmittelbarer Nähe des Schauplatzes der Schlacht
gegen die Derbiker gewohnt haben müssten, allein auf jene Zeit-
bestimmung ist nichts zu geben, da der Feldzug gegen die Derbiker
bei Ktesias poetisch zugespitzt ist. Sonst erscheinen die Saken
in enger Verbindung mit den Satrapen von Baktrien®) und gelten
im persischen Heere als Kerntrupped.. Tomaschek sucht sie
in den heutigen Landschaften Suynan (arab. RR Siginan) und
Rösnän am oberen Oxus (Pang)®), womit aber schwer vereinbar
ist, dass Hellanikos ’Awöeyıov als Ebene der Saken bezeichnet
hatte).
Die Kaspier sind im Verzeichnis der Steuerbezirke (Her. 3, 93)
nach der Quelle B mit den Saken als 15. Bezirk zusammengeordnet;
im Kataloge des Xerxesheeres werden sie unmittelbar hinter den
Γανδάριον und Ζαδίκαι (7, 67), an einer andern Stelle (7, 86)
neben den Baktriern aufgeführt, was auf das Land der sog. Käfirs
oder Sijah-pös sw. von (iträl, die bei den Indern Kamboga
heissen, passt. Die Kaspier trugen Röcke von Schaffellen und
waren mit einheimischen Rohrbogen und Dolchen bewehrt. Noch
1) [Vgl. über den Namen W. Foy, ZDMG. 54, 359.]
2) Beh. V 21 ff. NR. a. 25—26.
8) ταῦτα εἴπας ἐτελεύτησε τρίτῃ ὕστερον ἀπὸ τοῦ τραύματος ἡμέρᾳ.
*#) Her. 9, 113. 7, 64. Arrian 7, 10,5.
M Er Her. 1,134. 8, 113. 9, 31. 71. Arrian 3, 13. ‚Vgl. Duncker, GA.
‚569.
6) Tomaschek, Centralasiat. Stud. I 26. 48 f. 51. II 10. 15 ἢ, =
SBWA. Bd. 87, 90. 112 £. 115.
”) Hellan. fr. 171 bei Steph. Byz. 5. v. Auveyıov* πεδίον Σακῶν.
“Ἑλλάνικος Σκύϑαις.
y.
= ee u A ιϑώνα
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 141
heute kleiden sich die Käfir in Ziegenfelle!). Über ihre Be-
stattungsgebräuche wird berichtet, sie hätten ihre Eltern, sobald
sie das siebzigste Lebensjahr überschritten, eingeschlossen und
so verhungern lassen und alsdann in der Einöde ausgesetzt ?).
Hierauf beobachteten sie sie von ferne und priesen sie glücklich,
wenn sie sahen, dass sie durch Vögel von der Bahre herabgerissen
wurden, weniger jedoch, wenn dies durch wilde Tiere oder Hunde
geschah, und wurden sie überhaupt nicht berührt, so hielten sie
sie für unselig?). Diese Bestattungsweise erinnert zum Teil an
die der Baktrier, welche die durch Krankheit und Alter Ge-
schwächten besonders dazu aufgezogenen Hunden vorwarfen*), ist
jedoch humaner als diese). Die Sitte der Kaspier, die Toten in
1) Lassen, Ind. Altertumskunde I? 514.
2) Damit ist zu vergleichen die Erzählung des Ktesias 60]. 5 über
den Tod des Astyages.
3) Strab. νὰ 11, 3 p. 517. 11,8 p. 520. Dass die östlichen Kaspier
gemeint sind, wird dadurch nahegelegt, dass ihre Bestattungsweise an
der ersten Stelle mit der der Baktrier verglichen wird. Da dieselbe
aber bei Euseb. woor. εὐαγγ. I 4, 7 (nach Bardaigan?) mit jener der
Hyrkanier zusammengestellt wird und Strabon p. 520 vor ihnen von
den Tapuren handelt, ist es ebensogut möglich, dass die Kaspier im
Süden des Kaspischen Meeres gemeint sind oder wenigstens Strabons
Gewährsmann (Poseidonios) die aus einer alten Quelle stammende
Nachricht auf jenen Stamm bezogen hat. Letzteres ist mir das Wahr-
scheinlichere.
4) Strab. ı« 11, 3. Im Buche der Gesetze der Länder ist dies auf
die Meder bezogen.
5) Die Kaspier waren auch humaner als die Hyrkanier, welche
(die Greise) lebend den Vögeln und Hunden vorwarfen Euseb. zoo.
edayy. 1 4,7. Man hat daher kein Recht, sie mit den kannibalischen
Derbikern, Issedonen, Tibetern und Massageten auf eine Linie zu
stellen, wie Tomaschek thut (Kritik der ältesten Nachrichten über
den skythischen Norden I 35 f. 46. 62 £.). Plin. h. n. 6, 55 sagt aller-
dings: Ab Attacoris gentis Thuni et Focari (l. Funi et Thocari) et iam
Indorum Casiri introrsus ad Seythas versi humanis corporibus vescun-
tur, allein diese indischen Kannibalen dürfen nicht zu CASPII ge-
macht werden, da ihr Name bei Plin. 6, 64 als Cosiri wiederkehrt. Die
Hypothese, dass die Κάσπιοι die Urbevölkerung des Hindukus dar-
‚stellen, als deren einzige Reste die beherzten Buris oder Kangütı,
afghänisch Chagüna zu betrachten seien, die sich bis zum heutigen
Tage in den Thälern von Hunza, Nagar und Jasin erhalten haben und
eine isolierte Sprache, das Burusaski sprechen, die wie das Baskische
bis jetzt an keine bekannte Sprachgruppe angeknüpft werden kann
(Tomaschek a. a. O. 1 42. 62 f. Il 52), hängt somit in der Luft.
Dagegen kehrt die Sitte der Kaspier, die Toten in der Einöde den
Vögeln auszusetzen, im Lande des Taxiles wieder, wo der Tote den
Geiern vorgeworfen wurde Strab. ıe 6, 62 p. 714. Vgl. Lassen II? 154.
Da wir die Bedeutung und einheimische Form des Namens Κάσπιοι
nicht kennen, so wissen wir nicht, ob die östlichen Kaspier mit den
gleichnamigen Stämmen im Süden und Südwesten des Kaspischen
Meeres, pers. Kasp — arisch *Kaswa neben Käs-ak (vom Volksnamen
abgeleitete Ortsnamen, oben ὃ. 27 A. 3, also wohl Vrddhiformen Ὁ),
wie wispa neben wzsa-, irgend etwas zu thun haben.
142 J. Marquart,
der Einöde auszusetzen, hat sich aber bis heute bei den Käfirs
erhalten, welche die Toten in hölzernen Särgen auf den Gipfeln
(der Berge aufstellen!). Gehören die Kaspier nach Käfiristän, so
müssen auch die Sitze der Saken westlich von Suynan, etwa in
Mun$än, Sangli€ und Zebak im Gebiete der Quellflüsse des Kokca
‚gesucht werden, wo noch heute sogenannte „Pämirdialekte“ ge-
sprochen werden. Einen naturwissenschaftlichen Anhaltspunkt für
die Bestimmung des Landes der Kaspier bieten die Angaben des
Ktesias über die weissen hornlosen kaspischen Ziegen sowie die
dortigen Kameele, deren Haare an Weichheit selbst die milesische
Wolle übertrafen: αἶγες δὲ Κάσπιαι γίνονται λευκαὶ ἰσχυρῶς καὶ
κεράτων δὲ ἄγονοι, μικραὶ τὸ μέγεϑος καὶ σιμαί. Κάμηλοι δ᾽ ἀριϑ-
μοῦνται πλείους, αἱ μέγισται κατὰ τοὺς ἵππους τοὺς μέγιστους,
εὔτριχες ἄγαν. ᾿“Απαλαὶ γάρ εἰσι σφόδρα ai τούτων τρίχες ὡς καὶ
τοῖς Μιλησίοις ἐρίοις ἀντικρίνεσϑαι τὴν μαλακότητα᾽ οὐκοῦν ἐκ
τούτων οἵ ἱερεῖς ἐσϑῆτα ἀμφιέννυνται καὶ οἷ τῶν Κασπίων πλουσιώ-
τατοί τε καὶ δυνατώτατοι"). Es ist zu wünschen, dass Forscher, die
in der Lage sind an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen
— ich denke vor allem an M. A. Stein — diesen Wink nicht
übersehen mögen ?).
Weit roher und ursprünglicher als die Kaspier waren die
Derbiker. Dürfen wir die Schilderung, welche Strabon nach viel
älterer Quelle von diesem Volke gibt, auf die Τερβισσοί des
Ktesias beziehen, so wurden bei diesen die Männer, welche das
siebzigste Jahr überschritten, geschlachtet und von den nächsten
Verwandten verzehrt; alte Frauen wurden erdrosselt und dann
begraben, auch die vor dem siebzigsten Jahre Verstorbenen wurden
nicht verzehrt, sondern begraben®). Die Übereinstimmung dieser
Bräuche mit denen der Massageten) ist wohl für Ktesias mit die
Hauptveranlassung gewesen, den letzten Feldzug des Kyros von
den Massageten zu den Derbikern zu verlegen®). Sie trugen zum
1) Lassen, Ind. Alt. I? 520.
5) Ktes. bei Aelian. hist. an. 17, 34; kürzer bei Apollon. hist.
mirab. 20.
8) Dürfte man annehmen, dass Ktesias sich einer Verwechslung
schuldig gemacht habe und jene geschätzte Wolle nicht von Kamelen,
sondern von den kaspischen Ziegen gewonnen wurde, so könnte nur
die Wolle der Schalziege Ladakhs gemeint sein (vgl. Lassen I? 46 ἢ.
368. II 569) und die Sitze der Kaspier wären viel weiter östlich, näm-
lich im westlichen Himälaja zu suchen. Allein eine solche Verwechslung
ist um so unwahrscheinlicher, als die Ausdrucksweise des Ktesias voraus-
setzt, dass die kaspisehen Stoffe als Handelsartikel nach Persien kamen
und hier der milesischen Wolle scharfe Konkurrerz machten. Er hatte
somit Gelegenheit, sie selbst zu sehen. Überdies ist die Lanze des
persischen Mannes schwerlich je so weit östlich vorgedrungen.
Ὁ Strab. ı« 11,8 p. 520.
5) Her. 1, 216. Strab. να ὃ, 6 p. 513 (beide aus Hekataios).
6) Vgl. Euseb. προπ. εὐαγγ. I, 4, 7, wo Massageten und Derbiker
(nach Bardaicän bezw. Poseidonios) direkt gepaart sind.
FERN τ δς- VRR
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 143
Teil noch Lanzen mit im Feuer gehärteter Spitze!), wie die Oreiten
in Gadrosien?). Diese Derbiker, welche von den Indern Hilfs-
truppen erhalten, müssen in der Nähe des oberen Indus gesucht
werden, können also nur von Gandhära aus bezwungen worden
sein. Sie darf man mit Recht als Rest einer unarischen Ur-
bevölkerung ansprechen ὃ).
Die Unterwerfung der Ζυρβαῖοι hängt mit der Eroberung
des oberen Industhales bis zur grossen Beuge oberhalb Bungi ein-
schliesslich der von den Dardstämmen bewohnten Gebiete von
Cilas und Gilgit zusammen, die unter Dareios erfolgt ist*) und
an die sich die Entdeckungsfahrt des Skylax von Karyanda auf
dem Indus anschloss.
Für die wilden Xooauvıoı oder Χωραμναῖοι (Steph. Byz.) würde
man vielmehr das Kulturvolk von Chwärizm erwarten. Allein
wahrscheinlich bildete dieses Land bereits zu Ktesias’ Zeit wie
später beim Alexanderzuge ein unabhängiges Reich. Dass der
Name Xwpeuveio: nicht anzutasten ist), zeigt auch der Chorograph
bei Mela I 2 8 13. Plin. 6, 47, wo das Volk Cho<ryamani bezw.
Comani heisst). Sie stehen bei Mela neben den Paropanisaden,
werden also wohl in der Nähe des Hindukus zu suchen sein, wie
sicher die Τερβισσοί und die Βαρχάνιοι, über welche bereits
Astyages nach der Eroberung von Baktrien zum Statthalter er-
nannt worden sein soll’). Die Provinz Baktrien schloss Margiana
1) Curt.3, 2,7. Die hier beschriebene Heeresmusterung des Dareios
(vgl. Diod. 17, 31, 1—2) ist eingestandenermassen der des Xerxes nach-
ebildet (vgl. c. 2, 2), und zwar unter Benutzung des Ktesias. Der Ver-
asser hat die streitaxtbewehrten Βαρκάνιοι in die Nähe der Hyrkanier
versetzt und in den Derbikern des Ktesias die in Margiana wohnende
Gruppe dieses Volkes gesehen. S. Assyriaka des Ktesias S. 609 £.
2) Nearch bei Arrian Ind. 24, 3. Vgl. Tomaschek, Topogra-
phische Erläuterung der Küstenfahrt Nearchs ὅ. 18 —= SBWA. Bd. 121
Nr. 8, 1890.
®) Dagegen werden die Kannibalen, welche Megasthenes im in-
dischen Kaukasos kennt, tibetische Himälajabewohner sein, da er unter
dem Namen Kaukasos den Paropanisos, Emodos und Imaos zusammen-
fasst. S. Strab. 15, 1,56 p. 710: φησὶ (Μεγασϑένης) τοὺς τὸν Καύκασον
οἰκοῦντας ἐν τῷ φανερῷ γυναιξὶ μίσγεσθαι καὶ σαρκοφαγεῖν τὰ τῶν
συγγενῶν σώματα.
Ὁ Her. 8, 94. 98. 102. Dar. Pers. I 17. ΝΕ. ἃ 25.
5) Χωραμναῖοι ist die Umschreibung eines altpersischen *huw-
arämna-, gebildet von @a-räman- -- hu- und in die a-Deklination über-
geführt, wie ap. Arsj-ärämna-. Der Name bedeutet also „fröhlich“
und verhält sich zu np. »,> aus churam — altp. *hu-rama- wie skt.
‚suräman zu suramja-; vgl. Hübschmann, Pers. Studien 55. Ktesias
hatte ausführlich von diesen Wilden gehandelt und ihre Behendigkeit
hervorgehoben (Steph. Byaz. 5. v.).
6) S. Unters. zur Gesch. von Eran I 31 A. 136.
7 Ktes. 60]. 8. 5. fr. 32 bei Tzetz. chil. I 1, 82£. Eransahr S. 220 ff.
144 7. Margquart,
ein, ebenso wie zu Parthien von jeher auch Hyrkanien gerechnet
wurde (Beh. ΠῚ 10—21. II 92—98). Im Anfange der Regierung
des Dareios finden wir sowohl in Parthien wie in Baktrien eigne
Satrapen, die ohne Zweifel schon von Kambyses eingesetzt waren:
dort gebot Dareios’ Vater Wistäspat), in Baktrien ein Perser
Dädrsis. Eine Satrapie Karmanien aber hat es unter Kyros über-
haupt noch nicht gegeben, vielmehr ist dieselbe erst im Laufe
des fünften Jahrhunderts entstanden. Zunächst wurde unter der
Regierung des Dareios die bis dahin zu Pärs gehörige Landschaft
Jutija mit dem Vororte Ärmäna?) infolge ihrer Teilnahme am
Aufstande des Wahjazdäta (Beh. 3, 23) von Pärs losgetrennt und
mit Asagarta (Köhistän), Zraüka, den Oauaveioı (Arachosien),
Maka (Μύκοι) und den Inseln des erythräischen Meeres zu einer
Satrapie vereinigt (Her. 3, 93), wodurch sie des dem Stammlande
Pärs vorbehaltenen Privilegs der Steuerfreiheit verlustig gieng.
Doch auch jetzt behielt sie den alten Namen Jutijä (Ovrio:) bei,
unter welchem sie noch im Katalog des Xerxesheeres (Her. 7,
68. 86) erscheint?). Erst später übertrug man den Namen der
Hauptstadt auf die Landschaft; daher die Γερμάνιοι (Krmäna) 4)
gleich den Asagarta als besonderer persischer Stamm Her. 1, 125.
Nach alledem wird man gut thun, auf die Angabe des Ktesias
über das angebliche Vizekönigtum des Tanyoxarkes zu verzichten,
zumal Dareios in seiner Inschrift mit keiner Silbe andeutet, dass
Bardija eine derartige Stellung innegehabt habe, ebensowenig wie
Herodot. Dazu kommt, dass Ktesias’ Darstellung des Ausgangs
des Kyros mit Zügen aus Herodots Roman über das Ende des
Kambyses ausgestattet worden ist: die tödliche Schenkelwunde
Ktes. ecl. 6 vgl. Her. 3, 64, Vermächtnis an die Erben bezw. die
Perser, Verheissung von Segen für die Ausführung, Androhung
des Fluchs für die Missachtung desselben Her. 3, 65. Ktes. ecl. 85).
Ich habe daher schon früher vermutet, dass das angebliche Vize-
königtum des Tanyoxarkes-Bardija in Ostiran dem Kyros’ III. in
Kleinasien nachgebildet sei®). Diese Erfindung lag um so näher,
1) Bei Her. 3, 70. 72 ist Pardawa mit Pärsa Πέρσαι verwechselt.
2) In diesem Sinne ist der Name Καρμανία bei Berossos aufzu-
fassen. Dieser hatte berichtet, Kyros habe dem Nabünäid nach der
Einnahme von Babylon Karmanien als Aufenthaltsort angewiesen (Jos.
gegen Apion 1 153), Abydenos aber macht daraus, Nabünäid sei zum
Fürsten von Karmanien eingesetzt worden (Euseb. Chron. I 30
Aucher = 41, 35—36 Schöne).
8) Her. 7, 86: ὡς δ᾽ αὔτως Κάσπιοι καὶ Παρικάνιοι ἐσεσάχατο.
ὁμοίως καὶ ἐν τῷ πεζῷ. Für KAZIIIOI ist zu lesen KAI ΟΥ̓ΤΊΟΙ.
Ὁ Die Umschreibung des ᾧ durch y erklärt sich durch das folgende
sonantische r. Ebenso wird Βαρκάνιοι, Bariani (— BAPTANOI?) neben
*Pergenü, Pariani (— ILAPT'ANOI?) zu beurteilen sein.
5) Vgl. aber auch Beh. IV 36—45. 52—59. 67—80. 86 ff.
6) Die Assyriaka des Ktesias ὃ. 619 £.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 145
als in der That im 5. Jahrhundert eine ganze Reihe von Mit-
gliedern des Königshauses die Würde eines Satrapen von Baktrien
bekleidet haben. Ganz seltsam und unwahrscheinlich nehmen sich
die angeblichen Satrapen der Derbiker und Barkanier aus. Sollten
die diesbezüglichen Angaben des Ktesias irgendwelchen thatsäch-
lichen Hintergrund haben, so könnte es sich nach Analogie des
Schicksals des Kroisost) und Nabünäid?) nur um Verbannungs-
orte handeln, welche Kyros und sein Sohn dem entthronten
᾿ Mederkönig und seinen Enkeln angewiesen hätten. Doch sind
die Behauptungen des Ktesias auch in dieser Modifikation un-
wahrscheinlich.
Ehe Kambyses gegen Ägypten zog (Frühling 525), liess er
seinen Bruder durch den Hazarapet Prexaspes ermorden, nach einer
Version auf der Jagd bei Susa, nach anderer Angabe wäre er ins
erythräische Meer (den persischen Golf) gestürzt worden; vermut-
lich war er also schon vorher ἀνάσπαστος auf einer Insel dieses
Meeres (vgl. Her. 3, 93. 7, 80). Zum Majordomus bestellte Kambyses
vor seinem Aufbruche für die Zeit seiner Abwesenheit einen Magier
Gaumäta?). Sein persischer Titel lautete *»azi-chsajah-weF-a —=
aw. *pati-x3ajat-wis-a, bei Dionysios von Milet II«N&ovöng lies
ΠαΤΊξούϑης (Schol. zu Her. 3, 61), bei Her. 3, 61 u. 5. w. Herı-
ξείϑης für Πατιξείϑης, wovon uns bei Herodot 3, 61.63. 65, 22 die
genaue griechische Übersetzung μελεδωνὸς oder ἐπίτροπος τῶν οἰκίων
vorliegt. Herodot hat hier drei Quellen verarbeitet, von denen eine
(Dionysios von Milet) den Magier mit seinem Titel Πατιζείϑης, eine
zweite mit seinem usurpierten Namen Πέρδις, ionisiert Σμέρδις
nannte, wie schon Aischylos (M«odos). Dies hat dann der Vater
der Geschichte in der Weise auszugleichen gesucht, dass er zwei
Magier annimmt, von denen der eine, der eigentliche Träger der ge-
raubten Krone, namens Zu£od:ıg, nur der Strohmann des Majordomus
ist®). Auch der Gewährsmann des Pompeius Trogus hat mehrere
Quellen herangezogen, darunter eine sehr alte, welche noch den
1) Ktes. ecl. 4 Justin. I 7,7.
2) Siehe 5.144 Anm.2. In der Nabünaid-Kyros-Chronik Kol. III 16
(KB UI 2, 135) wird nur die Gefangennahme des babylonischen Königs
erwähnt, über seine weiteren Schicksale ist dagegen im erhaltenen
Teile der Tafel nicht die Rede. Die Bemerkung des Abydenos:
MupkS wppuy jur με ΕἾ, Jinwmpkug fi; „der König Dareios ver-
bannte (ihn) aus dem Reiche (oder: der Provinz)“ ist rätselhaft. Jeden-
falls ist die Inschrift von Behistün der Annahme, dass Nabünäid im
Anfang der Regierung des Dareios, also 17—183 Jahre später, noch am
Leben gewesen sei, wenig günstig.
®) Sowohl die Inschrift von Behistün wie Aischylos und Ktesias
kennen nur einen Magier.
Ὁ Am nächsten berührt sich damit das Chron. Pasch. p. 270 ed.
Bonn., wo die beiden Brüder Μέρδιος καὶ Πατξάτης heissen. Bei
Hermodoros ist Παξάτης zum Haupte einer Magierschule geworden
(Assyriaka 8. 591), wozu S. 136 zu vergleichen ist.
Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 10
140 J. Marquart,
wahren Namen des Magiers, G@ometes —= Gaumäta, kennt — schon
Dionysios von Milet wusste ihn nicht mehr —, während eine
andere, ohne Zweifel bedeutend jüngere, für denselben einen neuen
Namen Oropastes — ap. *Ahura-upastäh „den Ahura zum Bei-
stand habend“ erfand, der in der That für einen Magier vorzüglich
passte. Trogus’ Gewährsmann hat diese beiden Versionen nach
dem Vorbilde Herodots gleichfalls in der Weise auszugleichen ge-
sucht, dass er den Oropastes, der dem ermordeten Merges überaus
ähnlich war, von seinem Bruder Gometes, einem der Freunde des
Kambyses, welcher die Ermordung des Mergis ausgeführt hatte
(vgl. Ktes. ecl. 10), auf den Thron erhoben werden lässt (Justin. I 9).
Auf die Eroberung Ägyptens und Äthiopiens einzugehen ist
hier nicht der Ort.. Allein ein Ereignis, das bereits von der
ägyptischen Überlieferung absichtlich verdunkelt worden ist und
dessen richtige Einreihung für die Beurteilung des Kambyses und
seines Verhaltens gegenüber den Ägyptern von grosser Wichtig-
keit ist, verdient hier kurz erörtert zu werden. Nach der Ein-
nahme von Memphis wird der König Psammenit trotz des Frevels,
welchen die Besatzung gegen das Parlamentärschiff des Kambyses
begangen hatte, von diesem begnadigt, ἔνϑα τοῦ λοιποῦ διαιτᾶτο
ἔχων οὐδὲν βίαιον. Herodot meint sogar, wenn er es verstanden
hätte, sich ruhig zu verhalten, so würde ihm auch persischem
Brauche gemäss die Verwaltung yon Ägypten übertragen worden
sein. νῦν δὲ μηχανώμενος κακὰ ὁ Ῥαμμήνιτος ἔλαβε τὸν μισϑόν"
ἀπιστὰς γὰρ “ἰγυπτίους nam ἐπείτε δὲ ἐπάιστος ἐγένετο ὑπὸ Καμ-
βύσεω, αἷμα ταύρου πιὼν ἀπέϑανε παραχρῆμα. οὔτω δὴ οὗτος
ἀγελιόύ τηθε (Her. 3, 15).
Die Zeit dieses Aufstandsversuches bleibt bei Herodot un-
bestimmt. Es leuchtet aber von selbst ein, dass derselbe unmittel-
bar nach der Eroberung, während die Perser noch im Lande
standen, heller Wahnsinn gewesen wäre. Im Anschluss daran er-
zählt Herodot die angebliche Verbrennung der Mumie des Amasis
in Sais. Dies war indessen keineswegs nationalägyptische Über-
lieferung, wie Herodot selbst zugibt. "Die Ägypter erzählten viel-
mehr, Amasis habe, durch ein Orakel über das seinem Leichnam
drohende Unheil unterrichtet, dasselbe durch die Verordnung ab-
zuwenden gesucht, dass in seiner Grabkammer der Thüre zunächst
ein Privatmann bestattet werde, er selbst aber höchstens in einem
Winkel derselben. Herodot hält diese Geschichte zwar für un-
historisch und prahlerische Ausschmückung seitens der Ägypter,
allein sie entspricht vollkommen den ägyptischen Verhältnissen,
und besonders in politisch bewegten Zeiten griff man zu der-
artigen Mitteln, um die Leichen der Könige vor den Grabräubern
zu schützen. Man denke nur an den Mumienschacht von Deir
el bahri und den berühmten Gräberdiebprozess unter Ramses IX.?)
ı) Brman, Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 147
Die Perser und vollends der König Kambyses haben gewiss mit
der Schändung der Leiche des Amasis nichts zu thun, dagegen
ist es sehr wohl denkbar, dass die Grabräuber die Verwirrung,
welche die feindliche Okkupation hervorrufen musste, zu ihrem
lichtscheuen Handwerk benutzten und man in Voraussicht dessen
die Leiche des verstorbenen Königs bei Zeiten in Sicherheit ge-
bracht hatte. Die andere Version, welche die Mumie des Königs
durch die Perser verbrannt werden lässt und gegen die religiösen
Vorstellungen der Perser sowohl wie der Ägypter verstösst, ist
dagegen offenbar eine Erfindung der ägyptischen Hellenen,
welche die Nationalägypter an Gehässigkeit gegen Kambyses noch
überbieten.
Nach der Rückkehr des Perserkönigs vom Zuge gegen Äthio-
pien verlegt Herodot die Verwundung des Apis, allein die Motivie-
rung dieses Frevels ist so absurd wie nur möglich. Nach dieser Un-
that verfiel Kambyses, wie die Ägypter erzählten, alsbald in Wahn-
sinn, und so verübte er dann eine ganze Menge anderer Frevel,
zuerst die Ermordung seines Bruders Bardija — die in der That
schon vor dem Zuge gegen Ägypten stattgefunden hatte —, dann
die Misshandlung seiner Schwester und Gemahlin, die Erschiessung
des Sohnes des Prexaspes. Er schlug seine Residenz in Memphis
auf und öffnete hier die Grabkammern der alten Nekropole, drang
in den Tempel der Ptah und der Kabeiren ein und verhöhnte
die Götterbilder.
Wie schon die Erzählung von der Verwundung des Apis
zeigt, an deren Geschichtlichkeit kaum zu zweifeln ist!), lässt die
Überlieferung den Kambyses seit seiner Rückkehr aus Äthiopien
S. 189 ff.; Maspero, Hist. ancienne des peuples de l’orient classique
II 538 ss.
1) Dass der im Epiphi des 6. Jahres des Kambyses bestattete
Apis in der That erst kurz vorher geboren war und eines gewaltsamen
Todes gestorben ist, wird besonders durch das Fehlen der sonst üb-
lichen Angaben über sein Geburtsjahr und sein Lebensalter nahegelegt.
Auch der Umstand, dass die Inschrift im Gegensatze zu den übrigen
offiziellen Apis-Grabschriften schlecht und flüchtig gearbeitet ist, weist
auf aussergewöhnliche Verhältnisse hin. Leider ist dieselbe auch sehr
verwittert und nur unvollkommen verständlich. Der nächstfolgende
Apis, der im 4. Jahre des Dareios starb, soll am 28. Tybi des Jahres 5
des Kambyses geboren sein. Danach wäre er also noch zu Lebzeiten
des vorhergehenden Apis geboren worden, was den religiösen Vor-
stellungen der Agypter vollkommen widerspricht. Wiedemann, Ge-
schichte Agyptens von Psammetich I. S. 230 f. sieht in dem Geburts-
datum dieses Apis eine Fiktion des Dareios, durch welche derselbe
unter geflissentlicher Ignorierung des von Kambyses getöteten Stieres
unmittelbar an den diesem vorangegangenen angeschlossen werden
sollte. Letzterer war aber zu einer Zeit gestorben, als Kambyses
noch als loyaler Pharao regierte und die ägyptischen Kultgebräuche
respektierte. Auf diese Weise hätte man zugleich die Ermordung eines
heiligen Tieres durch einen Vorfahren des Dareios sehr geschickt um-
gangen, deren Erwähnung sehr peinlich gewesen wäre.
10*
. 148 J. Margquart,
in ein völlig anderes Verhältnis zu den Ägyptern treten als vorher.
Wenn man auch noch soviel als Übertreibung oder als von ihm
nicht gewollte Ausschreitungen seiner Soldateska streichen will,
so bleibt doch noch genug übrig, um zu zeigen, dass Kambyses
in der That religiöse Gefühle der Ägypter verletzt haben muss.
Wie ist dieser Umschlag der Stimmung zu erklären? Wohl kaum
aus seiner Missstimmung über das Misslingen des äthiopischen
Feldzugs; denn trotz des Unfalles des nach der Ammonsoase ab-
gesandten Korps hatte Kambyses im wesentlichen seinen Zweck,
die Unterwerfung von Äthiopien, erreicht!). Die einzig befrie-
digende Erklärung für jene veränderte Haltung des Kambyses
1) Her. 3,26 weiss nur von der Verschüttung des nach der Ammons-
oase ausgesandten Korps, dessen Stärke er freilich mit gewaltiger Über-
treibung auf 50000 Mann angibt, durch einen Sandsturm. Kambyses
mit dem Hauptheere wurde nach ihm in der Sandwüste durch Mangel
an Lebensmitteln, welcher bereits Fälle von Kannibalismus unter seinen
Truppen heryorgerufen hatte, zur Umkehr genötigt, ohne sein Ziel, die
langlebigen Athiopen, erreicht zu haben, und gelangte nach starken
Verlusten nach Theben. Allein gegen diese Darstellung erheben sich
grosse Bedenken. Denn einmal führte ihn der Weg nach seinem natür-
lichen Ziele, Meroe, der Hauptstadt des Athiopenreiches, gar nicht durch
die libysche Sandwüste, sondern durch das Nilthal; sodann hatte Kam-
byses den Zug keineswegs angetreten, ohne Fürsorge für die Verpflegung
des Heeres zu treffen, wie Herodot behauptet. Er liess vielmehr bei
Premnis am Nil, unterhalb Abu Simbel und der Katarakte von Wadi
Halfa Proviantmagazine anlegen, deren Stätte noch in der Kaiserzeit
unter dem Namen „Markt des Kambyses“ oder Καμβύσου ταμιεῖα be-
kannt war (Plin. h.n. 6, 29 8 181. Ptol. 4,7 p. 301, 29). Da man sich
diesen Namen später nicht mehr zu erklären wusste, übertrug man die
Katastrophe der nach der Ammonsoase abgesandten Heeresabteilung
auf das Hauptheer und lokalisierte sie an jenem Orte; Strabon ı£ 1, 54
Ῥ. 820 bemerkt nämlich gelegentlich der Expedition des Petronius im
Jahre 24 v. Chr.: ἐκ δὲ Ψέλψιος ἧκεν εἰς Πρῆμνιν ἐρυμνὴν πόλιν,
διελθὼν τοὺς ϑῖνας, ἐν οἷς ὁ Καμβύσου κατεχώσϑη στρατὸς ἐμπεσόντος
ἄνεμου.
Kambyses mag also wohl durch die Strapazen des Marsches und
mangelhafte Verpflegung viele Leute verloren haben; allein dass er
sein hauptsächlichstes Ziel, die Hauptstadt des Athiopenreiches beim
heutigen Meraui am Berge Barkal wirklich erreicht hat, berichten
nicht bloss Strab. ı& 1, 5 p. 790 und Jos. &ey. 2, 10, 2 8 249 (aus
Nikolaos von Damaskos), sowie Diodor 1,33; es ergibt sich noch viel
sicherer daraus, dass die Athiopen noch zu Herodots Zeit dem Gross-
könig ihren Tribut zahlten (Her. 3, 97). In der That finden sich unter
den Vertretern der Völkerschaften des Reiches in den Reliefs der
Empfangshalle von Persepolis und Nagsch-i Rustam auch Gestalten,
welche dureh das dicke, krause Haar, die aufgeworfene Nase und das
Tierfell um die Schultern als Neger gekennzeichnet sind. Vgl. Duncker,
GA. 4, 4191. Die Darstellung Herodots hat das südliche Meroe im
Auge, dessen Trümmer sich beim heutigen Begerawije oberhalb der
Einmündung des Atbara, über 30 Meilen Luftlinie südlich von Napata
finden und wo sich wahrscheinlich nach der Einnahme von Napata
durch die Perser ein neues Athiopenreich erhoben hatte. Vgl. Duncker
a.a. 0.418 Ν. 1. Der gerade Weg nach dieser Stadt verlässt allerdings
bei Korosko den Nil und führt mitten durch die nubische Wüste und
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 149
den Ägyptern gegenüber bietet vielmehr der Aufstandsversuch
des Psammenit, der nur während der äthiopischen Expedition, als
der grösste Teil des persischen Heeres nach Äthiopien gezogen
war, verständlich ist. Psammenit hat also auf die Kunde von
dem Unfalle des persischen Heeres, welchen das Gerücht sicherlich
weit übertrieben hatte, die Ägypter zur Erhebung aufgefordert, wie
einst unter Asurbanipal die Fürsten Neko, Sarludari “und Pagruru
im Rücken des assyrischen Heeres, das gegen Taharga nach Theben
marschiert war, einen Aufstand geplant und mit Taharga ein
Bündnis zu schliessen versucht hatten!). Allein bald erschien
Kambyses an der Spitze der vermeintlich im Sande begrabenen
Perser und hielt ein furchtbares Strafgericht ab. Dies ist die
„Zeit des grossen Unglückes, das über das ganze Land kam und
das schwerer war als irgend ein früheres Unglück in Ägypten*,
von welchem die Statue des Wta-Hor-suten-Net erzählt?). Dass
Kambyses zu einem solchen Strafgerichte berechtigt war, hat die
ägyptische Überlieferung dadurch verdunkelt, dass sie den Auf-
standsversuch des Psammenit schon vor dem Zuge gegen Äthiopien
erzählt, wo er ganz widersinnig ist, und sich auf diese Weise die
Möglichkeit geschaffen, den persischen Eroberer als einen blutdür-
stigen und wahnwitzigen Tyrannen hinzustellen. Die unleugbaren
und auffälligen Übereinstimmungen des „Epileptikers‘ Kambyses
(Her. 3, 33) mit dem König Schaul von Benjamin weiter zu ver-
folgen ist nicht dieses Ortes ὃ.
Infolge der langen Abwesenheit des Königs in Ägypten
„wurde das Volk feindlich, hernach ward die Untreue (drauga,
eig. ‚Lüge‘) zahlreich sowohl in Persien als in Medien und den
übrigen Provinzen“. Diese lakonischen Worte befriedigen unsere
Neugier leider allzu wenig, doch darf man ihnen wohl entnehmen,
dass sich inzwischen die“ östlichen Provinzen ungebührlich ver-
nachlässigt fühlten und sich in der Verwaltung. manche Miss-
bräuche eingestellt haben mochten, da man den Arm des Königs
fern wusste. Von der dadurch hervorgerufenen Missstimmung hatte
Kambyses ohne Zweifel Kunde erhalten, weshalb er von Ägypten
aufbrach, um nach der Hauptstadt zurückzukehren, Als er aber
noch auf dem Marsche war, erhob sich der Magier (14. Wijachna),
der sich die herrschende Unzufriedenheit zu Nutze machte, und
erliess überallhin die Aufforderung an die Untertanen, sich um
das Banner des Helden Bardija zu scharen. Nach Herodots Dar-
erreicht den Nil erst wieder bei Abü Hämid, indem er so die gewaltige
Kurve abschneidet, welche der Nil von hier an beschreibt.
1) Chronologische Untersuchungen S. 75. K. 2675 Z. 36—66 bei
Winckler, Unters. zur altoriental. Gesch. S. 103—105.
2) nn iedemann, Geschichte Ägyptens von Psammetich I. bis
auf Alexander d. Gr. 5. 208.
®) Nach manchen Neueren war bekanntlich auch der Apostel
Schaul von Benjamin mit Epilepsie behaftet.
150 J. Marquart,
stellung war Kambyses erst bis nach Agbatana in Syrien gelangt,
als der Bote des Usurpators ihn erreichte und auch seinem Heere
die Proklamation verkündigte, worauf Kambyses an demselben Orte
nach ca. 20 Tagen an den Folgen einer zufälligen Verwundung
stirbt. Dass diese Ortsangabe falsch sein muss, ist unschwer ein-
zusehen. Denn bei der Ankunft in Syrien hatte der König noch
nicht den geringsten Grund zur Verzweiflung und zum Selbstmorde
— welchen Herodots Darstellung freilich verschleiert —, da die
Entscheidung bei den iranischen Kernprovinzen lag. In der That
fasste er nach Herodot selbst sofort den Entschluss, in grösster
Eile gegen den Magier nach Susa zu ziehen, wo sich der Vater
der Geschichte die Residenz denkt. Der Tod des Kambyses im
syrischen Agbatana hängt eng zusammen mit dem Orakel von
Buto, welches die Katastrophe des Königs als eine Strafe der Götter
für die Verwundung des Apis stempelte (Her. 3, 64). Die ganze
Erzählung ist also augenscheinlich von ägyptisch-hellenischer Tra-
dition beeinflusst.
Allein die Eigentümlichkeiten, welche die Erzählung bietet,
lassen sich nicht einfach durch die Annahme erklären, dass die-
selbe ägyptischen Ursprungs sei. Die ägyptische Tradition, welche
dem Kambyses durchweg sehr feindselig ist, hatte absolut keinen
Grund, dessen Selbstmord zu verhüllen; im Gegenteil hätte der-
selbe den Ägyptern eine willkommene Gelegenheit geboten, ihrem
Rachedurst und ihrer Schadenfreude gegen den verhassten König
noch mehr die Zügel schiessen zu lassen. Wohl aber hatte man
in Persien, wo das Religionsgesetz auf die Erhaltung des Lebens
den höchsten Wert legte und den Selbstmord aufs schärfste ver-
dammen musste!), allen Anlass, das tragische Ende des Königs
nach Kräften zu. verschleiern, das die Perser durch ihren Abfall
zum Magier, der so grosses Unheil über das Land gebracht hatte,
selbst mit verschuldet hatten. Die Erzählung von der Schenkel-
wunde ist also persischen Ursprungs, wie sie sich denn bei
Ktesias Pers. 12 ganz ebenso findet, und von den Ägyptern ledig-
lich übernommen worden. Hier ist sie dann mit der Verwun-
dung des Apis durch Kambyses in ätiologischen Zusammenhang
gebracht worden. Ganz ebenso ist z. B. die ägyptische Version
über die Veranlassung zum Zuge des Kambyses gegen Ägypten
offenbar von der ausdrücklich als persisch bezeugten Tradition
(Her. 3,1. 2) ausgegangen ?). Daraus ergibt sich aber ohne weiteres,
1) Vgl. Duncker, GA. IV 438.
2) Nach der persischen Version soll Kambyses von Amasis eine
Tochter desselben für sein Harem verlangt haben, und zwar auf An-
stiften eines ägyptischen Arztes, welchen Amasis dem Kyros gesandt
habe, als dieser von ihm den besten Augenarzt, den Agypten besitze,
verlangt habe. Schon dieser Bericht ist nicht einheitlich, sondern ver-
einigt bereits zwei ältere Erzählungen. Die eine gab offenbar, als Ver-
anlassung zu dem Bruche an, dass Kyros den besten Augenarzt Agyptens
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 151
dass auch der Todesort des Kambyses, Agbatana (selbstverständlich
das medische) aus persischer Überlieferung stammt.
Die Frage ist daher: woher ist das syrische Agbatana in
die vorliegende Erzählung gekommen? Die Antwort ist scheinbar
verlangt, Amasis ihn aber nicht geschickt habe, worauf Kambyses
die Rache vollzogen habe, nachdem sein Vater durch den Tod daran
verhindert worden war. Die andere Erzählung nannte als Motiv den
Betrug mit der Haremsdame. '
Amasis wollte seine Tochter nicht als Konkubine ausliefern, wagte
aber auch nicht die Forderung offen abzulehnen, sondern sandte eine
Tochter des frühern Königs Apries, namens Nitetis. Diese entdeckte
dem König den Betrug und stachelte ihn zur Rache am Mörder ihres
Vaters an. N
Es ist freilich absurd, wenn die persische Überlieferung die Nitetis
eine Tochter des Apries nennt, der schon 570 gestorben war! Allein
darum wird die Sache selbst keineswegs unwahrscheinlich. Solche
Düpierungen mit falschen Prinzessinnen kamen im diplomatischen Ver-
kehr des Orients in alter wie in neuer Zeit vor oder wurden wenigstens
für möglich gehalten, am Nil so gut wie in Persien und am Hoangho.
Ein sehr interessantes Beispiel dafür ist ein Brief des Königs Nibmuaria
(Amenophis III.) an den König Kadasman-Bel von Kara-Dunijas
(Babylonien); 5. Hugo Winckler, Die Thontafeln von Tell-el-Amarna
Nr. 1, 10—44. KB V. Ein anderer Brief zeigt, dass man sich unter
Umständen mit irgend einem schönen Weibe zufrieden gab, das man
für eine Prinzessin ausgab, wenn eine solche verweigert wurde: „Nun
hast du, mein Bruder, nicht (sie) geben zu wollen [gesagt], da ich, um
deine Tochter zu heiraten, an dich schrieb, mit den Worten: ‚von
jeher ist eine Königstochter von Agypten niemandem gegeben worden‘.
Warum das? Du bist König und kannst nach deinem Willen handeln.
Wenn du sie gibst, wer soll dann etwas (dagegen) sagen? Als man
mir dieses (deine Antwort) gesagt hatte, da schrieb ich damals: ‚es
gibt erwachsene Töchter und schöne Weiber. Wenn irgend ein schönes
Weib da ist, schicke es. Wer sollte sagen: sie ist keine Königstochter ?‘
Wenn du aber überhaupt keine schickst, dann wirst du nicht auf
Brüderschaft und Freundschaft bedacht sein“ (eb. Nr. 3, 4—15). Nach
diesem Rezepte hat offenbar auch Amasis gehandelt, nur ohne dass
Kambyses damit einverstanden gewesen wäre. Nitetis war natürlich
weder eine Tochter des Apries, noch des Amasis, sondern irgend eine
schöne Haremsdame, die für eine Prinzessin ausgegeben wurde. Vgl.
dazu die ganz ähnlichen Fälle bei Prisc. fr. 33 und Baläd. 195, 12 Τῇ,
wo der Sasanide Peröz den Hephthalitenkönig und Chosrau Anösarwän
den Chagan der Westtürken in derselben Weise düpiert.
Die Agypter übernahmen die persische ealnng, änderten sie
aber dahin ab, dass bereits Kyros von Amasis jene Tochter des Apries
erhalten habe und dieselbe hernach die Mutter des Kambyses geworden
sei. Auf diese Weise stammte also Kambyses in weiblicher Linie von
‚den Söhnen des Re‘ selbst ab, war demnach gegenüber dem Usurpator
Amasis der eigentliche Träger der Legitimität. Diese Erzählung fand
sich auch τον παρα und Lykeas von Naukratis (Athen. 13, 10 p. 560).
Doch protestiert bereits Herodot mit Recht gegen dieselbe und deckt
ihre Ungereimtheiten auf. Dieser kennt dann noch eine dritte Er-
zählung, welche die persische und ägyptische Version verbindet und
den Keim zu dem Hasse des Kambyses gegen Agypten in der Eifer-
sucht seiner Mutter Kassandane, der rechtmässigen remahlin des Kyros,
gegen ihre ägyptische Nebenbuhlerin Nitetis sucht.
152 J. Marquart,
sehr leicht: durch das Orakel von Buto. Um aber eine befrie-
digende Antwort auf jene Frage geben zu können, müssen wir
zunächst wissen, wo dieses syrische Agbatana lag, was immerhin
nicht ganz leicht ist. Denn mit dem Städtchen Βατάνεια, wie
Steph. Byz. glaubt, das den Namen der Landschaft Dasan im
Östjordanlande bewahrt hatte, hat der Name nichts zu thun, so
wenig als mit Βάτανα am Euphrat!) d.i. Datnae in der Gegend
von Anthemusias Kass. Dion 68, 23, 2. Hierokles p. 714. Prokop.
b. Pers. II 12 p. 209, 17. de aedif. II 7 p. 230, 22. Zosimos 3,
12, 2. Geogr. Rav. 2, 13. Steph. Byz. 5. v. Barvaı ete. Vgl. C. Müller
zu Isidoros v. Charax σταϑμοὶ Παρϑικοί 8 1. Geogr. Gr. min. I 246.
Auch die Deutung auf Hamath in Syrien, ass. Hamattu, Amattu,
an welches Gutschmid?) dachte, ist abzulehnen, obwohl jene
Stadt an der grossen Heerstrasse lag, die von Gaza der philistä-
ischen und phönikischen Küste entlang nach Tyros und von da
über Damaskos ins Thal des Orontes führte, um dann bei Apameia
nordöstlich über Chalkis und Aleppo zum Euphrat abzubiegen.
Jedenfalls ist dabei der Ort ”4ua®e, der nach Steph. Byz. zu
seiner Zeit Axuade hiess, aus dem Spiele zu lassen, da derselbe
nicht in Syrien, sondern in der Provinz Arabia lag°?). Sach-
gemässer ist die Kombination der Quelle des Josephos «ey. 11
$ 30 (wohl Nikolaos von Damaskos), welche den Kambyses in Da-
maskos, der Hauptstadt der Provinz ‘Abar nahrä (Arbaja) sterben
lässt. Doch ist dies natürlich lediglich Verbesserung Herodots,
nicht Überlieferung. Bei Josephos vit. $ 54. 56. 57 wird aller-
dings ein Ort ’Exßdrave erwähnt, der aber in Batanea (Ba$an), also
im Binnenlande gelegen haben muss und daher ebenfalls nicht
passt. Es liegt diesem Namen wohl syr. Ινϑωοὰ „vestigium* zu-
grunde. Dagegen nennt Plinius h.n. 5, 75 eine Stadt Acdatana auf
dem Karmel, in der Nähe der Küstenstrasse. Seine Worte lauten:
Fuit oppidum Crocodilon, est flumen, memoria urbium Dorum,
Sycaminum, promunturium Carmelum et in monte oppidum eodem
nomine, quondam Acbatana dietum. Dass Plinius®’ Gewährsmann
diesen Namen aus einer alten Quelle hatte, beweist nicht nur seine
Bemerkung, dass der Name jetzt verschollen sei, sondern auch die
altertümliche Namensform, die ein Späterer sicher der seit Alexan-
der d. Gr. gebräuchlichen Benennung der berühmten medischen
Hauptstadt ᾿Εκβάτανα angenähert hätte, so gut wie Josephos.
1) Steph. Byz. 5. v. Ayßdrava' πολίχνιον Συρίας, Ἡρόδοτος τρίτῳ.
οἱ δὲ νῦν Βατάνειαν αὐτὴν καλοῦσι. Derselbe 8. v. Βατανέαι" συνοικία
Συρίας, ἡ καὶ Βατανέα ἑνικῶς. ἔστι καὶ Βάτανα πρὸς τῷ Εὐφράτῃ.
Vgl. Stein zu Her. 8, 64.
?) Gutschmid, Neue Beiträge zur Geschichte des alten Orients
5. 96. Duncker, GA. IV 434/35.
3) Steph. Byz. s. v. Auade‘ οὐδετέρως, τῆς ᾿ἀραβίας χωρίον, ὅπερ
διὰ τοῦ ἃ νῦν λέγουσιν ἄκμαϑα. κέκληται δὲ ἀπὸ τῆς ψάμμου. φασὶ
γάρ, τὸ πολὺ τῆς ᾿ἀραβίας ὑπὸ τῆς ᾿Ερυϑρᾶς πάλαι κατακλύξεσθαι.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 153
Ist es aber denkbar, dass dieser obskure phönikische Küsten-
ort in Ägypten allgemein bekannt war, sodass das Heiligtum von
Buto ihn in einem Orakel verwenden konnte? Wir dürfen diese
Frage getrost verneinen. Die Erzählung ist in ihrer vorliegenden
Form deutlich das Produkt mehrfacher Überarbeitung. Das Orakel
entnahm der auf ägyptischen Boden verpflanzten persischen Tradi-
tion den Namen ’Ayßdrave (ap. Haymatäna, babyl. Agamtanu, jüd.-
aram. δὲ ΤΙ) und verstand darunter, wie alle Welt, die medische
Hauptstadt. Die ägyptischen Priester behaupteten nun, ihre Gott-
heit hätte dem Kambyses geweissagt, er werde in Agbatana sterben;
Kambyses habe sich dabei beruhigt in dem Gedanken, er werde
in glücklichem Greisenalter in seiner Residenz sterben 7),
während das Orakel andeuten wollte, dass er daselbst in der
Blüte seiner Manneskraft ein klägliches Ende nehmen
werde Das syrische Agbatana ist erst von einem Hellenen
hineingebracht worden, welcher in der Geographie der syrischen
Küste und Ägyptens ebensogut Bescheid wusste wie in den
ägyptischen Sagen und Gebräuchen. Ein solcher Mann war aber
Hekataios von Milet, der in seiner γῆς περίοδος auch die Städte
Phönikiens behandelt (fr. 254—262) und speziell auch die Stadt
Buto mit ihrem Orakel der Leto und der schwimmenden Insel
des Apollon, Chembis, geschildert hatte?). Auf diese Weise sollte
zugleich die Pointe des Orakels mehr zugespitzt werden, indem
der Nachdruck auf den vermeintlichen Irrtum in der Örtlich -
keit statt in der Art des Todes gelegt wurde.
Wir dürfen also als beglaubigten Inhalt der ältesten Über-
lieferung annehmen, dass Kambyses in der medischen Hauptstadt
Agbatana seinen Tod fand. Ich habe früher der Darstellung des
Ktesias (ecl. 12) den Vorzug gegeben, welcher den Tod des Königs
nach Babylon verlegt, in der Erwägung, dass Kambyses vor allem
1) Her. 3, 64: ὃ "μὲν “δὴ ἐν τοῖσι Μηδικοῖσι ᾿4γβατάνοισι ἐδόκει
τελευτήσειν γηραιός, ἐν τοῖσί οἱ ἦν τὰ πάντα πρήγματα. Auch
bei Ezra 6, 2 wird Haymatäna (Achmethä) als eigentliche Residenz
seit der Eroberung Babylons bis in die ersten Jahre des Dareios, also
unter Kyros, Kambyses und Gaumäta gedacht, während Babylon als
zweite Hauptstadt gilt. So wohl auch re ρα Oyn 227,6 =
KB. IV 276 Nr. XV1.
Damit hängt wohl irgendwie auch der Einfluss zusammen, den
der Magier Gaumäta (oben ὃ. 145) und allem Anscheine nach auch die
streng mazdajasnische Lehre der Magier auf Kambyses gewonnen
hatten und der dazu führte, dass er dem Greuel des babylonischen
und ägyptischen Götzendienstes gegenüber nicht immer den einem
Herrscher a neen Respekt zu bewahren verstand. [Hatte Kam-
byses eine Vorliebe für Haymatäna und für medisches Wesen, so könnte
dies für Winckler’s Hypothese (Altorient. Forsch. II 2, 1900, 8. 214)
sprechen, dass unter Där&jawaS dem Meder (Dan. 5, 31. g, 1) Kambyses
als Unterkönig von Babylon im ersten Jahre seines Vaters Kyros,
Königs der Länder (oben S. 127) zu verstehen sei.]
2. Hekat. fr. 284. Vgl. Herod. 2, 156, der gegen ihn polemisiert.
S. hierüber Diels, Herodot und Hekataios. Hermes XXI.
154 J. Marquart,
daran liegen musste, sich die zweite Hauptstadt mit ihren reichen
Hilfsquellen zu sichern. Das Umsichgreifen des Abfalls auch in
Babylonien hätte ihn dann in den Tod getriebent). Allein wie
sich jetzt herausstellt, waren jene Schlussfolgerungen irrig. Die
Angabe des Ktesias beweist wohl eine richtige Kombination gegen-
über der Version Herodots, stammt aber nicht aus sicherer Über-
lieferung. Jetzt wird der Gang der Ereignisse erst recht ver-
ständlich.. Der Magier hatte sich auf dem Berge Arkadrıs in
der Landschaft Pisyahuwada zum Könige ausrufen lassen, welche
auch im Aufstande des zweiten falschen Bardija, Wahjazdäta, eine
Rolle spielte (Beh. III 42), indem derselbe nach einer unglück-
lichen Schlacht von hier aus den Aufstand neu zu entfachen
suchte. Diese Landschaft scheint also für die Perser eine be-
sondere, durch die Überlieferung geweihte Bedeutung gehabt zu
haben und Oppert war daher von einem richtigen Gefühle ge-
leitet, wenn er in PisSijahuwadä den alten Vorort der Persis,
Πασαργάδαι, erkennen wollte, worin ihm Spiegel folgt?).. Wenn
er aber beide Namen auch lautlich gleichsetzt, so ist dies offenbar
verkehrt. Πασαργάδαν ist der Name des vornehmsten Gaues der
Perser, auf das Richtige führt uns aber die Angabe des Ktesias
bei Nikol. Dam. fr. 65, wonach Πασαργάδαιν eigentlich der höchste
Berg im Rücken der Stadt hiess®). Hierher bringt Kyros im
entscheidenden Kampfe gegen Astyages die Frauen und Kinder
aus der Stadt in Sicherheit. Dieser Behauptung dürfen wir
wenigstens soviel entnehmen, dass der Stamm seinen Hauptort
nach dem Berge, an dessen Nordseite er sich angesiedelt, benannt
hatte. Dass die Stadt Πασαργάδαι, wo sich zu Alexanders Zeit
das Grab des Kyros befand, in der heutigen Ebene von Murghäb
am Pulwär gelegen haben muss, hat Stolze gezeigt*). Der Berg,
welchen die Erzählung des Ktesias im Auge hat, kann daher nur
der Köh-i Pärüh sein, welcher die Ebene von Murghäb im Süden
abschliesst und den Fluss zwingt, sich durch die Pässe von Siwand
sein Bett zu graben. Dies ist der Berg Arkadrıs des Dareios,
und vom Namen dieses Berges ist der Name Πασαργάδαι abzu-
leiten: *pasarkadris oder *pasärkadrajah „die hinter (pasa)
dem Arkadris“ ἃ, 1. nördlich von diesem Berge. Auch der einzige
persische Stammname, dessen altpersische Form überliefert ist,
Patishuwaris — Πατεισχορεῖς (Strab. ıe 8, 1 p. 727), ist offenbar
von einem Orts- oder Landschaftsnamen abgeleitet. Pisiyahuwada
war der Name der Ebene von Murghäb).
1) Die Assyriaka des Ktesias S. 621.
5 Oppert, Le peuple et la langue des M£des p. 110. 117 n.
Spiegel, Die altpers. Keilinschr.? 228.
ὃ) Hist. Gr. min. I 60, 27. 61, 20. 22. Die Stadt selbst ist in dieser
Erzählung namenlos.
4) Verhandlungen der Ges. für Erdkunde. 1883. S. 288 ff.
5) Ptolemaios 6, 8 p. 415, 9 setzt die Πασαργάδαι (cod. B Πασαρ-
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 155
Nachdem Gaumäta den Vorort des Hauptstammes der Perser
gewonnen hatte, wird es ihm rasch gelungen sein, die Huldigung
der übrigen persischen Stämme zu erlangen, sodass er seine Hand
nach dem Nachbarlande der Persis, Susiana mit Anzan, dem
Stammlande der ältern Linie der Achaimeniden, ausstrecken konnte.
Am 9. Garmapada zog er daselbst ein und liess sich, sei es in
der Hauptstadt von Anzan, der Residenz der Vorfahren des Kyros,
sei es auf den Ruinen der alten Reichshauptstadt Susa!) zum
König der Länder proklamieren.
δάγαι) an die karmanische Küste neben die Χελωνοφάγοι, ein Irrtum,
der mit der falschen Position, welche er den Städten Πασαργάδα (93° L.
30° 30° Br.) und IT«ß«ı-Ispahän (93° 40° L. 30° 10° Br.) anweist, zu-
sammenhängt. Vgl. Eränsahr S. 29 A. 3. Dass mit der Notiz des
Plin. h. n. 6, 99: fumen Sitioganus, quo Pasargadas septimo die navi-
atur nichts anzufangen ist, hat Stolze a. a. Ὁ. 269 gezeigt. Der
itioganus, an der Mündung jetzt Mänd genannt, trägt den Charakter
eines über Felsblöcke dahinrauschenden Bergwassers, welches selbst
für die kleinsten Kähne unbefahrbar ist. Schon sein starkes Gefälle
schloss jede Schiffbarkeit aus. Es muss also irgend ein Missverständnis
des Onesikritos, der Quelle des Plinius, vorliegen. [Tomaschek,
Topographische Erläuterung der Küstenfahrt Nearchs 5. 60 f. = SBWA.
Bd. 121, 1890, Nr. 8 hält die Angabe allerdings nicht für ganz unmög-
lich, jedoch unter der Voraussetzung, dass Pasargadai mit H. Kiepert
in Pasa gesucht werde] Noch dunkler ist eine andere Stelle des
Plinius 6, 115/16: praeterea habet (Persis) in extremis finibus Laodiceam
ab Antiocho conditam. Inde (von Laodicea) ad orientem Magi optinent
Frasargida castellum, in quo Cyri sepulchrum est, et horum Ecbatana
oppidum translatum ab Dario rege ad montes. Lag Laodikeia an der
West- oder Ostgrenze der Persis? Der Name Frasargida ist, wenn
zichtig überliefert, von Pasargadai verschieden und kann nichts mit
diesem zu thun haben. Sollte also der blosse Namensanklang dazu
geführt haben, hierher das Grab des Kyros zu verlegen? Dagegen
spricht aber Strab. ıe 3, 1 p. 727 (Μάγοι neben Aycaıuevidaı und Llersı-
σχορεῖς in Persis). Und wo haben wir die offenbar ebenfalls östlich
von Laodikeia gelegene Magierstadt Ekbatana zu suchen ?
1) [Anzan oder Ansan, das bald als Land, bald als Stadt be-
zeichnet wird, war auch nach der Eroberung von Haymatäna zunächst
die Residenz des Kyros geblieben (Nabünäid-Kyros-Chronik II 4).
Leider ist die genauere Lage dieses uralten Fürstentums und seiner
Hauptstadt bis jetzt noch gänzlich unbekannt, doch muss diese allem
Anschein nach östlich bezw. südöstlich von Susa im Gebirge gesucht
werden. Hoffentlich glückt es de Morgan, sie wieder aufzufinden und
redende Zeugen über das Walten des Kyros und seiner Vorfahren sowie
der alten patesi’s ans Licht zu bringen. Jensen, ZDMG. 55, 1901,
S. 229 A. 2 erklärt Anzan für die Hauptstadt von Elamtu, während
Susa (Susun , Susi, Susan) ursprünglich der Vorort der Landschaft
Bara’su war, doch ist die von ihm in Aussicht gestellte Begründung
dieser These m. W. bis jetzt nicht erschienen. Allerdings erscheint
auch in der Seleukidenzeit ’EAvucis wieder als eine von Susiana ver-
schiedene, östlich von diesem gelegene Provinz; vgl. &. Hoffmann,
Auszüge aus syrischen Akten persischer Märtyrer 131 ff. Überdies ist
zu beachten, dass das Königreich Anzan und Susa sich bedeutend
weiter nach Osten und Südosten erstreckt haben muss als die achaime-
nidische Satrapie Susiana, und noch einen Teil des spätern Pärs um-
156 J. Marquart,
Welchen Weg Kambyses nach seiner Ankunft am Euphrat
eingeschlagen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit erkennen. Wäre
er den Euphrat abwärts nach Babylon gezogen und hätte hier
die Kunde vom Aufstande des falschen Bardija erhalten, so
wäre es schwer verständlich, weshalb er dann nicht sofort nach
Susiana marschierte, sondern nordöstlich nach Hamadan abbog.
Es bleibt daher das überwiegend Wahrscheinliche, dass er vom
Euphrat an denselben Weg zog wie später Alexander und über
Charrän und Nisibis nach Assyrien marschierte, wo er die von
Sardeis nach Susa führende Königsstrasse erreichte. Es ist
möglich, dass er bereits bei seiner Ankunft am Dijalä, etwa in
der Gegend von Chosrau’s II. Residenz Dastagerd beim heutigen
Sahräbän, die Kunde von der Erhebung seines angeblichen Bruders
erhielt und sich nun entschloss, vor allem den Pass von Holwän,
welcher den Zugang zum ganzen iranischen Hochlande beherrscht,
unverzüglich in seine Gewalt zu bringen und die medische Haupt-
stadt zu besetzen, ehe noch die Proklamation des Usurpators
auch hier ihre Wirkung ausgeübt hatte. Gelang es ihm, Medien,
dies Kernland des iranischen Reiches, das seine Selbstständigkeit
noch keineswegs vergessen hatte, in der Treue festzuhalten, so
mussten ihm die Persis und Susiana mit verhältnismässig leichter
Mühe wieder zufallen. Doch ist auch denkbar, dass er von An-
fang an Agbatana, ἐν τοῖσί οἱ ἦν τὰ πάντα πρήγματα (Her. 3, 64),
als Ziel ins Auge gefasst hatte. Von Galülä, 7 Par. nördlich
von Dastagerd, rechnete man bis Hamadän 71 (Ibn Rusta) bezw.
78 Par. (Ibn Chordadbih) oder 10—11 Tagereisen. In Hamadän er-
schien ein Bote des Usurpators mit einem Erlasse desselben, worin
er der Bevölkerung anzeigte, dass Bardija der Sohn des Kürus am
9. Garmapada in Susiana die Herrschaft über die Länder ergriffen
habe, und zum Abfall von Kambyses aufforderte. Istachrt }4v, 1 fl.
(Ibn Haug. }o9, 3) rechnet von Hamadän über Nihäwand auf
direktem Wege nach Gundesäpür in Chüzistän 70 Par. = 10 Tage-
reisen. Die Lage von Gundesäpür wird nach Rawlinson und
de Bode durch die Ruinen von Sähäbäd zwischen Susa und
fasste, da der König Silchak In-Susinak in Bändär Bufir in der Nähe
des mittelalterlichen R&sahr, südwestlich von Käzerün gebaut hat.
Die Tiefebene von Susiana mit der von Asurbanipal gründlich
zerstörten Hauptstadt Susa gehörte bis auf Nabünäid zum neubaby-
lonischen Reiche, wie zwei dort gefundene Inschriften Nabukodrosors
(Scheil, Textes elamites-sem. Ser. I 124. II pl.18 nr. 4 — Mem. de
la Delegation en Perse t. II. IV) und eine ebendaher stammende In-
schrift Amel-Marduks beweisen; vgl. Scheil, Textes elamites-anzanites
Ser. II p. XXIII = Mem. de la Delegation en Perse t. V. Unter Kyros
lag die Stadt des Gottes Susinak ebenso wie Assur noch in Ruinen
(Kyroseylinder Z. 80, vgl. van Hoonacker, Melanges Charles de
Harlez p. 325—329 und Dieulafoy, L’acropole de Suse p. 47), aus
denen sie erst Dareios wieder erstehen liess und zu neuem Glanze
erweckte.]
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 157
Süßtar bezeichnet. Vgl. Nöldeke, Gesch. der Perser und Araber
5. 41 N. 2. Ein Eilbote konnte jenen Weg trotz des schwierigen
Geländes vielleicht in der Hälfte dieser Zeit zurücklegen. Vgl.
die von Floigl, Cyrus und Herodot S. 82 Anm. 1 angeführten
Beispiele. Allein auch jetzt war Kambyses keineswegs gewillt,
dem Usurpator ohne Kampf das Feld zu räumen. Er teilte den
vornehmsten Persern mit, dass der angebliche Bardija ein Be-
trüger sei und er selbst seinen Bruder habe töten lassen). Allein
er fand keinen Glauben (Her. 3, 66): der Abfall, der in Medien
einen besonders gut vorbereiteten Boden vorfand, griff auch hier
rasch um sich, und ohne Zweifel genoss Bardija auch im Heere
des Kambyses zahlreiche Sympathien. Als dieser sich daher an-
schickte, nach Susiana gegen den Empörer zu ziehen, weigerten ihm
die Truppen den Gehorsam. Da übermannte den unglücklichen
König die Verzweiflung, so dass er von allen verlassen in den
Tod gieng?).. Auch in Babylonien wurde der falsche Bardija
sogleich anerkannt, als sein Bote mit dem Erlasse und der Nachricht
von der Einnahme Susiana’s eintraf: schon am 19./I. datiert man
nach Barzija, also nur 10 Tage nach der „Ergreifung der Herrschaft“,
und so lange brauchte der Bote wohl von Susa nach Babylon.
Der Zusammenhang der Begebenheiten ist also auch auf
Grund der Überlieferung sehr wohl verständlich, ohne dass man
zu willkürlichen Annahmen, z. B. dass Kambyses von Leuten des
Magiers ermordet worden sei?), zu greifen brauchte.
3) Natürlich ist es unhistorisch, dass Prexaspes alsbald die wahre
Persönlichkeit des Betrügers durchschaut und den König darüber auf-
geklärt habe, worauf Kambyses in einer Versammlung der Notabeln
diesen noch vor seinem Tode den ganzen Sachverhalt darlegen konnte.
Diese Erzählung, welche die nachmalige Entlarvung des Magiers (c. 67 ff.)
vorwegnimmt und überflüssig macht, setzt bereits die Meinung voraus,
dass Zu£odıg der Eigenname des Magiers gewesen sei (Her. 3, 61. 63.
64: ἐνθαῦτα ἀκούσαντα Καμβύσεα τὸ Σμέρδιος οὔνομα ἔτυψε ἢ ἀληϑείη
τῶν τε λόγων καὶ τοῦ ἐνυπνίου. 65). Sicherlich hätte Prexaspes auch,
falls Kambyses ihn als Werkzeug der Ermordung des Bardija be-
zeichnet hätte, den Notabeln gegenüber nach Lage der Dinge die That
geleugnet; vgl. c. 67. 74. Eine derartige Haltung wäre mit dem weiteren
Verlaufe der Begebenheiten am besten vereinbar. Die gegenwärtige
Erzählung Her. 3, 62—63 ist aufgebaut auf der falschen Annahme,
Bardija’s Tod sei erst während Kambyses’ Abwesenheit in Agypten
erfolgt. Nur unter dieser Voraussetzung war Kambyses’ Zweifel, ob
Prexaspes seinen Auftrag wirklich ausgeführt hatte, möglich.
Noch dramatischer, aber darum keineswegs wahrscheinlicher ist
das mit dem Tode besiegelte Bekenntnis des treuen Prexaspes, das der
Entlarvung des Magiers unmittelbar vorangeht, ohne doch auf diese
irgend welchen Einfluss zu üben Her. 3, 74— 75.
1) Die Inschrift von Behistün I 43 sagt, dass sich Kambyses erst
nach der offiziellen Thronbesteigung des Gaumäta tötete.
2) Arthur Lincke, Forschungen zur alten Geschichte I. Zur
Lösung der Kambysesfrage. Leipzig 1891, dem sich leider auch F. Justi,
Grundriss für iran. Philologie II 425 f. anschliesst.
158 J. Marquart,
„Als Kambugija den Bardija getötet hatte, da wusste das
Volk nichts davon, das Bardija getötet worden sei“ (Beh. I 31/32).
Nach dem Tode des Kambyses führte Gaumäta in Pärs ein
Schreckensregiment, das sich naturgemäss hauptsächlich gegen den
Adel richtete (Beh. 1 63 f£.)!). „Das Volk fürchtete den Gaumäta
wegen seiner Härte; er hätte wohl viele Leute (Edelinge) getötet,
welche den früheren Bardija gekannt hatten: deshalb hätte er die
Leute getötet, ‚damit sie mich nicht erkennen, dass ich nicht
Bardija des Kürus Sohn bin‘. Niemand wagte (daher) etwas zu
reden über Gaumäta den Magier bis ich kam“?). Der Potentialis
des Präteritums ist hier als Nachsatz eines zu ergänzenden irrealen .
Bedingungssatzes aufzufassen. Dareios will durch denselben eine
Vermutung über die Ursache der so befremdlichen 'Thatsache aus-
sprechen, dass die persischen Adligen sich trotz der scharfen Mass-
nahmen des Gaumäta ruhig verhielten. |
Der bisherige hazarapet (Gardepräfekt) Prexaspes wurde ab-
gesetzt und der Schutz des Herrschers Eunuchen übertragen
(Her. 3, 77). Allein trotz dieser Massregeln fühlte sich der neue
Herrscher unter den Persern nicht sicher, bei denen es Her-
kommen war, dass der König sich dem Volke häufig zeigte und:
deren feudale Verfassung den Häuptern der vornehmsten Adels-
häuser das Recht verlieh, jederzeit beim König Zutritt zu ver-
langen. So verlegte der Magier bald seine Residenz nach seiner
medischen Heimat?). Zur Zeit seiner Ermordung befand er sich in
der Burg Sikajahuwatis in der Landschaft Nisaja. Nach der Dar-
stellung Diodors (17, 110 vgl. Arr. 7,13,1) hätte man das Nnocıov
πεδίον (Her. 7, 40), wo die berühmten nisäischen Rosse zu vielen
1) Auch Her. 3, 67 sagt: ὥστε ἀποθανόντος αὐτοῦ (τοῦ Μάγου)
πόϑον ἔχειν πάντας τοὺς ἐν τῇ Acim πάρεξ αὐτῶν Περσέων.
3) Beh. 151—54. Vgl. Her. 8, 68: ὄτι τε οὐκ ἐξεφοίτα ἐκ τῆς ἀκρο-
πόλιος καὶ ὄτι οὐκ ἐκάλει ἐς ὄψιν ἑωυτῷ οὐδένα τῶν λογίμων Περσέων.
8) Der Gegensatz des Gaumäta gegen den persischen Adel und
sein Bestreben, die Macht desselben zu untergraben [vgl. Justi,
ZDMG. 53, 1899, S. 89 ff. Foy, eb. 54, 1900, S. 341—355], ergab sich
aus seiner usurpierten Stellung von selbst. Dagegen ist die Zerstörung
der Verehrungsstätten in Pärs nur zu erklären aus dem Eifer des:
Magiers für die strenge Zarathustralehre gegenüber den in manchen
Beziehungen laxeren Gepflogenheiten der mazdajasnischen Perser, wie-
750 Jahre später bei Ardasir. Vgl. Fundamente israelitischer und
jüdischer Geschichte 48 A. 3. Unter den Verehrungsstätten (djadana)
sind wohl Feuertürme zu verstehen, bei Ktes. ecl. 13 ἱερόν, dagegen in
der entsprechenden Szene bei Her. 3, 74. 75 πύργος.
[Was soll man nun dazu sagen, wenn der Historiker Winckler
(Altor. Forsch. II 2, 1900, S. 209) seinen Adepten verkündet: „der:
‚Magier‘ hat deutlich eine der priesterschaft feindliche politik verfolgt.
er war von einer volksbewegung getragen, welche sich gegen die
Orientalisirung des Persertums — also gegen adel und hierarchie —
richtete, und hat sein ziel durch steuererlasse und zerstörung von tem-
peln zu erreichen gesucht“. War etwa die Einführung der Eunuchen--
wirtschaft auch gegen die „Orientalisirung des Persertums“ gerichtet Ὁ].
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 159:
Tausenden weideten, auf dem Wege von Βαγιστάνη (Behistün).
nach Hamadän, 7 Tage von letzterer Stadt entfernt zu suchen.
Alexander soll hier 30 Tage verweilt haben. Allein die Ent-
fernung vom Berge Behistün bis Hamadän betrug nur 29 Par.
oder 4 Tagereisent). Strabon sagt dagegen, dass man die Fohlenau
(λειμὼν ἵππόβοτος) passiere, wenn man aus der Persis und Babylon
zu den Kaspischen Thoren reise?). Allein der gewöhnliche Weg
von Pärs nach den Kaspischen Thoren führt über Ispähän, Käschän
und Qumm nach Raj, dieser kann also hier offenbar nicht gemeint
sein, sondern nur eine Route, die sich mit der von Babylon durch
den Pass von Holwän nach Choräsän führenden Strasse kreuzte.
Man könnte daran denken, dass dem Gewährsmanne Strabons das
Itinerar Alexanders von Persepolis über Ispähän (Gabai) nach
Ekbatana und von da nach Raj und die an der Strasse Persepolis-
Ekbatana gelegene Station Nisacz vorgeschwebt habe und er der
Ansicht war, dass Alexander bereits bei der Verfolgung des Dareios
an der berühmten nisäischen Ebene vorbeigekommen sei. Allein in
diesem Falle würde er sich mit sich selbst wie mit der Überliefe-
rung in schreiendem Widerspruche befinden. Denn er spricht aus-
drücklich von einem medischen Nisaia, während das nur 24 Par.
nördlich von Persepolis®?) gelegene Nisaci noch zu Pärs gehörte und
von der Straße von Babylon nach den Kaspischen Thoren weit
ablag.. Wohl aber lag an der Strasse von Holwän nach Hamadan,
aber vor Behistün eine berühmte Ebene mit einer starken Festung,
die „Schlosswiese* xl} Zr oder einfach „die Wiese“ - Bi) ge-
nannt, wo noch in der Chalifenzeit die Kriegsrosse der Chalifen
weideten®). Dieser Ort lag nur 10 Par. von Holwän, 51 (nach
Ibn Rusta 48)5) Par. d.i. 7 Tagereisen von Hamadän. „Von
Marg al Qal‘a nach azZubaidija sind 7 (1. 9) Par. Der Weg führt
zwischen Bergen und fortlaufenden Dörfern entlang, bis man an
den Fuss des Passes kommt. In der Nähe des Passes ist ein Dorf
namens Achurin, eine Gründung der Sasaniden, dessen Bewohner
Kurden sind. Es befindet sich daselbst ein Feuertempel, den die
Magier hoch in Ehren halten und aus den entferntesten Ländern
1) Ibn Rusta 149,9 ff. Ibn Chord. 19, 11—13. ft, 8—11.
2) Strab. ı« 13, 7 p. 525.
2) Siehe Tomaschek, Zur histor. Topographie von Persien
I 30 ἢ se,
Ὁ. Tab. ΠῚ #14, 11 ἃ. 222 H. _ U Obo.
5) Κ΄, lo, 15 ist die Entfernung zwischen Marg al gal’a und
azZubaidija, ὁ m Kzıw, in Äzm3 zu verbessern, wie auch Ibn Haugal
hat. Jäg. II #iv, 5 gibt ὃ Par., Mugq. 1 Tagereise. Ebenso ist S. |, 9
(Entfernung von QarmäSin nach adDukkän) mit Ibn Chordädbih.
zul: 4 für zu Ἵ zu lesen.
160 : J. Marquart,
von Zeit zu Zeit besuchen. Dann gelangt man zu einem Dorfe
namens Qacr Jazid, das 4 Par. von Marg al Qal’a entfernt ist,
dann erklimmt man den Pass und steigt nach az Zubaidija hinab“.
Qacr Jazid heisst sonst ze d.i. pers. Zazar, ap. tadaram „Palast“.
‘Nach Mis’‘ar b. al Muhalhil bei Jaq. III ον, 9. IV μα", 3 war es
‚der Kreuzungspunkt der Strassen nach Choräsän, Mäsabadan und
Mihragän qadag. Hier mündete also die Heerstrasse ein, welche
von Susiana nach Ekbatana führte, wie man auch aus Tab. I Y44,
6.12 ff. ersehen kann. Der Ort muss deshalb in der Nähe des
heutigen Härünäbäd gelegen haben. Marg al Qalia kann aber
nicht, wie Tomaschek ohne weiteres annimmt, identisch sein
mit der berühmten „Ammenau* oder richtiger der „nährenden
Au* Zr stv dajt marg Din. 01, 20, wo Bahräm Gör umkam?).
Denn diese Örtlichkeit lag ganz in der Nähe von Hamadan, wie
sich aus Ibn al Athir XII 15, 15 ergibt; vgl. eb. X 198. 476.
ΧΙ 15,15.19. Ich glaube daher, dass bei Strabon ἐκ τῆς Περ-
σίδος ein Versehen ist für ἐκ τῆς Σουσίδος, und Diodor die
nisäische Ebene fälschlich östlich statt westlich von Βαγιστάνη
verlegt. Dann stimmt die Entfernung von Ekbatana vorzüglich.
Wir hätten also das Nisäja der Inschrift von Behistün in
der Ebene von Marg al Qal‘a zu suchen, und die Landschaft würde
sich mit der parthischen Provinz Untermedien bei Isidor von Charax
ganz oder teilweise decken?). Die Burg (dıda) SikajahuwatiS könnte
mit der Festung xsläl} _ „ selbst oder mit „‚Li} Tazar identisch
sein. In diesem Falle hätte der Magier seine Residenz mit Ab-
sicht so gewählt, dass er dem Passe von Holwän möglichst nahe
war und auf diese Weise die Strassen nach Ekbatana und den
östlichen Provinzen wie nach Babylon und Susa jederzeit be-
herrschte. Es gab allerdings auch eine Landschaft Nes@ im nörd-
lichen Medien, die in der Sasanidenzeit ein Rustäk der Provinz
Hamadan war, aber unter Tähir Ὁ. al Husain samt ὃς ΕΝ zu
Qazwin geschlagen wurde?).
1) Vgl. Nöldeke, Geschichte der Perser und Araber 5. 103
Anm. 3. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien I 8.
2) [Ob die von Tiglatpileser III. erwähnte Stadt oder Landschaft
Ni3s$@ bezw. Ni-Sa-ai (vgl, Streck, ZA. XV, 328 f. 333) mit unserem
Nisaja identisch ist oder nicht, lässt sich weder bejahen noch ver-
neinen, so lange die -mit ihr zusammen genannten Städte und Land-
schaften Bit-Istar, Zakruti, Gizinikissi und Cibur nicht anderweiti
nachgewiesen sind. Mit Γάξακα, Ganzak, wie Streck will, hat @zine-
kissi jedenfalls nichts zu thun. Ganzak, pers. Gangak „Schatzhaus‘“, ist
achaimenidischen Ursprungs und kehrt in verschiedenen Landschaften
als Bezeichnung der Landeshauptstadt wieder.]
8) Ibn al Faq. Y1, 5. Pa., 13, vgl. arBuhni bei ὅ8α. IV wa, 7.
"Vgl. Tomaschek, Zur hist. Topographie von Persien I 11. Wohin
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 161
Der Schauplatz der Ermordung des Magiers ist bei Herodot
die (spätere) Hauptstadt Susa. Nach einer verblassten Erinnerung
scheint es, dass Dareios aus Parthien, der Provinz seines Vaters —
Herodot 3, 70. 72 nennt dafür fälschlich Persis — direkt nach der
medischen Burg gekommen ist und sich hier mit den andern Ver-
schwornen getroffen hat. Die Ausführung des Planes ward durch
das Mihragänfest wesentlich erleichtert: dies war das einzige Fest
im Jahre, an welchem sich der König der Könige öffentlich be-
trinken durfte). Eine der bei Herodot zusammengearbeiteten
Versionen über den Sturz des Magiers schrieb das Hauptverdienst
an der That dem Intaphrenes (Windahfarnäh) und dem späteren
hazarapet (Gardekommandeur) ’Aon«®ivng (Aspatanäh) zu, welch
letzterer bei ihm für den Ardumanis der Inschrift von Behistün
eingetreten ist, wogegen eine andere Quelle den Hauptanteil für
Dareios selbst und seinen Schwiegervater Gobryas in Anspruch
nahm (Her. 3, 78). Für die erstere Version tritt vor allem Aischylos
ein, welcher aus den Sieben neben Dareios nur den ’Aorape&vns
d. 1, Windah-farnäh 2) hervorhebt (v. 776—781):
πέμπτος δὲ Μάρδος ἦρξεν, αἰσχύνη πάτρᾳ
ϑρόνοισι τ᾽ ἀρχαίοισι᾽ τὸν δὲ σὺν δόλῳ
᾿Δρταφρένης ἔκτεινεν ἐσϑλὸς ἐν δόμοις
ξὺν ἀνδράσιν φίλοισιν, οἷς τόδ᾽ ἦν χρέος,
κἀγώ" ὅ)
Auch Hellanikos muss einer ähnlichen Erzählung gefolgt sein,
sonst hätte die Bemerkung des Scholiasten zu V. 778 keinen Sinn:
τοῦτον ᾿ΕἙλλάνικος Ζαφέρνην καλεῖ. Hellanikos schrieb wohl ’Id«-
peovns—*Widah-farnah, eine Nebenform zu Windah-farnah. Die
Inschrift von Behistün 4, 83 nennt ebenfalls den Windahfarnäh, Sohn
des Wajaspara an erster Stelle, bei Ktes. Pers. 14 steht er un-
mittelbar vor Dareios selbst, welcher den Schluss der Liste bildet.
Ammian 23,6, 30 die Heimat der nisäischen Rosse verlegt, ist unklar,
ebenso, ob er sich die Ländereien der Magier in deren Nähe denkt.
Seine Worte lauten: edunt apud eos prata virentia fetus equorum
nobilium, quibus, ut seriptores antiqui docent nosque vidimus, ineuntes
proelia viri summates vehi exultantes solent, quos Nesaeos appellant.
abundat aeque civitatibus ditibus Media et vieis in modum oppidorum
exstructis et multitudine incolarum. utque absolute dieatur, uberrimum
est habitaculum regum. In his tractibus Magorum agri sunt fertiles.
1) Duris von Samos fr. 13 bei Athen. X 45 p. 434D. Bei Ktesias
ecl. 14 ist es nicht Bakchos, sondern Aphrodite, die dem Magier ver-
derblich wird: die Verschworenen dringen ein, während er ein Schäfer-
stündehen mit einer babylonischen Odaliske hält.
2, Die Form Ἀρταφρένης steht zunächst für ᾿ἀνταφέρνης, wie
Ktesias geschrieben hatte (der Nasalstrich ist in unsern Hss. weg-
gefallen). Aischylos hat letztern Namen durch den ihm geläufigen
(vgl. V. 21) ersetzt. Die Wiedergabe von anlautendem ap. we durch
& wie in Aoraonns V. 22 = ap. Wistäspa.
8) Uber den unechten Vers 780 oben $. 138 A.
Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 11
162 J. Margquart,
Auf dieses sein Verdienst um die Wiederherstellung der legitimen
Monarchie gestützt, mag sich Windahfarnäh Freiheiten heraus-
genommen haben, die dem Dareios als mit der Würde des König-
tums unverträglich erschienen und seinen Untergang herbeiführten
(Her. 3, 118 ff). Angenommen der verhängnisvolle Vorfall habe
sich so zugetragen wie ihn die Sage schilderte, so konnte ihn der
König allerdings als Attentatsversuch auffassen oder wenigstens
zu einem solchen stempeln, und jedenfalls gab ihm derselbe einen
erwünschten Vorwand, das herkömmliche Recht der persischen
Stammfürsten, jederzeit unangemeldet beim König Zutritt zu ver-
langen, abzuschaffen, das die Wiederholung eines ähnlichen An-
schlags wie der, welchem er selbst die Krone verdankte, und damit
eine abermalige Thronumwälzung gar zu leicht zu machen schien.
Dagegen ist Herodots Zeitbestimmung der Katastrophe: αὐτίκα
μετὰ τὴν ἐπανάστασιν jedenfalls unhistorisch: sie kann natürlich
erst nach der Beendigung der verschiedenen Aufstände, von denen
Herodot nichts weiss, und wird wahrscheinlich erst nach der Ein-
meisselung der Inschrift von Behistün stattgefunden haben. In
der gegenwärtigen Erzählung Herodots ist Windahfarnäh ganz durch
ÖOtanes in den Hintergrund gedrängt worden, dessen Haus nach
dem Untergange der Familie des Windahfarnäh die erste Stelle nach
dem Königshause einnahm').
Schon vor dem Sturze des Gaumäta hatte Babylon seine
Herrschaft abgeschüttelt und wieder einen eignen König, einen
angeblichen Sohn des Nabünäid, aufgestellt: [am 10. TiSrit, also
an demselben Tage, an welchem Gaumäta getötet wurde, wofern
sich der altpersische Kalender damals mit dem babylonischen
deckte, datierte man bereits nach Nabü-kudurri-ugur. Dem Bei-
spiele der Babylonier folgte alsbald Susiana, wo sich A®rina
(elamitisch HasSina), der Sohn des Uk-ba-tar-ra-an-ma?) zum König
1) Phantasien bei P. Rost, Unters. zur altorient. Gesch. S. 107 ff.
—MVAG.1897,28.210ff. H.Winckler, Altor. Forsch. 1, 1898,13 84,
[3, 1901, 467 f. An letzterer Stelle erklärt der Verf. Ustanni, den Statt-
halter von Babylon und edir näri ἃ. i. 171772 729, Arbaja (Strass-
maier, Inschriften von Darius Nr. 82 Ζ. 2 vom 16./ VII. 3 des Dareios
bei Peiser, KB. IV 305) für „einen von den grossen adligen — den
angeblichen ‚sieben mördern‘ des ‚Magiers‘, unter welche Darius das
reich verteilen musste. sein anteil betrug den gesamten umfang des
weiland neubabylonischen, chaldäischen königreiches“. Winckler ver-
wechselt also den sonst unbekannten Satrapen von Babylon Us-ta-an-ni
ἃ. i. ap. Ustäna, gr. Ὀστάνης, Ὀσϑάνης oder Wistana, gr. Ὑστάνης
(Her. 7, 77), "Ior&vng Arr. 7, 6,4 mit dem den Griechen wohlbekannten
Hutana, der mit der Unterwerfung von Samos betraut wurde Her. 3,
141 ff. Vgl. diese Unters. I 12—14. Die Verwechslung dieser beiden
Personen wird dadurch um nichts entschuldbarer, dass die Namen
schon von Trogus Pompeius (Just. I 9, 14 ff.) vermengt worden sind.]
2) So in der elamitischen Version I 57. (H)assina ist regelmässige
elamitische Umschreibung von ap. Adrina, das mit Suffix -ina gebildet
ist von aw. ätars, gen. adrö „Feuer“ (vgl.‘Px®-ivns u. a.), der Sohn ist
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 163
aufwarf (Beh. I 72—81. IV 10—15. Beh. C. D.), allein dieser
Aufstand war von sehr kurzer Dauer. Die Herrschaft des Arina
hatte noch so wenig Wurzel gefasst, dass die Susianer auf die
blosse Aufforderung hin ihren neuen König an Dareios aus-
lieferten!), ein Beweis dafür, dass jener erst seit kurzem den
Thron der alten Könige von Susa bestiegen hatte. Um das un-
rühmliche und der grossen Vergangenheit des Landes wenig wür-
dige Ende dieses und des zweiten susianischen Aufstandes historisch
gerecht zu würdigen, muss man übrigens berücksichtigen, dass
seit der Eroberung von Anzan durch CiSpiS, den Urgrossvater
Kyros’ 11.5), zahlreiche Perser daselbst ansässig waren, die seit-
dem die herrschende Klasse bildeten und natürlich sofort der
Partei des Dareios beitraten. Die Inschrift erzählt den Aufstand
des A$rina vor dem des Nidintu-Bel, aber, wie ich glaube, nur
deshalb, weil er vor diesem beendigt wurde, als der Wieder-
hersteller der achämenidischen Monarchie noch in Medien weilte.
Dieser hatte nach der Beseitigung des Gaumäta zunächst noch
längere Zeit in Medien zu thun, um seine Herrschaft zu befestigen
und ein Heer aus dieser Provinz sowie aus Pärs an sich zu ziehen,
ehe er an die Bekämpfung des babylonischen Prätendenten denken
konnte. Von grosser Wichtigkeit war es, dass die Vizekönige des
Ostens, Dädr$is in Baktrien und Wiwäna in Arachosien, dem neuen
König der Könige ohne Anstand huldigten und dieser das wichtige
Parthien, mit welchem damals auch Haraiwa (Herät), Zranka
(Drangiana) und Asagarta (Köhistän) verbunden waren?) und das
somit die Verbindungen zwischen West- und Ostiran beherrschte,
in zuverlässigen Händen wusste. Vom 21. Kislev (IX.) — A9ri-
jadija existiert noch ein Täfelchen des Nabü-kudurri-ugur, aber
schon am 27. desselben Monats erzwingt Dareios den Übergang
über den Tigris und schlägt die Babylonier auf dem rechten
Tigrisufer. Nur 5 Tage später, am 2. Anämaka = Tebet (X.),
erringt Dareios den zweiten Sieg bei Zazäna am Euphrat (Beh.
183—96 = bab. 2.31—37), worauf sich Nidintu-Bel mit wenigen
also bereits iranisiert, während der Vater noch einen echt elamitischen
Namen (iranisiert Upadarma) trägt. Es ist übrigens zu beachten, dass
A®rina neben Fräda von Margiana der einzige Prätendent ist, der sich
nicht für eine andere Person ausgab oder Abstammung von einer
früheren Dynastie behauptete, also nicht „gelogen“ hat. Dies scheint
darauf hinzudeuten, dass er wirklich einem alten einheimischen Adels-
geschlechte angehörte.
1 Beh. I 82/83: „Darauf sandte ich nach Susiana (nämlich einen
Herold, der unter dem Schutze des Völkerrechts stand; vgl. die Boten,
die der Magier in die Provinzen und zum Heere des Kambyses ge-
sandt hatte Her. 3, 61/62); jener A®rina ward gebunden zu mir ge-
führt; ich liess ihn töten.“
2) Kyroseylinder Z. 21. Schrader, Keilinschriftliche Bibliothek
II 2 5. 125.
5) Vgl. Beh. 1 13—15. Dar. Pers. I 12—15.
11*
164 J. Marquart,
Reitern nach Babylon wirft. „Darauf gieng ich nach Babylon;
durch die Gnade Ahuramazdah’s nahm ich sowohl Babylon ein
als jenen Nadintabaira gefangen, dann tötete ich jenen Nadinta-
baira in Babylon“ (Beh. II 1—5). Wie lange sich Babylon nach
der Schlacht bei Zäzäna noch gehalten hat, ist aus dieser sum-
marischen Erzählung nicht zu entnehmen und war bisher auch auf
anderem Wege nicht genau festzustellen!),. Bei den Ausgrabungen
der babylonischen Expedition der Deutschen Orient - Gesellschaft
im Jahre 1901 ist nun ein Täfelchen zum Vorschein gekommen,
das Vermerke über Mehllieferungen enthält, die vom 6. Tebet bis
6. Sabat des Anfangsjahres des Dareios, Königs von Babylon und
Königs der Länder, ausgeführt wurden. Das Täfelchen ist wahr-
scheinlich am 6. Sabat oder an einem der nächstfolgenden Tage
geschrieben. Daraus ergibt sich aber, dass Babylon wahrscheinlich
noch im Tebet, also fast unmittelbar nach der Schlacht bei Zäzäna,
von Dareios eingenommen worden ist. Die angeblich 20 Monate
dauernde Belagerung der Stadt durch Dareios, von welcher
Herodot erzählt und bei welcher Zopyros eine Rolle gespielt
haben soll?), zerfällt somit völlig in nichts®). Allein der König
blieb, wie wir sehen werden, noch lange nach der Einnahme der
Stadt in Babylonien. Was ihn hier zurückgehalten hat, wissen
wir bis jetzt nicht.
Während Dareios in Babylonien war, wurden folgende Länder
von ihm abtrünnig: Pärs, Susiana, Medien, . Assyrien, Armenien,
Parthien, Margiana, Oatagus und die Saka. Die Reihenfolge dieser
Aufzählung ist nicht chronologisch, sondern rein geographisch.
Dies ergibt sich vor allem daraus, dass Assyrien vor Armenien
steht, obwohl es während des Aufenthaltes des Dareios in Baby-
lonien gar keinen aktiven Anteil an den nationalen Erhebungen
nahm, sondern nur im zweiten Stadium des armenischen Auf-
standes den Schauplatz einer Schlacht zwischen Wahumisa und
den Armeniern bildete (Beh. II 53—54)*). Pärs steht als Stamm-
1) Die älteste bis jetzt bekannte Urkunde aus der Regierung des
Dareios trägt das Datum 20./XI. des Antrittsjahres, aber keine ÖOrts-
angabe (Strassmaier, Inschriften von Darius Nr. 1); die betreffenden
Verträge stammen fast sämtlich aus Abu Habba — Sippar. Dann folgt
ein aus Babylon selbst datiertes Täfelchen vom Monat Simanu (IIH.)
des 1. Jahres des Dareios (Strassmaier, Inschr. von Darius Nr. 17).
3) Vgl. meine Assyriaka des Ktesias 625 f.
8) Siehe F. H. Weissbach, Babylonische Miszellen S. 48 f. —
Wissenschaftliche Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Ges. Heft 4,
Leipzig 1903. Ders., ZDMG. 51, 1897, S. 513. — Danach kann also
auch das Täfelehen vom 27./XI. des 8. Jahres des Kambyses (Strass-
maier, Inschriften von Cambyses Nr. 412) nicht mehr in die Zeit
der angeblichen Belagerung Babylons gesetzt werden. Weissbach,
ZDMG. 55, 208 vermutet einen Fehler entweder des Tafelschreibers
oder des Herausgebers.
*) Der Aufstand der Asagarta in Assyrien brach erst kurz vor
oder nach dem Falle des Frawartis aus (II 78---91).
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 165
land an der Spitze, trotzdem die Schilderhebung des Wahjazdäta
ohne Zweifel eine der spätesten unter den in jener Periode aus-
gebrochenen Empörungen ist. Allein auch die summarische Zeit-
bestimmung „während ich in Babylonien war“ ist wohl nicht ganz
wörtlich aufzufassen. Der zweite Aufstand ist nach der Reihen-
folge des Ausbruchs der des FrawartiS in Medien. Gegen ihn
entsendet Dareios, obschon seine aus Persern und Medern be-
stehende Streitmacht selbst klein war, eine Heeresabteilung unter
dem Befehle des Persers Widrna, eines der sieben Verschworenen.
Dieser stösst auf ein von einem Offiziere des Frawartis befehligtes
Heer und liefert den Medern schon am 27.1) Anämaka (X.) ein
siegreiches Treffen bei der Stadt Ma-ru-is!) in Medien, worauf er sich
in der Landschaft Kampanda festsetzt und die Ankunft des Königs
abwartet (II 13—29 = elam. II7—21). Die Landschaft Kampanda,
bei Isidor von Charax Καμβαδηνή, wo die Stadt Βαγίστανα 5) und das
Gebirge Cambandus?) oder Cambades*) lagen, reichte gegen Osten
bis ganz in die Nähe der Stadt Kinkiwar (Κογκοβάρ) 5). Man hat
über diesen und andere Siege der Heerführer des Dareios, welche
die Sieger zur Unthätigkeit verurteilt hätten, vielfach gespottet,
aber sehr mit Unrecht: den nächsten Zweck, zu welchem er aus-
gesandt war, hatte Widrna vollkommen erreicht, nämlich die die
Strasse nach Babylon beherrschenden Zagrospässe in seine Gewalt
zu bringen und damit eine etwaige Diversion der Meder zu Gunsten
der Babylonier zu vereiteln. Zu einem Marsche auf Hamadan
war er mit seinem Häuflein ohne Zweifel viel zu schwach. Wie
gefährlich für Dareios damals das Erscheinen eines neuen Feindes
in seinem Rücken hätte werden können, leuchtet von selbst ein.
Diese Erwägungen zwingen, wie ich meine, zu dem Schlusse, dass
der König den Widrna abgesandt hat, ehe noch die aufständischen
Meder die Zagrospässe besetzt hatten. Die Länge der grossen
Heerstrasse von Baghdäd über Holwän nach Kinkiwar beträgt
nach den arabischen Geographen 88 Par. oder 121/, Tagereisen.
Rechnen wir dazu noch die 3—4 Tage, welche zwischen dem
Tigrisübergang und der Schlacht am Euphrat liegen, so erhalten
wir im ganzen 15—16 Tage vom Euphrat bis nach Kampanda.
Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass wir einem Heere, zumal in
jener Zeit und im Gebirge, sicherlich keine durchschnittliche tägliche
Marschleistung von 7 Par. beilegen dürfen. Aus alledem wird man
schliessen müssen, dass Widrna sofort nach der siegreichen Schlacht
1) So die elamitische Übersetzung.
5) Isidor. σταϑμοὶ Παρϑ. ὃ 5 BAIITANA aus BATKEYTANA.
8) Plin. h. n. 6, 134 mons Cambalidus qui est Caucasi ramus nö.
von Mesabatene d. i. Kauß«Aldog, verlesen aus KaußdNdos.
ἢ) Plin. h.n. 5, 98 Cambades, ein Ast des Taurus, wie der Oroandes-
Elwend und Niphates. ;
5) Isidor. σταϑμοὶ Παρϑ. 8 5—6 bei C. Müller, Geogr. Gr.
min. I 250.
166 J. Marquart,
bei Zäzäna (2./X.) oder jedenfalls spätestens nach der Einnahme-
von Babylon, falls diese bereits um den 6./X. erfolgte, abgesandt
worden ist und 25 Tage später den Medern eine Schlacht geliefert
hat. Frawartis muss sich demnach unmittelbar nach dem Abzuge:
des Dareios aus Medien empört haben, noch ehe dieser den Dijala
erreicht hatte. Dasselbe ergibt sich mit noch grösserer Sicherheit
für den Aufstand des Martija-UmmanniS in Susiana (II 8—13)..
Über dessen Unterdrückung erzählt der König: „Damals war ich.
(im Begriffe) gegen Susiana zu marschieren ἢ). Darauf [bekamen:
die Susianer Furcht] vor mir, ergriffen jenen Martija, der ihr
Oberster war, [und töteten ihn]“. Danach hat man sich den
Verlauf offenbar so vorzustellen, dass Dareios auf dem Marsche
von Hamadän nach Babylonien die Nachricht vom Aufstande des-
Martija erhielt, worauf er den Weitermarsch nach Babylonien so-
fort unterbrach und sich (etwa von Kirmänsähän oder Härünäbäd)
gegen Susa wandte, um zunächst seine Flanke zu sichern. Er
kam aber gar nicht bis nach Susa oder Anzan, da die Susianer
auf die Kunde von seinem Anzuge den Usurpator selbst beseitigten,
worauf er den Marsch nach Babylonien fortsetzen konnte; der
Zeitverlust kann daher nur gering gewesen sein. Dareios hätte
somit, wenn er genau historisch berichten wollte, sagen müssen:
„Als ich im Begriffe war, gegen Babyionien zu ziehen, erhielt ich
die Nachricht, dass Susiana von mir abtrünnig geworden sei. Darauf‘
schickte ich mich an gegen Susiana zu marschieren, worauf die
Susianer vor mir Furcht bekamen und den Martija ergriffen und.
töteten. Alsdann setzte ich meinen Marsch gegen Babylonien fort..
Als ich den Nadintabaira bei Zazäna geschlagen hatte, erhielt ich
die Nachricht, dass sich Frawartis in Medien empört habe. Als ich
noch nicht nach Babylonien gekommen war, hatte er sich empört.“
Im Frühling, wohl im Garmapada (I.) seines ersten Regierungs--
jahres, sendet der König den Armenier Dädr$iS gegen die aufstän-
dischen Armenier. Nach den Erfolgen, die dieser errang, ist es.
freilich nicht wahrscheinlich, dass er über ein beträchtliches Heer
verfügte: nach drei Siegen in Armenien, bei Zuzza am 8./II., bei
der Festung Tigrä am 18./II. und bei der Festung Uhjäma am
9./IIL., sah er sich schliesslich gezwungen, hier auf Dareios zu
warten bis er nach Medien kam (II 29—49). Da er auch im
Spätherbste dieses Jahres, als Dareios den Perser Wahumisa mit.
einem neuen Heere nach Armenien sandte, nicht imstande war
diesem die Hand zu reichen, so kann jenes nur bedeuten, dass-
er sich vor der Übermacht der Aufständischen in die Festung;
1) [ada)kaij adam . asnaij . üäham . abij . Huwagam . pasawah .
hacamah . [atarsan(?) . Huwaglijah . awam . Martijam . agrbajan .
hjasam . maXistah . ahah . [utasim . awägalnan. Über asna:j vgl.
a oa ZDMG. 43, 666. Grdr. f. iran. Phil. 1 13 8 31; 146
8 260 e.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 167
Uhjama werfen musste. Als Wahumisa gegen Armenien rückte,
zogen ihm die Aufständischen bis nach der Landschaft Izzila in
Assyrien entgegen, wo er ihnen am 15./X. ein siegreiches Treffen
lieferte, das sie zum Rückzuge nach Armenien zwang. Die Land-
schaft /zzila ist vermutlich das Gebirge Izola der Syrer d. 1.
der heutige Tür ‘Abdin!). Der Schauplatz dieser Schlacht gibt
uns auch Aufschluss darüber, welchen Zweck der Aufstand der
Armenier verfolgte. Dass sie sich damals ebensowenig wie in
späteren Jahrhunderten dazu aufzuschwingen vermochten, „für ihr
eigenes Land zu leben und zu sterben“, geht aus dem gänzlichen
Schweigen des Dareios über einen Anführer unzweideutig hervor.
Wenn sie aber südwärts nach Assyrien vordrangen, so ist klar,
dass ihr Ziel Babylonien war. Sie müssen also von hier aus be-
wogen worden sein, sich gegen den neuen König der Könige
zu erheben und den eben unterworfenen Babyloniern zu Hilfe
zu kommen. Auf engere Beziehungen Armeniens zu Baby-
lonien weist ja auch der Umstand, dass nach dem Abzuge des
Dareios aus Babylonien ein Armenier die Babylonier abermals
zum Aufstande bewegt. Dagegen ist die Annahme, dass der arme-
nische Aufstand mit dem des Frawartis zusammenhänge, durch
nichts gerechtfertigt. Nach einem zweiten Siege Wahumisa’s in
der Landschaft Autijära in Armenien am 30./II. des folgenden
Jahres, des zweiten des Dareios, kam der Krieg zum Stillstand:
„dort erwartete mich dann Wahumisa in Armenien, bis ich nach
Medien kam“ (II 49—63). Damit war in der That die drohende
Gefahr eines Vordringens der Armenier nach Babylonien, das aller
Voraussicht nach ein Wiederaufflammen des babylonischen Auf-
standes im Gefolge gehabt und alle bisherigen Erfolge in Frage
gestellt hätte, beseitigt, und jetzt erst konnte der König sich der
Aufgabe zuwenden, Medien, das Kernland von Iran wieder in seine
Gewalt zu bringen. Allein erst im Sommer oder Herbst verliess
er Babylonien.
Inzwischen hatten sich aber sehr bedeutsame Ereignisse im
Osten abgespielt: die Parther und Hyrkanier hatten sich auf die
Seite des FrawartiS geschlagen, in Margiana hatte Fräda den Ver-
such gemacht, das alte ostiranische Königreich zu erneuern, und
im Stammlande Pärs selbst hatte Wahjazdaäta aufs neue den
Schatten des Bardija erweckt und das Volk dem Sohne des Kürus
begeistert zugejauchzt. „Es ward von mir abtrünnig, gieng zu
jenem Wahjazdäta über, er ward König in Pärs. Darauf entsandte
ich ein persisches und medisches Heer, das bei mir war. Ein
Perser, Artawrdija mit Namen, mein Diener, ihn machte ich zu
ihrem Obersten — das übrige persische Heer zog hinter mir her
nach Medien —; darauf zog Artawrdija mit dem Heere nach Pärs.“
Für die Herstellung eines pragmatischen Zusammenhanges ist
1) Im persischen und babylonischen Text ist der Name zerstört.
168 J. Marquart,
es von grundlegender Wichtigkeit, diesen Aufstand chronologisch
richtig einzureihen. Das von Artawrdija geführte Heer lieferte
dem Wahjazdäta am 12. Ourawähara (II) ein siegreiches Treffen
bei der Stadt Rachä in Pärs. Das Jahr der Schlacht ist nicht
angegeben. Es erhebt sich daher zunächst die Frage, ob Arta-
wrdija vom König erst bei seinem Abmarsche nach Medien im
Sommer oder Herbste des zweiten Jahres (nämlich zwischen dem
30./II. und dem 26. Adukanis), was nach dem Texte das Nächst-
liegende wäre, oder etwa schon im Frühling dieses Jahres (im
Garmapada) nach Pärs geschickt worden ist. Bei ersterer An-
nahme würde die Schlacht bei Rachä erst ins dritte Jahr des
Dareios fallen, bis dahin wäre also der Feldherr völlig unthätig
geblieben, in schreiendem Gegensatze zu der adlergleichen Rasch-
heit des Königs selbst, der alsbald nach seiner Ankunft in Medien
dem Frawartis eine Entscheidungsschlacht geliefert und noch im
selben Jahre dem medischen Aufstande ein Ende gemacht hatte.
Ich stimme daher Weissbach’s Ansicht (ZDMG. 51, 519) bei,
dass Artawrdija nach Persien zog, bevor der König Babylon ver-
liess, und die Schlacht bei Rachä ins zweite Jahr gehört. Nach
derselben hatte sich der Usurpator mit wenigen Reitern nach
PiSijähuwädä geworfen und brachte von da ein neues Heer zu-
sammen), mit dem er später abermals gegen Artawrdija zog,
allein in der Schlacht beim Berge Prga am 6. Garmapada ward
Wahjazdäta aufs Haupt geschlagen und geriet selbst samt seinen
vornehmsten Anhängern in Gefangenschaft (III 21—52). Hier
könnte man in der That an der Gleichsetzung des Garmapada
mit dem Nisan stutzig werden, da es Befremden erregen muss,
dass zwischen der ersten und zweiten Schlacht 10 volle Monate
verstrichen sein sollen. Diese Schwierigkeit würde wegfallen,
wenn der Garmapada mit Rawlinson, Unger, Justi dem babylo-
nischen Abu (V.) gleichzusetzen wäre. Allein Artawrdija mag
gute Gründe gehabt haben, den geschlagenen Prätendenten nicht
in dem durch schwer zugängliche Pässe geschützten Lande der
Pasargaden selbst aufzusuchen. Seine Lage war ja überhaupt
eine sehr schwierige, da er die Perser gegen ihre eigenen Lands-
leute führen musste, und wenn der König kluger Weise auch die
unter seinen Fahnen fechtenden Meder als Gegengewicht gegen
die Perser seiner Streitmacht einverleibte, so konnte er doch dem
angeblichen Sohne des Kyros gegenüber nicht durchaus auf die
Treue dieses Heeres rechnen.
Dass Artawrdija aber in der Zwischenzeit keineswegs unthätig
geblieben war, beweist der Schauplatz der zweiten Schlacht, sofern
der Berg Prga bei der heutigen Stadt Forg in der Nähe der
1) Über @jasatä vgl. Foy, ΚΖ. 35, 33. Bartholomae, BB.
XIV 246 f£ Fr. Müller, WZKM. VII 253. O. Hoffmann, BB.
XVII 285 £.
;
Ἷ
Η
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 169
Grenze zwischen Pärs und Kermän zu suchen sein wird. Hieraus
folgt m. E., dass Artawrdija inzwischen den grössten Teil von
Pärs einschliesslich der Landschaft Jutijä oder Jautija!) ἃ. 1. der
nachmaligen Provinz Krmäna unterworfen hatte.
Wahjazdäta hatte aber, selbstverständlich vor der Ankunft
des Artawrdija, ein Heer nach Arachosien gesandt, welches dem
dortigen Satrapen Wiwäna zwei Schlachten lieferte, die erste am
13. Anämaka (X.) bei der Festung Käpisakänis, die zweite am
7. Wijachna (XII.) in der Landschaft Gandumawa. In beiden ge-
schlagen floh der Feldherr des Wahjazdäta mit wenigen Reitern
nach der Festung Arsädä in Arachosien, ward aber hier von
Wiwäna, der ihm auf dem Fusse folgte, ergriffen und getötet
(II 52—75). Es handelt sich zunächst darum, den Kriegsschau-
platz dieser Episode etwas genauer festzustellen. Da von Arsadä
ausdrücklich angegeben wird, dass es in Arachosien lag, so werden
die beiden andern Örtlichkeiten, bei welchen eine nähere Be-
stimmung fehlt, ausserhalb des eigentlichen Arachosien in einer
der zur Satrapie Arachosien gehörigen Provinzen zu suchen sein.
Als solche kommen nach Beh. I 16—17 Gandära, Saka,
OataguS und Maka in Betracht. Da nun in der Übersicht Beh.
II 7/8 auch ein Aufstand der Oatagus und Saka erwähnt wird,
von dem in der Erzählung sonst keine Andeutung zu finden ist,
und @atagus unter den genannten Landschaften — abgesehen von
Maka, von welchem aber kein Aufstand gemeldet wird — Pärs-Ker-
man am nächsten lag, so kann es kaum zweifelhaft sein, dass die
arachosische Expedition des Wahjazdäta mit dem erwähnten Auf-
stande in engster Beziehung steht und Käpisakänis und Gandu-
mawa in @atagus lagen. Auch in der Inschrift I von Persepolis
erscheint @atagus noch unzweifelhaft mit Arachosien verbunden.
Der Schluss dieser Liste (Z. 17—18) lautet: @atagus Haratu-
watis Hindus Gandära® Sakä® Maka®. Diese Stellung ist nicht
zufällig, sondern lässt uns eine durch die inzwischen erfolgte Er-
oberung des oberen Induslandes veranlasste administrative Ver-
änderung erkennen. Lassen wir nämlich die beiden letzten Namen,
welche die äusserste Nordost- und Südostgrenze des Reiches be-
zeichnen, beiseite, so erhalten wir zwei genau geschiedene Gruppen
@atagusS-Hara®tuwatis und Hindus-Gandära. Das Indusland war
also wohl mit Gandhara zu einer neuen Satrapie vereinigt worden.
So erklärt es sich, warum @atagus von Gandära getrennt ist.
Man hat sich daher zu denken, dass der zweite falsche Bardija
wie der erste überallhin Boten aussandte mit der Aufforderung,
dem Sohne des Kürus zu huldigen. Die Oatagus folgten diesem
1) So ist zu lesen, wenn Weissbach den Namen im elamitischen
Text III 1 mit Recht zu Jja-Ü]-t-ja-as statt I-[ü-]ti-ja-ag ergänzt.
Herodots Οὔτιοι würde sich dem nicht widersetzen, da ionisches οὐ
d.i. ou auch ap. au wiedergeben kann (Assyriaka S. 637).
170 J. Marquart,
Rufe, vermutlich weil der Held Bardija von den Feldzügen des
Kyros her bei ihnen populär war, worauf der neue König eine
Streitmacht zu ihrer Unterstützung aussandtee Um den Verlauf
dieser Expedition militärisch und topographisch zu begreifen, ist
es indessen vor allem nötig, die damalige Verteilung der ost-
iranischen Satrapien zu kennen. Diese lässt sich aus Beh. I 16
und Dar. Pers. I 15—17 mit genügender Sicherheit ableiten. In
diesen Aufzählungen bilden Asagarta, ParYawa, Zranka und Ha-
raiwat), sowie Huwärazmija, Bächtri$ und Suguda je zwei beson-
dere geschlossene Gruppen, woraus sich ergibt, dass dem Satrapen
von Baktrien das ganze Stromgebiet des Oxus, dem von Parthien
aber ausser Parthien und Hyrkanien und dem Stromgebiete des
Har&-röod auch noch das Mündungsland des Hedmand, das ge-
priesene Kulturland Zranka (Drangiana, Sistän) unterstand, das
ganz ebenso im Süden die Brücke zwischen den durch die grosse
Wüste getrennten Ländermassen West- und Ostiran bildete, wie
Parthien im Norden (5. 163). Um den Oatagus die Hand reichen zu
können, musste das Heer des Wahjazdata Sistän passieren; dies war
aber selbstverständlich nur ausführbar, falls der Heerbann des
Satrapen von Parthien anderweitig in Anspruch genommen war,
da die Expedition sonst einen Feind in ihrem Rücken gelassen
und sich der Gefahr ausgesetzt hätte, von ihrer natürlichen Opera-
tionsbasis abgeschnitten zu werden.
Daraus folgt, dass die Parther und Hyrkanier damals bereits
von ihrem Satrapen Wistäspa, dem Vater des Dareios, abgefallen
waren und sich für den angeblichen ChSadrita, den Erneuerer des
Reiches des Huwachstra, erklärt hatten, dessen Dynastie sie eine
dankbare Anhänglichkeit bewahrten?). WiStä$pa hatte daher alle
1) Die Gruppe Asagarta \ Zranka
Pardawa f Haraiwa
von Süd nach Nord laufenden Reihen. Asagarta (das mittelalterliche
Köhistän) und Pardawa entsprechen zusammen dem Lande Pahlaw
nach der Bestimmung arRuhni’s (ZDMG. 49, 630 ff).
3) Dies lehrt die Erzählung des Ktesias bei Diod. 2, 34. Anonym.
de mulier. c.2. [Demetr.| περὶ ἑρμηνείας ὃ 218 ff. Nik. Dam. fr. 8 bei
Dindorf, Hist. Gr. min. I 12—13.
Die Thatsache, dass sich die Parther und Hyrkanier für den an-
geblichen Ch3adrita erklärten, beweist übrigens schlagend, dass die
Barkanier und Derbiker, über welche Megabernes und Spitakes, die -
Söhne des Spitamas und Enkel des Astyages, seit dem Tode des Kyros
als Satrapen geherrscht haben sollen (ὃ. 139. 145), nicht in der Nähe
der Hyrkanier gewohnt haben, geschweige denn, dass die Barkanier
mit den Hyrkaniern identisch sein können. Denn sonst hätten die
Parther und Hyrkanier doch sicherlich einen der beiden Enkel des
letzten Mederkönigs auf den Schild erhoben, statt sich dem unbekannten
Frawartis, der seine angebliche Abstammung vom medischen Königs-
hause gar nicht näher nachzuweisen vermochte und bis auf den König
Huwachstra zurückgehen musste, anzuschliessen. Ob es wirklich um
jene Zeit einen medischen Prinzen Ch3a#rita gegeben oder Frawartis
den Namen in Erinnerung an Kastaritu, den Präfekten von Karkassı
besteht aus zwei parallelen,
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 171
Hände voll zu thun, um die Kaspischen Thore zu sperren und
die Vereinigung der Parther mit den Medern zu hindern.
Für die Bestimmung der Lage von @ataguS bietet den ein-
zigen greifbaren Anhaltspunkt Herodots Verzeichnis der Steuer-
bezirke (3, 91), wo, allerdings an ganz unpassender Stelle, zwischen
Ägypten und Susiana, die Ἀπ υρόδωι mit den Γανδάριοι, ΖΔαδίκαι
und ᾿“παρύται als VII. Steuerbezirk zusammengefasst werden. Wir
haben uns hier nicht über den streng historischen Wert dieses
Verzeichnisses zu äussern, das augenscheinlich aus mehreren, schon
äusserlich durch besondere Formeln unterschiedenen älteren Quellen
nicht gerade geschickt zusammengearbeitet ist. Dies thut indessen
seiner Wichtigkeit als topographische und ethnologische Quelle
keinen Eintrag. Die Grundlage bildete ein altes, auf die frühere
Zeit des Dareios bezügliches Verzeichnis (A), das mit Ionien be-
gann und in dem die Steuerquoten durch die Formel ausgedrückt
waren: ἀπὸ τοῦ δεῖνος δεῖνα προσήιε (φόρος ἦν) τάλαντα. Dieser
Katalog war aber an mehreren Stellen beschädigt: vor Medien war
Armenien, hinter Medien Parthien mit Hyrkanien und Areia aus-
gefallen, die auf Baktrien (XII) und Πακτυϊκή (XIII) bezüglichen
Angaben waren verstümmelt!). Man versuchte daher, dies wertvolle
Dokument aus anderen Quellen so gut es gehen wollte zu ergänzen,
und so ist die gegenwärtige Verwirrung zustande gekommen. Die
Parther, Chorasmier, Sogder und Areier können niemals einen
Steuerbezirk gebildet haben: noch die Grabinschrift des Dareios
zu Nags i Rustam zählt die Länder Par$awa und Haraiwa einer-
seits, Bächtri$, Suguda und Huwärazmis andrerseits als zwei deut-
lich unterschiedene Gruppen d. h. Satrapien auf, obwohl sie sonst
den inzwischen eingetretenen administrativen Veränderungen Rech-
nung trägt. Wenn im Heere des Xerxes die Parther nicht mit den
Hyrkaniern und Areiern, sondern mit den Chorasmiern zusammen
denselben Führer haben, so beruht dies auf einem sehr verständigen
taktischen Prinzip. Bei grösseren Feldzügen, bei welchen Truppen
aus verschiedenen Satrapien zur Verwendung kamen, bildete nicht
die Satrapie schlechtweg den Korpsverband, "sondern die einzelnen
Völker wurden je nach der Übereinstimmung ihrer nationalen Be-
waffnung, Fechtart und Sprache zu neuen "taktischen Verbänden
und Führer der Liga gegen Asarhaddon (vgl. Streck, ZA. XV 320.
360 f.) frei erfunden hat, wissen wir nicht. In den Ländern des Hindu-
kus, die niemals zum medischen Reiche gehört hatten, waren die an-
geblichen Enkel des Astyages, wenn sie noch am Leben waren, aller-
dings kalt gestellt.
1) Die Worte μέχρι AiyAöv sind sicher verdorben, welcher Name
aber für Αἰγλῶν herzustellen ist, ist nicht mit Sicherheit auszumachen ;
schwerlich Σόγδων, ich vermute eher Dırkövyvor; vgl. Strab. νὰ 11, 8
Ῥ- 520 und Ktesias bei Steph. ΒΥΖ. Ρ. 565, 3: Σΐγυννοι, πόλις Αἰγυπτίων,
ὡς Κτησίας ἐν πρώτῳ περίπλων. οἱ πολῖται Σίγυννοι, wo AITTIITIQN
eine allerdings schwer begreifliche Verderbnis aus SITTNNRN sein
wird. Vgl. Müllenhoff, DA. UI 1.
179 | J. Marquart,
zusammengestellt, mochten sie sonst auch verschiedenen Satrapien
angehören). Die Hyrkanier und Areier unterschieden sich in der
Ausrüstung von den Parthern und erhielten darum eigene Führer
(Her. 7, 62. 66). Weshalb auch die Sogdier einem besonderen Be-
fehlshaber unterstellt und nicht mit den Baktriern vereinigt wur-
den, ist nicht deutlich; noch zu Alexanders Zeit fochten sie im
Heere des Bessos, des Satrapen von Baktrien (Arr. 3, 8, 3), doch
besass die Provinz ihre eigene Residenz (Arr. 3, 30, 6. 4, 5, 3),
wie auch Hyrkanien (eb. 3, 25, 1) und Drangiana (eb. 3, 25, 8).
Dass die nomadischen Saken, die sich von den ansässigen Iraniern
nicht bloss in Tracht und Bewaffnung, sondern ohne Zweifel auch
in Dialekt?) und Sitten unterschieden, mit den Baktriern zusammen
die Leibtruppen des Satrapen Wistäspa bilden (7, 64), hat jeden-
falls einen besonderen historischen Grund?). Ebenso ist nichts
dagegen einzuwenden, dass die Parther, Chorasmier, Sogder, Gan-
darier und Dadiken wegen ihrer mit der baktrischen überein-
stimmenden Rüstung zusammengestellt werden (7, 66), und es ist
augenscheinlich, dass der Redaktor des Verzeichnisses der Steuer-
bezirke unter dem Einflusse dieser Stelle steht, wenn er Parther,
Chorasmier, Sogder und Areier zu einem Bezirke vereinigt*). Ver-
bindet man nun die im Nominativ stehenden, aus anderer Quelle
(B) stammenden Namen der Bezirke VII, XI, XV—XVI und XX,
indem man die jetzt hinter Ägypten eingeschobenen Namen des
VII. Bezirks vor ’Ivdoi stellt, so erhält man eine in sich ge-
schlossene geographische Reihenfolge, die am Kaspischen Meere
(Κάσπιοι, Παυσίκαι, Ζαρεῖται) beginnt und in der Nähe des Indus
endet. Die Πακτυϊκή des XIII. Bezirks ist offenbar dieselbe Land-
schaft, die noch an zwei andern Stellen (3, 102 und 4, 44) bei
Herodot vorkommt und in der Nähe der Stadt Kaspatyros oder
Kaspapyros nicht weit von der Mündung des Käbulflusses in den
Indus?) zu suchen ist, wie ihre Stellung zwischen Baktrien und dem
vierzehnten Bezirke beweist, der die Sagartier, Zranka, Θαμαναῖοι
(Arachosien), Οὔτιοι (Jutijä) und Moxoı (Maka) umfasste und bis
zum erythräischen Meere reichte, d. h. der Satrapie Arachosien.
1) Das klassische Beispiel bildet die Vereinigung der Phryger
und Armenier Her. 7, 73.
2) Nach dem oben (5. 142) Bemerkten hätte das altertümliche
Mungi mit seinem Unterdialekt, dem im Thale Lud-Chö oder Jidok
auf der Südseite des Hindukus gesprochenen Jidyäh, den nächsten An-
spruch, als Abkömmling der alten Sprache der Sakäh Haumawargäh
zu gelten.
8) Vgl. Her. 9, 113. 1, 153.
*) Auf die weitere Unwahrscheinlichkeit des „Satrapienverzeich-
nisses“, dass die Baktrier 360, die IIxeıxavıoı und Αἰϑίοπες gar 400,
die Parther, Chorasmier, Sogder und Areier dagegen zusammen nur
300 Talente aufgebracht haben sollen, gehe ich hier nicht ein.
)8.u.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 173
Die Frage, wie es kam, dass mit dieser Provinz Πακτυϊκή die
Armenier nebst den benachbarten Stämmen bis zum Schwarzen
Meere verbunden wurden, ist nicht ganz leicht zu beantworten.
Die einfachste Lösung wäre die Vermutung, die Quelle A habe
zwei gleichnamige Landschaften Πακτυϊκή aufgeführt, von denen
die eine in der That mit den Armeniern zusammen einen Steuer-
bezirk gebildet und in der Quelle ihre richtige Stelle vor Medien
gehabt hätte, aber von dem Redaktor mit dem indischen Πακτυϊκή
identifiziert und deshalb samt Armenien hinter Baktrien gerückt
worden wäre. Jenes westliche Πακτυϊκή wäre in der heutigen
Gebirgslandschaft Dohtan zu suchen!). Gegen diese Annahme
lässt sich nicht einwenden, dass ja dieses Gebiet bei Herodot
sonst durch den Namen Marınvn vertreten sei?); denn diese
Schwierigkeit liesse sich durch die Benutzung ungleichaltriger
Quellen erklären. Allein der Landschaftsname Dohtän hat kein
hohes Alter, sondern ist seinerseits von dem des Kurdenstammes
w
FE DBochti abgeleitet, der noch nicht einmal den älteren ara-
bischen Geographen bekannt ist. Dies gilt sogar von Mas'üdi,
der doch der Geschichte der Nomadenstämme, und zwar auch der
iranischen und unter letzteren wieder besonders der Kurden, ein
eigenes Studium gewidmet hat und gerade über diese sehr gut
Bescheid weiss?). Der Stammvater der Kurden ist nach ihm Kurd
ὁ. Μαγα 4), worin sich eine überraschende Kunde von dem alten
Zusammenhange der räuberischen und nomadischen "Aucodoı oder
Μάρδοι und Κύρτιοι im Zagros erhalten hat°). Allein obwohl
er selbst mit der Topographie des heutigen Bohtän ganz gut ver-
traut ist und in der Nähe des Gebietes von al Maugil und des
Gabal al Gudr christliche Kurden, die Jakobiten und 15. δ
Güragän kennt®), finden sich unter den zahlreichen von ihm auf-
geführten Kurdenstämmen 1) die Bochti-Kurden nicht. Über das erst-
malige Auftreten dieses Stammnamens in der Geschichte schweigt
sich Hartmann aus, spricht sich aber S. 103 ausdrücklich gegen
den Zusammenhang desselben mit Herodots Πακτυϊκή aus. In der
1) Nöldeke, Neusyr. Gramm. XVII n. 2. Vgl. Kiepert, AG,
8 81 A.1. Hartmann, Bohtän S. 108 —= MVAG. 1897, 5. 43.
2, Her. 1, 202. 189. 5, 49. 52. Vgl. einstweilen Eränsahr 8. 221 A.1.
®) Murüg III 246—254. Kitäb at tanbih an, 14—1., 4.
Sr Oben 5. 157 A.
5) Ganz genau so werden Μάρδοι und Κύρτιον gepaart bei Strab. νὰ
13, 3 p. 523. ıe 3, 1 p. 727; vgl. noch Polyb. 5, 52, 5. Liv. 37, 40. 42, 58
und über die Form Κύρτιοι Nöldeke, Kardü und Kurden; Festschr.
f. Kiepert S. 78. ᾿
6) Vgl. auch die Rahzad?-Kurden 801,9 # am (assyrischen) Chäbur
Tanbıh of, 10.
ὅ Murüg III 254. Tanbih an, 1911, 3.
114 7. Marquart,
That würde, von den historischen Bedenken ganz abgesehen, schon
die anlautende Media jene Gleichung lautlich sehr zweifelhaft er-
scheinen lassen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das Ethnikon
bochti aber erst von einem Personennamen abgeleitet, und da
bieten sich von selbst die mit -bucht zusammengesetzten Namen,
wie Se-bucht, Bucht-i3ö‘ etc. Bei der Ableitung fiel der andere
Teil des Kompositums natürlich ab.
Ist somit eine Landschaft IIexrvixn im Westen nicht nach-
weisbar, so muss die nachgewiesene Verschiebung der Armenier
eine andere Ursache haben. Ich glaube dieselbe zu finden in den
Namen der Zayaorıoı (Asagarta) und Mvxoı.. Wir können min-
desten zwei Völker jenes Namens nachweisen, von denen das eine
zu den östlichen Ländern gerechnet und neben Par$awah gestellt
wird (Dar. Pers. I 15), während das andere den nördlichen Zagros,
etwa das heutige Bohtän, und das anstossende assyrische Gebiet
mit der Hauptstadt Arbela inne hatte!). Die Mvxo: (auch 7, 68)
entsprechen fragelos den Maka der Inschriften (Beh. I 17. Dar.
Pers. I 18) in Mokrän, den Mäkara der Inder, von welchen der
mittelpersische Landschaftsname Mäkuran, Mukuran, Mukran
abgeleitet ist, scheinen aber von dem Bearbeiter der Verzeichnisse,
wie schon die abweichende Namensform andeutet, mit den von
Hekataios in der Nähe von Armenien genannten Mvxoi kombiniert
worden zu sein?).. Auf die Frage, ob unter den Mwxoi des
Hekataios die Völkerschaft, welche der Landschaft Mukan, arab.
„Er; der heutigen Steppe Muyan südöstlich vom Araxes den
Namen gegeben hat?), oder die Bewohner der armenischen Provinz
Mokk‘ im Südwesten des Wansees®) zu verstehen seien, braucht
hier nicht eingegangen zu werden. Zu diesen Übereinstimmungen
kommt, dass auch der Name Ovrıo: sein Gegenstück in Armenien
hatte: es gab hier am Unterlaufe des Araxes eine Landschaft Otene?),
die in Arzach oder P'ajtakaran gelegen haben muss und geographisch
offenbar von Ut am Kur zu trennen, aber vielleicht mit der
Landschaft Οὐιτία der Alexanderhistoriker Medios und Kyrsilos
identisch ist, die in oder in der Nähe von P‘ajtakaran zu suchen ist).
1) Beh. II 79—91. TV 20—23. Beh. G. Ptol. VI 2 p. 391, 26—27
(nach archaischer Quelle). Vgl. einstweilen diese Unters. I 60 A.
2) Hekat. fr. 170 bei Steph. Byz. 5. v. Mvxoi‘ ἔϑνος περὶ οὗ Ἕκα-
ταῖος ἐν Acia „En Μυκῶν ἐς ᾿ἀράξεα ποταμόν“.
ὃ) Eränfahr 195. ZDMG. 49, 633.
8) Steckt in den Moschen? des Plin. ἢ. n. 6, 28 arm. Mokk‘, acc.
Moks? Ammian schreibt Moxoene mit Vokalassimilation nach syr. Be
Moksaje, wie Rufus Festus Madaeöna — syr. Be$ Mäadäje.
5) Plin. h. n. 6, 42: reliqua vero fronte, qua tendit ad Caspium
mare, Atrapatene ab Armeniae Ötene regione discreta Araxe.
6) Ich will hier nur darauf hinweisen, dass die Stadt Aivie, die
wahrscheinlich mit dem Gau Hani in P‘ajtakaran zusammenhängt (so
Andreas), in Uitia lag Strab. νὰ 7,1 p. 508.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 175
Indem also der Bearbeiter die Zayderıoı des vierzehnten
Steuerbezirks mit den Asagarta des Zagros zusammenbrachte und
die Maka irrig mit den nordwestlichen Mvxoi/ des Hekataios zu-
sammenwarf, ward er dazu verleitet, auch die Armenier in ihre
Nähe zu bringen.
Dagegen ist jetzt unverkennbar, dass sich der die Sattagyden,
Gandarier, Dadiken und Aparyten umfassende siebente Bezirk des
Interpolators sachlich mit der Provinz Πακτυϊκή (XIII.) der ältern
Quelle deckt. Die Gandarier und Dadiken werden auch im Xerxes-
heere zusammengeordnet; sie trugen baktrische Rüstung (7, 66),
im Unterschiede von den eigentlichen Indusanwohnern. Die Gan-
darier, ap. Gandara, ai. Gandhära im untern Käbulthale sind
bekannt. In Ζαδίκαιν sehe ich eine indische Dialektform *Dadeka
(mit Suffix -«ka, vgl. Jackson, Awesta Grammar $ 839) — Darda,
Darada. Die Dardstämine nennen sich selbst Sin, ihre Sprache Sina
und erstrecken sich bis zur Indusbeuge und bis Gilgit und Jasin.
Die ᾿“παρύται decken sich mit dem Lande Po“ruta des Mihrjast?).
Auch Ptolemaios kennt an der Grenze von Areia gegen das Land
der Paropanisaden, also etwa am ÖOberlaufe des Häri-rüd westlich
vom Köh-i Bäbä, einen Stamm Παροῦται ).
Die OataguS erscheinen noch in der Grabinschrift des Dareios
von Nags-i Rustam, und zwar in folgender Völkerreihe: Zranka®
— Harabuwatis — @atagus — Gandära® — Hindus — Sakat
Haumaw°[rgät] — Sakä#® tigrachaudä®. Drangiana, das noch in der
Inschrift I von Persepolis mit Parthien und Haraiwa vereinigt
erscheint, war demnach seither mit Arachosien verbunden worden.
Wenn dagegen die Oatagus im Gegensatz zur genannten Inschrift
unmittelbar vor Gandära und HinduS gestellt werden, so erklärt
sich dies am besten bei der Annahme, dass sie jetzt mit diesen
beiden Ländern zusammen &inen Verwaltungsbezirk ausmachten.
Aus Herodot und der Inschrift von Naqs-i Rustam ergibt sich
somit, dass die @atagus nördlich von Arachosien und westlich
von Gandhära, also etwa im Köh-i Babä und am ÖOberlaufe des
Hölmand zu suchen sind. Über die den Schluss bildenden Saken
ist schon oben gehandelt.
Nach Dareios werden die @ataguS nicht mehr erwähnt. Im
Xerxesheere vertreten ihre Stelle die Πάκτυες, ein Volk mit
eigner Rüstung: Πάκτυες δὲ σισυρνοφόροι TE ἦσαν (d. h. sie trugen
Röcke aus Schaf- oder Ziegenfellen) καὶ τόξα ἐπιχώρια εἶχον καὶ
ἐγχειρίδια (Her. 7, 67). Auch dieser Volksname ist in der späteren
geographischen Literatur verschollen, wird aber in der Umschreibung
EEE P‘ok-tat noch je einmal im Ts‘ien Han-$u und im Höu
1) Oben 8. 73 £.
2) Ptol. 6,17 p. 433. 4 ed. Wilberg und Grashoff: ee δὲ τῆς
«Ἀρείας. 36 τὰ δὲ παρὰ τοὺς Παροπανισάδας Ilxgovraı (v. 1. Πάραυτοι,
“Πάρουτοι), ὑφ᾽ οὺς Ὀβαρεῖς.
176 J. Marquart,
Han-$Su erwähnt. Im erstern Werke heisst es von A-jih-San-li
d.i. Arachosien, benannt nach der Hauptstadt ᾿“λεξάνδρεια ᾽4ρα-
χωτῶν: „The country joins Ke-pin on the east, Po-taou [Pfok-ta£]
on the north, and Le-keen and Teaou-che on the west“). Ke-pin,
eigentlich eine Transskription von Kasmira bezw. präkr. * Kasvira,
bezeichnet hier das Sakenreich im Pangäb, über Li-kan und T'iau-
&ih vgl. Hirth, China and the Roman Orient p. 146. 172. Das
Höu Han-Su erzählt von Kru-tsiu-koh, dem Gründer des Kusan-
reiches: „Er fiel ein ins Land der An-sek (Arsakiden); er be-
mächtigte sich des Gebietes von Ko-hu, vernichtete auch Pok-tat
und Kr-pin und ward vollkommen Herr dieser Länder*?). Ko-hu
— Κάβουρα, Kabul vertritt hier das Königreich Gandhära, steht
demnach zwischen P‘ok-tat und Ki-pin in der Mitte. Daraus er-
gibt sich, dass Pok-tat westlich oder südwestlich von Käbul zu
suchen ist. Aus Herodot ist aber zu entnehmen, dass Πάκτυες,
im Gegensatze zu den rein geographischen Bezeichnungen Hara-
huwatı3 und (aw.) Hastumant, ein echter Volksname war, der in
älterer Zeit eine umfassendere Bedeutung hatte und auch die
Arachosier einschloss. Diese werden in dem Verzeichnis der Steuer-
bezirke (3, 98) und in der legendenhaften Erzählung Her. 3, 117
unter der epischen Bezeichnung Θαμαναῖοι d.i. ap. *Odämäna —
aw. Säma aufgeführt), wären aber im Kataloge des Xerxesheeres
gar nicht vertreten, wenn sie nicht unter den Πάκτυες einbegriffen
wären. Auf ein grösseres Volk lässt auch der Umstand schliessen,
dass die Rüstung der Paktyer der persischen gegenübergestellt
wird*). Dazu stimmt sehr gut, dass auch den früher zu Pärs
gehörigen Ovrio: (Jutijä im späteren Kermän), Mvxo: (Maka) und
Παρικάνιοι dieselbe Rüstung wie den Paktyern zugeschrieben wird
(7, 68)°). Die beiden letzteren Völker waren südliche Nachbarn
1) Ts’ien Han-Su Kap. 96 a, übs. von Wylie, Journ. of the
Anthropol. Inst. X, 1831, p. 38. 2
2, Hou Han-$u,Kap. 118 fol. 11, Übersetzung von Prof. de Groot;
vgl. E. Specht, Etudes sur l’Asie centrale p. 9. Eränsahr 5. 203
A.3. 208.
8) S. meine Abhandlung „Wehröt und Arang“.
4 Dagegen kommt der rein geographische Charakter des Namens
Harahuwatis auch darin zum Ausdruck, dass er später auf eine Stadt
und einen kleinen Bezirk im Garmsir beschränkt wird: ραχωτός Ptol.
6, 20 p. 438, 8 Χοροχοὰδ πόλις Isidor. von Charax σταϑμοὶ Παρϑ'. 8 19
— Horoxwad (mit regressiver Vokalassimilation, wie in mp. Ohormizd,
geschrieben 4ιολο ον — ap. Ahuramazdäh,) A203 Rochwat a. 544
Synodieon orient. p. 88, 17. 22. 28. 29. 89,1 — 343/44 ed. Chabot, arab.
> i se. Die Stadt heisst später she Tone ‚ an dessen
Stelle im 10. Jahrhundert das ein manzil entfernte ÖL: („AS Tägin-
αδαδ tritt.
5) Her. 7, 85: εἰσὶ δὲ τινὲς νομάδες ἄνϑρωποι Σαγάρτιοι καλεό-
μενοι, ἔϑνος μὲν Περσικὸν καὶ φωνῇ (ergänze mit Stein χρεώμενον
a
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 4177
von Arachosien. Ich glaube daher, dass OataguS „hundert Rinder
besitzend*1) die persische Bezeichnung eines nördlich von Ara-
chosien wohnenden Stammes der Paktyer war, und dass dieser
Volksname selbst bei der Auflösung des baktrisch - hellenischen
Reiches auf einen vom Königreich bezw. der Satrapie Arachosien
unabhängigen Stamm beschränkt wurde.
Mit der Selbstbezeichnung der Afyänen, Pextun bezw. Pastün,
plur. Pastäna, deren Sprache P@xtö bezw. P“$tö heisst, hat der
Name Πάκτυες nichts zu thun. Paxtün ist nur nordafyänische Aus-
sprache, das Ursprünglichere ist die südafyänische Form Pastun, die
ein älteres Pastan oder *Parstän voraussetzt, da afy. $ auf iran. $
bezw. sr, rs, r$ zurückgeht?). Aus dem Gesagten geht aber des
weiteren hervor, dass auch sachlich zwischen den Πάκτυες und den
Pagtan keinerlei Beziehung besteht. Der Name Χοροχοάδ, ‚ano
Rochwat, Se Be) Rochat, Rochag allein würde zu dem Be-
weise genügen, dass man in Arachosien, wenigstens im Garmsir,
nicht Afyänisch sprach. Gegen die verbreitete Annahme, die Afyänen
seien aus dem I’ör gekommen, hat Raverty mit Recht energisch
protestiert und betont, dass dieselben bei ihrem Eintritte in die
Geschichte östlich von Taznin wohnten und sich noch um 369 H.
(979/80) nicht nordwärts vom Flusse Kurma (Kuram) ausgebreitet
hatten®). Wann und woher sie dahin gekommen waren, ist freilich
gänzlich unbekannt. In Taznin war seit der Hephthalitenherrschaft
mehr und mehr die persische Verkehrssprache eingedrungen, die
einheimische Mundart, das Zäwuli, war aber zu Mahmüds Zeiten
sicher weder indisch noch afyanisch, sondern wird sich an die im
Süden und Westen angrenzenden, bis jetzt unbekannten Mundarten
angeschlossen habent). Dagegen könnten die φέξη möglicher-
weise in dem Stamme der Παρσιῆται stecken, welchen Ptol. 6, 18
Περσικῇ Ὁ), σκευὴν δὲ μεταξὺ ἔχουσι πεποιημένην τῆς τε Περσικῆς καὶ
τῆς Πακχτυικῆς. Es ist wohl zu beachten, dass hier von bedeutenderen
nationalen Unterschieden innerhalb der Iranier die Rede ist. Wie von
Dareios die Landschaft Jautija d. h. die spätere Provinz Kermän und
noch in dem Verzeichnisse der persischen Stämme Her. 1, 125 die Γερ-
μάνιοι ἃ. 1. *Krmäana (oben S. 144), so werden hier und in dem er-
wähnten Verzeichnis auch die nomadischen Asagarta (vgl. Dar. Pers. I 15.
Her. 3, 93) im heutigen Köhistän der persischen Nation zugerechnet.
1) So Bartholomae, Idg. Forsch. XII, 1901, 5. 130 A. 2.
2) Vgl. W.Geiger, Etymologie und Lautlehre des Afghänischen
819, 2.3 8. 51 — ἌΡΗ. d. bayer. Akad. I. Cl. XX. Bd. 1. Abth. S. 217.
Grar. f. iranische Phil. 12, S. 209 $ 6.
®) Minhäj-i Siräj, The Tabagät-i NäcirT transl by H. G. Raverty
passim, bes. p. 320 n. 4. 1032 n. 2. 1202/3 n. XIV. Desselben Ver-
fassers Notes on Afghänistän sind mir leider nicht zugänglich.
4) Ist. Yal, 2 — IH. 1, 6) beschränkt sich auf die Bemerkung,
die Sprache des T’ör sei verschieden von der Sprache der Chorasanier
d.h. der neupersischen Verkehrsprache der Samanidenzeit.
Philologus Supplementsband X, Erstes Heft. 12
178 | J. Marquart,
p. 435, 8 ed. Wilberg im südlichen Teile des Paropanisadenlandes
ansetzt: χατέχουσι δὲ τῆς χώρας τὰ. μὲν ἀρκτικὰ Βωλῖται, τὰ δὲ
δυσμικὰ ᾿Δριστόφυλοι καὶ ὑπ᾽ αὐτοὺς Πάρσιον, τὰ δὲ μεσημβρινὰ
Παρσιῆται ἢ), τὰ δὲ ἀνατολικὰ ᾿Δμβάται. Für Βωλῖται ist Καβολῖται
herzustellen, ᾿Δμβάται in “αμβάγαι zu verbessern, wofür VII 1, 42
weniger falsch “αμβάται geschrieben ist. Beide Verderbnisse er-
klären sich leicht. Das Land der Paropanisaden schloss also im Norden
das Gebiet von Käbul und im Osten das der Lampäka (Lamyän)
ein, die Παρσιῆταν würden demnach in der That etwa in das
Stammland der Afyänen östlich von Iaznin und südlich vom oberen
Kuram fallen. Dasselbe Volk könnte mit den Παργυῆται gemeint
sein, welche Ptol. 6, 20 Ρ. 437, 27 ins nördliche Arachosien setzt:
καλοῦνται δὲ οἵ μὲν τὰ ἀρκτικὰ τῆς χώρας κατέχοντες Παργυῆται 5),
οἵ δὲ ὑπ’ αὐτοὺς Συύδροι5), weh” οὺς ᾿Ῥωπλοῦται καὶ ᾿Εωρεῖται.
Diese Völkerreihe ist nämlich ganz willkürlich nach Arachosien
versetzt worden und gehört in Wirklichkeit in das Gebiet zwischen
Arachosien bezw. Gedrosien und dem Indus, wie die Eweeir«ıt)
und Σύδροι δ) beweisen. Die IagI’vjraı kämen somit auch hier
etwa in das Gebiet südlich vom Kuram, und die Änderung in
IIegCvnteı oder ΠαρΕ]Ιῆται ist mindestens ebenso leicht als
Grashoff’s Konjektur Παρθυῆται. Dagegen ist in der Grenz-
beschreibung p. 434, 30: οἵ Παροπανισάδαι περιορίζονται ἐξ ΤῸ:
ἀπὸ δὲ μεσημβρίας ᾿Αφαχωσίᾳ κατὰ τὴν ἐπιζευγνύουσαν τὰ ἐκκεί-
μενα πέρατα γραμμὴν διὰ τῶν Παρουητῶν δ) ὀρῶν eine Änderung
unnötig, da parwata im Indischen „Gebirge* bedeutet und der
Name des Stammes mit dem des Gebirges nicht zusammenzuhängen
braucht. Höchstens wird umgekehrt die Schreibung des Gebirgs-
namens bei den Abschreibern die des Stammnamens beeinflusst haben.
Aus diesen Darlegungen folgt von selbst, dass der Name
der Landschaft Πακτυική mit der nach Hekataios in Gandhära
gelegenen Stadt Κασπάτυρος bezw. Κασπάπυρος, wo die Ent-
deckungsfahrt des Skylax auf dem Indus ihren Anfang nahm
(Her. 4, 44) und in deren nördlicher Nachbarschaft die gold-
suchenden Inder ἃ. ἢ. die Darden wohnten (Her. 3, 102), mit dem
1) A Παρσιεῖται, F Παρσηΐῖται.
2) Παργυῖται F.
8) Σίδρον ADM, Σιδροί F.
4) Vgl. Plin. h. n. 6, 94: flumen Eorum, gens Orbi, flumen navi-
gabile Pomanus Pandarum finibus, und die ᾿Ωρεῖται Plin. h. n. 6, 95 etc.
Tomaschek, Topographische Erläuterung der Küstenfahrt Nearchs
8.18 £. — SBWA. Bd. 12771890, 87.5
5) Plin. h.n. 6, 92: Syndraci, Dangalae, Parapinae (E parapiane),
Cataces, Μαζὶ. S. "dazu Tomas chek, Zur historischen Topographie
von Persien 156 — SBWA. Βα. 102, 1883, 5. 198 und über die
Σόδραι Diod. 17, 102, sonst Σόγδοι genannt Arrian 6,15,4, Lassen
II: 183 A.1. Me Crindle, The invasion of India by Alexander the
Great ? 354.
6) Παρουητῶν ABDF Latt., Παρουιτῶν E Pal.1, Παρσυητῶν vulgo.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 179
Volksnamen Il«xtves in keinem Zusammenhange stehen kann. Es
muss hier vielmehr ein einheimischer Landschaftsname zu Grunde
liegen, und zwar kann m. E. nur die Landschaft Puskalawati am
Unterlaufe des Käbulflusses mit dem gleichnamigen Vororte, der
alten Hauptstadt von Gandhära in Betracht kommen, deren Ruinen
Sir A. Cunningham bei HaStnagar am linken Ufer des unteren
Swät, etwa 17 miles nö. von Pesäwar festgestellt hatt). Ich
sehe also in Πακτυϊκή eine griechische Umbildung einer alten
Präkritform *Pukkhalawati, päli Pukkhalaot! — skt. Puskalä-
wati, Puskarawati. Was zunächst die Endung -ıxn betrifft, so
ist dieselbe, wie schon der Accent beweist, offenbar rein griechisch
und nicht mit dem indischen und iranischen Sufhix -.ka (vgl.
Jackson, Awesta grammar 8 839) zusammenzustellen; Πακτυϊκὴ
yn steht auf gleicher Linie mit ähnlichen dem Herodot geläufigen
Ausdrücken, wie Σχυϑικὴ χώρη 2, 22 oder einfach Σχυϑική 4, 5.
22 ete., Περσική 1, 126. 4, 39 neben Περσὶς χώρη 3, 97 etec.,
Avöin γῆ 1, 79 etc. Der griechische Berichterstatter scheint den
Namen in Pukkhalaw-ati abgeteilt zu haben, so dass v als Wieder-
gabe von aw erscheint, wie in Παρϑυαῖοι = Pardawa u. a. Das
a für w der ersten Silbe würde sich dann durch Vokaldissimilation
erklären, wie in ”Aroo0« — aw. Hutaosa, "Audoyns, ᾿Δμύργιοι und
umgekehrt Ὁμάργης — ap. Haumawrga u. a. Die Aspiration der
Präkritform wird auch in den späteren genaueren griechischen
Umschreibungen nicht berücksichtigt?). Nur für das τ statt Z, r
weiss ich keine phonetische Erklärung. Man wird daher anzu-
nehmen haben, dass Skylax selbst Πακλυΐκη bezw. Πακρυϊκή ge-
schrieben hatte, dass aber derjenige, welcher zuerst die Original-
berichte des Skylax, Hekataios und etwaiger unbekannter Ge-
währsmänner zusammenarbeitete, den Namen jener Landschaft
mit dem Volksnamen Πάκτυες verknüpfte und nach diesem in
Πακτυική veränderte, wie er es auch mit den Maka gemacht hat?).
1) A.Cunningham, The ancient geography of India p. 41—51.
Me Crindle, The invasion of India by Alexander the Great. ‚New
ed., Westminster 1896, p. 59 n.5. Vgl. A. Foucher, Bull. de l’Eeole
d’Extr.-Orient I 334 ss.
2) Mit Ausnahme von Ptol., der die Stadt zweimal in ganz ver-
schiedenen Positionen verzeichnet hat, das erste Mal p. 438, 2 als
Φωκλίς (mit zurückgeworfener Aspiration) unter 118° 15° L. 32° 10° Br.
in Arachosien(!), das zweite Mal VII 1, 44 als Προκλαίς nach dem
Periplus des erythräischen Meeres unter 124° 20’ L. 33° 20° Br. in
Gandhära. Ganz ähnlich differieren die beiden Positionen, welche er
der Stadt Ναυλιβίς anweist: unter 117° L. 35° 30° Br. im Lande der
Paropanisaden (VI 18 p. 435, 20) und unter 124° 20° L. 33° 20° Br.
in Gandhära, sowie die Positionen von Aoaywrös-Xoooyodd (118° L.
30° 20° Br.) und ‘AAsödvdesıe-Kandahär (114° L. 31° Br.).
8) Es ist dabei vielleicht nicht bedeutungslos, dass dem Herodot
bezw. seinen Gewährsmännern der Wortstamm παχτυ- aus näherer Um-
gebung bekannt war: Πακτύης ein Lyder Her. 1, 161 (unter Kyros);
Πακτύη Stadt auf der thrakischen Chersones eb. 6, 36.
12*
180 J. Marquart,
Von der Landschaft Puskaläwati und ihrer Hauptstadt, wo der
Sitz der Verwaltung war, erhielt dann auch der ganze Steuerbezirk
den Namen, ähnlich wie die Satrapien Daskyleion und Sardeis
(ap. Sparda — Iydisch ξΞυάρ(δ»ις d. 1. *Üvardi).
Kehren wir jetzt zu der nach Arachosien gesandten Expedition
des zweiten falschen Bardija zurück, so ist nunmehr klar, das ihr
Verlauf nur unter der Voraussetzung verständlich ist, dass der
Satrap Wiwäna bei ihrem Anmarsche mit den aufrührerischen
OataguS im Kampfe lag und dadurch ausser stande war, jener in
Arachosien entgegenzutreten. So kam es im Lande der @atagus
selbst zum Kampfe, wobei es dem Satrapen gelang, die Ver-
einigung derselben mit den Persern zu verhindern und letztere
zum Rückzuge nach Arachosien, also nach Süden, zu zwingen.
Darauf mögen sich die OataguS (und wohl auch die Saka) wieder
freiwillig unterworfen haben. Ich habe früher die Landschaft
Gandumawa zweifelnd mit dem Orte .‚naAiz?) zusammengestellt,
wo nach Ibn al Fagıh der Gaihün (Oxus) oder vielmehr der eigent-
liche Fluss von Balch, der Dehäs entspringt). Ich halte diese Ver-
mutung jetzt für ganz wahrscheinlich. Ibn al Faqıh sagt: „Der
Gaihün kommt von einem Orte (oder Bezirk) namens Rewsaran.
Das ist ein Gebirge, das an die Gegend von Sind, Hind und
Käbul grenzt, und von ihm kommt eine Quelle, die an einem
Orte namens Iandumin entspringt‘. RöwSärän war ein Gebirgs-
distrikt in der Nähe von Bämijän, und westlich von Bämijan im
Bezirke Firüzbahär am Nordabhange des Köh-i Baba entspringt in
der That der Fluss von Balch. Tandumin wird daher im Fürsten-
tum Rewsärän gelegen haben, also eben in der Gegend, wohin
wir für Oatagus durch andere Indizien geführt wurden. Da aber
nach den obigen Ausführungen die Festung Käpisakänis, wo die
erste Schlacht gegen Wiwäna stattfand, offenbar noch östlicher
oder nördlicher lag als Gandumawa, so ist ein Zusammenhang mit
der von Kyros zerstörten Stadt Capisa, ai. Kapisa, im Thale des
T'’örbandflusses®) nicht mehr schlankweg von der Hand zu weisen.
KäpiSakäniS*) ist offenbar eine Vrddhibildung. -kanzs ist wohl
dasselbe Wort, das z.B. in „5 Nö-kän „Neustadt“, der Haupt-
stadt des Bezirkes Tös (Ja‘qübT, Geogr. vv, 20. fun, 12) vorliegt
und „Stadt, Dorf“, ursprünglich „Haus“ bedeutete; eine Nebenform
mit spirantischem Anlaut ist np. chan, chäna „Haus* = mp. chän,
chanak. Vgl. Horn, Grdr. der neup. Etymologie Nr. 465. kanıs
1) So lies mit c.
2) Ibn al Fagih bei ὅ8α. II iv}, 12. Vgl. Eränsahr 218 f. 227.
8) 5. Eränsahr S. 280 ff.
4) Wäre der Name vom np. käbisa Carthamus tinctorius, Saflor
abgeleitet (Justi a. a. O. 246), so könnte er selbstverständlich mit
skt. kapisa nichts zu thun haben.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 181
ist also synonym mit sogdisch -kat, -ka$, -kand „Dorf, Stadt“,
np. kad, kada, mäzand. kata (Ibn al Faq. }v4, 15) „Haus“; all
diese Ausdrücke sind von der Wurzel khan- „graben“ abgeleitet
und bedeuten ursprünglich „Grube*, „eine in den Erdboden ein-
gegrabene Wohnung“, wie solche noch heute in Persien und im
Kaukasus üblich sind. Vgl. Fr. Müller, WZKM. VI 355. Spiegel,
Eran. Altertumskunde III 675. Auch in den Pämirgebieten, zumal
in Wachän, wohnte man dem rauhen Klima entsprechend in Höhlen
oder wohl richtiger in solchen Erdwohnungen. Vgl. Eränsahr
S. 2251. 244. Was die Umschreibung betrifft, so wäre zur
Wiedergabe des skt. $ der diesem lautlich, nicht etymologisch
am nächsten stehende iranische Zischlaut $ gewählt worden, ge-
radeso wie auch Berüni, India 4,1 er lies als‘ kapıs
schreibt.
Da die Entsendung jenes persischen Hilfskorps, wie oben be-
merkt, vor der Ankunft des Artawrdija in Pärs erfolgt sein
muss, so gehören die Schlachten bei KäpisakäniS und Gandumawa
noch ins erste Jahr des Dareios. Dasselbe gilt von der ersten
Schlacht des Wistäspa gegen die aufständischen Parther und Hyr-
kanier bei der Stadt Wispahudzati$?) in Parthien am 22./XII. (Beh.
II 92—98). Auch der Sieg des DädrSis, des Satrapen von Baktrien,
über die Margianer am 23. AYrijädija (IX.) und die Niederwerfung
des Aufstandes des Fräda (Beh. III 10—21) werden noch ins erste
Jahr fallen.
In seinem zweiten Regierungsjahre brach Dareios endlich von
Babylonien nach Medien auf und zwar vorsichtigerweise mit einem
ausschliesslich aus Persern bestehenden Heere (Beh. III 32), nach-
dem er die unter seinen Fahnen fechtenden Meder dem gegen die
aufständischen Perser gesandten Artawrdija mitgegeben hatte.
In Kampanda verstärkte er sich durch die dort stehende
Streitmacht des Widrna (II 27—29). Dass er vor dem Zusammen-
stosse mit dem Feinde auch die in Armenien stehenden Truppen
des Dädr$is und Wahumisa an sich gezogen haben sollte, ist aus
militärischen und topographischen Gründen unwahrscheinlich.
Vielmehr wird der Ausdruck „dann erwartete mich Dädrsis bezw.
Wahumisa, bis ich nach Medien kam“ nur besagen, dass Dareios
erst nach der Niederwerfung des Frawartis in der Lage war,
seinen beiden Feldherren in Armenien Entsatz zu bringen und
den dortigen Aufstand zu beenden. Der König von Medien zog
ihm entgegen, und bei der Stadt Kundurus kam es am 26. Adu-
kaniS zur Schlacht, in welcher FrawartiS aufs Haupt geschlagen
wurde. Seine Niederlage war so entscheidend, dass er mit wenigen
Reitern nach der Landschaft Rag& floh. Wahrscheinlich hoffte er
1) So (Mi-iS-pa-u-za-ti-i5) der elamitische Text II 70. Es scheint
also im pers. Texte ( Wüspauz||tiS) nichts zu fehlen.
182 J. Marquart,
dort ein neues Heer aufzubringen oder sich von da eventuell zu
den ihm ergebenen Parthern- und Hyrkaniern durchzuschlagen.
Allein Dareios sandte ihm eine Truppenmacht nach, Frawartis
geriet in Gefangenschaft und ward an den Hof gebracht und als
Aufrührer in der Hauptstadt Hagmatäna gekreuzigt (II 64—78).
Ein Datum. wird wiederum nicht angegeben. Das Heer selbst
oder ein Teil desselben, aus lauter Persern bestehend, hatte Be-
fehl, von Ragä sofort nach Parthien weiterzumarschieren und zu
Wistäspa zu stossen. Mit diesen Verstärkungen rückte letzterer
gegen die Aufständischen und schlug sie am 1. Garmapada bei
der Stadt Patigrabana in Parthien (III 1—10). Damit war der
Aufstand in Parthien beendet.
Wäre zu erweisen, dass der Garmapada dem babylonischen
Abu (August-September) entspreche, so könnte der persische
Monat Adukanis in der That nur mit dem Düzu (IV.), wie
Unger und Justi annehmen, oder mit dem Nisan (I.) identifiziert
werden, da der Ajaru und Simanu bereits vergeben sind. Nach-
dem aber die Gleichung Garmapada = Nisan mit zwingender
Notwendigkeit festgestellt ist, so kann der Adukanis, entsprechend
der raschen Folge der Ereignisse nach der Ankunft des Dareios
in Medien, nur wenige Monate vor den Nisan fallen, und es
kommen ἄμμον für ihn, da Kislimu, Tebitu und Addarn schon
ihre bezeugten altpersischen Äquivalente haben, nur der Arach-
samna (ὙΠ) und der Sabatu (XL) in Betracht, Ist ον
Glied des Monatsnamens Margazama im armenischen Margac‘
(gen. plur) —= np. Bahman erhalten und jener Monat daher mit
dem Sabatu gleichzusetzen!), so käme auch letzterer in Wegfall
und es bliebe für den Adukani$, wie Oppert will, nur der
Arachsamna übrig. Allerdings ist der Name Margazana ; nur in der
elamitischen Übersetzung IIT 43 erhalten, wo er Mar-ka-za-na-as
geschrieben wird, was noch verschiedene andere altpersische Re-
stitutionen zulässt, da m auch für τὸ, k für g und z für € oder
ὦ stehen kann. Die genaue altpersische Form ist daher nicht
mehr festzustellen. Doch sind wenigstens die Lesungen Mrga-zana
(zu aw. m’r?ya „Vogel“) und Wrka-zana (zu aw. wahrka „Wolf*)
ausgeschlossen, da in diesem Falle im Elamitischen M irkazanas (vgl.
Mirkanijap — ap. Wrkäana, ionisch Ὑρκάνιοι) zu erwarten wäre 2).
Dagegen spricht gerade die von Justi aufgestellte Etymologie
von Adukanıs mit Entschiedenheit für die Gleichsetzung dieses
Monats mit dem Arachsamna und dem awestischen Apäm napät.
Nach Justi?®) ist Adukani (mit Vrddhi, wie bägajadıs und
1) Unters. zur Gesch. von Erän I 64 und A.58 Vgl. Justi,
ZDMG. 51, 1897, 249.
3) Vgl. zur Wiedergabe des sonantischen r im Neuelamitischen
W. Foy, ZDMG. 54, 356—360.
3, ZDMG. 5l, 245.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 183
aw. mäzdajasn‘) der Monat der Kanalgrabenden, von aw. adu,
adu „Kanal, Kahrez“. Nach der mazdajasnischen Legende feierte
man. aber am 10. Abän das Fest Abänagän zur Erinnerung daran,
dass Zau-i Tümäspan an diesem Tage den Thron bestiegen und
befohlen hatte, die Kanäle wieder auszugraben und in guten Stand
zu setzen, welche der Dämon Fräsijäk während seiner Usurpation
d.h. air der Glut des Hochsommers hatte verschütten lassen !).
Die Übereinstimmung des Adukanis mit dem Monat des Wasser-
genius Apäm napät im Sinne der mazdajasnischen Überlieferung
und damit mit dem babylonischen Arach-samna (November-De-
zember) ist somit evident. Die Schlacht bei Kundurus hat danach
im Arachsamna des zweiten, die bei Patigrabanä am Neujahrstag
des dritten Jahres stattgefunden, und Dareios ist erst Ende Tisrit
(VII) des Jahres 2 aus Babylonien abgezogen, nachdem er da-
selbst etwa 23 Monate, nämlich seit dem Ende des 9. Monats
seines Antrittsjahres verweilt hatte?). Welche Umstände ihn so
lange dort festgehalten haben, nachdem doch Babylon schon im
X. Monat des Antrittsjahres gefallen war, wissen wir bis jetzt nicht.
Jedenfalls fällt in diese Zeit auch die Neuordnung der Verhält-
nisse der zur Satrapie Babylonien gehörigen Provinz Ebir πανὶ
(79773 2?) oder ap. Ardaja ἃ. 1. Syrien mit Phönikien und
Palästina, sowie die Regelung der Judenfrage.
Nach dem Falle des Frawarti$ erhob Ci®rantachma bei den
westlichen Asagarta in Assyrien die Fahne des Aufruhrs und gab
sich für einen Nachkommen des Mederkönigs Huwachstra aus.
Allein die Stellung des Dareios war jetzt bereits so gefestigt,
dass er es wagen konnte, die eben niedergeworfenen Meder aus-
zuheben und einen Meder Tachmaspaäda an der Spitze eines per-
sischen und medischen Heeres?) gegen den König von Asagarta
auszusenden. Ci®rantachma ward geschlagen und geriet in Ge-
fangenschaft und ward in Arbela, der Hauptstadt von Assyrien
gekreuzigt (II 78—92). Ein Datum wird leider nicht angegeben.
Während Dareios in Persien und Medien war, wurden die
Babylonier zum zweiten Male abtrünnig. Der Armenier Aracha,
Sohn des Haldita, gab sich in der Landschaft Dubäla für Nabü-
kudurri-ugur, den Sohn des Nabünaäid aus, und alsbald gieng das
babylonische Volk zu ihm über, er nahm Babylon, er ward König
von Babylon. Dareios betraute den Meder Windahfarräh 4) mit der
1) Vgl. Berüni, Chronol. Pf, 5—6. Weiteres hierüber anderswo.
τ nn Das Antrittsjahr des νας ἴον war ein Schaltjahr. S. oben
= τὴ babylonische Text Ζ. 61 spricht nur von einem me-
dischen Heere.
*) Im persischen Texte III 83 ist der Name Würdefara® ge-
schrieben, doch sind die, beiden letzten Buchstaben etwas verwischt;
Ζ. 81 steht Wind“fer]a®, doch ist der senkrechte Keil des r noch
184 J. Marquart,
Aufgabe, den Aufstand niederzuwerfen. Am 22. Margazana ward
deutlich; Z. 85 ist der Name gänzlich zerstört. Die elamitische Über-
setzung hat III 40 ee: Z. 41/42 [Mi] | in-da-bar-na,
Z. 42/43 Mi-in- | da-bar-na, im babylonischen Text Z. 86—87 ist die
entsprechende Partie zerstört. Sind Rawlinsons Angaben durchaus zu-
verlässig, so können die altpersischen Zeichen nur Windahfarrah ge-
lesen werden, also bereits mit derselben Assimilation der Gruppe rn
zu rr, die ca. 570 Jahre später auf den Münzen des gleichnamigen
indoparthischen Königs durch die Schreibungen TNAJO®EPPOT,
TONZSO®APOT, TONAJABAPOT, kharostrI Gadapharasa, Guda-
pharasa d.i. Ga"dapharrassa, Gu"dapharrassa (gen.) wiedergespiegelt
wird (oben S.4 A.5). Da derselbe Name Beh. IV 83 für einen Perser
Wüindafarnah geschrieben wird und es sich an unserer Stelle um einen
Meder handelt, so lässt dieser Thatbestand m. E. nur die Deutung zu,
dass Dareios hier absichtlich die medische Form einmeisseln liess,
während der elamitische Übersetzer auch hier die ihm geläufigere alt-
persische Form einsetzte. Der Verlust des entsprechenden babylonischen
Textes ist daher um so mehr zu bedauern, als dieser bekanntlich mehr-
fach medische Namensformen (Barzija — ap. Brdija, Ar-ta-mar-zi-ia
ἃ. 1. med. Artawrzija — ap. Artawrdija, Za-a-tu-’ — ap. Däduhja) be-
wahrt hat. In den assyrischen Inschriften begegnen wir medischen
Namen wie A-Ü-ar(ri?)-pa-ar-nu, ....-bar-nu (unter Sargon), Si-dir-pa-
ar-na, E-pa-ar-na (unter Asarhaddon), Pa-ar-nu-at-tw — ap. Farnahu-
wati$ (Ortsname, unter Sargon). Vgl. H. Winckler, Untersuchungen
zur altor. Gesch. S. 111. 119 f. P. Rost, Untersuch. zur altor. Gesch.
S. 78. 88. 116. G. Hüsing, ZDMG. 54, 126. Streck, ZA. XV, 356 ff.
Man sprach demnach schon im 8. Jahrhundert auch in Medien nicht
mehr chwarnah-, wie im Awestädialekt, sondern farnah-, das hier aber
bereits zu Dareios Zeit zu farrah- geworden war. Daraus folgt, dass
die Sprache des Awestä nicht altmedisch sein kann, wie Justi will,
wenn sie auch später bei den medischen Magiern als heilige Sprache
Eingang fand. Dies Resultat ist nicht ganz bedeutungslos, Denn wenn
uns in der griechisch - römischen Über horn durchweg nur gaeva-
als erstes und -p&evns bezw. in den nordpontischen Kolonien -paxevog
als zweites Glied altiranischer Namen entgegentritt, niemals aber ein
Ἔχυαρνα-, ἔἜχοαρνα- oder ἔχορνα- bezw. -χόρνης — aw. chwar@nanh be-
gegnet, so konnte man diese befremdliche Thatsache zur Not auf
Rechnung der persischen Vermittlung setzen. Die lykischen Denk-
mäler sind leider zu dürftig, um für diese Frage etwas auszutragen.
Von besonderem Interesse wäre der lykische Name Qaränaka (Tituli
Asiae min. 1 48 p. 51, Xanthos: qja]rünaka pssureh tideimi; ib. nr. 51,
Xanthos: üte ne garünaka tuwelte] | gütbeh tideimi ehbi | wezzeimi
tehluse), falls er sich als iranisch erweisen liesse, da er dann als un-
zweifelhafter Repräsentent eines aw. *Chwarna-ka zu gelten hätte;
doch wird jenes dadurch sehr zweifelhaft, dass die Namen der Väter
(pssuri und g%tbe) nicht iranisch scheinen. Für Pärs wird die neu-
persische Form farr zuerst bezeugt durch Poseidonios bei Strab. ı& 4, 27
Ῥ. 785, der auf eine gleichzeitige oder jedenfalls nicht viel ältere Fürstin
dieses Landes namens Φάρξιρις — np. Farr-&ihr anspielt, deren Namen
er fälschlich mit dem achaimenidischen Παρύσατις —= ap. Parustjätis
„viel Freude besitzend“ identifiziert.
Bei den ältern Griechen (nachweislich bei Aischylosa) und Herodot)
a) ᾿ἀρταφρένης Aischyl. Pers. 21. 776; vgl. Τισ]σαφρένην CIA I 64
aus Ol. 92/93. Herodot passim.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 185
Babylon eingenommen und Aracha mit seinen vornehmsten An-
hängern hingerichtet (III 75—-91).
wird altpersisches -farnah, wenn es als zweites Glied zusammengesetzter
Namen auftritt, durch -φρένης wiedergegeben — anders dagegen als
erstes Kompositionsglieda). Diese Umschreibung beruht ohne Zweifel
zunächst auf volksetymologischer Anlehnung an gr. -po&ves, wie z. B.
Herodot (3, 62) bei Πρηξάσπης an ionisch πρῆξις erinnert wird, sie
dürfte aber ursprünglich durch eine kleinasiatische Aussprache mit
sonantischem r veranlasst sein, wie in Iyk. Cizzapräna Xanthos-Obelisk
Nords. Z. 11. 14. 15, Zisaprana eb. Ζ. 1 = Τισσαφέρνης,
Eine parthische Aussprache *frana- ist aus den beiden Eigen-
namen Βαρξζαφράνης bei Josephos (40 v. Chr.) und Φρανιπάτης bei
Strabon (39 v.Chr.) nicht abzuleiten, wie ich früher glaubteb). Erstere
Form wird nämlich durch die handschriftliche Überlieferung nur im
jüdischen Kriege als die ursprüngliche erwiesen, in der Archäologie
dagegen findet sie sich konsequent nur in der Handschriftenklasse
AMWP (letztere Hs. hat genauer Βαξαφράνης), während die übrigen,
darunter L (= codex Leidensis F_ saeculi fere XI membranaceus), die
Epitome und die alte lateinische Übersetzung, vielmehr auf Βαρξαφρα-
μάνης führen. Die varietas lectionis ist näherhin die folgende:
πόλ. ἰουδ. α 248. βαρξαφράνου P βαρζαφάνου MLVRC ὄγαξα-
frane Lat. barzafrane Heg. βαρξαφάρνου ed. pr.
8 249. Βαζαφράνην PA βαρξαφάνην MLC βαρξαφάνη VR
brazafranem Lat.
8 255. βαρξαφράνην PA βαρξαφάνην MLVRC brazafranem
Lat. darzafranen Heg.
8 433. Βαζξαφράνης P A Exe. Peirese. βαρξαφάνης MLVRC
barzafanes Lat. barzafranes Heg.
ἀρχ. ıd 330. βαρζαφραμάνης L βαρζαφαρμάνης FV βαξαφαρ-
μάνης E Photius bibl. p. 315 darzaframanes Lat. βαρξαφράνης AMW
βαξαφράνης P.
8 332. βαρξαφραμάνης F βαρσαφραμάνης L Βαξαφαρμάνης Photius
barzaframanes Lat. βαρξαφράνης AMW βαξαφράνης P om. V.
8 341. βαρξζαφραμάνην FL βαξαρφαρμάνην V βαξαφαρμάνην E
barzaframanem Lat. Βαρξαφαρμάνην Zon. 1Ip.41l1l βαρξαφράνην AMW
βαξαφράνην P.
8 343. βαρξαφραμάνης FL βαξαρφαρμάνης V Badapapucvns E
barzaframanes Lat. βαρξαφράνης AMW βαξαφράνης P.
8 346. βαρξζαφραμάνην FLLat. βαξαρφαρμάνην V βαξαφαρ-
μάνη E βαρζαφράνην PAMW.
a) Vgl. Φαρνοῦχος Aisch. Pers. 313. 966, bei Her. Φαρνάκης,
Φαρναξώϑρης etc.
b) Die assyrische Umschreibung -parna kann in der Frage, ob
farnah- oder franah- zu sprechen sei, nichts entscheiden, schon aus
dem einfachen Grunde, weil das Babylonisch-Assyrische wie alle semi-
tischen Sprachen eine Doppelkonsonanz im Anlaute nicht kennt, um
von der wilden Regellosigkeit und Willkür der assyrisch-babylonischen
Transskriptionen ganz zu schweigen. So schreibt Sargon Ha-ar-tuk-ka
d. i. natürlich nicht — Aeröxasg (Büdinger, Der Ausgang des medi-
schen Reiches. SBWA. 1880 S. 499. Justi, Iran. Namenbuch S. 127.
Rost ἃ. ἃ. Ο. 115. Streck, ZA XV 359), sondern = ap. Chratu-ka,
eine Kurzform zu einem Vollnamen wie aw. Spantö-chratu „heilige
Weisheit besitzend“ jt. 13,115. Dies gegen Hüsing, ZDMG. 54, 125 f.
186 J. Marquart,
Für die Bestimmung der Zeit dieses zweiten babylonischen
Aufstandes bieten die babylonischen Vertragstafeln bis jetzt keine
sichere Handhabe. Wenn aber, wie Duncker und Weissbach
annehmen!) und was auch mir das Wahrscheinlichste ist, die Zeit-
angabe der Inschrift (III 75—76): „während ich in Persien und
Medien war“ besagt, dass der Aufstand ausbrach, während der
König und seine Heerführer noch mit der Niederwerfung der
dortigen Aufstände beschäftigt waren, so muss derselbe noch ins
zweite Jahr fallen, da der medische Aufstand mit der Hinrichtung
des Frawartis und der persische mit der Schlacht beim Berge
Prga am 6. Garmapada (I.) des dritten Jahres ihr Ende fanden.
Dazu stimmt. dass ein Meder mit der Unterdrückung der baby-
lonischen Erhebung betraut wird: das Heer des Artawrdija war
also noch nicht verfügbar, gegen die semitischen Babylonier konnte
man es aber wohl wagen die eben unterworfenen Meder aufzu-
bieten und ihnen auf diese Weise rasch das gemeinsame Interesse
der Perser und Meder am iranischen Reiche der Achaimeniden
zum Bewusstsein zu bringen. Dareios war offenbar froh, den
medischen Adel ausserhalb des Landes beschäftigen zu können
und ihn so an die neue Herrschaft zu fesseln, während er die
Perser gegen die noch unter den Waffen stehenden Parther und
Hyrkanier verwenden musste. Aracha hätte sich demnach alsbald
ıe 12. βαρξαφραμάνης FLV βαξαφραμάνης P barzaframanes
Lat. βαρξαφράνης AM βαρζξαφραίνης W.
κ ἃ Βαξαφαρμάνης Phot. p. 818 βαρξαβάνης codd. E yo
βαρξαφράνης in marg. A barzanes Lat. Φαρναβάξου Photius p. 53.
Niese hat sich den Palatinus (= P) zum Führer genommen
und überall Βαξαφράνης, Naber völlig willkürlich Βαρζαφάρνης in
den Text gesetzt. Allein der Stand der Überlieferung lässt offenbar
nur die Deutung zu, dass Josephos in der Kriegsgeschiehte Βαρξα-
φράνης geschrieben und dies in der fast 20 Jahre später heraus-
gegebenen Archäologie in Βαρξαφραμάνης verbessert hatte. Aus dem
Jüdischen Krieg ist dann im Archetypus der Handschriftenklasse AM WP
und auch sonst teilweise die Form Βαρξαφράνης in die Archäologie
interpoliert worden. Als wirklicher Name des parthischen Satrapen,
den Moses Chorenaec‘i (II 19. 24. III 34) zum Geschlechtshaupt des
armenischen Notabelngeschlechtes der Rstunier und zum Feldmarschall
von Armenien und Persien gemacht hat, hat demnach Βαρξζαφραμάνης
zu gelten — altmedisch *Brza-framäna „erhabenem Befehle (folgend)*,
ein Vollname wie Σμερδομένης Her. 7,82. 121 —= ap. *Brdamanız „hoch-
sinnig“. Einen ähnlichen Vollnamen setzt die Kurzform ap. Brdija,
medisch Brzija voraus; vgl. Järıs zu Ζίατα-φέρης. Es wird daher sehr
fraglich, ob in Φρανικάτης (so die Hss.) Strab. ı& 2, 8 p. 751, Φρανι-
σάτης (Φρανηπάτης) Plut. Anton. 33, Φραναπάτης (so die Hss.) Kass.
Dion 48, 41, 3.4, Pharnastanes oder Pharnastates codd. Frontin 2, 5, 37,
wirklich farnah- zu suchen ist. Wahrscheinlicher ist der Name mit
Νιφάτης (Arr.1, 12, 8. 16, 3) d.i. ap. *ni-päta- „beschützt“ oder ni-pätar,
nom. -nipata „Beschützer“ (mit Anlehnung an gr. vıpas „Schnee“) zu-
sammenzustellen. Justi, Iran. Namenbuch 5. 108 ἃ deutet ihn zweifelnd
als „hervor(ragenden) Schutz gewährend (αν. nzpäite)*.
1) Duncker, GA.IV 405 A.1. Ihm folgt Weissbach a.a. O. 519.
au ie. . dee. suis Ν᾿
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 187
erhoben, nachdem Dareios aus Babylonien abgezogen und das Land
von Truppen entblösst war, was auch aus allgemeinen Erwägungen
sehr wahrscheinlich erscheint. Sollte sich diese Auffassung be-
stätigen, so wäre zugleich die Richtigkeit der Namensform Marga-
zana und die Identität dieses Monats mit dem babylonischen
Sabatu und dem armenischen Margac‘ bewiesen.
Weissbach 8. 520 macht dagegen darauf aufmerksam, dass
sich in den Urkunden zwischen dem 23./II. und dem 2./V. des
vierten Jahres des Dareios (Strassmaier Nr. 69 und 70) eine
Lücke findet, und in dieser Zeit der Aufstand ausgebrochen und
niedergeworfen worden sein könnte. In diesem Falle wäre der
Margazana dem Düzu (IV.)!) gleichzusetzen, wie Unger an-
genommen hatte, die Täfelchen vom 14./VI. und 16./VII. des ersten
Jahres des Nabü-kudurri-ugur könnten dann aber natürlich nicht
auf den Aufstand des Aracha bezogen werden. Bis es also ge-
lingt, durch Auffindung neuer historischer Texte den Aufstand
des Aracha zeitlich festzulegen, muss auch der Monat Margazana
unbestimmt bleiben. _
Der Aufstand des Ci®raätachma fällt ins dritte Jahr. Gegen
ihn wurde ein aus Persern und Medern zusammengesetztes Heer
ausgesandt. Offenbar war man der Treue der Meder im Kampfe
gegen den angeblichen Sprossen des gefeierten Huwachstra nicht
sicher und sollten die Perser das medische Kontingent im Schach
halten. Daraus schliesse ich, dass Dareios erst nach der Rück-
kehr des persischen Hilfsheeres aus Parthien an die Niederwerfung
des Cidraftachma gehen konnte. Daran mag sich dann die end-
liche Unterwerfung der Armenier angeschlossen haben.
Stellen wir nun die gewonnenen Ergebnisse in einer chrono-
logischen Tabelle zusammen.
1) Bei Weissbach steht infolge eines Druckfehlers „der VII.
Monat‘.
J. Marquart,
188
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189
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
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Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
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14/72
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(D
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614
(8)
192 J. Marquart,
Wir haben bisher angenommen, dass sich die altpersischen
Monate völlig mit den babylonischen deckten. In der That ent-
sprechen den altpersischen Monatstagen der Behistüninschrift an
den wenigen Stellen des babylonischen Textes, an denen die
Datumsangaben erhalten sind!), stets die gleichen Tage des dem
altpersischen substituierten babylonischen Monats. Da nun das
babylonische Jahr gleich dem altgriechischen ein gebundenes Mond-
jahr von 12 Monaten mit abwechselnd 29 und 30 Tagen war, das
alle paar Jahre durch Einschiebung eines ganzen Monats mit dem
Sonnenjahre ausgeglichen wurde, so dass sein Beginn immer wieder
auf das Frühlingsäquinoktium zurückwich, so war eine solche
Übereinstimmung der persischen mit den babylonischen Monaten
selbstverständlich nur möglich, wenn die Perser auch das ganze
Schaltsystem der Babylonier übernommen hatten. Dieses kann
aber keinesfalls einfach und allgemeinverständlich gewesen sein,
da es bis heute nicht gelungen ist, die für dasselbe giltigen
Regeln aus den Texten abzuleiten?). Es war also unzweifelhaft
schwierig zu handhaben, und daraus würde von selbst folgen, dass
die Perser für die Regelung ihres Kalenders fortdauernd von den
sternkundigen Babyloniern abhängig blieben. Dies will indessen
Oppert nicht einleuchten, und er glaubt daher, das altpersische
Jahr sei nicht mit dem babylonischen identisch, sondern wie das
später bei den Persern übliche mazdajasnische ein reines Sonnen-
jahr von 365 oder 366 Tagen gewesen, das in 12 Monate zu
30 Tagen und 5 oder 6 Epagomenen eingeteilt worden wäre?°).
Dabei ist er natürlich zu der Unterstellung gezwungen, „dass die
Gleichsetzung der babylonischen und altpersischen Monate nur an-
nähernd richtig war, und dass man beispielsweise den 14. Viyakhna
durch 14. Adar wiedergab, ohne nachzusehen, ob dieses syn-
chronistisch stimmte“.
Diese Auffassung setzt voraus, dass entweder eine der beiden
Versionen, sei es die persische oder die babylonische®), nur eine
1) Es sind dies folgende (nach C. Bezold, Die Achämeniden-
inschriften. Transcription des babyl. Textes etc. Leipzig 1882 —
Assyriol. Bibl. II):
bab. Z. 56: 30. Aiaru — ap. Il 61/62: letzter ®ürawähara —
elam. II 47: Ende des Surmar;
bab. Z. 52: 9. Simänu — ap. II 46]47: 9. Oäigretis — elam. II 55:
9. Saakurrizis;
bab. Z. 36: 26. Kislimu — elam. I 71: %. Assijatijas — ap. 189:
27. Adrijadija.
bab. Z. 46: 27. Tebitu = ap. II 26: 6. (?) Anaämaka = II 18/19:
27. Anamakkas.
bab. Ζ. 15: 14. Adar — ap. I 37/38: 14. Wijachna (elam. fehlt).
Vgl. auch Oppert, ZDMG. 52, 259 ff.
2) Vgl. zuletzt Weissbach, Über einige neuere Arbeiten zur
habrlaniek, -persischen Chronologie. ZDMG. 55, 195 ff.
ὃ ZDMG. 52, 266.
4) Die elamitische gebraucht die altpersischen Monatsnamen.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 193
sklavische, ja stumpfsinnige Wiedergabe der andern, oder dass die
Inschrift erst lange nach den Begebenheiten eingemeisselt worden
sei, so dass man sich darauf beschränken musste, die sei es per-
sisch, sei es babylonisch geschriebenen Öriginalberichte über die
einzelnen Aufstände zusammenzustellen und die von denselben ge-
botenen Daten einfach stehen zu lassen, da zur Herstellung der wirk-
lichen Synchronismen verwickelte Rechnungen nötig gewesen wären.
Was den erstern Punkt betrifft, so steht allerdings fest, dass
der persische Text als Original zu betrachten ist. Ein Babylonier
hätte ohne Zweifel streng chronologisch erzählt, wie der aus dem
22. Jahre des Dareios stammende erste Teil der babylonischen
Chronik sowie die Nabünäid-Kyros-Chronik beweisen. Dagegen
zeigt die episodische Erzählungsweise der Inschrift, die sogar jede
Jahresangabe verschmäht, dass sich eine historische Prosa bei den
Persern noch nicht ausgebildet hatte. Beispiele dieses episodischen
Stiles finden sich auch noch in den persischen Überlieferungen
bei Ktesias. Die Inschrift von Behistün steht also in dieser Hin-
sicht auf demselben Standpunkte wie die alttürkischen Inschriften
des Bilgä Chagan und Kültigin. Dass aber andererseits die baby-
lonische Version sich keineswegs auf eine sklavische Wiedergabe
der persischen beschränkt, wird schon durch die nur in ihr vor-
handenen genauen feindlichen Verlustziffern erwiesen, die ganz
dem Gebrauche der assyrischen Annalen entsprechen. Der
dupsar wird also auch die persischen Heere wie einst die der
Assyrerkönige begleitet, die Zahlen der gefallenen und gefangenen
Feinde sorgfältig aufgezeichnet und sofort im Namen der Heer-
führer Berichte über die einzelnen Feldzüge verfasst haben, die
dann an den König gesandt und später dem Archive zu Babylon,
Hagmätana oder Susa einverleibt wurden. Diese Originalberichte
muss der Verfasser der babylonischen Übersetzung der grossen
Inschrift selbstständig eingesehen haben.
Von grosser Wichtigkeit wäre es zu wissen, ob dieselben
ursprünglich babylonisch oder persisch geschrieben waren. Diese
Frage wäre freilich gegenstandslos, wenn sich Weissbachs
These, dass die altpersische Keilschrift erst auf Veranlassung des
Dareios erfunden worden seit), erweisen liesse. Zuzugeben ist,
dass wir vor Dareios, abgesehen von der kurzen Inschrift von
Muryab, deren Zuweisung an Kyros II. oder Kyros III. noch um-
stritten ist, bis jetzt keine Zeile in persischer Sprache besitzen,
während wir andererseits Beweise dafür haben, dass Kyros der
Grosse sich für Proklamationen des Babylonischen bediente. Allein
die Beschaffenheit der altpersischen Schrift sowie gewisse Eigentüm-
lichkeiten derselben sind nur unter der Voraussetzung verständlich,
dass sie bereits eine längere Entwicklung hinter sich hatte?).
=) ZDMG. 48, 664.
2) Ahnlich Jensen, ZDMG. 55, 239.
Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 13
104 J. Marquart,
Dazu rechne ich vor allem die höchst auffällige und sprach-
geschichtlich nicht zu rechtfertigende Erscheinung, dass das Zeichen
für u auch die Silbe hu vertritt, und zwar selbst in der Lautfolge
huwa —= aw. hwa und chwa, in welcher das Ah seit alters beson-
ders hart gesprochen wurde; vgl. Φαρνακχύας — ap. *farnatuwah-,
aw. chwar’nanuha (für *chwarnanhwä), mp. farrachw, np. farruch;
“ραχωτός — ap. Haraluwatis, aw. Harahwaiti';, Χοάσπης —
ap. *uwaspa. Diese Schrulle lässt sich meines Erachtens nur
dadurch befriedigend erklären, dass in der altpersischen Schrift
schon vor Dareios die neususischen Zeichen für εὖ und hu (Nr. 60
und 30 in Weissbach’s Schrifttafel, 5. Weissbach, Die
Achämenideninschriften zweiter Art S. 34. 35) graphisch zusammen-
gefallen waren. Freilich könnte man denken, dass für Kyros I.
und seine Vorfahren, die in Anzan residierten und sich selbst-
verständlich der dortigen Landessprache anbequemen mussten, kein
Bedürfnis nach einer persischen Schrift vorlag. Allein der Um-
stand, dass die elamitische Übersetzung der Inschrift von Behistün
durchweg die altpersischen Monatsnamen gebraucht, beweist un-
widersprechlich, dass unter CiSpiS und seinen Nachfolgern das öffent-
liche Leben in Anzan und seit Kyros II. auch in Susiana durchaus
auf persischem Fusse eingerichtet worden war. Das Nämliche
lehren die verhältnismässig zahlreichen persischen Lehnwörter meist
politischen Charakters im Neuelamitischen ). Es ist daher sehr be-
greiflich, wenn die Perser in Anzan, als sie die elamitisch-babylonische
Kultur annahmen, ohne doch ihre volkliche Eigenart aufzugeben,
auch das Bedürfnis nach einer für ihre Sprache passenden Schrift
empfanden. Von Anzan aus mag sich diese Schrift dann auch nach
dem benachbarten Pärs verbreitet haben, wo die direkten Vorfahren
des Dareios bis zur Gründung des Reiches des Kyros Könige
gewesen sein müssen!. Ich bin daher allerdings davon über-
zeugt, dass die altpersische Keilschrift älter ist als Dareios. Allein
1) Jedem Unbefangenen muss es angesichts dieser Thatsachen klar
sein, wie sehr sich diejenigen lächerlich gemacht haben, welche dem
Kyros und seiner Sippe das persische Volkstum absprechen zu sollen
glaubten. — Bekanntlich behauptet Dareios Beh. I 9—10, vor ihm
seien ὃ aus seiner Familie seit langem einander folgend (duwstätaranam)
König gewesen, gibt aber keinem seiner direkten Vorfahren, die er bis
auf Hachämanis aufzählt, den Königstitel. Durch den Cylinder des
Kyros Z. 12. 21 ist bekannt, dass Kyros und seine Vorfahren bis auf
Ci&pi8 einschliesslich Könige von An%an (Elam) waren. Diesen Titel
führt Kyros in der babylonischen Chronik II 1 noch beim Angriff des
IStuwegu im VI. Jahre des Nabünäid (551/50), im IX. Jahre dagegen
(548/47) heisst er auf einmal „König von Parsu“ (II 16 in Schrader’s
KB II 2 S. 131). Daraus schliesse ich, dass Kyros in der Zwischen-
zeit auch die Krone von Pärs erworben hatte, die vermutlich eben
durch den Tod des Arsama erledigt worden war, und damit die seit
dem Tode des Cispis getrennten Besitzungen der Achaimeniden wieder
vereinigte. Die ὃ Könige wären darnach:
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 195
damit ist noch nicht gegeben, dass dieselbe auch eine häufige
Verwendung fand und ihre Kenntnis eine nennenswerte Verbrei-
tung hatte. Jedenfalls dürfen wir bei den persischen Schreibern
nicht die Gewandtheit im schriftlichen Ausdruck und in der
raschen Anfertigung von Briefen und Berichten voraussetzen, welche
die auf den Schultern einer Jahrtausende alten ununterbrochenen
literarischen Tradition stehenden babylonischen Tafelschreiber
durch eine sorgfältige Schulung und langjährige Übung erlangt
hatten. Dazu kommt, dass die altpersische Keilschrift durch ihre
grosse Umständlichkeit, den Mangel an Ideogrammen etc. un-
verhältnismässig viel Raum und Zeit in Anspruch nahm und sich
daher trotz ihrer Deutlichkeit zu kurzer und rascher Bericht-
erstattung am allerwenigsten eignete. Dies war sicherlich auch
ein Hauptgrund, weshalb bei den Persern selbst, zunächst bei den
in amtlicher Stellung in Syrien, Agypten und Kleinasien weilenden,
aramäische Sprache und Schrift in Aufnahme kam, woraus dann
das unselige Zewäriön, die sog. Pahlawischrift entstanden ist).
Wann Kuhhäute (διφϑέραι) als Schreibmaterial bei den Persern
in Aufnahme kamen und welche Schriftart auf ihnen verwandt
wurde, wissen wir bis jetzt nicht). Die nur in elamitischer Sprache
abgefasste Inschrift Behistüin L, welche etwas auf das iranische
Schrittwesen Bezügliches auszusagen scheint, ist bisher nicht sicher
erklärt. Vgl. Jensen, ZDMG. 55, 232 ff.
Die Inschrift des Dareios selbst liefert allerdings für die
Entscheidung der Frage keine bestimmte Handhabe. Soviel ist
unzweifelhaft, dass sie sich an Ausführlichkeit und namentlich an
topographischer Genauigkeit mit den Inschriften der assyrischen
Könige nicht im entferntesten messen kann. Letzteres gilt in-
dessen ebenso für die uns erhaltenen babylonischen Chroniken —
und wie wenig eingehende Kriegsberichte dem Geschmacke der
kriegerischem Wesen abholden Babylonier entsprachen, kann man
1. Hachämanis.
2. Ci&piß, König von Ansan (und Pärs).
3. Kürus I., Kg. von 6. Arijäarämna, Kg. von
Ansan. Pärs.
Ι !
4. Kambugija 1., Kg. 7. Arsama, Kg. von Pärs.
von Ansan. |
Ι
5 Kürus II., Kg. von Wistäspa, Satrap von
Ansan, von Pärs, der Parthien.
Länder, von Babylon.
N
8. Kambugija 1]., Bardjja. 9. Därajawahus, Kg.
Kg. der Länder. der Länder.
1) Die erste literarische Erwähnung derselben finde ich bei Diod.
19, 23, 3, wo ein gefälschter Brief des Satrapen Orontes von Armenien
in syrischer Schrift (und Sprache) eine Rolle spielt.
2) Vgl. Assyriaka 536.
13*
106 J. Marquart,
am deutlichsten daraus ersehen, dass wir bis heute noch keinen
eigentlichen Bericht über den Untergang des assyrischen und die
Gründung des neubabylonischen Reiches von babylonischer Seite
besitzen. Für diese Vernachlässigung der Chronologie ist zweifel-
los der Verfasser der Inschrift selbst, nicht seine Vorlagen ver-
antwortlich.
Aus all diesen Erwägungen wird man schliessen müssen, dass
auch für offizielle Berichte von Beamten und Heerführern unter
den ersten Achaimeniden mindestens bis in die ersten Jahre des
Dareios hinein das Babylonische massgebend blieb. Ist demnach
anzunehmen, dass babylonisch geschriebene Berichte bei der Ab-
fassung der grossen Inschrift als Unterlage gedient haben, so wäre
es doch schlechthin absurd dem persischen Verfasser zuzutrauen,
er habe einfach die Daten seiner Vorlagen übernommen und sich
darauf beschränkt, die babylonischen Monatsnamen nach einem
bestimmten Schema durch persische zu ersetzen. Dies wird schon
dadurch ausgeschlossen, dass der Jahrestag der Beseitigung des
Gaumäta durch sein Zusammenfallen mit dem grössten iranischen
Feste allgemein bekannt sein musste. Ein so leichtsinniges oder
besser gesagt lüderliches Verfahren wäre nur dann glaubhaft und
begreiflich, wenn der König, der seine Untertanen in würdigen
und ernsten Worten zur Redlichkeit und Gerechtigkeit ermahnt
und sich bewusst ist, mit Ahuramazdah’s Hilfe nach gewaltigem
Ringen über Lüge, Empörung und Gewaltthat obgesiegt und das
von seinen Vorfahren durch Gerechtigkeit gegründete Reich wieder
hergestellt zu haben, selbst nichts weiter als ein niederträchtiger
Gleissner und Lügner gewesen wäre, wie uns Winckler und
Genossen glauben machen möchten.
Nichts deutet darauf hin, dass die Inschrift erst eine Reihe
von Jahren nach Beendigung der Aufstände eingemeisselt wäre.
Die nur persisch ausgefertigte fünfte Kolumne, welche noch von
der Niederwerfung eines dritten Aufstandes der Elamiten sowie
einer Erhebung der spitzmützigen Saken jenseits des Iaxartes unter
ihrem König Skunka erzählt, die mit den Aufständen im Anfange
der Regierung des Dareios in keiner Verbindung stehen und erst
mehrere Jahre später stattgefunden haben!), ist ebenso wie das
1) Rawlinson liest Z. 2—4:
imah . t|jah . adam . 1 akuunawa[m .
Mn. ar Vardam .[[ ὃ. chsaja
SEE ἄν ΚΕ ΤΟΣ
Dies ergänzt Oppert, Le peuple et la langue des Medes p. 158 5.
folgendermassen:
imah . t|jah . adam . 1 akuunawalm . ja
(ὃ. (du)[uwadadamam .] Yardam .[pasawah . jal®a . ch3aja
»ljah [| . abawam.
„Dies (ist) wjas ich] tat [bis] zum z[wölften] Jahre [nach] dem ich König
[wurde].“ äre Yardam sicher, so könnte allerdings das r vor der
Lücke nur zu du ergänzt werden.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 197
Bild des Sakenfürsten Skunka nach allgemeiner Annahme erst
nachträglich hinzugefügt worden. Die vier ersten Kolumnen da-
gegen bilden eine in sich abgeschlossene literarische Komposition
und sind aller Wahrscheinlichkeit nach bald nach den Ereignissen
eingemeisselt worden, zumal da sie ja nicht etwa dem Ruhme des
Königs, sondern ganz bestimmten praktischen Zwecken zu dienen
bestimmt waren. Dies geht auch aus Folgendem hervor.
Bei den Ausgrabungen der Deutschen Expedition in Babylon
ist ein Bruchstück des babylonischen Textes der Inschrift gefunden
worden!). Dadurch wird eine von mir schon lange gehegte Ver-
mutung zur Wahrscheinlichkeit erhoben, dass Dareios in den Haupt-
städten aller derjenigen Provinzen, die sich empört hatten, Duplikate
der Inschrift zur ständigen Warnung hatte aufstellen lassen. Man
darf daher annehmen, dass solche auch in Hagmatäna, Arbela, in
der Landschaft Jautijä (Kermän), in Parthien, Arachosien und in
Marw standen, und zwar werden dieselben nur den persischen
Text enthalten haben, wie das in Babylon gefundene Bruchstück
nur den babylonischen. In Pärs aber hatte man die auf die Auf-
stände dieser Provinz bezüglichen Daten jedenfalls noch in der Er-
innerung, und Dareios wird sich schwerlich der Gefahr haben aus-
setzen wollen, eventuell von seinen Landsleuten als Lügner ertappt
zu werden. Endlich ist noch zu bedenken, dass es doch etwas
anderes ist, wenn der König von Asien an weithin sichtbarer Stelle,
an der grossen Heerstrasse, die aus dem westlichen nach dem öst-
lichen Zweistromlande führt, seinen Völkern in den Sprachen der
drei wichtigsten Königreiche seines weiten Reiches feierlich seine
Siege über die gegen ihn aufgestandenen Empörer verkündet, als
wenn ein armenischer Mönch bei der Übersetzung griechischer
Werke ins Armenische oder armenischer ins Griechische Monats-
namen des festen römischen oder makedonisch-römischen Kalenders
durch solche des armenischen Wandeljahres verdolmetscht und um-
gekehrt?). Dies wird, hoffe ich, genügen, um in allen denjenigen,
welchen es um die Erforschung der Wahrheit und nicht darum
zu thun ist, durch möglichst gewagte, scharfsinnig sein sollende
Vermutungen unter suveräner Beiseiteschiebung der Überlieferung
einander zu übertrumpfen und von sich reden zu machen und für
ihre eigenen Hypothesen wie für ein neues Evangelium unbedingten
1) Vgl. Weissbach, Babylonische Miscellen. Wissenschaftliche
Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Gesellschaft IV, 1903, S. 24—26.
2) Vgl. über solche Vergleichungen Gutschmid, Kl. Schr. III,
346— 348. — Rätselhaft ist mir der Gebrauch syrischer Monatsnamen
in den aramäischen Inschriften von Arebsun (Zoropassos) in Kappa-
dokien (8. Lidzbarski, Ephem. der semit. Epigraphik I 5. 70. 71
Abb. 1 Ζ. 1. 322 Abb. A Z. 1. 323), da dieselben doch trotz ihres
astrologischen Charakters deutlich mazdajasnisch sind und in Kappa-
dokien der jungawestische Kalender herrschte, wogegen das syrische
und syrisch-makedonische Jahr ein gebundenes Mondjahr war.
198 J. Marquart,
Glauben zu verlangen, die Überzeugung zu befestigen, dass die
Inschrift des Dareios in allen drei Texten ernst genommen sein
will und ernst genommen werden muss!
Besteht aber irgend eine Nötigung oder auch nur Veranlassung
zu dem Glauben, das altpersische Jahr sei mazdajasnisch im engeren
Sinne und gleich diesem ein Sonnenjahr gewesen? Auf Grund
der altpersischen Monatsnamen allein lässt sich diese Frage weder
bejahen noch verneinen. Von den neun bekannten Namen enthalten
allerdings nur zwei, der Dägajadis und der Adryadıja 1) ἃ. 1. der
Monat der Verehrung des Baga bezw. des Feuers, eine unzwei-
deutige Beziehung auf den mazdajasnischen Kult und haben in den
dem Mithra und dem Feuer geweihten Monaten des Awestäjahres
ihr genaues Gegenstück. Genau dasselbe Verhältnis herrscht aber
auch in einer ganzen Reihe von Jahresformen, die uns erst aus
weit späterer Zeit bekannt sind, deren rein mazdajasnischer Charakter
aber unbestritten ist. Dies gilt vor allem von den Jahren der
Sogdier und der alten Sagzis. Ersteres hat mit dem völlig zum
awestischen stimmenden chwärizmischen Jahre nur die Namen des
1.2), VIIL?) und XII. Monats?) gemein. Um diese Thatsache richtig
zu würdigen, ist wohl zu beachten, dass es andererseits mit dem
altpersischen Kalender nicht bloss in der Benennung des VII. Monats
nach dem Baga-Feste („ix Vayakän), sondern auch darin über-
einstimmt, dass der im awestischen System dem Schöpfer (Dadwa,
gen. Dadusö) gewidmete X. Monat eigentlich namenlos ist: ap.
Anamaka, sogd. & pl Masä-püy d.i. offenbar der (Monat) nach
dem E,> Adrö. Dieser Name für den Feuermonat hängt augen-
scheinlich mit np. pü%, pul „das Anblasen (des Feuers)“, „Brennholz*
zusammen; vgl. Horn, Neup. Etymologie Nr. 339; Hübsch-
mann, Pers. Stud. 43. Es ist also der Monat des Anblasens des
1) Beachtung verdient, dass dieser Monatsname nicht die echt-
persische Bezeichnung des Feuers, ap. *fräta-, arm. hrat, sondern den
Awestänamen ädr- enthält, der sonst nur vereinzelt in altwestiranischen
Namen bezeugt ist (ἀτραδάτας, angeblicher Name des Vaters Kyros’ 11.
bei Ktesias; Areor&rns, Meder, Satrap von Medien und Gründer der
Dynastie von Atropatene).
2?) Nösard, chwär. _> mel Näusärge oder li>s, Röönä (so
lies) aus *Röönau. — Chwär. & = t, 9 = d vor palatalen Vokalen.
2) Sogd. 639) Abä-ng oder Abang Berüni, Chronol. ΤΠ, 7. v., 12.
Yo, 5, chwär. le bezw. soul (so lies) japa@-chan oder -chun
eb; ἔν, δ. vi,:12, 4. 16.- ‚Das ΟΞ des chwärizmischen Namens
entspricht entweder dem ap. -kani3 in ÄAdu-kanis, so dass derselbe be-
deuten würde „der Monat des Grabens der Wasser“, also mit dem ent-
sprechenden ap. Monat synonym wäre, oder es steckt darin ein Synonym
zu aw. napät- in Apam napät-, kappadok. ’Arousvare.
4) ag chföm — aw. chönaoma- „Freude“ ist auch im Chwäriz-
mischen als anderer Name des Ispandärmate gebräuchlich.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 199
neuen (heiligen) Feuers d. i. ursprünglich des Herdfeuers, skyth.
Teßıri. Von den Monatsnamen der Sagzis decken sich nur zwei mit
den awestischen: der }l,s 5 Tör-gajan-wa — Tistrjehe, arm.
Tre und der }, u Är-gajan-wa = ÄAdrö, arm. Ahekan
oder Ahkc!). Im armenischen Kalender stimmen vier Monate ein-
schliesslich des Navasard völlig mit den awestisch-chwärizmischen
überein: Navasard — chwär. Näausarge, Tre — chwär. Üire,
aw. Tistrjehe, Mehekan, Meheki—=aw. Miörahe (nach dem Mihragän-
fest benannt) und Ahekan, Ahkı?) = AYrö, chwär. Arö. Der Hrotic‘
(XII.) ist benannt nach dem ursprünglich am Schlusse des Jahres
gefeierten Allerseelenfeste, aw. Frawasınam, np. Frördigan, För-
digan, das im persischen und kappadokischen Kalender dem ersten
Monat den Namen gegeben hat, setzt also ebenfalls die mazda-
jasnische Jahresform voraus. Im Kalender von „S5,L=?), der
mit dem sogdischen einige Berührungen aufweist, stimmt höchstens
der Nösard zum chwärizmisch-awestischen Kalender; in dem der
1) Die beiden Namen sind wie folgt überliefert:
Berünt f}, 22 1.151. R NS.
a πο Da,
au ld Dreh, R "δὴ.
RR N SER
Das schliessende w@, mit dem wenigstens die Hälfte der Sagzimonate
zusammengesetzt ist, ist — np. mah „Monat“ mit Übergang von m in
w. Da zwischen & und | in beiden Formen noch ein Grundstrich steht,
so kann nicht einfach .‚LI5a3 ; ie arm. Ahekan) gelesen werden.
Ich vermute daher, dass us = np. „el (plur. von οἱ „Zeit“)
ist. Wahrscheinlich ist auch |, +2,» und 1» ὧν: 3, statt \o;3,m und
\njayt (p. V. Ne52,2) = sogdisch NU>Liä und INA zu lesen.
Börüni hatte die Monatsnamen der alten Sagzis vom Geometer
Abü Sa‘id Ahmad Ὁ. Muhammad Ὁ. ‘Abd al Galil as Sigzi gehört.
Zu seiner Zeit waren sie offenbar nicht mehr im Gebrauch.
®) Findet sich nirgends mehr arm. *[js&pf Aheri --- *Aheari,
8) Berüni 91 Sp. 2 ed. wx5 ἐς, R ss5 in Es kann selbstver-
ständlich keine ganz unbekannte Stadt gemeint sein, allein mit den,
überlieferten Schriftzügen ist nichts u Am nächsten käme
denselben die Verbesserung u > Cärjak — ahärjak „ein Viertel“, das
mit Asän, der zweiten Stadt von Gözgän, eine Doppelstadt bildete.
S. Eransahr 81. 86f. An BJ u De auf unsern Karten gewöhnlich
Charikar n. von Kabul ist natürlich nicht zu denken.
200 J. Marquart,
Stadt Qobä in Faryana, die eine Tagereise von OS an der Grenze
gegen die Charluchtürken lag, ist wenigstens der Mehr erhalten).
Die ganze Reihe der awestischen Monatsnamen findet sich
nur bei den westiranischen Mazdajasniern?), von denen die kappa-
dokischen eine Abzweigung aus achaimenidischer Zeit sind, sowie
bei den Chwärizmiern, und zwar stimmen die kappadokischen
Namen bis auf den ersten, der noch den altpersischen Namen der
FrawaSis bewahrt hat, genau mit den zu erwartenden spätalt-
persischen Formen der Awestänamen überein, während bei den
Chwärizmiern — wie bei Armeniern und Sogdiern — der erste Monat
Näusärge „Neujahr“ heisst und die meisten Monate neben der
gewöhnlichen awestischen noch eine andere Bezeichnung führen.
Beachtung verdient, dass dem Namen des IV. Monats nirgends
die Awestäform T’sztrjehe, sondern überall — bei Persern, Kappa-
doken, Armeniern, Chwärizmiern und Sagzis — die spätaltpersische
Form Tre (gen. von Tere-) zu Grunde liegt. Aus diesem ver-
schiedenen Verhalten der einzelnen iranischen Kalender geht un-
streitig hervor, dass die Benennung eines jeden Monats nach einem
besonderen Genius nicht notwendig zum Begriffe des mazdajas-
nischen Jahres gehört. Dagegen lehrt ein Blick auf den sogdischen
Kalender, dass als eigentliches Merkmal des spezifisch jung-
awestischen Kalenders die Einrichtung zu betrachten ist, dass
die einzelnen Monatstage nicht gezählt, sondern je besonderen
Genien geweiht und nach ihnen benannt sind. Dies hat zur
Voraussetzung, dass die Monate gleichmässig 30 Tage hatten, und
hierauf beruht die Liturgie des Sıröza. Die Sogdier nun ge-
brauchen für die 30 Monatstage ganz dieselben, durch die Laut-
gesetze des sogdischen Dialektes nur leicht veränderten Namen
wie die Chwärizmier und die persischen Mazdajasnier, ja der Name
des Schöpfers, dem der 8., 15. und 23. Tag geweiht sind, hat noch
die jungawestische Genitivform bewahrt®). Es ist daher sonnen-
1) Sonst ist mir nur noch der V. Monat + deutlich, der dem ost-
türkischen Zu „Drache“ genau entspricht. Der “=> (III) erinnert
an den zwölften uigurischen Monat Cach$aput; vgl. K. Foy, SBBA.
1904, 1393/4.
2) Von den Ländern der Pahlawis, d. h. Medien und Parthien, wird
nichts besonderes berichtet. Da sich die Partherkönige auf ihren Münzen
der makedonischen Monatsnamen bedienen, sind uns die parthischen
unbekannt. Balch, wo bis zur arabischen Eroberung der Buddhismus
vorgeherrscht hatte, war bis zur Zeit Beruni’s völlig islamisiert worden.
3) Berüni f4. Die Hss. haben: Kol. I Ζ. 18 ums, II 15 wumd,
III 13 und. Sachau (p. 384 seiner englischen Übersetzung) hält
wmrmö für eine Umstellung aus | "50 — jungaw. Dasus0. Auch in
5“) und SLÄuS entspricht sogd. 8 (in geschlossener Silbe) einem iran. 3.
Zwischenvokaliges, altiranisches # bleibt erhalten in sogd. „Ars mödan,
Kyiar metan — aw. πιαθϑαπα.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 201
klar, dass die ohne jede Variante — selbst Sponta ürma’t! und
Mira erscheinen hier als An Am Spandarmad und > Michs,
nicht, wie bei den Monatsnamen, unter ihren sogdischen Namen
Chsöm und Vay — auftretenden Namen der Monatstage gegen-
über den volkstümlichen Monatsnamen bei den Sogdiern etwas
Fremdes, Importiertes sind. Auf der andern Seite geht aber das
relativ hohe Alter dieser Einrichtung daraus hervor, dass die
Chwärizmier sich schon vor Alexander d. Gr. selbständig gemacht
hatten und unter einem eignen König standen, und dass sie seit-
dem bis auf die arabische Eroberung nie mehr zum iranischen
Reiche gehört haben. Auch die Sogdier sind seit der Erhebung
des Diodotos bis zum Einbruch der Araber ausser aller staatlichen
Verbindung mit Eransahr geblieben. Sie muss also aus einer
Zeit stammen, als das Achaimenidenreich noch ungeschmälert
dastand und dem Satrapen von Baktrien sowohl Sogdiana als
Chwärizm gehorchte.e Wenn die Namen der Monatstage bei den
Kappadoken und Armeniern nicht mehr nachzuweisen sind, so
hängt dies bei letzteren ohne Zweifel damit zusammen, dass sie
bei der Einführung des Christentums abgeschafft wurden, weil sie
zu eng mit der alten Religion verknüpft waren, während sie in
Kappadokien der wachsende Einfluss der griechisch - römischen
Kultur verdrängt haben wird. In der Inschrift des Dareios ist
dagegen von einer Benennung der Monatstage keine Spur zu ent-
decken: sie wurden einfach gezählt wie bei den Babyloniern.
Da sich nun Dareios als entschiedenen Verteidiger arischen Wesens
und eifrigen Verehrer Ahuramazdäh’s zu erkennen gibt, so ist kein
Grund einzusehen, weshalb er die Benennung der Monatstage nach
den Genien, denen sie geweiht waren, vermieden haben sollte,
falls diese Sitte damals in Pärs schon bestanden hätte. Damit
entfällt aber jeglicher Anhaltspunkt für die Vermutung, dass schon
das altpersische Jahr ein bewegliches Sonnenjahr gewesen sei, viel-
mehr müssen wir uns den überlieferten Thatsachen beugen und
anerkennen, dass dasselbe zur Zeit des Dareios mit dem gebundenen
Mondjahre der Babylonier bis auf den verschiedenen Jahresanfang
übereinstimmte.. Während das babylonische Jahr aber an die
Frühlings-Tag- und Nachtgleiche gebunden war, wurde das alt-
persische wie das althebräische Neujahr in der Nähe des Herbst-
äquinoktiums festgehalten.
Dies Ergebnis hat durchaus nichts Überraschendes, sondern
ist nur das, was wir von vornherein erwarten müssen. Auch
wenn die arischen Viehzüchter und Bauern ein mehr oder weniger
fest ausgeprägtes, an die natürlichen Jahreszeiten gebundenes Jahr
mitbrachten, so gerieten sie doch, sobald sie von den Ländern
diesseits der grossen mitteliranischen Wüste Besitz ergriffen hatten,
naturgemäss in den Bannkreis der uralten babylonischen Kultur,
dem sie sich nicht entziehen konnten. Es lässt sich vermuten,
wenn auch bis jetzt nicht erweisen, dass sich die Perser zunächst
202 J. Marquart,
an den Kalender der Elamiten angeschlossen haben werden und
schon dieser bis auf die Monatsnamen nach dem babylonischen
geordnet gewesen sein wird!). Später aber herrscht nicht nur
in Pärs und in ganz Iran, sondern auch in den halb iranisierten
Provinzen Kappadokien und Armenien ein bewegliches Sonnenjahr,
das mit dem altpersischen VII. Monat beginnt und sich mit dem
ägyptischen Wandeljahre bis auf den verschiedenen Jahresanfang
und die Stellung der Epagomenen völlig deckt: der 1. Thoth
des ägyptischen Wandeljahres entspricht dem 1. Dadw (X., arm.
Mareri = ap. IV.) des mazdajasnischen Wandeljahres und die
Monate Thoth, Phaophi, Athyr sind vollkommen gleich den Monaten
Dadw (Mareri), Bahman (Margac‘) und Spandärmad (Hrotic‘).
Das persische Sonnenjahr ist uns zuerst unzweideutig bezeugt
durch Curt. III. 3, 10: Magi proximi patrium carmen canebant.
Magos trecenti et sexaginta quinque iuvenes sequebantur puniceis
amiculis velati, diebus totius anni pares numero: quippe Persis
quoque in totidem dies discriptus est annus. Diese Notiz stammt
wohl aus einem Alexanderhistoriker. Weiter hinauf scheinen uns
zwei Anspielungen bei Herodot zu führen. Im Verzeichnis der
Steuerbezirke heisst es 3, 90: ἀπὸ δὲ Κιλίκων ἴπποι τε λευκοὶ
ἐξήκοντα καὶ τριηκόσιοι, ἐκάστης ἠμέρης εἷς γινόμενος,
καὶ τάλαντα ἀργυρίου πεντακόσια᾽ τούτων δὲ τεσσεράκοντα καὶ
ἐκατὸν ἐς τὴν φρουρέουσαν ἵππον τὴν Κιλικίην χώρην ἀναισιμοῦτο,
τὰ δὲ τριηκόσια καὶ ἐξήκοντα Δαρείῳ ἐφοίτα" νομὸς τέταρτος
οὗτος. Wäre anzunehmen, dass diese Nachricht unverändert der
Hauptquelle des Verzeichnisses (A) entnommen sei, so wäre hier
also ein persisches oder auch kilikisches Jahr von 360 Tagen für
die spätere Regierungszeit des Dareios vorausgesetzt, welches weder
mit dem altpersischen Jahre der Inschrift von Behistün, noch mit
dem jungawestischen Wandeljahre in Beziehung gesetzt werden
könnte. Es müsste somit in jedem Falle die Frage aufgeworfen
werden, ob die Bemerkung ἐχάστης ἠμέρης εἷς γινόμενος wirklich
aus iranischer Quelle stamme oder eventuell einer Vermutung des
Verfassers ihren Ursprung verdanke. So wie die Sache liegt, ist
indessen mit der Möglichkeit zu rechnen, dass Herodot selbst
durch die weissen Rosse, die, wie er wusste, dem Sonnengotte
heilig waren, auf jene Kombination verfallen ist, zumal gerade er,
wie sich zeigen wird, von der Theorie eines 360 tägigen Jahres
beherrscht ist. Die andere Stelle ist entschieden legendär und
unzweifelhaft jünger. Herodot erzählt, als Kyros auf dem Marsche
gegen Babylonien den Übergang über den Gyndes versucht habe,
sei einer der dem Sonnengotte heiligen Schimmel im Flusse er-
1) In den bis jetzt bekannt gewordenen altelamitischen Inschriften
hat sich erst ein einziger altelamitischer Monatsname gefunden, Zalube
(Scheil, Textes elamites-anzanites II Nr. LXXXVI Kol. I 45, vgl.
p- 83), der auch V R 43, 33 erwähnt und dem Tasritu gleichgesetzt
wird.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 203
trunken, worauf der König den Fluss zur Strafe in 360 Kanäle
habe ableiten lassen. Darüber vergieng ein volles Jahr, bis zum
folgenden Frühling (Her. 1, 189—190. 202). Hier liegt augen-
scheinlich ein Jahresmythus zu Grunde, und zwar ist ein mit dem
Frühling beginnendes Jahr von 360 Tagen vorausgesetzt. Ein
solches Jahr ist indessen weder babylonisch noch persisch. Da-
durch wird die Frage nach dem Ursprunge der Erzählung dringend.
Es ist jetzt nachgewiesen, dass die beiden langwierigen Belagerungen
Babylons durch Kyros und Dareios, wie sie Herodot erzählt,
gleichmässig unhistorisch und mit volkstümlichen Motiven aus-
gestattet sind, die zum Teil schon von jüdischen Propheten ver-
wandt und dem Bedürfnis entsprungen sind, eine annehmbare Er-
klärung dafür zu finden, wie es den Persern möglich geworden
sein mochte, die gewaltige, mit mächtigen Mauern bewehrte Welt-
stadt zu bezwingen). Es sind Legenden, die nicht vor der Nieder-
werfung des babylonischen Aufstandes unter Xerxes?) ausgebildet
sein können, und zwar beweist die Fabel von der der iranischen
Denkweise völlig widerstreitenden Züchtisung des Flusses, dass
die Gestaltung der uns beschäftigenden Erzählung auf keinen Fall
von Persern herrührt; vielmehr weist diese auf denselben Ver-
fasser wie die ebenso unsinnige Auspeitschung des Hellesponts
durch Xerxes Her. 7, 35. 54; 8, 109. Die Zahl 360 = 6 x 60
spielt allerdings im Mass- und Gewichtssystem sowie in der Zeit-
rechnung der Babylonier eine grosse Rolle, wodurch ihre mehr-
fache Wiederkehr im Steuerverzeichnis vollkommen erklärt ist, in
der Jahreseinteilung der Babylonier hat sie dagegen keinen Platz.
Damit rücken die beiden fraglichen Stellen in die Reihe einer
Anzahl von Nachrichten, in denen von einem ehemaligen 360 tägigen
Jahre bei den Griechen die Rede zu sein scheint?®). Auch
Herodot lässt den Solon in seiner Unterredung mit Kroisos von
einem 360 tägigen Jahre zu zwölf dreissigtägigen Monaten reden
1) Einnahme Babylons während eines Festgelages
a) durch Kyros: Jer. 51, 31. 32. 39. 54—58. Dan. 5, 1ff. Her. 1,191.
Xen. Kyrop. 7, 5, 25;
b) durch Parsondes unter Nanaros: Ktes. bei Nik. Dam. fr. 4 in fine.
fr. 5; vgl. Assyriaka des Ktesias 5. 559;
6) auf die Eroberung von Ninos übertragen: Ktes. bei Diod. 2,
26, 4; vgl. Assyriaka S. 630.
Die List des Zopyros Her. 3, 153—160, von Megabyzos bei der
Eroberung Babylons unter Xerxes erzählt Kies. ecl. 22, vom Saken
Sirakes unter Dareios Polyain. 7, 13; vgl. Assyriaka ὃ. 625 ἢ.
2) Vgl. Assyriaka ὃ. 624f. Die Offnung des Grabes des alten Bel
(Ktes. bei Ailian παντοῦ. ior. 14, 3 und ecl. 21) unter Xerxes gab den
Anlass zu der Erzählung über das Grab der Nitokris bei Her. 1, 187;
vgl. C. F. Lehmann, Berl. Phil. Wochenschr. 1898 Sp. 486, 1900
Sp. 962 A. 1 (unrichtig Assyriaka S. 594 f., 626).
3) Vgl. Ideler, Handbuch der Chronologie I 69 f. 254. 257—260.
264 ἢ. 271.
204 J. Marquart,
(I, 32). Allein ein solches Jahr hat es in Wahrheit nie gegeben,
und die diesbezüglichen Angaben sind wohl mit Ideler!) als
falsche Ausdeutung des volkstümlichen Sprachgebrauchs zu er-
klären, der sich gewöhnt hatte, für den Monat die runde Zahl
von 30 Tagen und dementsprechend für das Jahr die runde Summe
von 12 Χ 30 = 360 Tagen anzunehmen?). Herodot selbst hat
aber an der zuletzt angeführten Stelle mehr als hinreichend bewiesen,
dass er von chronologischen Dingen, wie Schaltung u. s. w. absolut
nichts verstand, und falls bereits zu seiner Zeit in Persien ein
Sonnenjahr mit 5 Epagomenen eingeführt war, so hatte er jeden-
falls davon keine Kenntnis; denn sonst hätte er da, wo er vom
ägyptischen Sonnenjahre und seinen Vorzügen vor dem gebundenen
Mondjahre der Hellenen spricht (II, 4), nicht unterlassen können,
auf seine Übereinstimmung mit dem persischen Jahre aufmerksam
zu machen, wie dies auch die arabisch-persischen Astronomen
gethan haben. Auf historischem Wege lässt sich demnach nicht
feststellen, wann das jungawestische Wandeljahr in Persien ein-
geführt worden ist.
Dieses zeigt jedoch gewisse Eigentümlichkeiten, von denen
wenigstens einige hier kurz erörtert werden müssen. Dem Schöpfer
ist in demselben der zehnte Monat eingeräumt. Dies ist sicher-
lich nicht ursprünglich: man sollte erwarten, dass Ahuramazdah
einen beherrschenden Platz im Jahre einnähme, also entweder am
Anfang, wie unter den Monatstagen, oder in der Mitte. Hier hat
R. Roth?) gezeigt, dass die sechs Gähänbär des Parsenkalenders
ein älteres, an die natürlichen Jahreszeiten gebundenes Bauern-
jahr voraussetzen, dessen beide Pole die Feste Mittsommer (Maxö-
JoiSama) und Mittjahr (Maxdjarrja) bildeten. In dem durch einen
120 jährigen Schalteyklus regulierten persisch-mazdajasnischen Jahre,
als dessen Epoche das Frühlingsäquinoktium gilt, fallen die sechs
Jahresfeste theoretisch auf folgende julianische Tage, wofern man
die Lage der Frühlingsnachtgleiche gegen Ende des 5. Jhs. v. Chr.
zu Grunde legt: 4)
1) A. a. 0. 8. 264.
2) Vgl. besonders Hesiod, ἔργα καὶ ἡμέραι 814. 766 und das Rätsel
des Kleobulos bei Laert. Diog. I 91.
®) R. Roth, Der Kalender des Awesta und die sog. Gähänbär.
ZDMG. 34, 1880, 5. 698 Ε΄
ἢ Begann das Jahr mit dem Tage nach dem Frühlingsägui-
noktium, so fallen die obigen Data je um einen Tag später. Der
Gefälligkeit meines Freundes Dr. H. J. Zwiers, Observators an der
hiesigen Sternwarte verdanke ich folgende Berechnungen:
„Data für das Frühlingsäquinoktium
Jahr — 486 27. März 10.3 Uhr (Morgen)
„ 43527. „ 41 ,„ (Abend)
„44 26. „ 99 „ (Abend)
„48327. „ 3.7 „ (Morgen)
," —4832 27. „ 99 ,„ (Morgen).
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Ὁ > m We
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E a0
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 905
Jahrestag Julianisch
Maidjöi-zaremaja 11.—15. Artawa- 41—45 (6.—)10. Mai
hist (II)
Maidjdisoma 11.—15. Tir (IV.) 101—105 (5.—)9. Juli
Paiti$hahja 26.—30. Sadre- 176—180 (18.—)22.Sept.
war (VI.
Ajadrama 26.—30. Mihr 206—210 (17.—)21. Okt.
(VI)
Maidjäirja 16.—20.Dadw(X.) 286—290 (6.—)10. Jan.
Hamaspa9maedaja 26. Spandarmat 356—365 (17.—)26. März
(XIL)— Gäda
Wahistoisti
Nach diesem System trifft in der That das Mazöyörsama auf
die Mitte des Sommerhalbjahrs, das man zu 7 Monaten —= 210 Tagen
annahm!). Schwierigkeit macht schon das Maidjarrja, das eigent-
lich auf den 77. Tag des zu 5 Monaten + 5 Epagomenen = 155 Tagen
angenommenen Winterhalbjahres fallen sollte. Nach ihm heisst bei
den Armeniern der 10. Monat Marert aus *Marear!‘, Madjarja.
Es liegt gerade ein halbes Jahr oder genauer 185 - 180 + 5 Tage
vom Maidjöisema ab. Die Unursprünglichkeit der gegenwärtigen
Anordnung ergibt sich aber meines Erachtens vor allem aus der
Stellung des Paitisahja. Dies ist nach Roth’s Erklärung un-
zweifelhaft ein Erntefest, dass aber für ein solches der 22. September
julianisch, zumal für die Breiten der altiranischen Kulturländer,
ein unverhältnismässig später Termin wäre, dürfte ohne weiteres
einleuchten. Wird doch selbst auf dem rauhen Heuberg in
Schwaben die „Sichelhenke*, welche die Beendigung der Dinkel-
und Gerstenernte bezeichnet, am 15. August gefeiert. Ähnliches
gilt für das Ayadroma, die Zeit, in welcher das Vieh von den
Sommerweiden eingetrieben und die Widder zu den Schafen zu-
gelassen werden. Dazu kommt, dass die Tradition der Mazda-
jasnier über die Lage des Maidjoisoma und Maidjäirja mit sich
selbst im Widerspruche war. Das Bundahiän sagt nämlich: ‘It is
always necessary first to count the day (and) afterwards the night;
for first the day goes off, (and) then the night comes on. And
from the season (gas) of Medök-shem, which is the auspicious
day Khür of the month Tir?), to the season of Mediyärem, which
Im Mittel für circa — 485 in den Vormittagstunden des 27. März.
Jahr — 402 26. März 6.6 Uhr (Abend)
„ —401 27%. „ 04 „ (Nacht)
„ 402. „ 62 ,„ (Morgen)
399 26.: -„r120- „ (Mittag)
, “898 26. DE (Abend).
Im Mittel’für circa — 400 in den Abendstunden des 26. März.
Alle Daten sind julianisch.“
1) Vgl. J. Darmesteter, Le Zendavesta I 39. 37.
2) Der 11. Tag des Herden Monats, mit dem das Fest begann.
206 J. Marquart,
is the auspieious day Vähräm of the month Din!) — the short(est)
day — the night increases; and from the season of Medıyärem
to the season of Medok-shem the night decreases (and) the day
increases’?2). In dieser Form ist die Nachricht freilich ungereimt,
allein es liegt ihr offenbar eine aus dem verlorenen Awestä
stammende Überlieferung zu Grunde, die nur durch die Glossierung
der Ausdrücke Maidjörsama und Maidjäirja entstellt ist. Beseitigt
man diese, so ergibt sich unzweideutig, dass Masdjorsema und
Μαϊδγαύγγα ursprünglich mit der Sommer- und Wintersonnenwende
zusammenfallen. Da aber der Name Maxdjäurja wörtlich „Mitt-
jahr“, nicht „Mittwinter“ bedeutet, so folgt weiter, dass dieses
Bauernjahr einmal mit der Sommersonnenwende oder genauer mit
dem ersten darauf folgenden Neumonde begonnen haben muss. „Nur
in diesem Falle bildet die bruma zugleich die Jahresmitte“?). Von
hier ab gerechnet ordnen sich die übrigen Festzeiten befriedigend ein.
Dann war TiStrja der erste, Da9us6 aber, wie verlangt, der siebente
Monat des Jahres, dessen Anfang in die Nähe der bruma fiel.
Dieses Jahr kann selbstverständlich kein Wandeljahr, wird also
vermutlich ein gebundenes Mondjahr gewesen sein. Bei dieser
Voraussetzung ergibt sich als Prinzip, den 1. TiStrja immer wieder
auf die Sommersonnenwende zurückzuführen*). Der Anfang dieses
altawestischen Jahres kam demnach mit dem des attischen überein.
Der erste Monat war dem Sirius (T%rstrja, pers. Tri) geweiht,
weil man während seiner Dauer mit Sehnsucht auf den Frühauf-
gang dieses glänzenden Sternes harrte, von dessen Erscheinen man
erquickenden Regen erwartete®). Der Frühaufgang des Sirius
(19. oder 20. Juli jul.) muss daher normaler Weise noch in
den Monat Tir gefallen sein, aber fast ans Ende desselben, wo-
gegen er bei den Ägyptern ursprünglich den Neujahrstag selbst
bildete. |
Das altawestische Jahr war somit, wie man sieht, vom jung-
awestischen bedeutend verschieden. Dass dagegen letzteres bis
auf die verschiedene Stellung der Epagomenen bezw. den Jahres-
anfang mit dem ägyptischen zusammenfiel, ist schon den arabisch-
1) Der 20. des Monats Dadw (so lies), der letzte des Festes.
®) Bundah. XXV, 2—3 bei West, P. T. I 91/92. Justi’s Aus-
gabe ist mir augenblicklich nicht zugänglich.
®) Vgl. Roth, a. a. O. 711. W. Geiger, Ostiranische Kultur
im Altertum. Erlangen 1882 S. 324.
*) Nach freundlicher Mitteilung von Dr. H. J. Zwiers fiel das
Sommersolstitium
—600 v. Chr. auf 29. Juni jul. 11h (abends)
—500 v. Chr. auf 29. Juni jul. 48 (morgens).
Die Zeiten sind mittlere Sonnenzeiten von Turkestan, wie auch oben
S. 204 A.4. Chiwa liegt 3h 52m, Buchara 4h 3m, Samarkand 4h 18m
östlich von Paris. Im Mittel ist angenommen 4h 15m ὃ, von Greenwich.
δ) jt. 8, 48. Vgl. Roth ἃ. a. Ο. 5. 713. 717. Geiger 8. 308£.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 207
persischen Astronomen aufgefallen. Nach Berüni gieng aber die
Übereinstimmung noch weiter. Er sagt nämlich: „Wir haben
nicht vernommen, dass jemand den Persern, Sogdiern und Chwa-
rizmiern nachgeahmt hat in Bezug auf ihre Gepflogenheit (nämlich
den dreissig Tagen des Monats besondere Namen zu geben anstatt
sie in Wochen zu teilen) ausser den Kopten, d. h. den alten
Ägyptern. Denn diese pflegten, wie uns berichtet worden ist!),
die Namen der dreissig Tage zu gebrauchen bis auf die Zeit, als
Augustus, der Sohn des Gaius?), die Herrschaft über sie antrat?)
und beabsichtigte, sie zur Schaltung der Jahre zu bewegen, damit
sie mit den Römern und den Alexandrinern allzeit übereinstimmten.
Dies unterliegt Bedenken®). Damals nun waren bis zur Vollendung
des grossen Schalteyklus noch 5 Jahre übrig. Da wartete er,
bis von seiner Regierung fünf Jahre verflossen waren, dann be-
wog er sie, alle vier Jahre einen Tag in die Monate einzuschalten,
wie es die Römer thun. Damals gaben sie den Gebrauch der
Namen der Tage auf, wie es heisst, weil die, welche sie gebrauchten
und kannten, für den Schalttag einen besonderen Namen nötig
gehabt hätten, und es ist keine Erinnerung derselben übrig ge-
blieben“). Es ist hier die Rede von der Einführung des julianischen
Schaltjahres in Alexandrien durch Augustus, welche Berüni bereits
früher mit folgenden Worten erzählt hat: „Augustus ist derjenige
welcher die Alexandriner von ihrer Rechnung nach ägyptischen
Jahren ohne Schaltung überführte zur Rechnung der Chaldäer,
welche zu unserer Zeit in Ägypten gebraucht wird, im sechsten
Jahre seiner Regierung. Daher datierten sie nach diesem Jahre
(als Epoche)“6). Die Nachricht stammt aus Theon’s Kommentar
1) Lies 5,Sö ls. Vorher hat der Verf. von dieser Sitte der
Kopten nichts erwähnt.
Ὁ Text |m>ys für wea>.
2) Kb, Adi ut it at ΟἹ Lin Mail ἴων
el ar 1 ss ae ill a er ls pt
N et EI ls Li ur
ze UM ὦ ΡΝ
=) με \ga3. Dies ist wohl eine kritische Randbemerkung des
Verfassers oder eines Lesers, die von einem Kopisten in den Text
eingefügt wurde.
ο΄ δὴ Berüni, Chronologie 8. ΤᾺ, 2—8 — p. 58, 29—45 der englischen
Übersetzung.
6) Berüni 9, 7—9 — 33, 28—32.
208 J. Marquart,
zu den Handtafeln des Ptolemaios!). Über die alexandrinische
Ära handelt ausführlich Ideler, Handbuch der Chronologie II
140—171.
Was die ägyptischen Namen der Monatstage anlangt, so ist
Berüni’s Behauptung insofern richtig, als bei den Ägyptern nicht
bloss die Monate, sondern auch die 30 Monatstage besonderen
Gottheiten geweiht nnd nach ihnen benannt waren. Dies weiss
schon Herodot II 82. Brugsch, Astronomische und astrologische
Inschriften altägyptischer Denkmäler 1883 S. 45—54 veröffent-
licht die hieroglyphischen Namen der 30 Tage des Mondmonats
nach den Inschriften im Pronaos des Tempels von Dendera aus
der Zeit des Kaisers Tiberius sowie nach dem astronomisch-
kalendarischen Bilde von der Nordwand des Pronaos von Edfu
aus der Ptolemäerzeit und gibt zu denselben ältere Varianten.
Er bemerkt 5. 52: „Die ältesten dieser so wichtigen Listen
der Mondtage und der zu ihnen gehörigen Gottheiten gehen bis
in die Zeiten der XVII. und XIX. Dynastie zurück. Ich ver-
weise vor allem auf die astronomischen Deckenbilder im Grabe
Königs Seti I. und in dem sogenannten Ramesseum zu Theben
aus den Zeiten Ramses’ II.* Sieht man diese Listen näher an,
so bemerkt man, dass jeder Tag einen doppelten Namen hatte,
von denen der erste eine kalendarische Beziehung aufweist, der
zweite einen liturgischen Charakter trägt; z. B. 1) Feier des
Neumondes, zugleich Fest des Thoth; 2) Feier des Monates, zu-
gleich Feier des Gottes Horus, des Rächers seines Vaters; 4) Feier
der Erscheinung des Setem, zugleich Feier des Gottes "Imset;
6) Feier der Sechs, zugleich Feier des Gottes Duamutf; 7) Feier
des (ersten) Abschnitts, zugleich Feier des Gottes Qebhsonuf;
28) Feier des Schwanzfestes des Himmels, zugleich Tag des Gottes
Chnum. Diese Namen scheinen aber, im Gegensatze zum mazda-
jasnischen System, im bürgerlichen Leben keine Rolle gespielt zu
haben; jedenfalls finden sie in Datierungen auf Denkmälern keine
Anwendung. Auf der andern Seite ist die Behauptung BerünT's,
dass die ägyptischen Namen der Monatstage seit der Einführung
des festen alexandrinischen Jahres ausser Gebrauch gekommen seien,
schon deshalb unwahrscheinlich, weil sie von der Voraussetzung
ausgeht, dass auch die Ägypter damals das Schaltjahr angenommen
hätten. Der wahre geschichtliche Verlauf ist Berüni unklar ge-
blieben, allein die Begründung: „weil die welche die Monatstage
gebrauchten und kannten, für den Schalttag einen besonderen
Namen nötig gehabt hätten“ kann sich nur darauf beziehen, dass
sich die eigentlichen Ägypter unter Augustus wie schon unter
1) Commentaire de Theon d’Alexandrie sur les tables manuelles
astronomiques de Ptol&emede jusqu’& present inedites, traduites pour la
premiere fois du Greece en Frangois sur les Manuscrits de la Bibliotheque
du Roi. Premiere partie, Paris 1822, p. 8055. Die Ausgabe ist hier
nicht vorhanden. Ich entnehme das Zitat Ideler I 157 A. 2.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 209
Ptolemaios III. (238 v. Chr.) aus astrologischen und religiösen
Bedenken gegen den Schalttag ablehnend verhielten. Eıst
mit der Einführung des Christentums ward die Annahme des festen
Sonnenjahres allgemein. Dass die ägyptischen Namen der Monats-
tage auch nach der Einführung des festen alexandrinischen Jahres
noch fortlebten, wird überdies durch den Umstand nahegelegt, dass
gerade auf griechischen Inschriften der Kaiserzeit besondere Namen
für Monatstage nachgewiesen sind!?).
Schon Scaliger hat erkannt, dass das jungawestische und
altägyptische Jahr nicht zwei von einander unabhängige Schöpfungen
sein können. Nachdem es sich jetzt als höchst wahrscheinlich
herausgestellt hat, dass die Sitte, nicht bloss die einzelnen Monate,
sondern auch die 30 Monatstage nach besonderen Gottheiten zu
benennen, von den Iraniern dem Vorbilde der Ägypter — nicht um-
gekehrt, wie Berüni glaubt — nachgeahmt ist, so ist der Kreis ge-
schlossen und man wird sich der Schlussfolgerung nicht mehr
entziehen können, dass die Magier in Ägypten mit der dort seit
alters herrschenden Zeitrechnung bekannt wurden und ihre Vor-
züge vor dem gebundenen Mondjahr, besonders auch für die
Regelung der Liturgie, erkannten. Bis dahin hatte man wohl
einzelne Monate nach hervorragenden Festen der Mazdareligion,
welche in dieselben fielen, oder nach bestimmten Gottheiten, welche
zu ihnen in besondern Beziehungen standen, benannt, wie den
BägajadiS-Vayakän und AYrijädija-Ahekan bei Persern und Sogdiern
und den TiStrja und Da®us6 beim Awestavolk. Die der Gä9ä-
Religion eigentümlichen Am»Sa spanta waren dagegen aller Wahr-
scheinlichkeit nach im alten bürgerlichen Kalender nicht vertreten.
Jetzt ging man aber dazu über, nach ägyptischem Muster sämt-
liche Monate sowie die Monatstage besondern Gottheiten zu weihen.
In der Ausgestaltung dieses Systems sind übrigens die Magier
selbständig vorgegangen und haben ihm einen tiefreligiösen Charakter
aufgeprägt. Dabei zeigt sich nun zwischen den Namen der Monate
und denen der Monatstage ein sehr bezeichnender Unterschied.
Bei der Verteilung der Genien auf die 12 Monate ist eine Rang-
ordnung befolgt, die von der sonst im Awestä üblichen auffällig
abweicht und nur unter der Voraussetzung zu begreifen ist, dass
der Urheber mehrfach durch ältere Jahresformen, in denen einzelne
Monate bereits ihre Schutzgottheiten hatten, gebunden war. Ganz
anders bei den Monatstagen. Diese sind in vier je von Ahura-
mazdah geführte ungleiche Gruppen zerlegt, von denen die erste
den AmaSa sponta, die zweite (8—14) den Elementen (einschliess-
lich des Urstiers) gehörte. In den zwei letzten Gruppen (15—22
1) Letronne, Recherches pour servir ἃ l’histoire de l’Egypte
pendant la domination des Grecs et des Romains tir&es des inseriptions
grecques et latines relatives ἃ la chronologie οἷο. Paris 1823 p. 166 ss.
Ideler a. a 0.1145 A. 1.
Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 14
210 3. Marquart,
und 23—30) sind sittliche und physische Mächte ziemlich gleich-
mässig verteilt. Der im engeren Sinne zarathustrische Charakter
dieser Kalenderreform kommt aber darin zum Ausdruck, dass die
Epagomenen den fünf heiligen Gädäs gewidmet sind.
Der mazdajasnische Kalender ist somit das Ergebnis eines
doppelten Kompromisses: 1) man vertauschte den altpersischen
und altawestischen Jahresanfang mit dem babylonischen, dessen
Epoche die Frühlingsnachtgleiche war; 2) man gab das gebundene
Mondjahr, dessen Monate nach den Mondphasen abgemessen waren
und das durch die periodische Einschiebung eines Schaltmonats
reguliert wurde, zugunsten des ägyptischen bürgerlichen Jahres
von zwölf 30tägigen Monaten und 5 Epagomenen auf und ersetzte
die bisherigen Monatsnamen durch rein religiöse. Dieser Kalender
muss durch einen gesetzgeberischen Akt der Staatsgewalt in ganz
Iran sowie in den mit nicht unbedeutenden iranischen Kolonien
besetzten Provinzen Kappadokien und Armenien eingeführt worden
sein. Das Epochejahr lässt sich daraus gewinnen, dass der 1. Da-
$usö dem 1. Thoth entspricht. Setzte man bei der Einführung
den 1. Frawardin auf den 27. März julianisch, so fiel der 1. Da®us0
und 1. Thoth auf den 22. Dezember. Dieses war der Fall in
den Jahren 489—486 v. Chr. Darnach wäre der jungawestische
Kalender in den letzten Jahren des Dareios!) in Kraft getreten ?).
Jeder Geschichtskundige sieht, wie gut dies zu den damaligen religiös-
politischen Verhältnissen stimmt. Dareios, der als praktischer Staats-
mann die hervorragende Wichtigkeit des Nillandes mit seiner Jahr-
tausende alten Kultur für den Staatshaushalt sehr wohl zu würdigen
verstand, nahm von Anfang an den Ägyptern gegenüber eine ganz
andere Haltung an als sein Vorgänger Kambyses und war mit
Erfolg bemüht, deren Dankbarkeit und Anhänglichkeit zu erwerben,
so dass er als sechster Gesetzgeber des Landes galt®). Bei dieser
Auffassung von der Entstehung des iranischen Wandeljahres bleibt
es freilich sonderbar, dass man nicht sofort bei seiner Einführung
Bedacht nahm, den alljährlich ausfallenden Viertelstag auf bequeme
Weise, am einfachsten durch vierjährige Einschaltung eines sechsten
Epagomenen wieder einzubringen. Denn es konnte den Masiern
nicht schwer fallen, bei den ägyptischen Priestern über das Sothis-
jahr und sein Verhältnis zum bürgerlichen Jahre Auskunft zu er-
halten. Hier liest also unzweifelhaft eine schwer begreifliche Un-
selbständigkeit der Iranier gegenüber ihren ägyptischen Vorbildern
1) Eventuell 493—490, falls man als Epochetag den Tag nach dem
Äquinoktium (28. März) wählte: s. oben 8. 204 A. 4.
?) Sein letztes erstreckte se bis in den Herbst 485, da die letzte
Urkunde aus der Regierung des Dareios vom 22./VI. des 36. Jahres,
die erste des Xerxes vom 7.|X. seines Antrittsjahres ist. Vgl. Weiss-
bach, ZDMG. 55, 206 f.
8) Diod. 1, 95, 4. Vgl. Wiedemann, ἂρ. Gesch. 5. 678 ff.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 211
vor. Vielleicht ist jedoch gerade die allgemeine Geltung des jung-
awestischen Jahres geeignet, jenes Rätsel verständlicher zu machen:
man wollte die soeben hergestellte Harmonie mit dem ägyptischen
Kalender, auf die man offenbar Wert legte, nicht alsbald wieder
zerstören. Auf alle Fälle ist aber die Schöpfung und Einführung
des jungawestischen Wandeljahres ein redender Beweis dafür, dass
der Einfluss der Magier nach dem Falle des Gaumäta keineswegs
beseitigt, sondern höchstens zeitweilig zurückgedrängt, in der
spätern Regierungszeit des Dareios aber mächtiger geworden war
denn je. Unter diesem Gesichtspunkt verliert auch die Nachricht
des Hermodoros über die Magierschulen des Ostanes, Astrampsychos,
Gobryas und Pazates, die von Zoroaster bis auf Alexander d. Gr.
einander abgelöst haben sollen!), viel von ihrer Albernheit, wofern
man in denselben in rohen Umrissen die Hauptetappen der äusseren
Geschichte der Zarathustrareligion im Perserreiche erblickt. Frei-
lich hat Laertios Diogenes die Reihenfolge verwirrt und auf den
Kopf gestellt und auch sonst die Angaben des Hermodoros ver-
dorben. Astrampsychos gehört an die Spitze. Unter diesem Namen,
der eine Umschreibung von ap. *wästrija-fsu-ka — aw. wästrjo-
fSujas, der altiranischen Bezeichnung des dritten Standes der
Viehzüchter und Ackerbauer ist), verbirgt sich nämlich kein Ge-
ringerer als Zarathustra selbst, der im Frawardin jt. 89 aus-
drücklich der erste wäsirjöfsujas genannt wird?). Dazu stimmt
vollkommen, dass Astrampsychos bei den Späteren als ein grosser
Zauberer und Wahrsager gilt und eine Reihe von Schriften astro-
logischen und magischen Inhalts (Orakel-, Traum- und Zauber-
bücher) unter seinem Namen verfertigt wurden. Es ist auch nicht
besonders wunderbar, dass man ihn in Ägypten, dem klassischen
Lande alles Zauberwesens, geradezu zu einem Ägypter und zum
Zeitgenossen eines Ptolemaios machte?). An Astrampsychos schliesst
sich ganz unvermittelt Παζξάτης an ἃ. 1. Herıfeldng-Gaumäta).
1) Laert. Diog. prooem. 2: ἀπὸ δὲ τῶν Μάγων ὧν ἄρξαι Ζωρο-
ἄστρην τὸν Πέρσην, Ἑρμόδωρος μὲν ὁ Πλατωνικὸς ἐν τῷ περὶ μαϑημάτων
φησὶν εἰς τὴν Τροίας ἅλωσιν ἔτη γεγονέναι πεντακισχίλια (Ξάνϑος δὲ
ὁ Λυδὸς εἰς τὴν Ξέρξου διάβασιν ἀπὸ τοῦ Ζωροάστρου ἑξακισχίλιά φησι),
καὶ μετ᾽ αὐτὸν γεγονέναι πολλούς τινας Μάγους κατὰ διαδοχήν, Ὀστάνας
καὶ ᾿Αστραμφψύχους καὶ Γωβρύας καὶ Παξάτας, μέχρι τῆς Περσῶν ὑπ᾽
᾿Αλεξάνδρου καταλύσεως.
2) So schon Windischmann, Zoroastrische Studien 286.
8) Weniger wahrscheinlich ist an Zarathustra’s Sohn Urwatat-nara
zu denken, der als weltlicher Herr (ahw) im War des Jima und Haupt
der Ackerbauer bezeichnet wird (Wend. 2, 43. Bundah. XXIX 5.
XXXI 5. 6). Man würde vielmehr Isat-wästra erwarten, den Sohn
Zarathustra’s von seiner Hauptfrau, der Ober-Möpat wurde und im
hundertsten Jahre der Religion starb Bundah. XXXII, 5. Fraward.
ἦι, 98. 75. 28, 3. 26, 5. 67,2.
4) S. Pauly-Wissowa, RE.? 1796. Unrichtig Assyriaka 530.
5) Vgl. oben 8.145 und Α. 4. 158 Α. ὃ.
14*
212 ὁ. Marquart,
In Ὀστάνης sind dem Laertios Diogenes wohl Ostanes I., welcher
den Xerxes auf dem Zuge gegen Hellas begleitet haben soll (Plin.
ἢ. n. 30, 8), und ÖOstanes Il., ein Zeitgenosse Alexanders d. Gr.
(Plin. h.n. 30, 11) zusammengefallen, wie in Γωβρύας die beiden
gleichnamigen Personen des Dialoges Axiochos ὁ. 12 p. 371 A.
Dem zweiten Gobryas, einem Magier, verdankte Sokrates Ent-
hüllungen über die Unterwelt und die Belohnung und Bestrafung
nach dem Tode, welche sein Grossvater auf Delos, wohin er beim
Xerxeszuge gesandt worden war, um das heilige Eiland zu schützen,
entdeckt haben sollte).
Das jungawestische Jahr ist hiernach eine Erfindung der
Magier aus der älteren Achaimenidenzeite. Hierin liegt ein-
geschlossen, dass diese sich der Awestäsprache bedienten, und zwar
ergibt sich aus dem kappadokischen Namen Ζαϑουσα = jaw.
Da&usö, in ap. Lautform Dayusar, nicht gaw. Dadusö?), dass
der altehrwürdige Gäthädialekt spätestens um 400 v. Chr.?),
wahrscheinlich aber schon weit früher verklungen war und die
Magier nur mehr das Jungawestische zu handhaben verstanden. Ich
bemerke aber, dass nur derjenige ein Recht hätte, die Awestä-
sprache altmedisch zu nennen, dem es gelänge in Medien einen
Dialekt aufzufinden, der die Wörter T%strja und chwarnarh
für gemeiniranisch Tr? und farnah- im gewöhnlichen Gebrauche
zeigte und mit der Awestäsprache den Lautwandel von γέ zu $ und
von h zu nah teilte, von sachlichen Schwierigkeiten ganz abgesehen.
Die weiteren Schicksale und verschiedenen Formen des jung-
awestischen Jahres behandle ich hier nicht; dagegen wird es nicht
überflüssig sein, die Entwicklung der altiranischen Kalender bis
zur Einführung des Wandeljahres in einer Tabelle zu veranschau-
lichen. Ich setze die armenischen Monatsnamen zur Vergleichung
bei, wobei ich die noch nicht erklärten mit einem Sternchen ver-
sehe; dagegen habe ich die sogdischen und Sagzinamen weg-
gelassen, weil sie grösstenteils noch unerklärt und ihre wahre
Aussprache unbekannt ist, da die vokallose arabische Schrift an
sich die verschiedensten Lesungen erlaubt. Den erschlossenen
jungawestischen Namen habe ich die entsprechenden altpersischen,
kappadokischen, mittelpersischen und chwärizmischen gegenüber-
gestellt. Bei der Ansetzung der kappadokischen Formen ist das
Hemerologium in Theons Kommentar zu den Handtafeln des
Ptolemaios nach der Leidener Hs. (cod. ms. Graec. bibl. publ.
Leid. Nr. 78 fol. 145’—150’. 152”), die ich selbst verglichen
habe, zu Grunde gelegt.
1). 5. A. v. Gutschmid, Kl. Schr. HI 3—4.
2) Vgl. Bartholomae, Grdr. ἢ. iran. Phil. 1163 S. 274 Anm. 2.
8) 5. diese Unters. I 67.
213
Untersuchungen zur Geschichte von Eran.
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Koptisch Anfang Jungawestisch Altpersisch
IV. Choiak 22. März I. FrawaSinäm | Wartinäm
Υ. Tybi 21. April| II. ASahe wahis- | Artahjä wahistahja
tahe
VI. Mechir 21. Mai III. Ha”rwatätö | Haruwatäh, gen.
Haruwatätah
VI. Phamenoth 20. Juni | IV. TiStrjehe Tiris, gen. Tirais
VIII. Pharmuthi 20. Juli V. Amor’täto Amrt(at)ah, gen.
Amrtätah
IX. Pachon 19. Aug. | VI. ChSadrahe ChSadrahjä wari-
walrjehe jahjä
X. Payni 18. Sept. | VII. Mi®rahe Mi®rahjä
XI. Epiphi 18. Okt. | VIII. Apam (napätö)| Apäm (napätah)
XII. Mesore 17.Nov. | IX. Ataro, gen. |Atr, gen. Adrah
5 Ergänzungstage 17.—21. Dez. Αϑτὸ
I. Thoth 22. Dez. X. Dadwä, gen. | Dadwäh, gen. Da-
Dadus0 Yusah
II. Paophi 21. Jan. |XI.Wohumanöd,gen.| Wahu manah, gen.
Wanhsus mananhö | Wahaus manahah
III. Athyr 20. Febr. | XII.Spantaärmaitis,| Santä äramatis
gen. Spantaja är-
matois
Fünf Ergänzun
1) Nach Benfey-Sterns Liste II, wo Ξανϑριόρη steht. In den beiden
Hss. des Hemerologiums ist dieser und der folgende Name verdorben;
in der Leidener Hs. stehen beide auf einem kursiv geschriebenen er-
gänzten Blatt.
3) In den Menologien Μιυϑοί.
8) So P. de Lagarde; die Menologien haben ᾿πομεναμά ete., der
cod. Lugd. abgekürzt AIIOMOINS, woraus im Laurentianus AIIO-
MYAH geworden ist.
4) Die kappadokische und chwärizmische Form gehen auf den
Gen. (Wah)0ds$ manaha(h) zurück. F
5) Nach dem Päzand-Pahlawi-Glossar Kap. 28 bei Salemann, Über
eine Parsenhandschrift der ks. öffentl. Bibliothek zu St. Petersburg 8. 84.
6) Geschrieben Harwet, Amuret, was fälschlich Churdat, Amurdat
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 215
APTANA Frawartin | | 27. März ΗΝ Näusärge oder
4 Us, Röcna
APTHY&OTH)| Artwahist | |26. April | «λῶν ἡ Ardwest oder
APOA TATA Harot ®) 26. Mai | 51,9 Harwadad oder
sp Fa Cird
TEIPEI Tir 25. Juni | \su> Öle oder Shit,
Räzak
AMAPTATA Amurt δ) 25. Juli | St A492 Hamdad
ΞΑΘΡΙΟΡΗ ἢ δαϑτ(ο)δπαν | 24. Aug. Syrm>! Ichsar&ware
MIOPH °) Midro 23. Sept. | (se) Omire
ATIOMENAILA?®)| Apän | 23. Okt. | σεις Jäpä-chan oder
᾿ Su>, „Um>
AOPA Atur | 22. Nov. | y,} Αὐτό od. „dsläsins
AAOOYCA Dadw’) | 22. Dez. 1.93.5) Remaid oder
„List atb
OCMAN At) Wahüman |21.Jan. | „„eöis! Osman®) oder
„Lss) 22
CONAAPA Spandarmat | | 20. Febr. fan! Ispandärmade
oder > Chsom
ge 22.—26. März
gelesen wird. Allein die Ligatur δὲ steht unrichtig für i. Beide Formen
gehen ebenso wie Atur, Dadw und Spandarmat auf den ap. Nominativ
zurück. Die Formen Haröt und Amurt liegen auch den arabischen
Engeln «>. 9 und wo. ,L» zu Grunde, nur dass letzteres in bekannter
8 3) 2,
Weise an Härüt angeglichen ist. Haröt: haruwatah —= mp. dröt, np.
duröd: ap. *duruwatah. Vgl. Hübschmann, Pers. Stud. 5. 61.
7 Bisher fälschlich D?n gelesen, es entspricht aber np. σὺ Daj
aus Dadw.
ὅ, 5. ἣν, 11 oil Osman, 8. ἦν, 16 (ya) dei. (pain), aber
S. v., paen. und Pf", 13 „„a>] d.i. (W)achman im Nom. Der Monats-
tag heisst BEE
216 J. Marquart,
Zusätze und Berichtigungen.
Zu 8.5 Z. 17—32 und A. 3: Das nur im syrischen (und
äthiopischen) Text erhaltene Stück ist an dieser Stelle eingeschoben,
weil man das Land der Parisigaje (äth. Sapın —= „im statt
ms), zu dem Alexander 8. 189, 14 ff. kommt, mit Πρασιακή
zusammenwarf. Allein die Parisigaje, die als Ichthyophagen ge-
schildert werden, sind vielmehr die Πασιρέες in Gadrosien, welche
Nearchos neben die Ichthyophagen setzt!). Ptolemaios verzeichnet
in Gadrosien gegen Karmanien zu ein Volk Παρσίραι , ἡ δὲ
μέση τῆς χώρας πᾶσα καλεῖται Παραδηνὴ καὶ ὑπ αὐτὴν Παρισινή ὃ).
Vgl. Tomaschek, Topographische Erläuterung der Küstenfahrt
Nearchs S. 23. Der Verwechslung von Prasiake mit dem Lande
jener Ichthyophagen begegnen wir schon im Eingange des Briefes
an Aristoteles p. 120 b ed. Müller = p. 94 Syr. transl. Budge —
p. 142 Aeth. transl. Budge*). Schiffermärchen über die Barbaren
an der Küste von Gadrosien konnten immer wieder aufs neue nach
Alexandrien gelangen.
„Wir brachen auf vom Lande der Parisigaje und wandten
uns gerade gegen Osten“ (p. 190,9 —= 107 der Übs.). Nach
10 Tagen kommen sie zu einem hohen Berge. Die dortigen Ein-
wohner ermahnen Alexander, das Gebirge nicht zu überschreiten,
da dort ein grosser Gott in Gestalt eines Drachen hause, der das
Land vor Feinden schütze.. Der Drache ist drei Tage von da,
„an jenem Strome“ (Z. 16). Alexander kommt dann ans Ufer
jenes Flusses, und der Drache wird auf dieselbe Weise beseitigt
wie der Wurmgott im Kärnämak (c. 7, 11ff., 8, 7—11). Sonst
wird seine Erscheinung wie die eines indischen näga beschrieben :
er erscheint in schwarzer Wolke. Dagegen seine Tyrannei, seine
tägliche Fütterung mit zwei Ochsen und die Tötung von Menschen
ist gezeichnet nach der iranischen Vorstellung von Az i dahak
und dem Wurmherrn. Vgl. Nöldeke, Beiträge zur Gesch. des
Alexanderromans S. 22. Nach der Tötung des Drachen (p. 193, 12
— 108) „brachen wir von da auf und gelangten zu einer Land-
schaft (oder: Ort), und innerhalb jener Landschaft war ein hoher
Berg) und ein Fluss ©), Birastes nennt man ihn, entsprang aus
1) Arrian. Ind. 26, 3. Plin. h. n. 6, 97: flumen Tonberum navi-
gabile, circa quod Parirae, dein Ichthyophagi; 6, 95: alii Gedrusos et
Sires (Harduin und Sillig: Pasires) posuere per CXXXVIIH p.
2) cod. A Παρσίδαι, die übrigen Hss. Wilbergs Παρσίραι.
3) Ptol. VI 21 p. 439, 15. Wie das verdorbene ἣ παρ᾽ ὁδὸν im
Periplus mar. Erythr. $ 37 herzustellen ist, ist unsicher. Vgl. Toma-
schek a. a. 0.
4) Jömöda ist hier falsche Umschreibung von arab. JAurss für
Kun n.
5) Also ein zweiter Berg. 6) Also ein zweiter Fluss.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 217
ihm.“ In diesem Berge ist ein Gott, der ganze Berg aus Sapphir.
Alexander besteigt den Berg mit seinen Truppen und lässt den
Göttern Opfer bringen. Hier wird ihm durch Geisterstimmen zu-
gerufen, er solle umkehren. Darauf erhält er von den Göttern
Bescheid, wenn er allein weitergehe, so werde er durchkommen
und lebendig wieder zurückkehren. Er werde dort einen König
sehen, einen Göttersohn (d. 1. den daypür — devaputra), aus dessen
Lande ein geehrter Priester zu einer Anzahl von Ländern gehe.
Hierauf lässt Alexander bei jenem Berge eine Stadt erbauen,
nämlich „Alexandreia die Königin der Berge“.
Hiernach kann es keinem Zweifel unterliegen, dass mit dieser
Stadt ursprünglich ᾿4λεξάνδρεια ἡ ἐν Nogsireıg gemeint ist!), das
alte Dorf ἹῬαμβακία, das Tomascheka.a. Ο. 5. 19 beim heutigen
Sonmiäni, dem Hafen von Beilaä ansetzt. Der Sapphirberg er-
innert an Orthagoras’ Notiz über reiche Erzadern im Lande der
Oreiten (s. Tomaschek S. 20). Der Fluss Birastes kann so-
mit nur der Purali sein, der an Beilä vorbeifliesst und nördlich
von Sonmiani ein sumpfiges Delta bildet.
In der Epistola Alexandri Macedonis ad Aristot. p. 205, 17
ed. Kübler kommen die Makedonen (aus Indien) zuerst zum Flusse
Buebar, wo Elephantenherden aus den Wäldern auf sie zukommen,
dann geht es in eine andere Gegend, wo man ganz behaarte
Männer und Frauen sieht, die Ichthyophagen, die am Flusse Ebr-
maris wohnen (p. 207, 8). Hierauf findet man Haine voll mäch-
tiger Cynocephali und kommt schliesslich nach Phasiace, „unde
veneram*. Der Buebar entspricht hier dem ”Aoaßıg der Ale-
xanderhistoriker, dem heutigen Habb, wie Ausfeld (Zur Kritik
des griechischen Alexanderromans, Karlsruhe 1894 S. 12) richtig
gesehen hat. Der Ebimaris ist dann der Diürastes des Syrers
d.h. der Purali. Phasiace (so) ist hier noch richtig vom Lande
der Fischesser d. ἢ. der Oreiten und Ichthyophagen des Nearchos
geschieden und westlich von diesen gedacht, entspricht somit
genau dem Gebiete der Πασιρέες Nearchs.
Zu 8.6 Z.11ff. Es ist mir jetzt wahrscheinlich, dass von
Anfang an an den ὃ. 1—3 erwähnten Stellen der Schatzhöhle
verschiedene Namen beabsichtigt waren, die z. T. vielleicht ty-
pische Bedeutung hatten. Dann wäre azd-gar einfach „kund-
machend“. An sich lassen ja die syrischen Zeichen alle möglichen
Deutungen zu, zumal die Legenden ohne Zweifel schon durch
verschiedene Hände gegangen waren und die ursprünglichen
Formen nicht bekannt sind. Die Namen der zweiten Gruppe sind
augenscheinlich weit unsicherer überliefert. Doch könnte man
die von B gebotene Lesart „oJa,®, welche auch der arabischen
1) So richtig Nöldeke, Beiträge zur Gesch. des Alexanderromans
5. 8 A. 8, der aber gleichwohl S. 22 den Fluss Birastes für den
Borysthenes hält.
218 J. Marquart,
Übs. zu Grunde liegt, als Rt faas „Antwort gebend“ deuten, ob-
schon man dann «. Bi sollte, und Jazdwar würde etwa
„fromm“ bedeuten.
Diese Legenden weisen m. E. auf manichäischen Ursprung,
den christlichen Syrern aber waren die persischen Namen leerer
Schall. Dies gilt namentlich auch von der zwölfgliedrigen Liste,
und diese ist auch für uns nichts anderes, so lange die Original-
legenden, aus denen sie ohne Zweifel zusammengestoppelt ist, noch
nicht aufgefunden sind.
Zu 8.16 Z.4. 19: Leider war mir bisher der Aufsatz von
U. Boissevain, Ein verschobenes Fragment des Cassius Dio
(Hermes Bd. 25, 1890, 5. 329—339) entgangen, in welchem der
Nachweis geführt wird, dass das aus den ursinischen Exzerpten
περὶ πρέσβεων stammende, von Ursinus als Nr. 77 bezeichnete
Fragment des Kassios Dion, welches man seit Ursinus und Leun-
clavius allgemein auf den Partherkrieg des Septimius Severus be-
zog und demgemäss im 75. Buche (75, 9, 6) unterbrachte, nach
der Reihenfolge der ursinischen Exzerpte vielmehr in den Parther-
krieg des Traianus und zwar wahrscheinlich ins Jahr 116 n. Chr.
gehört. Das sehr abgerissene Fragment lautet: ὅτε τῷ Οὐολογαίσῳ
τῷ Σανατρούκου παιδὶ ἀντιπαραταξαμένῳ τοῖς περὶ Σεουῆρον, καὶ
διοκωχὴν πρὶν συμμῖξαί σφισιν αἰτήσαντι καὶ λαβόντι, πρέσβεις TE
πρὸς αὐτὸν ἀπέστειλε.) καὶ μέρος τι τῆς ᾿Δρμενίας ἐπὶ τῇ εἰρήνῃ
ἐχαρίσατο.
Severus war einer der Generäle, welchen die Aufgabe zufiel,
den im Rücken Trajans in den drei neu eingerichteten Provinzen
Mesopotamia, Assyria und Armenia ausgebrochenen Aufstand nieder-
zuwerfen. Trajan muss die Lage für bedrohlich genug gehalten
haben, so dass er es für geraten fand einzulenken. Unter dem
Teil von Armenien, welchen er dem Volagases beim Friedens-
schlusse als lehnspflichtiges Fürstentum abtrat, also von der neu-
errichteten Provinz abtrennte, sind wohl die ehemaligen Königreiche
Sophene und Gordyene zu verstehen, welche nach Appians Zeugnis
zu seiner Zeit, d. h. unter Antoninus Pius, als Strategie von
Kappadokien unter dem Namen Armenia minor verwaltet wurden,
während das alte Kleinarmenien westlich vom Euphrat schon länger
in den Provinzialverband von Kappadokien aufgegangen war).
1) Subjekt ist Trajan.
2) Appian Mithr. 105: καὶ ὁ Πομπήιος αὐτῷ (Τιγράνῃ) συνεγίγνωσκε
τῶν γεγονότων καὶ συνήλλασσε τῷ παιδὶ καὶ διήτησε τὸν μὲν υἱὸν ἄρχειν
τῆς Σωφηνῆς καὶ Τορδυηνῆς, αἵ νῦν ἄρα εἰσὶν ᾿Δρμενία βραχυτέρα, τὸν
δὲ πατέρα τῆς ἄλλης Agusviag ἐπὶ τῷδε τῷ παιδὶ κληρονόμῳ. εἰπῇ 08
Πομπήιος ἐκτετελέσϑαι οἱ τὸν πάντα πόλεμον “ἡγούμενος, ὦκιξε πόλιν
ἔνϑα τὴν μάχην ἐνίκα Μιϑριδάτην, ἣ ἀπὸ τοῦ ἔργου Νικόπολις κλήξεται,
καὶ ἔστιν Apueviag τῆς βραχυτέρας λεγομένης. ᾿Δριοβαρξάνῃ δ᾽ ἀπεδίδου
βασιλεύειν Καππαδοκίας, καὶ προσεπέδωκε Σωφηνὴν καὶ “Τορδυηνήν, ἃ
τῷ παιδὶ ἐμεμέριστο τῷ Τιγράνους᾽ καὶ στρατηγεῖται νῦν ἅμα τῇ Καππα-
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 219
Der offizielle Name Armenia minor muss für jenes Gebiet auch
noch 100 Jahre später im Friedensvertrage des Kaisers Philippus
mit Säpür I (244 n. Chr.), sowie im Frieden des Galerius (297)
δοκίᾳ καὶ τάδε. ἔδωκε δὲ καὶ τῆς Κιλικίας πόλιν Καστάβαλα καὶ ἄλλας.
᾿Δριοβαρξάνης μὲν οὖν τὴν βασιλείαν ὅλην τῷ παιδὶ περιὼν ἐνεχείρισε"
καὶ πολλαὶ μεταβολαὶ μέχρι Καίσαρος ἐγένοντο τοῦ Σεβαστοῦ, ἐφ᾽ οὗ,
καϑάπερ τὰ λοιπά, καὶ ἤδε ἡ βασιλεία περιῆλϑεν ἐς στρατηγίαν.
Diese Stelle enthält verschiedene Schwierigkeiten.
Die Behauptung, Ariobarzanes habe ausser Sophene auch @ordyene
erhalten, widerspricht der ausdrücklichen Angabe Strabons ı5 1, 24
p- 747, Pompeius habe den grössten Teil von Mesopotamien dem Tigranes
zugeteilt. Auch Tigranes dem Jüngeren war nach den anderen Quellen
nur Sophene zugedacht worden (Kass. Dion 36, 53, 2. Plut. Pomp. 33).
Die Hinzufügung von Gordyene ist daher mit Th. Reinach (Mithridate
Eupator p. 393 ἢ. 1) in beiden Fällen zu verwerfen. Die unvermittelte
und unmotivierte Verwendung des Ausdrucks ἡ βραχυτέρα "Aguevia in
zwei ganz verschiedenen Bedeutungen ist auf alle Fälle höchst befremd-
lich, allein die Deutung: „Sophene und Gordyene, welche jetzt zu Klein-
armenien gehören“ wird durch den Text ausgeschlossen. Da nun
die Stelle auch noch einen andern nachweisbaren Irrtum enthält —
Kappadokien ist nicht unter Augustus, sondern erst unter Tiberius im
J. 17. n. Chr. zur Provinz gemacht worden — und Appian den Aus-
druck ἡ βραχυτέρα ᾿Αρμενία sonst immer im gewöhnlichen Sinne für
Kleinarmenien westlich vom Euphrat verwendet (Mithr. 17. 90. 115),
so ist man versucht an eine grobe Flüchtigkeit seinerseits zu denken
und zu vermuten, dass in seiner Quelle noch etwas über das wirkliche
Kleinarmenien berichtet war und sich auf dieses die Bemerkung be-
ziehen sollte: καὶ στρατηγεῖται νῦν ἅμα τῇ Καππαδοκίᾳ καὶ τάδε. Ein
Teil von Kleinarmenien wurde im Jahre 43 v. Chr. von Caesar dem
Ariobarzanes III., dem Sohne Ariobarzanes’ II. von Kappadokien ver-
liehen (Kass. Dion 41,63. 42,48, 4); im Jahre 20 v. Chr. erhielt es
Archelaos von Kappadokien (Kass. Dion 54, 9, 2. Strab. ıß 3, 29 p. 555).
Eine solche Erklärung wäre indessen sehr gezwungen, da Klein-
armenien wahrscheinlich schon von Vespasian der Provinz Kappadokien
einverleibt worden war (Joach. Marquardt, Römische Staatsver-
waltung I? 369). Sophene und Gordyene müssen vielmehr im offiziellen
Sprachgebrauch wirklich die Bezeichnung Armenia minor geführt haben.
Der siegreiche Feldzug des Gordianus gegen die Perser war durch den
schmachvollen Frieden des Arabers Philippus abgeschlossen worden,
den letzten formellen Friedensvertrag zwischen Rom und Persien bis
auf Galerius. Dexippos muss über denselben berichtet haben, wie sich
aus der Übereinstimmung des Zosimos (I 19, 1. III 32, 4), Synkellos
(p. 683, 1—2), Zonaras (XII 19 vol. II p. 583, 3—7 ed. Bonn.) und
Euagrios (ἢ. 6. V 7 p. 426 ed. Vales.) mit Sicherheit ergibt, aber nur
bei den beiden letztern finden sich Andeutungen über die Friedens-
bedingungen. Zonaras sagt: σπονδὰς δὲ πρὸς Σαπώρην ϑέμενος τὸν
τῶν Π]ερσῶν βασιλεύοντα. τὸν πρὸς Πέρσας κατέλυσε πόλεμον, παραχω-
ρήσας αὐτοῖς Μεσοποταμίας καὶ Apusviag‘ γνοὺς δὲ Ῥωμαίους ἀχϑομέ-
νους διὰ τὴν τῶν χωρῶν τούτων παραχώρησιν, μετ᾽ ὀλίγον ἠϑέτησε τὰς
συνϑήκας καὶ τῶν χωρῶν ἐπελάβετο. Erst unter Gallus begann die
Reaktion der Perser gegen den Vertragsbruch eb. p. 589, 24---590, 3.
Damit stimmen die Worte des Zosimos 3, 32, 4: χρόνοις δὲ πολλοῖς
ὕστερον Γορδιανοῦ τοῦ βασιλέως Πέρσαις ἐπιστρατεύσαντος καὶ ἐν μέσῃ
τῇ πολεμίᾳ πεσόντος, οὐδὲ μετὰ ταύτην τὴν νίκην οἱ Πέρσαι παρεσπά-
σαντό τι τῶν ἤδη Ῥωμαίοις ὑπηκόων γεγενημένων, καὶ ταῦτα Φιλίππου
διαδεξαμένου τὴν ἀρχὴν καὶ εἰρήνην αἰσχίστην πρὸς Πέρσας ϑεμένου.
220 J. Marquart,
gebraucht worden sein. Nur so wird es begreiflich, wie Malalas
zu der Behauptung kommen konnte, Maxentios, d. i. Galerius
Maximianus, habe gewisse Landschaften von Persarmenien losgerissen
und den Römern unterworfen, die er erstes und zweites Armenien
der Römer genannt habe): er verwechselte das östlich vom Euphrat
gelegene, von Galerius zurückgewonnene Armenia minor d. i. die
später sogenannten gentes Transtigritanae mit dem alten Klein-
armenien westlich vom Euphrat, das erst von Diokletian von
Euagrios dagegen, der die Veranlassung des armenischen Aufstandes
und des römisch-persischen Krieges unter Justin II. erzählt, beginnt
mit den Worten: Τούτου (Gregorios, der Patriarch von Antiochien) τὴν
ἐπισκοπὴν πρῶτον ἔτος διέποντος οἱ τῆς πάλαι μὲν μεγάλης ᾿Δρμενίας,
ὕστερον δὲ Περσαρμενίας ἐπονομασϑ'είσης --- ἣ πρώην ἹῬωμαίοις κατήκοος
ἦν, Φιλίππου δὲ τοῦ μετὰ Γορδιανὸν καταπροδόντος αὐτὴν τῷ Σαπώρῃ
ἡ μὲν κληϑεῖσα μικρὰ Aguevia πρὸς Ῥωμαίων ἐκρατήϑη, ἡ δέ γε λοιπὴ
πᾶσα πρὸς Περσῶν --- τὰ Χριστιανῶν πρεσβεύοντες. ... ἐν παραβύστῳ
ἐπρεσβεύοντο πρὸς ᾿Ιουστῖνον κτλ. Dem Euagrios dient diese historische
Notiz nur als Einleitung zu seiner Erzählung; er hat sie ohne Zweifel
nicht direkt aus Dexippos, sondern aus der Chronik des Eustathios
von Epiphaneia bezogen, der den Dexippos ausgezogen hatte (vgl.
Euagr. V 24). Daraus erklärt sich zum Teil die nachlässige Fassung
des Satzes. Da Euagrios aber von den Verhältnissen seiner Zeit
ausgeht und kein Dummkopf war wie Malalas, kann er nicht haben
sagen wollen, infolge des Friedens des Philippus sei das schon seit
Vespasian mit der Provinz Kappadokien vereinigte und seitdem un-
unterbrochen in römischem Besitz gebliebene Kleinarmenien westlich
vom Euphrat von den Römern besetzt worden. Er spricht vielmehr
nur von Grossarmenien, das bis auf Philippus ein Ganzes unter römischer
Lehnshoheit, durch den schmählichen Frieden desselben geteilt worden
sei, indem ein Teil, das sogenannte Kleinarmenien, von den Römern
besetzt wurde, während die ganze übrige Hälfte den Persern anheim-
fiel. Jenes Kleinarmenien muss also einem Teile des späteren römischen
Grossarmenien entsprechen, und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach
den beiden ehemaligen Königreichen Sophene und Gordyene. Wenn
Euagrios diese Teilung als eine vollendete Thatsache meldet, so ist dies
ohne Zweifel ein schwerer Irrtum. Dass in den Friedensbedin-
gungen eine solche ausgesprochen war, braucht nicht bezweifelt zu
werden, allein sie blieb auf dem Papier. Denn da der Friede nach
Zonaras und Zosimos von Philippus in echtrömischer Weise nicht ge-
halten wurde, so ist es selbstverständlich, dass sich auch Säpür, sobald
er die Macht hatte, nicht mehr an etwaige einschränkende Bedingungen
desselben gebunden erachtete. Wir finden daher keinen bestimmten
Anhaltspunkt für die Annahme, dass das fragliche Kleinarmenien von
Gallus bis auf Galerius je im unbestrittenen Besitze der Römer ge-
wesen wäre. Später griff? man indessen wieder auf den Vertrag des
Philippus zurück: Galerius sanktionierte das römische Kleinarmenien,
hielt aber an der römischen Lehnshoheit über das wiederhergestellte
Königreich Armenien fest. Umgekehrt wird sich Sapür II. den. Römern
gegenüber auf den alten unausgeführten Vertrag berufen haben, aber
erst unter dem frommen Theodosius wurde die Teilung wirklich durch-
geführt.
1) Malal. XII p. 312, 17—19: καὶ ἀπέσπασε χώρας ἔκ τῶν Περσαρ-
μενίων καὶ ἐποίησεν ὑπὸ Ῥωμαίους. ἦν τινα ἐκάλεσε πρώτην καὶ δευτέ-
ραν ’Apusviov Ῥωμαίων (Maxentios ἃ. 1. Galerius Maximianus).
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 221
Kappadokien abgetrennt und zu einer eigenen Provinz erhoben
worden war, die unter Theodosius I. (zwischen 378 und 386) in
zwei Provinzen Armenia I und Armenia II zerlest wurde!). Der
Prätendent Volagases aber, der sich an die Spitze des Aufstandes
der Armenier gestellt hatte, ist gewiss kein anderer als der im
nächsten ursinischen Exzerpt genannte Volagases, welcher die Alanen,
die nach der Verwüstung von Albanien und Medien (Atropatene)
in Armenien eingefallen waren (134 oder 135 n. Chr.), durch
Geschenke zur Umkehr bewog?) und in welchem schon Gutschmid
(Gesch. Irans S. 147) einen König von Armenien erkannte. Er
wird von Hadrian bei der Räumung der drei Provinzen als König
von Armenien anerkannt worden sein, worauf auch die Notiz des
Biographen (c. 21) hinweist: Armeniis regem habere permisit, cum
sub Traiano legatum habuissent, während sein bisheriges Fürstentum
von Grossarmenien getrennt blieb. Vielleicht ward es zunächst
wie im Jahre 54 als eigenes Lehnsfürstentum einem ergebenen
Dynasten übertragen und erst bei der Erhebung des Sohaimos
auf den Thron von Grossarmenien unter Pius zu Kappadokien
geschlagen.
Daraus ergibt sich ohne weiteres, dass der in Urs. 77 er-
wähnte Vater des Volagases, ΖΣανατρούχης, identisch ist mit dem
von Suidas genannten König Σιανατρούκης von Armenien, woraus
von selbst folgt, dass der Artikel des Suidas aus Arrians Παρϑικά
stammt. So jetzt auch Boissevain in seiner Ausgabe des Kassios
Dion vol. III, p. 218/19 ann. Hätte man nicht das ursinische
Exzerpt 77 fälschlich in die Zeit des Septimius Severus hinab-
gerückt, das dann den König ΣΙανατρούκης nach sich zog, so hätte
man jenen Schluss ohne Zweifel schon wegen des ξύμμετρον bei
Suidas längst gezogen. Arrian hatte den König Sanatruk von
Armenien also in der Vorgeschichte des Partherkrieges Trajans.
erwähnt, in welcher er die Geschichte Armeniens seit der Krönung
des Tiridates und der endgiltigen Regelung des staatsrechtlichen
Verhältnisses des Königreichs Armenien durch Nero (66 n. Chr.).
bis zum Ausbruche des Konflikts unter Trajan dargestellt haben
muss®). Ob Sanatruk als unmittelbarer Vorgänger des Axidares,
») Vgl. Kuhn, Die städtische und bürgerliche Verfassung des.
röm. Reiches II 211. 243, zitiert von Güterbock, Römisch-Armenien
und die römischen Satrapien im IV. bis VI. Jahrh. S. 23.
3) Kass. Dion 69, 15, 1 vol. III 235 Boissevain.
ὃ Die Παρϑικά Arrian’s waren keine Geschichte der Parther,
sondern der Kriege der Römer gegen die Parther (vgl. Περσικά —
Perserkriege), und zwar können auch die früheren Partherkriege nicht
sehr eingehend behandelt gewesen sein, da jedenfalls im achten Buche
bereits vom Feldzuge Trajan’s die Rede war (fr. 5), also der Erzählung
desselben mindestens 10 von den 17 Büchern des Werkes gewidmet
waren. Im zweiten Buche begann die Geschichte des Feldzuges des
Crassus (fr. 2), im vierten stand der Erzähler noch bei der Belagerung-
von Gazaka durch Antonius (fr. 3). i
339 J. Marquart,
eines Sohnes des Partherkönigs Pakoros II. (112 n. Chr.)t) zu be-
trachten ist, lässt sich nicht ausmachen, ist aber wahrscheinlich.
Auf alle Fälle wird jetzt klar, dass das Königreich Armenien seit
Nero keineswegs eine eigentliche Sekundogenitur einer arsakidischen
Nebenlinie in dem Sinne bildete, dass sich dasselbe einfach in
der Linie des Tiridates vererbte — denn sonst hätte auf Sanatrukes
unmittelbar sein Sohn Volagases und nicht ein Sohn des Parther-
königs Pakoros folgen müssen —, sondern dass der römischen
Regierung bei jedem Thronwechsel in Armenien vom König der
Könige ein oder mehrere geeignete Kandidaten aus dem Arsakiden-
hause präsentiert werden mussten.
Dasselbe war auch schon aus einer Bemerkung Fronto’s über
die ähnliche Lage unter L. Verus zu entnehmen. In einem Schreiben
an den Kaiser, in welchem Fronto dessen Briefe kritisiert, wo aber
infolge zahlreicher unlesbarer Stellen der Zusammenhang unklar
ist, scheint er davon gesprochen zu haben, dass man gegen die
Regierung der beiden Kaiser verschiedene Vorwürfe erhob. Darauf
fährt er nach einer Lücke fort: Vel quod Sohaemo potius quam
Vologaeso regnum Armeniae dedisset; aut quod Pacorum regno
privasset: nonne oratione huius modi explicarent??) Zwischen
140 und 144 hatte Antoninus Pius den Armeniern einen König
gegeben). Dies ist wahrscheinlich der Sohaimos, der im Jahre
164 von einem gewissen Thukydides nach Armenien zurückgeführt
wurde, also schon vor dem Kriege einmal König von Grossarmenien
gewesen wart). Derselbe war jedenfalls nur von mütterlicher
Seite arsakidischer Abkunft, während er väterlicherseits wahr-
scheinlich der Familie der ehemaligen Dynasten von Hemesa
angehörte?). Wodurch er sich bei Antoninus in so hohe Gunst
1) Arrian Parth. fr. 16. Kass. Dion 68, 17, 3 (Exc. Ursin. 51).
3) Fronto, Ad Verum imperatorem p. 179 ed. A. Mai.
®) Eckhel, Doctr. numm. VII 15 — Cohen II nr. 758: rex. Armen.
datus. Vgl. Napp, De rebus imp. M. Aurelio Antonino in ÖOriente
gentis. Diss. Bonn 1879 p. 10 n.1. Gutschmid, Gesch. Irans 8. 147.
Mommsen, R.G. V 403/4 A.1.
4) Suid. s. v. Μάρτιος (unten $. 225 Anm. 1): Ὅτι Μάρτιος Βῆρος
τὸν Θουκυδίδην ἐκπέμπει καταγαγεῖν Σόαιμον εἰς Apueviev. Tamblichos
bei Phot. bibl. eod. 94 (unten $. 225 A. 4): εἶτα καὶ βασιλεὺς πάλιν τῆς
weyding Aouevias. Vgl. Napp 1. 1. 24. Eckhell.l.
5) Jamblichos nennt ihn ὃ ’Ayaıusvidns ὃ ‘Agoanidns, ὃς βασιλεύς
ἦν ἐκ πατέρων βασιλέων. Achaimenidische Abkunft in direkter Linie
konnte er selbstverständlich nicht für sich in Anspruch nehmen, der
Name wird nichts weiter besagen, als dass seine Vorfahren mit den
Königen von Kommagene, in deren Adern ja achaimenidisches Blut
rollte, verschwägert gewesen waren. Er kann aber auch kein echter
Arsakide gewesen sein, wie sein nabatäisch-arabischer Name zeigt.
‚Dieser weist vielmehr auf das ehemalige Fürstenhaus von Hemesa, das
bald nach 72 n. Chr. entthront worden ist und in welchem die Namen
Σαμψιγέραμος (Samesyoramı), Tamblichos (Jamliku) und Sohaimos (arab.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 225
zu setzen verstanden hatte, wissen wir nicht; vielleicht geht aber
seine Einsetzung auf Anordnungen Hadrians zurück. Man kann
vermuten, dass dieser, eine Massregel Nero’s wieder aufnehmend !),
bei der Wiederherstellung des arsakidischen Königreichs Gross-
armenien Sophene und Gordyene bleibend von demselben losriss
und einem Nachkommen des Königs Sohaimos von Hemesa, der
eine Zeit lang (54 bis spätestens 66) König von Sophene gewesen
war, als lehnspflichtiges Fürstentum übertrug. So würde sich am
einfachsten erklären, dass jene Landschaften unter Pius dem Statt-
halter von Kappadokien unterstanden: sie wären bei der Erhebung
des bisherigen Dynasten Sohaimos auf den Thron von Grossarmenien
in unmittelbare römische Verwaltung genommen worden. Wenn
das ursinische Fragment Nr. 55 gleich dem folgenden Nr. 56°)
unter Pius gehört?), so wird es auch etwas verständlicher, wes-
halb dieser bei der Neubesetzung des armenischen Thrones von
ο-. 2
μ. 5535) abwechselten (8. Joach. Marquardt, Röm. Staatsverwaltung I?
403 ἢ). Sohaimos war im J. 54 n. Chr. seinem Bruder Azizos als Dynast
von Hemesa gefolgt und ward noch im nämlichen Jahre von Nero mit
dem wiederhergestellten Königreiche Sophene belehnt (Jos. ἀρχ. 20, 158.
Tac. ann. 13,7). Dies war eine gegen Parthien gerichtete Kampf-
massregel, die natürlich spätestens beim Friedensschlusse mit VolagasesI.
und der Krönung des Tiridates (66) wieder eingezogen wurde. In der
That finden wir Sohaimos schon im jüdischen Kriege nur noch als
König von Hemesa; vgl. Jos. b. Jud. II 481. 483. 500. Vita 52. Tae.
hist. 5, 1. Jos. b. Jud. III 68 a. 67. Tac. hist. 2,81 a. 69. Jos. b. Jud.
VII 226 8. 72. An all diesen Stellen heisst er einfach Σόαιμος oder
Σόαιμος ὁ βασιλεύς, nur Vita 52 wird er τοῦ περὶ τὸν Aißavov τετραρ-
χοῦντος und b. Jud. VII 226 τῆς ᾿Εμέσης καλουμένης βασιλεύς genannt.
Auf einer Inschrift aus Ba‘albek heisst er: regi magno C. Iulio Sohaemo
regis magni Samsigerami f. (Lidzbarski, Ephem. der sem. Epigraphik
II 87). Vgl. auch Krenkel, Iosephos und Lukas 8.91. In Hemesa war
der Name Sohaimos noch in weit späterer Zeit gebräuchlich, wie Iulia
Soaemias (andere Formen des Namens findet man zusammengestellt bei
Boissevain zu Kass. Dion 79 (78), 30, 2 vol. III p. 437), die Tochter
der Julia Maesa beweist, deren Familie einen erblichen Anspruch auf
das Priestertum des dortigen Sonnengottes besass. Diese Würde
bekleidete auch der Sohn der Soaemias, Varius Avitus Bassianus.
S. Schiller, Gesch. der röm. Kaiserzeit I 760. Vielleicht stammte
auch Tamblichos, der kein Babylonier, wie Photios aus ee
angibt, sondern ein Syrer war (vgl. Mommsen, R. G. V 453 A. 1),
aus Hemesa, wo der nabatäische Name J amliku heimisch war. In
Armenien hat der Name Sohaimos nicht die geringste Spur hinterlassen.
ἡ 8. 222 Anm. 5.
2) Kass. Dion 70,2 (69, 15, 3) vol. ΠῚ 244 ed. Boissevain — Exec.
Ursin. 56: ὅτι Φαρασμάνῃ τῷ Ἴβηρι ἐς τὴν Ῥώμην μετὰ τῆς γυναικὸς
ἐλϑόντι τήν τε ἀρχὴν ἐπηύξησε καὶ ϑῦσαι ἐν τῷ Καπιτωλίῳ ,ἐφῆκεν, ἀν-
δριάντα τὲ ἐπὶ ἵππου ἐν τῷ ᾿Ενυείῳ ἔστησε, καὶ γυμνασίαν αὐτοῦ TE
καὶ τοῦ υἱέος τῶν τε ἄλλων πρώτων ᾿Ιβήρων ἐν ὅπλοις εἶδεν. Vgl.
Capitol. v. Pii 9,6. Mommsen, R. G. V 404 Α. 4.
ὅ Dies vermutet 2 in seiner Ausgabe des Kassios Dion
III 235 ann.
224 J. Marquart,
der Familie des Sanatruk und sogar von der arsakidischen Dynastie
abgieng. Ein König Volagases, wahrscheinlich der von Armenien,
liess durch Gesandte in Rom verschiedene Beschwerden gegen den
Ibererkönig Pharasmanes vorbringen!), worauf dieser wahrschein-
lich zur Verantwortung nach Rom vorgeladen wurde. Als er aber
hier eintraf, wusste er den Kaiser durch reiche Geschenke ganz
für sich einzunehmen, so dass ihn dieser auffallend auszeichnete
und sogar mit einer Gebietsvergrösserung bedachte?).
Diese auffällige Begünstigung des Iberers und Brüskierung
des Armeniers muss einen Grund gehabt haben und beweist jeden-
falls, dass dieser beim Kaiser nicht in Gunst stand. Es ist aber
begreiflich genug, dass die Verstümmelung von Grossarmenien
bei den Parthern und Armeniern schon unter Hadrian böses Blut
gemacht hatte). Noch mehr aber musste die förmliche Einführung
der römischen Verwaltung in Südarmenien und die Beiseiteschiebung
der Arsakiden in Grossarmenien den König der Könige reizen.
Pius scheint von der Auffassung ausgegangen zu sein, dass er als
Lehnsherr bei der Besetzung des armenischen Thrones nicht einmal
an den arsakidischen Mannesstamm gebunden sei. Bereits damals
drohte wohl der Partherkönig in Armenien einzufallen und dies
Reich dem römischen Einflusse zu entreissen, wovon ihn Pius
durch Briefe abhielt®). Später aber kam es in der That zu Miss-
helligkeiten mit dem König Volagases III. (148—191), die indessen
durch eine persönliche Zusammenkunft der beiden Herrscher am
Euphrat beigelegt wurden (um 154)5). In den letzten Jahren
des Pius drohte abermals ein Krieg mit den Parthern. Damals
muss der römische Schützling Sohaimos von den Armeniern ver-
1) Kass. Dion 69, 15, 2 = Exec. Ursin. 55.
2) 5. 223 Anm. 2.
ὃ Vita Hadr. 12, 8.
1) Capitol. v. Pii 9,6: Parthorum regem ab Armeniorum expug-
natione solis litteris reppulit. Diese Notiz gehört wohl ebenso wie die
beiden vorangehenden (Ankunft des Pharasmanes in Rom und Einsetzung
des Pakoros als König der Lazen) in die ersten Regierungsjahre des
Kaisers. Die folgende: Abgarum regem ex orientis partibus sola aucto-
ritate deduxit muss irrig aus der Regierung Hadrians hierher gestellt
worden sein. Es kann nur der edessenische König Ma‘nü VII bar Izat
emeint sein, der nach v. Gutschmid 123—139 regierte und dem
arther Parnathaspat (Parthamaspates) folgte, dessen Zwischenregierung
die einheimische Dynastie unterbrochen hatte. Der Name Abgarus
war bei den Griechen und Römern gewissermassen Dynastiename ge-
worden, wie Arsakes und später Chosroes. Vgl. A. v. Gutschmid,
Untersuchungen über die Geschichte des Königreichs Osroene S. 28.
Babelon, Melanges numismatiques II nr. 4.
5) Aristid. orat. sacra I p. 453. 454 ed. Dindorf. Vgl. Borghesi,
Oeuvres V 373ss. Waddington, Memoire sur la chronologie de la
vie du rheteur Aelius Aristide. Mem. de l’Acad. des Inscript. et belles-
lettres t. XXVI, 1867, p. 260ss. Napp, !. 1. p. 12 ss.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 225
trieben!) und der Arsakide Pakoros mit parthischer Hilfe zum
König erhoben worden sein?). Dies war allerdings eine Störung
des Friedens, doch zögerte der betagte Kaiser den Krieg zu er-
öffnen und hinterliess ihn seinen Nachfolgern. Übrigens scheint
1) Aus der Inschrift Corp. regn. Neap. ἢ. 4934: L. Neratio C. ἢ.
Vol. Proculo .... item misso ab imp. Antonino Aug. Pio ad dfeldu-.
cen[djas vex[illlationes in Syriam ob [bJell(um) [Parjthicum geht hervor,
dass man schon mehrere Jahre vor Pius’ Tode einen Krieg mit den
Parthern erwartete. Vgl. Borghesi, Oeuvres V 373. Napp, Ι. 1.
p. 12 5. —
Photios bibl. cod. 94 teilt aus dem Romane des Iamblichos mit:
λέγει δὲ καὶ ἑαυτὸν Βαβυλώνιον εἶναι ὃ συγγραφεὺς... καὶ ἀκμάξειν
ἐπὶ Σοαίμου τοῦ ᾿Δχαιμενίδου τοῦ ᾿Αρσακίδου, ὃς βασιλεὺς ἦν ἐκ πατέρων
βασιλέων. γέγονε δὲ ὅμως καὶ τῆς συγκλήτου βουλῆς τῆς ἐν Ρώμῃ καὶ
ὕπατος δέ, εἶτα καὶ βασιλεὺς πάλιν τῆς μεγάλης Apusviag' ἐπὶ τούτου
γοῦν ἀκμάσαι φησὶν ἑαυτόν: Ῥωμαίων δὲ διαλαμβάνει βασιλεύειν Avro-
γνῖνον" καὶ ὅτε ᾿ἀντωνῖνος, φησίν, Οὐῆρον τὸν αὐτοκράτορα καὶ ἀδελφὸν
καὶ κηδεστὴν ἔπεμψε Βολογαίσῳ τῷ ΠὨαρϑυαίῳ πολεμήσοντα, ὡς αὐτός
τε προείποι καὶ τὸν πόλεμον, ὅτι γενήσεται, καὶ ὕποι τελευτήσοι" καὶ
ὅτι Βολόγαισος μὲν ὑπὲρ τὸν Εὐφράτην καὶ Τίγριν ἔφυγεν, ἡ δὲ Παρϑυ-
αίων γῆ Ῥωμαίοις ὑπήκοος κατέστη.
Der Romanschriftsteller Iamblichos sagte also von sich selbst, dass
er blühe unter König Sohaimos, und zwar als derselbe abermals (πάλιν)
König von Grossarmenien geworden war. Gleichzeitig herrschte in
Rom der Kaiser Antoninus ἃ. i. Marcus Aurelius. Dies kann nur be-
deuten, dass sich Iamblichos zur Zeit der Abfassung seines Romans
am Hofe des Sohaimos in Nor K‘alak‘ befand (so Mommsen, R. G.
V 407 A. 2). Er hatte dann auch den Partherkrieg des L. Verus er-
wähnt und dabei hervorgehoben, dass er denselben sowie seinen Aus-
gang voraus gesagt habe. Diese Prophezeiung hatte aber nur einen
Sinn, wenn sie unter Pius geschah, da der Krieg ja schon im Anfang
der Regierung des Marcus ausbrach. Es ist also in dem Satze καὶ
ὅτε ᾿Αντωνῖνος κτλ. für ὅτε zu schreiben ὅτι, das von ὡς αὐτός τε προ-
είποι und καὶ ὅτι Βολόγαισος... ἔφυγεν aufgenommen wird. Damit
entfällt der Unsinn, den der überlieferte Ταχύ einschliesst, dass Iamblichos
den Ausbruch des Krieges (ὅτι γενήσεται) vorausgesagt habe, als An-
toninus den L. Verus zum Kriege gegen Volagases entsandt habe.
Man wird sich also zu denken haben, dass sich Iamblichos zur
Zeit, als er jene Prophezeiung verkündigte, in Rom aufhielt und sich
durch dieselbe dem dorthin geflohenen Exkönig Sohaimos, dessen Lands-
mann er vielleicht war (oben S. 223 A.), empfahl, da sie ihm ja seine
Wiedereinsetzung in Aussicht stellte. Diese war aber keineswegs selbst-
verständlich, da man nicht wissen konnte, ob die Nachfolger des Pius
sich mit seiner Politik identifizieren würden, zumal das Anrecht des
Sohaimos auf den armenischen Thron auf sehr schwachen Füssen stand.
Unter diesem Gesichtspunkte gewinnt die Notiz des Capitolinus (vita
Pii 12, 7) erst ihre wirkliche Bedeutung: alienatus in febri nihil aliud
quam de rep. et de is regibus, quibus irascebatur, loquutus est. Als
die Dinge dann die gewünschte Wendung nahmen, wird Iamblichos
seinen Gönner nach Armenien begleitet haben.
2?) Als solcher erscheint er während des Krieges bei Asinius Qua-
dratus, Parthika fr. 6 bei Steph. Byz. (aus dem dritten Buche): 'Xrnvn,
μοῖρα Aousvias. Κουάδρατος ἐν Παρϑικῶν τρίτῳ: ὁ δὲ τῆς Agueviag
βασιλεὺς Πάκορος ἐν τούτῳ περὶ ᾿Αρτάξατα καὶ τὴν ᾿ῶτηνὴν τῆς Aoueviag
(d.h. wahrscheinlich in der Winterresidenz Chatchat in Uti) διάγων.
Philologus Supplementband X, Erstes Heft, 15
9926 J. Margquart,
Pakoros keinen Versuch gemacht zu haben sich der römischen
Lehnshoheit zu entziehen), und auch der Partherkönig Volagases III.
sich einstweilen der Einmischung in die inneren Verhältnisse
Armeniens enthalten zu haben. Der vertriebene König Sohaimos
wandte sich nach Rom um Klage zu führen, ward aber auf später
vertröstet und inzwischen für den Verlust seines Thrones durch
Aufnahme in den Senat und das Konsulat entschädigt.
Nach dem Tode des Pius brach der Krieg mit den Parthern
und Armeniern sofort aus. Nach der Eroberung von Armenien
und der Einnahme von Artaxata erhielt ein gewisser Thukydides
von Martius Verus den Auftrag, den Sohaimos als König nach
Armenien zurückzuführen (164). Ein Aufstandsversuch wurde von
Martius Verus selbst durch Überredung und kräftiges Auftreten
gedämpft und an Stelle des zerstörten Artaxata der von Volagases
gegründete Flecken Wa4arsapat, wo eine von Statius Priscus
zurückgelassene armenische Besatzung lag, unter dem Namen
Καινὴ πόλις (arm. Nor k‘alak‘) zur neuen Hauptstadt des Landes
erklärt?). Der König Pakoros ward nebst seinem Bruder Meor-
ϑάτης (*Mehrdat) nach Rom gebracht, wo beide später Klienten
des Kaisers M. Aurelius wurden?), Allein ausser Sohaimos und
Pakoros war noch ein anderer Prätendent da, Vologaesus, der An-
sprüche auf die armenische Krone erhob und als Arsakide jeden-
falls nähere Anrechte auf dieselbe hatte als Sohaimos, mag er
nun der parthischen Linie angehört haben oder Nachkomme eines
1) Dies würde seine spätere milde Behandlung erklären; 5. Anm. 3.
2) Suid. 5. v. Μάρτιος p. 69 ed. Bekker — Kass. Dion 71, 1, 3
vol. III 247/8 Boissevain: ὅτι Μάρτιος Βῆρος τὸν Θουκυδίδην ἐκ-
πέμπει, καταγαγεῖν Σόαιμον εἰς ᾿Δρμενίαν: ὃς δέει τῶν ὅπλων καὶ τῇ
οἰκείᾳ περὶ πάντα τὰ προσπίπτοντα εὐβουλίᾳ τοῦ πρόσω εἴχετο ἐρρωμένως"
ἦν δὲ ἱκανὸς ὁ Μάρτιος οὐ μόνον ὕπλοις βιάσασϑαι τοὺς ἀντιπολέμους....
ἀλλὰ καὶ λόγῳ πιϑανῷ πεῖσαι καὶ δωρεαῖς μεγαλόφροσιν οἰκειώσασθαι
καὶ ἐλπίδι ἀγαϑῇ δελεάσαι" .. . ἀφικόμενος οὖν εἰς τὴν καινὴν πόλιν,
ἣν φρουρὰ Ρωμαίων κατεῖχεν ἐκ ΤΠΙρίσκου καταστᾶσα, νεωτερίξειν πει-
ρωμένους λόγῳ τε καὶ ἔργῳ σωφρονίσας, ἀπέφηνε πρώτην εἶναι τῆς
Aouevies. Vgl. Napp 1.1. p. 67.24. Καινὴ πόλις -- Nor k‘alak‘ nach
Kiepert bei Mommsen, R. G. V 407 A. 1. Der ältere Name
Watarsapat, älter * Walayasapät „Anlage des Watars“ geht auf den
König Volagases zurück.
®) Pakoros liess seinem in Rom verstorbenen Bruder folgende
Grabschrift setzen (C. I. G. 6559 — Insceriptiones Graecae Siciliae et
Italiae ed. Kaibel nr. 1472):
Θ. Κ. Αὐρήλιος Πάκορος βασιλεὺς μεγάλης ᾿Δρμενίας ἠγόρακα σαρ-
κοφάγο(ν) Αὐρ(ηλίῳ) Μερνϑάτι ἀδελφῷ γλυκυτάτῳ ξήσαντι σὺν ἐμοὶ ἔτη
v5’ μῆ(νας) β΄. er Name Aurelius beweist jedenfalls, wie schon
iebuhr und Mai erkannt haben, dass die beiden Brüder unter
M. Aurelius nach Rom gekommen und dort Klienten des Kaisers und
römische Bürger geworden sind. Es kann daher trotz des Widerspruches
Mommsen’s (R. G. V 403/4 A. 1) nicht zweifelhaft sein, dass dieser
ehemalige König von Grossarmenien Pakoros mit dem von L. Verus
abgesetzten identisch ist. Vgl. Napp 1.1. 25.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 227
Königs von Armenien gewesen sein!). Es wird daher genug Leute
in Rom gegeben haben, die nicht einsehen wollten, weshalb So-
haimos den Vorzug vor den beiden anderen Prätendenten ver-
diene, so dass seinetwegen ein langwieriger Krieg geführt wurde,
und die Absetzung des Pakoros tadelten. Diese, meint Fronto,
würden durch eine Rede im Stile der Briefe des Verus zur Ein-
sicht kommen.
Der armenische König, mit welchem Septimius Severus zu
thun hatte?) und der, welcher von Caracalla um 213 verräteri-
scher Weise samt seiner Familie gefangen genommen wurde?),
wird uns mit Namen nicht genannt. Letzterem folgte allerdings
im Jahre 218 sein Sohn Tiridates II.*); allein es ist an sich nicht
unmöglich, dass Chosrow I., der Vater des Trdat, ein Bruder des
letzten Partherkönigs Artabanos V., also ein Sohn Volagases’ IV,
war, wie das griechische Fragment vor dem griechischen Agathan-
gelos andeutet), wiewohl das Wort ἀδελφός hier vielleicht nicht
im strikten Sinne als Bruder, sondern als Blutsverwandter aufzu-
fassen ist. Eine eigene arsakidische Dynastie gab es also in Ar-
menien erst seit der Wiedereinsetzung Trdats III. unter Diokletian.
Es muss daher auch dahin gestellt bleiben, ob Sanatruk der
Sohn eines armenischen oder eines parthischen Königs war, und
das Nämliche gilt von Pakoros. Mit dem parthischen Prinzen
und angeblichen König Sanatrukios, dem Sohne des Meherdotes
und Vetter des Parthamaspates, welchen Malalas unter Berufung
auf Arrian als Heerführer gegen Trajan auftreten und auf der
Flucht getötet werden lässt®), hat der schon vor dem Ausbruche
1) Vielleicht ist der gleichnamige Sohn und spätere Nachfolger
des Partherkönigs Volagases III gemeint. An diesen selbst ist natürlich
nicht zu denken.
2uHe200. 3,1, 2. 9,1.
3) Kass. Dion. 78 (77), 12, 2 vol. III 387 ed. Boissevain (Xiphilinos):
#) Kass. Dion 79 (78), 27, 4 vol. III 435 ed. Boissevain.
5) Agathangelus p. 8, 41ff. ed. Lagarde: τὰ δὲ συμβάντα ταῦτα
ἀπηγγέλλετο Χοσρόῃ τῷ Agcanidn βασιλεύοντι τῆς μεγάλης Aouevias,
ὡς τοῦ παιδὸς Σασάνου ᾿Αρτασίρα κρατήσαντος τῆς Περσῶν βασιλείας,
ἀπολέσαντός τε Agraßdvnv τὸν αὐτοῦ ἀδελφόν. Darnach im griechischen
Agathangelos p. 8, 51l—54: ἐπειδὴ οὖν μετὰ θάνατον τοῦ ᾿Αρταβάνου
τοῦ ἀποκτανϑέντος ὑπὸ τοῦ ᾿ἀρτασίρου υἱοῦ Σασάνου κατέλαβεν ἡ ἀγγελία
αὕτη πρὸς τὸν Κουσάρω βασιλέα ᾿Αρμενίας, ἀδελφὸν δὲ ᾿ἀρταβάνου, ὃς
ἦν δεύτερος τῆς δεσποτείας Πάρϑων rk. Die Worte ἀδελφὸν δὲ ’Aora-
βάνου fehlen im armenischen Texte. — Herodian nennt uns den König,
der zur Zeit des Perserkrieges des Alexander Severus über Armenien
herrschte, nicht.
6) Malal. XI p. 273, 20—274, 19 (nach Arrian). 269, 11—275, 4
(aus Domninos). Die Verteilung der Rollen ist natürlich das Werk
des Malalas oder des Domninos. So macht er den Osroes zum König
von Armenien, seinen Bruder Μεερδότης und nach dessen Tode seinen
Sohn Sanatrukios zu Königen der Perser. Einen König Meerdotes
(Mihrdät) hat es aber um diese Zeit nicht gegeben. Vgl. Warwick
15*
228 J. Marquart,
des Krieges verstorbene König von Armenien selbstverständlich
nichts zu thun!).
Der Name scheint um diese Zeit nicht. selten gewesen zu
sein. Man könnte vermuten, dass auch Sanatrüg, der Held von
-Hatre?), in Wirklichkeit in die Zeit Trajans gehöre. Nach
arabischer Sage war der Garamäer .,olJt d.i. Sanatrüg‘ der-
jenige Fürst von Hatra, unter welchem Sapür I. die Festung
einnahm und zerstörte). Allein diese Version steht offenbar unter
dem Einfluss der syrischen Sage; denn die echt arabische Sage
nannte den von Sapür überwältigten Fürsten vielmehr Daizan
und machte ihn zu einem Araber vom Stamme Qodäa’a, d.h. zu .
einem Südaraber, und dies stimmt durchaus zu den dürftigen
historischen Notizen, die uns geblieben sind. Trajan scheiterte
bei der Belagerung von Hatra (117 n. Chr.?), doch wird uns nicht
überliefert, wer den Aufstand und die Verteidigung der Stadt
leitete*). Allein der Wortlaut des dionischen Exzerptes scheint
vorauszusetzen, dass die Stadt zum Gebiete des Mannos (Ma’nü),
des Phylarchen von Arabien (B&# ‘Arsßäje, Arvastan) gehörte,
der auch Singara besass). Βαρσήμιος oder Βαρσήνιος, welcher
bei der vergeblichen Belagerung durch Septimius Severus Fürst
von Hatra war‘), führt einen aramäischen Namen. Wer die Stadt
gegen Ardasir verteidigte 7), ist nicht überliefert. Herodian lässt
den Severus Mesopotamien und Adiabene durchziehen und das
glückliche Arabien verwüsten, ehe er nach Hatra kommt®). Ihm
Wroth, Catalogue of the coins of Parthia. London 1903, p. LIX 5.
217—223. Pl. XXXII 6—23. Wenn daher die Legenden des Malalas
überhaupt einen historischen Hintergrund haben, so ist nur festzuhalten,
dass der Prinz Meherdotes und sein Sohn Sanatrukios in Mesopotamien
parthische Heere geführt haben.
ἢ Wie Boissevain für möglich hält.
ὅ Nöldeke, Die von Guidi herausgegebene syrische Chronik —
SBWA. Bd. 128 Nr. 9, 1893 S. 41 und A. 3. Gesch. der Perser und
Araber 8.35 A.1. 500. Tuch, Commentationes geographieae partieula I
De Nino urbe animadversiones tres. Lipsiae 1845 p. 15. G. Hoff-
mann, Auszüge aus syr. Akten pers. Märtyrer $. 184 ff.
ὅ Tab. I afv, 7ff. Mas‘üdi IV 81 Εἰ Letzterer sagt: „Diese
Festung gehörte as Satirün b. as Sanatrün (lies BY λα für 5 Am),
dem König der Syrer in einem zum Lande al Maugil gehörigen Gau
(rustäg) namens Bägarmäü* (ed. u, lies 2,>L).
*) Kass. Dion. 68, 31. Ammian. Marcell. 25, 8, 5.
5) Kass. Dion 68, 31: μετὰ δὲ ταῦτα ἐς τὴν Aoaßiav ἦλϑε, καὶ τοῖς
Argnvois, ἐπειδὴ καὶ αὐτοὶ ἀφειστήκεσαν, ἐπεχείσησε. Vgl. ec. 21,1. 22.
6) Herodian. 3, 1, 8. 9, 1--ῦ; vgl. Kass. Dion 76 (75), 10---12.
Ammian. Marcell. 25, 8, 5.
”) Kass. Dion 80, 3, 2.
‚. ὃ Herodian. 3, 9, 3: ὁ δὲ Σεουῆρος διαβὰς τὴν τῶν ποταμῶν
μέσην γῆν τε καὶ ᾿Αδιαβηνῶν χώραν, ἐπέδραμε καὶ τὴν εὐδαίψονα ᾿Δραβίαν"
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 229
ahmt Capitolinus nach, wenn er den Macrinus geschichtswidrig
ebenso glücklich wie tapfer gegen die Parther, Armenier und
gegen die Arabes Eudaemones kämpfen lässt!). Es ist mög-
lich, dass Herodian einen Anachronismus begangen und Zustände,
wie sie in seinem späteren Alter eingetreten waren, irrig in eine
frühere Zeit verlegt hat?). Dem steht aber entgegen, dass er das
Gebiet dieser jemenischen Araber mit dem eigentlichen Südarabien
verwechselt, was sich am einfachsten erklärt, wenn er jene Notiz
einer schriftlichen Quelle entnommen hat. Wie dem auch sei,
soviel bleibt bestehen, dass es spätestens um 238 jemenische
Stämme in der Gegend von Hatra gab. Eine gewisse Bestätigung
dieses Ergebnisses darf man darin erblicken, dass es in der That
noch Spuren gibt, wonach die historischen Erinnerungen der
mesopotamischen Araber bis in die Zeit des Bürgerkrieges zwischen
Artabanos V. und seinen Brüdern zurückreichten?). Wir dürfen
daher annehmen, dass schon unter Ardasir jemenische Stämme
(Qoda’a) in der Nähe von Hatra sassen und ein Araber Daizan
derjenige Fürst war, unter welchem die Festung nach langer
hartnäckiger Belagerung von Säpür I. endlich genommen und
zerstört wurde.
Dagegen wäre es sehr befremdlich, wenn man dieselbe nach
ihrem letzten Fürsten „das Hatre des Riesen Sanatrü“*) genannt
hätte. Viel natürlicher ist es doch, dass sie jenes Epitheton nach
einem Fürsten erhielt, der sich siegreich gegen feindliche Über-
macht behauptet hatte, allein an die Niederlage Trajans dürfen
wir nach dem Obigen, so verlockend es auch wäre, nicht denken.
Allerdings führten damals auch andere Phylarchen von Mesopotamien
iranische Namen, so Σ:ποράκης von Anthemusia5) und Aoßdvdng —
arm. Ervand, ein Sohn des Königs Abgar®), indessen kam solches
wohl auch noch später vor.
Ich vermute, dass Mani den Riesen Sanatrüg von Hatr& in
seinem Buche der Riesen aufgeführt und Näheres über ihn erzählt
hatte”). Er musste dann spätestens im zweiten Jahrhundert n. Chr.
φέρει, γὰρ πόας εὐώδεις, αἷς ἀρώμασι καὶ ϑυμιάμασι χρώμεϑια, πολλὰς
δὲ κώμας καὶ πόλεις πορϑήσας τήν τὲ χώραν λεηλατήσας, ἐλϑὼν ἐς τὴν
᾿Δἀτρηνῶν χώραν, προσκαϑεζξζόμενος τὰς άτρας ἐπολιόρκει.
1) Capitol. Macrin. 12, 6: Pugnavit tamen et contra Parthos et
contra Armenios et contra Arabas, quos Eudaemonas vocant, non minus
fortiter, quam felieiter. Vgl. dagegen Kass. Dion 79 (78), 27, 4.
Herodian. 4, 15, 8—9.
2) So Albr. Wirth, Quaestiones Severianae p. 27.
8) Vgl. Tab. I νἧν, 168. Δ"), 168. Porto, 6, Nöldeke, Gesch.
der Perser und Araber S. 22 und A. 2.
#) Bar ‘Ali bei Gesenius, Handwörterbuch der hebr. Sprache
S. XVII. G. Hoffmann, ἃ. ἃ. Ὁ... S. 186.
5) Kass. Dion 68,21. Arrian Parth. bei Suid. s.v. πρὸ ἔργου. στόλος.
6) Kass. Dion 68, 21, 2.
?) Daran scheint auch Kessler, Mani $. 201 zu denken.
990 J. Marquart,
gelebt haben. Vielleicht geben uns die Ruinen der uigurischen
Manichäerstadt Cinän$ kat (Ydykut-Sahry bei Turfan) noch einmal
nähere Kunde über diese verschollene Sagenfigur. Da Garamaea in
älterer Zeit zum Königreich Adiabene gehörte!), so ist ebenso gut
möglich, dass der Garamäer Satirün (Sanatruk) dem alten Königs-
geschlechte von Adiabene angehörte, als dass er, was sein Name ver-
muten lässt, ein Arsakide war. Wahrscheinlich stammte das reiche
christliche Adelshaus Jazden, das später in der Hauptstadt von
Garamaea seinen Sitz hatte, von den alten Königen von Adiabene ab.
Nimmt man dies alles zusammen, so erscheint es auch frag-
lich, ob der armenische Übersetzer von III. Makk. 6, ὅ 3), der den
Namen des Assyrerkönigs Zevvaynosiu des griechischen Textes
durch Sanatruk wiedergab°), wirklich an den armenischen König
dieses Namens und nicht vielmehr an den gefeierten Helden von
Hatre dachte, das gegenüber von Beth Garme, also nicht weit
von Assyrien lag.
Es würde zu weit führen, hier auf die Verknüpfung des
Königs Sanatruk mit den armenischen Thaddaeus- und Bartholomaeus-
legenden ausführlich einzugehen. Von denjenigen Stellen bei Faustos
von Byzanz, wo das Martyrium des Thaddaeus in Armenien voraus-
gesetzt wird, ist natürlich abzusehen, da sie späterer Interpolation
dringend verdächtig sind. Das Alter des „Martyriums des
hl. Thaddaeus und der Jungfrau Sanducht‘“, das aller
Wahrscheinlichkeit nach von Moses Chorenac‘i benutzt worden ist,
lässt sich bis jetzt nicht genauer feststellen. Dem armenischen
Übersetzer der Addailehre (Labubna) war es sicherlich noch nicht
bekannt?), wie er denn überhaupt keine Kenntnis davon zeigt,
dass Thaddaeus in Armenien gepredigt habe. Solche Legenden
entstanden gewöhnlich bei der Auffindung und Translation von
Reliquien. Die Auffindung der Reliquien des hl. Apostels Thaddaeus,
der Sanducht und des hl. Gregors des Erleuchters fand nach Stephan
Asotik II 2 p. 82 = p. 114 trad. Dulaurier unter dem Marzpan
Wahan Mamikonean statt), d. h. nach 484/85 und vor 505/6,
1) Vgl. Osteuropäische Streifzüge S. 291 A.: die Naphthaquelle
bei Ekbatana in Adiabene d. i. wahrscheinlich die Naphthaquelle bei
Bäbä Gurgur. Noch im 4. Jahrhundert gehörte Beth Garme zum
Gebiete Artasirs, des Königs von Hoadaijaß. — S. auch Chwolson,
Die Ssabier I 697—698.
2) Σὺ τὸν ἀναριϑιμήτοις δυνάμεσι γαυρωϑέντα Σενναχηρεὶμ βαρὺν
Acoveimv βασιλέα, δόρατι τὴν πᾶσαν ὑποχείριον ἤδη λαβόντα γῆν, ...
ἔϑραυσας, ἔκδηλον δεικνὺς ἔϑνεσιν πολλοῖς τὸ σὸν κράτος.
3) Vgl. J. Dashian, Zur Abgar-Sage. WZKM. IV 152.
4, Vgl. A. Carriere, La legende d’Abgar dans l’histoire d’Ar-
menie de Moise de Khoren — Centenaire de l’Ecole des langues
orientales vivantes, Paris 1895 p. 377.
5) Dulaurier p. 187 verweist hiefür auf, das armenische Meno-
logium (Jaismavurk‘) zum 30. Mai, sowie auf C‘amt'ean II p. 583—
587, die mir nicht zu Gebote stehen.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 231
in welchem Jahre bereits sein Bruder Ward patrik Marzpan von
Armenien wart). Auch Moses Chorenac'i II 34 erwähnt „gegen-
wärtig (wwın περ νη die Entdeckung der Reliquien der beiden
(des Thaddaeus und der Sanducht) und ihre Überführung nach
Arapar* d.i. nach dem Felsplateau von ESmiacin, wo im VII. Jahr-
hundert der Katholikos Nerses III. eine glänzende Kirche zu Ehren
des hl. Grigor erbaute ?). Diese Angaben sind sicherlich in manchen
Punkten ungenau, allein um die Mitte des VI. Jahrhunderts nahm
die armenische Kirche apostolischen Ursprung für sich in An-
spruch®), und der Katholikos Johannes II., der Vorgänger des
Moses, bezeichnet in einem Schreiben an den Bischof Wrt’anes
von Siunik‘ den hl. Grigorios als Nachfolger des hl. Thaddaeus 2).
Damals muss die Legende also bereits bestanden haben. Der Gau
Artaz verdankt die Ehre, das Grab des Apostels Thaddaeus zu
besitzen, wohl nur einem gesuchten Namensanklang: nach einer
weit verbreiteten Legende soll nämlich Judas Thaddaeus in Arados
(Arwad) oder Berytos das Martyrium erlitten haben). Später
war im Gau Artaz der Sitz des Bischofs der Amatunier (Thomas
Arcruni III 29 S. 209). Sonst finde ich in der älteren armeni-
schen Literatur nur bei Faustos von Byzanz eine „Ruhestätte der
Apostel“ oder „Apostelgräber der Herrenjünger* erwähnt, die
gleich dem Prophetengrabe Johannes des Täufers in AStiSat in
Taraun gedacht sind (Faust. Byz. ΠῚ 3 5. 7; 14 S. 36), aber
neben diesem gar keine Rolle spielen. Es könnte sich zudem hier
nur um importierte Reliquien handeln, welche der Erleuchter
zusammen mit denen des Martyrers Athanagines in Kappadokien
erworben hätte®). Der König Sanatruk ist wohl nur deshalb zum
. ἢ GYberp Bulday 5. 42. 47. 48.
2) Vgl. Carriere 1.1. p. 408 n. 2.
®) Joh. abbatis monasterii Bielariensis chronica a. I Justini imp.
(bei Mommsen, Chron. min. II 211 — M. G. Auct. antiquiss. t. XI):
Armeniorum gens et Hiberorum, qui a praedicatione apostolorum
Christi susceperunt fidem, dum a Cosdroe Persarum imperatore ad cul-
turas idolorum compellerentur, renuentes tam impiam iussionem Romanis
se cum provinciis suis tradiderunt.
Johannes von Biclaro berichtigt also in erwünschter Weise die
ziemlich unklaren Angaben des Moses Katankatvac‘i II 48 5. 408 ft.
2 Ybee Buldag 8.78.
5) Mich. Syrus p. 92 — 147. 148 ed. Chabot; Salomon von Bacra,
Book of the Bee p. 49, 2 = 106 (Anecd. Oxon. Sem. Ser. vol. I 2.)
Vgl. Rich. A. Lipsius, Die apokryphen Apostelgeschichten I 29.
II 2, 155 ff. 163. 176. — Mos. Chor. II 52 5. 131 bringt Artaz mit dem
Gau Ardoz im Lande der Össeten zusammen.
6) Agathangelos S. 607/8 —= 71, 56ff. ed. Lagarde lässt den Grigor
aus den Gegenden der Griechen einige Überreste von den Gebeinen
Johannes des Täufers und des hl. Zeugen Athanagines mitbringen und
auf Bagavan (in Bagrevand) und AStisat verteilen, weiss indessen nichts
von Reliquien eines Apostels oder Jüngers. Uchtanes II 88 S. 66 er-
2323 J. Marquart,
Henker des Apostels Thaddaeus ausersehen worden, weil er der
einzige armenische König älterer Zeit war, von dem sich noch
einige Erinnerungen erhalten hatten.
In die armenische Bartholomaeuslegende ist Sanatruk erst aus
dem Martyrium des Thaddaeus eingedrungen. Das griechische
μαρτύριον Βαρϑολομαίου, mit welchem die lateinische passio Bar-
tholomaei übereinstimmt, lässt den Apostel nach Indien gehen,
wo er den König Πολύμιος bekehrt, aber durch dessen älteren
Bruder ’Aorenyns (Astriges, Astiarges etc.) hingerichtet wird.
Spätere Texte, wie Ps. Epiphanios, Ps. Dorotheos, Ps. Sophronios
und Ps. Hippolyt, behalten zwar die Predigt des Apostels im
„glücklichen“ Indien (Ἰνδοῖς τοῖς καλουμένοις εὐδαίμοσιν) bei,
verlegen aber seinen Tod nach Οὐρβανόπολις, ᾿Δρβανόπολις oder
᾿Αλβανόπολις (ἐν τῇ ᾿Αλβανῷ πόλει, ἐν ᾿Δλβανίᾳ πόλει) in Gross-
armenien!). Dagegen ist der König Astriges im lateinischen
Breviarium apostolorum und den von ihm abhängigen Texten als
Mörder des Apostels mit übernommen?). Bei den Syrern heisst
er „10009, „1AM0IO, „A900 ὅ), AIG‘), „Avaragathi“
d.i. wohl 30/°), Varianten die auf 9 —= *Puotiyng
zu weisen scheinen. Allein wenn der König Polymios dem Säta-
wähanakönig Pulumäj? entspricht, welchen Ptolemaios VII, 1, 82
unter dem Namen “Σιροπτολεμαῖος (Siri Pulumäji) als Herrscher
von Paithan kennt (Ernst Kuhn), so muss natürlich auch sein
älterer Bruder Astriges in Indien gesucht werden, und zwar ist
das glückliche Indien — Dakginaäpatha, Dekkhan, wie ’Aooßie ἡ
εὐδαίμων — al Jaman „der Süden*, eig. die rechte ἃ. 1. die
glückliche Seite.
Die Stätte des Martyriums, die überall nach Grossarmenien
gesetzt wird, heisst in syrischen Texten gasıS5/, SPa1>jo/,
Pa1>05/ 6), „Arvoin“”), im armenischen Martyrium Nepebwtnu
wähnt beim Amtsantritt des Katholikos Abraham unter den Kleinodien
der Patriarchalkirche von Dvin „die Reliquien der hl. Apostel, welche
der hl. Grigor aus Rom gebracht hatte, die ihm vom frommen Kostan-
dianos geschenkt worden waren“.
1) Vgl. Lipsius 8. ἃ. Ὁ. II 2, 65 ff. 58—62.
3) Vgl. Lipsius a. a. Ὁ. I 147. 210. II 2, 50 Ar Sr
104 Α. 1.
®) So die drei Hss. des Salomon von Βδρῖᾶ, Book of the Bee
p- 0, 18.
#) Mich. Syr. p. 02, 35 — 148.
5) Cod. Syr. Barberini 101 saec. XII bei Moesinger, Acta Bar-
tholomaei p. 63, zitiert von Lipsius a.a. O. II 2, 104 A. 2.
6) Payne-Smith, Thes. Syr.
”) Als zweite Tradition mitgeteilt im cod. Syr. 101 der Barberini-
schen Bibliothek; s. Anm. 5.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 233
Urbianos!), in dem aus dem 9. Jahrhundert stammenden Briefe
des Moses Chor. an Sahak Arcruni fJeppestnu Urbanos?), bei
Mos. Chor. II 34 5.112 U, pFewtnu Arebanos (v. Ἰ 1. phrgusmu
Arevbanos). Dies beweist, dass hier überall griechische Quellen
zu Grunde liegen. Salomon von Bacra, der cod. Barberini 101
und Michael der Grosse lassen den PBartholomaeus in Inner-
Armenien?) predigen, wo er nach 30jähriger*) Thätigkeit von
Hürasti, dem König von Armenien gekreuzist und in der von
ihm erbauten Kirche bestattet wird. Ein Ort wird hier also nicht
genannt. Allein nach Stephan Asofik I 5 5. 46 = 39 erleidet
Bartholomaeus das Martyrium „bei uns in der Stadt (),pwgfrt
Arabion“>), und dies ist augenscheinlich derselbe Name und wohl
auch derselbe Ort wie das castellum Arabvonis der Acta
Archelai et Manetis, wohin Mani, nachdem er aus dem persischen
Gefängnis entkommen, geflohen war®) und wo er nachher hin-
gerichtet wurde. Nach seiner Niederlage in der Disputation mit
Archelaus in Charchar will die erregte Volksmenge den Mani an
die Barbaren ausliefern, qui erant vicini ultra Strangam fluvium.
Hierauf kehrt Mani auf demselben Wege, auf dem er gekommen,
zurück und begibt sich nach Überschreitung des Flusses Stranga
wieder ad Arabionis castellum (p. 195, 10). Mit dem Flusse
Stranga, der als Grenzfluss zwischen Persien und Rom gilt (p. 41),
ist offenbar der Tigris gemeint. Der Name ist aus dem Alexander-
roman (2, 14.15) bezogen”), wo er aber den ’Aod&ng (Curt. 5, 4,7.
5, 9, 2. 8 etc.), den heutigen Bänd-i Amir bezeichnet, welchen
Alexander auf dem Marsche von Susa nach der Persis überschreiten
musste®). Damit sind für Arabion-Urbanopolis bezw. castellum
1) Vitae et martyria sanctorum, Venedig 1874, 1 5. 208. Vgl.
Lipsius II 2, 58.
2) Werke des Moses Chor., Venedig 1865, S. 295. — Der Ver-
fasser verheisst S. 284 den Bagratuniern, sie würden Könige werden
in Dvin.
3) Michael sagt einfach „Armenien“, Salomon fügt dazu noch
Ardastr (0x. ταῖς 1), Qgtarböl (Ox. δία. εἰ), „DP (σ.1. αϑ, 0)
— Down?) und 00, Prüharmäan (Ox.
Ὁ Mich. Syr. „dreijähriger*. N.
R Vgl. dazu Tab. I Mn, 5: Wo) He Ralel Laki 059}
: ji 2
6) Acta disputationis Archelai et Manetis bei Routh, Reliquiae
sacrae I? 48, 9. 194, 12.
Ἢ Vgl. Nöldeke, ZDMG. 44, 399.
8) Der Name des Flusses wird bei Arr. 3, 18, 6. 10 nicht genannt.
Da Στράγγας ursprünglich den persischen Aod&ng bezeichnet, drängt
sich von selbst die Vermutung auf, dass es in irgend einer Weise aus
Aodyyas — mp. Arang entstanden sein werde. Arang ist die mittel-
bar)
234 J. Marquart,
Arabionis sowohl Erevan (j. Eriwan) im Gau Kotajk‘, Ervandasat
und Ervandakert im Gau Arsarunik‘t), Atbag?) und andere Orte
in Grossarmenien, als Σιπασίνου Χάραξ oder Karchä de-Maisan ?)
ausgeschlossen. Das Richtige hat bereits G. Hoffmann ge-
sehen): es ist u)? Arcwan (Bedjan, Acta mart. et sanct. II
349, 9. Synod. orient. ed. Chabot p. 33, 29. 34,18. 36,15 =
272—274 a. 410. 60, 12 = 307 a. 486) oder ‚aus)y ano
Maähöze d-Arswan (Bedjan IV 134, 3. Synod. orient. p. 53, 10 =
299 a. 486; 109, 4 — 366 a. 554; 110, 18 ΞΞ ΙΒ zz
164, 23 — 423 a. 585; 214, 7 = 479 a. 605), auch [259 ‚o,/
„Ar&wän jenseits des Flusses“ (Synod. or. p. 43, 21 = 285 a. 424)
in der Provinz Beth Garme. Chabot vermutet, dass die Diözese
Maähöze d-Arswän südlich vom Kleinen Zab lag, dass es aber zeit-
weilig einen Bischof für die Gegend im Norden des Flusses ge-
geben habe). Jedenfalls ist aber weder an ger καὶ Arcwagan δ)
in der Nähe von Sirawän in Mäsabadän noch an Bawanduz,
Rowändiz am Rawändiz-Cai zu denken, welch letzteres ins Gebiet
der Provinz Adiabene fällt. In Karchaä da-Beth Solöch, der
Hauptstadt von Beth Garme, gab es seit alters nicht wenige
Manichäer’?).
Die Todesstätte Mani’s nach der christlichen Manilegende
wurde also einfach auf Bartholomaeus übertragen, welcher somit
den nachmals von jenem Erzketzer verwüsteten Acker zuerst an-
gepflanzt hatte. Unklar ist nur, wie man dazu kam, jenen Ort
persische Umschreibung von aw. Rarha, dem bei den Griechen (bezw.
Persern) Aod&ns entspricht, bezeichnet aber später auch den Tigris.
War gr. APAITAZ einmal in ZPATT’AZ verlesen, so musste daraus
notwendig Στράγγας werden, da die Gruppe oe ungriechisch ist.
1) A. v. Gutschmidt, Rh. Mus. N. F. XIX, 174.
3) Armenisches Kalendarium zum 18. Februar; vgl. Lipsius
II 2, 100. 103 A.
8, K. Kessler, Mani I 89 ff.
4) Bei Nöldeke, ZDMG. 44, 399.
5) Synod. orientale p. 66.
6) So Mis‘ar b. al Muhalhil bei Jäqg. 1 ἢ", 91. IV Ὁ, 13.
Mas‘üdi, Murüg III 69. VI 187. — Murüg VI 225 ed. >,
M „>20. Kitäb at tanbih 91,3 P „>, L „mal.
Wo, 13 P „>01, L „>gaol. Qod. HF, 7 „usy]. Mug. οἷν, ult.
B „me, N0,3 „>yj. Letztere Schreibweise zeigt, dass nur
Dr καὶ oder re) in Betracht kommen können, da nur dann der
Abfall des anlautenden a zu erklären ist.
”) Akten der Märtyrer von-Karchä da-Böth Salöch bei G. Hoff-
mann, Auszüge 46—50. 52. Bedjan, Acta mart. et sanct. II 512,
11 ff. 289, 4.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 235
nach Grossarmenien zu verlegen. Eine Beeinflussung der Bartholo-
maeuslegende durch die Manilegende wird auch darin zu erkennen
sein, dass nach gewissen Texten dem Apostel die Haut abgezogen
und wie ein Sack ausgestopft wurde!). Dies war aber bekanntlich
das Schicksal Mani’s.
Erst in Armenien hat man den letzten Schritt gethan und
den König Astriges durch den bereits aus der Thaddaeuslegende
bekannten Apostelmörder Sanatruk ersetzt?). Übrigens ist das
armenische Martyrium des Bartholomaeus eine späte Kompilation
verschiedenartiger Legenden 5).
Der Name Sanatrük Some war übrigens auch noch später
im Gebrauch: so hiess der letzte König von Bahrain im ersten
Drittel des 3. Jahrhunderts‘) und noch ein Christ in der Ver-
folgung Sapürs (a. 662 Gr. = 351 n. Chr.) 5).
Natürlich ist jetzt auch die von dem sogenannten Mar Abas
Meurnac'i berechnete Regierungszeit des Sanatruk und seines Sohnes
Wafars (164—193 und 194—213 n. Chr.) hinfällig und wertlos.
Dasselbe gilt aber auch für die ganze, angeblich von Agathangelos
verfasste Königsliste des Mar Abas, zumal was die Regierungszahlen
anlangt. Ich werde die armenische Urgeschichte des Mar Abas
in einem besonderen Aufsatze behandeln, worin ich zeige, dass
dieselbe erst im 9. Jahrhundert und zwar wahrscheinlich unter
dem Fürsten der Fürsten Bagarat von Taraun (Osteuropäische
Streifzüge 5. 463 Nr. 18) verfasst worden ist. Noch später, jedoch
vor die Königskrönung ASot’s des Grossen fällt dann die Geschichte
des Moses Chorenac‘i. Es liegt daher kein Grund mehr vor, den
Einfall der Chazirk‘ und Barsilk‘, welche nach Moses Chor. 2, 65
5. 145 unter ihrem König Wsnasp Surhap das Thor von Cor
passierten und den Kur überschritten, aber von Wafars zurück-
getrieben und bis über das Thor von Cor hinaus verfolgt wurden,
auf Sanatruk zu übertragen, zumal die Geschichte in der That
von einem Einfall der Alanen zur Zeit des Königs Volagases
weiss, auf welchem dieselben Albanien und Medien (Atropatene)
schrecklich verheerten und auch Armenien und Kappadokien heim-
1) So ist der Ausdruck ἐκδαρϑεὶς ὥσπερ ϑύλαξ bei Ps. Hippolyt
ed. Lagarde (Lipsius II 2, 60 A.) und Theodoros Studites (eb. S. 101 ἢ)
aufzufassen. Das Breviarium apostolorum (eb. S. 55 A. 3) sagt nur
vivens decoriatus.
32. Ahlich Lipsius II 2, 99£.
®) Der auch in der koptisch-äthiopischen Gruppe wiederkehrende
Zug, dass der Apostel zu den Parthern und Elamiten gekommen sei
(Lipsius II 2, 77. Ergänzungsband S. 96), beruht lediglich auf einem
etymologischen Kalauer a la Moses Chorenac‘.
4) Tab. I αὐ, 2. Dinaw. Yo, 13.
5) Bedjan, Acta mart. et sanct. IV, 166. — Der Name kommt
auch in der jüdischen Literatur vor; 5. Sam. Krauss, Griech. und
lat. Lehnwörter im Talmud, Midrasch und Targum II (1899), 403.
5. Fränkel, ZDMG. 55, 355.
290 J. Marguart,
suchten (Kass. Dion 69, 15, 1). Freilich ist nichts davon bekannt,
dass er auf der Verfolgung der Feinde bei Darband im Kampfe
gefallen sei, vielmehr musste er nach Kassios Dion froh sein, die
ungebetenen Gäste durch eine Kontribution los zu werden. Doch
werden auch noch unter Pius Einfälle der Alanen berichtet, über
welche Einzelheiten nicht bekannt sind).
Die vom König Sanatruk gegründete Stadt WP&w2gp Meurk*
hat weder mit δρᾷ, Mebin, Wpsncft Mrevin — Nisibis,
noch mit dem Gau IJ’garp Mzur in Hocharmenien, dem Lande
Muzri der Assyrer, das Geringste zu thun, obwohl Mar Abas
augenscheinlich alle drei Namen kombiniert hat. Wie aus der
Erzählung des Faustos unzweideutig hervorgeht, lag Meurk‘ am
östlichen Euphrat (Murad-su), der bei den Armeniern gewöhnlich
U,pwswup Aracani, bei Plin. h.n. 6, 128 und Tae. ann. 15,15
Be .i. Ar(a)cant, Kass. Dion 62, 21, 1, 4 "Aovavies, BbR,
h.n. 5, 84 Arsanus, byzantinisch ᾿Δραῖνος Ἢ d. 1. mittelarmenisch
U,p$%f (gen. Arondy) 3) heisst, von Faustos und Agathangelos aber,
die als Griechen gelten wollen, Yafpımın Ep’rat = Eöpgdıns
genannt wird*®), und zwar ist die Stadt noch in Taraun zu suchen,
wo königliche Domänen lagen, die gleich den anderen Domänen
der Aufsicht des Oberkammerherrn (Hajr mardpet) unterstanden
(Faust. 4, 14 S. 117; 5,3 8. 195). Die beiden Flüsse, an deren
Gemünd die Stadt lag, sind der Murad-su (Aracani) und der Qara-
su, armenisch (J’#y Mel, bei Xen. anab. 4, 4, 8 Τηλεβόας, der
den Gau Taraun durchströmte?). Mecurk‘ muss also in der Nähe
der Festung Otakan (Jus/yuis gelegen haben. Hier finden sich
auch die Stromschnellen, von welchen Faustos spricht. Toma-
schek sagt von O4akan®): „Noch sind die Ruinen dieser „rund-
lichen“ Veste’) am Westrande der Ebene von Mus vorhanden, am
1) Capitol. Pius 5, 4.
?) Prokop. Pers. I 17 p. 84, ae Theoph. cont. V Ρ. 269, 17,
bei = Kallisthenes II 15 cod. C p. 71 n. 25. 26 ed. Müller ᾿Αρσινόης.
Μὰ δι von Edessa S. 251; vgl. Hübschmann, Die alt-
armenischen Ortsnamen ὃ. 406 Α. 2 — Indogerm. Forsch. Bd. 16, 1904.)
*) Agath. S. 606. 607. 613. 620. 630. 632 — p. 71, 48. 58. 60;
73, 20; 75, 99; 78, 91. 15. Faust. 5, 3 5. 105: 43 S. 262.
5) Men. er. Geogr. 5; 81, 4 ἂν ΑΝ σα Ἵν yepmd' Ἐπ
gkutı ey ἴκ wohwbh jbeppwm „Taraun, in welchem der Fluss Met
läuft und in den Euphrat fällt“. [Vgl. Hübschmann, 8. ἃ. Ὁ, 323.]
6%) Sasun und das Quellengebiet des Tigris 8. 11 τ SBWA.
Bd. 133 Nr. IV, 1895. [Vgl. Cuinet, La Turquie d’Asie II 587,
zitiert bei Hübschmann, Die altarmenischen Ortsnamen 8. 326. 459 f.
(hier nicht vorhanden).]
”) Tomaschek leitet den Namen also irrig von arm. oy ἃ. 1. auf
„Ring, Kreis“ ab.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 237
rechten Ufer des Aracani, dort wo der Strom von steilen Felsen
eingeengt zu werden beginnt.“ Die Gründung des Sanatruk hatte
eine strategisch sehr wichtige Lage, da sie die Verbindungen mit‘
dem Euphrat (über Palu und Ziata-Charput nach Melitene), dem
Quellgebiet des Euphrat-Araxes (über Chnis nach Hasan-qal'a und
Karin-Erzerum) und den beiden Hauptstädten Tigranokerta (über
den Taurus und durch das Thal des Nvugiog-Batman-su) und
‚Artaxata (über Melazgerd und Kara-kilissa nach Bagavan-Ü-kilissa
bezw. Dijädin-Armavir) beherrschte.
Dass Meurk‘ geradezu mit Ofakan identisch sei, ist nicht
wahrscheinlich. Letzteres gehörte nachmals den Mamikoniern, und
zwar einer Erzählung des Faustos (5, 3 S. 195) zufolge schon
unter König Pap (371—375). Allerdings scheinen die Mamiko-
nier erst nach dem Untergange des Königtums als Erben des Ka-
tholikos Sahak (f 438) die mächtigsten Grundbesitzer in Taraun
geworden zu sein!), indem ihnen die reichen ehemaligen Tempel-
güter von Astisat zufielen. Ihr Stammsitz war Tajk. Da nun
die historische Ermordung des Oberkammerherrn GAak?) in einer
zweiten Version (Faust. V 6), die einen historischeren Eindruck
macht als die mit ihr nur ganz oberflächlich ausgeglichene Legende
V 3, nicht nach Ofakan, sondern nach dem grossen Dorfe des
königlichen Bodens?) im Gau Ajrarat, das man Ardeank‘ nennt,
verlegt wird und andererseits IV 14 von der Ermordung eines
anderen Oberkammerherrn unter König Arsak bei Mcurk‘ in der
Nähe von Ofakan die Rede ist*), so ist es wahrscheinlich, dass
1) Lazar P’arpec‘i I 18 S. 114/115 — Langlois, Collection II 278.
2) Ammian. Marcellin. 27, 12, 14.
3) Ich fasse „upfiu als Gen. zu πεῖ „Inneres, Boden, Erde, Grund,
Wurzel“, der gewöhnlich „Pr, lautet.
4) Faustos kennt fünf Oberkammerherren unter den Königen Tiran,
Arsak und Pap, in Wahrheit hat man aber wohl nur deren drei zu
unterscheiden:
a) der ruchlose Hajr mardpet, welcher unter Tiran die Notabeln-
geschlechter ausrottet (III 18) und unter Arsak von Savasp Arcruni bei
Meurk‘ ermordet wird (IV 14). Wahrscheinlich hatte er beim Regierungs-
antritte Arsaks weichen müssen und war dann vor dem Konflikte des-
selben mit dem Katholikos Ners&s wieder eingesetzt worden.
Ὁ) Drstamat (V 8), unter den Königen Tiran und Arsak (wahr-
scheinlich in der ersten Zeit Tirans und in der ersten und letzten Zeit
Arsaks), wird mit letzterem zusammen nach Persien in die Gefangen-
schaft abgeführt. Als darauf ein Krieg zwischen Persien und den
K‘usank‘ ausbricht, zieht Drstamat mit ins Feld und rettet in der
Schlacht durch seine Tapferkeit dem König Säpür das Leben. Darauf
sollen er und der gefangene König Arsak im Schlosse der Vergessenheit
sich gemeinsam den Tod gegeben haben. Allein Arsak hat nicht durch
Selbstmord geendet, sondern ist hingerichtet worden (Ammian. 27, 12, 3:
Arsaces ... diserueiatus cecidit ferro poenali), und Drstamat muss
identisch sein mit dem Eunuchen Gylaces, der schon vor der Gefangen-
nahme Arsaks gentis praefeetus gewesen und als Überläufer zu Säpür
238 J. Marquart,
die O4akan-Legende nach dem Vorbilde dieser älteren Erzählung
später erfunden ist, um so mehr, als der Mamikonier MuSe4, der
V 3 als Mörder des Oberkammerherrn erscheint, seine Lorbeeren
fast durchweg andern abgeborgt hat. Die Geschichte des Unter-
ganges des Oberkammerherrn bei Mcurk‘ kennt in Taraun neben
den zur königlichen Krondomäne gehörigen Dörfern, die der Auf-
sicht des Hajr mardpet unterstehen, nur Domänen des Katholikos
Nerses, welche jener gleichfalls zur Krondomäne zu machen trachtet.
Die Vermutung liegt daher sehr nahe, dass die Erwähnung der
mamikonischen Festung Ofakan ein Anachronismus sei und die
ganze Legende ihre endgiltige Gestalt erst nach dem Tode des
Katholikos Sahak erhalten habe. Dem steht jedoch entgegen,
dass schon unter König Tiran von einem „anderen Hause“ der
Mamikonier die Rede ist, welches sie damals aufgaben, um sich
in die Festungen ihres Stammlandes Tajk‘ zurückzuziehen).
Ofakan soll nach Moses Chorenac‘i (2, 84) ursprünglich dem
Geschlechte der Slkunek‘ angehört haben, das bei einem Aufstande
gegen den König Trdat von Mamgon, dem angeblichen Stamm-
gekommen, also nicht in Gefangenschaft geraten war: (Sapores) Gylaci
spadoni et Arrabanni (so V), quos olim susceperat perfugas, commisit
Armeniam. horum alter ante gentis praefecetus, alter magister fuisse
dicebatur armorum Ammian ib. $5s. Er fehlt in dem Verzeichnis
der Uberläufer bei Faust. IV 50, und V 18 wird nur das Haus Anget,
nicht auch der inzwischen ermordete Oberkammerherr und Fürst von
Ang} unter den Abgefallenen aufgeführt; doch vgl. IV 55 S. 176. Bei
Faustos heisst es dagegen von Gtak ungenau v3 S. 196): „welcher
in den Tagen des Königs Arsak oder seines Vaters Tiran einmal jenes
Amt der Kammerherrnwürde gehabt hatte“. Die Angabe, dass Drstamat
aus Treue seinem Herrn im Tode nachgefolgt sei, ist eine Erfindung
so gut wie der Selbstmord Arsaks. Den Anlass zu derselben gab der
Name Drstamat — pers. Drust-amat „heil gekommen“, der aber nur
ein persischer Ehrenname ist, den ihm der König Säpür aus Anlass
seiner Errettung verliehen hatte.
Nach dem Kriege gegen die K‘usank‘ betraut Sapür den Gylaces
(Gtak) und Arrabannes (arm. [Jz.wse.u%) mit der Unterwerfung Armeniens,
und es folgt die Belagerung der Festung Artagerk‘ in Arsarunik‘, die
sich bis in den Winter hineinzieht und mit dem Verrate der beiden
armenischen Führer ihren vorläufigen Abschluss findet (Ammian. Mar-
cellin. 27, 12, 5—9. Faust. IV 55). Im folgenden Jahre wird Pap
zum König erhoben und im Spätherbst Artagerk‘ von den Persern
eingenommen und zerstört (Ammian. $ 9—12. Faust. V 1. IV 55—59).
Diese Ereignisse gehören in die Jahre 370 und 371, wie Sievers,
Studien zur Geschichte der röm. Kaiserzeit 268f. richtig gesehen hat.
Der Krieg gegen die K‘usank‘ macht es jetzt begreiflich, weshalb Säpür
nicht sogleich nach der Gefangennahme des Königs Arsak in Armenien
eingerückt ist. Das genaue Datum des letztern Ereignisses ist unbekannt,
kann aber wohl schon 367 sein. Im Anfang des Jahres 372 werden
Gylaces und Arrabannes von Pap auf Anstiften Säpürs ermordet;
Ammian. $ 14. Faust. V 3 (ohne Namen) — V 6 (Glak).
c) Der Hajr mardpet wohnt der Beisetzung des Katholikos Nerses
bei (Faust. V 24 5. 222 £.).
1) Faust. III 18 5. 47.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 239
vater der Mamikonier, ausgerottet wurde, worauf dieser vom
König zum Danke mit deren Gütern belohnt wurde. Diese Aus-
rottung des Geschlechtes Slkunik‘ ist aber wie die der Manda-
kunier!) lediglich eine Erfindung des Moses. Der Geschlechtsname
U, {πεν findet sich in der älteren Literatur, soviel ich sehe,
nur einmal: W,ypre4 Uyfachfr bei Elise wardapet 5. 173
= Langlois I. 215, und ausserdem macht Moses 3, 20 S. 206
den Eremiten Gind aus Taraun, einen Schüler des Chorbischofs
Daniel (Faust. 6, 16), zu einem Slkunier. Wir wissen nur, dass
die Mamikonier der Sage zufolge ein fremdes, aus Üenastan ein-
gewandertes Geschlecht waren 2), das aber nach Faustos schon im
ersten Drittel des 4. Jahrhunderts die erbliche Würde des Heer-
führers (sparapet) der armenischen Krone besass?). Wie weit
diese Darstellung Vertrauen verdient, ist freilich sehr fraglich,
da sie durchaus im Dienste der Mamikonier steht und uns meist
jede andere Kontrolle fehlt, und da, wo eine solche möglich ist,
diese in der Regel nicht zu gunsten jener Erbrechtstheorie ausfällt.
Schon unter Trdat wird ein sparapet sämtlicher Truppen Gross-
armeniens namens Artavazd erwähnt, der ohne Zweifel ein Mami-
konier sein soll. Der Name fehlt indessen im griechischen
Agathangelos*) und kann aus Faustos 3, 4 S. 9 (vgl. 11 S. 28)
erschlossen sein, wo Wat'e, der Sohn Artavazds, als Patriarch
des mamikonischen Geschlechtes aus dem Stamme des Heerführer-
tums Armeniens und grosser Heerführer der Truppen Chosrows II.
bezeichnet wird. Moses, der die Mamikonier aus der altarmenischen
Geschichte so viel wie möglich ausmerzen will, macht nun jenen
sparapet Artavazd zum Mandakunier (2, 76. 82. 85), weiss aber
der vorwitzigen Frage, weshalb denn die Mandakunier in der
Folge in der armenischen Geschichte gar keine Rolle mehr spielen,
durch die billige Auskunft vorzubeugen, sie seien durch Artasir
(bis auf den geflohenen Artavazd) ausgerottet worden (2, 78).
Dieser Anachronismus geht auf eine ältere von Moses benutzte
Urgeschichte der Mamikonier zurück, welche die Stammväter der
Mamikonier Mamik und Konak unter dem armenischen König
Chosrow I. und dem letzten Partherkönig Artavan in Armenien
einwandern liess, gleichzeitig aber das fünfte Jahr des Perserkönigs
Artafir dem ersten des Kaisers Probus und dem 35. Chosrows
gleichsetzte5). Moses will also die Neugierde seiner Leser be-
friedigen und erklären, auf welchem Wege das fremde Geschlecht
_ der Mamikonier zu so grosser Macht in Armenien gelangt sei, und
legt sich für diesen Zweck eine besondere Theorie zurecht, wonach
1) Diese Unters. I 47—49.
5) Faust. 5, 4 S. 204. 37 5. 2478.
®) Faust. 3, 4 Ε΄.
4) Agath. 641 — Lag. p. 80, 98.
5) Sebeos 12—13.
240 J. Margquart,
dies durch Zurückdrängung und Ausrottung alteinheimischer später
unbedeutender Geschlechter erreicht worden sein soll. Das Vorbild
zu dieser Auffassung lieferte ihm Faustos, bei dem von der Ver-
nichtung zahlreicher Geschlechter, der Manavazier und ÖOrdunier,
der Bznunier, der bdeasche von Atönik‘, RStunier und Arecrunier,
unter den Königen Chosrow II. und Tiran berichtet wird.
Zu 8.42 2.28 ff.: Von grosser Wichtigkeit für die Archäologen
ist die Nachricht des Mas‘üdi IV 74: „Es gab in Qümis einen
hochgeehrten Feuertempel, namens 4,> B um: D 2),
dessen Erbauer unbekannt ist. Es heisst, dass Alexander, als er
(die Gegend) eroberte, denselben unbehelligt liess und nicht aus-
löschte. Man sagt ferner, dass an jenem Orte ehemals eine ge-
waltige wunderbar gebaute Stadt lag mit einem mächtigen Götzen-
tempel von wunderbarer Form. Da ward jene Stadt samt ihren
Gebäuden zerstört; hierauf ward nach ihr jener Tempel erbaut
und jenes Feuer in ihm aufgestellt.“
Zu 8.62 A.1: Zu „as; Sarbür ist noch hinzuzufügen
die Form „300 ND9 [9.5 für ya DI j2,2 bei Simeon
von Beth Arsäm (Assemani, B. O. I 353). Der hier genannte
Johannan, Bischof von Karcha da-Beth Särı in Both Garme, er-
scheint auf der Synode des Mar Akakios a. 486 als Bischof von
Karcha dea-Beth Seloch Synod. orient. p. 300. 301. 306. Wir
dürfen also auch hier die Entwicklung annehmen: *Sarbük, Sarbüg,
Sarbui, *Sarui, Sari. Der Übergang von ὦ in 2 findet sich auch
im Kurdischen (Socin, Grdr. f. iran. Phil. I 2, 267), sowie in
neupersischen Dialekten (P. Horn eb. 5. 27. Geiger eb. 5. 384).
S. 66 2.3 v.u. lies „blau* statt „braun“.
Zu 8. 84 2. 26ff.: Schlegel behält mit seinem Proteste
gegen die Gleichsetzung der chinesischen Umschreibung Jen-ts’az,
An-ts’al mit dem Namen "400001 bezw. Arzoae recht. Die alte
Aussprache Am-ts’ad gibt nämlich in Wirklichkeit den Namen der
Massageten wieder, aw. *masja-ka (gesprochen massjaka), ap.
*maddhaka, skt. *matsja-ka „Fischesser“. Damit wird aber die
Nachricht, dass die Alanen die Nachkommen der alten Massageten
seien, nur um so wichtiger, und die Vermutung, dass ”40g00: ein
politischer Ehrenname sei, fast zur Gewissheit erhoben: wenn noch
um 125 v. Chr. Massageten am untern Jaxartes geboten, so kann an
ihrer Identität mit den im 1. Jh. v. Chr. hier herrschenden Aorsen
nicht gezweifelt werden. Dadurch gewinnt der ethnologische Teil
der ptolemäischen Karten von Margiana, Baktrien, Sogdiana und dem
Sakenlande für uns erst praktische Bedeutung. Dass die Karte von
Sogdiana die Völkerverteilung um die Mitte des 2. Jh. v. Chr. wieder-
geben will, ist unbestreitbar. Dasselbe wird dann auch für Baktrien
angenommen werden dürfen, zumal ich schon auf anderem Wege
zu dem Schlusse gekommen bin, dass sich die Tocharer mit
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 241
Bewilligung der hellenischen Könige und nicht erst
nach dem Untergange der hellenischen Herrschaft im Norden
des Paropanisos in Baktrien niedergelassen hatten. Dann kann
aber die Vorlage des Marinos für die ethnologische Darstellung
jener Gebiete nur Hipparchos gewesen sein, der den zu seiner
Zeit eingetretenen Völkerverschiebungen Rechnung trug. Wenn
daher Ptolemaios in Margiana zwischen Derbikkern und dahischen
Parnern auch Massageten kennt (VI 10 p. 498, 5), so bestehen
gegründete Zweifel, ob er sie richtig angesetzt hat — in der
Verschiebung von Völkern und selbst Städten hat Ptolemaios
bezw. Marinos in allen weniger bekannten Ländern, in Germanien
wie in Skythien und gerade auch in Ostiran das Menschenmög-
liche geleistet. Dagegen braucht man nicht mehr zu der Ver-
mutung zu greifen, dass er die Massageten einer veralteten Quelle
entnommen habe, vielmehr hatte sie Hipparchos noch als zu seiner
Zeit bestehendes Volk verzeichnet. Inwieweit Marinos seinem
Ansatze gefolgt oder etwa mit Rücksicht auf neuere Nachrichten
über die Gebiete zwischen dem unteren laxartes und der Wolga
(VI 14 p. 426ff.), welche dort andere Völkernamen nannten, von ihm
abgewichen ist, ist in grösserem Zusammenhange zu untersuchen.
Natürlich verdient aber der Augenzeuge Cang-kien vor den grie-
chischen Geographen den Vorzug.
5. 85 Z. 28: Utidorsi Aroteres ist verdorben aus Ovroı,
Aoo00: οὗ ἀνωτέρω. Vgl. 5. 84 A. 2.
Zu 8.85 Ζ. 80: Die vor den Gaeli stehenden Arsi sind
wohl in der Landschaft ’Aooirıs zu suchen, welche Ptol. 6, 9
p. 617, 23 in die Nähe des Koronos (des östlichen Elburz) nach
Hyrkanien verlegt. Die hinter den Zarangae stehenden Arasm?
gehören nach Drangiana und sind gewiss identisch mit den fried-
lichen ’Agıdoncaı oder Eveoyeraı (Arr. 3, 27, 4), die von den roman-
tischen Alexanderhistorikern sehr unpassend in ’Agıuconol umgetauft
worden sind (Diod. 17, 81,1. Curt. 7, 3,1. Justin. 12, 5, 9). Die
Bezeichnung Arasmi —= mp. *a-razm „kampflos, unkriegerisch*“
ist dagegen völlig zutreffend, von wem sie auch herrühren mag.
Dann haben aber auch die Marotvan? mit der Maeotis nichts zu thun.
5. 86 Z. 15—16: Der bei Athenaios überlieferte Name
Ὀμάρτης ist nicht anzutasten und entspricht einem ap. Hauma-
arta „der echte Hauma“, wie ich anderswo zeige. Dieser Name
passt zum mythischen Charakter der Legende.
S. 92 Z. 20ff.: Nach Bartholomae, Idg. F. VII (1896),
60 f. gehören afrime. anhado, armaesaide, armaesta mit gr.
ἠρέμα, -μαῖος zusammen und bedeuten „in Ruhe befindlich“, afs
armaßesta also das stehende Wasser im Gegensatz zum fliessenden.
Skyth. &oıua bleibt aber durch osset. ärmäst „nur“ gedeckt.
5. 95 Z. 14—19 lies „dass nach dem Vorgange der Begleiter
bezw. Geschichtsschreiber Alexanders .... auch Hekataios durch
den einheimischen Namen des indischen Kaukasos an den grossen
Philologus Supplementband X, Erstes Heft. 16
940 J. Marquart,
nordkaukasischen Fluss erinnert wurde und so sein Parapanisos
dazu beitrug.“
Zu S. 94—96: Der alte Hekataios hatte die gandhärische
Stadt Kaspapyros oder Kaspatyros, die ihm aus dem Berichte des
Skylax über seine denkwürdige Indusfahrt wohl bekannt war, als
Σχυϑῶν ἀκτή bezeichnet!). Kaspatyros hat weder mit Kabul
(Ptol. Κάβουρα) ?), noch mit Ka$mir (Kasmira)?), noch mit Kasja-
papura, dem älteren Namen von Mültän®) das mindeste zu thun,
sondern ist in der Nähe von Puskalawati, dem alten Mittelpunkte
von Gandhära zu suchen. Die Bestimmung des Hekataios ist also
richtig, sofern unter den Skythen die Saka, ἃ. 1. die Sakah
Haumawargäh, zu verstehen sind, die auch in den Länderver-
zeichnissen des Dareios®) mit Gandära zusammengestellt werden
und zwischen Gandhära und Baktrien gewohnt haben müssen (oben
S. 140. 142). Sie sind aber schon von Herodot mit den nördlich von
Sogdiana hausenden spitzmützigen Saken zusammengeworfen worden,
ein Irrtum, der dann auch die geographische Wissenschaft der
späteren Zeit beherrscht hat, so dass noch Eratosthenes und selbst
Marinos die Saken und Sogdianer der ganzen Länge nach Indien
gegenüber liegen liessen®). Der Ausdruck ἀκτή, welchen Hekataios
von Kaspapyros gebrauchte, hängt wohl damit zusammen, dass
hier die Schiffahrt auf dem Indus begann und jene Stadt ein
wichtiger Stapelplatz für den Handel zwischen Indien und den
Ländern im Norden und Osten des Hindukus und Pämir war,
welchen die Saken wie später die Aorsen vermittelten”). Die
seltsame Vorstellung des Hekataios, welche sich das Land der
Saken als Hinterland einer bei Kaspapyros beginnenden Küste
denkt, erklärt sich daraus, dass er dem Indus einen östlichen
Lauf gab).
1) Hekat. fr. 179 bei Ὁ. Müller, FHG. I 12: Κασπάπυρος, πόλις
Tavdagınn, Σκυϑῶν ἀκτή. ἝἙἝ καταῖος Aoie.
a ΓΗ So Kiepert, Monatsber. der Akad. der Wiss. zu Berlin 1856
®) Lassen, Ind. Alt. I? 53 A.5. II 635.
4) Berüni, India !Y1, 8 = 1 298.
5) Beh. I 16/17. Persep. I 18. NR. a, 24,
6) Strab. ı« 8,8 p. 513: καὶ Σάκας μὲν καὶ Σογδιανοὺς τοῖς ὅλοις
ἐδάφεσιν ἀντικεῖσθαι τῇ ᾿Ινδικῇ. Ptol. I 16 p. 54, 20-22: καὶ τοὺς
μὲν μεσογείους Σογδιανοὺς καὶ τοὺς Σάκας γειτνιάξειν ἀπὸ μεσημβρίας
τῇ ᾿Ινδικῇ. !
ὅ Vgl. Lassen, Ind. Altertumsk. II® 570. 624.
$) Her. 4, 44: οἱ δὲ (die Expedition des Skylax von Karyanda)
ὀρμηϑέντες ἐκ Κασπατύρου τε πόλιος καὶ τῆς Πακτυϊκῆς γῆς ἔπλεον
κατὰ ποταμὸν πρὸς ἠῶ TE καὶ ἠλίου ἀνατολὰς ἐς ϑάλασσαν. Es ist hier
gleichgiltig, ob dieser Fehler dem Skylax selbst zur Last fällt oder
erst durch falsche Deutung seines Berichts seitens des Hekataios ent-
standen ist. Ebenso wenig thut hier zur Sache, ob Herodot den Bericht
des Skylax selbst vor Augen hatte oder ihn nur aus Hekataios kannte,
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 243
Nördlich von Gandhära im fruchtbaren Thale des Swät glaubten
die Hellenen das weinreiche Nysa, die Gründung des Dionysos,
gefunden zu haben!), und in jener Gegend hat man sich der
hellenischen Überlieferung zufolge auch den indischen Götterberg
Meru zu denken?). Die Begleiter Alexanders nannten den mit
dem Swät vereinigten Pangkora, der im Paropanisos entsprang
Dass dieser auf seiner Weltkarte den Indus mit östlichem Laufe ein-
getragen hatte, steht durch das Zeugnis des Hipparchos bei Strab.
ß 1, 34 p. 87 völlig fest: Ταύτῃ δ᾽ εἶναι παράλληλον τὸν ᾿Ινδὸν ποταμόν,
ὥστε καὶ τοῦτον ἀπὸ τῶν ὀρῶν οὐκ ἐπὶ μεσημβρίαν ῥεῖν, ὥς φησιν
᾿Ερατοσϑένης, ἀλλὰ μεταξὺ ταύτης καὶ τῆς ἰσημερινῆς ἀνατολῆς, καϑάπερ
ἐν τοῖς ἀρχαίοις πίναξι καταγέγραπται. Es wäre aber höchst seltsam,
wenn Skylax wirklich berichtet hätte, er sei auf dem Indus gen Osten
gefahren und dort ins Meer eingelaufen. Dieser Irrtum würde kaum
begreiflicher, wenn sich Skylax auf dem Kabulfluss einschiffte und
daher der erste Teil der Fahrt bis zur Vereinigung desselben mit dem
Indus in der That eine östliche Richtung hatte, da die Stadt Kaspa-
pyros bezw. Kaspatyros, wo die Einschiffung erfolgte, nur am Uhnter-
laufe des Flusses nicht allzu weit von seiner Einmündung in den Indus
bei Attock oder am Indus selbst gelegen haben, also jene westöstliche
Fahrtstrecke nur sehr kurz gewesen sein kann. Vgl. M. A. Stein,
Ancient Geography of Kasmir p. 12 n.2: „Proper navigation begins
now at Jahängira, a place situated on the left bank of the Käbul
River, some six miles [von mir gesperrt] above the confluence of the
latter with the Indus at Attock. 'The lower part of the Käbul River’s
course lies in a well-defined single bed which, in view of the natural
configuration of the banks, cannot have changed materially in historical
times. Above Jahängira the current becomes too strong for safe
navigation.
I doubt very much whether the Indus immediately above Attock
can ever have been suitable for proper navigation. .... Taking into
account these ceircumstances I should not be surprised if Sceylax’s expe-
dition had chosen some place near Jahängira for the start on their
voyage. There are many ruined sites near the latter place, and near
Alladher, elosely on the Indus.‘
Ich neige daher zu der Ansicht, dass die Vorstellung des Heka-
taios und Herodot vom Laufe des Indus durch allzustarke Verkürzung
des Itinerars des Skylax zu Stande gekommen ist — man müsste denn
annehmen, letzterer habe vom Hörensagen eine dunkle Kunde von der
heiligen Gangä erhalten und nun die Laufrichtung dieses Stromes auf
den Indus übertragen, also absichtlich geschwindelt. Vgl. übrigens
auch Niebuhr, Uber die Geographie Herodots. Kl. Schr. I 144. 153.
Lassen? I 514 A.3. II 121.
2) Nach Arrian 5, 1,1 hat man sich Nysa in dem von Alexander
durchzogenen Gebiete zwischen Kophen und Indus zu denken. Ver-
schiedene Umstände deuten aber darauf hin, dass wir es in Käfıristän
zu suchen haben. Vgl.L.v.Schröder, WZKM. XII 398ff. Gerade
das Swat-Thal war aber in alter Zeit ein hochkultiviertes Gebiet, das
lange Zeit einen Hauptsitz des Buddhismus bildete. — Andere wollen
Nysa der Stadt Nagara oder Dionysopolis bei Ptolemaios gleichsetzen,
die man mit Nagarahära, 4—5 miles w. von Galalabäd identifiziert
hat. Vgl. M’Crindle Il. p. 333—340.
2) Arrian 5, 1,6. 2,5. Megasthenes bei Arrian Ind. 5, 9. Diod.
ΠΠ| 38, 4. Plin. h. n. 6, 79.
16*
244 J. Μαγαυδτί,
und in Gandhära in den Kophes mündete, Χοάσπης. Nach Curtius
VIII 10, 21—22 liess Alexander, nachdem er seine getrennte
Streitmacht (Arr. 4, 24, 9—25, 5) wieder vereinigt hatte, nach
Überschreitung des Choaspes (Choaspe amne) den Koinos zur Be-
lagerung der reichen Stadt Deira zurück, während er sich selbst
gegen Mazaga, die Residenz des Assakaners wandte. Aus Arrian
ergibt sich jedoch, dass Alexander den Koinos erst nach der Er-
stürmung von Massaga gegen Βάξιρα aussandte, das sich aber nicht,
wie er gehofit hatte, freiwillig ergab, sondern von Koinos ein-
geschlossen werden musste und erst auf die Nachricht von der
Einnahme der Festung Ora von den Einwohnern verlassen wurde,
die sich auf die für uneinnehmbar gehaltene Felsenveste ”4oovog!)
zurückzogen (Arr. 4, 26—23, 1). Curtius lässt also die Unter-
nehmungen gegen die beiden Städte Βάξιρα und ἥάασσαγα fälsch-
lich neben statt nach einander stattfinden. Ehe Alexander nach
Massaga gelangte, musste er den tiefen und reissenden Fluss
Γουραῖος überschreiten (Arr. 4, 25, 6. 7). Es scheint demnach,
dass mit Curtius’ Choaspes derselbe Fluss gemeint ist, welchen
Arrian Γουραῖος nennt. Letzterer heisst bei Megasthenes Γαρροίας
(Arr. Ind. 4, 11) und entspricht nach Kern der Guruhä oder
Garuhä, welche Warähamihira, Brhat-Samhits XIV 23 in die
nordwestliche Abteilung verlegt. Derselbe Fluss ist nach Lassen
(Ind. Altertumskunde II? 140 Anm. 6) unter der Gaurz: zu ver-
stehen, die an einer Stelle des Mahäbhärata neben dem Suwästu
genannt wird. Es ist ohne Zweifel der Pangkora, der durch fünf
Zuflüsse gebildet wird und in seinem Unterlaufe von Osten den
Swät aufnimmt. Augenscheinlich galt aber im Altertum letzterer
als der Hauptarm, welcher dem vereinigten Strome seinen Namen
gab. Aus Aristoteles meteorol. 1, 13 ergibt sich ferner, dass den
Begleitern Alexanders der Choaspes neben dem Indus als der be-
merkenswerteste vom Paropanisos nach Süden strömende Fluss
erschien: ἐν μὲν οὖν τῇ Asiau πλεῖστοι μὲν ἐκ τοῦ Παρνασοῦ
καλουμένου φαίνονται ῥέοντες ὄρους καὶ μέγιστοι ποταμοί, τοῦτο
δ᾽ ὁμολογεῖται πάντων εἶναι μέγιστον ὄρος τῶν πρὸς τὴν ἕω τὴν
χειμερινήν. 2.2... ἐκ μὲν οὖν τούτου δέουσιν ἄλλοι τε ποταμοὶ καὶ
ὁ Βάκτρος καὶ ὃ Χοάσπης καὶ ὃ ᾿Δράξης. τούτου δ᾽ ἀποσχίξεταε
μέρος ἂν εἰς τὴν Μαιῶτιν λίμνην. δεῖ δὲ καὶ ὃ ᾿Ινδὸς ἐξ αὐτοῦ.
Diese Stelle setzt voraus, dass man den vom Westen in den Indus
mündenden Strom als die Fortsetzung des Χοάσπης ἃ. 1. des
PanSgkora-Swät und den Κώφης d. 1. den Oberlauf des Käbul-
flusses als dessen Nebenfluss auffasste. Später erkannte man aber,
dass der Choaspes in Wirklichkeit ein Nebenfluss des Kogpng oder
Κωφήν sei. Aus einer Vermengung dieser beiden Ansichten er-
!) Nach Abbott der Berg Mahäban am Westufer, etwa 8 miles
von Embolima. Vgl. M’Crindle, The invasion of India by Alexander
the Great? p. 335 — 338.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 245
klärt sich Strabons Angabe μὲ 1, 26 p. 697, wo er von Alexanders
Zuge nach Indien spricht: ἀνέστρεψε δ᾽ οὖν (von Baktrien aus)
ὑπερϑεὶς τὰ αὐτὰ ὄρη κατ᾽ ἄλλας ὁδοὺς ἐπιτομωτέρας ἐν ἀριστερᾶ
ἔχων τὴν ᾿Ινδικήν, εἶτ᾽ ἐπέστρεψεν εὐθὺς ἐπὶ αὐτὴν καὶ τοὺς ὅρους
τοὺς ἕσπερίους αὐτῆς καὶ τὸν Κώφην ποταμὸν καὶ τὸν Χοάσπην.
ὃς εἰς τὸν Κώφην ἐμβάλλει ποταμὸν [zei] κατὰ Πλημύριον πόλιν.
δυεὶς παρὰ TRPTAI!) ἄλλην πόλιν, καὶ διεξιὼν τήν τε Βανδοβη-
vnv?) καὶ τὴν Tavdagitıv?). Vgl. Lassen, Zur Gesch. der Griech.
und Indoskyth. Könige S. 132. Ind. Altertumsk. II? 137 A.2.
Der Choaspes floss also an einer Stadt Γωρύα oder Γωρυαία
vorbei, die wir uns wohl am Zusammenflusse der Guruhä (Panzkora)
und des Suwästu zu denken haben. Wenn es dagegen heisst, der
Choaspes habe die Landschaften Bavdoßnvn und Γανδαρῖτις (Gan-
dhära) durchströmt, so ist dabei offenbar der Unterlauf des Käbul-
flusses als Fortsetzung des Pangkora-Swät betrachtet. Strabon
sagt sodann weiterhin ($ 27 p. 698); ἤδη δὲ πρὸς τῷ ᾿Ινδῷ πάλιν
ἄλλη πόλις Πευκολαῖτις. πρὸς 7 ξεῦγμα γενηϑὲν ἐπεραίωσε τὸν
στρατόν, verlegt also Πευχολαῖτις in die Nähe der Vereinigung
des Käbulflusses mit dem Indus, während es nach Plin. h.n. 6, 62
noch 60 m. p. vom Indus entfernt*) war und am wahrschein-
lichsten mit den Ruinen von Carsadda, einer der Acht Städte
(Hastnagar), unweit der Vereinigung des alten Laufes des Käbul-
flusses mit dem Swät identifiziert wird®). Es ist daher nicht
schwer zu erkennen, dass bei Strabon Πλημύριον und Πευκολαῖτις
die Plätze getauscht haben und ersteres fälschlich an den Zu-
sammenfluss des Choaspes d. i. des Pangkora-Swät und Kophes
verlegt ist, während es im Sinne der Quelle, welche den Choaspes
Gandhära durchströmen liess, in die Nähe der Mündung des Käbul-
flusses in den Indus zu setzen ist. Πλη Μύριον bezw. Πλη Γύριον δ)
ist in IAnTovoıov zu verbessern, und darin sehe ich denselben Ort,
der bei Hüan-tuang (M&m. 1 125. Hoei-li 165) EEME Pean-
,, ἦ) γώρυδι ἄλλῃ πόλει x γώρυδα ἄλλην πόλιν i Coray γωρυδάλην
πόλιν ald., lies Γωρύαν oder Γωρυαίαν.
2) βαρδοβηνὴν Dh μανδοβηνὴν F.
8) γαρδαρίτιν F γανδαρίτιν h.
*) s. M’Crindle, The invasion of India by Alexander the Great
p. 59 und N. 8.
5) Vgl. Court, J.A.S.B. vol. V, 1836, p. 394. 479. Vivien de
Saint-Martin, Mem. sur la geogr. greeque et latine de !’Inde p. 36 ss.
Mem. analytique sur la carte de l’Asie centrale et de I’Inde bei
Stan. Julien, Mem. de Hiouen-thsang ΠῚ 308 und N.3. A. Foucher,
Notes sur la geographie ancienne du Gandhära. Bull. ἃ. l’Ecole
frangaise d’Extreme-Örient I (1901), 334 ss.
f 6) Kramer gibt folgende LAA: πλιγύριον 5 (cod. Paris. 1408):
idem legitur in marg. CF. πληγήριον moxz (m — Venetus Nr. 378,
o — Paris. 1394, x — Mediceus plut. 28 Nr. 19, z = Mediceus
plut. 28, 15).
946 J. Marquart,
lo-tu-lo genannt und als Geburtsort des berühmten indischen
Grammatikers Pänini bezeichnet wird. Man nimmt allerdings seit
Stan. Julien (Hiouen-thsang, Mem. p. 125 ἢ. 2) an, dass das
Zeichen # in Pfan-lo-tu-lo ein Schreibfehler sei für & so, weil
der Kommentar zum Ganaratnamahödadhi angibt, dass mit dem
Ethnikon Saläturija im Sütra Pän. 4, 3, 94 Pänini selbst gemeint
seit) und man darum Salätura als Namen der Geburtsstadt Pänini’s
erschliesst. Allein für die Echtheit des anlautenden 9 tritt eine
dritte unabhängige Quelle ein, die Weltkarte des Castorius. Hier
sehen wir über Alexandria Bucefalos, in der Nähe des Indus-
übergangs, die Station Spatura, Geogr. Rav. SIMTVRA, worin
Tomascheks Scharfsinn ?) die Stadt Salazura erkannt hat. Allein
die Schreibweise der Karte setzt zunächst eine Form SPALATVRA
— skt. *Svalätura voraus, während Πλητύριον eine ionisierende
Form (wie Πευκολαῖτις) darstellt. Die Stätte des alten Salätura
bezw. Spalatura sieht Cunningham in dem heutigen Dorfe Lähür
unweit Und (Udabhända) nw. von Attock, wo bis vor kurzem die
alte Strasse von Puskaräwatı nach Taksasilä den Indus erreichte.
Ein Schloss ‚„ias kennt Berüni, India }P%,, nahe der Mündung
des Käbulflusses in den Indus unterhalb Waihand (Und) >).
1) Lassen, ἃ. ἃ. O. II? 474 A.5.
3) Zur histor. Topographie von Persien I 58 — SBWA. Ba. 102,
1883, 8. 200.
®) Nach diesen Darlegungen will ich den Verdacht nicht länger
zurückhalten, dass in Herodots Κασπάτυρος etwas mehr stecke als ein
einfacher Schreibfehler. An Κασπάπυρος, der von Steph. Byz. bezeugten
Form des Hekataios, ist natürlich nicht zu rütteln. Dagegen würde
man der Ehre Herodots bezw. seiner Gewährsmänner schwerlich durch
die Vermutung zu nahe treten, sie möchten die Hauptstadt von Gan-
dhära, wo die Expedition des Skylax ausgerüstet wurde, und den Ort,
wo dieselbe sich einschiffte, zusammengeworfen haben. Es ist daher
die Frage, ob sich für den von Hekataios überlieferten Namen Κασπά-
πυρος eine Erklärung finden lässt. Ich vermute, dass es ein anderer
Name für Puskalawati „die Stadt des blauen Lotos“ war, und zwar
möchte ich darin die griechische Umbildung eines präkr. *.Kus(u)wapura
sehen, in altpersischer Lautform Kuspapura — skt. Kusumapura „die
Blumenstadt“. Wie die Hauptstadt von Magadha neben dem eigent-
lichen Namen Pätaliputra „der Sohn der Trompetenblume* auch die
Bezeichnungen Pusapura oder Kusumapura „die Blumenstadt“ führte),
konnte wohl auch mit Puskaläwati das synonyme Kusumapura wechseln.
Man hätte sich dann zu denken, dass ersterer Name zu Skylax’ Zeit
vorzugsweise von der Landschaft gebraucht wurde, woraus dann Herodots
Πακτυική entstand. Ausser der Hauptstadt KAZT"AI'TPOZ wird Skylax
auch den Ort der Einschiffung erwähnt haben, der dann kein anderer
gewesen sein kann als ZT’AAATTPOZ am Indus. Dass diese beiden
a) Kusumapura die Residenz des Samudragupta nach der prasasti
von Allähäbäd Ζ. 7; s. Bühler, WZKM. V 227. Vgl. auch Lassen,
Ind. Alt. I? 168 A.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 247
Von den beiden Landschaften, welche der Choaspes durch-
fliessen soll, bleibt nach dem oben Gesagten für den wirklichen
Choaspes d. 1. den Swät nur Bavdoßnvn übrig, ein Name, der
bis jetzt noch keine Erklärung gefunden hat. In buddhistischer
Zeit heisst die vom Swät durchflossene Landschaft Udjana „der
Garten“, präkr. Uggäna, in älterer Zeit dagegen, so im Mahä-
bhärata und noch bei Asoka, finden wir für dieses Gebirgsland
nur den Namen Kamböga. Man würde der Textüberlieferung
Strabons keineswegs Gewalt anthun mit der Vermutung, dass
BANAOBHNH durch DBuchstabenvertauschung zunächst aus
KANBOAHNH und dies aus KAMBOAHNH entstellt sei; ὃ — ὁ
wie in Ζαμασπία — Gäamäspt Ktes. Pers. 44. Die Kamböga
werden bei Ptol. 6,11 p. 420,7 ed. Wilberg in der Form Τάμβυξοι
(für I&ußvgor?), in der Kosmographie des Julius Honorius c. 13
(bei Alex. Riese, Geogr. lat. min. p. 32, 5) als Pambothi (lies
Cambothi) und in Uamuot verdorben beim sog. Aethicus eb.
p- 77, 40 erwähnt.
Megasthenes kennt sowohl den Zoaorog wie den Γαρροίας,
bezeichnet aber beide ungenau als Zuflüsse des Kophen, weiss also
nicht, dass sie sich zuvor vereinigen, ehe sie in den Kophen münden.
Auf diesen Irrtum geht auch die Darstellung des Ptolemaios zurück,
der ausser dem Suastos noch einen namenlosen Zufluss des Κώας
(präkr. *Kuwa — wedisch Kubhä; 5. Sylvain Levy, L’itineraire
d’Ou-k’ong p. 36. Extrait du Journ. as., Sept.-Oct. 1895) kennt,
benachbarten Orte, deren Namen einander graphisch so ähnlich sehen,
von den griechischen Geographen vermengt wurden, kann nach dem
S. 174f. Bemerkten nicht Wunder nehmen.
Was die Umschreibung betrifft, so beobachten wir hier wiederum
dasselbe Streben nach Vokaldissimilation wie ὃ. 179. Ausserdem ver-
dient hervorgehoben zu werden, dass die Laautentwicklung skt. sm:
präkr. sw, sp und skt. sm: präkr. sw, sp gerade für das Präkrit der
nordwestlichen Inschriften charakteristisch ist. Vgl. auch den Volks-
namen Asmaka, welchen Warähamihira, Brhat-Samhitä XIV 22 in der
nordwestlichen Abteilung aufzählt (vgl. noch V 39. 73. 74. IX 18. 27.
XVI 11. XXXI 15) und der bei den Begleitern Alexanders unter den
verschiedenen Formen Aoraoıoı (Arr. 4, 23,1. 24,1; bei Strab. p. 691
und 698 wird Ὑπάσιοι oder ἱἱππάσιοι gelesen), Aspagani (Plin. h. n.
6, 79) und Aocaxnvoi (Arr. anab. 4, 23, 1; 25, 5. 6; 80, 5 ete. Ind.
1,1. 8. Curt. 8, 10, 22. Strab. ss 1,17 p. 691. 27 p. 698) überliefert ist,
welche auf zwei Präkritformen *Aswaka — ap. *Aspaka und *Assaka
zurückgehen. Die Form Aswaka findet sich selbst in gutem Sanskrit
als Variante von Asmaka.
Allerdings äussert Prof. Kern gegen obige Erklärung von Κασπά-
πυρος Bedenken, da kusuma Paroxytonon ist und daher wohl zu
‚*®kosuma, *kasuma, nicht aber zu *kusma, *küswa werden konnte. Doch
dürfte dieser Einwand kaum das Kompositum Kusumapura treffen, das
wohl als Proparoxytonon betont wurde (vgl. Purusapura, arab.-pers.
eh Purusäwar, 1. Fesawar), wodurch das mittlere % seinen Ton
verlor.
248 J. Marquart,
welcher aus dem Lande der Paropanisaden komme und sich bei der
Landschaft Γωρυαία mit dem Koas vereinige (VI 18,2 p. 435, 3—5
ed. Wilberg). Damit ist deutlich die Guruh& gemeint.
Χοάσπης — ap. huwaspa „trefflliches Wasser besitzend* ist
eine Iranisierung des Sanskritnamens, welcher erst dem Megasthenes
und Ptolemaios bekannt wurde, wie Ὑδάσπης — ap. *widar-aspa,
aw. *wedat-aspa „Rosse erlangend* für skt. Wetasta. Nach
Fah-hian lag das Königreich AMWS Sukfsit)-hat)-to ἃ. 1. pali
Suwatthu südlich von U-cang (Udjäna)?). Hüan-uang schreibt den
Namen des Flusses Ἐκ ἘΣ Τὰ ἃ ΡΠ] Su-p’an-fat-sut-tu?), worin
nichts als eine Kombination von vulgärer und gelehrter Trans-
skription zu erkennen ist, nämlich Su-p’an τ *Suwat, präkr.
Suwatthu mit phonetischem Komplement fat-sut-tu — skt. vastu;
keinesfalls darf daraus aber mit Lassen, Zur Gesch. der Griech.
und Indoskythischen Könige S. 144, Ind. Altertumsk. II? 140
A.6 ein skt. Subhawastu erschlossen werden; denn in der Lebens-
beschreibung findet sich dafür, wie es scheint, die Schreibung
Ein I Be Al Su-p‘o-sat-tu d.i. Suwästu‘).
Es ist nun sehr wohl möglich, dass der Mythograph Heka-
taios diesen Fluss nach dem Gebirge, aus welchem er kam, einfach
Parapanisos nannte und das an ihm wohnende Schlaraffenvölkchen
der Nysaier mit den seligen Hyperboreern der hellenischen Sage kom-
binierte. Vielleicht kannte er auch bereits die indische Sage von
den Uttara kurawas’), die man sich ebenso wie die Hyperboreer
im hohen Norden dachte und im Himälaja lokalisierte. Eine Spur
davon, dass man die Paropanisaden mit den Uttara Kurawas zu-
sammenbrachte, bewahrte noch die Karte des Orosius, welche im
Taurus mons östlich von der Quelle eines Flusses Ottorogorras
die montani Paropanisadae verzeichnete, wofern diese Darstellung
nicht lediglich auf einer Vermengung von Gandhära mit den
Γανδαρίδαι beruht. Weiter gegen Osten war die eivitas Ottorogorra
eingetragen δ).
1) Schallnachahmender Ausdruck für lachen.
2) Beal, Travels of Fah-hian and Sung-yun p. 28. Fä-hien, A
record of Buddhist kingdoms transl. by James Legge p. 29.
8) Hiouen-thsang, Mem. I 132 5. τ
4) Vgl. Julien, Liste des mots abreges (Mem. II 563; in der Über-
setzung Hoei-li’s, Vie et voyages de H. ths. p. 86 steht Sou-p°o).
5) Vgl. Megasthenes bei Strab. 15, 1, 57 p. 711: περὶ δὲ τῶν yı-
λιετῶν Ὑπερβορέων (Μεγασϑένην) τὰ αὐτὰ λέγειν Σιμωνίδῃ καὶ Πινδάρῳ
καὶ ἄλλοις μυϑολόγοις und dazu Schwanbeck, Megasthenis Indiea
p. 6öff. nach Lassen, Zschr. f. d. Kunde des Morgenlandes II 67.
Ind. Altertumskunde? I 511. 2, 653. 693 f.
6) Oros. 117: a fonte fluminis Gangis usque ad fontes Auminis
Ottorogorrae, qui sunt a septentrione, ubi sunt montani Paropanisadae,
mons Taurus (dieitur Caucasus); a fontibus Ottorogorrae usque ad ci-
vitatem Ottorogorram inter Phunos Seythas et Gandaridas mons Caucasus.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 249
Nach Aristeass von Prokonnesos waren die Hyperboreer das
äusserste Glied einer Völkerreihe, die von seinen Berichterstattern
eigentlich von Ost nach West verlaufend gedacht war, von ihm
und seinen Nachfolgern aber irrig als eine nordsüdliche aufge-
fasst wurde. Nach Aristeas waren über den einäugigen Arim-
aspen die goldhütenden Greife und die ripäischen Gebirge, von
welchen der Boreas wehe und auf denen der Schnee niemals aus-
gehe, über den Greifen und den Ripäen aber wohnten die Hyper-
boreer, die bis ans Meer reichten). Da nun die Sage von den
goldhütenden Greifen unzweifelhaft auf die Sandwüsten von Hoch-
Tübät und die von ewigem Schnee bedeckten Ripäen auf die
eisigeen, von Sven Hedin bezwungenen Hochgebirge von Tübät
weisen, so muss das Volk, welches dem Aristeas Anlass zu
seinen phantastischen Schilderungen der Hyperboreer gegeben hat,
östlich von Tübät, also in China gesucht werden. Das Meer, bis
zu dem sie sich erstreckten, ist demnach eigentlich der östliche
Ozean 3.)
Allein da sich die volkstümliche Kosmologie ein von ewigem
Schnee bedecktes Gebirge nur im Norden denken konnte, so ver-
setzte man die Ripäen und mit ihnen die Hyperboreer in den
hohen Norden und das Meer, an welches sie reichten, ward folge-
richtig zum Nordmeer. Während aber Aristeas den Pontos, an
welchem die Kimmerier wohnten, im Gegensatz zu dem anderen
Meere, an welches die Hyperboreer stiessen, als Südmeer bezeich-
nete?) und noch Hekataios von Milet an der alten Vorstellung
von dem die Erde umfliessenden Okeanos festhielt 4), erklärt Herodot
auf Grund seiner bessern Kunde von Osteuropa und Nordasien,
man wisse nicht, ob dieser Kontinent im Norden von einem
Meere umflossen sei), und rechnet den Pontos zur Boonin ϑάλασσα δ),
wie er das Mittelmeer im Gegensatz zur ’Eovden ϑάλασσα als der
vorin ϑάλασσα nennt.
Im Vergleich hierzu bezeichnen die von den Begleitern Ale-
1) Herod. 4, 13: ᾿Ισσηδόνων δὲ ὑπεροικέειν ᾿Δριμασποὺς ἄνδρας
μουνοφϑαλμους, ὑπὲρ δὲ τούτων τοὺς χρυσοφύλακας γρῦπας, τούτων δὲ
τοὺς Ὑπερβορέους κατήκοντας ἐπὶ ϑάλασσαν. Damastes von Sigeion bei
Steph. Byz. 5. v. Ὑπερβόρειοι’ Aaudorns δ᾽ ἐν τῷ περὶ ἐϑνῶν (φησὶν)
ἄνω Σκυϑῶν ᾿Ισσηδόνας οἰκεῖν, τούτων δ᾽ ἀνωτέρω ᾿Αριμασπούς, ἄνω δ᾽
᾿Δριμασπῶν τὰ Ῥίπαια ὄρη, ἐξ ὧν τὸν βορέαν πνεῖν, χιόνα δὲ μήποτε
αὐτὰ ἐκλείπειν, ὑπὲρ δὲ τὰ ὄρη ταῦτα Ὑπερβορέους καϑήκειν εἰς τὴν
ἑτέραν ϑάλασσαν.
32) Vgl. Tomaschek, Kritik der ältesten Nachrichten über den
skyth. Norden I 50#. — SBWA. Bd. 116 Nr. 15, 1888.
8) Her. 4, 13: Κιμμερίους δὲ οἰκέοντας ἐπὶ τῇ vorin ϑαλάσσῃ ὑπὸ
Σκυϑέων πιεζομένους ἐκλείπειν τὴν χώρην und Stein z. St.
4) Schol. Apollon. Rhod. IV 259. Vgl. Her. 4, 86.
5) Her. 4, 45. Vgl. 3, 115.
6) Her. 1, 1. 4, 37.
250 J. Marquart,
xanders aufgestellten Hypothesen über die Konfiguration von Ost-
europa und Mittelasien einen ganz gewaltigen Rückschritt. Den
Iaxartes und den Aralsee, den die Makedonen nicht selbst erreicht
hatten, identifizierte man ohne weiteres mit dem Tanais!) und
der Maiotis und die über jenen Gewässern hausenden Daher
brachte man mit den europäischen Skythen zusammen ?). Ebenso
betrachtete man den Hindukus als einen Ast des Kaukasus und
liess auf ihm den Tanais entspringen®). Noch viel weiter gieng
indessen der Abderite. Er setzte offenbar die Ripaien dem Kau-
kasus gleich und betrachtete die Maiotis, vielleicht im Anschluss
an Herodots Sprachgebrauch, als einen Teil des Nordmeers, nahm
also eine Verbindung derselben mit dem nördlichen Ozean an.
So wird es begreiflich, dass sich des alten Hekataios Zxvd&v
ἀχτή und der Fluss Parapanisos vom Südabhang des indischen
Kaukasos an die Nordwestecke des eigentlichen Kaukasus und
den nördlichen Ozean versetzen lassen mussten. Wahrschein-
lich geht auf den Mythographen auch die Vorstellung zurück,
dass sich die Maiotis weit nach Norden erstrecke, der wir
später bei Artemidor und Ptolemaios begegnen ὦ). Jedenfalls
liess er aber die Nordküste von Keltike bis nach Skythien und
in die Nähe der Maiotis reichen. Bei dieser Voraussetzung ver-
stehen wir die Fragmente Plin. ἢ. ἢ. 6, 34: ab extremo aquilone
ad initium orientis aestivi Scythae sunt. extra eos ultrague aqui-
lonis initia Hyperboreos aliqui posuere, pluribus in Europa dictos.
primum inde (scil. ab Europa) noscitur promonturium Celticae
Lytharmis, fluvius Carambucis®), ubi lassata cum siderum vi Ri-
paeorum montium deficiunt iuga, ibique Arimphaeos quosdam
accepimus. Diodor. 2, 47,1: τῶν γὰρ τὰς παλαιὰς μυϑολογίας
ἀναγεγραφότων “Ἑκαταῖος καί τινες ἕτεροί φασιν ἐν τοῖς ἀντιπέρας
τῆς Κελτικῆς τόποις κατὰ τὸν ὠκεανὸν εἶναι νῆσον οὐκ ἐλάττω τῆς
Σικελίας. ταύτην ὑπάρχειν μὲν κατὰ τὰς ἄρκτους, κατοικεῖσθαι δὲ
1) Arrian 3, 30, 7. Plut. Alex. 44. 45. Strab. ı« 7, 4 p. 509/10.
6, 49. Vgl. schon Aristot. meteorol. 1, 13 (oben S. 244).
2) Arrian 3, 28, 8: καὶ Adag τοὺς ἐπὶ τάδε τοῦ Τανάιδος ποταμοῦ
ἐποικοῦντας. Strab. τὰ 9, 8 p. 516: Φασὶ δὲ τοὺς Πάρνους Ζ΄άας μετα-
νάστας εἶναι ἐκ τῶν ὑπὲρ τῆς Μαιώτιδος Ζίιαῶν, οὺς Ξανδίους ἢ Πα-
ρίους καλοῦσιν. οὐ πάνυ δ᾽ ὡμολόγηται Adas εἶναί τινας τῶν ὑπὲρ
τῆς Μαιώτιδος Σκχυϑῶν. Überarbeitet ist letztere Ansicht bei Curt.
VI 2, 13—14. Vgl. Gutschmid, Gesch. Irans 31 A. 3.
8) Arrian. 3, 80, 7, Strab. ı« 1, 4 p. 510; auf den europäischen
Tanais übertragen bei Theophanes von Mitylene (Strab. ı« 2, 2 p. 493)
und Theophanes Chronogr. p. 356, 24—25 ed. de Boor. Vgl. Ost-
europäische Streifzüge S. 153 A. 3.
%) Vgl. Müllenhoff, Ὁ. A. I 355 f£., II 170.
5) Der Name Carambueis, Καραμβύκας lässt sich aus dem Ossetischen
ableiten; vgl. kälin, -un „sich ergiessen“, Causat. kalın, -un „ausschütten,
ausgiessen“. Ws. Miller, Die Sprache der Osseten 8. 57. 58 im An-
hang zum Grdr. für iran. Phil. Bd. 1.
Untersuchungen zur Geschichte von Eran. 251
ὑπὸ τῶν ὀνομαζομένων Ὑπερβορέων ἀπὸ τοῦ πορρωτέρω κεῖσϑαι
τῆς βορείου πνοῆς οὖσαν δ᾽ αὐτὴν εὔγειόν τε καὶ πάμφορον κτλ.
Steph. Byz. p. 267, 12: ᾿Ελίξοια, νῆσος Ὑπερβορέων, οὐκ ἐλάσσων
Σικελίας, ὑπὲρ ποταμοῦ Καραμβύκα᾽ οἵ νησιῶται Καραμβύκαι ἀπὸ
τοῦ ποταμοῦ, ὡς “Ἑκαταῖος 6 ᾿Αβδηρίτης.
Die oben postulierte geographische Vorstellung wird uns nun
in der That von Plutarch ausdrücklich bezeugt, der darin, wie
Müllenhoff gezeigt hat, keinem Geringeren als Poseidonios ge-
folgt ist. Der berühmte Stoiker, der bei seinen ethnologischen
Kombinationen aus Namensanklängen ebenso weitgehende Folge-
rungen zu ziehen wusste als unsere Assyriologen, leitete die Kim-
bern von den alten Kimmeriern ab, und beginnt die Begründung
dieser Hypothese mit folgenden Worten: εἰσὶ δ᾽ οὗ καὶ τὴν Κελτι-
κὴν διὰ βάϑος χώρας καὶ μέγεϑος ἀπὸ τῆς ἔξωϑεν ϑαλάσσης καὶ
τῶν ὑπαρχτίων κλιμάτων πρὸς ἥλιον ἀνίσχοντα καὶ τὴν Μαιῶτιν
ἐπιστρέφουσαν ἅπτεσϑαι τῆς Ποντικῆς Σκυϑίας λέγουσι κἀκεῖθεν
τὰ γένη μεμίχϑαι. Τούτους ἐξαναστάντας οὐκ ἐκ μιᾶς ὁρμῆς οὐδὲ
συνεχῶς ἀλλ᾽ ἔτους ὥρᾳ καϑ' ἕκαστον ἐνιαυτὸν εἰς τούμπροσϑεν
ἀεὶ χωροῦντας πολέμῳ χρόνοις πολλοῖς ἐπελϑεῖν τὴν ἤπειρον" di
ὃ καὶ πολλὰς κατὰ μέρος ἐπικλήσεις ἐχόντων κοινῇ Κελτοσκύϑας
τὸν στρατὸν ὠνόμαζον 1). Jene ethnologisch-geographische Theorie
scheint sogar noch in der fränkischen Trojasage nachzuwirken,
deren Trümmer uns beim sog. Fredegar, im Liber historiae Francorum
und bei Aethicus erhalten sind. Denn wenn die Stammväter der
Franken von Troja aus zunächst zu den Ufern des Tanais und
den maeotischen Sümpfen gelangen und in der Nähe der-
selben eine Stadt Sicambria bauen und weiterhin bei den maeo-
tischen Sümpfen mit den Alanen kämpfen ?), so kann dies nur
auf einer älteren Form der Fabel beruhen’), in welcher die
Sugambern als Stammväter der Franken mit den Kimbern und
Kimmeriern zusammengebracht waren, sei es, dass man sie mit
den Kimbern zusammen aus dem Lande der Kimmerier an der
Maiotis, das später die Alanen inne hatten, auswandern liess, sei
») Plut. Mar. 11. Vgl. Müllenhoff, DA DH 169 £.
2) Liber hist. Francorum c.2 ed Krusch, Μ. α. 55. rer. Meroving.
t. 1 241, 20ff. Aethicus c. 103 p. 77, 26 ff. ed. Wuttke. Pannonien
als Heimat der Franken ist aus Greg. Tur. II 9 höchst ungeschickt
eingeschoben. Die Fabel, auf welche hier angespielt wird, ist nach
Birt, Rh. Mus.N.F. 51, 1896 S.524f. vermutlich von den Galliern auf die
Franken übertragen; vgl. Iustin. 24,4. Aethiceus lässt den Francus und Vassus
von Alba Longa über Raetien nach den Einöden Germaniens gelangen
(vgl. Tac. Germ. 3), dann heisst es: laevaque Maeotidas paludes de-
mittentes more praedonum pyr[rjaticum et fero fisorum atque latronum
degentes urbem construunt; Sichambriam barbarica sua lingua nun-
cupant idem gladium et arcum, more praedonum externorumque positam.
8) Dass die fränkische und gallische Trojasage eine noch über die
Gründung der ceolonia Ulpia Trajana (Xanten) hinaufreichende Vorge-
schichte hat, hat Th. Birt erwiesen: Rh. Mus. N. F, 51, 1896, 506—520.
252 J. Marquart,
es, dass man sie direkt von den Kimbern ableitete 3). Diese Fabel
ist dann mit der trojanischen in höchst roher Weise verquickt
worden 3. Bei Fredegar sind an die Stelle der Alanen die Türken
getreten, die im Jahre 576 bis zum kimmerischen Bosporos
herrschten, nachdem sie die Alanen unterworfen hatten; als eine
Abzweigung von ihnen gelten die Awaren an der Donau).
Zu ὃ. 103: Der Passus „Vielleicht hängt“ Z. 29 bis „eine
zufällige sein“ 8. 104 Z. 14 ist zu streichen. |
1) Vgl. die Etymologie bei Aethicus 1. 1.: Sichambriam barbarica
sua lingua nuncupant id est gladium et arcum, welche den Namen in
sica „Sichelschwert“ und cambria zerlegt. Vgl. Birt a. a. O. 5. 5l4f.
2) Die Alban? bei Aethicus gehören von Anfang an in die troja-
nisch-römische, die Alan? des Liber hist. Francorum in die maeotische
Fabel. Auch die sog. fränkische Völkertafel (s. Müllenhoff, DA.
ΠῚ 325 ff.) knüpft, wenn auch in äusserst abgerissener Weise, an Alba
Longa an. Denn Alaneus, der erste König der Römer, der in E Muljus,
in A Analeus heisst, ist niemand anders als Amulius, der letzte König
von Alba Longa, und sein Sohn Papulus ist Numa Pompilius. In
E, F und bei Nennius werden von jenem auch die drei Brüder Ermi-
nus, Inguo und Istio abgeleitet, was auf eine Benutzung von Tae.
Germ. 2 weist, wie die Einwanderung der Troer über Raetien nach
Germanien bei Aethicus p. 77,25 auf Tac. Germ. 3. Eine Genealogie
bei Nennius macht den Alaneus zum Urenkel des Numa Pompilius.
Beim Barbarus Scaligeri (Eusebii Chron. I app. VI p. 199. 218 ed.
Schöne) ist Francus Silvius der fünfte König von Alba. Es ist freilich
ein gewaltiger Sprung, wenn auf Papulus unmittelbar Egetius, Egegius
und Siagrius, d. i. die drei letzten Vertreter der Römerherrschaft in
Gallien Aetius, Aegidius und Syagrius folgen, aber doch noch lange
nicht so schlimm, als wenn der Verfasser des Liber historiae Franco-
rum die Franken Marchomiris und Sunno (Gregor. hist. Fr. II 9) zu
Söhnen des Priamos und Antenor macht (l. c. p. 244).
8) Chronicarum quae dieuntur Fredegarii II 4-6 M. G. SS. rer.
Meroving. t. II p. 45, 18—46, 27. III 2 p. 92, 1-12. Der Name des
Eponymus der Türken Torguoth oder Torguotus erinnert an die chine-
sische Form des Türkennamens: Tut-kut, ἃ. 1. Turkut.
Verzeichnis der behandelten Namen und Glossen.
Abdagases 80 A. 3. Din 215 Α. 7.
Abdus 81. Drstamat 237 A. 4.
Acbatana 152.
ee rn Ebimaris 217.
Amalchius 84. : :
An-ts’ai 83—85. 240 £. a he
Anzan 155 A.
2 β farnah- 184 A.
Anzean-zor 138 A. 1. Frasargida 155 A.
Arabion, castellum Arabionis 233.| 2 -
Arasmi 941. fräta 121. 198 A. 1.
Arevbanos 233.
aric 104 A. 3. 132 A. 2. Gamir 112 A. 1.
Ariobarzanes 34. 67. 72. Gandumawa 180.
Arkadris 154. Garmapada 129.
Arsi 85. 241. gas 80.
Arzoae 85. Gaugamela 25 A.
Asagarta 174. 176 A.5. Gögmal 25 A.
Asguzäia 112. (Grometes 146.
Asmaka 247 A. Guruhä 244.
Adrina 162 A. 2. Gylaces 237 A. 4.
Azdgar 217.
Habirdip 137 A.
Hajr mardpet 236.
bagajäda 132. 135. Hal-Habirdipe 137 A.
Bagajaric 132. Hartukka 185 A.
Bardija 136 A. 5. Hrotic‘ 199.
Birastes 217. . Hutana 162 A. 1.
Bohtän 173.
Buebar 217. Istunda 117.
jarie s. arie
Cambades 165 A. 4. Jautijä 144. 169. 174. 176.
Cambalidus 165 A. 3.
Camissares 106 A. 4. K da 165.
Chaltojarit 104 A. 8. 132 A. 2. | Kapita 180.
chan, chana 180. Käpisakanis 180.
Charrae 34. 67. Kasak 27 A. 141 A. 5.
Croucasis 81. Kasp 27. 141 A. 5.
Cen-bakur 6. Kz 29.
254 J. Marquart,
Krmäna 144. 176 A. 5. Qaräinaka 184 A.
Kukajarie 132 A. 2. Que 101.
Kurd b. Mard 137 A. 173.
Sakäh Haumawargäh 86. 137 A.
Laböbnä 81 A. 2. 140. 142. 242.
lamıX Sanatrük 18 A. 2. 218 ff.
Lusat’aric 104 A. 8. 133 A. 3. Sander ἼΣΑ δ:
Sandaramet 105 A. >.
Ma&nacha 67. Sanot 18 A. 2.
Maka, Mäkara 174. Santaksatru 88. 105.
Mard s. Kurd b Mard. Sapin 216.
Mareri 205. Sauromaces 31.
Märgandak 72 A. 3. Scolopitus 78.
Margazana 182. Silices 24 A.
Maria 63. Sinnaces 81].
Mädrawäka 17. Sitrae 24 A.
Meurk‘ 236. spah 18 A. 2.
Met 236. Sppätaza 105 A. 5.
Memarmali 67. Stranga 233.
Mergis 137 A. 146. Su-p’an-fat-sut-tu 248.
Mokk‘ 174. Sata-upairi-saena 73.
Moscheni 174 A. 4. Salatura 246.
Muzri 15 A. 4. 101. 104. 236.
Mzur 15 A. 4. 237. Tardamü 106.
Teuspä 105 A. 5.
N 44 A. 2. 66. Tirari@ 132 A. 2.
Nisaja 158 ff. Tuktamme 105.
Nissa 160 A. 2. Tunäja 113.
Nysa 243. 248.
Ustanni 115 A. 162 A. 1.
Olakan 236.
Olotoedariza 133 A. Volagases 80.
Oropastes 146.
Ötene 174. Wachsuwarja 26 A. 2. 41 A.
Watarsapat 226 A. 2.
Wehkart 76.
Pahlaw 170 A. 1. ; ä
PT ἢ Windahfarräh 183 A. 4.
Paradäta 76. N
Parapanisos 95. 248. 250. Ziata 15 A. 5.
Pariani 144 A. 4. Zit‘-aric 132 A.
Parisigäje 216. Zutarimaj 133 A.
Par-üparaesanna 73.
Pastün 177.
Patu%’arra 72.
Pesdäod 76. Alykoi 171 A. 1.
Phasiace 217. Aivia 174 A. 4.
Plinos 78. Akoyodon 80.
P’ok-tat 175 £. Auegdoı 25 A. 2944 737.180
P’o-lo-si-na 75. Auparaı 5. “αμβάγαι.
Pouruta 78 ἢ. 175. Auuwasens 36.
Psacae 88. Auooyns 86. 137 A. 138.
Psaceani 88. ᾿Αμύργιοι 86.
pük, puk 198. Augısonvn 188 A.
Pulumäji 232. "Aoovog 86.
Puskaläwati 179. | A4ooooı 85. 240.
Verzeichnis der behandelten Namen und Glossen. 255
Anragdraı 175. Κασπάπυρος 140. 178. 242. 246 Α. 8.
Agdäns 233. Κάσπιοι 27 A. 3. 140 ff.
Agayarös 176 A. 4. 179 A. 2. Κολάξαις 79.
Aoßavomolıs 232.
Aeylumase 90.
“4ργιππαῖοι 90. “αβδάνης 80 A. 3.
Agıueomol 9. “αμβάγαι 178.
Aguevio N βραχυτέρα ΘΙ Α᾿ ὃ, “απάτες 78.
‚Agoivos 236. Azvaoovgoı 108.
᾿Αρσῖτις 241. Auyves 109.
᾿Αρταξίας 98. “ύγδαμις 105.
᾿Δρταφρένης 161 A. 2.
᾿Δσπάσιοι 247 A. , 132 135
Ascaunvoi 247 A. he 129 er F
audvns :
᾿Αστάσπης 161 A. 2. Muudd 190
᾿Αστράμψυχος 211. re Ξ
Μάραφις 137 A.
Aston nyns 233. Mdodıe 137 A.
rt: Μάρδοι 25 A. 40 A. 2. 57. 137 A.
εἰν: μουν ἡ E s. auch μαρδοι.
'ΜΜασσαγέται 77f. 136. 240.
Bavdoßnvn 245. 247. Ματιανή 100.
Βαρξαφραμάνης 185 Α. Μερδίας 137 A.
Βαρξαφράνης S. BERENBenlIaenE- Meegıs 137 A.
Βαρκάνιοι 143 A. 1. 144 A. 4. 170 Μιϑράκανα 129.
Α. 2. Μύκοι, Μυκοί 174.
Βασγοιδάριξα 188 Α.
Βούμωδος 25 A.
ΠΑΝ 'Καβολῖται. Ναπαται 78.
ὠλῖται 8. Καβολῖται Νησαία 66. 72 Α. 1.
Νιφάτης 186 Α.
Γάβαι 82.
Γαξακηνή 108.
Γερμάνιοι 144. 176 Α. 5. ΟΑΧΡΟ 26 A. 2.
Γοιτόσυρος 90. Οἰόρπατα 79.
Tovowiog 245. Ὀμάργης 86. 137 A.
Γωρύα 245. Ouderns 241.
Ὀναφέρνης ΣΝ
Aadincı 28 A. 175. Ὀξυάρτης 26 A. 2.
Ζ4αϑουσα 212. Ὀξυδάτης 26.
να 115. Ὀξυδραάνοι 27 Α.
Ζαρεῖται 28 Α. Ὀστάνης 162 A. 1.
“Ζαφέρνης 161. Οὐιτία 174.
Ζέρβικες 139 Α. 1. 170 Δ. 2. Οὐρβανόπολις 252 τ.
Οὔτιοι 144. 114.
᾿Εκβάτανα 152.
᾿ἙἘωρεῖται 178. παγαίη 18 A. 2.
Παζάτης 145 A. 4. 211.
Θαμαναῖοι 144. 176. Πάκτυες 175 ff.
Θαμάσιος 106 A. Πακτυική 171—175. 178 ἢ.
Πάλοι 78.
Ἰάνδ 98, Πανϑιαλαῖοι 80.
ΤῊΣ a 98, Πανξούϑης 145.
0005 Παραιτακηνή 99.
Ἰνδοὶ οἱ εὐδαίμονες 282. Παραλάται 79. 81.
Παργυῆται 178.
Καβολῖται 178. Παρμίσῃς 73.
Καραμβύκας 96. 250 A. 5. Παρνασσός 76.
200
Παρνησός 75.
Παρουηταί 74.
ΠΙαροῦται 74 A. 1. 175.
DIeooınraı 177 £.
IIeoravrınnvn 40 A. 2.
Παρυάδρης 72.
Πασαργάδαι 154 A. 5.
Πασιρέες 216.
Πατιξείϑης 145.
Ilnuvgıov 245 f.
Πολύμιος 232.
Ρευξιναλοι 79.
ἱΡωξολανοί 79.
Σαγάρτιοι 24 A.
Σανδώκης 88. 105 A. 5.
Σαραμάννη 63.
Σάρβα 60.
Σεκυνδιανὸς 72. 137 A.
Σιγριανή, Σιγριανική 23 und Α. 4.
Σίγυννοι 171 A. 1.
Σίδικες 24 A.
Σιλάκης 8.
Ziovy& 62.
Zxokos 79 A. 4. 112 A. 2.
Σ κόλοτοι TEL.
Σικύϑαι 112 Α. 2.
Σμέρδις 145.
Zusodouevns 186 A.
Zovdage 105 A. 5.
Σουσία 65.
σποῦ 90 ἢ.
Σύδροι 118.
Σφενδαδάτης 108 A. 5. 136.
Taßınvn 42 A. 3.
Ταγαί 21. 54.
Ταλαβρόκη 63.
Τάμβυξοι 247.
Τανυοξάρκης 138.
Τάπη 21. 68.
Τάπουροι 28 A. 33 A. 3. 40 A. 2.
50. 57.
Τερβισσοί 139 A. 1.
Τηλεβόας 236
Τουριούας 81 A. 3.
Ὕπανις 94.
Toravns 162 A. 1.
Φρανιπάτης 185 A.
Φωκλίς 179 A. 2.
Xoconns 244 ff. 248.
Xogoa@vn 40 A. 2. 71 A. 4.
J. Margquärt,
«Χωραμναῖοι 143 A. 5.
«Χωρομιϑρηνή 24 A. 72.
Ψευδαρτάκη 88.
Össetisch.
äfsad 88.
ary 86 Α.1.
art‘ 88.
fallag 95.
fandag 93.
fuss 90.
jäfs 88.
kalin, kälin 250 A.5.
Armenisch.
wzwbunggf 82.
rg lurggruny 89,
Jap οὔ εὐ). 82.
Chwärizmisch.
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sms 198 A.2. 199.
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Sogdisch und Faryänisch.
el 198 A.3.
UN 198 A.4. 201.
„äh 198 A. 4. 201.
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Persisch-arabisch.
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Philologus Supplementband X, Erstes Heft.
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Druck von @. Kreysing in Leipzig.
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‘Cum... pauci veteres scriptores traditione, ut ita dicam,
tam firma et certa ad nos propagati sint quam Horatius, cre-
das, emendationi in eo exercendae fines satis angustos prae-
scriptos esse’ M. Hertz, ind. lect. Vratislav. 1889 p. 6. ‘Bei
einem so gut erhaltenen Texte, wie es der des Horaz ist, spielt
die emendatio oder die divinatorische Kritik keine große Rolle,
aber eine noch geringere die recensio oder die Zurückführung
des Textes auf die älteste und treueste Form der Ueberliefe-
rung. Aber gleichwohl darf doch auch bei Horaz die recensio
nicht ganz vernachlässigt werden’ W.v. Christ, Horatiana,
"Sitz. Ber. ἃ. bayr. Ak. d. Wiss. philos. hist. Classe 1893 I
p. 83. ‘Für Conjecturalkritik ist im Horazischen Text wenig
Raum’ W.S. Teuffel-Schwabe, Gesch. ἃ. röm. Litt.* p. 502.
‘Die Kritik des Horaz beruht auf dem codex antiquissimus
Blandinius®’ M. Schanz, Gesch. d. röm. Litt. II 1? p. 125.
‘Happily the text of Horace is one in which, if some points
must always remain in uncertainty, the uncertainty is of a
very bearable kind. The worst result of a bad judgement
will usually be only to prefer the least probable of two rea-
dings, either of which has much to say for itself, makes good
sense, and has been supported by great scholars’ Horace, by
E.C. Wickham, Ip. XII.
Diese kurzen Citate geben wohl die Hauptgedanken der
gedruckten communis opinio über Horazkritik wieder; den
überlieferten Text anzuzweifeln oder gar eine Conjectur im
Horaz zu machen gilt noch heute in weiten Kreisen als Spie-
lerei oder beinahe als Blasphemie; Gewohnheitsmeinungen
entscheiden: Bentleys und Meinekes kühnes Angreifen der
18 ἢ
262 Vollmer,
Ueberlieferung gehört der Geschichte an, um zu schweigen
von Hofman-Peerlkamps Athetesen; im Horaz-Text 'giebts
nichts mehr zu tun’, höchstens wird gelegentlich zwischen zwei
handschriftlich bezeugten Lesarten gewählt, sonst müssen
Haupt-Vahlen’s, Hertz’, L. Müller’s, Kiessling’s Texte als Grund-
lagen für sachliche und sprachliche Behauptungen und Unter-
suchungen genügen.
Und doch ist die kritische Ausgabe des Horaz schon
1864—69 erschienen (13 ed. Keller-Holder 1899): dort
lag das kostbarste Material, mit unendlichem, nie genug an-
zuerkennendem Philologenfleiße zusammengebracht, vor. Wa-
rum lag es, von kleinen Erträgen hier abgesehen, brach?
Aber lag es denn brach? Ein Beispiel möge zeigen, daß
nicht einmal die recensio zu Ende geführt worden ist. Ich
habe noch keine nach Keller-Holders grundlegendem Werke
erschienene Horaz-Ausgabe kennen gelernt, in der nicht (wie
bei K.-H.) nach den ältesten Drucken zu lesen wäre carm.
[ΡΒ δ
Lydia, dic, per omnis
te deos 070 668.
Und doch ist der gesicherte Beweis in dem von Keller-Holder
und ihren Vorgängern zusammengetragenen Material beschlos-
sen, daß diese Fassung der Verse nicht die des Horaz, sondern
die eines Karolingischen Glossators ist. In v. 2 haben alle
unsere guten Hss. beider Klassen, wie ich sie unten scheiden
werde, hoc deos vere; aber das besagt nicht sehr viel: aus-
schlaggebend ist, daß im 1. Jahrh. nach Chr. Caesius Bassus
(gramm. VI 270, 14) und nach ihm Victorinus (ibid. p. 87, 15.
166, 1) und Fortunatianus (ibid. p. 300, 27) mit ausdrück-
lichen Worten diese Lesart bezeugen, indem sie sie be-
handeln und von ihr ausgehen!). Und aus derselben Quelle
stammen die nicht ausdrücklich die fraglichen Worte sichern-
1 Im kritischen Apparat von K.-H. ist diese Tatsache, wie leider
auch so viele andere gleicher Art, dadurch verschüttet, daß die bloßen
Worte der immer wieder nach dem Schultexte interpolierten Lemmata
der Metriker als den ausdrücklichen Meinungsäusserungen gleichwertig
verzeichnet sind. Kein einziger der von K.-H, für te deos oro oder hoc
deos oro angeführten Grammatikernamen bezeugt wirklich diese Lesarten.
Ebenso haben die Metriker in den Lemmata z. B. die falschen Lesarten
1, 20, 1 potabis, 1,23, 1 Vitat.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 263
den Zeugnisse des Diomedes (gramm. I 508, 37. 520, 27) ?).
So verstehen sich denn leicht die aus dieser alten Ueberliefe-
rung entstandenen zwei verschiedenen späteren Fassungen: hoc
deos oro (ör) und te deos oro ΕΝ] (lemma Porph.): sie stellen
nur zwei verschiedene Stadien des Eindringens der zu der Be-
schwörung per ommis deos übergeschriebenen Glosse te oro dar.
Es leuchtet ein, wie wichtig die recensio dieser Stelle für die
Wertung der Hss.-Gruppen ist.
Dies für den Zustand der gebräuchlichen Horaztexte wirk-
lich bezeichnende 5) Beispiel ist aber nun leider nur ein Bei-
spiel, nicht eine Ausnahme: es gehört zur Tragik der Geschichte
auch unserer Wissenschaft, daß fast übermenschliche ἄϑλα
den bewundernswerten Ringer im letzten Augenblick um den
Diegespreis betrügen. So ist es mit der Keller-Holderschen
Horazausgabe gegangen: im siebenten curriculum sind die
Rosse ausgebrochen und der Wagen hat die creta nicht er-
reicht. Wir danken den beiden emsigen Gelehrten eine fast
überreiche, höchst fruchtbare, aber noch nicht bis zu Ende
durchgearbeitete und darum hie und da trügerische Stoffmasse;
zu leisten bleibt die Geschichte und damit die Kritik dieser
Ueberlieferung mit der recensio des Textes: dann wird sich
zeigen, daß auch der emendatio noch genug zu tun bleibt *).
Daß es so mit dem Horaztexte steht, wird, um von den
Griechen zu schweigen, den nicht überraschen, der weiß, wie
es mit den übrigen lateinischen Klassikertexten bestellt ist: -
die Autoren, für welche Ueberlieferungsgeschichte und recen-
sio in guter oder auch nur in ziemlich ausreichender Weise
?) Mit völlig treffendem Urteil hat diesen zweiten Vers schon ge-
legentlich im Jahre 1869 behandelt Usener Rhein. Mus. 24, 337, ohne
freilich der Sache weiter nachzugehen, weil es ihm auf anderes ankam,
Von falschen Voraussetzungen aus besprach die Stelle W. v. Christ,
die Verskunst des Horaz, Sitz. Ber. bayr. Ak. 1868 I p. 26, 4.
ὅ Daß mit diesem Urteile keinem der durch sachliche oder sprach-
liche Beobachtungen ausgezeichneten Horazforscher zu nahe getreten
werden soll, brauche ich wohl nicht zu versichern; die recensio war
eben nicht geleistet, das führte alle in die Irre, die sie geleistet glaubten.
*) Ebenso wie ich urteilt F. Leo, Gött. gel. Anz. 1904, 849 ff.,
durch dessen Güte mir seine Abhandlung zuging, als diese meine Unter-
suchungen schon einige Monate geführt worden waren. Auf Leo’s eigne
Skizze der Ueberlieferungsgeschichte des Horaz werde ich unten zurück-
kommen, da ich in wesentlichen Punkten zu andern Ergebnissen ge-
langt bin, ’
264 Vollmer,
geleistet sind, lassen sich an den Fingern herzählen ; die über-
wiegende Masse, ich nenne nur Terenz, den größten Teil von
Cicero und Livius, Ovid, harrt noch der bis ans Ziel dringen-
den Arbeiter.
Ich will im folgenden den Versuch machen die wichtigsten
Zeugen über die Haupttatsachen der Textgeschichte zu verhö-
ren: von vorn herein muß ich mich auf die Hauptsachen be-
schränken aus dem Grunde, weil ich die Hss. des Horaz nicht
selbst gesehen und verglichen °) habe, andrerseits die Hss.-Be-
schreibungen bei Keller-Holder für genauere Untersuchungen
nicht ausreichen. Freilich läßt sich bezweifeln, ob es je ge-
lingen wird die Derivationsverhältnisse aller einzelnen Hss.
mit Sicherheit festzulegen : jedenfalls gehört die Aufgabe ins
Gebiet der mittellateinischen Philologie und läßt sich nur im
engsten Zusammenhange mit der Kloster- und Gelehrtenge-
schichte des 8. — 10. Jahrhunderts lösen. Das aber muß ich
anderen überlassen.
Naturgemäß geht der Sichtung und Wertung der Hess.
voraus was wir von älteren Zeugen über die Geschichte des
Dichtertextes erfahren.
I.
Diese indirecte Ueberlieferung‘) des Horaz
ist, soweit ich sehe, noch nirgend im Zusammenhange genü-
5) Diese Arbeit haben Keller-Holder wie es scheint in der vorzüg-
lichsten Weise geleistet: was mir eine Controle ermöglichte, die vor-
trefflichen Lichtdrucke bei Chatelain, paleographie des classiques latins,
bestätigte bis auf kleinste Kleinigkeiten die Treue und Gewissenhaftig-
keit der Vergleicher. Zur Nachvergleichung von Blieh mir Traube den
herrlichen Band der Hagen-Sijthoffschen Ausgabe: den Oxon. hat mir
für alle wichtigen Stellen M.E. A. Winstedt in freundlichstem Ent-
gegenkommen verglichen, auch die Photographie einer Seite besorgt.
Wickhams Collation ist, wie ich vermutete, vielfach ungenau. Uebrigens
hat O, der aus dem XI., nicht aus dem X. Jahrh. stammt, für die re-
censio gar keinen Wert, da er vollständig Mischhs. ist und von ® ebenso
abhängig wie etwa u (Paris. 7973). Ich führe seine Varianten (O) hier
im Aufsatze nur mit an, um dies Urteil zu beweisen, werde sie in der
Ausgabe weglassen. Daß ich in den folgenden Listen ab und zu das
Material kürze, bedeutungslose Einzelheiten beiseite schiebe, wird man
mir hoffentlich nicht vorwerfen, sondern danken. Unsere Wissenschaft
leidet heute gerade genug durch übertrieben pedantische I-Tüpfelchen-
Zusammenstellungen.
6) Ich übergehe in der folgenden Zusammenstellung absichtlich die
sogenannten Nachahmungen bei Dichtern wie Prosaikern: nur die we-
nigen Stellen, wo sie eine Variante ergeben, berühre ich.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 265
“gend behandelt worden’). Ist sie auch nicht so reich und be-
deutend wie bei Plautus ®) oder wie die von Ὁ. Ribbeck (Pro-
lesomena p. 200 544.) gesammelte des Vergil, so hat es sich
doch bitter gerächt, daß man sie vernachlässigte ὃ).
| An ihrer Spitze stehe — Scherzes halber — Horaz
selbst: nicht weniger als 5 ganze Verse wiederholt der Dichter
in seinen Werken 19), vier ganz sicher als Selbsteitate: sat. 1,
4,92 ego si risı (1, 2, 27) quod ineptus *pastillos Rufillus olet,
Gargonius hircum’, dann Pantolabo scurrae Nomentanoque ne-
‚poti (sat. 1, 8, 11. 2, 1, 22), weiter epist. 1, 1, 56 haec recimunt
iuvenes dictata senesque “laevo suspensi loculos tabulamque
lacerto’ (sat. 1, 6, 74), und carm. 4, 1,5 desine dulcıum "ma-
ter saeva cupidinum’ (carm. 1, 19, 1); zweifeln kann man bei
epist. 1, 6, 28 und sat. 2, 3, 163 quod (si) latus aut renes mor-
bo tempiantur acuto, vielleicht liest Lucilius zu Grunde.
Wie wichtig diese Art der Ueberlieferung ist, zeigt sich
uns schon beim ersten Schritte. Denn der Vers sat. 1, 2, 27
— 1,4, 92 pastillos Rufillus olet, Gargonius hircum hat die
Doppelung der Tradition dringend nötig, um sich zu verteidigen
gegen den zeitlich folgenden Zeugen, Seneca. Dieser bringt
in den Episteln drei directe Horazeitate (sat. 1, 2, 27. 1, 2,
114 Εἰ, 1,3, 11 ff); die beiden letzten stimmen zu unsern
Hss.!!), aber eins giebt eine erhebliche und wichtige Abwei-
chung: Buccillus statt Rufillus der Hss., zwar nicht ausdrück-
lich, aber 3mal; und es ist gänzlich unwahrscheinlich, daß
mittelalterliche Schreiber in den Seneca-Hss. einen Namen
interpoliert hätten, den wir heute mit Mühe durch ein paar
Steine belegen können. Auch giebt die Stelle Senecas (epist.
”) Denn Kellers Epilegomena 5, 799 bringen nur eine ganz un-
kritische und unvollständige Citatenhäufung. Natürlich verdanke ich
den größten Teil des Materials Keller-Holders Apparat: daß ich alles
selbst nachgeprüft und ergänzt habe, wird sich ja wohl zeigen.
8) Siehe jetzt die äußerst bedeutsamen Sammlungen bei Lindsay,
ancient editions of Plautus, Oxford 1904 8. 2—35.
’ 9) Wie z. B. die Verdächtigung von carm. 1, 12, 37—40 durch die
Zeugnisse des Quint. Prisc. Schol. Stat. einfach abgewiesen wird.
10). Nicht hieher gehört der aus üblicher Wendung gebildete Halbvers
sanum recteque valentem epist. 1, 7, 3. 1, 16, 21, eher sat. 1, 6, 6. 45. 46.
4 Ἢ Die Abweichungen in sat. 1,3, 14. 15 sind Schreibfehler der
en.-Hss.
266 Vollmer,
86, 13) nicht den mindesten Anhalt zu der Vermutung, daß
der Briefsteller etwa scherzhaft dem Rufillus des Horaz einen
Buccillus seiner eigenen Zeit substituiert hätte. Also es bleibt
nichts übrig: Seneca las in seinem Horaz wirklich Buceillus.
Dann irren unsere Horaz-Hss., denn leicht war eine Stelle
nach der andern abcorrigiert? Es wäre möglich, da in der
Capitalschrift BVCILLVS schon zu RVFILLVS werden konnte,
und ich meine, diese Möglichkeit müssen wir, wo doch, wie
wir unten sehen werden, unser Horaztext nur auf einer einzi-
sen Hs. des 6. Jahrh. ruht, durchaus offen halten. Immerhin
kann, obschon andere Zeugen zu den Hss. hier nicht hinzu-
treten, RVFILLVS richtig sein. Einmal ist auch dieser Name
durchaus nicht häufig; sodann aber bietet sich die Möglichkeit,
daß wir hier die Hand des Probus verspüren. Es ist sehr gut
denkbar, daß in der Zeit vor Seneca die falsche Lesung
BVCCILLVS in die Hss. eindrang, daß aber von Probus aus
guten Quellen das Echte hergestellt wurde. — Bei Sen. findet
sich ferner ein Horazeitat in der apocolocyntosis 13: belua
centiceps carm. 2, 13, 34.
Der nächste Zeuge für Horazworte nach Seneca ist Cae-
sius Bassus: den bis heute verkannten Wert seines Zeug-
nisses für c. 1, 8,2 habe ich oben 15) erörtert.
Eine Stelle (serm. 2, 4, 12—14) paraphrasiert Plinius
der Aeltere, ohne daß sich eine Variante ergäbe !?).
Auf ihn folgt mit einer ganzen Reihe von Citaten 15)
Quintilian, ein deutlicher Beweis für des Dichters Ver-
12) 8, 962.
12) Die wahrscheinlich aus Plinius’ grammatischen Werken genom-
menen Horazeitate bei späteren Grammatikern hat gesammelt Münzer,
Beiträge zur Quellenkritik der Naturgesch. ἃ. Plinius 8, 44 Anm. Es
sind folgende: Plin. libr. dub. serm. ed. Beck p. 80, 23. 53, 10. 62, 10.
63,11. 77,9. Aus Zweckmäßigkeitsgründen und weil man nicht wissen
kann, ob die späteren nicht eventuell nach ihren Horazexemplaren die
Citate änderten, lasse ich hier und andern Orts die Citate ihren jetzigen
Quellen, Charis. und andern.
141) carm. 1, 4,13.. 1,12, 1. 1, 12,41., 1, 14,43. 1, 15, 2472748726.
3, 6, 36. 4, 2, 11. 4,13, 12. sat. 1, 1, 100. 1, 4, 11. 1, 6, 103 (oder epist. 2,
1, 192?) 1, 10, 44. 2, 6, 84. epist, 1,1,41. 1,1, 73. 1,5, 23. ars poet. 1—2.
25. 63f. 139. 311. 359. 388. 401. Ich nenne hier und im folgenden nur
die Horazstellen, die Stellen der Citierenden sind leicht bei Keller-
Holder oder in meiner demnächst erscheinenden Ausgabe zu finden.
“ἀν, Me er
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 367
breitung in den Schulen 1). Manche dieser Citate sind frei
fearm., 1, 12,1. 2,13, 26 sat. 1,4, 11. epist. 1, 1, 78. 1, 5, 23
ars 399. 388. 401), andere gekürzt (sat. 2, 6, 84 nee... cice-
ris; ars 25 ein paar Worte und dann et quae secuntur) ;
Schreibfehler der Quint.-Eiss. c. 1, 14, 2 accipe statt occupa,
4, 2, 11 solutus st. solutis; sonst stimmen die Lesungen zu
den Horaz-Hss. bis auf ο. 1, 12, 41 intonsis, wo die Horaz-
Hss. geben incomptis. Scharfsinnige Leute haben auch wirk-
lich intonsis verteidigen zu können und zu müssen geglaubt 16) ;
es muß vielmehr völlis außer betracht bleiben, einmal weil
es Quint. durchaus nicht ausdrücklich bezeugt, weiter weil zu
den Horaz-Hss. als ausdrücklicher Zeuge Servius tritt und
außerdem incomptis auch in des Charisius Horaz stand: Quint.
hat aus dem Gedächtnisse citiert, vielleicht auch Glosse für
Text genommen.
Hätten wir doch irgend ein Zeugnis über eine Lesung
des Probus im Horaz! Sie würde uns wahrscheinlich manche
Ansicht und Aussicht klären. Jetzt wissen wir nicht einmal,
ob seine Ausgabe eine commentierte!”) oder nur ein Text mit
kritischen Zeichen gewesen ist: im letzteren Falle konnten
ganz gut von ihm getadelte Lesarten unter Weglassung dieser
Zeichen einfach fortgepflanzt werden. Nur zwei echte Citate
haben wir von ihm: carm. 3, 27, 31. 32 hatte er im Commen-
tar zu Vergil (Aen. 9, 373 vgl, schol. Veronensia ed. Hagen
p. 441, 15) adnotiert, von wo sie Servius übernahm ; ferner
scheint doch die doppelte Tradition (Diomed. gramm. I 400, 10
ohne des Probus Namen; Exc. Lavant. gramm. V 326, 4 mit
Valerius) zu beweisen, daß er in einer einleitenden Abhand-
lung über Declination ars poet. 60—62 citiert hatte: die Ver-
derbnisse im Citat kommen natürlich nicht auf seine Rechnung.
15) Ich verstehe nicht, wie immer und immer wieder Friedländers
Commentar nacherzählt wird, zu Juvenals Zeit hätten die Büsten
von Vergil und Horaz in der Schule gestanden: Juv. 7, 226 cum totus
decolor essei Flaccus et haereret nigro fuligo Maroni hat schon der Scho-
liast richtig von codices verstanden: bekanntlich fällt der Ruß (das
heißt fuligo, nicht Rauch) schwalchender Lampen auch auf offene Rol-
len nieder.
16) 2. B. Kiessling im Commentar.
17) Wahrscheinliche Spuren von Probus’ commentierender Tätigkeit
wird demnächst Gudeman behandeln.
268 Vollmer,
Ich reihe an die Citate in den catholica (carm. 1,4, 1. 1, 14,
17. 1, 30, 2. 1, 36, 13 epod. 9, 22 serm. 1, 5, 46 ars 139) und
aus der app. Probi (epist. 1, 2, 53), die keinerlei Variante er-
geben.
Das einzige griechische Citat zum Texte des Horaz giebt
uns Plutarch (epist. 1, 6, 45): eine Variante ist nicht zu
erschließen.
Weitere wenige Citate aus dem II. Jahrh. haben Sueton
in der vita Horati (epist. 2, 1, 1--- 4), Juvenal (carm. 2,
19,5) Scaurus (ars 75), Gellius (carm. 1, 3,4 oder 3,
27, 20 in den noct. Att. 2, 22,2; serm. 1,5, 78), Fronto
(serm. 2, 3, 253—257 mit verschiedenen Fehlern, aber auch
der richtigen Form cubital gegen cubitale unserer Hss.); ich
reihe an das Citat, das Kaiser Marcus Aurelius gebraucht
haben soll (carm. 1, 17, 13 £.).
Eine wirkliche Variante giebt allein Fl. Caper zu carm.
1, 13, 2 Zactea statt cerea der Hss.; cerea ist auch bei Serv.
ausdrücklich bezeugt 18).
Aus dem Ill. Jahrh. kenne ich — denn Porphyrio muß unten
im Zusammenhange mit der Horazüberlieferung behandelt wer-
den — nur wenige Zeugnisse: Censorin citiert (17, 9) aus
dem carm. saec. v. 21—24 mit verschiedenen Schreibfehlern der
Hss., aber doch auch mit erwünschter Bestätigung von Zobiens
in Klasse I. Serenus der Receptendichter führt an serm.
2, 4,28. Sacerdos hat folgende Stellen: carm. 1,4, 8
mit οὐδέ gegen writ, 1, 9, 7 mit deprome gegen depone, 1,
36, 14. epod. 6, 5. sat. 1, 6, 69 ars 75 f. mit inclusa est gegen
iunctis, T7 ΕΗ, 90 f. 251. 254—6. 257—8.
Im IV. Jahrh. bringt zunächst Lactantius eine Reihe
von Stellen (carm. 1, 22, 1—8. 3, 3, 1—4 bestätigt solida, sat.
1, 8, 1—4, epist. 1, 1,41); nur 5 Stellen giebt Nonius (1,
18, 5 crepat ausdrücklich bestätigt gegen die Glosse increpat;
4, 14, 27 £. mit der lehrreichen Corruptel minatur statt medita-
tur 15); sat. 1, 2, 89; 1, 3, 81 ligurrierit des Citats wegen in
ligurrierat geändert, 2, 4, 73 frei citiert und noch dazu in den
18) Vgl. unten S. 280 Anm. 35.
19) Siehe unten S. 282 Anm, 39.
-
--
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 269
55. verderbt). Mehr hat Charisius?) (carm. 1, 1, 33.
τ τυ. 1,12, 41 mit wncomptis. 1,29, 7£. 1,36, 8.
| 2,18, 7f. mit clientae gegen clientes. 3, 1,17f. 3, 5, 10 mit
et. 3, 14, 19f. mit vagacem, was ich trotz seiner Singularität
beinahe für richtig halte, da Charisius durch die gute alte
Bobbieser Hs. überliefert ist; vagantem der Horazhıss. kann
Glosse sein, andere Zeugen fehlen. epod. 12, 25 verderbt, sat.
1,1, 94. 1, 2, 89. (nicht 1, 9, 13). 2, 2, 122. 2, 3, 245. epist.
1, 7, 22. 1, 16, 20. ars 75. 459). Fast ebensoviel Stellen giebt
Diomedes aus (carm. 1, 6, 6 nach andern. 1, 9, 5. 1, 39,
ΟῚ 2, 7, 3 nach andern. 2, 14, 1. 3, 24, 25. epod. 2, 21. sat.
1,1, 94 mit Char., 1, 9, 54 frei citiert. ars 60—62. 179. 192
mit Schreibfehler. 220—4 nach älterer Quelle verderbt. 220—1.
_ 275—7, wo des Diomedes Text richtig peruncti sagt, während
im Citat die Glosse infech eingedrungen ist. 288).
An Char. und Diom. reihe ich eine Zahl der späteren
Grammatiker an, deren Zeit unsicher ist, deren Citate aber ge-
wiß zum größten Teile nicht auf eigene Lectüre des Dichters,
sondern auf ältere grammatische Sammelwerke zurückgehen,
Consentius führt an carm. 1, 9,1 sat. 1, 8,17. 1,10, 3.
Begenus carm. 3, 21, 11 {, sat. 1, 2, 37 ars {9 1, 220 ff.
(mit Diomed.), Macrobius sat. 2,4, 34; Cledonius giebt
nur äußerlich betrachtet mehr aus: carm. 2, 7,3 mit andern,
3, 5, 10 mit anderen (Wortstellung gestört). 3, 25, 2 mit
anderen. 3, 27, 29. 3, 29, 37 mit Serv., 4, 11, 24 (epod. 4, 4).
epod. 5, 1 mit anderen. epist. 1, 18, 79 corrupt wie bei Pom-
peius. Dositheus hat sat. 1, 1, 94 mit anderen, 1, 2, 44
cf. Prisc.; Ps. Sergius epist. 1, 15, 17 mit geänderter Wort-
stellung. Pompeius bringt carm. 1, 9,5 mit Diom. (Ind.
statt Particip für das Citat), 1, 18,15 cf. Serv., 2, 7,3 mit
- anderen, 3, 1, 17f. mit anderen, 3, 23, 3 mit anderen, epod.
17, 48 mit anderen, sat. 1, 10, 72, epist. 1, 18, 79 corrupt wie
bei Cledon., ars 298 cf. Serv. Der Rhetor Rufinianus
_eitiert sat. 1, 10, 20, Ps. Rufinian de schem. lex. epist. 1, 1,
94—97. Der sog. Metrorius giebt den Vers epod. 12, 25, das
carmen de fig. sat. 1,5, 23, der -Tractat de ultimis
0) Ueber Plin. und andere Quellen dieser Grammatiker vgl. oben
S. 266 Anm. 13.
270 Vollmer,
syllabis carm. 1, 6, 1 mit anderen, 1, 7, 32, ars 350 (cf.
Serv.) und 377. Agroecius hat carm. 2, 13, 21 (cf. Serv.),
epist. 2, 2, 170 mit falscher Lesung und Interpretation. Pho-
cas giebt nur aus älterer Quelle (cf. Char. Prob.) carm. 1,
4,1; der Tractat de dubiis nominibus eitiert carm.
2,3, 6f. (ausgelassen te), 4, 6, 44 und sat. 2, 4, 33 (cf. Serv.).
Endlich hat eine Glosse des Placıidus carm. 1, 83, 14 mit
dem Schreibfehler continuit statt detinukt.
Bedeutend ausgiebiger und wichtiger sind die großen Scho-
liensammlungen zu verschiedenen Autoren. Freilich ist dieses
Material nicht immer leicht zu benutzen: dieselbe Vorsicht,
welche bei der Verwertung von Scholiennotizen für litterari-
sche und sachliche Fragen angewendet werden sollte, leider °
oft nicht angewandt wird, ist auch bei den Citaten von nöten:
unter den Einschiebseln und Anhängseln späterer, besonders
Karolingischer Gelehrter, von denen unsere Scholien strotzen,
sind auch solche mit Horaz-Citaten; auch in den neuesten
Ausgaben, die mit der Vorlage des handschriftlichen Materials
nach den besten Quellen nur ihrer nächsten Aufgabe genügen,
liest man viel falsches Gut, das nie dem Serv. Don. oder Porph.
gehört hat. Besonders schlimm steht es mit den Scholien zu
Lucan, Juvenal und Persius, für die keinerlei verläßliche Aus-
gaben vorliegen: in den Persius-Scholien finden sich, soweit ich
sehen konnte, die Horazcitate fast nur in den Humanisten-
Hss.: ich habe sie darum hier und in der Ausgabe ganz bei-
seite gelassen, um nicht zu falschen Schlüssen zu verführen ;
auch die Citate aus den Lucanscholien habe ich auf die Com-
menta Bernensia Useners beschränkt, weil alles andere Mate-
rıal unzuverlässig erschien.
Es bringt eine große Zahl von Horazcitaten zunächst
Donatus im a zu Terenz 3). Hier finden wir
carm. 1,1, 19 ἢ. 1,3, 1. 1, 5, 5—9 (Schreibfehler Ei mürabi-
Zur wie in RO). 1, Ü 17.1.19. 25, 1, US IO Teer
3, 8, 5. epod. 5, 11, (mit Serv. Prise.). sat. 1, 4, 7. 2, 3, 216.
2,4, 44 (mit Fecundi, freilich nicht ausdrücklich, gegen den
21) Die Citate sind für die Ausgabe bis auf wenige, gekennzeich-
nete, nachgeprüft in der sorgfältigen und höchst nützlichen Ausgabe
von Wessner.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. >71
"Bland.). 2, 6, 79—31. epist. 1, 10, 47. (1, 12, 19?). 1, 18, 69.
2, 1,59. 2,1, 81 (Schreibfehler der Hss.). 2, 2, 75 (zweimal).
ars 93. Dazu geben mit verschiedenen erwünschten Bestäti-
‚gungen strittiger oder in den Hss. schwankender Lesarten die
Excerpta de comoedia (Donat. in Ter. ed. Wessner p. 25) die
Verse ars poet. 275—283. Keinen selbständigen Wert hat
das Citat der ars des Donatus zu carm. 1, 6, 6.
| Nächst Priscian die wichtigste Quelle indirecter Horaz-
_ überlieferung ist der Commentar des Servius zu Vergil.
Das erhellt klärlich aus der großen Zahl der angeführten
Verse, rund 300, die hier alle herzusetzen keinen Zweck hat ??).
Ich berühre nur die wegen Varianten bemerkenswerten Stellen :
es zeigt sich, daß von den vielfachen Fehlern unserer Hss.-
Klassen (namentlich der Gruppe ®) Servius völlig frei ist, denn
_ natürlich darf man nicht Fehler, die in jeder Hs. von neuem
vorkommen konnten, hier als Zeugen nehmen, z. B. colchos
statt zolcos epod. 5, 21.
Ebensowenig können für die Geschichte der Ueberlieferung
verwertet werden nicht ausdrücklich bezeugte Varianten wie
carm. 1, 12, 11 Doctum statt Blandum, wo der Citierende nur
das Verständnis des Citats sichern wollte. Aehnlich Nee statt
Et carm. 1, 14, 5, Attollens statt Et tollens carm. 1, 18, 15,
carm. 1, 34, 6 im Citat ausgelassen, 2, 16, 15. 3, 4, 77. 3, 10,
14. 4,6, 26. 4,7, 25. 4, 8, 6 Qualis, serm. 1, 2. 29 tegit, epist.
1, 2, 65 cervinam catulus statt tempore cervinam; Gedächtnis-
fehler scheint epist. 1, 3, 19 vulpecula ausdrücklich statt cor-
nicula.
An anderen Stellen bleibt unsicher, ob wir von Servius
gelesene Varianten oder Schreibfehler der Servius-Hss. anzuer-
kennen haben: so crepet carm. 1, 18, 5 statt crepat, 2, 6, 18
umbras statt brumas, 2, 14, 23 invisam cupressum statt des
- Plurals, 4, 8, 6 prodidit statt protulit, serm. 2, 6, 27 multum
statt cerfum, ars 53 cadant, 334 Et, 339 Nec.
Sicher Fehler der Serviushss. liegen vor z. B. carm. 4,
55) Die Sammlungen Keller-Holders konnte ich nachprüfen an einem
mir von Rabbow und Dittmann freundlichst vermittelten index Ha gens:
es zeigt sich auch hier die bewundernswerte Genauigkeit der Arbeit
Keller-Holders, denn nur ein Citat fehlte: carm. 1, 28, 32 vices-ipsum
steht bei Serv. Aen. 2, 433.
272 | Vollmer,
8, 6—8 (Ordnung), serm. 2, 5, 39 Persius statt Horatius ge-
nannt, 2, 5, 595 Plenumque, epist. 1, 13, 19 Valde statt Vade.
Aber von hohem Werte sind ausdrückliche Citate wie
carm. 1, 12, 41 incomptis (gegen Quint.) 1, 13, 2 cerea gegen
lactea (Caper), carm. 2, 18, 30 sede gegen fine der Horazhss.,
3, 90, 12 regnavit, 4, 14, 28 meditatur.
Willkommen sind natürlich auch nicht ausdrücklich be-
zeugte Lesungen da wo die Hss. des Horaz schwanken z. B.
serm. 1, 5, 1 accepit Serv. gegen excepit der zweiten Klasse,
epist. 1, 7, 21 ingratos, 1, 8, 12 wentosus, ars 339 ueht.
Ja directe Fehler klären unsern Einblick in die Textge-
schichte: wenn Servius 3mal ars poet. 45. 46 in verkehrter
Ordnung citiert ἃ. ἢ. ebenso falsch wie unsere Hss. ordnen,
so geht dieser Fehler doch wohl auf die Ausgabe des Pro-
bus zurück. So enthalten die Servius-Citate, wenn sie nur
richtig interpretiert und gewürdigt werden, höchst schätzbares
Material ?°).
Weniger zahlreich und minder wichtig sind die Horazei-
tate in den unter dem Namen des Servius gehenden rein gram-
matischen Schriften: vgl. zu carm. 2, 7, 3. 3, 1,17 (auch Char.
Pomp.). 3, 23, 3. 3, 24, 21. epod. 17, 48 (mit anderen). ars
298; nur ars 100 wird die Bestätigung von volent gegen die
2. Hss.-klasse willkommen.
Hier führen uns die durch sehr alte Hss. überlieferten
Schriften de centum metris und de metris Horatii (darin die
Fehler carm. 1, 27,1 usus, 2, 13, 1 Malo statt Ille) auf die
Metriker überhaupt. Sie citieren alle ersten Verse der
Oden und der Epoden, dazu verschiedene andere: aber alle
diese Tractate tragen deutlich die Zeichen fortgesetzter Schul-
und Gelehrtenbenützung, stehen zudem durch Quellenverwandt-
schaft in engsten Beziehungen, so daß vereinzelte Zeugnisse
über Varianten sich meist als Fehler leicht ausweisen, jedenfalls
aufs schärfste zu controlieren sind. Daß sich trotzdem ein
28) Ein Urteil wie bei Keller, Epilegomena 5. 799 ‘Desgleichen
sind auch die bei verschiedenen antiken Schriftstellern vorkommenden
Horazcitate, wofern sie von unserm Archetyp abweichen, sämmtlich
ohne Bedeutung für die Textkritik’ war auch im Jahre 1879 kurzsich-
tig und unvorsichtig. Wie viel richtiger verfuhr doch schon Dillen-
burger, Zeitschr. f. ἃ. Gymn. Wes. II 1868 p. 322 ff.!
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz, 275
- wertvolles Resultat aus ihnen gewinnen ließ, sahen wir oben
- (8. 262). Ein anderes ergiebt sich zu carm. 38, 7,1 wo can-
dida bei Diomedes allein erhalten ist: es spielt sicher mit dem
Namen Asterie, während die candidı Favonw vergeblich von
den Erklärern mißdeutet werden.
Ich kehre zu den Scholiasten zurück. Die Scholien
zu Juvenal bringen carm. 1, 6, 17. 1, 38,1. 2, 2, 5. 2,5,
22f. 2,19, 1. 4,4,36 (wo ihr Zeugnis für Dedecorant mir
sehr verdächtig ist, wenn es überhaupt so tradiert ist). epod.
8, 19 f. sat. 1, 2, 6 (wo depellere aus der 2. Hss.-Klasse stammt:
also das Citat karolingisch ?). 1, 9, 10. 1, 9, 78. Schwierigkeiten
macht das Citat schol. Juv. 3, 192 proni Tiburis: in praeci-
pii posita, ut Horatius "clivumque supinum’, das man gerne
auf carm. 3, 4, 29 Tibur supinum beziehen möchte, zu dem
doch der Wortlaut nicht stimmt. Aber ein Horazfragment zu
statuieren reicht die Sicherung der Ueberlieferung nun und
nimmer aus (über Buch I 5. u. S. 281 Anm. 37): es wird Con-
tamination von Citaten oder Namenverwechslung vorliegen.
In dn commenta Bernensia Lucani finden
sich folgende Horaz-Stellen: carm. 1, 7,29. 1,10, 19. 2,7,
26 f., 4, 9,2 in andern Lucan-Scholien, die vielleicht nicht
minder echt, aber nicht verläßlich herausgegeben sind, carm. 1,
1, 25. 1,10, 11. 2, 10, 9—12. epod. 1, 1 serm. 2, 4, 29. epist.
1,1, 28. 1,11, 22. ars 4. 50. 471: alles ohne bemerkenswerte
Varianten; nur serm. 1, 3, 27 liest man eine krasse Interpo-
lation im Voss. 11., deren Alter ich nicht zu bestimmen ver-
mag: Ut Iyna vel.
Auffallend viel Horazverse werden in den Scholien zu
Statius angeführt. Davon stehen einige auch bei Servius u. a.,
die Mehrzahl scheint von Placidus selbst herangezogen zu sein.
Ich zähle alle auf: carm. 1, 18, 3. 1, 1,14. 1,1, 24 mit < de-
testanda. 1,2, 26 dreimal. 1, 3, 20 dreimal mit Bestätigung
von acroceraunia. 1, 4, 4 (cf. Prisc.). 1, 7, 2 zweimal. 1,7,9
mit Serv., 1, 7, 10 (Nec me statt Me nec). 1, 10, 3 nach Serv.
1. 12, 13 mit parentis. 1, 12, 37 (cf. Prise.). 1, 12, 51. 1, 14,1
(ef. Quint.). 1,15, 5 (mit Proteus statt Nereus der Horazhss.
wohl aus Porph.). 1, 15, 22 (frei gestellt). 1, 17, 8. 1, 23, 11£.
274 Vollmer,
1,27, Ὁ. 1, 32, 145. 2, 9,24. 2,9, 10.2 Oro sea
(cf. Serv.). 3, 2, 31f. (cf. Serv.). 3, 4, 64 mit der Glosse (zu
Patareus) Lycius statt Delius. 3, 4, 72 zweimal. 3, 16, 5—7
mit dem Schreibfehler misisset. 3, 22, 7. 3, 29, 61 Addunt
statt Addant zur Vereinfachung des Citats. 4, 6, 21—24 mit
victus. epod. 7, 17 mit der Glosse premunt statt agunt. 8, 11.
10, 1 (cf. Serv.). 15, 21”). serm. 1, 1, 68. 1, 2, 2 Tcrees)
2, 1, 26. epist. 1, 2, 57. ars 158.
Bevor ich nun zu den reichen Horazcitaten bei Priscian
übergehe, muß ich der zeitlichen Ordnung wegen die großen
Kirchenväter erwähnen. Von ihnen hat besonders Hierony-
mus den Dichter eifrig gelesen und gern ceitiert: wir lesen
bei ihm carm. 2, 10, 11 dreimal. 2, 14, 1 zweimal. 3, 3, 7f. gar
viermal; weiter 3, 30, 1. serm. 1, 3, 1—2 frei citiert. 1,3, 68
zweimal; 1, 6, 60. 1, 8, 1—4 möglicherweise aus Lact. übernom-
men. 1,9, 59 mit sinnverdeutlichender Umstellung. 1, 10,1 frei
citiert. 1, 10, 34 zweimal, einmal freier citiert. 1, 10, 72 vertat
statt vertas der Deutlichkeit halber. epist. 1, 1, 99 und 100
der Bequemlichkeit wegen umgestellt. 1, 2,40. 1, 2, 508. 1, 2,
96. 1,3, 31. 1,4, 15—16. 1, 11, 27 bequem in den Singular
gesetzt. 2, 1, 114—117 zweimal. ars 21. 88. 94 desaeviet statt
delitigat wohl der Deutlichkeit halber. 133 mit richtiger Wort-
stellung. 139 das Praesens bequemer. 147 Et statt Nec des
eigenen Zusammenhangs wegen. 359 frei citiert. 390.
Weniger oft wird Horaz verwendet von Augustinus:
bei ihm lesen wir carm. 2, 2, 9—12. serm. 2, 7, 86. epist. 1,
1, 36—-37 zweimal. 1, 2, 40. 1, 2, 69. 1, 7, 29 mit der höchst
wichtigen Bestätigung von vulpecula unserer Hss.; 1, 10, 41.
1, 16, 55. ars 390 vielleicht aus Hier.
Zweimal nur gebraucht Symmachus Worte des Horaz:
epist. 1, 47 Circae pocula (cf. Hor. epist. 1, 2, 23) ist kein
wirkliches Citat, und ars poet. 1 wird frei umschrieben.
Dagegen nimmt Ausonius in seine eigenen Werke
hinüber carm. 1, 12, 33. 2, 3, 15. 3, 11, 38. 4, 7, 16. epod. 5,
27 ἢ, epist. 2, 2, 4, eitiert carm. 2,16, 27. Gewiß keinen
24) Diese Verse resp. die Scholien mit ihnen fehlen in der auf un-
genügender handschriftlicher Grundlage gemachten Ausgabe Jahnkes.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 275
Ueberlieferungswert hat ars 141f. moenia bei Ps. Auson 445,
in den periochae Odysseae.
Sidonius umschreibt frei carm. saec. 1, ars 'poet. 15
und 21, citiert wörtlich sat. 2, 1, 82 ohne Variante.
Nach Servius hat niemand eine so reiche Fülle von Ho-
razcitaten wie Priscianus. Sie gehen natürlich zum über-
großen Teile auf ältere Grammatiker zurück, sind aber, wo
diese verloren gingen, für uns höchst wertvoll. Man findet
ein vollständiges Verzeichnis in Hertz’ Priscian. II (gramm. III)
p- 935 ἢ, ich brauche also hier nur die Varianten betreffenden
Stellen zu berühren. carm. 1, 15, 5 sichert Priscians Citat die
Lesung Nereus; carm. 1, 37, 23 ist enses statt ensem nicht
ausdrücklich bezeugt, also vielleicht Schreibfehler; 2, 2, 19 ist
die Wortstellung zur Verdeutlichung der Construction geändert;
2,13, 5 patris statt parentis die Glosse statt des Textwortes
abgeschrieben; 2, 13, 40 ausdrücklich fimidos gesichert; 3, 4,
69 wird wie 2, 17, 14 nicht ausdrücklich, aber durch zwei-
maliges Citat gigas gesichert; 3, 6, 10 Non auspicatos bestä-
tigt gegen die erste Klasse; 3, 6, 11 ist leider das an sich sehr
gute nostris nicht ausdrücklich bezeugt, sonst würde ich nicht
anstehen, nostros in unsern Hss. für angeglichen an impetus
zu erklären; 3, 6, 44 ist in abeunte nocte die Glosse zu abeunte
curru in den Text geglitten; für 3, 14, 14 scheint die Stelle 4,
15, 18 zu beweisen, daß Priscians leider nicht ausdrückliches
Citat mit ewiget (so auch rn) zur Bestätigung der Lesung von
B ewiget zu verwerten ist, während alle andern Hss. ewimet
geben; freilich ist die Möglichkeit nicht abzuweisen, dass B
und π ihr exig- aus Priscian selbst haben. 4, 2, 10 Cum statt
Seu natürlich zur Verdeutlichung des Citates. carm. saec. 49
wird bobus bestätigt. Serm. 1, 2, 120 paulum Prisc. vgl. >.
283 Anm. 42; 1, 8,38 veniant statt veniat vielleicht richtig;
1, 9, 48 vivimus bestätigt; 2,1, 42 ferrum (nicht ausdrücklich)
statt Zelum; 2, 2, 121 tum mit ® gegen tunc; 2, 3, 97 ne aus-
drücklich bestätigt gegen que; ὦ, 3, 117 die Timesis unde-
octoginta ausdrücklich gesichert; 2, 3, 163 zur Vereinfachung
des Citats ind. statt coni.; 2, 3, 310 maiore Schreibfehler der
Priscianhss. ; 2, 5, 26 pariem statt artem dgl.; 2, 7, 109 peccawit
dgl.; 2,8, 2 Wortstellung leicht verändert; 2, 8, 10 «t bestätigt.
Philologus, Supplementband X, zweites Heft. 19
2706 Vollmer,
2,8, 90 zum leichtern Verständnis edit in die Form seiner
Zeit edat geändert; ebenso epist. 1, 6, 05 Vlixis einmal der
' Kürze wegen citiert, aber an einer andern Stelle ausdrücklich
Vlixei bestätigt; 1, 13, 6 urat flüchtig statt wuret; 1, 17, 30
angui bestätigt. Besonders interessant ist das Citat von carm.
3, 17, 4 wo uns zuerst von duple» scriptura und alit codices
in der Horaztradition berichtet wird: Priscian sagt 6, 72 p. 256,
16 apud Horatium duplicem invenio scripturam et *“fastos’
et fastus’ . .. *fastus’ in alwis codicibus. Nun trifft es sich,
daß unsere Horazhss.-Klassen ziemlich reinlich sich scheiden:
die II. Klasse hat fastus, die I (mit ihr ΔΙῸ, die oft aus ihr
corrigiert sind) hat fastos, wie auch Servius liest. Natür-
lich würde weit in die Irre gehen wer aus diesem Zufall fol-
gern wollte, Priscian habe bereits unsere beiden Hss.-Klassen
vor Augen gehabt: höchst wahrscheinlich besagt seine Notiz
weiter nichts, als daß in seinem eigenen Exemplar, das fastos
hatte, zunotiert war al. fastus.
Die Citate des Eutyches, Priscians Schüler, sind we-
niger zahlreich und auch, weil ohne erhebliche Varianten, we-
niger wichtig. Citiert werden: Hor. carm. 1, 2,7 (cf. Serr.).
1,4, 4 (cf. Prisc.). 1, 5, 13—16. 1, 34, 3—5. 2, 3, 18. 8, 27,
25—28. 4, 4, 34. epod. 12, 11. serm. 1, 2, 34. 1, 2,45. 1,3,
66. 1, 5, 24. 1, 6, 125 (cf. Serv.). 1, 8, 46 (cf. Prise.). 1, 9, 76.
1,10, 71. 1,10, 79 (ind. zur Erleichterung statt coni.). 2, 2,
10 (coni. st. ind.). 2, 7, 35. epist. 1, 12, 8. 1, 18, 40 (zerstörte
Ueberlieferung). 2, 1, 33 (saltamus statt luctamur aus dem
vorhergehenden Citat). 2, 1, 126. 2, 2, 159.
Reihe ich hier noch an, daß Boethius sat. 2, 5, 59
citiert, so meine ich die für die Ueberlieferungsgeschichte be-
deutsamen Citate erschöpft zu haben. Denn, abgesehen von
zwei, wie ich denke, auch abgeleiteten Citaten bei Venant. Fort.
(ars 9) und bei Braulio (sat. 1, 4, 34), finden wir vom 6. Jahrh.
ab außer bei Columba keine directen Horazcitate mehr bis zu
den Karolingern. Doch davon später genauer.
Was lehrt uns nun, abgesehen von der Controle unserer
Hss. im einzelnen, diese indirecte Ueberlieferung? Vor allem
dies, daß die Tradition unserer Hss. im ganzen zuverlässig
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 277
und sicher ist. Denn an wirklich ernsthaften Varianten, die
nicht in unsern Hss. auftauchen, lernen wir in Hunderten von
Versen durch die indirecte Ueberlieferung nur kennen sat.
1,2,27 = 1, 4, 92 Buccillus Seneca, carm. 1, 13, 2 lactea Ca-
per gegen cerea Hss. und Servius, 3, 7, 1 candida (Diomed.)
statt candide, vielleicht 3, 14, 19 vagacem Char. (nicht direct
bezeust), 2, 18, 30 sede Serv., 3, 6, 11 nostris Prisc. (nicht aus-
drücklich bezeugt). Freilich trifft es sich, daß die schwersten
Wunden unserer Ueberlieferung in den Citaten nicht erschei-
nen; aber wir würden noch viel öfter unsicher sein, wenn uns
nicht die indirecte Ueberlieferung im Wirrwarr der hand-
schriftlichen Varianten‘ Führer und Licht wäre.
II.
Nun zu dieser direeten handschriftlichen
Ueberlieferung des Horaz selbst. Natürlich kann von
einer umfassenden Beurteilung derselben überhaupt erst seit
'Keller-Holders Ausgabe die Rede sein. Die ausführlichste
und verständlichste Darstellung dessen, was die Herausgeber
selbst gefolgert haben, finden wir in Kellers Epilegomena
zu Horaz 8. 777 ff. Schon sie sahen ein 5), daß unsere Hss.
auf ein Archetypon zurückgingen ; freilich nahm Keller wieder
dieser Erkenntnis alle Wahrscheinlichkeit, indem er dies Arche-
typon ins erste ?°) oder zweite Jahrhundert ἢ. Chr. setzte: was
in aller Welt sollte denn damals Liebhaber und Schulmänner
veranlaßt haben, ihre Exemplare nur aus einem und demselben
Codex abzuschreiben? Und einen einzigen Codex für den
ganzen Horaz gab es doch damals überhaupt nicht. Also:
eine richtige Erkenntnis ””) ad absurdum geführt durch eine
ganz unwahrscheinliche, weil unhistorische Erklärung.
Einen anderen Weg schlug Christ ein (Horatiana p.
114); er meint: ‘die alten... . Codices... gehen auf mehrere
25) Denn das Märchen, Bentley habe geglaubt, alle unsere Hss.
gingen auf die recensio des Mavortius zurück (entstanden aus Bentley
praef. p. XXIV) tat ab Peerlkamp p. XXIIL |
26) Die vermeintlichen Indicien für Neronische Zeit (Epileg. zu
carm. 3, 17,1 und ars 387) sind phantastisch.
2 Das Verzeichnis der den Hss. gemeinsamen Fehler (Epileg. p.
778) ist richtig begonnen: wie es aussehen mußte, wird im folgenden
(8. 279) sich zeigen.
10."
278 Vollmer,
mindestens drei Archetypi des Altertums und zwar des 5. oder
6. Jahrhunderts zurück’. Dabei sind übersehen oder nicht an-
erkannt die allen unseren Hss. gemeinsamen Fehler.
Consequenter und durchgreifender ist der Versuch 38), den
Leo (a. a. OÖ.) bei Gelegenheit der Anzeige von Keller-Holders
zweiter Auflage macht, die Gesamtheit unserer Ueberlieferung
zu erklären. Daß diese eine ‘einheitliche’ ıst, erkennt auch
Leo (ὃ. 851 f.). Er folgert das in Ergänzung des Kellerschen
Beweises mit Recht einmal aus der trotz der Verschiebung
von ars poetica und Satiren doch im ganzen einheitlichen An-
ordnung der verschiedenen Bücher in den Hss., die um so be-
weiskräftiger ist, als sie auf Willkür beruht, d. h. weder so
weit wir wissen auf Horaz selbst zurückgeht 39) noch ehrono-
logischer Folge 55) entspricht, weiter aus der Gleichheit der
Büchertitel, die freilich, weil sie vom Dichter selbst herstammt,
28) Nurals solchen will ihn Leo selbst gelten lassen ; vgl. S. 856 oben.
2) Ueber die Frage einer Gesamtausgabe durch Horaz selbst rich-
tig Christ, Horatiana S. 87, der nur die Technik der Edition nicht be-
rührt. Horaz hätte selbst bei einer Gesamtausgabe seiner Werke kein
anderes Mittel gehabt ihre Folge dauernd festzulegen als sie durchzu-
numerieren. Es gab eben damals noch kein ‘Buch’ irgend welcher Art,
das alle Horatiana zugleich gefaßt hätte. Von einer Durchnumerierung
der Horazischen Gedichtbücher aber giebt unsere Ueberlieferung nicht
die mindeste Spur. Denn der Zangemeistersche Traum von einem Com-
mentar des Scaurus zu 10 Büchern Horaz ist eben ein Traum; die (i-
tate sagen klipp und klar, daß Scaurus 10 Bücher Commentar zur
ars poetica geschrieben hat, und das ist bei der Menge des darin zu
besprechenden literarischen Materials durchaus glaubwürdig.
80) Ich halte für beinahe sicher, daß bei der definitiven Zusammen-
schreibung von Volumina in einen Codex wie bei den plautinischen
Stücken die (nur auf den ersten Buchstaben sich erstreckende) alpha-
betische Ordnung maligebend war: dann wäre die in der II. Klasse
überlieferte Ordnung die althergebrachte:
C armina
De arte poetica
E podon
carm. saeculare
E pistulae
S ermones
Daß das kleine carm. saec. unstät bleiben konnte, zeigt ja auch Porph.
So würden sich am leichtesten die Ordnungsänderungen verstehen: Apo-
graphon I wurde von jemand gemacht, der sich besonders für die
lyrischen Metra interessierte (eine Parallele bietet die im Bernensis er-
folgte Umordnung sogar der einzelnen Gedichte nach den Versmaßen)
und darum die hexametrische Ars vor die Epist. u. Serm. zurückschob ;
über die auf Grund von Porphyrions chronologischer Notiz zu epist.
1,1,1 in späteren Vertretern von Klasse II erfolgte Umordnung von
epist. nach sat. 5. unten S. 290 Anm, 70. Daß noch Nonius den Horaz
in einzelnen Rollen hatte, zeigt Fr. Marx, Lucilius 8. LXXXIII.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 279
nicht viel beweist, sodann aus den Titeln, Charakterisierungen,
Inhaltsangaben der einzelnen Gedichte, die in der Tat auf ein-
heitliche, nach-Horazische Formulierungen zurückgehen 51).
Endlich, und das ist das wichtigste, auch von Leo an erster
Stelle behandelte: aus den allen Hss. gemeinsamen Corrupteln.
Aber Leo interpretiert diese “Einheitlichkeit’ anders als
ich für richtig halten kann. Ich muß darum das von ihm
nur angedeutete Material vollständig vorlegen.
Wenigstens für die allen Hss. gemeinsamen Corruptelen.
Denn sie sind und bleiben 5“) unser schärfstes Mittel, der Ge-
schichte einer Ueberlieferung nachzuspüren. Titel und Scho-
lien sind ihrer Natur nach jeder Veränderung ausgesetzt: sie
werden verbreitert, gekürzt, geändert nach dem Belieben des-
sen, der sich die neue Hs. herstellt: nur was der Schreiber
nicht nach Willkür herstellen kann, verlorene oder bis zur Un-
kenntlichkeit verderbte Worte des Autors selbst können in einer
so verwickelten Ueberlieferung wie der des Horaz als untrüg-
liche Wegweiser angesehen werden.
Es folge also ein Verzeichnis der in allen unsern Hss.
sich findenden überlieferten Fehler im Texte des Horaz °°).
carm. 1, 2, 39 mauri Hss. Porph., Marst Bentley.
12, 31 gquwia (qui B) Hss. (Bland.) 52), (metri-
scher Fehler), Verbesserung unsicher.
81) Darüber unten ὃ. 315 Anm. 126.
5) Trotz Christ, Horatiana p. 105.
33) Ich füge aus später zu erklärendem Grunde ausdrücklich, wo
er bekannt, den Bland. antiquissimus zu, desgl. Porph. und die andern
Scholien, natürlich nur die wirklich interpretierten Lesarten, nicht falsche
Lemmata und Zufälligkeiten. Dland. ohne Klammer bedeutet ausdrück-
liches Zeugnis des Cruquius wie ‘Bland. antiguissimus’ oder ‘4. Bland.',
(Bland.) in Klammern allgemeiner gefaßte oder indirecte Bezeugungen.
3) Ich glaube, daß hier Porph. die letzte Spur des Echten bewahrt
hat, denn von einer Verschreibung wie quod in D! (R!?) oder einer
Conjectur wie qua, die eine hier ganz unverständliche Beschränkung
des Gedankens einführen würde, darf ich wohl absehen. Porph. sagt:
‘quia voluere pro cum (con trad.) voluere. Eine merkwürdige Glosse:
quia verstand im 3. wie in späteren Jahrhunderten jedermann! Viel
eher bedurfte causales cum einer Glosse. Gewiß ist, wie so oft, das
Lemma in Porph. interpoliert und wir haben zu versuchen, ob nicht
aus der Erklärung das alte echte Lemma zu gewinnen sei. Ich vermute
Porph. schrieb: ‘ut voluere’ pro cum voluere; temporales ut, bei Horaz
gewöhnlich, bedurfte später der Erklärung. Es leuchtet aber, meine
ich, ein, wie gut ut dem simul v. 27 entspricht, das auch 1,9, 9 im
gleichen Gedanken steht. Das gwia der Hss. (guae O2 Conjectur) ist
nichts als schiefe Glosse für ut, das causal interpretiert wurde.
280 Vollmer,
carm. 1, 20, 1?°) potabis Hss. Porph., potavi Vollmer 55).
5 care Hss.. clare 5
21, 13 Hic Hss., Haec Duhamel.
23, 1 διαί Hss. (metrischer Fehler), Uitas
(comm. τὰκ.) ς
5 mweris.... aduentus Hss. Bland. Porph.,
vepris ... ad wentum Gongavinus und
Muretus.
25, 20 hebro Hss. Porph., euro 5
27, 19 laborabas (laboras E5O) Hss. Bland., la-
boras in ς
31, 957) calena Hss., calenam lemma Porph.
5) 1,13, 2 halte ich trotz Bentley das von Serv. und auch wohl
von Porph. (d. ἢ. schol. AT) ausdrücklich bezeugte cerea für richtig.
Das Citat bei Caper gramm. VII 98, 3 mit der Lesung lactea scheint
interpoliert, freilich vor dem 9. Jahrh., da es in unsern ältesten Hess.
schon steht.
86) Die Unverständlichkeit des kleinen Gedichtes in der überliefer-
ten Form wird allgemein anerkannt und ist durch zahllose Conjecturen
für v. 10 Tu bibes (zuletzt Leo, Hermes 38, 306 Tu dares) zum Ausdruck
gebracht. Durch potavi lösen sich alle Schwierigkeiten; natürlich ge-
hört nun der Temporalsatz datus in theatro cum tibi plausus nicht zu
levi sondern zu potavi. Damit findet das ganze Gedicht verständliche
Veranlassung und Datierung: Horaz legt scherzend dem Gönner nahe,
ihn den Freudentag bei besseren Sorten mitfeiern zu lassen. — Aber
die Metriker lesen alle potabis? Nein, keiner bezeugt ausdrücklich
dies Wort, sie citieren nur um des Versmaßes willen, und ihre Ci-
tate sind nach den landläufigen Hss. des Horaz selbst abcorrigiert.
Darüber mehr zu carm. 1,8,2 ὃ. 262. Aber Porphyrio bezeugt aus-
drücklich potabis mit den Worten Maecenatem ad cenam invitat u. 5. w.?
Das beweist nur das Alter des Fehlers. Darüber weiter unten im Zu-
sammenhange (S. 314 £.).
51) Ich muß in diesem Zusammenhange auf einen alten, zuletzt
von L. Müller, Q. Horatius Flaceus, Oden und Epoden I S. 127 mit
Recht wieder hervorgehobenen Gedanken zurückkommen: sein nächster
Ertrag ist zwar die Fälschung der Pallavicini’schen beiden Oden ge-
wesen, aber zu Ende gedacht werden muß er doch ganz gewiß. Der
Bestand unsers 1. Odenbuches mit 38 Gedichten ist besonders auffällig,
da carm. 1, 38 Persicos odi puer apparatus, mit den kleinen Gebeten
carm. 1, 30 und 3, 22 das kleinste Gedicht, einen sehr lahmen Buch-
schluß gegen die deutlichen Schlußgedichte 2, 20. 3, 30 abgiebt. Wie
anders epod. 17, das Prachtstück, als letztes einer unregelmäßigen Ge-
dichtzahl! Man kann doch bei allem Respect vor der Tradition von
Jahrhunderten die Absicht der runden Zahlen
sat. I 10 Gedichte
carm. il 20 3
ΠΗ 80 "
epist. I 20 n
nicht verkennen: sollte da (die 17 Epoden stehen abseits) wirklich das
erste Buch carmina, das doch mit II und III zusammen redigiert ist,
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 281
carm. 1, 31, 18 at Hss., ac s
2, 18, 30 fine Hss., sede Serv. Aen. 6, 152 aus-
drücklich.
3, 1, 39 et ausgelassen Hss.
14, 11 iam wirum expertae (schol. AT) male
(n)ominatis (Porph.) (ominatis Bland.)
Hss., Verbesserung unsicher.
20, 8 «ik Hss. schol. Τ᾿, ılla Peerlkamp.
24, 4 Tyrr(h)enum oder Tirr-Hss., Terrenum
Porph. Lachmann.
25, 9 Ex(s)omnis Hss. schol. AT, Edonis
Bentley.
26, 7 et arcus Hss., securisque Bentley.
27, 60 I(a)edere Hss., elidere Lambinus.
4, 2, 49 Teg. dum procedis Hss. Porph., Verbes-
serung ungewiß.
4, 17 r(a)eti Hss. Porph., raetis Ὁ: Heinsius.
4, 22 Nescire Hss., Nec scire AO? Porph. °°).
5, 18 Nutrit (r)ura Hss., Nutrit farra Bentley.
8, 15 ff. schwer interpoliert, nie zu heilen; die
Scholiasten commentieren verschiedene
der unsicheren Verse.
4, 10, 5 digurinum Hss., Ligurine Torrentius.
14, 28 minitatwr Hss., meditatur R Serv. zwei-
mit n. 33 versiegen? Langten des Dichters Scheden wirklich nicht zu
40? Ich wäre der letzte, die Nummern eines lyrischen Gedichtbuches
zu zählen, wenn es nicht Horaz offenbar selbst getan hätte. Hinzu
kommt, daß ich von der Unversehrtheit von carm. 1, 38 nicht sicher
überzeugt bin: ich verkenne nicht, daß neque te ministrum dedecet myrtus
als verblümte Liebeswerbung die Pointe des kleinen Gedichts gewesen
sein kann, muß aber durchaus die Möglichkeit offen halten, daß die
Myrten bei Herrn und Diener doch auf eine noch zu rufende Myrtale
oder Rhode berechnet sind. Es könnten also 275 carmina fehlen. Den
Verlust auf ein ausgefallenes Blatt unseres Archetypons zu schieben
geht nicht an, da keinerlei antike Tradition, weder Grammatiker noch
Metriker, das etwa Verlorne kennen. Also müßte nicht nur die Ausgabe
des Porphyrio, sondern schon die Ausgabe des Probus den Verlust ge-
habt haben. Das ist so unwahrscheinlich, daß wir nach einer andern
Erklärung des Bestandes carm. I 1—38 suchen müssen. Horaz wird,
so meine ich, carm. 14—38, ἃ. ἢ. 35 Gedichte schon vor der Redaction
von Buch I—IlI im Kreise des Maecenas bekannt gemacht haben: bei
der definitiven Ausgabe wurden dann 1—3 an Maecenas, den Caesar,
Vergil nach Gebühr vorangefügt und die metrische Ordnung getroffen.
38) Bei Porph. ist zu emendieren jas non est statt fas est non.
282 Vollmer,
mal ausdrücklich, dieselbe Lesart geta-
delt von Porph., minatur (so) Non. in
Citat für diluvium 89).
epod. 1, 15 laborem Hss. (metrisch falsch), labore
Glareanus.
2, 27 Fontes Hss. (Barbh. ), Frondes Markland
(schol. A 3).
4, 8 ter Hss., irium Barth.
9, 28 currens Hss. schol. AV, Laurens Hein-
sius.
37 Ex(s)ecta Hss. Bland.
87 magnum Hss. Porph., maga non Haupt.
7, 13 caecus Hss., caecos ς
9, 16 Lücke nach v. 16 oder νυ. 17 BERNER:
Ad hunc.
16, 61. 62 an falscher Stelle Hss. schol. TV.
serm. 1, 1, 81 adflxit Hss. (Bland.), adfixit s
88 ‚Si; Hss., sic ς
108 redeo nemon ut auarus Hss., redeo qui
nemo ut auarus Bland., redeo: cum ne-
mo ut amarus Keck *°).
2, 45*1) qwidam ... demeteret Hss., cuidam ...
demeterent ς
49 ut Hss., at <
63 we Hss. (Bland.), ne ς
89) Diese Stelle ist nächst 1, 8, 2 eine der lehrreichsten zu zeigen,
wie genau die Grammatikerzeugnisse abgewogen sein wollen. Die
alte echte Lesart meditatur ist schon vor Porph. und Non. glossiert
worden: ungefährlich, weil dem Verse nicht genügend, ist die Glosse
bei Nonius minatur, die gefährlichere minitatur stand schon im codex
des Porph., der sie in seiner Schulmeisterweisheit vor dem guten medi-
tatur bevorzugte; sie hat Apographon 1 occupiert; Apographon II über-
nahm aus dem Archetypon meditatur mit der Glosse minitatur, daher
konnte in R meditatur gewahrt werden, während die andern Hss. der
Klasse II das glattere minitatur substituierten. Dies ist der einzige
Fall, wo eine Discrepanz unserer Hss.-Klassen schon in älteren Zeugen
erscheint (Porph. rechne ich hier nicht mit): daß er nichts für Zurück-
datierung unserer Klassenteilung vor Nonius beweist, ist klar (vgl.
S. 297 Anm. 80).
40) Ueber diese Stelle siehe unten S. 311 f£.
41) Serm. 1, 2, 27 rufillus Hss., buceillus Sen. epist. ist oben S. 265 £.
behandelt.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz, 2383
serm. 1, 2, 82 4", #5) est ausgelassen Hss.
3, 70*) conpenset Hss. (Porph.), conpensat Sa-
nadon.'
4, 94 capitolinis Hss. Capitolini a Porph.
141 weniat Hss., weniet s
5, 51 claudi Hss. (Bland.), Caudi Porph. und D.
6, 37 cogat Hss., cogit ς
68 ac Hss., aut lemma Porph. (nec Bland.).
102 peregre aut Hss., peregreue ς
126 rabiosı tempora sigmi Hss. Porph., cam-
pum lusumg. trigonem Bland. Goth.
131 patruus Hss. Porph., praetor Bücheler.
8, 15 quo modo Hss., qua modo Bentley.
10, 86 Bibul Hss., Bibule Muretus.
2, 1, 31 ogesserat Hss. (Bland.), cesserat ς
2, 55 awuidienus Hss. metrisch falsch, Aufidie-
nus 5
112 »pwerum Hss., puer ἃ Goth. (emendiert).
9, 234 In Hss., Tu Bentley.
4, 19 mizto Hss., musto ς
5, 86 quassa Hss. (Bland.), cassa ς
6,.54 od Hss., at ς Goth.
7u58 in falscher Ordnung Hss., verbessert
ın E<
2, 5 distinet (dest-) Hss. (Bland.?), detinet
Goth. z
3, 99 Heu...heu Hss. (Bland.) (exempla Va-
tie.), eu ...sew s
5, 28 ad summam Hss. (Bland.), adsumam Es
6, 50 s(a)euum Hss., scaeuum Pithoeus (lae-
vum E 2).
epist. 1, 1, 5
43) Serm, 1, 2, 120 paulo Hss., paulum Priscian. 18, 245, aber das
Citat ist beschädigt, wahrscheinlich sind 2 Stellen contaminiert.
48) 1, 3, 56 ist die Glosse cupimus in beiden Hss.-Klassen mächtig
geworden. Nur Spuren führen auf das Echte: der cod. Goth. (Klasse
II) hat es erhalten: furimus, und daß in der andern Klasse B fugimus
eine nur durch einen Schreibfehler gestörte Bestätigung dieses
chten.
41, 8, 128 ist die Glosse guomodo für qui die Ursache geworden,
daß in allen Hss, außer B zu lesen steht quo.
284
epist. 1 7 90
10, /.23
11 5
18, 10
Vollmer,
simul Hss. (Bland.), semel z
fastigia (uest- Bland.), fastidia <
we Hss. (Bland.), ne ς
ne Hss., neu <
15, 43. 44 an falscher Stelle ARr Goth., corri-
ΤΌ 0
nach 18, 90
80
123
167
175
ars poet. 45. 46
101
197
458
Diese Liste, die
wenn ich mich nicht
giert in den übrigen.
st ausgelassen AR, si ergänzten EOF\L.
et zw andere, (ni Bland.?).
responsore Hss., res sponsore Bland.
Inprorsum überliefert (so AR) daraus
Hunc prorsus ®. Richtig verbessert In-
trorsum oder -us in aEO und jüngeren.
clare einmal ausgelassen Hss., zugefügt
in Es
c(h)lamidem Hss., chlanidem Cruquius.
ullius Hss., ıllius 5
Lücke.
potioribus AERr, potoribus richtig ®O.
oleam Hss., olea ς
I(a)ewi aEORr (Porph.), emendiert in ®
zu Livi(i).
an falscher Stelle.
boetum Hss., boeotum ἃ.
est ausgelassen oder Uber,
falsch gestellt in aER.
contacta Hss. cantata Bland.; noch nicht
verbessert.
calentia Hss. Bland., carentia DO?
quoniam Hss. (Bland.), guondam ς
δὲ (Sed O) Hss., Sic 5
in falscher Ordnung (3mal ebenso falsch
Serv.).
adsunt Hss., adflent ς
peccare Hss., pacare 5
Sic Hss., δὲ ὃς.
ich hätte bedeutend vergrößern können,
auf durchaus Sicheres hätte beschränken
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 285
wollen *), und die durch Emendation heute noch corrupter
Stellen in Zukunft wird wachsen müssen, bietet eine sichere
Grundlage für die Entscheidung der Hauptfrage bei der Ueber-
lieferung des Horaz ‘). Was lehrt sie uns?
Mustern wir die Art der Fehler, so zeigen sich zwei Grup-
pen: eine große Reihe solcher Corruptelen, wie wir sie ganz
gut einer alten Ausgabe 47) zutrauen dürfen, die auch zum Teil
durch die Scholien als alt bestätigt werden: so maur:, potu-
bis, veris adventus, hebro, Jam wirum expertae, Teque dum
procedis u.s. w. Aber daneben taucht eine andere Reihe auf
von solchen Fehlern, die unmöglich durch eine antike Ausgabe
sanctioniert und so weiter verbreitet worden sein können *°): so
serm. 1, 6, 102 peregre aut, 2, 3, 234 In statt Tu, epist., 1, 3, 33
Heu... heu statt Seu... seu, 1, 16, 45 Inprorsum statt In-
trorsum, 2, 2, 123 calentia statt carentia, 167 quoniam statt
quondam, ars 197 peccare statt pacare, um nur die ganz deut-
lichen aufzuzählen. Diese gemeinsamen Fehler aller unserer
Hss. lassen für mich nur eine sichere und schlagende Er-
klärung zu: unsere ganze directe Ueberliefe-
rung des Horaz geht auf ein einziges anti-
kes Exemplar zurück”).
#5) 2, B. halte ich epist. 1, 15, 4 perriuor in ARr ἃ. ἢ. den besten
Vertretern beider Klassen für verderbte Ueberlieferung, also PERIUOR
statt PERLUOR; in allen andern Hss. ist die Verbesserung perluor in
den Text aufgenommen.
46) Ich habe die verschiedenen Grade der Zuverlässigkeit unserer
Ueberlieferung, die im wesentlichen durch die Erhaltung der besten
Zeugen wie ABCR bedingt wird, in der Liste nicht bezeichnet, weil
sie für das Gesamtbild kaum in betracht kommen.
#7) Hier befinde ich mich in Uebereinstimmung mit Leo. Dieser
folgert (3. 851): ‘die gesammte handschriftliche Ueberlieferung hat
einen im späteren Altertnum zu suchenden gemeinsamen Urquell’ und
weiter (S. 852): es ‘sind aus gangbaren grammatischen und rhetorischen
Tractaten die metrische und Gattungsbezeichnung einmal hinzugefügt
worden; einmal d. h. in einer Ausgabe, die nach der Natur dieser An-
gaben nicht älter sein kann als das 2. Jahrhundert’. (ὃ. 853): “diese
Ausgabe war eine commentierte Schulausgabe’, (ὃ. 854): ‘es kann kein
Zweifel sein, daß der Horaztext deshalb einheitliche Ueberlieferung
hat, weil Probus ihn philologisch fixiert hat’. Gegen diesen letzten
Satz Leos habe ich einzuwenden, daß der Zustand unseres doch auch
von Probus rezensierten Vergiltextes gerade nicht für weitgehenden
Erfolg der Sicherung und Einheitlichhaltung durch Probus spricht;
vgl. Ribbeck, Prolegomena ὃ. 265 ff.
958) Völlig beiseite lasse ich Fehler, die in jeder neuen Abschrift
von neuem gemacht werden konnten wie care, calena, raeli, nescire u. 5. W.
49) Mit dieser Folgerung gehe ich über Leo hinaus. — Mein Schluß
286 Vollmer,
I.
Dieser Schluß wird manchem, der nicht gewohnt ist solche
Dinge zu erwägen, ungeheuerlich erscheinen: Horaz, der be-
liebteste römische Lyriker, soll uns nur in einem einzigen
Exemplare des Altertums überkommen sein? Und doch zeigt
eine ruhige historische Erwägung, daß wir, auch wenn uns
die Fehler der Hss. nicht zwängen, diesen Fall als höchst
wahrscheinlich ansetzen müßten °°).
Es ist eine noch nicht ins rechte Licht gesetzte Tatsache,
daß die Lectüre und Benutzung des Horaz nicht wie die des
Vergil in unabgerissener Kette Altertum und Mittelalter verbin-
det, sondern daß Horaz fast zwei Jahrhunderte
lang ganz ungelesen geblieben ist°*).
Bekanntlich verdanken wir dem Fleiße von Martin
Hertz die Analeda ad carmımum Horatianorum historiam
(ind. Vratisl. I 1876. Π 1878. ΠῚ 1879. IV 1880. V 1882),
eine Geschichte der Verbreitung und Wirkung der Horatiani-
schen Dichtungen bis zum 6. Jahrh., die freilich auf kritische
Ausnutzung des gesammelten Materials nur gelegentlich, nicht
systematisch Rücksicht nimmt. Die Arbeit von Hertz hat
dann, zum Teil auf Grund von dessen Materialien, M. Mani-
tius bis etwa zur Renaissance fortgesetzt in den Analek-
ten zur Geschichte des Horaz im Mittelalter, Göttingen 1893.
würde noch eine bedeutende Stütze erhalten durch die Betrachtung
der festen Bücherordnung unserer Hss.: vor dem 4. Jahrh. war doch
ein Codex, der den ganzen Horaz enthielt, höchstens eine Merkwürdig-
keit; die feste Folge der nicht durch Zahlenordnung zusammengehal-
tenen Bücher in unsern Hss., die weiter unten noch darzutun ist, ver-
langt den Ansatz eines Archetypon frühestens des 4. Jahrhunderts,
Wenn aber, wie ich oben S$. 278 Anm. 80 vermutet, die Ordnung der
Bücher alphabetisch ist, verliert dieser Schluß allerdings an Bündigkeit.
50) Tatsächlich ist er gar nicht ungeheuerlich; Traube sagt
(Sitz. Ber. Bayr. Ak. ἃ. Wiss, III. Kl. XXIV 1904 5. 14) ‘der gewöhn-
lichste Fall, nämlich daß nur eine alte Hs. den Text forttrug und in
Karolingischer Zeit verschwand, nachdem sie ihn der mittelalterlichen
Tradition überwiesen hatte.
51) Natürlich versteht sich diese wie ähnliche Behauptungen im
folgenden cum grano salis: daß z. B. factisch im 8. Jahrh. in Italien
nirgend ein Horaz gelegen oder von niemand gelesen worden sei, wird
kein Vernünftiger zu beweisen sich unterfangen. Wohl aber fehlt es
an wirksamer Verbreitung und allgemeiner Beachtung: nur so
ist es zu verstehen, daß von unsern erhaltenen Hss. keine einzige auf
ein anderes antikes Exemplar zurückgeht als dasjenige welches zur
Karolingerzeit allgemein verbreitet wurde.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 287
Aber fordert schon die Sammlung von Hertz oft zur Con-
trole und Ergänzung auf, so muß bei Manitius jeder Satz
und jedes Citat geprüft werden. Indessen darf sein Buch
wohl nach der negativen Seite als beweiskräftig gelten und nur
in diesem Sinne will ich es verwerten. |
Es ist sicher: mit dem 6. Jahrhundert reißt überall die
Kenntnis des Horaz ab: weder in Afrika Corippus, noch in
Spanien °?) Isidor, Braulio, Eugenius, noch in Gallien Alcimus
Avitus oder Venantius ὅ5) haben selbst den Horaz gelesen.
Nur in Italien ὅ 5) hat Kloster Bobbio den Horaz besessen ;
das beweisen Columbans Citate; aber er ist frühe verloren ge-
gangen: der Catalog saec. X hat ihn nicht mehr°®).
52) Ich muß hier die Belege von Manitius S. 15 durchsieben:
Hor.carm.1, 12, 3 b.Isid. orig. 16, 3, 10, vielmehr in Arevalos Note
dazu.
me „ Pa, PaustDerv.
1,20, 7 52 2.2.16 3, 10, vielmehr in Arevalos Note.
ri „ „rer nal, 3% 5 aus. Hier,
ΠΟ le, , ai 15. 8... Re 19,128 der.
ΕΝ FOR Air 8, 11, 104
we... 1, 2, 14 = difi. 1,448 also aus älte-
rer Quelle.
ΕΠ ΙΝ} 0 ..2..,.10....1: -12,sicher . aus ;Schiffsnamen-
katalog.
BmEı,.,V., 1, 39, 24 aus Metrikern.
an 165 5; 19. .Δβ Serv.
sat. 1, 6, 108 „ „ „ ..20, 12, 4 aus vollständigerem Serv.?
Be, ΠΡ 12. 1,25 aus Serv.
ans nt 19,24, 11. ans. Serv.
Be... 0, 8, 7, 5 aus Serv.
Es ist kein Zweifel: Isidor hat seine Horazeitate nicht aus dem Dichter
selbst, wenn wir auch an ein paar Stellen das Mittelglied der Verbrei-
tung nicht mehr kennen. Beweiskräftig scheint auf den ersten Blick
zu sein das Citat Faenum habet in cormu, longe fuge (sat. 1, 4, 34) bei
Braulio epist. 11 (Migne 80, 657€); wer aber im gleichen Briefe liest
En dum urceum fingere volo, ut ait Terentius, amphoram finxit ma-
nus und vergleicht was ich zu dieser Stelle adnotiert habe (Mon. Germ.
hist. auct. antig. XIV 290, 12), wird mit mir glauben, daß Braulio aus
einer Verssammlung, nicht aus Horaz selbst schöpft. Die weiteren
Stellen bei Manitius beweisen nichts: Hor. carm. 1, 6, 6 bei Julianus
stammt aus Charisius.
58) Daß die Verse über Dichtkunst und Malerei (ars 9 f.) von Ve-
nantius (carm. 5, 6 praef. 7) zuerst citiert worden seien, ist doch auch
nicht zu glauben, obwohl wir heute keine Quelle nachweisen können.
Die andern Anklänge bei Hertz V 23 sind nicht beweiskräftig.
_ ®*) Zu Anfang des 6. Jahrh. hat zweifellos Maximian noch gründ-
lich seinen Horaz gelesen: Nachweise, besonders zur ersten Elegie, in
Wernsdorfs Anmerkungen.
#5) Aber eine Spur von seinem Vorhandensein geben sicher die
Fragmenta Bobiensia saec. VIII—-IX gramm. VII 541 sqq., die vielleicht
zum Teil direct aus den Glossen dieser Hs. abgeschrieben sind.
288 Vollmer,
Erst bei den Karolingern‘) und zwar durchaus nicht bei
den ältesten 57) finden wir wieder lebendige d. ἢ. direete Be-
nutzung und Kenntnis des Dichters.
Das älteste Zeugnis nämlich, das wir für wirkliche Lec-
türe des Horaz in dieser Zeit haben, sind die Exzempla
diversorum Auctorum, prosodische Beispiele wohl gegen Ende
des VIII. Jahrh. in der Lombardei gesammelt?®). Die Horaz-
citate darin°®) sind sehr interessant. Sie zeigen ganz deut-
lich, daß auch der Urheber der Sammlung keinen andern Ho-
raz kannte als den Archetypus unserer Hss.: die Fehler epist.
1, 3, 83 Heu... heu statt Sew.... seu, 1, 13, 14 pyrria
reden ganz sicheres Zeugnis. Andrerseits tragen sie Spu-
ren der Entwicklung, welche die II. Klasse der Hss. ge-
nommen hat: während sie richtig geben epist. 1, 1, 76 quem,
1, 5, 19 Facundi, 1, 16, 49 negitatque, fehlen sie schon mit
Rör epist. 1, 6, 53 his statt hic, mit ® serm. 2, 2, 95 Oceu-
pat, 2, 5, 7 aut qui und vor allem epist. 2, 2, 71 Plures statt
Purae, wo R Plurae hat. Einen Teil der Stellen des Flori-
legiums hat vor 825 Micon in sein gleichartiges Opus °°)
aufgenommen, auch 5 neue hinzugefügt, in denen aber charac-
teristische Varianten fehlen.
Mit dem 9. Jahrhundert sind wir dann mitten im vollen
Zuge der Wiederverbreitung des Horaz: die Hss.-Kataloge er-
wähnen ihn jetzt‘) und unsere noch jetzt führenden Hss.
56) Daß auch Aldhelm und Baeda Horaz nicht aus eigener Lectüre
kennen, beweist wider Willen Manitius Sitz. Ber. Wien. Ak. 1886
CXI S. 563 und Analekten 5. 17; die Citate Baedas stammen aus Pris-
cian, Augustin, Hieronymus; nur für ars poet. 111 weiß ich den Ver-
mittler nicht anzugeben.
57, Darüber siehe P.v. Winterfeld, Rhein. Mus. 60, 1905, 33 ff.
Er beschränkt sich auf die indirecten Zeugnisse, hat die Horaz-Hss.
selbst nicht verhört: dennoch kommt sein Resultat so ziemlich der
Wahrheit nahe.
5) Ed. H. Keil, progr. Halle 1872 vgl. Traube PMA III 5. 273
Rhein. Mus. 44, 479. Mündlich belehrte mich Traube, daß sie eventuell
doch erst in den Anfang des IX. Jahrhunderts zu setzen seien und daß
die uns erhaltene Hs. doch wohl aus Tours stamme.
59) Liste bei Traube PMA Ill p. 782 f., darin auch die Miconstellen.
60) Traube PMA ΠΙ p. 280 ft.
61) Die ersten Erwähnungen sind die in Lorsch (IX. Jahrh.) kber
Horatii poetae in uno codice Becker, catalogi p. 110 n. 429 und in Ne-
vers; siehe Manitius, Philologisches aus alten Bibliothekskatalogen
Rh. Mus. 47 Erg. Heft 5. 28 ff. Gegen die Annahme, Corvey habe im
IX. Jahrh. einen Horaz besessen, Traube PMA Ill p. 42 not, 3.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 289
stammen aus dieser Zeit. Dies ins einzelne hinein zu verfol-
gen, kann nicht meine Aufgabe sein: dazu bedarf es anderer
Sammlungen als sie bis jetzt gemacht sind und als ich sie
machen könnte 55): ich wende mich wieder meinem Hauptziele,
der Analyse der uns jetzt vorliegenden Ueberlie-
ferung zu.
IV.
Von dem Kellerschen 3-Klassen-System unserer Hss. brau-
che ich hier wohl nicht mehr zu reden. Der leise Nachklang
dieses Gedankens bei Christ (Horatiana S. 114) entbehrt der
Beweise. Schärfer hatte schon W. Teuffel durchgegriffen. Ein
neues 3-Klassen-System, wonach unsere erhaltenen Hss. in
2 Klassen zerfallen, die dritte vom Blandinius antiquissimus
gebildet werde, stellt Leo auf (5. 850). Die Prüfung dieser
Theorie verbindet sich mit der- Begründung einer neuen.
Die eine alte Handschrift 55), welche aus Italien her den
Horaz der fränkisch-germanischen Bildung vermittelt hat, ist
zweimal selbst abgeschrieben worden und dann verloren
gegangen. Aus den beiden Apographa, die selbst ebenfalls
verloren zu sein scheinen, stammen alle unsere älteren Hss. °%).
Diese zwei Apographa waren untereinander verschieden einmal
durch die Anordnung der Bücher, sodann durch eine Reihe
von Abschreibefehlern und durch den Scholien- und Glossen-
bestand.
Ein sehr wichtiges äußeres Kriterium nämlich für uns,
die Horaz-Handschriften zu sondern, ist die Anordnung der
Bücher‘®), denn so leicht wie sich aus andersartigen Hss. ein-
zelne Lesarten übertragen liessen, konnte natürlich nicht die
ganze Ordnung der ursprünglichen Hs. geändert werden. Diese
Ordnung war in I, der ersten Klasse, folgende:
_ 6%) Hinweisen möchte ich doch beispielshalber für die Erklärung
des Zustandes unserer zusammengeflickten Münchener Hs. (CE) auf den
Brief Froumunds bei Becker catalogi 40, 2.
63) Wie sie aussah, wird unten noch auszuführen sein.
64) Ich berücksichtige aus der Masse der Kellerschen Hss. nur
A(a)BC(E)D R und © = (Föilr): es hat keinen Wert noch mehr Exem-
plare der jüngeren Mischhss. heranzuziehen. Dazu tritt der Bland.;
Ο ist jung und wertlos (8. S. 264 Anm. 5).
65) Ueber sie, nicht durchgreifend und auch nicht verläßlich genug,
Christa.a. Ο. 5, 89. Schärfer Leo 85. 851.
290 Vollmer,
C(E) D Bi; A
1. carm. carm. carım. carm.
2. epod. -- epod. epod.
3. carm. saec. — carm. 58,66. carım. saec.
4. ars τος ars —
9. epist. epist. -ος (epist.) 5
6. serm. serm. serm. —
Von dieser Folge unterscheidet sich Klasse II im wesent-
lichen nur, aber doch deutlich genug, durch die Stellung der
ars poetica°”). Hier finden wir nämlich geordnet:
RFAlör 0 Porph. Bland.
1. carm. 1. carm. l. carm. 1, carm.
4. ars 4. ars 4. ars 4. ars
2. epod. 2. epod. Ὁ. carm. saec. 2. epod.
3. carm. saec. 3. carm. saec. 2. epodon 3. carm. saec.°®)
5. epist. 6. serm. . 6. serm. 98, 6. serm.°°)
6. serm. 5. epist. 5. epist.(4” 5. epist.
Es zeigt sich also, daß im Laufe des Fortlebens der
Klasse Il noch einmal, und zwar auf Grund von Porphyrions
Notiz zu epist. 1, 1, 1, eine Umstellung vollzogen worden ist,
die Umordnung von epist. und serm.’°). Daß das kleine carm.
66) Die Epistelnverse in A von anderer Hand als die carmina.
67) Aus den Worten des Sidonius carm. 9, 221 non quod post sa-
tiras, epistularum sermonumque sales, novumque epodon, libros carminıs
ac poeticam artem Phoebi laudibus et vagae Dianae conscriptis voluit
sonare Flaccus wird niemand eine bestimmte Folge in einer Hs. er-
schließen wollen, nicht einmal für ars poetica oder carmen saeculare.
Mit keiner in Hss. sich findenden Ordnung deckt sich, daß Charis.
gramm. I 202, 26 und 204, 5 die ars poetica als in epistulis eitiert,
während doch schon Quint. das gesonderte Buch kennt.
68) Es verläßt uns für die Stellung der ars im Bland. das positive
Zeugnis des Cruquius p. 3091: in codicibus Blandimüs duobus ... ante
libros Erwößv...locum habet. Aber das negative 8. 8081 (s. Anm. 69)
genügt. Vgl. Mützell, Zeitschr. f. d. Gymn. Wes. IX 1855, 868
Schweikert, Cruquiana p. 10.
69) Die sonderbare Nachricht des Cruquius p. 8081 Antiqwissimus
... ex Bibliotheca Blandinia ... habet, Q. H. F. Carmen seculare expli-
cit: incipit Eclogarum liber primus, maiusculis quibusdam (ia tamen ut
aliquo modo legı possent) characteribus erasis, atque in earum locıs de-
pictis aliis, qui lectori τὸ Sermonum eschibent besagt wohl in Wirklich-
keit, daß auch im Bland. zuerst EPISTULARUM libri folgen sollten
statt der SERMONUM; der Titel ECLOGARUM für die Satiren steht
in keiner Hs. Cruquius wird unter der Rasur gelesen haben was er
wünschte, ECLOGARUM statt EPISTULARUN.
10) Hiebei hat gelehrte Ueberlegung der Karolinger mitgewirkt:
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 291
saec. bei Porph. seine Stelle mit den epod. vertauscht hat, ist
ganz unwesentlich, wie das Saeculargedicht denn auch in der
mit dem sog. Porphyrio zusammen tradierten vita Oratii nur
nachtragsweise genannt wird 71).
Zu der Scheidung der Hss. nach der Bücherordnung stim-
men aber auch die Textvarianten. Ich verzeichne hier das
Charakteristische, ohne auf Orthographica und ähnliche Klei-
nigkeiten einzugehen. Aber ich mache von vornherein darauf
aufmerksam, daß 1752) und O im ersten Teile (carm. epod.)
oft von Klasse I her interpoliert sind, hingegen E ab und zu
und seltener D von Klasse II her beeinflußt wird, während der
ältere C’?) rein die 1 Klasse widerspiegelt.
carm.
1, 3, 19 turbidum'*) ADEAIO Bland. turgidum ἘΦ.
20 acroceraunia ADEO acrocerauniae Rd.
7, 17 perpetuos ADE (Serv.) perpetuo OR?’® perpetuus R! ?
12, 2 clio ABDEIO c(a)elo ἘΦ.
15 ac ΑΒΔ] et EDR, aut ®, qui Ο.
schol. yF zu epist. 1, 1, 1 ‘epistularum libri' ultimi sunt swi operis
hibri, licet seriptorum witio in multis codieibus locum sermonum occupaue-
rint. Das ist natürlich geschöpft aus Porphyrio z. d. St. Aber eben
so sicher ist m. E., daß man die Abschreiberphilologie des Porphyrio
überschätzte, wenn man aus seiner Notiz einen Beweis entnähme, daß
er, d. h. der Grammatiker des 3. Jahrhunderts, die serm. vor den
epist. gelesen hätte wie seine Hss. sie bieten; im Gegenteil: die Ord-
nung epist. serm. war der Anlaß zu der Notiz, die sich ja unmittelbar
aus epist. 1, 1, 10 ergab.
11) Ob der Servius Fortunatiano dü gramm. IV 468 überhaupt ir-
gend welchen Ueberlieferungswert hat, ist mir äußerst zweifelhaft;
jedenfalls zeugt seine Notiz p. 472, 10 höchstens für die Ursprünglich-
keit der Folge epist. serm., für nichts weiteres. Daß ich in der Aus-
gabe die übliche Anordnung belasse, wird mir hoffentlich niemand als
Verehrung des heiligen mumpsimus auslegen: wer zur Vorstellung der
Entwicklung des Horaz eine gedruckte Folge nötig hat, dem ist ohnedies
nicht zu helfen, und im übrigen haben wir Philologen gerade genug
Citiernot und- ärger.
15) Diese Beeinflußung zeigt sich außer der Uebernahme der Ma-
vortius-Subscription in Al und O besonders in Al deutlich dadurch, daß
hier wie in A hinter Buch III der carmina derselbe index der griechi-
schen Odenbezeichnungen mit Erklärungen folgt: Erotice :amatorie, prag-
matice : causative u. s.w. In O scheint dies Stück nicht zu stehen. —
Vgl. ferner noch carm. 4, 14, 5 lux all) kibri sol A, lux (ve)l sol l. —
O ist übrigens, wie die entstellte Subscriptio zeigt, nächstverwandt mit
Brux. 9776—8.
18) Ich erinnere hier daran, daß bis carm. 8, 27,1 in Kellers edi-
tio minor 1878 und auch in 12 1899 überall fälschlich im Apparate C
statt E gedruckt ist; der ältere Teil C beginnt erst mit diesem Verse,
”%) Die echten alten und richtigen Lesarten habe ich gesperrt, da-
mit um so leichter die gemeinsamen Fehler ins Auge springen. Bei
zweifelhaften Lesungen fehlt die Sperrung.
Philologus, Supplementband X, zweites Heft. 20
28,
29,
Vollmer,
57 laetum ABDE
20 Crines ADE Bland. ΟΣ
3 Pones ABDEAO
11 Auersis A, Versis E
3 leuwi ABDEO Porph.
13 nobilis AEO
13 currit ADE (Porph.)
6 obsoleti ABDEAO
44 wites ABDEO
16 ue ABD
22 ire ADEAIO?
27 Vulgauit ADE
7 inlabetur ΑΔ]
14 acheront(h)iae ABE
10 et ausgelassen ABE
54 Diüiudicata ABE
10 Inauspicatos ABAl
27 intermissa AB
11 et ausgelassen ABA
alto ABEO
6 sacris ABrO
4 fastos ABEA1O
4 ponticum ABA1O
6 consilio ABEAIO (Bland.)
14 naidum ABEA1O!
5 rumpat ABOAO
10 inminentium ABCALO
71 reddit ΑΒΟλΙ
6 et ABCA1lO
9 inuwicem ΑΒΟΛΙΟ
2 uersum ἈΒΟΛΙ(Ο 9)
6 Nec ABCO
8 iura ABC
34 alueo ABC RAIO!
57 africus ABC(01?)
9 domo ΑΒΟΛΙ
18 Largi ABC
20 citrea ABCO (Porph.)
2 Iule (-ἰὰ ΟἹ ABCA1lO (Porph.)
14 Sanguine ABCAl
27 auis ABC
10 qua ACAl
7 Verni ABC
36 Dedecorant ABCO (schol. Juv.)
65 Mersus ABCA1O
7 it ABO
34 Diffuso ΑΒΟλΙπ
10 inpressa ABCAl
15 celeris fuga ΑΒΔ]
34 duxit ΑΒΔ]
8 μὲ ABA1O
581 silebo ABA1O
18) Vgl. 5, 289 Anm. 83.
latum RO®.
Cultus R&(0:?)
Ponis R®.
Et uersis DRO®.
elewi ἈΦ.
nobiles R®.
curret RO®.
obsolelis R®.
uitis ἘΦ,
que ERO®.
Δέον RO!® (Porph.).
Volgarit ΟΦ (Porph.).
inlabatur ERO®.
acheruntiae RO® (Porph.).
et haben Bland. RO® (Porph.).
Disiudicata (R!?)O®.
Non auspicatos ERO®.
inpermissa ΟΦ.
et haben EROFr.
arto Bland. R®.
diuis ER® Porph.
fastus ἈΦ (Porph.).; οἵ. Prise.
publicum Bland. Rr!, apu-
lieum E®O%,
concilio R®.
naiadum RO?® (Porph.).
rumpit ἘΦ.
inminentum R®.
reddet RO® Porph.
ac R®.
in wices R®.
uerso R® Porph.
Ne R®,
iuga RO® (Porph.).
aequore PO? 18).
africis RO® (Porph.).
domum RO® (Porph.)
Largis ΟΦ.
cyprea R®.
Iulle ἈΦ.
Sanguinem RO®.
apis RO®.
quae O® (Porph.), qui R
Vernis (R?)O!®.
Indecorant R® Porph.
Merses Rö Messes n? Mer-
sae F.
et ROör (F?).
Defuso Bland. RO!F?.
inpulsa RO®.
celeres fugae ΟΦ,
ducit ROG.
que R®.
sileri ἈΦ,
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 293
carm.
4, 9, 35 que ausgelassen ΑΒΔ] que RO®.
52 peribit ΑΒΔ] perire Bland. RO®.
10, 6 ın ABORI in ausgelassen R®.
11, 7 awet ABO habet ἈΦ.
13, 14 clari ΑΒλ] cart Bland. RO®,
14, 5 τ Aal sol RO®,.
15, 10 euaganti Ar Porph. etuaganti RO®.
carm. 5860.
5 Quod ABCAl Bland. O? Quos RO®-Quo π.
23 totidem ABCA1lO | totiens R(Censorin) potiens ©,
39 urbes ABCA1O urbem ἈΦ,
epod.
1, 21 ui adsit auxilii ABO ut sit aucilli) Rd, uti sit au-
Porph. ii 5 ‘quartus Blandinius’.
23 pascua ΑΒΟΛΙ pascwis Bland. RO,
29 ca(n)dens ABOAO tangens ΒΕ δ(π Ὁ).
34 nepos ABCA10! ut nepos RO’®.
2, 25 ripis ABCAlO a πὶ risis R! riuis Bland.
’®,
5, 3 aut ABCAIO (Porph.) et ἈΦ.
15 illigata ABOAIO (Porph.) implicata R®.
18 cupressos ABCA1O cupressus R®.
20 strigis nocturnae ABCAlO nocturnae strigis R®
(Porph.).
21 aut ΑΒΟΛΙΟ atque ἈΦ (Porph.).
- 60 laborarunt ΑΒΟΛΙΟ laborarint Bland. Ro.
63 superba ABCA1lOr suwperbam Bland. ἈΦ.
65 infectum ABCO imbutum R® (Porph.).
79 marı ABON1O? mare RO!D
102 effugerint ABCA1O effuwgerit R® Porph.
6, 3 wertis ABO uertis R'r! werte Bland. R?O°®.
petis ABO petis R'r! pete Β΄ ΟΦ,
5 lacon ABCO laco R®.
7, 15 albus ora pallor ABOMO ora pallor albus R®.
(Porph.)
10, 19 sinu notus AC Bland. sinus noto (notu R) RO.
1, 2 percusswm AB (metrici) perculsum RO®C.
12, 2 guid ABCO cur R®.
3 mittes ΑΒΔ] mittis ROSDC.
8 crescit ΑΒΟΛΙΟ (Porph.) crescat R®.
13, 11 cecinit grandi ABCA] grandicecinit ΟΦ.
14, 3 utsi ABOilnO! uti RO’,
10 N(on) acreonta AB AcreontaC Anacreonta RO®.
15, 12 wire: ABCA1lO Porph. wirium R®.
.16, 12 Τῆι ἡ (EtquiB, EqueC) ABC Eques RO®.
14 uidere ΑΒΟΛΙΟΙ uideri ΟΦ.
38 perpremat ABCO! (Porph.) perprimat RO’®.
17, 5 Refixa ABCO Defixa ἘΦ.
11 Luxere ABCA1O! Unxere Bland. RO’®.
18 Relatus ABO31 Relapsus RO® (Sacerd.).
22 amictus ABCA1O! amicta RO2S,
97 sacrum ABOIIR!O! sacra R’O°’®.
60 proderat ABil proderit ΒΟΦΟ.
64 laboribus ABCAl doloribus RO’® (Porph.) ceru-
ciatibus O!.
72 innectes (-is ΟἹ) ABCA1O nectes ἘΦ.
20 *
294 Vollmer,
epod.
17, 80 pocula ΑΒΟΛΙΟ
81 exitus ABON
serm.
1, 1, 88 patiens aBDE RO!
55 mallem (-e B) BDEO?
79 optarem aBDEO!
2, 6 propellere aBDEO!
poculum R® (Porph.).
exitum RO® (Porph.).
. sapiens (Bland.) O2® Porph.
malim RO!S (exempla Vat.)
optarim ΒΟ’ Φ.
depellere RO2®.
Serm. 1, 2, 100 scheint Klasse Il ausgelassen zu haben:
in FAl ist 100 falsch vor 99 gestellt, 100 ließen aus ἘΠ ὃ.
Der Fehler hängt zusammen mit der Abirrung von circumdata
v. 96 auf circumdaia v. 99; denn 99 haben ®R nicht palla,
sondern nam te (aus 96) und R! hat Lücke. Also ganz deut-
lich: Fehler einer Abschrift, nicht einer Ausgabe.
serm.
1, 2, 121 philodemus aBDEO
124 dat aBE (Porph.)
127 wereor aBDE
130 Desiliat aBDE
8, 37 filix aBDEO?
43 Ac BDE
56 incurtare BDE,
4, 15 Accipe iam aDE 11)
25 elige aDE(O'?)
26 misera ambitione aDEO
30 tepet aDEO schol. T
35 non hic aDEO
50 grandi aDEO
54 puris aDEO
58 uerbum aDEO?
65 et 70 suleius und sulei aDEO
79 Inguit aDE
93 si quae aDE (Porph.)
103 aliud aDE
110 Baius aDE Bland.
123 selectis aDO?2
5, 1laccepit aCE (Serv. Porph.)
15 ut ausgelassen CDO (Porph.)
73 dilapso aED OÖ
97 dein aCDE
6, 4 imperitarint aUDEO?
6 ut 03, at ut E, aut ut Ὁ
natos aE, natus CD
7, 21 concurrunt aDE
8 6 Ast aDEO
1, 9, 52 atqui aDE OÖ
62 wenis et aKO (Porph.)
66 bilis aDE O
10, 13 urbani aDEO
76) Serm. 1,8, 28-83 fehlt R.
philodamus R® (Porph.).
det RO® D.
metuo ΟΦ.
Dissiliat RO®.
flex Οἱῷ 9),
At ΟΦ.
inerustare OD Porph.
Accipiam (Bland.) RO®
(exempla Vatic.) Porph.
erue RO2®.
miser ambitione R®.
patet ἘΦ.
non non ἈΦ.
grandem R®.
pueris R®.
versum RO!®.
sulgius und sulgi R®.
Inquis RO®.
si qua RO®:
aliquid ΒΟΦ.
Barus RO®.
electis RO!® electi ἘΝ.
exccepit (-ipit R) ΟΦ Ὁ.
ut ἘΦ aR.
delapso R® C.
de(h)ine BOR? (Β΄ non liquet)
(Porph.).
imperitarent RO!®.
aut RO!®da.
natum R2O®.
procurrunt RO®.
Est ἈΦ.
atque ἘΦ.
venisset ἘΦ D.
bellis K®.
urbane ᾧ Porph. urbem R!.
7) Von serm. 1, 3,135 an fehlt B durch serm. epist.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 295
serm.
1, 10, 24 ut aDEO Porph.
27 latini aDEO (Bland.)
39 spectanda (-tia E) aDE
40 potes aDEO
44 ἀπ οὐ aDE (Serv.)
2, 1,18 cum aDEO
22 que aDE
2, 30 te peiere (dep-E) aDE Porph.
35 quo aDE (Porph.)
60 repotia aDEO?
99 trausius aDEA
116 edi luce aDE
3, 4 αὖ ipsis aErO (D fehlt)
83 veri aEO?
93 periret aDE
108 quid discrepat DE
174 insania aDE
183 aut aDEO
213 witio aDEl-
227 Et dieit aDE
235 uellis aDEl
240 absorberet aDE
291 Magne (-no E) aDE
292 ue aDE
4, 2 wincunt aDEIO
22 peragit aDE
6, 57 et aE (Ὁ) fehlt) Οἱ
7, 13 doctus 4810
19 acrior aEO!
84 fert EIO?
et quis E
epist.
1, 1,48 Discere AEO
72 aut AEO?
101 putas AEIS Porph.
2, 4 Planius AEO?
ὃ aestuws AMO:
33 atqui AEO
3, Aturres AE Porph. FX10?
6, 1lexterruit uirum AB”)
18 Suscipe AEilr
48 primus. AEO?
53 hic ΑΒΔ]
64 patria AEy
68 nil AE
7, 73 hic AEO
8, 12 ventosus AE (Serv.) RO?
11, 24 Ut AEO?
et ἘΦ.
latin(a)e R®.
spectata RO®.
potest ἈΦ.
ductu R®.
dum © 18).
ue ΟΦ (Porph.).
te patet DO.
quwid ®, quod O.
reportia ®0! (Porph.).
trauius ®O (Porph.).
et edulce (de luce Δ) ® et di-
luce Ο, ( et) edulce (Porph.).
atipsis ® Bland.
verum ΦΟΊ΄.
perisset ΦΟ.
quidiscrepat(Bland.)O®a.
ula)esania ®O.
et ®.
ausgelassen ®O.
Edicit ΦΟ.
uerris (Bland.) ΟΦ.
ex(s)orberet ΟΦ.
Mane ΟΦ.
que ΟΦ.
uwincent Bland. ®.
peraget ΟΦ.
ut ΟΦ.
doctor Bland. ®.
ac prior 0°’8,
feret O!®.
ecquis ®, acus corr. in ec-
quis Ο.
Dicere ἈΦ.
ausgelassen in II, denn
et RO!ön, ac Fi.
putat R®, puta corr. in putes Ο
Plenius (Bland.?) RO!®.
aestum Bland. RO!®.
atque Bland, ἈΦ.
terras Bland. RO!ör.
exterret (-ἰξ ΒΚ utrumque ΟΦ,
Suspice ROFö Porph.
primum RO!®.
(h)is ROdr (Ex. Vat.)
patri(a)e RO.
non ΟΦ.
ausgelassen R®, dafür est in-
terpoliert Al.
uenturus Bland. 018.
Tu Bland. ΟΦ.
18) Von sat, 2, 1,16 an fehlt in den Satiren R.
15) Ich halte das für durchaus richtig: nur gehört utrum zum fol-
genden Satze.
296 Vollmer,
epist.
1, 15, 32 donabat AEO? donarat Bland. ΒΟ τῷ,
16, 5 sö AE (Porph. lemma) ni ΒΟΦ.
8 benigni AE benign(a)e ΟΦ.
51 Suspectos AEO Suspectus R®.
17, 28 loca AEO? ioca RO’®,
30 angue AEO angui R® Priscian.
18, 82 et quid AE RO ecqwi(d) ® Porph.
107 ut AEO? Porph. et Bland. RO'®.
111 donat AE RO ponit (-at πὴ (Bland.) ®.
19, 13 textore AHO Porph. extore R, ex ore ®.
90 oblinat ΑΒ O obtinet R®.
47 iste (om. A)E Ὁ ile ἈΦ.
2, 1, 27 Dietitet a0? Doctitet EO! Dieit et Rn, Dicat et Φ.
37 que aE ΟἹ ne R®O2.
46 etiam aE ΟΣ et idem Rn, et item ΟΦ,
73 et ausgelassen AE et RO®.
158 lata aE OÖ nata ἘΦ.
186 gaudet aE Bland. O (Porph.) plaudet Τῷ.
198 nimio aE Rr Bland. mimo ΟΦ Porph.
205 l(a)euae aEO? I(a)eua RO'®,
226 eo rem weniuram aEO forem uenturam Ἐπ, item fore
venturum ΕΔ],
2, 2, Simitaberis aE Bland. imitabimur (-üur 10) RO®,
llextrudere aEO exccludere Bland. R®.
44 wellem aEO? possim (-em ΟἿ) RO!S,
63 tu quod aB50 quodtuR®.
77 urbem aE Porph. OÖ urbes R®.
87 ut aEßO et ἈΦ.
112 feruntur aDE3O2 ferentur ΟΦ.
ars
49 et ausgelassen aBC et (Bland.) RO®,
76 inclusa est BCO wunctis (-us Rr) aus Vers75R®
111 effert (-eret B) aBCO et certi ἈΦ.
117 wirentis aBCO uigentis R®.
196 amice aBCO amici Ἐπὸ amicis RAl,
203 pauco aBC Porph. Or paruo R®.
212 haben aBCO lassen aus ἈΦ.
223 Inlecebris aBCO Incelebris ἈΦ,
237 et BC Bland.! an R Bland.? ΟΦ.
279 Aeschylus aBC Aeschynus vel -inus ΟΦ,
294 Praesectum BC Bland. Perfectum RO®.
305 ex(s)ortita aBC Ἐπ ex(s)orsipsa ΟΦ,
319 Tocis aBC Bland. iocis ΟΦ.
327 albani aBC (al)bini ΟΦ.
328 triens(h)ew aBC Bland. Ὁ irienem Ran, triens est ®.
339 uelit aBCO (Serv.) uolet ἈΦ.
400 honor aBC honos RO®.
421 agri BC agris ROba. \
In dieser Liste — sie wird nicht lang erscheinen, wenn man
bedenkt, daß sie abgesehen von den oben aufgeführten ge-
meinsamen Fehlern der Hss. und den Zeugnissen der indirec-
ten Ueberlieferung eigentlich den ganzen kritischen Apparat
zu Horaz birgt — sind für den, der sie zu lesen versteht, die
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 297
wichtigsten Tatsachen der Ueberlieferung und damit die Richt-
schnur der recensio beschlossen. Ich will versuchen das zu
entwickeln.
Zunächst ist klar, daß diese Varianten nicht Ausgaben °°),
sondern Abschriften bedeuten: ganz significante Schreibfehler
z. B. carm. 1,12, 2 CELO statt CLIO, 3, 2. 22 IRE statt ITER,
4, 15, 10 ET VAGANTI statt EVAGANTI, epod. 14, 10
NACREONTA statt ANACREONTA, serm. 1, 4, 15 ACCIPE
IAM statt ACCIPIAM u. s. w., dann eine Reihe von Wort-
umstellungen, ferner Abirrungen wie serm. 1, 2, 100, ars 76,
Auslassungen wie ars 212; ganz klar erkennen wir die Capi-
talschrift des Archetypons epist. 2, 1, 226 wo FOREM statt
EO REM in Klasse II übergegangen ist, vgl. auch epist. 1,
15, 32 DONARAT II und Bland. statt DONABAT.
Welche Abschrift ist die bessere? Das zeigt deutlich die
Verteilung des Sperrdruckes, der auf der linken Seite über-
wiegt: list zweifellos die getreuere Copie, aber auch sie wim-
melt von Fehlern und kann daher nur bei ganz gleichwerti-
sen Lesungen relativ größeres Ansehen beanspruchen. Ks ist
ja überhaupt nicht die Aufgabe der Recensio, Lesarten nach
ihrer Güte zu zählen, sondern für jede einzelne Stelle den Ar-
chetypus zu rekonstruieren.
Und nun beginnen die Zweifel. Ist denn die oben ste-
hende Liste beweiskräftig, ist sie nicht willkürlich und un-
sicher? Niemand weiß besser als ich, wie schwer sie zusam-
menzustellen war, wie genau jede Stelle geprüft werden mußte,
mit wie viel verschiedenen Möglichkeiten zu rechnen war. Und
ich fühle durchaus die Verpflichtung, für eine Reihe von Stel-
len meine Erwägungen klarzulegen, damit mein Urteil nicht
als Willkür erscheine.
Υ.
Während im ganzen die Reconstruction der 1. Abschrift
kaum Schwierigkeiten macht®!), wird dieselbe Aufgabe für
80) Nirgends finden sich Spuren einer Recensionsarbeit wie z. B. in
den alten Plautusausgaben A und P; auch werden die Varianten
dieserbeiden Klassen nicht von antiken Zeugen be-
stätigt (über carm. 3, 17,4 fastus oder fastos siehe 8. 276), mit
einer Ausnahme, die ich oben ὥ. 282 Anm. 39 behandelt habe.
81) Diese erheben sich nur da, wo die führenden Hss. ABC nicht
298 Vollmer,
Apographon II durch eine ganze Reihe von Umständen er-
schwert. Hier spielt mit die Unvollständigkeit und Unzuver-
lässigkeit der Collation des Blandinianus vetustissimus, das
Fehlen von R in einem Teil der Satiren, der aber auch, wo
er erhalten, bisweilen durch Glossen und Varianten getrübt
ist. So müssen wir uns oft genug statt des sicheren Zeug-
nisses Bland. RO mit dem magern R® oder gar ® genügen
lassen °?). Vor allem aber kommt in Betracht der Zustand
der Kerngruppe von Klasse Il, der Gruppe ®. Wäre sie so
wenig getrübt wie etwa AR, so würden uns Hunderte von Zwei-
felu erspart bleiben), In Wirklichkeit ist aber die Gruppe
®, in der sich zusammenschließen F (--ε ψῳ)δλὶπ, lauter sicher
oder wahrscheinlich mittelfranzösische Hss., ganz besonders
fehlerhaft und verderbt. Ihre Verwandtschaft im einzelnen histo-
risch zu erklären, muf3 ich einer besonderen Untersuchung über-
lassen; für mich genügt hier festzustellen, daß sie durch hun-
derte von gleichen Fehlern zusammengehalten werden und
daß nur in den Garmina und Epoden Al oft von der I. Klasse
her beeinflußt sind, wie sie auch die Mavortius-Unterschrift,
indirecter Herkunft, tragen. Ich muß aber hier wenigstens
die große Menge der charakteristischen Fehler zusammen-
stellen, damit das Zeugnis dieser Gruppe nicht länger über-
schätzt werde: die Gruppe ist zahlreich und mächtig geworden
vor allem weil Heiric®*) und sein Kreis den Horaz in dieser
Form kennen gelernt, nachgeahmt und verbreitet hat; tatsäch-
erhalten sind, also vor allem in den Satiren und Episteln, und auch
hier giebt in der Regel der Consensus aE, wo nicht Glossen die reine
Ueberlieferung gestört haben, den rechten Weg an.
82) Unter den von Keller-Holder verglichenen Hss. habe ich nach
einem weiteren von ® unabhängigen Vertreter gesucht, aber keinen
gefunden: auch u hängt von ® ab: vgl. z. B. carm. 4, 4, 48. 4, 6, 17.
4, 7,15 4,410, 5.2.2:
88) Die Fälle wo ® allein das Echte bewahrt hat, sind selten: am
wichtigsten carm. 3, 29, 34 wo aequore für das glatte Flußbett (vgl.
Thes. ling. lat. I 1027, 32) in allen andern Hss. und natürlich auch
in den Ausgaben durch die Glosse alweo verdrängt worden ist; 3, 27,
55 Defluat mag Conjectur sein; siehe noch serm. 2, 3, 183 et, 2, 7, 19
ac prior; über ars 305 vgl. unten 3. 305.
84) Siehe vor allem die schon von Traube PMA. III S. 424 Anm. 8
hervorgehobene Stelle carm. 2, 20, 13.
8) Wo andere Hss. zu ® hinzutreten, ist meist derselbe Schreib-
fehler oder dieselbe Glosseninterpolation zwei- oder mehrere Male ge-
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz.
299
lich ist dieser Zweig der Ueberlieferung der wildeste, am
meisten durch Schreibfehler wie Interpolation entartet.
Hier
in der Gruppe ® haben wir in der Tat eine Art von recensio
vor uns, freilich keine des Altertums, sondern eine des 9. Jahr-
hunderts und eine, in der die kühnsten Interpolationen neben
den törichtesten Schreibfehlern stehen.
carm,
2,02,
16,
17,
11 super vacto ®
18 uelorum ®
8 urit®®) ΦΟ
27 teucro®’) BDO
2 hoc deos oro ὃπ
te deos oro FA1O
6 Largiri potis ᾧ
7 Depone Φ
17 animas laetis ©
13 parentum FörDO DBland.
marg. 88)
15 aut terram För
51 fatis ausgelassen För
57 regit Fön
‚5 tum ®D
Ὁ actus ®
5 increpat FörEO2
15 Extollens (At t. rn) FönO!
5 facıles FörlO2 Porph.
14 te ausgelassen ®
3 hitus ® (ohne πἶ) ἢ
19 et För
6 te torret Fön
17 s(a)eua ΦΟ
26 fugiunt Fön
5 Antehance ᾧ (Porph.)
7 agit ΦΟ (Porph.)
28 exitium ®O?
3 breseis Fön
6 tegmess(a)e BO
5 Pompib ® (Porph,)
7 comptus FörO
14 ab aere Fön ab aere vel aere Οἱ
11 cedunt FörO
18 cytharae For
24 comam För
25 Dum FörO
ὃ Colchica ® (Porph.) colchia Ο
23 discretas Filn?O (ὃ deest)
13 paterno Fr (ὃ deest)
81 forset FörO?
19 Loetalis Fön
TE ὃ a έν, ὐλνδᾳ ὃρ
ΠῚ
S
SS 3 33
ze wi τ Be
S
δι)
statt ϑβιρεγίθοίο
ultorem.
uisit,
teucr\.
hoc deos vere.
Large reponens.
Deprome.
laetis animas.
parenlıs.
ac (et EDR) terras.
fatıs.
reget.
tunc.
Ssaucims.
cerepat.
Et tollens.
fecilis.
te,
latum,
ac.
torret.
serva.
diffugiunt.
Antehac.
aget.
excilium.
briseis.
tecmessae.
Pompei.
coronatus.
aere,
decedunt.
eythara.
comas.
Cum.
Colcha.
discriptas.
paternum.
forsan.
Natalıs.
macht, in den jüngeren Hss. wie Ὁ auch einfach aus ® übertragen
worden.
..°°) Was sich die Abschreiber bei der Verbreitung dieser ganz tö-
richten Lesart gedacht haben, kann ich nicht erraten.
900 Vollmer;
carm.
2, 17, 25 alas ausgelassen För
te Fön statt cum.
18, ὃ clientes DO „ . ‚chientae,
36 Reuin)xit Fön „ HBeuexit.
20, 3 terra FörO ΕΣ 6} 1188
13 (o)aor FörEO Heirie αἰ notior.
3, 1, 43 Delinit (-net O) ®@DO „ . Delenit.
3, 10 Innisus FörO , Zmisus.
12 bibit FörOE (Porph.) ,» ‚bibet.
4, 10 limen apuliae BOE (Porph.) „ limina pulliae.
16 ferenti ΦΟΣ (Porph.) „.. ‚foreniu
81 arentes Fön „ urentes.
5, 51 amicos FörO „ propinquos.
53 clientium ®O (Porph.) „. elientum.
6, 35 et ausgelassen FörO
8, 27 rape (spe rn!) För n„ "tape
9, 9 rigei © . regik
21 Quamuis FörO? , Quamguam.
10, 6 situm FörO (Porph.) „ satum.
13, 11 sub womere FörO! „ uomere.
16 Nymphae För „ Zymphae.
18, 7 ocreterrae ® (Porph.) „ eraterae.
19, 11 Munere Fön » Murenae.
14 attonitus cyathos FörO „ eyathos attonitus.
27 chloe Fön »„ rhode
20, 3 paulum För »„ paulo
23, 9 aleido För „ algıdo
24, 26 aut FörO PR.
27 quaerit Fön » quaeret.
60 hospitem FArO „ hospütes.
25, 16 fraxinus För (Porph.) „ . frasxinos.
27, 1 quid AlnO „(OR
37 culpa FrO! (Porph.) „ eulpae.
3, 27, 55 Defluat richtig FörO „ Defluit.
71 uisus ᾧ » imuisus.
29, 34 aequore riehtig FörO? „ valveo.
62 Tum FörO , Zune
4, 1, 11 Comitabere FörO! » Comissabere.
37 ego te Fön (te ΟἿ) , δῆδ.
2, 6 Cum...saluere För Bland. ,), Quem .. . aluere.
58 orbem Alt „ νη.
4, 6 propulit &AlnO „ γον),
41 arma ® » . alma.
43 uel ausgelassen ᾧ (per F, etör)
6, 17 captis ausgelassen För
38 nocte lucem Fön (noctem lu-
cem Οὗ ,», noctilucam:
7, 19 herebis vel -bit ® „ heredıis.
8, 25 aequum Fön „ . aeacum.
10, 5 falsche Wortstellung FörO
12, 11 Delectante(m) För „ Delectantque.
16 mereberis För „.. merebere.
14, 5 Aeterne et Fön „ Aeternet.
15, 23 ue FönO? BL: }
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz.
carm. Ssaec.
26 est ausgelassen FörC!
51 imperet FAR!O2
δ honos ®
epod.
1, 10 Quem ΦΟ
2, 19 gaudens För
5, 1 regis ΦΟ
21 cole(h)os DO
34 immemori Fön.
95 dum Fön
6, 15 oppetiwerit F (81?) πὶ
13, 9 cyllena För
15, 17 tu ausgelassen För
16, 33 flauos FörRO, saeuos Al
17, 17 circ(a)e Εδὶπὸ
62 St ΦΟΞ Ps. Porph.
67 alite FörRO?
serm.
1, 1, 88 at FildO2
91 campum FrX1802
94 habebas ®B!
105 besellz (ues- O!) ΦΟΊ
2, 3 tigilk DO!
12 fusidius ΦΟΞ
19 hoc FX180
34 Hac Filö
1 Munificum ΦΟΙ
71 ferbwit Φ 8)
90 linceis FAlO (lynceis E)
93 depygis BaO
97 dum ©
officiunt FA1O?
117 praesto aut ΦΟΞ 88)
133 pyge Φ
3, 29 actus ®
33 pectore BO?
35 insederit ᾧ (Porph. lemma)
38 amici ®
64 (h)aut ©
65 modestus ᾧ
76 quatinus ᾧ
92 ante me DO
4, 82 amplicer WA1O!
49 insanıt &R
54 uerbum &
73 Non ®
87 imus ©
125 fraglei ®
126 uides ®
131 Ignoscat ᾧ
139 Incumbo ®0! (Porph.)
5, 8ὃ lingu(a)e 0!
81) z fehlt von 1, 2, 70 ab in den serm.
88) Von serm. 1, 2, 114 fehlt auch ὃ, also Φ = Fl.
statt impetret.
”
Ἢ
Sn 3
> ae ΜΞ. Β΄ δ΄ “ἢ
9 5. 5 5»
ἈΝ δ, δ 88, Δϑ'! δ Ἔ δ ΠΡ, ΑΘ ἄγη, .85 ἐδ. ξυνὰ πὰ Ὁ Ξ
δ, ΟΝ ΘΝ, δ θ᾽. rn
honor.
Qua.
gaudet.
regit.
Jolcos.
inemort.
cum.
petwerit.
cyllenea.
rauos.
Cir ca.
Sed.
alıtı.
an.
campo.
avebas.
Visell.
Tigell.
Fufidius.
hic.
- Hue.
Munifico.
conferbutt.
Lynecei.
depugis.
tum.
officient.
praesto.
puga.
aptus.
corpore.
inseuerit.
amicae.
ul.
molestus.
quatenus.
ante mea.
ampliet.
insanus.
werbıs.
Nee.
unus.
Slagret.
auvdos.
ignoscas.
Inludo.
longe.
801
902 Vollmer,
serm.
1, 5, 26 anzyr ® statt Anzur.
40 uarus ΦΟ x Varius (ebenso 93. 1, 6,
50. 1, 9, 23. 1, 10,44. 81).
71 recie ®@DO - "recht
97 gratia ®@DO? » Gnatia.
6, 65 aut ᾧ ».. CE
73 et ©0! a:
75 octonis ... αὐγὰ (-re O') 90 ,„ octonos ...aeris.
83 seruabat ® „ . seruauit.
90 οὲ Φ „ab
ἡ, 1 tumidusque © . tumidus.
28 multum ΦΟ ,) ιμῖίο.
8, 9 wlis DO! » mil.
12 ciprus ® » cippus.
48 caliandrum © (Porph. 4 mal) , caliendrum.
9, 12 agebam ®E „ . atwebam.
13 ficos Φ Ps, Charis, „ Wicos.
16 Prosequar ®PDO »„ Persequar.
63 tendit ® tendis.
1, 10, *#1—*8 diese falschen Verse sind nur in ® erhalten und einigen
jüngeren Hss. 89).
89) Diese Tatsache zwingt uns gegenüber den früheren Betrach-
tungen (zuletzt F., Marx, Rhein. Mus. 41, 1886, 552 ff.) die Frage zu
erwägen, ob es denn ganz undenkbar sei, daß diese 8 Verse in der
Karolingerzeit interpoliert worden seien. Höchst verdächtigend ist doch
außer der beschränkten hslichen Bezeugung der Umstand, daß Porphy-
rio sie nicht commentiert hat, ein Umstand, der nach der unten zu
erschliessenden Lage unserer Ueberlieferung fast völlig die Möglichkeit
abschneidet, daß die Verse aus dem Altertum überkommen seien. Und
daß die Verse, wie Marx meint, ursprünglich für einen andern Zweck,
ein litterarhistorisches Gedicht oder als prooemium einer Luciliusrecen-
sion gedacht und gemacht und erst nachträglich der Satire vorgeflickt
seien, ist unerwiesen, unerweislich und bei dem Uebergang mitten im
Verse ut redeam illuc ganz unwahrscheinlich. Hinzu kommt eine wich-
tige Kleinigkeit: die übliche Emendation in v. 4 quo melior vir (et
est ist schlecht, wie auch Marx erkannte; mit Zonge subtilior fängt not-
wendig eine zweite, von quo unabhängige Apposition an. Vier an sich
ist gut, es gehört nicht zum Praedicat, sondern zu ille: hoc lenius vlle
vir quo melior est. Der Fehler vir aber zeigt uns m, ἘΠ, deutlich, in
welche Zeit die Verse gehören: seit dem 5. Jahrh. werden einsilbige
Wörter, die auf Consonant ausgehen, verschiedentlich als Länge be-
handelt (z. T. natürlich nach Beispielen von Nachwirkung ursprüng.
licher Doppelconsonanz wie pes und par): fac, ac, cor, an, nec u. 8. w-
und solche Dinge bildeten die Karolinger nach; so haben wir bei Hei-
ric von Auxerre (PMA III p. 427 ff.) in der vita Germ. 1, 34 vel
(in thesi) und 1, 480 nec (in thesi); für ver selbst beweist der Vers 6, 6
hoc vir, hoc mulier, hoc u. 5. w. nichts. Den folgenden Vers lese ich
mit Marx: qui multum puerum et loris et funibus ussit Exoratus und
erkenne mit ihm eine Nachahmung von Juvenal. 6, 414 quae vicinos
humiles rapere et concidere loris Exorata sole. Diese Nachahmung
Juvenals passt wiederum vortrefilich auf Heirie, der diesen Diehter
vielfach nachbildet, ihn sogar glossiert hat (Traube PMA III p. 424
Anm. 3). Kurz, ich halte Heiric für den Verfasser die-
ser 8 Verse, die von ihm eben für die interpolierte Recension des Ho-
raz gemacht worden sind, die wir in ® erhalten haben und von der wir
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 3083
serm.
1,10, 5 num 50a statt nam.
65 urbanis ᾧ „ urbanus.
75 mihbus WAl „. wihbus.
2, 1, 49 quis...certet BOD » για... ovortes.
2, 22 lagonis ® (Porph.) »„ lagois.
38 rarıs ® (Porph.) „ raro.
4] quamuis ® » qQuamquam.
58 fundere ® „ defundere.
65 qui DO qua.
95 Occupat ® (exempla Vat.) ,) Oceupet.
99 Asia que(t) ® „ «48 laquer.
114 metatum ® ,) metato.
Ὅ 21 faber © (0?) „ uafer.
39 urget DO ,), angit.
41 siet ® Eur WU, ‚2
63 similis cuncta Fl! ,» ‚similem cunctum.
72 iura ®a0?2 „ws.
96 contraxerit BO „. construxerit.
98 uelutin ® ,» Weluti.
108 ıste ᾧ ,), Vstis.
128 tu insanus ® „. tun sanus.
142 opimus ® » Opimaus.
152 quod vis ®D! , quid vis.
156 empti ® „ . emptae.
246 ut ausgelassen BO
247 posiella (-lo 1.) ® ,γ) . plostello.
266 habet ausgelassen Fl
272 Qw Fl „ Qu
286 uulgo © wie es scheint ,) συ.
317 tandem DOa » tantum.
4, ὃ utique (antique 1) ® „ Anytique.
11 celebrabitur © , . eelabitur.
14 prohibent © „ cohibent.
47 tamen ® (om. O) „ tantum.
sahen, daß eine charakteristische Lesart eben von Heiric in eigenem
Gedichte verwandt wurde (oben S. 289). Wie aber kam denn Heiric
zu solch ausgezeichneten Kenntnissen über Lucilius, Valerius Cato, Or-
bilius? Man beachte doch, daß alles was in diesen Versen erwähnt
oder gestreift wird, bei Sueton de gramm. steht oder aus dessen Noti-
zen zusammenphantasiert werden konnte; Suet. 2 (Lucilii saturas) le-
gisse se... apud Philocomum Valerius Cato praedicat, 11 das Capitel
über Cato, mit dem Lobe seiner Tätigkeit als Lehrer: er war eben ein
anderer und besserer Mann als der plagosus Orbilius (puerum ist na-
türlich Horaz, nicht Cato); aber von Cato stand auch der Vers bei
Suet. qui solus legit ac facıt poetas: da haben wir das emendare parat
und den defensor des Lucilius. Also Heiric kannte aus Fulda (vgl. Sue-
ton. ed. Reifferscheid 8. 410 f.) her das kostbare Fragment über die Ge-
schichte der römischen Grammatik: er fand in seinen Hss. die 10. Sa-
tire des Horaz mit Nempe incomposito wie ihm schien abrupt beginnen
und dichtete nun unter der Maske des Horaz den falschen Eingang,
nicht ohne Witz und Geschick. Daß Heiric diese Verse machen konnte,
wird jeder zugeben, der in der vita Germani neben ausgeleierten Versen
und mancherlei Fehlern Reihen findet, denen man genaue Lectüre der
Horazischen Satiren anfühlt auch ohne daß directe Nachahmung vorläge.
304 Vollmer,
serm.
2, 4, 49 neseit FA statt ne sint.
66 quae Φ » qua.
68 addens ® „ addes.
5, 8 dolosos Φ „ doloso.
6 redeat Fl » . redeam.
7 aut qw Fl ern Vat.) n ı ‚alque.
38 si (sis O) F “ :
48 Arripe ® „ Adrepe,
89 neuel Fla „Neue.
104 multum F1O ". aultum.
6, 27 locuti ® » locuto.
38 tabellas Fl „ tabellıs.
40 proprior Da „ propior.
61 hortis © , .horis.
89 ausgelassen in F, an falscher
Stelle A!
106 udbi ausgelassen FA
109 aflat FA „ afert.
7, 19 est melius ® ,» lewius.
38 supino Fl » supinor.
49 urgentis Fl , turgentıis.
53 Tecum Fl »„ ΤᾺ cum.
78 supra FIO2 „super.
79 ut est mos FAO! „. uti mos.
88 potestne ® „ potesne.
99 morventes FA „ mouentes.
100 et ausgelassen ®
105 qui dum Fl! „qui im.
8 4da Fi ἀρ ΉΣΟΣ
40 imis BCO! ,) . mi.
95 atris (deest 1) ®C » ἢ Ans
epist
1, 1, 6 exornet Ἐδλ] „ .. .exoret.
14 addietus ®(=FöAln)OPorph., „ adductus.
76 quae © " . quem.
2, 10 Quod FörlO! » θιμᾶ,
13 Nune ® „.. ‚Aunc,
34 cures ἘδλΙῸ , . eurres.
59 ıram © „.. trae.
4, 11 modus et ® , mundus.
6, 26 et wia Frlö tn RR
5l pondere ® pondera.
7, 3 sanum ausgelassen, teilweise recteque interpoliert ®O.
22 agit FOA1O! statt ait.
52 lewi ® „.. .lasue.
57 locum 0! n: "la
93 dicere ®R „ .. ponere.
11, 7 glabüs ® „ gabüs; ebenso 1, 15, 9.
15, 45 abo ᾧ ΝΣ
46 uallis © 2... wills.
16, 14 utelis utilis DEO2 „ aptus et utilis 59).
50) Diese Stelle ist sehr lehrreich: jeder ist zunächst geneigt das
pointierte utilis utilis als Horatianisch anzusprechen, und doch bezeugt
die Abwägung der Ueberlieferung, daß aptus et utilis (so ARO!r) im
Archetypon gestanden haben muß: in ® ist der Fehler begangen und
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 305
epist. ; f
1, 16, 45 Hunc prorsus ® statt Inprorsum, richtig In-
trorsum.
61 zustum sanctumque FAlO » iusto sancioque.
63 Quo...quo® (Qui...quo 0!) „ Quwi...qui.
17, 14. 15 Verwirrung in ® und O wegen der gleichen Versschlüsse.
19 regibus FA statt rectius.
38 peruenerit ®O! ,) peruenit.
18, 45 quotiensque (quotiens quoque
Al) ducit (-ei rn) ® quotiensque educet.
81 fidens est FIO? „ Jidentem.
19, 23 patrios ® »..' Parios.
20, 2 nudus FAl , mundus.
2, 1, 79 nelc) ® „.. necne.
91 haberes ® . haberei:
98 Tune © „ı .ıNunc,
149 uerti coepit FAl ,» coepit uerti.
159 peperere FAlO! » pepulere.
207 imitare ® ,. imitata.
2, 71 Plures ᾧ (exempl. Vat.) , . Purae.
83 curü Ἰλὸπ (curüs 0?) "» euris.
135 parentem ® „ . patentem.
199 procul ® „ domus procul absit.
203 colore ® ΔΗ ‚loeulire,
ars.
18 fluvius ® »„ plwvius.
154 plus oris ᾧ (0'?) » plausoris.
168 permutare DO »..mox mutare.
190 spectata AlörO „ . spectanda.
462 proiecerit ΦΟ „ deiecerit.
Zu der Gruppe ® treten nun für die Reconstruction der
II. Abschrift”) Bland. und R. Für R wird die Zugehörigkeit
zur Il. Klasse hinlänglich durch die Bücherfolge erwiesen ; im
übrigen reden die Varianten der Klassenliste. Doch muß ich
einige Stellen berühren, die in R aus Klasse II herausfallen.
serm. 1, 1, 33 muß patiens alte Glosse zu sapiens gewesen sein,
die apographon I occupierte und dann auch inR in den Text
drang; ebenso liegt die Sache epist. 1, 18, 111, wo donat
Glosse für ponit ist; über epist. 1, 8, 12 siehe unten 8. 307
über carm. 4, 14, 28 meditatur vgl. ὃ. 282; dieselben Schreib-
fehler sind 2mal gemacht in I und R epist. 1, 18, 82 et quid
statt ecguid, 2, 1, 198 nimio IRr Bland. statt mimo; ars 305
wird ex(s)ortita IRr zu ex(s)ors ipsa aus Scholien gebessert sein.
Schwieriger, aber doch auch mit vollkommen ausreichen-
verschlimmbessert worden, daraus nach E übertragen. Anders und
doch für E gleichwertig 1, 16, 59 clare (clare\.
᾿ς ἢ) Ich lasse Ὁ als zu junge und unselbständige Abschrift von
jetzt ab außer Betracht.
906 Vollmer,
der Sicherheit läßt sich beweisen, daß auch der Bland. nicht
etwa, wie Leo (natürlich in anderem Sinne als ich) meint, ein
drittes Apographon für sich darstellt, sondern aus dem I. ge-
flossen ist. Zunächst der freilich nur für die Unabhängigkeit
von I, nicht für die Gebundenheit an II ziehende Beweis aus
der Bücherfolge??): aber auch Cruquius’ unvollständige Zeug-
nisse für die Varianten °°) genügen vollauf.
Ich zähle zunächst aus der Liste S. 291 ff. noch einmal die
Fehler auf, welche beweisen, daß der Bland. aus unserm ein-
zigen Archetypon stammt: carm. 1, 12, 31. 1, 23,5. 1, 27,19.
epod. 5, 37. serm. 1, 1,81. 1,2, 63. 2,1, 31. 25,56, epist.
1,2,5. 1, 3, 33.4.7, 96. 1, 10, 25. 1, 1.3. RR,
167: natürlich nicht alle gleich beweiskräftig, aber in ihrer
Gesamtheit unerschütterlich. Die dagegen zu sprechen schei-
nenden Stellen, an denen der Bland. ganz allein das Echte
hat, werde ich weiter unten behandeln.
Die Ableitung des Bland. aus unserm II. Apographon be-
weisen mit Sicherheit folgende gemeinsame Fehler”):
53) 8. oben 8. 278 und 290.
98) Viel zu groß ist das Verzeichnis der Lesarten des Bland. bei
Mewes, Festschr. ἃ. Friedr. Werd. Gymn. Berlin 1881 8. 63 ff£., bes-
ser, aber auch noch nicht genügend gesiebt das bei Höhn, de cod.
Bland. antig. S. 27 ff. Ich habe selbst die Notizen des Cruquius noch
einmal durchgearbeitet und verwerte nur ganz ausdrückliche Zeugnisse:
mein Standpunkt in dieser Frage deckt sich, von Einzelheiten abge-
sehen, mit dem von Kukula, de Cruquii codice vetustissimo Wien
1885; sein Verzeichnis der Lesarten des Bland. steht S. 45—64. Zu
scharf urteilt Häussner, Cruqg. und die Horazkritik 8. 54.
94) Ausscheiden muß eine Reihe von Stellen. Zuerst carm. 8, 24,4
da hier der Bland. mit πὶ das Richtige hat. Die diplomatische Lage
an dieser viel behandelten Stelle ist folgende: Apographon I hatte
ponticum (AB; 10! wie oft aus I), Apographon II publicum (so R Bland.
r'), dafür interpolierte ® mit metrischem Fehler apulicum, was die
jüngeren EO? recipierten. Es sind also ponticum und publicum ganz
gleich gut überliefert: was stand im Archetypus? Durch Schreibfehler
die eine Lesung aus der andern ableiten zu wollen wäre Spielerei. Die
Entscheidung giebt hier Porph., der (zu v. 1 non terram tantum, verum
etiam maria occupantem) terrenum, Lachmanns glänzende Conjectur,
sichert. Excerpt aus Porph. ist auch das im Haupt-Porph. ausgelas-
sene Scholion A et mare publicum: omnibus patens mit dem Vergilcitat.
Bezeichnend ist, daß Schol. A die Discrepanz zwischen diesem Scho-
lion und der Lesart in A zu beseitigen suchte und ins Lemma des
Scholions ponticum hineincorrigierte. Also ist in Klasse I dieselbe In-
terpolation, die schon im Archetypon Tyrrhenum aus Terrenum machte,
fortgesetzt und publicum in ponticum verderbt worden. Der Schol. T
(Karolinger) verwendet dann Tyrrhenum auch in der Erklärung neben
publicum. carm. 4, 13, 14 ist die Entscheidung zwischen cari und οἵαν
= re a "ee u
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 307
carm. 4, 2,6 Oum ... saluere Bland. ® statt Quem .. . aluere.
epod. 2,25 riuis Bland. R? (risisR!) ® gegen ripis ABCOAIT! 95).
epod. 6, 3 verte Bland. R?O?® statt uertis R!O!r71ABOA1®).
serm. 2, 7, 13 doctor Bland. ® schol. T statt doctus aElO 97).
epist. 1, 2,4 Plemwus (Bland.)°) RO!® gegen Planius
AEO?.
8 aestum Bland. RO!® gegen aestus AEAO?.
33 atque Bland. RD statt afqui.
3,4 terras Bland. RO!ör statt turres??).
8,12 wenturus Bland. ΟΦ (Porph.) statt vento-
sus 10) AERO? (Serv.) Schol. T.
11,24 Tu Bland. RO!® statt {Π|.
15, 32 donarat Bland. RO!® statt donabat.
18, 107 et Bland. RO!® statt ut AEO? Porph.
2,2, 11 ezxcludere Bland. R® statt exirudere.
Diese Stellen beweisen zur Genüge die Abhängigkeit des
Bland. von Apographon Il, seinen Schreibfehlern wie Glos-
sen!"). Dagegen beweisen nichts die Stellen, wo Bland. in
zu unsicher zur Verwertung in unserer Frage; schol. A gemmarum
pretüs ist wohl interpolierter Porphyrio, nicht gemmis (Vatican.) ge-
kürzter. epod. 1, 21 ist unwahrscheinlich, daß der quartus Bland., der
das interpolierte uti sit auxili hat, der älteste ist. Vgl. Höhn, de
cod. Bland. antiq. Jenae 1883 p. 15; Mewes, de cod. Horat. q. Bland.
voc. nat. atg. indole p. 59.
89) Die Verteidigung von ripis durch Keller Epileg. p. 360 halte
ich für wohlbegründet. Zu beachten ist, daß möglicherweise riues nicht
einmal in Apographon II stand: BR! hat risis, was schon Keller richtig
als Mißverständnis aus ‘langobardischer’, besser insularer Schrift er-
klärt, und ripis hatte auch πὶ. Der Bland. wäre also hier schon von
secundärer Interpolation in πὶ abhängig, genau wie an der folgenden
Stelle.
96) Hier ist wohl auch dem II. Apographon unbedingt uertis, etwa
mit der Glosse werte (zu quin uertis gehörig) zuzugestehen: R!r! schrie-
ben noch das Richtige ab, die andern die Glosse,
97) Ob doctor wirklich schon im Apographon II stand, ist nicht
auszumachen, da R fehlt und !O zu unselbständige Zeugen sind. Scho-
lion T ist hier natürlich karolingisch.
98) sic habent Bland. Divaei Martin. Nann. codices Cruquius.
99) Vielleicht hat hier Apographon II noch turres mit Glosse terras
gehabt, denn FAl haben noch turres, was freilich auch aus Porph. re-
stituiert sein kann.
100) Hier möchte ich wegen des Porphyriocitats (s. u. S. 314) glau-
ben, daß wirklich der Schreibfehler uenturus schon im Archetypon II
stand und daß in R das Echte aus der Randglosse (= Schol. T) oder
aus Serv. restituiert wurde.
101) Ich warne ausdrücklich davor, aus dem Umstande, daß nur
eine dieser significanten Stellen in den carmina steht, irgend etwas zu
Philologus, Supplementband X, zweites Heft. 921
908 Vollmer,
Falschem oder Wahrem gegen Il zu 1 stimmt. Es sind folgende:
carm. 1, 15, 20 Crines Glosse statt Cultus.
carm. saec. 5 Quod als Interpolation im Bland., was in I
als Schreibfehler sich fortpflanzte!%).
epod. 10, 19 sinu notus gleiche, naheliegende Interpolation
wie in 1.
serm. 1, 10, 27 latini kann nach patrisque Schreiberverbesse-
rung statt des wie es scheint in II überlieferten latin(a)e sein.
epist. 2, 1,198 nimio gleicher Schreibfehler statt mimo wie in 1.
ars 237 et gegen an”).
ars 294 Praesectum gegen Perfectum 194).
ars 319 locis leichte Verbesserung statt z0cis.
328 Trienseu gegen trienem 195).
Bleiben übrig folgende, für die eine sichere Erklärung nicht
auf der Hand liegt, vielleicht einfach directe Uebertragung der
Varianten von I, etwa gar erst durch Bland.?, anzunehmen ist! %®):
carm. 1, 3, 19 Zurbidum *"Bland. cod. omnes.
serm. 1,4, 110 Baius ‘4. Bland.’
epist. 2, 1, 186 gaudet ‘cod. Bland. antiquiss.’
epist. 2, 2, 8 imitaberis ‘omnes Bland.’
Es bleiben zu betrachten die Stellen, an denen der Bland.
allein von allen Hss. das Richtige bietet 1907), Das sind die
Stellen, denen die verlorene Hs. ihren Ruhm verdankt; Bent-
ley hat ihn begründet und seine Nachfolger 1985) haben ihn ins
Ungemessene und Unangemessene vergrößert. Die Frage ist,
wie weit ist dieser Ruhm verdient und wie erklärt er sich
aus den Tatsachen der Ueberlieferungsgeschichte ?
folgern: diese Zufälligkeit würden wir zu prüfen haben, wenn wir die
Hs. selbst hätten; die jämmerliche Collation des Cruquius verdient
kaum, daß man die Frage aufwirft.
10°) Bezeichnend ist, daß Schol. A die Lesart Quos erklärt. In Ὁ
stand zuerst Quos, was die zweite Hand in Quod änderte (falsches be-
zeugt hier Wickham).
103) Die Stelle zeigt, daß in Abschrift II die Interpolation an über-
geschrieben war: ei nahm daraus noch richtig Bland.!, acceptierte dann
aber die Correctur an wie ΟΦ (freilich ist Cruq. mehrdeutig).
104) Auch hier sind wohl ΟΦ durch Glosse verderbt und praesec-
tum stand noch im Texte von Abschrift I.
106) Auch hier wohl eu noch in Abschrift LI.
106) Immer vorausgesetzt die Richtigkeit der Collation des Crugui-
us, über die in einzelnen Fällen zu streiten ich nicht erst anfange.
101) Vgl. Höhnp. 44f. Kukula p. 67 f.
108) Siehe besonders Haupt opusc. III p. 45.
“απ πων αν
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 309
Ich greife gleich den Stier bei den Hörnern. Daß serm.
1, 6, 126 campum lusumque trigonem Bland. der echte Horaz
ist und rabiosi tempora signi (L IL Porph.) krasse Interpolation,
brauche ich wohl nicht mehr zu beweisen 195). Wie ist zu
verstehen, daß allein der Blandinianus (denn der ganz junge
Goth. ist von ihm beeinflußt) diese kostbare Lesart ge-
rettet hat? Hier ist einmal das Zeugnis des Cruquius un-
schätzbar, weil vollständig: sed supposita sunt puncta vulga-
taque lectio est adnotata. Wir erkennen deutlich den Sieges-
lauf der bestechenden Interpolation, welche die Erklärer der
Mühe enthob das schwere lusumque trigonem zu bewältigen.
Ein Zufall — statt der Expungierung Rasur im Bland. —
und das Echte war unwiederbringlich verloren. Niemand, der
meinen Auseinandersetzungen über Klasse II der Hss. gefolgt
ist, wird sich wundern, daß die Interpolation eben diese
Klasse II ganz occupiert hat: wie konnte sie aber auch Klasse I
ergreifen ? Hier muß ich einsetzen: es ist durch nichts zu er-
weisen, daß rabiosi tempora signi im Apographon I gestanden
hat; freilich haben es unsere einzigen Vertreter dieses Apo-
graphons heute aED, aber diese sind auch an anderen Stellen
vielfach interpoliert, die reinen alten Zeugen ABC feh-
len in diesem Teil der Satiren; hätten wir sie, so würde
ohne Zweifel der Bland. nicht allein stehen. Aber Porphyrio
bezeugt doch auch rabiosi tempora signi? Nein, wir haben
hier einfach zu folgern, daß die dürftige Glosse caniculares
dies dieit qui sumt caloratissimi und ihr Ableger im Schol. T
nicht echter Porphyrio 119), sondern karolingische Weisheit ist,
die natürlich, nachdem im Texte die alte Lesart verschwunden
war, auch das alte Scholion zu der Stelle verdrängte 111).
Wir sahen, wie sich diese Stelle, das ‘Schiboleth’ der Horaz-
kritik, im Rahmen unserer Ueberlieferungsgeschichte erklären
ließ: in ähnlicher oder anderer Weise sind andere Stellen zu
begreifen.
_ 109) Ich verweise einfach auf Bentley und auf Mewes, Progr.
Friedr. Werd. Gymn. Berlin 1882 $. 19.
110) Ueber die Abhängigkeit des Vaticanischen Porph. von Apo-
graphon II, seinen Fehlern und Glossen s. u. 5. 314.
_ 1) Daß Porph. das Wort trigonem erklärt hatte, ist sicher. Und
ich würde unbedenklich die Glossen trigone und trigona (Gloss. VII p.
366) auf ihn zurückführen, wären nicht gleichartige Stellen aus Mar-
tial vorhanden.
21 Ἢ
910 Vollmer,
Zuerst epist. 1, 16, 43: res sponsore ‘sie habet cod. Bland.
antiquissimus’ statt responsore der anderen Hss. (AE R®O).
Daß das Zeugnis des Cruquius hier wahr sei, bezweifle ich
nicht, glaube auch mit Höhn (δ. 43), daß Cruquius von selbst
nie an der Vulgata Anstoß genommen haben würde. Aber
die Stelle vermag ebensowenig für Selbständigkeit der Ueber-
lieferung des Bland. zu zeugen wie etwa carm. 4, 4, 22 Nec
scire (falsch Nescire BC R®) für Selbständigkeit von AO? oder
sat. 2, 7,19 ac prior (gegen acrior aE) für die von ®O? 112),
Ist res sponsore im Bland. Ueberlieferung, was ich durchaus
für möglich halte, so ist eben in Apographon I und den andern
Vertretern von II der äußerst nahe liegende Schreibfehler re-
sponsore öfters gemacht worden: ist es secundär, so kann es selbst
durch Schreiberirrtum, kaum durch Conjectur entstanden sein.
Eng verwandt sind die beiden folgenden Stellen: sat. 2,
4, 44 fecundae leporis und 2, 8, 88 anseris albae: an beiden
hat allein der Bland. das fem. erhalten, richtig verteidigt von
Hoehn p. 45 ff. nach andern. Daß in den andern Hss., des
Horaz wie des Donat, das üblichere masc. fecundi und albi
nterpoliert ist, kann nicht wunder nehmen: wahrscheinlich
aber würden wir doch auch anderswo das Echte erhalten ha-
ben, wenn nicht an diesen Stellen wieder die führenden codd.
beider Klassen ABCR fehlten.
Völlig ausscheiden muß meines Erachtens. die Stelle serm.
1,7,17; wer in pigrior, der nüchternen Glosse des Bland.
echte Lesung anerkennt, beraubt den Horaz eines der nied-
lichsten Witze in diesem scherzhaften Gedichte:
aut si-disparibus bellum incidat, ut Diomedi
cum Lycio Glauco, discedat — pulerior
dann zieht den Kürzeren der — Langsamere: wie witzlos wäre
das: der Mann, der die eherne Rüstung gegen die goldene ein-
tauschte, τῷ δὲ φρένας ἐξέλετο Ζεύς, war sprichwörtlich ob seiner
gutmütigen Dummheit, nein — der Schönere; das genügte zur
Kennzeichnung des Typus wie der gleichartigen Zeitgenossen.
Wie man ferner aus der ganz fehlerhaften und unsicheren
Lesung des Oruquius serm. 1, 3, 131 clausaque ustrina Tonsor
11) Vol. AST etwa carm. 3, 14, 14 exiget B, 4, 14, 28 meditatur R,
sat. 1, 3, 56 furimus Goth. (cf. B), zum Teil anderer Art.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 311
erat überhaupt hat Tonsor in die Horaztexte aufnehmen kön-
nen, verstehe ich nicht.
Verlockender war gewiß serm. 2, 3, 303 manibus in Er-
wägung der künstlerischen Darstellungen der Scene. Aber,
diplomatisch betrachtet, ist auch hier der Lesung des Bland.
unbedingt zu mißtrauen. Cruquius bezeugt für den Bland.
antiquissimus manibus portauit statt demens cum portat, ἃ. h.
er verwechselt offenbar ein Glossem mit dem Texte; dagegen
beweist nichts der Gothanus mit manibus cum portat, im Gegen-
teil, er zeigt, daß im Bland. auch andere Leser als Cruquius
zwischen Glosse und Text nicht mehr zu unterscheiden ver-
mochten. Außerdem genügt portat vollkommen zur Schil-
derung des Bildes und demens im Vordersatze erhöht die Wir-
kung der im Nachsatze folgenden Frage ganz bedeutend. Und
wie in aller Welt sollte demens durch Verschreibung oder
Glossierung entstanden sein ?
Weiter carm. 4, 6, 21 flexus Bland. gegen victus der Hss.
Die Differenz kann nur aus Glossierung hervorgegangen sein.
Da ist aber doch wohl alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß
nicht ein verständliches fexus durch ein viel kühneres Bild
victus erklärt worden ist, was dann beide Hss.-Klassen occu-
piert haben müßte, sondern daß vichus das Alte ist, für das
in einer einzigen Hs. die Glosse flexus in den Text glitt.
Aus dem Bland. wird in die üblichen Texte auch aufge-
nommen serm. 1, 3, 60 versemur statt versetur der andern Hss.;
‚aber versetur ist scharf und richtig, versemur wird aus einer
allgemeiner gehaltenen Umschreibung (etwa wie beim Schol.
T) in den Text gedrungen sein.
Noch bleibt allein 115) übrig die schwierige Stelle serm. 1,
1, 108, wo die Lesung des Bland. qui nemo ut auarus Teci-
113) Denn carm. 1, 31, 18 kann ich ac nicht als genügend bezeugt
für den Bland. ansehen; natürlich würde auch dann die Stelle keine
Bedeutung haben. Ob sat. 2, 3, 313 zantum des Bland. gegen tanto
richtig ist, bezweifle ich sehr. In keinem Falle hat die Stelle entschei-
denden Wert für unsere Fragen, da sie sich leicht erklären ließe.
Vollends rein orthographische Differenzen wie az epist. 1, 10, 3; quoi (??)
ars 426 sind wert- und bedeutungslos. Daß sat. 1, 6, 68 nec des Bland.
Irrtum oder ungenaues Referat des Cruquius sei, hat schon Bentley
vermutet ; Porph. hat richtig aut im Lemma; in Cruquius Notizen wird
wohl Lambins Conjectur anstelle der hs.-Lesart geglitten sein. Wert-
los sind auch Stellen wie serm. 2, 3, 189 at, epist. 2, 2,16 laedıt, carm.
4, 4, 73 perficiunt.
912 Vollmer,
piert zu werden pflegt. Alle übrigen Hss. BDERO® haben
nemon (ne non DO®) ut auarus. Da diese Lesung vollkom-
men unsinnig ist!!*), so ist die Annahme ausgeschlossen, daß
sie sich wie etwa rabiosi tempora signi sieghaft ausgebreitet
habe. Zudem haben wir an unserer Stelle anders als serm.
1, 6, 126 von den reinen Führern der I Klasse wenigstens B,
so daß, sogar die Selbständigkeit des Bland. als III. Abschrift
vorausgesetzt, zwei Zeugen gegen einen stehen würden. Es
bleibt nichts übrig: qui nemo ut ist nicht Ueberlieferung, son-
dern aus serm. 1, 1, 1 leicht zu machende Conjectur sei es
eines Karolingers im Bland. oder seiner Vorlage sei es des Cru-
quius (man bedenke, daß Nannius mit cur vorangegangen war).
Und ich kann diese Conjeetur nicht einmal für richtig halten:
Horaz stellt am Schlusse des Sermo gar nicht mehr die Frage
. qui fit? das ist längst geschehen, und sie ist beantwortet; er
faßt nur noch einmal die Tatsache in anschaulicher Schilde-
rung zusammen, um mit inde fit ut v. 117 die Bionisch-Epi-
kureische Maxime anzuknüpfen. Darum ist für mich kein
Zweifel, daß die Conjectur cum nemo, die ich mit Keck’s
Namen bei Holder finde, richtig ist 115). Wie dem aber auch
sei: als Ueberlieferung hat nur zu gelten nemon ut; sie mag, (so
schon Keller, Epileg. 432), da die Schreibungen nemon, vin
u. ä. auch sonst im Archetypon gestanden haben, aus dem
Zwange hervorgegangen sein, den durch die Lücke entstande-
nen Hiat zu beseitigen 16).
Somit hoffe ich erwiesen zu haben, daß keine Tatsachen
vorliegen, die uns zwängen, den Blandinius als Ill. selbstän-
diges zu Apographon oder gar als Vertreter eines II. Archetypon
anzusetzen. Vielmehr ist der Bland. eine der wichtigsten Stüt-
zen der II. Klasse unserer Hss.: R und Bland. zeigen uns, daß
das II. Apographon noch lange nicht so corrupt war als die
Gruppe Φ es erscheinen lassen würde, wäre sie allein erhalten.
112) Daß sie Bentley hat passieren lassen, ist historisch bedeutsam.
115) Zu beachten ist, daß auch Porph. zu v. 117 zusammenfaßt cum
nemo suo contentus sit... merito evenit, ut nemo se feliciter vixisse credat.
Natürlich beweist dies allein nicht, daß Porph. noch cum nemo las,
aber es spricht doch auch nicht dagegen.
116) Zusetzen möchte ich doch noch, daß ich ut avarus mit Porph.
verstehe a quibus dissentire tamen avarum ait qui proposito suo gaudeat
solus (vgl. v. 66 f.), nicht mit den neueren Erklärern als utpote avarus.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz, 919
vl.
Außer den Hss. haben wir noch einen Vertreter der 1].
Klasse in den Lemmata unseres Porphyrio'”).
Ich kann natürlich hier nicht die ganze Porphyrio-Frage
behandeln, muß aber einiges Wesentliche und Wichtige strei-
fen, da bis in die neuesten Abhandlungen hinein 1.5) die Ge-
schichte der Horaz-Scholien sehr zum Schaden der Klarheit
und Wahrheit getrennt von der Geschichte des Dichtertextes
selbst behandelt wird 119).
Was wir Porphyrio zu nennen gewohnt sind, die Scho-
lienmasse des Vatic. 3314 und Monae. lat. 181, ist weder der
vollständige, noch der reine d. h. in seiner Gesamtheit echte
Commentar des Porphyrio: es ist vielmehr eine in der Karo-
lingerzeit wohl zu Lorsch !?°) gemachte und dann weiter ver-
breitete1?2) willkürliche Sonderabschrift der Scholien einer
Handschrift der zweiten Klasse des Horaz. Daß darin echte
Porphyrio-Notizen in Masse fehlen, ist eben so natürlich und
sicher wie daß Karolinger-Zusätze in Masse darin stehen: wir
müssen uns nur gegenwärtig halten, daß dies Scholienconglo-
merat vor der Sonderabschrift eben als Randscholien eines
Textexemplars fortlebte, bei jeder neuen Abschrift mit neuen
Auslassungen weitergegeben, in jedem einzelnen Exemplar be-
liebiger Erweiterung und Interpolation ausgesetzt 1").
Bei der Sichtung und Wertung der im Porph. steckenden
Horazüberlieferung ist nun principiell folgendes zu beachten:
117) In der Ausgabe lasse ich diese Bezeugungen im allgemeinen,
weil sie secundär sind, unberücksichtigt: Kellers Angaben Pph. und
Porph. führen fast immer irre.
118) Vgl. Graffunder, Rhein. Mus. 60, 1905, 128 ff. Ausgabe
der Scholia Pseud-Acronis von Keller IIS.IIIf. Wessner, Berl.
Phil. Woch. 1905, 249 ff.
119) Hier ist erst Leo 3. 853 und 856 richtig vorgegangen.
....0) Vgl. das Zeugnis in B: pomponw expositionem in oratium quam
vidı in lorashaim bei Holder, Porph. p. 612. |
. #1) Wir finden sie saec. XII zu St. Bertin, zu Corbie, noch .oder
‚wieder mit Horaz verbunden zu Salzburg (siehe Becker, catalogi
antiqui ind. 5. v. Horatius), während die glosae super »poetriam oder
super sermones, super odas wohl spätere Producte sind. Jüngeres bei
Manitius Philolog. a. alt. Bibliothekscatalogen 5. 29, darunter ein
Horaz cum commentario Servü grammatici, natürlich Phantasie.
122) Vgl. A. Kiessling, de personis Horatianis comm. ind.
schol. Gryph. 1880 p. 6, W. Meyer, Porph. praef. p. VI.
914 Vollmer,
im allgemeinen sind sowohl die Lemmata wie sonstige directe
Anführungen immer der Gefahr ausgesetzt gewesen nach dem
Texte des Exemplars, in dem die Scholien gerade standen, ab-
corrigiert zu werden ebenso wie die oben behandelten Metri-
kercitate: instructiv ist carm. 2, 7, 1, wo aus dem Texte von ®
ad Pompilium sodalem corrigiert worden ist, während zu 2,
7,15 das richtige Pompeium stehen blieb; oder epod. 16, 37,
wo ins Lemma hinein ewpers corrigiert wurde, während das
Scholion das richtige ew(s)pes erklärt, dem aber dann noch ein
Zusatz expersque virtutis angehängt wurde. Bis zu welchem
Grade diese Abcorrigierung der Lemmata ging, zeigt deutlich
serm. 2, 2, 116, wo der ganz unsinnige Schreibfehler ei edulce
aus ® in das Lemma von Porph. überging, obschon das Scho-
lıon selbst deutlich auf «ce hinwies. Andere Beispiele serm.
1, 3, 35 insederit mit ® im Lemma, inseuerit richtig erklärt.
serm. 1, 3, 92 me mit ® im Lemma, mea richtig in der Er-
klärung. carm. 4, 14, 27 minitatur im Lemma, meditatur in der
Erklärung getadelt. serm. 1, 4, 139 Incubo im Lemma u. 8. w.
in Mengen. Ab und zu springt die Interpolation auch weiter:
z. B. finden wir die falsche Lesung wenturus epist. 1, 8, 12 im
Citate des Porph. zu serm. 2, 7, 28'??), während der echte
Porph. vielleicht in der Glosse TI’ erhalten ist ventosus : flui-
tans. Ganze Scholien sind zu falschen Lesungen der Gruppe ®
oder von ihr ausgegangener Interpolationen gefälscht worden
z. B. zu sat. 1, 6, 126 die Erklärung von rabiosi tempora signi!?*),
zu carm. 3, 14, 6 diwis, zu epod. 17, 62 St, zu serm. 2, 3, 201
quorum, zu epist. 2, 2, 83 Curw!?”®) u. s. w.
Von diesen jungen, bei der Tradition mit Apographon II
entstandenen Fehlern und Interpolationen ist zu scheiden eine
ältere Gruppe von falschen Erklärungen, die sich an Irrtümer
aller unserer Hss. anschließen, deren Entstehungsart aber die
gleiche sein könnte, nur daß die Fälscher nunmehr im 4.—5.
Jahrh. zu suchen wären. Natürlich kann man bei solchen
Fällen zweifeln, ob nicht Fehler der Vorlage des Porphyrio
138) Vgl. oben S. 307 Anm. 100.
1?4) Vgl. oben 8. 309. VER | )
125) Dies ein ganz besonders schlagendes Beispiel, weil Curi über-
haupt nur Schreibfehler für curis war.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 315
oder Irrtümer des Grammatikers selbst die Ursache unserer
handschriftlichen Corruptelen sind. Und ich gestehe, daß mir
diese letztere Erklärung weitaus die einfachste erscheint, die
mit einem Schlage die Lösung zahlreicher Schwierigkeiten er-
möglicht. Nehmen wir an, daß Porphyrio im 3. Jahrh.
einecommentierte Ausgabe!” des Horaz besorgt
hatte, daß das Archetypon unserer Hss. aus dem 6. Jahrh.
ein Exemplar dieser Ausgabe war, so, glaube ich, haben
wir alle Wege geöffnet, die zur Erklärung der Einzelheiten un-
serer Horazüberlieferung nötig sind. So würde sich z. B. ver-
stehen die Zustimmung des Porph. zu den Fehlern carm. 1,
2, 39 mauri, 1, 20, 1 potabis, 1, 23, 5 weris ... adventus, 1,
25, 20 hebro, 4, 2, 49 Teque dum procedis, 4, 4, 17 raeti, epod.
2,27 Fontes (?), 5, 28 currens Schol. AV, 5, 87 magnum,
serm. 1, 6, 131 patruus, alles Fehler, die ihrer Natur nach
recht alt sein können.
Diesem consensus der Fehler widerspricht natürlich nicht,
daß, während in einem späteren Exemplare der Ausgabe Text-
fehler sich einschlichen, im Commentar versteckt und unent-
deckt von den alles gleichmachenden Lesern das Echte sich
erhielt: solche Beispiele finde ich in carm. 1, 31, 9 calenam,
3, 24,4 Terrenum, 4, 4, 22 Nec scire mit A, 4, 14, 28 medi-
tatur, serm. 1, 4, 94 capitolin:, 1, 5, 51 caudi, 1, 6, 68 aut,
und Aehnlichem 1537).
16) Einen Beweis für Entstehung des Porphyrio-Commentars in
Verbindung mit dem Text, also einer Ausgabe, hat schon Wessner,
comm. philol. Jenens. V 1894 p. 161 gefunden in dem scholion zu serm.
1,9, 52 ne necesse sit frequenter ostendere, quis quae verba habeat aut unde
ineipiat loqui, hoc observandum est deinceps ut supra, ut, ubi duo puncta
interposita sunt, alteram personam loqui intellegas. Sicherer als diese
Notiz, die späteren Ursprungs sein kann, ja wohl sicher ist, scheint mir
der Umstand, daß Porph. die Sueton-vita seinem Commentar vorge-
schrieben hatte: das gehört zur Alexandrinischen Technik der ἔχδοσις.
Im allgemeinen vgl. jetzt über das Verhältnis antiker Commentare zum
Texte Diels, Didymos p. XXVII Leo, Nachr. Gött. Ges. 1904 p. 258.
— Auf diese Ausgabe des Porph. geht nun gewiß auch die ältere For-
mulierung der Gedichttitel mit z. Teil uns sonst unbekannten Perso-
nendaten (vgl. Kiessling de Horatian. carm. inscriptionibus ind.
Gryph. 1876) zurück; daß sie zum Teil nur in Apographon II erhalten
sind, ist nichts auffälliges.
1:1) Die in unserem ‘Porphyrio’ erwähnten Textvarianten sind fol-
gende: carm. 2, 6, 24 legitur et ‘vatis Orati’, carm. saec. 4 non ‘tempore
Pprisco dicendum fuit, sed: tempore quo(d) prisca imitatur. serm, 2, 1, 79
316 Vollmer,
Wie aber schon mehrfach angedeutet, ist das, was wir
heute Porph. zu nennen gewohnt sind, mit nichten alles, was
wir von Porphyrio haben. Während unser ‘Porph.’ mit Apo-
graphon II und dann mit ® sich verbreitete, gingen Excerpte
aus der in Apographon II noch vollständigeren Sammlung in
den Bland. über. Das wichtigste Plus dieses Armes ist die
außer in ® auch im Bland. erhaltene vita Suetoni. Also hatte
Porph., der bekanntlich allein diese vita citiert (zu epist. 2, 1,1;
comm. Cruq. zu carm. 4, 1, 1) seinem eigenen kümmerlichen Ela-
borat (wenn es überhaupt sein eigenes ist und nicht späteres
Machwerk, denn das Citat zu serm. 1, 6, 41 könnte auch auf
die Suetonvita gehen) die Suetonvita vorausgeschickt. Jede
gute Nachricht, jedes Autoren-Fragment in dem commentator
Cruguianus geht auf die vollständigere Porphyrio-Sammlung
in Apographon II zurück.
Und genau so liegt, wie wir nach dieser Analogie ruhig
annehmen dürfen, die Sache mit den Scholien A und den übri-
gen Pseud-Acronischen Scholien: Apographon I wie Apogra-
phon II haben jedes ad libitum von den Porphyrionischen
Randscholien des Archetypon excerpiert '?®). Mit dieser Er-
kenntnis ist der Weg zur Reconstruction des wirklich echten
und einigermaßen vollständigen Porphyrio-Commentars vorge-
zeichnet.
‘diffingere’ legitur et ‘diffidere. 2,2, 50 ‘victor’ legitur et ‘auctor’. 2,5,
69 quidam ‘Anerio’ ὕφ᾽ ἕν legunt. 2, 3,166 verum quidam legunt ‘bara-
thro’ ut veniat a nominativo barathrus. 2,3, 238 ‘nocte citata’ legitur et
‘vocata’. epist. 1, 11, 12 “wolet’ (legitur) et “uouet’. 2, 2, 54 ist die Va-
riante verloren (ne oder nil?). 2,2,80 zu lesen: ‘Et con r)acta s. u.
u. legitur et ‘cont[r]Jacta’: caute impressa ut ea sequendo contigerit tmi-
tator. 2, 2, 82 “insenuitque 1.’ legitur et “insonuit'. Dazu die Conjectur
epist. 1, 3, 10 haustu(s): num ‘haustw? Daß von diesen Varianten ir-
gend etwas auf Probus zurückgehe, ist unerweislich; die meisten sind
junge Schreibfehler und ihre Verbesserungen gewiß erst karolingisch.
Auch vovet epist. 1, 11, 12 ist kaum alt.
128) Ein directes Zeugnis für dieses Verhältnis haben wir bei dem
Scholion T zur ars poet. 288. Kiessling, (de pers. Horatianis p. 7)
wunderte sich mit Recht, woher der Scholiast solche Weisheit habe,
und meinte, der Pseudo-Acron habe Sueton excerpiert. Nun aber steht
ein Teil dieser Notiz im Scholion des alten Victorianus zu Ter. Haut.
prol. 36 (Schlee p. 76) mit der Quellenangabe secundum Porphyrio-
nem. Damit haben wir den unumstößlichen Beweis, daß Schol. TV
authentische Porphyrio-Scholien enthalten, die in unserem ‘Porph.’ ein-
fach fehlen. Vgl.nochim allgemeinen über das Verhältnis von Schol. A
und Schol. T Wessner, quaest. Porph. p. 167 ff. bes. p. 185.
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 317
Der beste Beweis für die Richtigkeit dieser Hypothese
liegt darin, daß sich ebenso wie im ‘Porph.’ auch in den
Blandinischen und den übrigen Scholien echte Lesarten ver-
steckt erhalten haben: besonders lehrreich ist epod. 2, 27, wo
unser Porph.-Scholion gar nichts besagt und sicher späteres
Product ist, während Schol. AT’ durch das Vergileitat, dessen
Subject saepes ist, für Frondes gegen Fontes eintreten. carm.
1, 23,1 hat der comm. τυ. das richtige Vitas statt Vitat
bewahrt (in der expos. metr. scheint es rückverbessert zu sein
wie ἴῃ den jüngeren Hss... Und derartiges wird sich wohl
noch mehr finden.
WALL
Es bleibt für die Geschichte der Ueberlieferung noch ein
Punkt zu besprechen. Wir sahen, daß die Hs. des Horaz,
welche in die Karolingerzeit übertrat, ein Exemplar der Aus-
gabe des Porphyrio war. Wir können es nun aber noch genauer
bestimmen. Es war nach der bekannten Subscription dasje-
nige Exemplar dieser Ausgabe, das nach dem Jahre 527 Vet-
tius Agorius Basilius Mavortius besessen und emendiert
hatte. Daß es eben diese Hs. selbst und nicht eine Abschrift
derselben war, wird mir durch die fehlerlose Erhaltung der
Subseriptio wahrscheinlich 13). Die Subscriptio ist uns be-
kanntlich hinter den Epoden mit dem Titel des carm. saec.
erhalten und zwar allein im Apographon I!?°) und hier wie-
der nur in Α 13). Daß damit kein Anlaß gegeben ist zu
glauben, Apographon II sei von Mavortius unabhängig, zeigt
129) Gerade umgekehrt scheint es mit dem Puteaneus des Pruden-
tius zu sein: wenn der Name am Ende der Cathemerinon, wie doch
seine Stellung wahrscheinlich macht, Rest der subscriptio ist, so ist
der Puteaneus eine Abschrift des Mavortius-Exemplars, nicht dieses
selbst.
130) Denn ihr Erscheinen in AlOq Brux. ist secundär, wie wir schon
oben (S. 291) sahen; für O vgl. Wickham Horace I p. 407. Daß diese
Hss. nicht direct aus A beeinflußt sind, zeigt neben Textvarianten ihr
richtiges EX COM. DOM. neben dem falschen EX COMEN. DOM. in A.
181) Da wir den Schluß von A nicht haben, da ferner das subscri-
bierte Exemplar, nach dem die Vorlage von Al und O abcorrigiert wor-
den ist, auch nur die carm. und epod. enthielt oder nur für die erste
Hälfte benutzt worden ist, so wissen wir nicht, ob die Subscription
von Mavortius am Ende des ganzen Horaz wiederholt worden ist.
918 Vollmer,
am besten das Beispiel des Vegetius, wo die subscriptio des
Eutropius auch nur in einer Hss.-Klasse (E) erhalten ist,
während die Abhängigkeit beider Klassen von einem Urcodex
außer Zweifel steht!??). Die Schreiber ließen eben ad libi-
tum die ihnen unnütz scheinende subscriptio fort. Unter die-
sen Umständen gewährt uns die Tatsache der emendatio durch
Mavortius weiter gar keine Belehrung, als daß wir den ter-
minus post quem des Archetypon kennen: irgend welche Les-
arten als Mavortianisch zu erkennen, fehlt uns jeder Anhalts-
punkt.
Dies Exemplar des Mavortius, den Text und den Com-
mentar des Porphyrio umfassend 1538), fand also (etwa in Bob-
bio?!3*) irgend einer der wohl von Kaiser Karl mit der Suche
nach einem Horaz beauftragten Gelehrten. Der Text war
noch in Capitalis rustica geschrieben 155), die Scholien etwa
in Cursive. Es wurde zweimal abgeschrieben, wie ich ver-
mute, beidemale in insularer Schrift!?‘). Während die für
die Schreiber der damaligen Zeit leicht lesbaren Abschriften
oft und schnell vervielfältigt wurden, ging das Urexemplar
zu Grunde. Die ersten Abschriften enthielten verhältnismäßig
noch nicht allzuviel Fehler, aber die Verderbnisse steigerten
sich in den jüngeren schnell: die hauptsächlichste Fehlerquelle
war das Eindringen der Glossen in den Text anstelle der
schwierigeren echten Lesarten 157); seltener, aber doch nicht
13?) 8. Vegetius ed. Lang”? p. XVII.
188) Um sich die äußere Einrichtung eines solchen Codex vorzu-
stellen, sehe man etwa das Bild eines Blattes von A (Chatelain, pa-
leogr. des class. lat. I planche 82) an.
184) Vgl. oben 8.287. Daß der Bland. aus Rom stamme (Cruqg.
Ῥ. 647 in Blandinüs iam ante annos septingentos aut circiter sceriptis Ro-
maque Gandavum perlatis) ist natürlich naive Anschauung des Cruguius.
135) Vgl. oben 8. 297.
186) Vgl. für Apographon I: carm. 1, 19, 11 Auersis A statt Aut
versis, 3, 25, 14 naidum statt natadum mit a unter der Zeile, 3, 29, ὃ
iura statt iuga, serm. 1, 3, 56 fugimus statt furimus, 2, 5, 93 periret
statt perisset, 2, 7, 19 acrior statt ac prior, epist. 1, 16, 5 δὲ statt m
u. a.; für Apographon 11: epod. 2, 25 risis R! statt ripis, epist. 1, 8, 12
uenturus statt wentosus, ars 117 wigentis statt wörentis. Die Fehler sind
für I beweiskräftiger als für II; ich halte nicht für unmöglich, daß II
westgotisch war, und erst ® insular. Doch darüber mögen Kundigere
entscheiden, wenn die Frage überhaupt sicher aus den Fehlern zu ent-
scheiden ist.
137) Bin paar der älteren Beispiele wenigstens seien hier zur Kenn-
zeichnung und gegenseitigen Sicherung zusammengestellt: carm. 4, 7,
Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz. 319
ganz ausgeschlossen sind directe Uebertragungen der Lesungen
der einen Hss.-Klasse in die andere '?®). So entstanden un-
sere Hss., die das historische Entwicklungsverhältnis vielfach
durch solche Correcturen verdunkelt haben.
Um nun kurz die Geschichte des Horaztextes zu recapl-
tulieren und anschaulich zu machen, setze ich ein Stemma her:
Horatius
|
editio Probi
|
editio Porphyrionis cum commento
exemplar Mavorti cum commento Porphyrionis
A
I cum schol. A II cum ‘Porph.’ et vi-
ta Suetoni
N
Bee re. Did ἃ Φ
Ἐλ]ὸπ ‘Porph.’
* *
*
Damit bin ich am Ziele. Niemand verkennt weniger als
ich, daß im einzelnen zu dieser Untersuchung Nachträge und
Verbesserungen geliefert werden müssen, daß besonders für
die richtige und gesicherte Ordnung und Herstellung der Il.
Klasse noch viel zu tun bleibt. Es muß eben ein Teil der
Arbeiten Holders und Kellers, die genaue Beschreibung und
17 vitae Bland. Odrn statt summae, 4, 14, 28 minitatur viele statt medi-
tatur, 1, 15, 20 cerines I Bland. O statt cultus, 3, 29, 34 alueo ABC RAl
statt aequore, epod. 5, 65 infectum ABCO statt imbutum, epod. 17, 64
doloribus und cruciatibus statt laboribus u. 5. w.
138) Das deutlichste Beispiel ist die Abcorrigierung der Vorlage von
Al und O nach der ersten Klasse durch die ganzen Oden und Epoden
hindurch.
320 Vollmer, Die Ueberlieferungsgeschichte des Horaz.
Prüfung der Hss. unter historischen Gesichtspunkten
von neuem gemacht werden. Sollte diese meine Untersuchung
dazu anregen, so würde einer ihrer Hauptzwecke erreicht sein.
Aber ich hoffe, auch der andere wird gefördert werden: zu
einer von historisch begründeter Würdigung
der Veberlieferung ausgehendn Nachprüfung
des Horaztextes einzuladen 159), Ich selbst habe schon,
niemandem zu liebe noch zu leide, eine Reihe von eingebürger-
ten Lesungen beseitigt oder verdächtigt, wahrhaftig nicht aus
Neuerungssucht. Aber ich meine allerdings: heute, wo wir haupt-
sächlich durch die mittellateinische Philologie gelernt haben
die Geschichte eines Klassikertextes wirklich nachzuerleben,
hat vor allem Horaz ein Recht darauf, daß man sich nicht
länger auf die Willkür früherer Kritiker, seien sie auch so
genial wie Bentley, verlasse, sondern methodisch die wirkliche
Ueberlieferung herstelle und prüfe.
139) Ich wollte gleichzeitig mit diesem Aufsatze eine kritische Aus-
gabe, deren Ms. fertig bei mir liegt, erscheinen lassen, muß aber nun,
plötzlich vor neue große Aufgaben gesetzt, die Ausgabe um einige Zeit
zurückschieben. Den Aufsatz halte ich (auf die Gefahr einiger Ver-
sehen und Lücken hin) nicht länger zurück, um genauere Untersu-
chungen in Fluß zu bringen.
Inhalt.
Seite
Neuere Urteile über Horazkritik und -recensio. Die recensio ist
noch nieht gemacht I, N) Ve -
- I. Indirecte Ueberlieferung . 264
Il. Directe Ueberlieferung. Frühere Beurteilung. Verzeichnis
der allen Hss. gemeinsamen Fehler. Alle Hss. gehen auf
ein Archetypon zurück . 277
Ill. Horaz im 7. und 8. Jahrh. verschollen, erst im 9. durch die
Karolinger wieder verbreitet . . ραν a...
IV. Zwei Hss.-klassen, d. h. zwei Apographa ‘der Urhs. . . . 289
V. Das zweite Apographon schwierig zu reconstruieren: Ver-
derbnis der mittelfranzös. Gruppe ®. Auch der Bland. ge-
hört zur 2. Klasse, ist nicht selbständig . . 297
VI. Gemeinsame Fehler des Porphyrio und der Hss.: also das
Urexemplar eine commentierte Ausgabe des Porphyrio . . 313
VI. Die Urhs. das Einzelexemplar des Mavortiuss . . . . . - 817
Inhalt. 901
Notanda.
Seite Seite
Buceillus: Rufillus 265 Macrobius 269
W.v. Christ 261. 263 Anm. 2. 278 Maximianus 287 Anm. 54
Anm. 29; 32. 289 metrici 262. 272
commentator Cruquianus 316 Metrorius 269
Gesamtausgabe d.Horaz278 Anm.29 Micon 288
Handschriften: einzelne: Nonius 268
alte zu Lorsch 288 Anm. 61 Phocas 270
alte zu Bobbio 287. 318 Plin. maior 266
A 317 Anm. 130. 131 Plutarch 268
B 264 Anm. 5 Pompeius 269
Bland. 279. Anm. 33. 290 Anm. Priscianus 275
68 u. 69. 298. 306 ff. 318 Anm. 134 Probus 267
CE 289 Anm. 62. 291 Anm. 73 Quintilianus 266
aE 297 Anm. 81 Rufinianus 269
Δ] 291 Anm. 72. 317 Anm. 130 Sacerdos 268
O 264 Anm. 5. 291 Anm. 72, Scaurus 268
317 Anm. 130 schol. Juvenalis 273
R 298. 305 schol. Lucani 273
u 298 Anm. 82 | schol. Statii 273
& 298 ff. Seneca 269
Heirice von Auxerre 298. 302 ff. Serenus 268
Hertz 261. 286 Ps. Sergius 269
Holder u. Kellers Ausgabe 262 f. Servius 271
264 Anm. 5. 271 Anm. 22 Sidonius 275
indirecte Ueberlieferung: 264 ff. Suetonius 268
Agroecius 270 Symmachus 274
Aldhelm 288 Anm. 56 Venantius 287 Anm. 53
Augustin 274 Vietorinus 269
M. Aurelius 208 | Juvenalis sat. 7, 226 267 Anm. 15
Ausonius 274 | Keller (s. auch Holder) 277
Baeda 283 Anm. 56 | Leo 263 Anm. 4. 278. 289
Boethius 276 , Manitius 286
Braulio 287 Anm. 52 | Mavortius 277 Anm. 25. 317
Caesius Bassus 266 ı monosyllaba gelängt 302
carmen de figuris 269 | Nonius 278 Anm. 30
Censorinus 268 | Ordnung der Horazbücher 278
Charisius 269 Anm. 80. 285 Anm. 49. 289 ff.
Cledonius 269 , Pallavicini’s Oden 280 Anm. 37
Columbanus 237 | Porphyrio 290. 313 ff.
Consentius 269 in Lorsch 313 Anm. 120
Diomedes 269 interpoliert 313 ff.
Donatus in Terentium 270 Ausgabe des Horaz 315
Dositheus 269 zu c. 4, 4, 22 281 Anm. 38
Eutyches 276 zu sat. 1, 6, 126 309
Exempla divers. auctorum 288 | Probus 266. 267. 285 Anm. 47
Fl. Caper 268 | Prudentii cod. Puteaneus 317
fragmenta Bobiensia 287 Anm.55 Anm. 129
Fronto 268 | Rufillus: Buceillus 265
Gellius 268 | scholiasta A 316
glossae Placidi 270 | Sueton de gramm. 303
gramm. de ult. syllabis 270 | Sueton vita Horati 316
gramm. de dub. nominibus 270 | Titel der Bücher 278
Hieronymus 274 | Titel der Gedichte 315 Anm. 126
Horatius 265 | Usener 263 Anm. 2
Isidorus 287 Anm. 52 | Zahl der Gedichte in einz.
Juvenalis 268 Büchern 280 Anm. 37
Lactantius 268
322
Inhalt.
Genauer behandelte Horazstellen.
Seite
earm. Ὁ Ὁ 262
12,731 279 Anm. 34
41 267
19. Ὁ 280 Anm. 35
15, © 275
20 308
19, 11 292.318 Anm. 136
20... 280 Anm. 36
ΝΗ ἯΙ 280. 817
1, 18 3ll Anm. 113
38 281 Anm. 37
liber I nicht unvollständig 281
Anm. 37
2,17, .14 275
18, 30 272
3, 4, 69 275
6, 10 275
11 275
ale; 273
14, 14 275
19 £. 269
ΠΗ. 276
24, 4 306 Anm. 94
29, 34 298 Anm. 83
4, 4 2 310
6, 21 811
13, 14 306 Anm. 94
14, 28 282 Anm. 39
carm. saec. 5
epod. 1,
6,
serm. 1, 1,
308
21 307 Anm. 94
25 307 Anm. 9
27 317
3 307 Anm. 96
38 305
serm. 1, 1 108
2, 27
epist. 1,
18, 111
ars poetica 45 f.
237
294
328
Juni — Juli 1905.
283 Anm. 42
283 Anm. 43
811
283 Anm. 44
310f.
265
309
310
302 Anm. 89
275
sıl
311 Anm. 113
310
307 Anm. 97
310
310
307 Anm. 99
295 Anm. 79
276
274
307 Anm. 100
316 Anm. 127
285 Anm, 45
304 Anm. 90
310
284
305
272
308 Anm. 103
308 Anm. 104
308 Anm. 105
DE
SENECAE HERGULE OETAEO
SCRIPSIT
AEMILIUS ACKERMANN.
Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 22
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ὮΝ. ὸ τὺ h κὰ }
Iam iterum ac saepius disputaverunt viri docti, utrum
Hercules Oetaeus fabula nomine Senecae inscripta tota et in-
divisa sit tragoedia ab uno eodemque poeta scripta an dıiversis
ex partibus composita compluribus auctoribus originem debeat.
nec magis nimirum de poeta ipso constabat. 811 enim non-
nullas fabulae partes spurias, 8111 totam tragoediam Senecae
abiudicandam, alii totam clarissimo illi philosopho esse relin-
quendam demonstrare studuerunt. et magna est series virorum
doctorum, qui in Hercule Oetaeo tractanda operam ac studium
collocaverunt. quos cum Mich. Muellerus (in Senecae tragoedias
quaestiones criticae p. 1 sq.), Schanzius (Handbuch der klas-
sischen Altertumswissenschaft VIII, IU2 p. 39 sq. et p. 50),
G. Richterus (in editionis [1902] nota titulo subiecta p. 319 sq.)
diligenter enumeraverint, hanc quaestionem iterum ab ovo
tractare supersedeo et satis habeo nihil commemorare nisi
haec. Richtero, qui quondam totam tragoediam a Seneca
abiudicaverat (de Seneca tragoediarum auctore a. 1862 p. 31),
Melzerus probavit (de Hercule Oetaeo Annaeana a. 1890) fabulam
a Seneca breviter delineatam, non absolutam et perpolitam
esse. itaque Richterus iam ad id progressus est, ut in anno-
tationibus eis, quas memoravi, scriberet sententiam Leonis, qui
solam priorem fabulae partem a Seneca esse profectam statue-
rat (de Senecae tragoediis observationes criticae a. 1878), stare
non posse. sed Leoni non item Melzerus persuadere potuit.
Leo enim cum nuper dixerit (Göttingische Gelehrten-Anzeigen
a. 1905 fasc. 1 p. 5): ‘Man wird mir glauben, dass ich dieser
Jugendarbeit wie einer fremden gegenüberstehe; so darf ich
wohl sagen, dass ich fast alle gegen meine Beweisführung er-
hobenen Einwendungen für unrichtig halte’, in pristina opi-
nione sua perseverat. Birtius autem, qui olim Herculem Oetaeum
spuriam fabulam esse contenderat (zu Senekas Tragödien, Mus.
Rhen. t. 34), per colloquium mecum communicavit se nunc
22 *
996 Aemilius Ackermann,
propensiorem esse in partem eorum qui genuinam eam esse as-
severent; certe unius poetae esse. itaque rogavit me vir doc-
tissimus, ut ipse quoque huic quaestioni operam navarem. quae
cum ita essent, meum esse putavi denuo has res excutere et
disputare, praesertim cum nonnulla me invenisse crederem ar-
gumenta adhuc a viris doctis neglecta. quaenam sunt haec ar-
gumenta? aut Leonem aut Melzerum recte dixisse comprobare
nolo ; solummodo demonstrare conabor argumenta eorum, qui
Herculem Oetaeum totam et indivisam tragoediam ἃ Seneca
. scriptam esse negant, parum valere. quae res tractanda tres
sibi requirit partes. primum enim de auctoritate, tum de uni-
tate, tertium de consilio huius tragoediae quaeram.
I. De Herculis auctore.
Quis igitur sit auctor Herculis Oetaei nunc considerandum
est. Leo, qui hanc quaestionem ex integro institwit, argumen-
tationem suam incipit his a verbis (l. 5. p. 48): habet aufem
haec fabula quibus vel obiter intuenti a religquis differre vi-
deatur : titulum antiquwitus praefert cum prima fabula commu-
nem; agitur primum ad Oechaliam, dein Trachine; chori au-
diuntur duo; spatium complet reliquis fere duplo ampliorem (sic).
communem titulum vir doctissimus, quamquam ipse priorem
tragoediae partem (v. 1—740)!) genuinam aestimat, argumen-
tum esse contendit. sed versus 1—740 quemnam titulum ha-
bent? Birtius qui traditi fabularum Annaeanarum ordinis causis
sciseitandis diligenter operam dedit (Mus. Rhen. 34 p. 532),
secundum res et titulorum naturam ordinatas esse tragoedias
recte dixisse videtur. sed cum Hercules alter et in re et in
tituli forma cum antecedente fabula egregie concordet (utro-
bique enim viri nomen est), non est cur cum Birtio Her-
culem Oetaeum spuriam esse credamus, praesertim cum Her-
culi priori fabulae in initio positae respondeat Hercules alter
in fine exstans. atque cum post Herculem furentem semper bi-
narum fabularum tituli inter se congruant, non versimile esse
mihi quidem videtur Thyestem non habere quo spectet. prae-
terea Herculem Oetaeum non unicum exemplum esse puto quo
indicetur eundem poetam duas tragoedias eodem titulo prae-
1) Numeris a Richtero editore adhibitis sum usus.
De Senecae Hercule Oetaeo. 3937
scriptas fecisse. Sophocles enim duos Aiaces scripsit, Aiacem
μαστιγοφόρον et Aiacem Aoxpöv. atque in Aiacis superstitis hy-
pothesi legimus hanc fabulam Aiacem μαστιγοφόρον nomina-
tam esse, ut ab altero Aiace discerni posset, nam ἐν ταῖς διδα-
σχαλίαις ψιλῶς Αἴας ἀναγέγραπται. hac re mihi probatur Sopho-
elis Aiacibus eundem titulum (sc. Αἴας) fuisse ?). sed haec om-
nia, quae protuli, si falsa essent, cum infra (in tertia parte) dixe-
rim quibus causis commotus poeta iterum Herculem tractaverit,
non ita aegre ferrem?). religua Leonis argumenta, quae supra
(p. 326) commemoravi, cum Hercules Oetaeus sit δρᾶμα dva-
γνωστιχόν (cf. part. alt.), nullius momenti sunt. sed ponamus
hanc fabulam in scaenam esse productam, tamen in eo, quod
duobus locis res agitur, offendere non possumus. nemo enim
nescit et in Aeschyli Eumenidibus et in Sophoclis Aiace idem
fieri. ac Birtius vir doctissimus non solum in Ouriatii Materni
Domitio praetextata, sed etiam in Senecae Phoenissis scenam
mutari comprobare conatus est (p. 526 sqq.). quod duo chori
inducuntur, cum in Agamemnone idem deprehendamus, ab An-
naeano usu non abhorret. accedit quod Melzerus (l. s. p. 12)
et Steinbergerus (commentationes Guilelmo de Christ dedicatae
p. 189) dubitant, an in Medea quoque duplex sit statuendus
chorus. nec est cur versuum multitudinem vituperemus. cum
enim Hercules alter ex versibus 1996, Hercules prior ex 1326
constet, differentia non tanta est, quae ferri non possit. atque
cum Aristoteles dicat (ars poet. cap. 7): τοῦ μήχους ὅρος“ ὃ)»
μὲν πρὸς τοὺς ἀγῶνας χαὶ τὴν αἴσϑησιν, οὐ τῆς τέχνης ἐστίν,
solummodo deliberandum est, utrum spatium, quod Hercules
Oetaeus complet, sit tantum, ut in scaenam produci non possit
an etiam aliae tragoediae eiusdem longitudinis inveniantur.
Sophoclis Oedipus Coloneus 1779 ex versibus composita est et
Euripidis Phoenissis sunt versus 1766. Iuvenalis ingentes fa-
bulas irridet I 4 sqg.:
impune diem consumpserit ingens
Telephus aut summi plena iam margine libri
scriptus et in tergo necdum finitus Orestes ? *)
?) Cf. G. Hippenstiel de Graecorum tragicorum principum fabularum
nominibus Ὁ. 15 566.
°) De communi titulo etiam Melzerus disputavit p. 13.
*) Of. Friedlaenderum ad 1., qui duos alios adnotavit.
328 Aemilius Ackermann,
itaque in Herculis alterius versuum numero haerere non pos-
sum?) (cf. partem alteram et tertiam). aegre quoque tulerunt
Bentleius®) et Leo’), quod Hercules Oetaeus et Octavia fabulae
solae cantico terminantur. contra dieci potest Annaeanas tra-
goedias omnes praeter Phaedram et Octaviam, in quarum initiis
monodia invenitur, a prologo incipere. hac re num Phaedram
esse spuriam probatur ?
Multos vero Herculis Oetaei locos imitatione e ceteris Se-
necae tragoediis expressos esse contenderunt Goebelius°), Rich-
terus°), Leo 19), Birtius"'), Tachavus'?). sed haec res, cum et Leo
(I p. 49) et Tachavus (l. s.) lubenter concesserint iure optimo
obici posse Senecam solere semet ipsum exscribere etiam in
religuis fabulis, praesertim ubi de rebus similibus agatur, sine
dubio cautionem habet. atque Melzerus, qui plurimos locos ἃ
viris doctis collectos iniuria huc referri putaverit, quinque
tantum versiculos fortasse alicuius momenti esse dixit (p. 21sgq.).
ego autem reliquas fabulas Annaeanas perscrutatus aliam tra-
goediam inveni, in qua eadem licentia atque in Hercule Oetaeo
admissa est. conferas enim inter se haec:
Med. 222: huc ferat et illuc
Hf. 999: huc eat et illuc
Med. 215: vidua Thermodontiis
Hf. 246: vidua Thermodontiae
Med. 270: libera cives metu
Troad. 581: libera Graios metu
Med. 288: precor brevem largire fugienti moram,
dum extrema natis mater infigo oscula
Troad. 760: brevem moram largire dum offi-
cium parens
nato supremum reddo
ἐ, Conferas etiam Melzerum p. 18.
°) Albert Stachelscheid, Be Emendationen zu Senecas Tragoe-
dien, ann. Fleck 125, p. 492.
1. Die Komposition der Chorlieder Senecas, Mus. Rhen. 52 p. 512.
8) Quaestiones Horatianae, pars II in Muetzell, Zeitschrift für das
Gymnasialwesen XVI, p. 738 adn. 1.
9) De Seneca tragoediarum auctore p. 30 56.
10) Editionis vol. I p. 51 sg.
11) L. s. p. 522 sqq. et p. 536.
1?) Zu Senecas Bun Philol. 46 [1887], p. 378 sqq.
Med.
Meed.
Med.
Med.
Med.
Med.
Med.
Med.
Med.
Med.
Med.
De Senecae Hercule Oetaeo. 329
431: o dura fata semper et sortem asperam
Troad. 1056: o dura fata saeva miseranda
horrida
432: cum saevit et cum pareit
Phoen. 35: cum occidis et cum pareis
446: totus in vultu est dolor
Ag. 128: totus in vultu est dolor
493: dum licet abire, profuge teque hinc eripe
Thy. 428: reflecte gressum, dum licet, teque eripe
531: nunc summe toto Iuppiter caelo tona
Hf. 1202: nunc parte ab omni, genitor, iratus
tona
590: bene est, tenetur
Troad. 630: bene est, tenetur
561: excidimus tibi?
HO 1332: exeidimus tibi?
652: quamvis bene fata nosset
Phoen. 83: fata bene novi mea
896: pars ultionis ista qua gaudes quota est?
Hf. 1191: cladiıs tuae pars ista quam nosti
quota est?
945: unicum afflictae domus
Troad. 462: unica afflietae domus
1019: bene est, peractum est
Oed. 998: bene habet, peractum est.
Hos locos si vidisset Richterus qui, cum in Hercule Oetaeo
octo tantum versiculos imitando effectos exstare credidisset, di-
cere jam ausus est (l. s. p. 30): imitatoris imbecillitas vel eo
se prodit, quod multa ex aliıs fabulis, imprimis ex Hercule
priore, in usum suum convertit, aut verbis imitatoris umbecil-
htas non usus esset, aut Medeam quoque spuriam putavisset.
itaque si Medea genuina est fabula, etiam Hercules Oetaeus
a Seneca scripta esse potest.
Sed ne dicas non satis diligenter me hac in re versatum
esse, versus am affero hos:
Hf. 46: nec satis terrae patent
Med.
Hf. 605: non satis terrae patent
185: liberet fines metu
990
Aemilius Ackermann,
Med. 270: libera cives metu
Thy. 279: bene est, abunde est
Thy. 889: bene est, abunde est
Thy. 348: rex est qui posuit metus
Thy. 383: rex et qui metuit nihil!?)
Hf. 522: infernus imo sonuit e fundo fragor*)
Thy. 262: imo mugit e fundo solum
Hf. 330: talis incessu venit
Troad. 465: talis incessu fuit
Hf. 1189: His etiam, pater,
quicquam timeri maius aut gravius potest?
Oed. 828: malum timerimaius hisaliquod potest?
Hf. 1202: nunc parte ab omni, genitor, iratus tona
Thy. 1080: committe et omni parte violentum
intona
Hf. 953: quo, nate, vultus huc et huc acres refers
Troad. 1092: pro turre, vultus huc et huc
acres tulit
Hf. 1009: Megara furenti similis e latebris fugit
Phoen. 427: vadıt furenti similis aut etiam furit
Hf. 1283: fortis in pueros modo
Troad. 755: fortis in pueri necem
Hf. 1012: quo misera pergis?
Phaed. 142: quo misera pergis?
Phaed. 155: quid ille qui mundum quatit
vibrans corusca fulmen Aetnaeum manu
sator deorum ?
Oed. 1023: non si ipse mundum coneitans divum
sator corusca saeva tela iaculetur manu
Phaed. 258: decreta mors est
Phoen. 244: decreta mors est
Phaed. 525: non equidem reor
Troad. 868: non equidem reor
Phaed. 1271: o dira fata, numinum ὁ saevus furor
Oed. 75: o saeva nimium numina, Ο fatum grave
Oed. 521: mitteris Erebo vile pro cunctis caput
Ag. 231: oppone cunctis vile suppliciis caput
18) Versum delevit Leo vol. II p. 251. '*) Delevit Leo II p. 375.
De Senecae Hercule Oetaeo, 991
Oed. 868: dehisce tellus, tuque
Troad. 519: dehisce tellus, tuque
Hf. 1148: nescio quod animus grande praesagit malum
Phoen. 278: magna praesagit mala
paternus animus
Thy. 958: mens ante sui praesaga mali
ΗΟ 1455) : nescio quod animus grande praesa-
gıt malum
Hf. 1138: quis hic locus, quae regio, quae mundi plaga?
Troad. 498: quis te locus, quae regio seducta,
invia
tuto reponet ?
HO 1197}: quis me locus, quae regio, quae
mundi plaga
defendet ?
Alios locos collegit et cum Octaviae versibus composuit
Fr. Ladek (de Octavia praetexta. dissertationes Vindobonenses
II p. 52 sqgq.). sed iam satis me demonstravisse credo ceteris
in fabulis locos imitatione expressos non minus raro quam in
Hercule Oetaeo inveniri. ac si tales loci in altero Hercule ali-
quanto crebrius exstarent, non multum valeret. tale quid etiam
alii poetae et scriptores sibi permiserunt. in fine Euripidis
Alcestis, Medeae, Andromachae, Baccharum, Helenae scriptum
videmus:
πολλαὶ μορφαὶ τῶν δαιμονίων
πολλὰ δ᾽ ἀέλπτως χραίνουσι ϑεοί"
χαὶ τὰ δοχηϑέντ᾽ οὐκ ἐτελέσϑη,
τῶν δ᾽ ἀδοκήτων πόρον εὖρε ϑεός.
τοιόνδ᾽ ἀπέβη τόδε πρᾶγμα 17).
ex Xenophontis Hellenicis totas paragraphos ad verbum fere
in Agesilaum translatas esse recte vidit H. Hagenius (de Xe-
nophonteo qui fertur Agesilao capita V p. 11). nec ab Dione
Chrysostomo tales repetitiones sunt alienae; confer H. de Ar-
15) Leo solummodo versus Hf. 1148 et HO 745 vidit (Ip. 51);
pertinent autem haec verba ad sermonem cottidianam, legimus enim
iam apud Terentium (Heautont. 236):
sed nescio quid profecto mi animus praesagit mali.
16) Non igitur in Hercule priore et altero fabulis solis haec verba
exstant. confer Leonem 1 p. 52.
11) Hos versus non semper genuinos esse contendit Lindskog non
primus (Studien zum antiken Drama p. 17).
992 Aemilius Ackermann,
nim Leben und Werke des Dio von Prusa p. 416 sqq. haec
omnia si animo complectemur, etiam Senecae eorundem verbo-
rum iterationem indulgebimus?®).
Nonnumguam autem verbis iterum usurpatis aliquid durius-
culi vel obscuri et contorti inhaerere dixerunt 1), Heinsius, Leo,
Birtius, Tachavus. atque Heinsius (apud Scriverum p. 346)
Herculis Oetaei versus 661/62:
nec gemmiferas detrahit aures
lapıs Eoa lectus in unda
rettulit ad Phaed. 391:
nec niveus lapis
deducat auris, Indici donum maris.
eredidit enim detrahit (HO 661) inepte pro deducit positum
esse. idem vituperavit Leo (p. 50 adn. 2), qui cum versus
1— 740 genuinos aestimaret, hunc locum a Seneca esse scriptum
ipse contendebat. atque quamquam aures deducere paulo melius
dictum est quam aures detrahere, tamen hoc non ita aegre fere-
mus, ut argumentum contra fabulae auctoritatem esse concedamus.
Plura Leo protulit (I p. 51 sqq.), sed numquam recte.
quamquam iam Melzerus argumenta eius diluere studuit (p. 22),
tamen cum paene nusquam satis accurate contradixerit, aliqua
mihi erunt addenda. versus (Π 0 1048):
abrumpit scopulos Athos
Centauros obiter ferens
facile intellegi possunt, nam vertendum est: ‘Der Athos reisst
Felsen ab, auf denen er oben Centauren trägt‘. alii poetae
similiter locuti sunt cf. Claudiani Gigantomach. Graec. v. 59:
᾿Εγχέλαδος δ᾽ οὐ λῆγε μάχης, ἀνὰ δ᾽ ἥρπασε νῆσον
πρόῤῥιζον πολέεσσιν ἐρειδομένην ὀρέεσσι
ρθῶ δ» οἀαείνμεόνε υρή ρος δὲ ἐν δέ τε νήσῳ
δένδρεα καὶ ποταμοὶ ϑῆρές τ᾽ ἔσαν ὄρνιϑές τε.
et Apollin. Sidon. ο. IX, 88:
Nec Flegrae legis ampliata rura,
missi dum volitant per astra montes
Pindus, Pelion, Ossa, Olympus, Othrys
cum sılvis, gregibus, feris, pruinis
18) Addere poteram in Aristophanis Vespis (1030—36) eosdem versus
exstare, qui in Pace (752 sqq.) leguntur.
ὩΣ ΣΝ"... ἕ ὡρκ᾽ λυ ΣΝ
De Senecae Hercule Oetaeo. 333
saxis, fontibus, oppidis levati
vibrantum spatiosiore dextra.
Ad HO 1293: inter infernos lacus
possessus atra nocte cum Fato steti
Leo non recte adnotavit: Heinsius scribere voluit obsessus, recto
iudicio, nam de homine male diei sensit quod apte de rebus
dicitur. Melzerus iam attulit
Troad. 562: nate, quis te nunc locus
fortuna quae possedit.
praeterea conferendi sunt loci hi: Stat. Theb. VII 550:
Tene ille, heu demens, semel intra moenia clausum
possessumque odiüs Argiva in castra remittet?
X 676: iuvenis multo possessus numine.
carm. epigr. lat. 1243 v. 3: quem numquam cupidae possedit
gloria famae. —
HO 1347: agnosce mater — ora quid flectis retro
vultumque mergis ?
Leo negavit mergere idem significare posse quod abscondere.
hoc iam notum erat N. Heinsio (adversariorum libri IV p. 279)
et ex lexicis satis superque constat.
HO 1392: surgat hinc illine nemus
artusque nostros durus immittat Sinis:
sparsus!?) silebo.
Leo aegre tulit participium perfectum sparsus, quod Melzerus,
cum duo illi loci, quos attulit, in hanc rem omnino non quadrent,
non feliciter defendit. videas autem ipse:
Troad. 344: Illo ex Achille, genere qui mundum suo
sparsus per omne caelitum regnum tenet 30).
poeta dieit Achillem genere suo per omne regnum sparsum
totum tenere mundum. Achillis corpus num Melzerus credidit
multas in partes divisum esse? alter locus est Med. 625 sqq.:
ille vocali genitus Camena,
cuius ad chordas modulante plectro
restitit torrens, siluere venti,
cum?! suo cantu volucris ?? relicto
19) Sparsus hoc loco idem est atque in partes divisus.
20) His de versibus iam Leo dixit (G. G. A. p. 10 adn. 1): Troad.
‚344 ist überhaupt anders.
1) Tum praebet E. 25) volueres E.
994 Aemilius Ackermann,
adfuit tota comitante silva,
Thracios sparsus iacuit per agros,
at caput tristi fluitavit Hebro”:
contigit notam Styga Tartarumque,
non rediturus.
in sententia: T’hracios sparsus iacwit per agros Orpheum esse
subiectum Melzerus contendit, quod tamen prorsus incredibile
est. neque enim Orpheus, dum canit, sparsus iacebat, neque,
cum magnitudo eius tot cubitorum non esset, per agros iacere
poterat, neque in partes divisus lyram modulabatur. atque
cum Melzero si in eadem sententia sumus, contextus sermonis
male interrumpitur. quid enim 5101 volunt verba af caput, quae
sine dubio ad antecedentia respiciunt? re vera autem in versu
630 subiectum est Hebrus casus nominativus, qui ex dativo
in sequente versu exstante supplendus est. Seneca igitur
narrat fluminis prope Orpheum partem substitisse, Hebri caput
autem fluxisse. Similis locus in Hercule Oetaeo invenitur
(cf. p. 340). itaque cum Melzeri propugnatio non prospera
fuerit, alio modo huie participio perfecto sparsus excusatio
paranda est. legas autem, quae infra (p. tert.) hac de re disputavi.
De versu 1556 quae Leo disseruit, cum optime a Melzero
(p. 23) refutata sint, sufficit commemorare, non Leonem pri-
mum, sed Peiperum post versum 1556 lacunam statuisse.
Hf. 745 sqq. Theseus de iudicibus infernis locutus
reges adhortatur, ne crudelitati assuescant. eandem hor-
tationem prorsus inepte et χαχοζήλως HO 1560—63 inser-
tam esse idem Leo autumavit, cui oblocutus est Melzerus verbis
his: HO 1556 sq. autem aliquis est rerum contextus: inter
inferorum iudices dehince Hercules quoque erit; quanto igiur
gravior erit post mortem regum et tyrannorum poena, praeser-
tim cum illos potissimum uleisci vivus solitus sit. liceat mihi
paulo accuratius hanc rem explicare. poeta dieit (v. 1550 sqgq.):
‚nunc ad Acherontem vadit Hercules, quem Charonis cumba non
solum, sed una cum multis vilibus umbris transferet. tamen
Hercules inter viles umbras non manebit, sed inter iudices in-
fernos sedebit
28) Hoc conieeit Gronovius, traditum est in Εἰ: ad caput tristis
fluitavit Hebri, in A: ad caput tractus flwvialis Hebri.
De Senecae Hercule Oetaeo. 335
.
facta discernens, feriens tyrannos.
proinde, o tyranni, iusti este ac ferrum tenete purum.* itaque
haec hortatio non prorsus inepte, sed plane apte inserta est.
cur autem auctor eam indiderit, infra (cf. tert. part.) dixi.
HO 1721 plane rustico obiurgio in Philoctetem invehitur
his verbis: ‚ignave iners inermis’ ceterum compositus et man-
suetus, sed transtulit hoc ex Thy. 176: ‚iguave, iners, enervis'.
hoc recte dietum esse Melzerus Leoni concessit, ego non item
concedo. in versu 1717 Hercules Philoctetem flammas poscit.
v. 1718 hortatur Philoctetem, ne segniter facem comprehendat.
sed Philoctetes segnis est. hac re iratus exclamat Hercules:
quid dextra tremuit et Philoctetae manum pavidam appellat
(v. 1719). etiam arcum reposecit. atque cum Philoctetes etiam
nunc cunctetur, periratum Herculem verba gnave, 1678,
inermis adhibere non mirum est. neque quae sequuntur sunt
mansueti. dicit enim Hercules: en nostros manus quae tendat
arcus. intellegenda autem haec verba sunt sic: haec tua ma-
nus, quae pavida et ignava est nec rogum incendere audet, no-
strum nunc tenet arcum omnibus populis notum. itaque obiur-
gatio illa et cum antecedentibus et cum sequentibus verbis
coneinit. neque hoc loco neglegamus rem non ipsam in scaena
agi, sed a nuntio narrari. ceterum vide Melzerum.
Totam vero scaenam quae est HO 1399 sqgq. ex Hercule fu-
rente male expressam esse contendit Leo, qui enixe operam dedit,
ut imitatoris manum detegeret. statuit autem hanc de fu-
rore scaenam inepto loco fabulae immissam esse, cum dixit:
de calamitate sua multum multumque declamavit et decantavit
(sc. Hercules), de furore nihil audivimus ; nec quae novissimo
loco dieit magis sunt reliquis insana. subito docemur Alcme-
nae verbis furorem instare:
1402: ei mihi, sensum quoque
excussit illi nimius impulsus dolor.
quod Melzerus contra dixit, nihili est. multis autem annis
ante Melzerum excellenter de hoc loco disputavit vir doctissi-
mus Birtius (l. s. p. 516). recte enim ostendit ea, quae Her-
cules novissimo loco loquatur, sine dubio magis esse reliquis
insana. ‘Plötzlich’ inquit ‘schlägt Herkules statt der (voran-
gegangenen) Klagen einen kampflustigen Ton an, indem er
336 Aemilius Ackermann,
mit seiner Krankheit zu fechten verlangt:
v. 1399: ubi morbus, ubinam est? estne adhuc aliquid mali
in orbe mecum ? veniat, huc aliquis mihi
intendat arcus: nuda sufficiet manus.
Diese Herausforderung macht auf Alkmene mit Recht den Ein-
druck des Wahnsinns’. hoc recte dietum esse pro certo habeo.
De versibus 1408 sqgq. satis bene disseruit Melzerus (p. 24).
nec vituperandus est locus 1415—1418.
Denique Birtius (p. 511) et Melzerus (]. s.) mihi probave-
runt in Megara v. 1452 memorata offendi non posse. quae cum
ita sint, iam in illa de Herculis furore scaena conexus verbo-
rum nusquam interrumpitur.
Neque verum est quod Leo ad versum 1406: dolor iste
furor est: Herculem solus domat adscripsit: huius enim coloris
gratia omnis de furore scaena inserta est. aeque perperam
Melzerus dixit (p. 23): denique ne id quidem spernendum est,
quod Leo ipse adnotavit, ideo nostro loco Herculem fwrentem
fingi, ut color ville magnificus (ΗΟ 1407) inseratur. veram
causam, quam in tertia huius libelli parte explanabo, viri docti
non deprehenderunt.
Birtium offendit (p. 532), quod in prologo Hercules nimis
se efferat et caelum expugnare in animo habeat. idem in Her-
cule priore fieri, ibi autem Herculem furore impulsum tale
quid loqui. cur poeta Herculem ita insolescentem fecerit, ibi-
dem (tert. p.) expositurus sum.
Ultimus Tachavus in Hercule Oetaeo sententias imitatione
male expressas animadvertisse se opinatus est ?*). ac primum
comparavit
HO 170: commoda cladibus
magnis magna patent; nil superest mali
iratum miserae vidimus Herculem
cum
Troad. 422: hie mihi malorum maximum fructum abstulit,
nihil timere.
dubitavit enim, num verba commoda ... patent satis intellegi
possint et cum antecedentibus cohaereant. negavit autem vir-
gines, cum tempus futurum ignorent, dicere posse: nil superest
2) Zu Senecas Tragoedien, Philol. 46 [1887] p. 378 sqg.
De Senecae Hercule Oetaeo. 337
mali. in verbis commoda ... patent quiequam.,obscuri non vi-
deo atque verto: ‘Großes Unglück ist zugänglich für große
Vorteile’ vel ‘Großes Unglück ist oft von großen Vorteilen be-
gleitet. v. 119—142 virgines Oechalides de clade sua conque-
runtur; hanc cladem eis intulit Hercules, immanis ille heros
(143—170). tamen unum commodum magnum hac clade nac-
tae sunt: nullum malum superest, nam iratum Herculem vi-
derunt, quo maius malum inveniri non potest (170—172). ita-
que verba commoda ... patent cum antecedentibus conveniunt
atque conspirant et virgines, cum Herculem iratum omnium
maximum esse malum sciant, dicere possunt: mil superest mali.
Herculis iram haud dubie perguam horribilem poeta finxit, sed,
quod infra (p. tert.) demonstrare studui, non sine consilio ac
iudicio hoc fecit.
Deinde Tachavus HO 107 sq. cum Troad. 150 contulit.
hac quoque de re inspicias quae in altera parte dixi.
Postremo vir doctissimus composuit
HO 122: felices sequeris, mors, miseros fugis
cum
Troad. 1171: Mors votum meum,
infantibus violenta virginibus venis,
ubique properas, saeva: me solam times
vitasque, gladios inter ac tela et faces
quaesita tota nocte, cupientem fugis.
credidit enim Tachavus Hecubam, cum diu mortem quaesivisset,
verba felices sequeris, mors, miseros fugis sane dicere potuisse,
sed virgines Oechalides, quae ante urbem expugnatam nondum
miserae fuissent, inepte sic loqui. hae sane argutiae ac spinae
sunt. fortasse autem, dum Hercules Oechaliam obsidet, virgi-
nes tot calamitates perpessae sunt, ut iam paulo ante urbem
penitus expugnatam miserae essent quaererentque mortem. quis
ita ut Tachavus cum poeta aget? nusquam ergo in Hercule
Oetaeo versus stolida imitatione ex ceteris tragoediis expressi
inveniuntur.
Consideremus nunc quo iure Herculis Oetaei scriptorem
stultum atque ineptum hominem esse dixerint. primus D. Hein-
sius ineptias deprehendisse sibi visus est. adnotavit enim ad
HO 387: quiequid in nobis fuit
338 Aemilius Ackermann,
᾿
olim petitum cecidit aut pariter labat.
aetas citato senior eripuit gradu
materque multum rapuit ex 1110 mihi 535).
inepte redundat locus et pweriliter luwuriat (apud Seriv. p.
347). at equidem tantamı luxuriam non video. quod in ea-
dem sententia et eripuwit et rapwit invenimus, non ab usu poe-
tico abhorret et rerum progressus est planus neque ullam
praebet offensionem. —
D. Heinsius si his temporibus vixisset, versus 1792, 1890,
1697 sq., cum iam diu emendati sint, non reprehendisset (cf.
p. 345). et quia eidem viro doctissimo codex Florentinus nondum
notus erat, etiam in versibus 761 et 1599 haerere potuit
(p. 347 et 344). nec Richterus tunc, cum libellum quo de Se-
neca tragoediarum auctore agitur scripsit, Etruscum satis no-
vit (p. 26). ipse quoque in versu 1595: passus an pondus ti-
tubavit Atlas? eadem de causa ac 1). Heinsius offendit. credi-
dit enim Florentinum praebere lassus, editionem principem
passus. sed cum neque lassus neque passus ei placuisset, fas-
sus scribi voluit. opinionem suam ut defenderet, statuere de-
buit active positum esse titubandı verbum pro quatiendo, haec
igitur coniectura prorsus reicienda est et nuper Richterus ipse
passus in textum recepit, quod sine dubio satis apte dietum est.
HO 424: causa bellandi est amor.
totiens timebit Herculi natam parens
quotiens negavit, hostis est quotiens socer
fieri recusat: si gener non fit”), ferit.
haec verba D. Heinsio nauseam moverunt (p. 347), sed quid
vituperandum sit, non dixit. quam ob rem de hoc loco verba
facere nolim.
HO 644: caespes Tyrio mollior ostro
solet impavidos ducere somnos
D. Heinsius caespitem somnum ducere posse negavit (p. 346),
sed iniuria; nam somnos ducere non solum dormüre significat (hoc
modo loquitur Vergilius Aen. IV 560: nate dea, potes hoc sub casu
ducere somnos), sed etiam somnos afferre vel somnos inducere.
25) Sic legendum esse mihi probavit M. Muellerus (in Senecae
tragoedias quaestiones criticae p. 43 sq.).
2°) Fit legimus ex coniectura N. Heinsii (l. 5. p. 444); codices
praebent est.
= 70 A -ς--- «α᾿υἐς.-
u A Ν mn ln m Zn ZU a a u
De Senecae Hercule Oetaeo. 339
cf. Horat. epod. 14, 3:
Pocula Lethaeos ut si ducentia somnos
arente fauce traxerim
et Ovid. Metam. II 735:
ut teres in dextra, qua somnos ducit et arcet,
virga sit.
itaque poeta non dieit caespitem dormire, sed sopire.
Post D. Heinsium Swoboda nonnulla invenit quae vitu-
peraret 57). huius viri doctissimi opus ipsum, quod ut ex bib-
liothecis mutuarer mihi non contigit, me non inspexisse con-
fiteor. sed Melzerus Swobodae argumenta, quae diluere studuit,
attulit p. 26. ac pauca Melzeri verbis mihi addenda sunt.
Swoboda aegre tulit (p. 335), quod Hercules ΠῸ 80 sqg.
stulta et ridieula promittat. simili ex causa haesit in versibus
1741 5.4. (p. 348). poetam autem consulto Herculem adeo
intumescentem induxisse infra studui probare (p. tert.).
Aliud argumentum est hoc: HO 907 sq. ab Hf 1341 sq.,
cum hie Athenis, illic Cinyphio fonte Hercules Megarae et li-
berorum caedem expiasse feratur, ita dissentit, ut unus utrius-
que fabulae auctor statui non possit (p. 343). iam Melzerus etiam
in ceteris tragoediis tales sententias inter se pugnantes inveniri
conatus est demonstrare. sed optimum exemplum, quod vidit
A. Pais (Il teatro di Seneca p. 83), est hoc: locasta dieit
Oed. 1034: hoc iacet ferro meus
coniunx
et similiter Oedipus loquitur
Phoen. 105: ensem parenti trade, sed notum nece
ensem paterna.
iam legas Oedipodis verba
Oed. 768: redit memoria tenue per vestigium
cecidisse nostri stipitis pulsu obvium
datumque Diti 6. 4. 8.
nunc ense, nunc stipite Laium a filio suo interfectum esse
poeta dieit. nonnumquam igitur Seneca cum se ipso discrepat.
Versus vero HO 1036—1099 ab homine insulsissimo et
absurdissimo scriptos esse Goebelius praepropere contendit
BT A. Senecas Tragoedien übersetzt und erläutert, Wien 1830,
III p. 335 sqq.
Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 23
940 Aemilius Ackermann,
(l.s. p. 738 sq.). cuius argumenta cum iam Melzerus maxi-
mam in partem infirmaverit (p. 27), pauca adiungere verba suf-
fieit. vir doctissimus in eo offendit, quod poeta Bistones Hebrum
accolentes (v. 1042) et Getas in Rhodope habitantes (v. 1032,
1092) fecit. item credidit (p. 743) MO 161 Parthos prorsus
inepte commemorari, qua re simul contra temporum regionum-
que rationem peccetur 38). vir doctissimus si locos, quos Leo (1
p- 202 sq.), Melzerus (p. 28), F. Harderus 35) (p. 451) attule-
runt, inspicere potuisset, talem neglegentiam a Seneca alienam
esse non dixisset.
HO 1040: et dum fluminibus mora est,
defecisse putant Getae
Hebrum Bistones ultimi.
Goebelius adnotavit: guwid? quod Bistones Hebrum defecisse
putant! nimirum, si totus fluvius tamquam persona stetit, non
aliter id fieri potuit, nisı ut continuum flumen staret a fonte
usque ad ostia, nec animo concipi potest usquam ta aquas
discissas fuisse, ut altera pars moraretur, altera flueret, sive
ut usguam aqua deficeret, intermitteret. contra monendum est
poetam omnino non dicere totum Äumen stetisse. undae, quae
prope Orpheum fluunt, cum morentur, fieri non potest, quin
flumen paulatim ex ostiis deficiat (cf. Melzerum p. 27). ac si
tibi mirum videtur alteram fluminis partem subsistere, alteram
fluere, revoco te ad Medeae locum, quem supra (p.333sq.) tractavı.
Versum HO 1059: et serpens latebras fugit si ponamus
serpentes latebras raro relinquere solere, facile intellegi posse
Melzerus recte dixit (p. 27). sed cum exempla non addidit,
affero haec:
Oed. 152: perdidit pestem latebrosa 59) serpens.
Med. 684: tracta magicis cantibus
squamifera latebris turba desertis adest.
Stat. Theb. II 410: dixerat. ast 1}}1 tacito sub pectore dudum
ignea corda fremunt, iacto velut aspera saxo
comminus erigitur serpens, cui subter inanes
longa sitis latebras totumque agıtata per artus
38) Jdem iam D. Heinsius vituperavit (apud Ser. p. 348).
29) Bemerkungen zu den Tragödien des Seneka. Aus der Festschrift
Johannes Vahlen zum 70. Geburtstag gewidmet.
30) Significationem huius adiectivi exposuit Richterus (de. tr. a. p. 28).
De Senecae Hercule Oetaeo. 341
convocat in fauces et squamea colla venenum.
Ad HO 1088: cantus praemia perdidit Goebelius in-
dignatus quaesivit (p. 740): quid faciens? at apertissime poeta
dixit: nec credens 6. 4. s. (1086). quia enim Orpheus non cre-
didit Eurydicem sequi, retro se vertit, quo factum est, ut con-
iugem perderet. in versu 1079 sic, non sed, in v. 1090 Zune,
non Zum tradıtum est. atque haec pronomen demonstrativum
in versu 1092 optime positum est, quod iniuria negavit Goe-
belius. idem versus 1036—1099 spurios esse eo quoque con-
firmarı putavit, quod eadem de Orpheo narratio et Hf. 569 sqg.
et Med. 625 sqg. legitur. hac eadem re pro Seneca auctore
pugnari Melzerus fortasse recte dixit (p. 28). chorum HO
163—172 ineptias proferre Goebelius contendit (p. 743), sed
argumentis nullis probavit. itaque hoc omittamus.
Herculis Oetaei auctorem prave et perverse cogitantem
hominem fuisse etiam Leo studuit ostendere (Ip. 53 sq.). at-
que ut poetam magnopere ineptire satis demonstraret, multa
collegit, sed omnia falso. ego, cum iam Melzerus (p. 28 56.)
nonnulla recte contra dixerit, paucis rem absolvere potero.
HO 842: factum est scelus,
natum reposcit luppiter, Juno aemulum.
reddendus orbi est; quod potest reddi exhibe®!:
eat per artus ensis exactus meos.
Leo adnotavit: δὲ superi Herculem reposcunt, non est Dei-
anirae scelus quo occidit; quod orbi ıllum reddendum putat
non est cur se ipsa interficiat. hunc locum Leo non intellexit.
Steinbergerus (l. s. p. 192) optime docuit reposcere hic idem
esse ac morti eripere vel vitae reddere, non autem ad superos
vocare. reddere idem significare posse quod dare satis notum
est?®). Deianirae hac in scena inconstantiam, qua ad ferrum,
quod bis capessit bisque improbat, ad extremum revolvitur
(v. 868), non miram esse Melzerus exemplis ex ceteris tra-
goediis collectis demonstravit (p. 29). praeterea conferas quae
diximus in altera parte.
A poetis numquam Herculei ensis mentionem fieri Leo
1) Redde praebet Εἰ, sed reddi legendum esse mihi probavit Birtius
(l. s. p. 540).
83) Of. Tachav. Philol. 48 p. 742 et p. 747 et Melzer. p. 29.
23 ἢ
342 Aemilius Ackermann,
perperam putavit. Steinbergerus (l. s. p. 193) vidit Aristopha-
nis locum, ran. 664 καὶ τὸ ξίφος γ᾽ ἐσπᾶτο μαίνεσϑαι δοκῶν
(sc. Ἡρακλῆς). Harderus attulit (]. 5. p. 456) Horatii versum
c. IV 4,61: non hydra secto corpore firmior. quin etiam
in Hereculis furentis versu 1229 Herculeus ensis commemoratur.
Bentleius 55) autem et Withofius ?*), quos Leo (G. 6. A. p. 11
adn. 1) et alii secuti sunt, pro voce ensem coniecerunt arcum.
contra Melzerus (p. 4 adn. 2 et p. 29) et Harderus (l. s. p. 455 sq.)
ensem hoc loco retinendum esse statuerunt. quae res utut se
habet, certum est Herculis alterius auctorem ense Herculeo
commemorato non peccavisse. |
Deianira mortis consilium his verbis confirmat (922):
frustra tenetur ille qui statuit mori,
proinde lucem fugere decretum est mihi,
vixit satis quicumgue cum Alcide occidit.
quo de loco Leo haec dixit: debuit: proinde frustra me
tenetis. dixit: frustra tenetur qui mori decrevit, proünde
mori decrevi; frustra tenetur qwi statwit mori, proinde mori
statwi. sine dubio aliter haec verba intellegenda sunt. Deia-
nira dicit v. 922: “rustra mihi quae mori statui mortem dis-
suades, proinde moriendi mihi consilium non labefactatum est’.
quae interpretatio si 101 non placet, cum Melzero (p. 29) ver-
sum 924 ante 923 ponas.
HO 1268: quis dies fletum Herculis,
quae terra vidit? siccus aerumnas tuli.
tibı ılla virtus, quae tot elisit mala,
tibi cessit uni; prima et ante omnis mihi
fletum abstulisti: durior saxo horrido
et chalybe voltus et vaga Symphlegade
rictus meos infregit et lacrimam expulit.
Leo adnotavit: suum scilicet vultum superari non potwisse nisi
alio vultu etiam duriore putidus sensus est; quo quantopere
ineptiat scies si praecedentem sermonis partem perlegervs.
nempe iterum iterumque questus est quod pestem quae fixa
medullis lateat corpusque intus depopuletur videre nequeat
multumgque divinwit serpensne sit an malum aliquod et Her-
55) Ann. Fleck. 125 p. 483.
34) Praemetium crucium criticarum praecipue ex Seneca tragico
p- 121.
De Senecae Hercule Oetaeo. 343
culi ignotum. ram eius vultu rictus suos infractos esse numtiat.
Melzerus perperam concessit (p. 29) his versibus putidum
sensum inesse. reetissime Steinbergerus (l. 5. p. 193) vidit
Herculem non de alio, sed de suo ipsius vultu cogitare. Leo
fortasse hunc in errorem non cecidisset, si in versu 1274 pro
meos scriberetur swos, quod pronomen sane paulo melius in
sensum quadrat. sed id, quod nunc in codieibus exstat, cum
rietus illi et ad Herculeum vultum et ad Herculem ipsum
pertineant, ego facile feram, Birtius minus, qui coniecit: richus
et os infregit et lacrimam expult.
ΠΟ 1472 HERC.: Habet, peractum est, fata se nostra explicant;
lux ista summa est: quercus hanc sortem mihi
fatidica quondam dederat et Parnassio
Cirrhaea quatiens templa mugitu specus®?):
‘dextra perempti victor, Alcide, viri
olim iacebis; hie tibi emenso freta
terrasque et umbras finis extremus datur’.
in comparationem vocavit Leo Sophoclis locum (Trach. 1159):
ἐμοὶ γὰρ ἦν πρόφαντον Ex πατρὸς πάλαι,
ἀνδρῶν πνεϑυτων μηδενὸς ϑανεῖν ὕπο,
ἀλλ᾽ ὅστις "Ardou φϑίμενος οἰκήτωρ πέλοι.
ὅδ᾽ οὖν ὁ ϑὴρ Κένταυρος, ὡς τὸ ϑεῖον ἣν
πρόφαντον, οὕτω ζῶντά μ᾽ ἔχτεινεν ϑανών.
φανῶ δ᾽ ἐγὼ τούτοισι συμβαίνοντ᾽ ἴσα
μαντεῖα χαινά, τοῖς πάλα: ξυνήγορα,
ἃ τῶν ὀρείων καὶ χαμαικοιτῶν ἐγὼ
Σελλῶν ἐσελϑιὼν ἄλσος εἰσεγραψάμην
πρὸς τῆς πατρῴας χαὶ πολυγλώσσου δρυός.
contendit autem vir doctissimus poetam Romanum duo oracula
a Sophocle commemorata tam claude (sic Leo) et oblique inter
se coniunxisse, ut de una tantum sorte loqui videatur 55). ar-
gumenta, quae Melzerus protulit (p. 19/20), cum ad rem ip-
sam vix spectent, non nisi ambages sunt. facile autem Leo-
nis verba refutari possunt, nam poeta Romanus satis aperte
5) Traditum est nemus. specus eoniecit primus N. Heinsius (l. 8.
Ρ. 286), deinde Wilamowitzius (cf. Leo I p. 55 adn. 5).
88) Si Leo recte dixisset, non multum valeret. talia enim Senecam
nonnumguam 5101 indulsisse demonstravit Harderus (Festschrift Johan-
nes Vahlen p. 451). Ä
944 Aemilius Ackermann,
de duobus oraculis cogitat. dieit enim: quercus hanc sortem
mihi dederat et specus (sc. hanc sortem mihi dederat). hanc
sortem singularem numerum poeta pro plurali posuit, ut ma-
gis fortiter et efficaciter loqueretur. et alterum oraculum est
hoc (1476): dextra perempti victor , Alcide, υἱγῖ olim vacebis,
alterum (1477): hie tibi emenso freta
terrasque et umbras finis extremus datur.
verba finis ewiremus non de morte, quod Melzerus voluit
(p. 20), sed, ut apud Sophoclem, de fine migrandi et laboran-
di intellegenda sunt. differentia, quae in eo agnoseitur, quod
Herculi oraculum alterum datum esse a love Sophocles dicit,
ab Apolline autem poeta Romanus narrat, Leonis opinionem
confirmare non potest. nam poeta aut ita rem 5101 finxit, ut
Hercules Iovis oraculum ore Apollinis acceperit (cf. Leo I
p. 55), aut, quod Seneca saepius sibi concedebat, ab exemplo
suo recessit. praeterea monendum mihi videtur cum Herculis
fama notissima esset breviter logui poetae Romano licuisse.
HO 1595: Heu quid hoc? mundus sonat. ecce maeret,
maeret Alciden pater; an deorum
clamor, an vox est timidae novercae
Hercule et viso fugit astra luno ὃ
passus an pondus titubavit Atlas?
an magis diri tremuere manes
Herculem et visum canis inferorum
fugit abruptis trepidus catenis?
Leo adnotavit: mundus sonuit: inde comiecturas capit cho-
rus; at ut conicere possit manes trepidare Cerberoque aufu-
giente tumultum exoriri, fragorem imo de fundo audisse debet,
ut Hf. 521: cur mugit solum?
infernus imo sonwit e fundo fragor.
hunc Herculis furentis versum fortasse aptissime allatum esse
dices, sed conferas, quid de eodem loco idem Leo iudicaverit
(II p. 375). hoc, inquit, recte dietum esset, si ex inferis nune
demum Hercules emergeret; at per viam publicam ad Thebas
accedit. ıitaque in Hercule priore idem factum est quod in
Hercule altero. sed cum illum versum vir doctissimus deleret,
Herculis Oetaei locum auctori opprobrio dedit. adde quod Leo
plane perperam hunc locum tentavit, nam mundum non caelum,
i
h
,
De Senecae Hercule Oetaeo. 345
sed rerum universitatem significare Melzerus recte vidit?”) (p. 29).
De cantico HO 1518 sqq. Leo dixit (G. @. A. p. 9): Der
Schluß ist mißglückt, wie auch einiges im Liede selbst; ar-
gumenta autem vir doctissimus non addidit.
Denique Birtius in Hercule Oetaeo res insulsas deprehen-
disse sibi visus est.
HO 278 DEI.: Iole meis captiva germanos dabit
natis (lovisque Ποὺ ex famula nurus)?
non flamma cursus pariter et torrens feret
et ursa pontum sicca caeruleum bibet.
vir doctissimus adnotavit (p. 535): Hilflos verunglückt bei aller
Gesuchtheit ist z. B. folgender Vergleich (278—281). In
hohem Masse beeinträchtigt wird derselbe überdies durch die
zwischengestellten Worte, die in Parenthese stehen.
haec recte dixisset Birtius, si versus 280 sic legendus esset.
neque enim dubium mihi videtur, quin nonnulli codices de-
teriores meliorem lectionem praebeant hanc:
num flamma cursus pariter et torrens feret 58)
et ursa pontem sicca caeruleum bibet?
dieit igitur Deianira: ‘prius famma et torrens pariter cursus
feret et ursa pontum bibet quam patiar lolam Herculi natos
parere et lovis nurum fieri.’
ΗΟ 1452: Megara appellatur clara. quod adiectivum non
satis apte positum esse Birtius suo iure contendit (p. 511).
similem locum inveni in Troad. 1112: signa clari corporis 33).
fortasse cum N. Heinsio (l. s. p. 285) scribendum est cara.
Itaque viri docti Herculis Oetaei auctorem esse hominem
ineptum ac stolidum iniuria dixerunt.
Aliud est, quod Herculis Oetaei scriptorem esse linguae
inopem et scribendi socordem poetam contenderunt®°). iam
81) Nonnumquam mundus idem est atque inferi cf. Macrob. I 16,
16—18, Festum (ed. Thewrewk) I p. 120 et p. 146 —149.
᾿ 88) Forma feret et in E et in A tradita retinenda est. solent enim
nonnulli poetae, in quorum numero etiam Seneca est, verbi n. singularem
usurpare, si ullo modo tolerari potest. exempla huius rei postea for-
tasse occasione data afferam. '
30) Similis non similis est locus Phaed. 1247: huc, huc reliquwias
vehite caris corporis.
10) Ὁ. Heinsius (ap. Scriv. p. 347), Goebelius (l. s. p. 740), Richte-
‘rus (ἃ. S. tr. ἃ. p. 30), Leo (I p. 57), Birtius (p. 535, 537 sq.). in eo
quod Deianira Iolam novies captivam vel paelicem appellat (v. 278—391)
Birtium haerere non debuisse probavit Melzerus (p. 30).
946 Aemilius Ackermann,
Leo, qui ipse concessit (I p. 57) Senecam in tragoediis non
semper curiosissimum variandi sermonis fuisse, ceteris ex fa-
bulis pauca exempla huc pertinentia collegit. multa autem con-
gessit Melzerus (p. 30). quae quamgquam sufficiunt nonnulla
mihi liceat addere. in Troadibus inveni: v. 610 timent, 612
timere, 618 timet, 626 timor, 632 timorem, 642 timor; Oed.:
519 regis, 520 reges, 524 rege, 525 regi, regno; Hf.: 1192
manus, 1196 manus, 1203 manum, 1211 manum, 1236 ma-
nus, 1260 manus (semper in trimetri fine), praeterea 1193
manus, 1244 manibus, 1255 manibus; in Thyeste: 434 timo-
ris, 435 timendum, timeo, 447 timentur, 449 timere, 468 ti-
memur, 473 timendum, 482 times, 483 timori, 486 timendum,
times et 414 regni, 425 regno, 432 regni, 442 regnare, 444
regnum, 470 regnum, regno, 472 regnes. quod non in versi-
bus 410, 415, 441, 451, 455, 458, 459, 463, 468, 489 et nec in
vss. 457, 460, 463, 465, 466, 471, 472 legitur, urgere nolim.
sed praeterea conferendi sunt versus hi: 529 regnum, 531 re-
giam, 534 regnum, 540 regna, 542 regni et 564 timuit, 572
timor, 580 timuere, 590 timuit, 595 timuere et 889 sat, 890
satis, 895 sat, 899 satis, 900 satisque, 913 satur. fortasse mi-
hi concedes Thyestis auctorem copiosiorem poetam scriptore
Herculis Oetaei non fuisse, praesertim cum ex eadem fabula
ıam Melzerus alias voces saepe iteratas collegerit.
Neque vero repetitis tantum dictionibus incuriosam elo-
cutionem offendere, sed magis etiam sententiis neglegenter
constructis sive vitiose pronuntiatis contendit Leo (l p. 57).
sed omnia argumenta quae protulit aut a Melzero (p. 30/31)
aut nunc ab ipso (6. G. A. p. 10 adn. 1) refutata sunt *).
itaque eis, qui Herculem Oetaeum a Seneca abiudicaverunt,
iam multa argumenta erepta sunt.
lam vero metricas rationes inter hanc ceterasque fabulas
admodum aequales esse viri docti, qui hac in re versati sunt,
omnes concesserunt. nihilo setius nonnulla a Senecae arte ali-
ena in Hercule altero inveniri dixerunt. ac Leo protulit hoc
(I p. 59): itaque in summa aequalitate modo negleciam modo
duriorem in Hercule Oetaeco synaloepham deprehendimus.
41) Ad HO 1604 quem tulit Poeans etiam comparandus est ver-
sus Hf. 494: vel ex coacta nobilem partum feram.
praeterea conferas infra p. 876 sq.
De Senecae Hercule Oetaeo. 347
Schmidtius *?) et Leo (I p. 58) iam satis demonstrarunt in re-
liquis Herculis Oetaei senariorum locis eodem modo quo in
Annaeanis fabulis verba verbis coagmentari. de synaloepha
quae in fine versuum admittitur plura verba mihi facienda sunt.
scilicet in trimetrorum exitu omnium fabularum monosyllabum
cum antecedente vocabulo nusquam coalescit, nisi quod aphae-
resis vocis est saepius invenitur. conglutinatur autem est nus-
quam cum antecedente monosyllabo, contra cum bisyllabo in
Hf. sexies (55, 383, 952, 1172, 1191, 1268), in Troad. quater
(298, 787, 909, 997), in Phoen. octies (55, 79, 288, 368, 378,
454, 598, 629), in Med. sexies (230, 448, 896, 921, 976, 1004),
in Phaed. sexies (358,.435, 636, 697, 711, 1239), in Oed. ter
(274, 834, 865), in Agam. quinquies (109, 152, 154, 426, 924),
in Thy. quinquies (205, 257, 449, 899, 906), in HO octies
(59, 236, 405, 824, 1242, 1258, 1806, 1820), in Octav. quater
(108, 458, 604, 825). cum trisyllabo copulatur est Trroad. 911,
Med. 25, Thy. 718, 1013, HO 882, 940, cum quadrisyllabo ver-
bo ΠΟ 1979, Oct. 442, 496, cum quinque syllabarum voce
Oed. 515.
Porro bisyllabum in senarii fine positum nusquam cum
antecedente vocabulo coalescit, contra trisyllabum, de quo in-
fra (p. 349 sq.) paulo fusius loquar, creberrime. etiam verbum
quadrisyllabum coalescit Med. 407, 471, Oed. 823, Agam. 787;
quinque syllabarum vocabulum Phaed. 580, 955, Thy. 911;
vox'sex e syllabis composita Phoen. 133, 165, Oct. 446, 541, 870.
Monosyllabum in trimetri exitu invenitur Ff. 1162, Troad.
42, 56, 475, Phoen. 205, 234, 495, Med. 125, 692, Phaed. 713,
Oed. 938, 1016, ΠΟ 870, 939, 1206, 1351, 1354, 1826, 1858 *°).
monosyllabum in versus fine non ferri nisi antecedente mono-
syllabo dixit Leo (I p. 59). itaque vituperavit Herculis Oetaei
poetam qui scripserit v. 939: para laborem. scelera quae quis-
quam ausus est. neque enim animadvertit vir doctissimus Me-
deae versum 692: caelo petam venena. iam iam **) tempus est.
4 De emendandarum Senecae tragoediis ratjonibus prosodiacis
et metricis p. 17 sqq.
45) Non omnia exempla deprehenderunt Schmidt p. 39 et Leo I p. 59.
“*) In E iam semel exstat, in A legitur iam nunc. Gronovium
autem recte dam iam scripsisse eo apparet, quod in E saepius ea vox,
quam bis positam esse postulamus, semel tantum tradita est. legimus
948 Aemilius Ackermann,
quem si vidisset, non delevisset (I p. VII) Herculis furentis
trimetrum (1162):
quis tanta Thebis scelera moliri ausus est,
praesertim cum hic illi Herculis Oetaei senario (939) similis
sit. ter igitur his in fabulis monosyllabo non coalescenti ante-
cedit bisyllabum.
Porro Leo reprehendit quod auctor tratae sat est (HO
1354) et tanto sat est (Π 1558) scribere maluit quam iratae
est satis et tanto est satis (Ip. 60). sed legat Oed. 938: pen-
sabis ictu? moreris ; hoc patri sat est.
Bisyllabum non coalescens saepissime in trimetri fine in-
venies, item trisyllabum. verbum quadrisyllabum non coales-
cens exstat ın Hf. quater decies (11, 92, 218, 232, 244, 325,
408, 484, 516, 626, 758, 908, 915, 997), in Zroad. ter decies
(60, 183, 155, 222, 280, 325, 558, 652, 809, 901, 1069,
1080, 1106), in Phoen. sexies (129, 191, 206, 448, 550, 566),
in Med. undecies (14, 33, 39, 266, 268, 456, 512, 709, 713,
718, 731), in Phaed. quater (384. 1023, 1225, 1229), in Oed.
quater (768, 812, 847, 1048), in Agam. sexies (137, 186, 566,
197, 928, 935), in Z’hy. novies (115, 195, 679, 707, 745, 1012,
1039, 1055, 1060), in FO undecies (733, 804, 1135, 1227, 1237,
1273, 1380, 1389 1474, 1485, 1650), in Oct. bis (835, 837).
Richterus (de S. tr. a. p. 18) vidit Herculis Oetaei poetam a lege
qua cavetur, ne in trimetrorum exitu vocem quadrisyllabam prae-
cedat iambica, sexies recessisse (804, 1273, 1380, 1389, 1485,
1650). sed Richterus ipse concessit quinque exemplis (804, 1273,
1380, 1485, 1650) excusationem a nomine proprio paratam
esse. idem vidit legem illam etiam in Phoenissis bis (191,
206) 45) violatam esse, ubi nomen proprium veniam non praebet.
fortasse ex Agamemnone quoque versus 797 huc referri potest:
AGAM.: secura vive. CASS. mihi mori est securitas.
nam morti est, quia est cum »morv coalescit, tamquam una vox est.
differentia igitur non exstat. quinque syllabarum verbum in
trimetri fine positum non coalescit Hf. 246, Troad. 861. Phoen.
223, Med. 215, Phaed. 229, 271, 852, Oed. 395. Agam. 660,
enim Troad. 191 ite pro ite, ite, 625 hac pro hac hac, 627 ite pro üe,
ite, 1141 iam pro iam iam, HO 753 ille pro {{| 6, ille, 1234 qwid pro
quid, quid, 1506 quam pro quamquam 1930 fallor pro Fallor, Jallor.
#5) pro novos in E traditum est non vos.
De Senecae Hercule Oetaeo. 349
Thy. 23, 424, HO 21, 1642. vocabulum non coalescens, cui
sex syllabae sunt, invenitur Phaed. 1157.
Restant cretici in senarli exitu positi. Senecae in tragoe-
diis fere legitimum esse creticos hoc loco exstantes cum an-
tecedente vocabulo coalescere Schmidtius recte vidit (p. 37 sq.).
inter centenos trimetros clauduntur creticis coalescentibus in
Hf. 12,non coalescentibus 2,1, in Troad. coalesc. 10, non c. 1,19,
in Phoen. ce. 10, non c. 1,95, in Med. c. 12, 5, non c. 2,29, in
Phaed. c. 10, 2, non c. 1,05, in (δα. c. 9, 27, non c. 0, 67, in Ag.
c. 8, 36, non c. 1, 46, Thy. c. 11, non ce. 1, 94, in ΠΟ c. 9,6 non c.
1,14, in Oct. c. 7,7 non c. 0,52. Leo numeros semper fere paulo
a meis recedentes computavit (1 p. 58). qui vir doctissimus creti-
corum coalescentium usum in Octavia rariorem esse quamquam
recte dıxit, tamen hac in fabula plures inveniuntur quam ipse
in Agamemnone exstare sibi persuaserat. idem creticos non
coalescentes in Octavia prorsus evitatos esse contendit. sed
. scriptos videmus tales v. 237, 457, 468. Leo cum solum ver-
sum 457 vidisset, perperam eum delevit (cf. Herm. 10 p. 439).
atque ut opinionem suam nobis probaret 8118 argumentis
allatis hunc versum inepte intercalatum esse demonstrare stu-
duit. Plane idem, inquit, hoc versu Nero dieit atque sequenti
et synaloephae locus non est in personis mutandis. versus
Octaviae 456—458 sunt hi:
NER. ferrum tuetur principem. SEN. melius fides.
NER. decet timeri Caesarem. SEN. at plus diligi.
NER. metuant necesse est. SEN. quicquid exprimitur grave est.
qui versus exstant in colloquio, quod inter Neronem et
Senecam habetur. Seneca ut imperator moderate regnet po-
stulat, contra Nero vi uti mavult. cum Senecae reclamatione
Caesaris animus magnopere conecitatus sit, imperator ira im-
pulsus bis idem dicere facile potest. praecipue autem quae iam
dixit iterat, ut sua plurimum interesse timeri quam maxime
manifestet declaretque omnino non se curare amorem populi.
accedit quod Nero non plane idem his duobus versibus dieit, nam
sradatio inest in verbis: decet timeri... metuant necesse
est. hoc vidit Fr. Ladek (l. s. p. 102). praeterea conferas quae
Richterus editor adnotavit. ceterum hoc loco in personis mu-
tandis synaloepham admittendam esse equidem censeo. exstat
950 Aemilius Ackermann,
enim talis verborum conglutinatio etiam in Agamemnonis
versu 794: |
AGA. credis videre te Ilium® CAS. et Priamum simul.
huic versui a Graeco nomine excusationem paratam esse, Oc-
taviae loco a Latino non item Leo dixit (I p. 59 adn. 8). sed
haec inter nomen Latinum et Graecum differentia minima est.
neque Fr. Ladek (l. s. p. 102) neque Lucianus Muellerus (ann.
philol. 89, p. 423) hoc discrimen statuere voluerunt. nescio
igitur, cur Octaviae versus in codicibus bene traditus, si Aga-
memnonis genuinus est, spurius aestimandus sit. itaque cum
Octaviae scriptor ter (2337, 457, 468) trimetrum cretico non
coalescente terminaverit, nulla hac in re differentia exstat.
Sed in ceteris Senecae fabulis non coalescenti eretico semper
syllaba longa antecedit, contra in Octavia semel (v. 393 genus
impium) et in Hercule Oetaeo ter (v. 406 caret Hercule, 757 ferar
obruta, 1847 daret Hercules‘) eadem sede bisyllabum bibreve
invenimus. parva igitur differentia artis sane adest, atque quam-
quam concedo hanc rem momenti alicuius esse, tamen, si nihil
alıud accedit, minimum valere existimo. ei, qui hanc ob cau-
sam Herculem alterum Senecae abiudicari vult, etiam Aga-
memno, cum non nisi in hac fabula et in Octavia synaloepha
in personis mutandis admissa sit, insitiva ducenda est. neque
putabit idem Phoenissas genuinam tragoediam esse, nam sex
syllabarum vox in senarii fine posita coalescit bis tantum in
Phoenissis et ter in Octavia (cf. p. 347). ıtaque illo argumento
αὖ] iam non licet.
Cretico non coalescenti in Hercule Oetaeo nusquam ante-
cedere vocabulum, cui plus tres morae sint, contra idem in re-
liquis tragoediis saepissime admitti, contendit Birtius (p. 559 sq.);
itaque emendandum esse censuit versum ΠΟ 899: nemo no-
cens sibi ipse poenas abrogat, praesertim cum sensus inep-
tissimus esset. vir doctissimus cum tradita verba intellegi non
possint Gronovium totum versum genuinum esse falso credi-
disse suo iure dixit *°). ipse autem coniecit: nemo innocens sibt
ipse si poenam abrogat. quae verba, quamvis bonum sensum
36) Exempla haec collegit Schmidtius (l. 5. p. 53).
41) Inrogat legimus in A
48) Gronovii sententiam iniuria defendit Tachavus, Philol; 48 p. 749.
De Senecae Hercule Oetaeo. 351
praebeant, tamen cum nimis abhorreant a tradita lectione,
mibi non satis placent. aliam autem emendandi rationem in-
grediendam esse puto. Deianiram Nessi fraude deceptam Her-
culem necare Birtius ipse vidit (p. 511 sq.). quod facinus morte
sus expiare constituit, ut se non nefariam aut perditam fe-
minam, sed dolo captam esse indicet. facınorosi hominis non
esse poenas sibi adrogare Birtius recte dixit. itaque Deianira,
si poenas sibi vindicat, non scelerata femina est, sed, ut ma-
gistri mei verbis utar, eine tragische Heldin. quam ob rem
Hyllo dicenti: si te ıpsa dammas, scelere te misera argwis
Deianira respondet:
nemo nocens*?) 5101 ipse poenas adrogat °°).
adrogare idem fere significare quod vindicare notum est. ita-
que cretico adrogat antecedit tradıta vox poenas, cui quattuor
morae sunt. iam legas HO 15:
quod terra genuit, pontus aer inferi.
aer habet quattuor moras. atque ne dicas verbum aer (= ἀήρ),
cum accentum in altera syllaba habeat, facilius ferri posse, de-
monstrabo Senecae temporibus hoc vocabulum in priore syllaba
acutum esse. aer efficit spondeum. quodsi verba spondiaca in
secundo vel tertio vel quarto trimetri pede posita sunt, ictus
rhythmicos et verborum accentus inter se consentire necesse
est (cf. p. 358). iam intuearis
Hf. 677: sie pronus aer urget atque avidum chaos
Hf. 704: immotus aer haeret et pigro sedet
Phaed. 474: solis et aer pervius ventis erit.
haec exempla si cui non sufficiunt, afferre possum hexametros
dactylicos, quorum in fine eadem vox exstat °!). conferas Ovid.
Met. VI 47; Lucan. I 646; Stat. Theb. Π 3; VI 399; VI
617; VIII 413; XII 248. etiam verbum aether = αἰϑήρ 55) et
nomina propria velut Theseus, Peleus Romani in prima syl-
laba acuebant.
Quod Birtius HO 445 pro propius ewigat seripsit poenas ewi-
φαΐ (p. 514), cum ipse postea hane coniecturam reiciendam esse
#9) Nocens hoc loco eum significat, qui scelestus atque improbus est.
. 30%) Richterus per errorem scripsit in Εἰ traditum esse arrogat.
51) Etiam in hexametri exitu verborum accentus cum versus nu-
mero concinere notum est.
5) Of. Hf. 959; Phaed. 524 ; Oed. 220; Agam. 727; HO 52, 1764.
352 Aemilius Ackermann,
dixerit (p. 559), mihi auxilio vocare non possum. conceden-
dum autem est in Hercule Oetaeo creticum in trimetri fine
positum cum antecedente plus trium morarum voce non coa-
lescentem bis (15, 899) inveniri. consideremus vero, quo modo
haec res in ceteris fabulis se habeat. antecedit cretico non
coalescenti vocabulum, cui plus tres morae sunt, in Hf. duo-
decies (255, 397, 495, 641, 652, 657, 698, 715, 992, 998,
1042, 1333), vocabulum, cui duae tantum morae sunt?), de-
cies (265, 406, 654, 1139, 1197, 1246, 1252, 1290, 1323, 1329);
in Troad. illud septies (519, 523, 889, 898, 936, 951, 1112)
— hoc quater (8, 191, 224, 227); in Phoen. illud sexies (148,
249, 256, 285, 501, 619) — hoc septies (64, 163, 244, 279, 358,
491, 520); in Med. illud decies (127, 151, 152, 203, 547, 562,
972, 684, 700, 887) — hoc quinquies (167, 412, 493, 735, 916);
im Phaed. illud septies (166, 213, 238, 563, 396, 1247, 1256)
— hoc ter (715, 884, 1170); in Oed. illud ter (12, 78, 965)
— hoc bis (89, 1014); in Aga. illud. sexies (252, 394a, 435,
472, 551, 802) — hoc quater (243, 280, 282, 783); in Thyest.
illud quater (52, 320, 1011, 1061) — hoc undecies (59, 111,
176, 261, 280, 295, 334, 409, 1067, 1082, 1093); in HO illud
bis (15, 889) — hoc novies (43, 406, 465, 757, 965, 1143, 1218,
1750, 1847) °*); in Oct. illud nusguam — hoc quater (237, 393,
457, 468). Octaviam fabulam, quae maxime a religuarum usu
discrepat, ab anonymo quodam auctore scriptam esse constat.
vidimus autem Senecam ipsum sibi non constare. atque hac
in re Thyestes et Hercules Vetaeus vix inter se differunt. credo
igitur Birtii quoque argumentum a me abolitum esse.
Senecam creticum in trimetri fine positum ubi longa syl-
laba antecedit fere semper cum antecedente voce coalescentem.
facere iam vidimus (p. 349). itaque consentaneum est creticorum
non coalescentium eos, quibus prima littera vocalis vel h est,
cum facilius coalescere possint, ereticis a consonante incipien-
tibus rarius usurpari. exstat autem creticus non coalescens,
cuius prima littera vocalis vel ἢ est, in Hf. quinquies (v. 397,
406, 657, 715, 1329), creticus qui a consonante incipit septies
53) Verbum tres moras habens nusquam antecedit cretico non CO-
alescenti. )
84) Versus 445 dubius est; de versu 574 p. 353 disputavi.
De Senecae Hercule ia) 353
decies (155, 265, 495, 641, 652, 654, 698, 992, 998, 1042,
1139, 1197, 1246, 1252, 1290, 1323, 1333); in Zroad. 1116
ter (227, 519, 898) — hic octies (8, 191, 224, 523, 889,
936, 951, 1112); im Phoen. 1116 quater (64, 148, 358, 491) —
hic novies (163, 244, 249,.256, 279, 285, 501, 520, 619); in
Med. ille quinquies (412, 493, 562, 735, 887) — hic decies
(127, 151, 152, 167, 203, 547, 572, 684, 700, 916); in Phaed.
ille bis (563, 884) — hie octies (166, 213, 238, 715, 896,
1247, 1256, 1170); in Oed. ille bis (89, 1014) — μἷο ter
(12, 78, 965); in Aga. ille quater (234, 252, 282, 472) —
hic sexies (280, 394*, 435, 551, 783, 802); in Thy. ille ter
(280, 295, 1061) — hic duodecies (52, 59, 111, 176, 261,
302, 334, 409, 1011, 1067, 1082, 1083); in HO ille bis (15,
899) — hic sexies (43, 465, 965, 1143, 1218, 1750); in Oct.
ille bis (237, 468) — hie semel (457). itaque Hercules Oetaeus
hac in re cum Annaeanis fabulis plane congruit, Octavia non
item. bis in Hercule altero creticum non coalescentem a vocali
vel ἢ littera incipere dixi, quamquam v. 574 vulgo legitur:
dum poscit lolen; sed iecur fors horridum.
cum Herculis Oetaei poeta nusquam alibi fors, sed novies for-
san vel forsitan (361, 408, 473, 1781, 768, 912, 1398, 1429,
1791) usurpaverit, verisimile mihi videtur, etiam in versu 574
olim forsan exstitisse. atque quod creticus horridum ab h litte-
ra incipit, id indiciolum est, quo affirmetur horridum ab auctore
ipso cum antecedente voce conglutinatum esse. itaque cum in
optimo codice non fors, sed forsan traditum sit, re vera scri-
bendum esse forsam mihi persuasum est??). forsam vel forsitam
legimus carm. epigr. Lat. 1013, 4 et 1279, 19 56). in codicibus
saepius forsam vel forsitam esse scriptum multis locis allatis
demonstraverunt Ribbeckius?”) et Schuchardtius (l. s.). addere
possum etiam in Annaeanis tragoedis ter forsam exstare (cf.
Troad. 274, 660, Ag. 990). elisam autem alteram vocis for-
sam syllabam nusquam alibi inveni.
Haec omnia quae de synaloepha dixi si diligenter consi-
55) Sic emendandum esse per collogquium me docuit Birtius. coniec-
tura Melzeri forsan rude non probabilis est (p. 34).
56) Hune locum iam vidit Schuchardtius, der Vokalismus des Vul-
gärlateins I p. 117.
δ) Proleg. Vergil. p. 420 et ann. Fleck. 57 p. 188.
354 Aemilius Ackermann,
deraveris, fortasse concedes Herculis Oetaei poetam eodem
modo, quo Senecam, elisionibus usum esse.
Eundem non aliter ac Senecam caesuris usum esse expo-
suerunt Schmidtius (l. s. p. 55 sq.) et Richterus (ἃ, 8. tr. a.
p. 16). in caesurae loco hiatum facilius ferri mihi probavit
R. Klotzius (Grundzüge altrömischer Metrik a. 1890 p. 172).
quem virum doctissimum recte defendisse puto tradıtam lec-
tionem in versibus his:
Hf. 1284: pavidamque matrem? arma nisi dantur mihi,
Thy. 302: prece commovebo: hinc vetus regni furor,
HO 1201: sortis carerem. ὁ ferae, victae ferae,
Oct. 516: tristes Philippi, hausit et Siculum mare,
praesertim cum hiatus semper littera ὦ vel m molliatur.
Klotzium secutus est Gleditschius (Metrik der Griechen und
Römer? p. 287 adn. 2), contra impugnaverunt L. Muellerus
(de re metrica? p. 185) et Birtius (Mus. Rhen. 34 p. 12).
Thyestis locus est hie (296):
gnatis tamen mandata quae patruo ferant
dabimus: relietis exul hospitiis vagus
regno ut miserias mutet atque Argos regat
ex parte dominus. si nimis durus preces
spernet Thyestes, liberos eius rudes
malisque fessos gravibus et faciles capi
prece commovebo°®): hinc vetus regni furor 6. 6. 8.
haec Atrei verba sunt. Muellerus et Birtius singularem nu-
merum commovebo, cum non Atreus ipse, sed eius filii ii sint,
qui Thyestis liberos commoveant, non apte positum esse dixe-
runt. sed olim legi haec: Caesar castra poswit. at constat
Caesarem non ipsum castra posuisse. ut Caesar castra poni, ita
Atreus liberos Thyestis commoveri iussit. sensus igitur satis
aptus est. |
HO 1200: ubique mors me fugit, ut leto inclitae
sortis??) carerem. ὁ ferae, vietae ferae.
editio princeps habet pro ferae, victae ferae. hanc coniecturam,
tametsi mihi magis placet ea, quam Birtius proposuit (ubique
58) Precommovebunt A; preces movebunt editio Ald.; pueri movebunt
Bentleius; prece commovebunt L. Muellerus.
89) Sic cum Leone pro tradito verbo mortis legi velim ; fortis prae-
bet A.
νὰ ἀρ ας
|
4
= A
|
a
ἢ
De Senecae Hercule Oetaeo. 355
mors me fugit. ut titulo inclitae mortis carerem, ceterae victae
ferae) °°), tamen cum hiatus et a caesura et a littera m 58.015
excusationis habeat, accipere nolim.
In Hercule furente Hercules facinus voluntaria morte
expiaturus est; dicit enim (v. 1277):
Si vivo, feci scelera; si morior, tuli.
purgare terras propero. iamdudum mihi
monstrum impium saevumque et immite ac ferum
oberrat: agedum dextra, conare aggredi
ingens opus, labore bis seno amplius.
ignava cessas, fortis in pueros modo
pavidamque matrem ? arma nisi dantur mihi 6. 6. 8.
pro pavidamgque matrem legimus in A pavidasque matres, quae
verba ab editoribus in textum recepta sunt. sed sine dubio
Etruscus, ut solet, lectionem meliorem praebet, nam verbis:
fortis in pueros modo pavidamgque matrem Hercules aperte allu-
dit ad scelus, quod commodum in se suscepit. qui cum unam
matrem necaverit, dicere non potest pavidasque matres. itaque
etiam hoc loco hiatus admittendus est. eandem licentiam de-
prehendimus in Octavia (v. 516), ad quem versum viri docti
nihil quod persuadeat coniecerunt.
Accedit Herculis Oetaei locus hie (1399):
HERC.: ubi morbus, ubinam est? estne adhuc aliquid mali
in orbe mecum ? veniat, huc aliquis mihi
intendat arcus: nuda sufficiet manus.
procedat agedum. ALCM. Ei mihi 6. q. s.
sic versus 1402 et in E et in A traditus est. itaque etiam hoc
loco hiatus exstat, nam coniectura Avantii, qui huc post age-
dum inferre voluit, vacillat et claudicat. superest locus unus,
qui vulgo sic legitur
ΗΟ 1260: quaecumqgue pestis sive quaecumque es fera,
palam timere! quis tibi in medias locum
fecit medullas ? ecce direpta cute
viscera manus detexit; ulterior tamen
inventa latebra est — o malum simile Herculi!
unde iste fletus? unde in has lacrimae genas?
60) Birtio oblocutus est Tachavus, Philol. 48 p. 750. nuperrime Birtius
editionem prineipem secutus esse videtur (cf. Philol. 63 fasc. 3 p. 431).
Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 24
956 Aemilius Ackermann,
invictus olim voltus et numquam malis
lacrimas suis praebere consuetus (pudet)
iam flere didicit.
sed Etruscus praebet v. 1265: unde has lacrimas dan quam
ob rem hoc modo legendum est (1265):
unde iste fletus? unde has lacrimas gerit
invictus olim voltus et numquam malis
lacrimas suis praebere consuetus? pudet:
iam flere didiecit 51).
hiatus vero, quem in versu 1265 deprehendimus, semiseptena-
ria°?) et h littera vocis has tolerabile fit. sexies igitur his in fa-
bulis admissus est hiatus, cui semper et a caesura et a littera
h vel m excusatio parata est. praeterea Birtius mihi probavit
(der Hiat bei Plautus p. 97 sq.) apud Terentianum Maurum
aliosque poetas hiatum non solum in caesurae sede, sed etiam
aliis versus locis ἢ littera molliri. itaque inter Herculem
Oetaeum ceterasque fabulas huius rei differentia non invenitur.
Pessimum vero esse versum HO 1298: votum spopondit;
nulla propter me sacro dixit Leo (I p. 60). desideravit enim
semiseptenariam qua, ut eiusmodi trimeter asperior leniatur,
effici putavit. hanc ob rem placuerunt viro doctissimo versus.
HO 299: pro me gerebas bella, propter me vagas,
Phoen. 336: superate et aliquid facite propter quod patrem.
praeterea autem comparandi sunt senarü hi:
Troad.500: quis proteget? qui semper, etiam nune tuos,
Phoen. 35: cum occidis et cum pareis, olim iam tuum,
176: eduxit oculos. haeret etiam nune mihi,
Med. 278:. lacerumque fratrem, quiequid etiam nunc novas,
520: fortuna semper omnis infra me stetit,
567: quicquid potest Medea, quiequid non potest,
Oed. 618: Pentheus tenetque saevus etiam nunc minas,
γα. 197: patrique Orestes similis? horum te mala,
ΗΟ 724: vix ora solvi patitur etiam nunc timor.
atque in versibus Phoen. 176, Med. 278, HO 1298 non so-
lum caesura semiquinaria inest, sed post quartam arsin (Sen-
kung) etiam incisio (1. 6. semiseptenaria) exstat. his autem
61, Sie interpungendum et E sequendum esse mihi persuasit Birtius.
62) In versu 1265 semiquinariam maiorem vim habere concedo,
De Senecae Hercule Oetaeo. 357
trimetris, cum ehiam cum nunc et propter cum me in unam
quasi vocem coeat, excusatio satis superque parata est‘®).
Perpauca porro de interpunctione dicenda sunt. Leo vidit
(I p. 59) HO 9097 post arsin (Senkung) anapaesti primum
trimetri pedem obtinentis levem interpunctionem positam esse.
quod cum idem Hf. 514, Med. 426, Oed. 927 inveniamus, a
Senecae arte non alienum est.
ΗΟ 465: quas Pontus herbas generat aut quas Thessala
sub rupe Pindus aluit (sie E): ubi inveniam malum
cui cedat ille? |
versus 466 sine dubio corruptus est: interpolati codices prae-
bent Pindus aut ubi, ' quod nihili est. Peiperus editor pro
alwit seribi voluit alt. hanc coniecturam si accipimus post
solutam tertiam thesin (Hebung) gravem exstare interpunctio-
nem nobis concedendum est. quod cum Birtio non tolerabile
videretur, coniecit (p. 537): Pindus: tale ubi 6. q. 5. ego Pei-
perum sequi malim, nam vidi Agamemnonis versum (969):
EL. Tuto quietus, regna non metuens nova:
iustae parenti satis OLYT. at iratae parum.
Post primam thesin solutam interpunctio gravis invenitur
Thy. 39; levis Hf. 504, Troad. 607, Med. 447, Phaed. 1180,
Aga. 660, Thy. 1089, Oct. 146.
HO 981 vulgo legitur:
et quiequid aliud restitit: ab illis tamen.
post priorem moram quartae thesis solutae interpunctio exstat
gravis. talem trimetrum sane pessimum neque alibi in Hercule
ÖOetaeo neque in reliquis fabulis inveni. atque cum in Floren-
tino pro restitıt tradıtum sit cessit, in propatulo est versum a
poeta aliter scriptum esse. Leo tunc cum hunc locum tractavit,
de virorum doctorum coniecturis iudicavit (Ip. 59): gwidquwid
tentatum est, pingwi Minerva tentatum est. nosse enim non
potuit Birtii qui cessit imbellis scite coniecit emendationem,
de qua Tachavus dixit (Philol. 48 p. 746): die endliche Hei-
lung der mit vielen Konjekturen beglückten Stelle.
Ante ultimum senarii pedem levem interpunctionem cre-
63) Itaque paulo maiorem quam Seneca licentiam sibi concessit Au-
sonius, quem exempli causa affero, in hoc senario (epigr. 48):
cor ergo versus, immo Rufus non habet.
24 *
398 Aemilius Ackermann,
brius invenire possumus, gravem tantum ἢ. 373, Troad. 1000,
1005, Phoen. 205, 234, Med. 125, Phaed. 425, Oed. 697, 698,
Ag. 52, 701000, 1006, 1016, (fortasse v. 1267 cf. p. 356), 1806.
Et quoniam omnia perseguimur, volumus quidem certe,
etiam de accentu verborum cum numerorum rationibus exae-
quando dicendum est°*). quae res quomodo apud veteres Ro-
manos se habuerit nos docuit Osc. Brugmannus (Quemadmo-
dum in iambico senario Romani veteres verborum cum numeris
consociarint), qui in tertio pede, inquit (p. 52), ὁ. 6. in medio
versu verborum accentus et ictus rhythmici semper concimerent
oportuit, in altero et quarto, tertio proximis, sola fere vambica
verba ceteris quodammodo leviora admiıssa erant, primo loco
et ultimis, qui mazxime distant a tertio, ommi modo verborum
accentum neglegere licwit. Seneca, quem Brugmannus non ex-
cussit, hanc legem ipse quoque in omnibus fabulis secutus
est; conferas locos in tabula adiecta conscriptos **).
Verborum accentus cum numeris non concinentes.
fabu-
δ in altero pede
12, 103, 310, 332, 359, 382,
395, 434, 440, 446, 492, 513,
Herc. | 644, 818, 939, 975, 1046,
fur, | 1049, 1149, 1138, 1156, 1176,
1191, 1193, 1194, 1208, 1257,
1267, 1276, 1282, 1303, 1305.
(32 ex.).
12, 35, 61, 196, 207, 210,
261, 291, 307, 334, 336, 369,
417, 426, 438, 451, 498, 508,
513, 515, 516, 547,587, 618,
Troa- | 626, 654, 676, 697, 702, 736,
des | 741, 760, 861, 882, 904, 911,
961, 1003, 1057, 1087, 1129.
(41 ex.).
in quarto pede
1, 35, 46, 230, 258, 264, 298, 313, 329,
340, 349, 354, 371, 406, 412, 426, 427,
498, 448, 473, 474, 488, 603, 605, 614,
628, 633, 634, 645, 656, 690, 707, 723,
927, 960, 996, 1027, 1081, 1150, 1151,
1157, 1161, 1172, 1173, 1175, 1177, 1220,
1232, 1234, 1272, 1273, 1275, 1288, 1292,
1294, 1309, 1321, 1828, 941; (59 ex.).
2, 23, 31, 46, 56, 167, 208, 209, 232,
242, 248, 279, 300, 315, 318, 334, 347,
350, 360, 365, 413, 414, 419, 429, 457,
466, 474, 476, 482, 496, 490, 499, 522,
546, 548, 574, 577, 592, 595, 598, 601,
610, 646, 655, 661, 690, 694, 737, 740,
746, 749, 758, 763, 766, 777, 773, 786,
788, 792, 803, 869, 881, 895, 913, 916,
972, 977, 979, 992, 993, 1005, 1008, 1058,
1059, 1072, 1090, 1095, 1109, 1110, 1135,
1138, 1143, 1144, 1152, 1157, 1162, 1168;
(87.0x.), ;
64) Perpauca hac de re disseruerunt Schmidtius (l. s. p. 41 sq.) et
Richterus (de S. tr. a. p. 18 sq.).
**) neglexit bis in quarto pede: R
Oed. 766: superi inferique, sed animus contra Innocens,
Thy. 415: fulgore non est quod oculos falso auferat.
a Ve a το
De Senecae Hercule Oetaeo.
399
fabu-
lae
Phoe-
nissae
Medea
Phae-
dra
Oedi-
pus
Aga-
mem-
non
Thye-
stes
Hercu-
les
Oe-
taeus
in altero pede
32, 40, 49, 104, 105, 117,
134, 158, 166, 182, 201, 204,
211, 219, 226, 235, 258, 308,
312, 323, 337, 344, 366, 386,
392, 400, 451, 469, 478, 500,
509, 525, 532, 604, 612, 628,
633, 634; (38 ex.).
3, 21, 155, 161, 163, 167,
176, 180, 200, 207, 234, 245,
271, 280, 288, 406, 441, 442,
491, 539, 545, 564, 567, 676,
681, 692, 911, 912, 935, 949,
1017; (31ex.).
100, 115, 136, 139, 155, 215,
266, 380, 381, 388, 425, 584,
607, 637, 657, 663, 682, 690,
709, 998, 1012, 1039, 1166,
1231, 1235, 1240, 1267;
(27 ex.).
29, 249, 266, 294, 296, 328,
330, 334, 373, 398, 511, 526,
663, 672, 776, 781, 790, 792,
824; (19 ex.).
415, 524, 697, 724, 726, 787,
791,802, 991, 1011; (10ex.).
13, 39, 42, 176, 210, 243,
263, 287, 296, 406, 407, 416,
418, 442, 454, 462, 484, 485,
489, 497, 508, 523, 526, 682,
717, 720, 723, 890, 893, 896,
898, 970, 973, 975, 991, 992,
1029, 1031, 1035, 1052,1075,
1082, 1084; (43 ex.).
34, 35, 54, 58, 79, 99, 258,
263, 272, 278, 294, 350, 404,
405, 535, 560, 739, 743, 747,
752, 769, 811, 820, 825, 886,
899, 910, 911, 924, 945, 961,
je ee ee TE TE
in quarto pede
11, 28, 26, 28, 30, 39,51, 66, 71, 73,
79, 149,158, 163, 180, 190, 191, 195,
199, 202, 206, 233, 248, 27), 284, 289,
294, 300, 305, 357, 442, 447, 476, 477,
506, 507, 518, 535, 548, 552, 555, 597,
899, 563, 582, 599, 615, 645; (48 ex.).
19, 53, 126, 140, 141, 160, 168, 169, 186,
218, 221, 233, 240, 242, 245, 246, 260,
262, 281, 380, 436, 437, 453, 458, 474,
479, 483, 485, 488, 497, 536, 543, 574,
726, 728, 735, 881, 886, 901, 908, 915,
932, 971, 1006, 1010; (45 ex.).
92, 112, 119, 167, 178, 207,
365, 404, 412, 423, 441, 448,
454, 479, 497, 498, 508, 519, 546, 618,
647, 656, 678, 683, 686, 690, 699, 847,
859, 868, 876, 892, 924, 930, 948, 1020,
1051, 1062, 1084, 1087, 1089, 1121, 1173,
1176, 1226, 1242, 1250; (51 ex.).
251,
452,
358,
458,
15, 26, 68, 81, 263, 297, 347, 387, 390.
512, 518, 527, 550, 579, 614, 631, 632,
636, 655, 664, 666, 667, 673, 694, 695,
700, 766, 767, 770, 787, 795, 798, 814,
849, 864, 872, 940, 948, 953, 999, 1008,
1012, 1031, 1034; (44 ex.).
5,9, 35, 47, 49, 112, 113, 124, 131, 142,
145, 149, 151, 154, 188, 198, 199, 206,
218, 242, 246,272, 2380, 265, 286, 297,
301, 304, 8985, 4055, 4075, 414, 452, 481,
489, 555, 575, 587, 695, 699, 735, 742,
747, 799, 886, 931, 961; (47 ex.).
9, 19, 29, 37, 62, 86, 88, 106, 116, 200,
218, 219, 241, 244, 252, 254, 278, 279,
280, 286, 294, 299, 302, 304, 313, 314,
335, 410, 415, 417, 428, 430, 444, 481,
482, 483, 496, 499, 541, 625, 628, 629,
631, 634, 667, 677, 684, 687, 690, 713,
716, 719, 731, 749, 769, 782, 897, 899,
919, 973, 1001, 1036, 1088, 1092, 1096,
1099; (66 ex.).
7, 10, 13, 30, 43, 52, 56, 64, 98,
266, 268, 273, 289, 305, 306, 308, 8
311, 312, 313, 314, 327, 331, 334,
367, 372, 377, 378, 395, 396, 401,
427, 432, 434, 438, 439, 459, 463,
900 Aemilius Ackermann,
fabu-
es in altero pede in quarto pede
1139, 1172, 1192,1224,1241, 488, 513, 532, 546, 547, 569, 574, 714,
1248, 1258, 1268, 1267, 1274, | 750, 756, 760, 761, 804, 807, 823, 842,
1291,1307,1333,1435, 1488, | 844, 846, 848, 855, 857, 869, 889, 909,
1491, 1502, 1511, 1678, 1693, | 917, 943, 955, 959, 965, 972, 976, 986,
| 1697, 1709, 1710, 1721,1723, | 991, 994, 1020, 1027, 1028, 1134, 1165,
Hercu- | 1726, 1748, 1786, 1787, 1797, | 1166, 1168, 1183, 1201, 1244, 1264, 1268,
les 1805, 1825, 1830, 1836, 1855, | 1290, 1295, 1296, 1302, 1309, 1328, 1325,
Oe- 1859, 1975; (68ex.). 1328, 1336, 1349, 1372, 1376, 1380, 1389,
taeus 1406, 1408, 1402, 1415, 1419, 1434, 1436,
1444, 1457, 1462, 1469, 1485, 1613, 1629,
1646, 1650, 1698, 1716, 1719, 1722, 1739,
1745, 1760, 1774, 1778, 1781, 1782, 1802,
1803, 1809, 1814, 1822, 1827, 1845;
(186 ex.).
Cum illa regula a Brugmanno constituta non diserepat,
quod nescio verbum in tertio pede accentum rhythmicum ter
in media syllaba habet cf.
HO 752: urit lues nescio qua; qui domuit feras,
Phaed. 1019: provolvitur: nescio quid onerato sinu,
Oed. 334: pudet deos nescio quid. huc propere admove.
verba nescio quid vel nescio qua tamquam unam vocem effi-
ciunt. neque hac re tragoedias inter se differre neque multi-
tudine locorum, ubi verborum accentus ictui rhythmico repu-
gnat, ex tabula illa apparet, cum senarios singularum fabula-
rum numerans Herculem Oetaeum penitus cum reliquis An-
naeanis congruere videas. iam Richterus hune numerum inüt
— non semper subtiliter executus (d. S. tr. a. p. 16).
Seneca, qui aut secundo aut quarto pedi creberrime vocem
ita immisit, ut praeter linguae consuetudinem acueretur, simul et
in secundo et in quarto pede eiusdem versus verborum accentus
a numeris abhorrere noluit. cuius rei perpauca exempla exstare
videntur:
Troad. 334: quod non vetät lex, hoc vetät fieri pudor,
Phoen. 158: totus nocens sum; qua voles mortem exige,
Med. 245: hoc est penes te. si placet damna ream,
Thy. 973: satias dapis me nec minüs Bacchi tenet.
et in secundo et in tertio trimetri pede verborum accentus
neglecti sunt bis:
Oed. 334: pudet deös nescio quid. huc propere admove,
De Senecae Hercule Oetaeo. 361
HO 752: urit lues nescio qua; qui domuit feras.
ex quibus locis discimus Romanos pronuntiasse re vera penes
te et nocens sum. item uni trium syllabarum voci respondent
verba nön vetat et nec minus. de versibus Oed. 334 et HO
752 p. 360 dixi.
Vocabula proceleusmatici vel paeonis quarti mensurä com-
prehensa cum Romani temporibus Plautinis in prima syllaba,
postea autem in secunda acuerint‘°), mihi examinandum est,
utrum Herculis Oetaei scriptor eodem modo quo Seneca talia
quadrisyllaba ietu percusserit necne. inveniuntur autem haec
verba in trimetri initio et exitu et medio in senario iambico.
si in initio exstant, semper in secunda syllaba accentum habent,
si in fine leguntur, semper in prima acuta sunt. ergo is
poeta, qui tales voces in versus initio rarius quam in fine po-
suit, in prima syllaba eas acuere maluit; contra is, qui sae-
pius in initio eas posuit, secundam acuere solebat. cum medio
in senario haec verba modo in prima modo in secunda syllaba ac-
centum habeant, nobis numerandum erit, utrum acuendi genus cre-
brius usurpatum sit. exstant autem eius modi vocabula in initio un-
decies (Med. 53, 172, 272, 433, 490, 556, Phaed. 619, Oed. 278,
Agam. 14, 194, 283), in fine quinquies (ΠῚ. 408, Med. 266,
268, 471, Oed. 847). medio in trimetro acuit poeta has voces
in Hf. in prima syllaba bis (757, 1183), in secunda semel
(1050); in Troad. quater (195, 607, 752, 757) — ter (329, 330,
429); in Phoen. quinquies (61, 108, 242, 331, 533) — ter (88,
105, 240); in Med. quinquies (253, 499, 559, 561, 925) — bis
(249, 450); in Phaed. septies (161, 240, 242, 732, 937, 1082,
1186) — quater (732, 1002, 1230, 1247); in Oed. quinquies (35,
515, 821, 879, 1030) — quinquies (240, 245, 768, 937, 1021);
in Ag. septies (7, 25, 115, 165, 169, 449, 929) — ter (145, 288,
403°) ; in Thy. semel (641) — ter (298, 307, 897), in HO octies
(433, 754, 877, 953, 1467, 1756, 1823, 1829) — ter (361, 432,
1305). Hercules Oetaeus igitur melius quam Thyestes cum
religuarum usu convenit. sed mirum est, quod poeta haec
quadrisyllaba verba saepius in initio (quo loco accentus in se-
65) Of. W. M. Lindsay, über die Versbetonung von Wörtern wie
facilius in der Dichtung der Republik, Philol. 51 [1892] p. 364 sq.
et Fr. Stolz, Lateinische Grammatik? p. 101. |
362 Aemilius Ackermann,
cunda syllaba haeret) quam in fine posuit, contra medio in
senario primam syllabam erebrius acuit. quin etiam semel (in
Thyeste) medio in trimetro secundam acuere maluit. atque in
Oed. quinquies prima, quinquies secunda accentum habet. hac ex
re sine dubio concludi potest Senecae temporibus genus acuendi
anceps et incertum fuisse. fortasse autem cum hae voces, si
omnia exempla computamus, undequinquagies in prima, unde-
quadragies tantum in secunda syllaba acutae sint, etiam tunc
prius ıllud acuendi genus, quod postea desiit esse, magis quam
alterum floruit. hoc non ab omni probabilitate abhorrere ap-
paret ex usu Phaedri, qui paulo ante Senecam seripsit. hie in
initio senarii tale quadrisyllabum verbum nusquam posuit, con-
tra in fine undenonagies (1 pr. 5; 5, 1; 17,1; 19, 8; 20, 4; 22,
6; 24,9; 25, 1; 27,5; 28,1; 29,5; 30,9; I pr. 10; pr. 15; 2,
8; 3,2; 4,2; 4,3; 4,5; 6,2; 7,13; 8,1; 8,26; III pr. 23;
pr. 25; pr. 44; 1,6; 2,17; 3,6; 5, 6; 7, 22; 10,14; 10, 24;
10, 30; 10, 32; 10, 34; 11,4; 14,10; 15, 16; 16,6; 17, 8;
18, 2; 19, 1; ep. 3; ep. 5; ep. 15; ep. 35; IV pr. 1; pr. 19;
1,8; 2,4; 5, 215 7, 265: 11, 4;)11, 1657 1, τ τ τσ.
19, 5; 20,.16;.21, 3; 22,3; 22, 7; 22, 10; (22 meer:
25, 19; ep. 2; ep. 10; V 4,10; 4,11: 5,34; 7,23; App. 2,10;
3, 11; 3, 1354, 28; 5,656, 4; 10, 15; 13, II IB 2 πὸ
16, 7; 17,5; 26, 5; 27, 3; 28, 8; 29, 9). medio in versu δου
haec verba Phaedrus in prima syllaba quaterdecies (11,2; 19,4;
19, 10; 20, 6; 26,6; II 3,1; 10, 21; IV 5,36; 7,16; 1179;
Υ 4,8; App. 3,1; 13, 15; 16, 6), in secunda vicies quinquies
(I pr.7; 31,13; Ipr.9; ‚1,12; 3,5; 8,7, ΠΕ τ στο.
10, 8; 13, 8; ep. 14°); ep. 26; IV 2,15; 6,5; 24,13; 25, 2;
25, 12; .V pr. 5; 4,12; App. 8,28; 10, 7, 1,8718, 2723735
29, 10). apud Phaedrum centies ter prima syllaba, quinquies
et vicies secunda acuta est. quam ob rem versimile videtur
Romanos etiam Phaedri ac Seneae temporibus voces quibus
mensura proceleusmatici vel paeonis quarti erat, in prima syl-
laba acuere maluisse quam in secunda.
In Herculis Oetaei cantieis synaloepham longarum voca-
lium magis etiam quam in reliquis vitatam esse ea docere,
66) Versus III epil. 14, in quo celerius legimus, fortasse spurius est.
De Senecae Hercule Oetaeo. 363
quae Schmidtius (p. 25 sq.) composuerit, dixit Leo (1. p. 60).
sed hoc omnino verum non est, nam differentia nulla exstat
nisi haec: ‚longa vocalis cum brevi copulata his in tragoediis
semel tantum invenitur (HO 1956 certe ego)’. Senecam cum
in metris Iyricis etiam lenissimo atque usitatissimo genere
coniungendarum vocalium abstineret, hoc loco semel licentiam
sibi permisisse concedendum est. esto ıgıtur hoc singulare,
sed etiam in ceteris tragoediis nonnulla aeque singularia in-
veniuntur; vide Troad. 191, Thy. 233, Phoen. 426, Ag. 146
(cf. Schmidt p. 12 sq.).
R. Bentleius (opuscula philologica, Lipsiae a. 1781 p. 232 et
p. 228/229) argumentum esse voluit, quod nonnumgquam in
Hercule Oetaeo anapaesticum versum tribracho terminari vidit.
at si nunc viveret, hoc non proferret. sciret enim Agamemno-
nem fabulam, quam eodem vitio 57) laborare ipse deprehendit,
a Seneca scriptam esse.
Goebelius (l. 5. p. 740) aegre tulit, quod ΠῸ 1060 phe-
recrateus versibus glyconeis insertus est. si non satis consta-
ret hunc versum delendum esse, afferrem Phaedrae locum (v. 783),
quo versus glyconeus intra systema asclepiadeum exstat‘?).
In anapaestum terna vocabula perraro admissa sunt 59),
ΗΟ 173 (at ego infelix), 186 (vel in Eridani), 191 (vel in
Edonas), Thy. 827 (guidguid id est), 963 (quidgquid id est), Hf.
1090 (sed ut ingentr) 75), Med. 815 (atque eadem est). differentia
igitur quae Richterum offendit (de. S. tr. a. p. 23) non adest.
In anapaesticis versibus verbum dactylicum in secunda
syllaba acutum voci anapaesticae anteponere boni poetae no-
luerunt. haec lex bis in HO (186 fingite superi, 1883 Arca-
des obitus), semel in Hf. (1064 solvite superi) frangitur (cf.
Leo I p. 60).
HO 151: nullis vulneribus pervia membra sunt, asclepia-
deum versum monosyllabo terminatum vituperavit Leo (I p. 60).
sed legas Horatii versus (c. IV 13, 1 et 6):
#7) Hanc rem re vera vitium esse, cum ultima syllaba versus ana-
paestici apud Senecam anceps sit, credere non possum.
68) Corruptus versus 1080 Goebelio non vituperandus erat; accedit
quod in E integer glyconeus traditus est.
69%) Exempla haec praeter quod in Medea exstat iam vidit Schmid-
tius (l. s. p. 68).
10). Hic locus non emendandus est.
964 Aemilius Ackermann,
andwere, Lyce, di mea vota, di
et lentum sollicitas: ille virentis et.
praeterea simile vitium in Thyeste invenitur. Seneca enim
vitare studebat, ne versum anapaesticum monosyllabo clauderet.
quod sibi concessit semel in Aga. (v. 78) et quater in Thy.
(827, 883, 963, 968). si vero in anapaesti fine monosyllabum
posuit, semper aliud monosyllabum antecedens fecit. bisyllabum
autem antecedit semel in 7. 968. ceterum illud argumen-
tum leve esse Leo cum priorem Herculis Oetaei partem genui-
nam putaret, ipse confessus est (I p. 70).
Birtius iure aegre tulit (l. 5. p. 516) locum hunc HO 198:
sıbi Tantalis est facta superstes, quo in versu anapaestico vox
dactylica in prima syllaba acuta (Tantalis) exstat. quamquam
hoc apud Senecam sane nusquam alıbi inveni, tamen non ab
omni arte metrica alienum esse cognosces, si videris Terentiani
Mauri versus hos (G. L. ed. K. VI p. 379):
atque ille poeta Faliscus
cum ludiera carmina pangit
‚uva uva sum et uva Falerna
et ter feror et quater anno’
libro quoque dixit eodem
undae unde colonus eoae
a flumine venit Oronti.
itaque non solum Terentianus ipse bis in eodem versu (ludiera
carmina) verbum dactylicum posuit in prima syllaba acutum,
sed etiam Faliscus ille poeta, quem Annianum esse Lachmannus
nos docuit (ad Terent. Maur. p. XII), similiter peccavit (Au-
mine). praeterea conferas versus hos:
fuge moenia iam Telamoniade,
date Pierides mihi carmina doctiloquorum,
sua munera fert Venus alma rosas iuveni Cinyreidae,
date vina mihi, date serta, iuvat dare tempora tota Lyaeo.
haec exempla inveni apud Servium (G. L..ed. K. IV p. 462).
concedo autem versus a me allatos paulo diversos esse ab Her-
culis Oetaei loco, quo, si prorsus singularis esset, cum etiam
Verba, in quibus mutae cum liquida copulatio modo positionem facit, modo non facit (ef. p. 365).
—— En a
'ragoe- ; e- \ E i - ἢ
Den) ager | Atreus Atridas En Cyclas | duplex | fibra |flagrare| hydra | latebra | lugzbris | nögrare pater petra |pharetra| pxter retro sacer | stzaprum supra ae tenebrae| ter | zterque | volzcer
> Prseee BEIBEHBEREBEE "erregen aeg
934 1007 716 507 46 1335| 990] 626 689 805 51 1234| 993
222 1009 488 δ 280 ἦν εἰ zn 750 1209
1012 446 888 678 617 668 FE
Hercules 458 440 817 713 940
furens 398 988 825 898
966 1022 941 1246
1002 1310
ν 1315
341 596 [1116 1065 889 | 342 644 893
Troades
180 180 547 55 3 192 126| 507
562 121 36 841 277 EN δ 1
636 301 49 461
os δ 90 489
Ρ oen1s- 617 95
880 961
333
336
496
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DET oT VoRREEET Tome VOREREEERET Ἠ δ τ δ ΤΡ Ὃς Πς ,ὋἝῚπ ὋἝτἪἝἋἊἋἝ}ςὺ } VIE Tome -αιῷὺᾷῷςὧΛΊςπον οι Ἕ- τε Toms am ommmmemammeT mm Tom mm a Ta Lese VEEREEE) 0.0.0. KEBEREERE) VEEEE
701 250 24,118 710 6
685 132,209 : 299
Ι 211,44] 577
Medea 912,950 880
957,982 770
913
m En |
529,1051 1021 93 990 171 947 11023 896 93 107| 424] 97| 160,560 | 935 940] 94] 679
Phaedra | 1057,1105 1262 676 499] 684 689 11158 1273
1278 726
357 608] 362] 553 18, 54,635 534 367 849] 802) 322 664 999) 820 1086 361
377 998) 866,951 576 864] 806) 397 592 680
391 998 896] 876 >
: 1043 851 10
Oedipus 379
384
522
. 822
513 1275 729 | 807 922] 756 34,35 28] 468 217 514. 84,289] 177| 155/1009 493| 472] 3
Agamem- 292 537 512 488] 721 127
non 4108 941 714
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231,412 1064 288. 890 419 695 222 1016 897 743
Thyestes 513,683 310 976 459 981 1019 994 1088
704,712 979 776 1008
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De Senecae Hercule Oetaeo. 365
in ceteris fabulis haec vel illa a communi usu abhorreant (cf.
Leo. I p. 71), nihil probaretur”!).
Breviter, ut ad res prosodiacas transeamus, de syllabarum
natura brevium ea productione disputandum est quam mutae
cum liquida coniunctio efficit. qua de re praeclare disseruit
Schmidtius (l. 5. p. 32 sq... qui fabulas Annaeanas, praeter-
quam quod verba Hebrus, Oyclas, hydra, fibra correptis sylla-
bis prioribus non nisi in Herc. Oet. posita essent, omnes inter
se congruere recte vidit’?). de mensura nominis Hebri cuius
syllaba prior semel in HO (v. 19) correpta est, in reliquis
autem tragoediis tantummodo in primi vel tertii pedis arsi
(Senkung) invenitur, omitto quaerere. vocabulorum Cyclas,
hydra, fibra syllabae priores in ceteris fabulis semper productae
sunt. quam rem tamen noli putare quantulumcumgque contra
Herculis Oetaei auctoritatem indicium. nam apud Senecam
mutae cum liquida copulatio modo positionem facit, modo non
facit. quod ut demonstrarem verba ad hanc quaestionem per-
tinentia collegi et conscripsi in adiecta tabula, ex qua, quanta
sit inter singulas tragoedias differentia, facile cognosci potest.
vide modo quatenus e. g. in voce patris patrem Medea discordet
cum Herc. fur. et in voce retro Agam. cum eodem Herc. fur. vel
ubrumgue producta prima non occurrere nisi in Phoenissis.
itaque eo, quod verborum Uyclas, hydra, fibra syllabae
priores nonnumquam in 4/0 corripiuntur, nihil efficitur. quo
argumento perperam usus est Leo (Ip. 61).
Contractae perfecti formae velut abit, perit, quas his in
tragoediis in senario saepius adhibitas, a metris vero lyrieis
exclusas esse Schmidtius monuit (l. s. p. 10), ter admissae sunt
in anapaesticis versibus Herculis Oetaei (1865 perit, 1868 pe-
rit, 1911 abit) et semel in glyconeo (1062 adit). contra dicere
possum in verbis deesse et deerrare similem contractionem
fieri, quae crebro in trimetris, semel tantum in cantieis inve-
nitur Hf. 832 derat hoc solum numero laborum. locos,
quibus hae contractae formae exstant, collegit Schmidtius
een 11):
71) Oeterum moneo eos versus vitio metrico laborantes, quos non
tetigi, aut correctos esse aut certe emendatione indigere velut 368,
1176, alios.
3) Trimetri 5011 ἃ Schmidtio hanc in quastionem vocati sunt.
366 Aemilius Ackermann,
Richterus aegre tulit (de S. tr. a. p. 15) quod HO 1095
quattuor bisyllabum est. at situnc vidisset locos, quos Geor-
ges (s. v. quattuor) attulit, et verba legisset, quae Fr. Stol-
zius fecit (Lateinische Grammatik ὃ p. 33/34), fortasse hoc ar-
gumento non usus esset. praeterea iam Schmidtius (p. 13) de-
prehendit in Agamemnone u vocalem vocis suapte ad consonan-
tem depressam esse v. 250. atque in Ovidii quae feruntur
Halieuticis milvus bisyllabum effieit v. 95. talia igitur Sene-
cae temporibus”?) non inaudita erant.
Quae Richterus de nominibus propriis velut Oechalia,
Electra, Phaedra et de o vocali in ablativo gerundi casu cor-
repta disputavit, cum Hercules Oetaeus his in rebus penitus
cum Annaeanis fabulis consentiat, nullius momenti sunt (ef.
Richter de S. tr. a. p. 15) 72).
HO 782: hie rupe celsa, multa quam nubes ferit,
annosa fulgent templa Cenaei Iovis.
ut stetit ad aras omne votivum pecus 6. 6. 8.
poeta cum in versu 783 templum commemoret, sequenti au-
tem arae mentionem faciat, continuationem sermonis inter-
mittere videtur. hanc ut restitueret, Birtius templum et aram
hoc loco unum idemque esse nobis probare voluit (Mus. Rhen.
34 p. 533). sed mihi quidem viri doctissimi sententia non
placet. nam scriptor non solum aram sed etiam templum in
illa rupe exstitisse dicit”°). quam ob rem bene res se haberet,
si legeremus: ‘ut stetit ad aras templi Cenaei lovis omne
6. 4. 5. et quamquam haec verba (templi Cenaei lovis) re vera
in versu 784 non scripts videmus, tamen ex antecedente fa-
cile audire possumus. duae igitur atque inter se diversae res
sunt templum et ara. itaque huius fabulae poeta, cum 80-
phocles templum non commemoret (cf. Trach. v. 238 et v. 993),
ab exemplo suo recessit. nunc vide versus
ΗΟ 101 sqq.: vos pecus rapite ocius
18) Placent enim mihi Birtii verba haec: innotwisse Halieutica dixi-
mus simul atque edita sumt post nonum Plini librum et ante bricesimum
alterum neque post Vespasiani aetatem neque ante Neroneam (De Halı-
euticis Ovidio poetae falso adscriptis p. 159).
14) addere possum Phoen. 558: petendo patriam perdis ?
75) ex poetae verbis (annosa fulgent) sequitur, ut templum hoc
loco non τέμενος, sed aedificium sit.
De Senecae Hercule Oetaeo. 367
qua templa pollens ara Cenaei Iovis
austro timendum spectat Euboicum mare.
quaeritur quid 5101 velint verba Zempla pollens ara. Birtius
vertit (p. 533): der Altar vertritt den Tempel. at non solum
aram sed etiam templum illo loco fuisse iam vidimus. prae-
terea hanc significationem verbi pollendi nusquam alıbi inve-
nimus. bis tantum pollere idem est quod valere, wert sein (cf.
Birt), nam in Agamemnonis versu 805 cuncta pollens dietum
est pro omnipotens. verba Zempla tollens ara in codicibus de-
terioribus (A) tradita sensum non praebent. quibus de causis
hie locus emendandus est. iam anno MDCXVIII Rutgersius
eoniecit (cf. Variarum lectionum libri VI p. 92) templa tollens
acta Sophoclem (Trach. v. 237) secutus. sed non recte conie-
cit, nam vocis aciae, cum esset Graecum verbum ἀχτή, casu
nominativo Romani non utebantur. itaque fortasse tibi place-
bit emendatio haec: qua templa tollens ora Cenaei Iovis. ora vox
sımillima est arae et Zempla tollens in A traditum facile mutari
poterat in Zempla pollens. conferendi autem sunt versus hi:
Phaed. 1042: opima cervix arduos tollit toros,
Stat. Sılv. V 2, 70: sılva comas tollit,
Hf. 662: Spartana tellus nobile attollit iugum,
Phoen. 602: hinc nota Baccho Tmolus attollit iuga,
Ag. 729: geminumque duplices Argos attollit domus. —
Transeo ad
ΗΟ 746: regna triumphi, templa Iunonis pete:
haec tibi patent, delubra praeclusa omnia.
verba regna triumphi, sequentibus (templa Iunonis) apposita,
non scite dicta sunt pro regna ubi Iuno triumphat. accedit
quod hic versus, cum a vocalis verbi regna producta sit, prop-
ter metrum quoque suspectus est. his de causis Birtii qui
pigeat triumphi seripsit (p. 538) emendationem accipio; nam
ceteri viri docti quod coniecerunt, id mihi non probaverunt.
si vero tradita verba retinere mavis, tibi concedendum est bre-
vem vocalem ante duas consonantes sequens verbum incohan-
tes productam esse. poetam autem propter hoc reprehendi no-
lim, quia exempla huius rei exstant haec:
Hf. 950: hiemsque gelido frigida spatio refert,
Phaed. 1026: immugit, omnes undique scopuli adstrepunt.
908 Aemilius Ackermann,
praeterea Leo apud Tibullum, Lucanum , Statium, Manilium
scriptos vidit septem locos huc spectantes (cf. I p. 203 adn. 4).
Haec omnia cum ita sint, constat rationes metricas et-res
prosodiacas Herculis Oetaei nusquam cum Senecae usu dis-
crepare.
Quo constituto properemus ad ea virorum doctorum ar-
gumenta consideranda quae ad orthographiam pertinent. talia
autem argumenta sine dubio levissima sunt, nam fortasse Se-
neca ipse nunc hoc, nunc illo modo scripsit et quid verisimi-
lius est quam scribas has rationes arbitrio suo mutavisse ?
Richterus (d. S. tr. a. p. 27) formam abbreviatam viden pro
videsne nusquam invenit in his tragoediis 181] HO 1207 vi-
den ut laudis conscia virtus. sed hic locus, cum in Εἰ tradıtum
sit videt, non satis certus est. Phoen. 394 legimus in E viden,
sed etiam hic locus corruptus est. quod tamen sufficit ut de-
monstretur Richterum hoc argumento uti non debuisse. atque
cum ipsa forma videsne in Senecae fabulis omnino non exstet,
nescimus utrum videsne maluerit scribere poeta quam viden
necne. ac ne dicas formam viden non nisi ad sermonem vul-
garem pertinere tecum communico Statü locum hune:
Theb. X, 812: haec erat, haec metuenda manus ferrumque
quod amens
ipsa dedi; viden ut iugulo consumpserit ensem ?
similis forma satin”’®) exstat Oed. 956, contra satisne le-
simus Phaed. 635.
Idem Richterus contendit (l. s. p. 27) in sola hac fabula
bis adiectivorum in is, e formatorum inveniri ablativum, qui
e pro ὃ adsumsperit (v. 1450 quale (sc. stipite) et 1844 inco-
lume nato). neque enim vidit Agamemnonis locum 807 (sup-
plice fibra), neque novit verba haec: Zuweilen haben jedoch
die Dichter, namentlich Ovidius nach Bequemlichkeit des
Versmasses den Ablativ auf e zugelassen (cf. Neue- Wagener,
Lateinische Formenlehre? II p. 54, ubi permulta exempla con-
gesta sunt). eundem librum (p. 529) si inspexeris dativum Zofo
pro toti etiam a bonis poetis velut a Propertio et Ovidio non
evitatum esse primo obtutu cognosces. itaque Senecae quoque
hoc indulgebimus (cf. Leo I p. 61).
ΤΡῚ traditum est statim, quod Leo correxit.
De Senecae Hercule Oetaeo. 369
Substantiva domus et colus in Hercule Oetaeo praeter
Senecae usum plurali numero quartam declinationem sequi di-
zit Leo (I p. 61). sed domüs quarto casu semel tantum exstat
v. 1916, nam locus v. 1633, quem vir doctissimus huc rettulit,
cum in E et in A tradıtum sit nemus et recentiores codices
domos praebeant, nimis incertus est. domos autem scriptum
videmus HO 1870. itaque in HO nunc forma domus, nune
domos usurpata est. ac si Leo recte dixisset substantivum do-
mus plurali numero apud Senecam nusquam quartam declina-
tionem sequi, tamen hoc argumentum non esset. Statius enim
domüs adhibuit Theb. V 97 et IX 798, domos V 107, 149,
427. sed re vera invenitur domäüs apud Senecam:
Ag. 729: geminumque duplices Argos attollit domus,
Hf. 239: post haec adortus nemoris opulenti: domus.
quo loco altera manus domus in domos mutavit. colos tradi-
tum est Hf. 559, HO 372, 668 77), colus HO 218, 768, 1084 58).
modo igitur habemus formam colos, modo colus. velut Statius
seripsit colus Silv. III 1, 172, Ach. 1 582 et 635, Theb. X 649,
colos Silv. I 4, 64, Theb. V 150. ac mihi persuasum est Sene-
cam si saepius in reliquis fabulis quartum casum substantivi
colus plurali numero adhibuisset, nonnumquam colus seriptu-
rum fuisse. idem Leo contendit (I p. 61 adn. 9) HO 520 vocem
tabum usurpatam esse contra usum Senecae, qui tabes prae-
tulerit. Zabes traditum est: Phoen. 164, Med. 641, Oed. 652,
HO 528, 716, 738, 1194, Oct. 512, tabum Hf. 785, HO 520,
786. Statius voce Zabum decies usus est: Theb. VII 765, IX
19 et (2, X 290, 298, XI 87, 582, XII 283, 567, XII 701;
formam tabes inveni ter: Theb. II 14, 677, III 129.
Sequitur scriptura guom. Leoni concedendum est in hac
fabula sola formae quae est guom certa vestigia comparere:
v. 987, 596 quum, 607 quem, 610 quom, 301 qum, 209 quin.
quod argumentum vir doctissimus cum priorem tragoediae par-
tem, in qua hae formae exstant, genuinam aestimaret, nihil va-
lere ipse credidit. apud Statium, qui alibi semper cum seripsit, ter
1 HO 668: altera manus colus fecit ex colos.
18) versus HO 1097 et 1180 non iure Leo huc revocavit, nam 1097
colus est genetivus singularis (velut Oed. 985), et v. 1180 legimus in E
turpe scelus.
370 Aemilius Ackermann,
in Silvis legimus guom (14,29; I 5,39”), Π 3, 69); hac re
num comprobatur Silvas non a Statio profectas esse?
Praeterea Leo 5101 persuasit Herculis Oetaei auctorem fere
ubique volgus, voltus, inclutus sceripsisse, contra Senecam sem-
per vulgus , vultus, inclitus. exempla autem vir doctissimus
non attulit, neque enim potuit afferre. nusguam volgus in HO
tradıtum est°), ter tantum exstat vulgus 605, 806, 1745. in-
clitus legimus: Hf. 339, 847, Troad. 236, 463, Phoen. 185, 536,
Med. 130, 226, 367, 511, Aga. 125, 310, 400a, Thy. 123, 190,
HO 422, 1200, 1984, inclutus: Hf. 134, Troad. 714, Oed. 221,
Ag. 369, 918, ΗΟ 332, 882, 1415, 1427, 1481, 1515, 1832.
itaque si severe agere volumus, Oedipus, cum nusquam inchtus
habeat, maxime a ceteris fabulis abhorret. vultus vel voltus
in Hercule Oetaeo invenitur tricies bis (v. 165, 170, 199, 227,
230, 247, 251, 356, 483, 700, 705, 808, 1017, 1258, 1266, 1273,
1290, 1296, 1348, 1489, 1555, 1574, 1603, 1608, 1645, 1684,
1708, 1724, 1726, 1753, 1978, 1992). sed dubii sunt loci 356,
808, 1753, nam 356 traditum vultumgque depravatum videtur
esse ex multumgque, quod in A legimus. 808 scriptum videmus
vultus,, sed prior u exstat in rasura alterius manus. versus
1753 in E omissus est. supersunt igitur loci undetriginta. inter
quos voltus legimus terdecies (251, 1258, 1266, 1273, 1290,
1296, 1489, 1603, 1608, 1645, 1708, 1724, 1992), vultus sexies
decies (165, 170, 199, 227, 230, 247, 483, 700, 705, 1017, 1348,
1555, 1574, 1684, 1726, 1978). itaque auctor non fere ubique
voltus, sed saepius vultus scripsit. hoc cum constet, facile cre-
das etiam dubüis illis locis (808 et 1753) olim vultus exsti-
tisse. ergo duodevicies formam vulius deprehendimus. itaque
Richterus, si iterum Senecae tragoedias edendas curabit, locis
quibus vultus tradıtum est, non scribet voltus, quod nuper
fecit (cf. v. 247, 1348, 1684, 1726, 1978), sed quibus voltus
exstat, vulius in textum recipiet. dicet aliquis: differentia
quamvis parva inter Annaeanas tragoedias et Herculem Oetae-
um profecto exstat, nam non nisi in hac fabula nonnumguam
19) 15,39: traditum est quogue. Vollmerus editor coniecit cum-
que. sed apertum videtur hoc loco olim quomque exstitisse. quomque, ut
pauca exempla afferam, legimus Plaut. Bacch. 252, Capt. 356, 924, 926,
927, Truc. 451, 516, Terent. Andr. 63, 488, Heaut. 578.
2), BE, etiam Birt (1.8, ..516}.
% De Senecae Hercule Oetaeo. 371
voltus et quarto pluralis casu colus scriptum est. itaque mihi
liceat addere perpauca quibus demonstratur in ceteris tragoe-
diis rem orthographicam non’ melius se habere. ablativum sin-
gularis vocis laurus legimus Ag. 779 lauru, Thy. 54 autem
lauro. suboles scriptum est Troad. 463, 528, Phaed. 468, so-
boles Ag. 157. semel set pro sed traditum est Oed. 1009. vae-
cors exstat Phoen. 291, Med."123, Phaed. 1155, Oed. 1005,
Ag. 734, HO 1408, contra vecors Troad. 285. vaesanus legi-
mus Phoen. 584, Med. 123, 738 Ag. 724, HO 1930, vesanus
Hf. 1095. decumus deprehendimus Troad. 76, decimus Ag. 502.
claudere inveni Hf. 306, 986, Troad. 167, Phoen. 246, Med.
458, 464, Phaed. 222, 534, 781, 863, 939, 1226, Oed. 505,
Ag. 109, 559, 718, 889, Thy. 335, 491, 1068, HO 956, clu-
dere Hf. 281, Troad. 139, 186, 317, Phoen. 148, 467, Med.
820, Phaed. 47, Thy. 232,916, 1041, ΠΟ 599, 1441 81). cui haec
non sufficiunt, inspiciat indicem orthographicum editionis Rich-
terianae, ubi plura huc pertinentia collecta sunt.
Ne quis miretur quod HO 771 hocne®?) et 1243 haecne
invenitur, affero locos hos: Phaed. 1269 haecne; Stat. Theb.
1173 hancne, 1189 hiene, V 633 hocne, VII 20 hicne, VIL 705
hicne, IX 421 huncne, IX 715 haecne.
lam absolvimus atque redarguimus omnia argumenta ad
res orthographicas spectantia. sed haec leviora, illa vero gra-
via atque magna sunt, quae ad usum loquendi pertinent. pri-
mus, quod sciam, huic rei operam ac studium navavit D. Hein-
sius (apud Scriv. p. 344 sqq.). qui quae de usu verborum
ichus et ambo disputavit, ea bene diluta sunt a Leone (1 p. 66)
et a Melzero (p. 31). recte autem vidit HO 150 (vetare So-
lem) et 1624 (veiare Phoebum) vetare pro arcere positum esse.
hunce usum ut excusaret Melzerus (p. 32) attulit Statii locum
- Theb. XII 558: quos vetat igne ÜOreon h. e. rogis et igne
supremo interdieit. praeterea autem comparandi sunt loci hi:
Valer. Flaccus VIII 303: nec longius inter
quam quod tela vetet, superest mare,
Stat. Silv. III 1, 173: avertam luctus et tristia damna vetabo,
81) cJudere, ut hoc addam, etiam repperi luven. VII, 26, Stat. Silv.
II 4,11; IV 6,67; V 1,168; Theb. U 6; II 307; VI 727; VII 434;
ὙΠ 198; X 451; XI 58;
85) in E traditum est hoccine, sed res metrica poscit hocne.
Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 25
372 Aemilius Ackermann,
Tacit. ann. ΧΙ 20: inter Mosam Rhenumque trium et vi-
ginti milium spatio fossam perduxit (sc. Corbulo), qua incerta
Oceani vetarentur.
D. Heinsius aliique aegre tulerunt, quod HO 1586 (gquam
tuas laudes populi quwiescant) quiescendi verbum accusativum
recipit. Melzerus dixit apud Plautum et apud Statium idem
inveniri, sed exempla non attulit Georgium secutus. loci au-
tem Plautini qui huc referri possint, non satis quadrant, nam
Most. 1173 (tu quwiesce hanc rem modo petere) non accusativus
sed infinitivus e gwiesce pendet et Mil. gl. 927 (quiescas cetera)
cetera fortasse adverbii vicem tenet. apud Statium quwiescere
semel active positum est
Theb. IV 432: hic late iaculis circum undique fixis
effusam pharetra cer vice m excepta quiescit.
accedit quod Servius ad Verg. Ecl. 8, 4 adnotat: gquwiesco du-
plicem habet significationem; et aliter dico quiesco ego et ali-
ter quiesco servum.
ΗΟ 987 (Deianira alloquitur Hyllum):
ignave dubitas? Herculem eripuit tibi
haec, haec peremit dextra cui debes patri
avum Tonantem. majius eripui decus,
quam in luce tribui. si tibi ignotum est nefas,
a matre disce.
hoc loco in luce tribuere male pro parere dietum esse eredidit
idem Heinsius. neque enim vidit Deianiram verbis maius eripwi
decus quam in luce tribui non in universum loqui, sed Hyllum
compellare. ad eripwi et tribui semper supplendum est ἐδ.
itaque Deianirae verba hoc modo intellegenda sunt: maius do-
num nunc tibi eripui quam tune tibi tribui cum te in lucem edidi.
ἨΘ [517 tum longum ferens
harundo vulnus tenuit haerentem fugam
mortemque fixit.
fixit pro intulit usurpatum 1). Heinsio displieuit. sed vulnera
figere legimus apud Martialem (epigr. 1 60, 4):
alta iuvencorum vulnera figet ubi?
Non iniuria D. Heinsius in eo haesit quod genus quater
pro genere humano positum est AO 63, 760, 1810, 1863. hoc
ὉΡ ur u Zu | ὦ
|
|
De Senecae Hercule Oetaeo. 373
prorsus singulare esse concedimus, quod tamen excusatione non
caret. legas Phaed. 466: |
providit ille maximus mundi parens,
cum tam rapaces cerneret Fati manus,
ut damna semper subole repararet nova.
excedat agedum rebus humanis Venus,
quae supplet ac restituit exhaustum genus:
orbis iacebit squalido turpis situ,
vacuum sine ullis piscibus stabit mare,
alesque caelo derit et silvis fera
solis et aer pervius ventis erit.
pro ‚exhaustum genus’ codices deteriores praebent ‚humanum ge-
nus’ non recte, nam genus non de genere humano solo, sed de om-
nibus animalibus dietum est, quod ex sequentibus verbis apparet.
itaque Seneca similiter atque Herculis Oetaei auctor peccavit ®?).
HO 1883: flete Herculeos, Arcades, obitus,
nondum Phoebe nascente genus.
Ὁ. Heinsius adnotavit: ‚nescit (sc. poeta) quid dicat’. vir doc-
tissimus ipse non cognovit hoc loco ablativum absolutum (non-
dum Phoebe nascente) e substantivo (genus) pendentem ad-
missum esse. quam ad rem infra redibit disputatio (p. 376 sq.).
Quae Goebelius de usu adiectivi immemor dixit (]. 5. p. 740),
refutata sunt a Melzero p. 31/32.
Richterus vidit (de. S. tr. a. p. 25) HO 1861 quamquam
non ad verbum finitum accedere. idem HO 1506 fieri depre-
- hendit Leo (I p. 62). perperam autem Richterus contendit (l. 5.
- .adn. 1) solos recentiores scriptores et poetas 510 locutos esse. iam
Georges attulit exempla haec: Sallust. hist. I fr. 48 8 2: nam
bellum atque arma, guamgquam vobis invisa, tamen quia Lepido
placent, sumunda sunt et Cicer. de finib. V ὃ 68: nec vero
umgquam summum bonum assequi quisquam posset, sı omnia ıllo,
quae sunt extra, quamquam eapetenda, summo bono contineren-
tur. praeterea repperi Statii locos hos: Silv III 3, 70; V 2,105;
Theb 1669; IV 820; V 300; ΥἹ 41 ; XI 399; XII 206, 394.
Richterum id quoque offendit quod genus ter (HO 40,
- 1699, 1884) nationem significat. sed hanc significationem sae-
pissime inveniri inter omnes constat. quae Richterus de loco
88) Phaedrae locum iam Richterus vidit (p. 26 adn. 1).
25 Ὁ
374 Aemilius Ackermann,
HO 1849 (alıgqua mater) disputavit, a Leone (Ip. 66) et a
Melzero (p. 32) profligata sunt et verba sua de versibus 191 et
482 facta nuper in editione vir doctissimus ipse tacite in irritum
vindicavit. nec magis valent, quae de HO 520 (tabum) disse-
ruit (cf. Leo II p. 383).
Sonandi verbum pro praedicari oa (HO 692) aegre
tulerunt Richterus (p. 26) et Birtius (p. 516). Ovidius scrip-
sit®*) te carmina nostra sonabunt (unsere Lieder werden dich
preisen), apud Senecam legimus (Oed. 402): carmen somet
(ein Lied soll gesungen werden). modo igitur transitive,
modo intransitive usurpatum est sonare. atque cum Mar-
tialis dieat 1 61, 6: Nasone Paeligni sonant (die Päligner
werden wegen Naso gepriesen), verba: felix alius magnusque
sonet (ein anderer mag glücklich und groß gepriesen werden)
non adeo mira sunt. praeterea Birtius ipse dixit etiam
apud Nemesianum sonare idem significare quod praedicart.
accedit quod locus non ita bene traditus est, ut certissime aliquid
affirmari possit. codices enim deteriores pro sonet praebent volet.
Porro Richterus in eo haesit (p. 26), quod HO 668 colus
per synecdocham pro lana et 1661 nodus pro clava dietum
est. tales translationes notissimas atque omnibus poetis usi-
tatissimas esse contendit Melzerus (p. 31). addo Val. Flaceci
verba 6, 645: diva supremas rumpit wnigqua colus.
HO 887: quicumque fato ignoscit et parcit sibi,
HO 982: parce iam, mater, precor.
isnosce fatis; error a culpa vacat.
Richterus adnotavit (p. 26): singuları deinde phrası poeta
utitur, fatis ignosce, id est delictum fatı culpa commissum non
vindicare. similem locum in Troadibus inveni v. 22:
stat avidus irae vietor et lentum Ilium
metitur oculis ac decem tandem ferus
ignoscit annis.
cf. etiam Melzeri verba p. 39.
Denique Richterus, qui Oedipum quoque et Agamemnonem
fabulas spurias existimabat, attulit (p. 29) edisserendi verbum
non nisi ΠΟ 1617, Ag. 966, Oed. 787 exstare. nobis qui scia-
mus has duas tragoedias genuinas esse, hac re nihil probatur.
84) hunc locum Ovidianum esse testatur Georges.
BE
EEE I ΟΣ ΤΣ
De Senecae Hercule Oetaeo. 375
idem credidit in his solis fabulis vocabulum paedor inveniri.
sed legitur ΠΗ, 628 85). autumare non solum in Hercule Oetaeo
et Oedipode, sed etiam in Phaedra (257) exstare Richterus ipse
vidit. adiectivum altisonus HO 530 traditum praeterea rep-
peri Ag. 582 et Phaed. 1134. adiectiva in ficus terminata neque
in HO neque in Thy. exstant (cf. Richt. p. 29 et p. 3 adn. 2).
praepositionem propter etiam Phoen. 336 usurpatam esse iam
Leo deprehendit (I p. 66). cf. Richt. p. 25.
Jam Leonem audiamus. qui vir doctissimus aegre tulit
(1 p.56) quod HO 1600 magis pro potius positum est. iam
Melzerus (p. 34) hoc leve argumentum diluit.
HO 1652 * victrice felix, iuvenis, has numquam irritas
mittes in hostem ; sive de media voles
auferre volucres nube, descendent aves
et certa praedae tela de caelo fluent.
Leo reprehendit (I p. 62) quod v. 1653 sive secundo loco tan-
tum diiunctis sententiae membris apparet°®). ac Birtius ad-
notavit (p. 549): Unmöglich richtig aber ist das sive, da kein
zweites sive daneben steht, dem es entspräche. cum Leoni, qui
lacunam statuit (cf. editionem), sententia per sive incohata
fuisse videretur (velut sive eris in acie), Birtius pro swe de
coniecit δὴ vel 6. quam viri doctissimi emendationem appella-
verunt Tachavus ‘eine evidente Textverbesserung’ (cf. Philol. 48
p. 745/46) et Melzerus egregiam coniecturam (p. 34). mihi
autem carus magister meus sententiam suam non probanvit.
nam certum videtur hoc loco praepositionem de retinendam esse.
simillimus enim locus exstat in
Phaedra (816) 57) aut si tela modo spargere Parthico
in caelum placeat, nulla sine alite
descendent, tepido viscere condita
praedam de mediis nubibus afferent.
praeterea compares HO 1621: nube de media vocat, HO 1655:
tela de caelo fluent,
Med. 799: tibi de medio rapta sepulchro
fax nocturnos sustulit ignes.
80) quod vidit Habruckerus (quaestionum Annaeanarum capita IV
pars I p. 6).
86) moneo in E non siwve, sed si traditum esse,
87) attulit Leo (I p. 51).
376 Aemilius Ackermann,
itaque censeo particulam sive servandam esse. Hercules enim
sagittas Philoctetae dat, ut vel hostes vel aves interficiat. et
legi apud Draegerum (Historische Syntax der lateinischen Spra-
che ? II p. 148): sive ‚oder wenn’ ist zuweilen in vel si auf-
zulösen, so dass vel von si getrennt gedacht, zu einem Satze ge-
hört, von dem der Bedingungssatz mit si abhängt. ac non solum
Draegerus ipse, sed etiam CFW. Muellerus (Ueber den Ge-
brauch von sive p. 9 sq.) locos collegerunt, ubi particula sive
secundo loco tantum exstans hanc significationem habet. Muel-
leri libellum si inspicies facile cognosces Terentium, Horatium
(ter), Vergilium, Tibullum (bis), Propertium (ter), Ovidium,
Persium eandem licentiam atque Herculis Oetaei auctorem 510]
permisisse. hoc igitur non argumentum est, quo aliquis uti
possit. ceterum concedendum est Senecam tragicum particulam
sive hac significatione alibi non adhibuisse.
Versus ΠΟ 1592 et 1830 Leoni, cum ipse videret Her-
culis Oetaei poetam his locis ab usu aliorum non abhorrere,
non afferendi erant 88).
HO 1760: o quanta, Titan, ad nihil moles abit.
A praebet: in nihil. Leo adnotavit (1 p. 63): noverat inter-
polator (se. autor lectionis A) constantem Senecae aliorumgque
usum; praecipue ex Ovidii transformationibus notissimum est
abeundi verbum translato sensu, quod dem significat quod
mutari, cum in praepositione coniunctum. mihi non verisi-
mile videtur hoc loco abire pro mutarı positum esse. verba
ad nihil abire per analogiam orta sunt ex locutione quae
fuit abire ad plures, ad inferos (= mori) 83). similiter Cicero
dicit Tusc. 1 8 32: abüt ad deos Hercules. ceterum ne id
quidem veri dissimile est hoc loco praepositionem ad, quae in
codicibus deterioribus non tradita est, librariis imputandam
esse, praesertim cum HO 962 (in hanc abire coningum turbam
libet) verbum abeundi, quamquam sensum translatum non habet,
tamen cum in coniunctum sit.
Neque plus valet quod bis?) in HO (975 teque languenit
ss) HO 1592 Richterus fortasse recte coniecit impendens et ad HÖ
1830 comparandus est Hf. 605: atque in labores non satis terrae patent.
89) cf. Birt, Das Arvallied, Archiv für Lexikographie XI p. 165,
168, 188.
90) jniuria huc rettulit Leo HO 1500, ubi vulgo legitur sie
De Senecae Hercule Oetaeo. 377
manu Non audit arcus et. 1884 flete Herculis, Arcades, obi-
tus, Nondum Phoebe nascente genus) ablativus absolutus sub-
stantivo obnoxius invenitur (cf. Leo I p. 57 et p. 62). facile
enim intellegitur quid poeta dicat. de loco HO 975 optime
disputavit Melzerus p. 31. verba 1885 nondum Phoebe nascente
genus dieta sunt pro: Arcades iam genus erant cum Phoebe
nondum nata esset. quam ob rem poetae hunc ablativum ab-
solutum bis tantum adhibitum ignoscemus.
Quod pronominis personalis casus genetivus interdum ad
substantivum ita accedit ut ultro cum pronomine possessivo
mutari possit vituperaverunt Leo (1 p. 64) et Birtius (l. 5.
p- 516). loci, quos iam Leo vidit, sunt hi: HO 557 perbibat
formam mei (flammas mer A), 954 nunc veram ἐμ (tuam A)
agnosce prolem, 1216 nam quis dignus necis Herculeae super-
est auctor nisi dextra tui?, 1502 licet sit falsa progenies mei
(mihi A). versus 949 recipe me comitem tibi (twi A), 1242 haec
moles mea est (mei est A), 1966 quwiequid in nobis tur Mortale
fuerat ignis evictus ἐμ Leo afferre non debuit. nam verba
thbi (v. 949) et mea (v. 1242) in ἘΠ tradita satis apte dicta
sunt et v. 1966 genetivum legi necesse est; pendet enim tw
e quicguid 5). primum moneo locos, cum modo in E, modo
in A pronominis personalis genetivus pro possessivo pronomine
exstet, non satis certos esse. deinde Leo ipse concessit huius
genetivi usum qui mediae latinitatis scriptoribus frequentatus
sit, certe plerumque librariorum culpa ortum esse. tum apud
Senecam rhetorem, Ovidium, Vergilium, Catullum eandem li-
centiam admissam esse idem vir doctissimus vidit. et nescio
an haec sufficiant, ut loci illi excusentur. sed pauca addere
possumus. Melzerus recte dixit (p. 32) genetivo pronominis
personalis personam gravius premi quam pronomine possessivo.
hac de causa Deianira dieit (555):
si quas decor
Ioles inussit pectori Herculeo faces
extingue totas, perbibat formam mei, (non loles).
hac de causa chorus Herculem alloquitur verbis his (1216):
nascente Hercule Nox illa certa esi. sed in E traditum est sive nas-
centem Herculem 6. q. s. et A praebet sive nascente Hercule Non illa
certa est. itaque hic locus nimis, dubius est.
51) locum recte interpretatus est Melzerus p. 9 adn. 2,
Pr)
378 Aemilius Ackermann,
nam quis dignus necis Herculeae
superest auctor nisi dextra tui?
nam Hercule dignus auctor Herculeae necis solummodo Her-
cules 1086 ist. hac de causa Deianira certior facta quantum
facinus commiserit dieit (952):
adde me comitem tuis,
Threica coniunx, sceleribus; natam tuam,
Althaea mater, recipe, nunc veram tui
agnosce prolem.
prolem tui, quae sceleratissima femina fuisti.
Restat locus 1502 licet sit falsa progenies mei (mihi A),
qui simili excusatione caret. itaque credo hoc loco mei ex
mihi depravatum esse. talıs enim error facillime evenire po-
terat, velut ΠΟ 949 legimus in E recipe me comitem tibi, in
A autem comitem tui. fortasse eo quoque, quod hic tibi in E
traditum est, opinio mea paulum affırmatur. itaque etiam hoc
argumentum refellimus, quod levius esse Leo ipse concesserat
(I. p. 70). praeterea alia causa inveniri potest, cur huic pro-
nominis personalis usui venia tribuenda sit (cf. part. tert.).
Age nune illa videamus quae Birtius castigavit. qui vir
doctissimus ad ZO 104 (par {6 est superis cui pariter dies
Et fortuna fwit) adnotavit (p. 533): wo fast unverständlich
fuit gesagt ist statt esse desiit”). sed iam N. Heinsius dixit
(l. s. p. 436) traditam lectionem non temere sollicitandam esse.
vidit enim duos Vergilii locos hos: ‘sed fortuna fwit (Aen. VII
413) et fwimus Troes, fuit Ilium (Aen. Π 335). nonnumquam
igitur fuisse idem significat quod esse desiisse. conferas etiam
Melzer. p. 32/33.
In Hercule Oetaeo verborum guota est et vitam reddere
usum, qui Birtio displieuit (p. 533 et p. 534), ab Annaeano
non abhorrere demonstravit Melzerus (p. 32). vide etiam infra
(p. tert.).
Idem Birtius in plurali populi haesit p. 537/38: Ueber-
haupt, inquit, braucht der Dichter dieses Herkules fast ständig
bombastisch den Plural populi cf. v. 1586, 1818, 1811 und
1536 sogar Arcades populi vetusti, 1018, 1918, 1993, 1335,
855 und sonst, seltener den Singular wie 1541; dagegen hat
95) hoc Tachavo quoque molestum erat, Philol. 46 p. 981,
j
|
\
De Senecae Hercule Oetaeo. 379
Seneka meist den Singular und würde ihn auch in der Mehr-
zahl der angeführten Stellen angewandt haben. vituperavit igi-
tur vir doctissimus quod poeta pluralem singularis loco posuit,
nam in universum si rem consideramus, Seneca huius vocis plu-
ralem saepius singulari usurpavit°°). cum Birtius contenderet
Med. 58, 484, 794, Phoen. 614, Troad. 772, Ff. 1241, Phaed.
158 pluralem adhibitum esse, quia singularis intelligi non
posset, Melzerus non solum Thy. 648 et Ag. 602, sed etiam
Med. 58 et Troad. 772 pluralem pro singulari legi dixit (p. 31).
Troad. 766 5.4. Andromacha filium suum alloguitur, quem
mox necatum iri 5010. ac magnopere lamentatur misera mater,
quod Scamandrius numquam rex et dominus fiet. dieit enim
BT:
Iliaca non tu sceptra regali potens
gestabis aula, iura nec populis dabis
victasque gentes sub tuum mittes iugum,
non Graia caedes terga, non Pyrrhum trahes.
sane Birtio concedendum est hoc loco singularem populo intel-
legi non potuisse; nam Andromacha non tam de Troiano po-
pulo quam de omnibus eis populis cogitat, quos Astyanax rex
in dicionem potestatemque suam redegerit.
Med. 56 chorus canit:
Ad regum thalamos numine prospero
qui caelum superi quique regunt fretum
assint cum populis rite faventibus.
etiam hoc loco Birtium quam Melzerum sequi malim. verba
enim in universum dicta sunt. itaque cum legamus ad regum
thalamos, poscimus pluralem cum populis. contra recte attulisse
videtur Melzerus locos Thy. 648 et Ag. 602. nec desunt alia
exempla. HO 1916 poeta Alcmenam inducit quaerentem quo
loco Hercules mortuus versetur:
38) pluralis exstat in ΠΡ. novies (191, 230, 293, 557, 560, 667, 708,
775, 1241), singularis ter (169, 382, 838); in Troad. bis (772, 1137) —
quater (893, 1009, 1083, 1120); in Phoen. ter (265, 325, 614) — semel
(51); in Med. ter (58, 484, 794) — bis (604, 977); in Phaed. sexies
(150, 494, 529, 562, 759, 911) — bis (488, 988); in Oed. bis (573, 607)
— septies (33, 76, 396, 589, 744, 784, 874); in Aga. semel (602) — semel
(181); in Thy. bis (88, 648) — sexies (188, 204, 206, 411, 644, 875);
in HO duodevicies (27, 420, 607, 608, 612, 672, 855, 1018, 1335, 1536,
1586, 1605, 1811, 1818, 1871, 1876, 1918, 1993) — ter (1541, 1810, 1824).
980 Aemilius Ackermann,
iamne Elysias, o nate, domus
iam litus habes
ad quod populos natura vocat?
pluralem populos reprehendit Birtius. sed conferas
Hf. 186: nimium, Alcide, pectore forti
properas maestos visere manes:
certo veniunt tempore Parcae.
nulli iusso cessare licet,
nulli scriptum proferre diem:
recipit populos urna citatos.
Hf. 707: Quid ille opaca qui regit sceptro loca,
qua sede positus temperat populos leves?
praeterea afferre possum Hf. 293, Phoen. 265, Phued. 529,
Oed. 573. maxime idoneus locus est Troad. 1136, ubi in versu
892 Helena ab Andromacha appellatur pestis ewitium lues
utriusque populi (sc. Graecorum et Troianorum); similiterque
nuntius dieit (1160): uierque flevit coetus. at in versu 1136 le-
gimus : ferror attonıtos tenet utrosque populos. haec verba sine
dubio bombastisch dieta sunt. compares etiam quae infra hac
de re disputavi (p. tert.). differentia ergo non adest.
Tachavus haesit (Philol. 46 p. 380) in voce ultimus; cf.
HO 107: quisquis sub pedibus fata rapacia
et puppem posuit fluminis ultimi.
hoc enim loco contra usum Senecae, qui Phaed. 98, Oed. 869,
Hf. 1107, Troad. 146 adiectivum imus adhibuerit, ultimi pro
mi vel inferni positum esse. Oed. 869 legimus:
Dehisce tellus, tuque tenebrarum potens,
in Tartara ima, rector umbrarum, rape
retro reversas generis ac stirpis vices.
exstat autem similis locus Zroad. 519:
Dehisce tellus, tuque, coniunx, ultimo
specu revulsam scinde tellurem et Stygis
sinu profundo conde depositum meum.
ultimus specus idem significat quod Tartara ima. praeterea,
quod summum est, Tachavus omnino non recte contendit HO
108 ultimi pro imi dietum esse. ultimum flumen est der letzte
Fluss. homines dum vivunt multa flumina transire et saepius
in mari navigare solent. si vero mortui sunt, ultimum flumen
De Senecae Hercule Oetaeo. 981
(sc. Acheron) eis transeundum est. quo traiecto numquam post-
hac flumen ullum transgredi possunt, nam Acherontis undae,
ut Vergilii verbis utar, irremeabiles sunt ?‘°).
Iam pervenit haec disputatio ad particularum usum, qui ubi de
auctore quaeritur magni momenti est. nec tamen necesse est Sene-
cam omnes particulas, quibus uti solebat, in omnibus tragoediis
adhibuisse (cf. Melzer p. 35). itaque si discrimen non nisi parvum
exstat, circumspectius nobis iudicandum est. eliam particulam in
omnibus ceteris fabulis usurpatam in HO prorsus desiderari et
bis tantum (v. 710, 724) etiammum legi contendit KRichterus
(d. S. tr. a. p. 24). inveni eiam in HO 1406, qui tamen lo-
cus corruptus est. Senecam hac particula perraro usum esse
ıiam Melzerus vidit. exstat enim semel in Phoen. 427, semel
in Oed. 678, semel in Ag. 983, bis in Med. 499, 678 bis in
Phaed. 226, 705, Thy. 889, 896; quater in Hf. 492, 965, 1189,
1261, quater in Troad. 303, 8570, 670, 733. itaque non differentia,
sed similitudo Richtero statuenda erat. efiammum traditum est
in Hf. semel 936, Troad. semel 500, Phoen. ter 176, 273, 368,
Med. bis 278, 1012, Oed. bis 618, 680, Thy. bis 257, 914,
ΗΟ bis 710, 724, Phaed. nusquam. itaque cum Melzero quaero:
hac re num contra Phaedram suspicio nobis movebitur ?
Idem Richterus aegre tulit quod saltem septies in HO
(87, 932, 1259, 1317, 1374, 1416, 1914) legitur,, in- ceteris
ter tantum Med. 1015, Ag. 492, Hf. 1204 (hunc locum primus
Melzerus vidit). contra dico particulam nuper in his omnibus
fabulis vitatam semel exstare in Phaedra 788.
Porro Richterus in eo haesit, quod in 70 particula nempe
paulo crebrius quam in ceteris tragoediis invenitur. nempe
enim scriptum videmus in /f. semel 44, Troad. ter 325, 340,
144 °°), Phoen. bis 522, 523, Phaed. bis 244, 645, Oed. semel
716, Ag.semel 702, Thy. semel 412, HO decies 332, 359, 363, 366,
369, 374, 437, 903, 1911, 1912 (cf. Melz. p. 33). Phoenissae
fabula composita est ex versibus 664, contra Hercules Oetaeus,
quae ex 1996 versibus constat, triplo maius spatium complet.
94) Vergilium hoc loco (Aen. 4, 425) non de Acheronte, sed de
Styge loqui mihi non ignotum est.
85) Troad. 933 pro sicre perperam Richterus coniecisse videtur
nempe cf. Symbola Doctorum Jenensis Gymnasii in honorem Gymnasii
Isenacensis collecta, particula prior p. 32.
382 Aemilius Ackermann,
itaque si sexies tantum nempe in HO exstaret, Hercules alter
optime cum Phoenissis conveniret. nunc autem, cum decies°*)
nempe in ΠῸ legatur, auctorem huius tragoediae Richterus
vituperare ausus est. quam ob rem memorabile esse mihi vi-
detur nempe bis (HO 332 et 437) in E omissum et locum 369,
cum in Florentino traditum sit nempe Thespides vacant, in A
autem mene Thespiades vocant, non satis certum esse 37). prae-
terea et Leo (I p. 66) et Melzerus huic particulae id quoque
praesidio esse contenderunt, quod v. 3951—379 quinquies quasi
in una periodo membra argumentationis conectat. iam vero
particulas autem, ceu, comminus, nonnumgquam, proprie non nisi
in Troadibus inveni (cf. v. 927, 20, 348, 904, 435). neque ta-
men Troades spurias dices.
Fere particulam a Senecae usu alienam bis tantum in
HO (407, 452) adhibitam esse Richterus dixit (p. 25). pri-
mum moneo fere in Etrusco omnino non tradıtum esse, nam
versus 407 omissus est et v. 452 fare invenitur. deinde exstat
fere Troad. 438 et fortasse 1145. qui locus corruptus est:
legimus enim in A et fere, in E autem effert, quod nihili est
et metrum delet. maxime igitur verisimile est codices deterio-
res meliorem lectionem praebere.
Forte quater in HO positum (500, 522, 722, 929) offen-
dit eundem Richterum. nisi forte seriptum vidi Ag. 960 et
Phaed. 628°°). adde quod negue nusquam invenitur nisi semel
in Oed. 381. iamne concludi potest Oedipum insitivum esse?
Donec non solum semel in HO 429, sed etiam quater in
Oed. 622, 745, 760, 960 exstare Richterus ipse vidit. accedit
quod versus ΠῸ 429 in E non traditus est.
Palam legimus Ag. 258, HO 1261, 1516, 15179). Rich-
tero displicuit quod palam Ag. 258 praepositionis vicem tenet,
contra in HO semper adverbium est. at inter omnes constat
palam adverbium poetis et scriptoribus prosae orationis usi-
tatissimum esse, palam autem praepositionem perraro inveniri.
96) Richterus ipse novies tantum nempe deprehendit, recte autem
numeravit Melzerus p. 33. } \
91 ΗΟ 374 N. Heinsius pro nempe ila cervix seribi voluit Ne-
meaea cervix (1. s. Ὁ. 442).
98) Agamemnonis locum iam Richterus vidit.
99) ]ocos HO 1516 et 1517 non attulit Richterus,
De Senecae Hercule Oetaeo. 383
atque Ag. 258 (ultimum est nuptae malum, Palam marita pos-
sidens paelex domum) iam prima manus marita correxit in
mariti, quod Richterus nuper ipse in textum recepit. differen-
τς tia igitur non exstat. sed pro corollario addo praepositionem
coram semel tantum usurpatam esse Pf. 1264 (genitore coram).
Potius, quod Hf. 1265 Thy. 522, Phoen. 110, 494, Phaed.
613, 655, 622, Med. 507, Troad. 355, 694, Oct. 76, 580 re-
periatur, nusgquam in HO, Oed., Ag. legi Richterus dixit.
re vera autem haec particula invenitur: //f. 427, 1014, 1094},
1265, Troad. 351, 650, 690, 1059, Phoen. 110, 494, Med. 507.
Phaed. 443, 612, 655, 622, Oed. 629, Ag. 308, 882, Thy. 413,
522, 1021, HO 852 (i. e. in ea parte quam Leo spuriam
aestimat), Oct. 177, 578. Hercules Oetaeus, cum etiam in
Med. et Oed. semel tantum potius admissum videamus, pror-
sus cum Annaeanis fabulis consentit.
Interim legimus Troad. 997, Phaed. 1274, ΠΟ 4091), 481,
930. atque cum haec particula Troad. 997, Phaed. 1274, HO
409 proprio sensu usurpata sit, habet ΠῸ 481 et 930 notionem
particulae interdum, quod vituperaverunt D. Heinsius (ap. Ser.
p- 340 sq.), Richterus (p. 25), Birtius (p. 516). sed πο usum
in Senecae scriptis prosa oratione conditis frequentatissimum
esse vidit Melzerus p. 34. quod solummodo in HO bis ın-
terim pro interdum positum est, cum haec particula rarissime
in tragoediis inveniatur, sine dubio casui tribuendum est.
adiungo particulam actutum semel tantum in Phaedra (624)
exstare.
Hauddum HO 80 pro nondum positum esse contendit Leo
(Ip. 65), qui ipse vidit (Ip. 30) in E non hauddum, sed haud
traditum esse!%):
ΠΟ 79: si post feras, post bella, post Stygium canem
haud astra merui, Siculus Hesperium latus
tangat Pelorus, una iam tellus erit.
ego quidem hos versus intellegere possum. neque sensus neque
res metrica postulat ut hauddum seribamus. neque alibi Her-
culis Oetaei poeta usquam hauddum usurpavit, contra nondum
septies 201, 213, 546, 774, 1159, 1614, 1884.
100) versus 409 in E desideratur.
101) A praebet nondum.
984 Aemilius Ackermann,
Ultra HO 1245 idem significare quod »posthac Leo recte
dixit (I p. 62). sed legas Phaed. 945:
En perage donum triste, regnator freti!
non cernat ultra lucidum Hippolytus diem
adeatque manes iuvenis iratos patri.
Leonem usum particularum hinc et inde Herculis Oetaei
auctori perperam crimini dedisse demonstravit Melzerus p. 34.
Bis in HO (859 et 1408) deinde ad particulam interroga-
tivam ita accedit, ut non temporis progressum indicet, sed id
quod ante dietum est cum vi quadam repetat. hunc usum sin-
gularem esse Leoni concedendum videtur (cf. Leo I p. 63 et
Melz. p. 34). sed etiam reliquae tragoediae nonnulla a com-
muni usu aliena habent. particulae 760, citra, iniro!”) non
nisi in Oed. exstant (v. 598, 951, 557). in Medea sola in-
veniuntur perpetuo, priusqguam, quippe (v. 196, 298, 256:%)
438). solummodo in Phaedra leguntur minime, pone, verum,
vero (v. 895, 1046, 428, 1082).
Leo (I p. 64) et Birtius (p. 516) vituperaverunt fors HO
574 pro forsan positum, a Seneca alienum. hoc loco non fors,
sed forsam legendum esse iam Birtius mihi persuasit cf. supra
p. 353. praeterea Leo ipse concessit (I p. 70) hoc argumentum
non multum valere.
Forsitan vel forsan a poetis saepe cum indicativo futuri,
multo rarius cum indicativo praesentis vel praeteriti coniungi
dixit idem Leo (I p. 63). itaque cum bis tantum in reliquis
fabulis, quater autem in HO forsitan vel forsan cum indicativo
praesentis vel praeteriti coniunctum esse animadverterit, Her-
culis Oetaei poetam contra Annaeanum usum peccavisse con-
tendit. Leo ipse apud Vergilium, Ovidium, Propertium, Tibullum,
Lucanum, Statium, Valerium deprehendit tres et triginta locos,
quibus idem admissum est!°*). ac non omnes poetae forsan vel
forsitan cum indicativo futuri coniungere maluerunt. Statius
enim has particulas e quibus sexies indicativum praesentis vel
praeteriti pendere vir doctissimus vidit, non nisi quater, quan-
tum scio, indicativo futuri adıunxit (cf. Silv. 13, 62; II 3, 65;
102) tradıtum est antro.
108) Med. 256 quippe in E omissum est.
104) apud Ovidium solum inveniuntur tredecim exempla.
ΨΥ" ΨΩ ΘΝ ΩΝ ρον πα να αν δ τὰ πο παι A
De Senecae Hercule Oetaeo. 385
V 3, 154; Theb. X 447). in HO forsan vel forsitan cum in-
dicativo futuri coniunctum est quinquies 408, 473, 574, 912,
1429, cum indicativo praesentis vel praeteriti quater 361, 1781,
768, 1398. dubius locus est v. 1791, quo futurum legendum
esse mihi Melzerus satis probavit (p. 34). constat igitur Her-
culis Oetaei auctorem forsan vel forsitan saepius cum indica-
tivo futuri coniunxisse quam cum indicativo praesentis vel
praeteriti. itaque cum Leo ipse viderit bis!) in ceteris tragoe-
diis (Phaed. 238, Thy. 747) et in pedestribus Senecae sermonibus
haud raro eandem licentiam inveniri, contendere audeo hac in re
Herculem Oetaeum cum Annaeano usu omnino non discrepare.
Aliud Leonis argumentum est hoc (Ip. 66): pro Seneca
saepius da adhibuit, ut ad numen testemve qui imvocatur Pro-
- wime accedat. Hercules Oetaeus eo a reliqwis recedit, ut pro
non wmvocandis tantum numinibus addat, sed subinde idem non
arte cum alia voce conexum ut ὁ aliasque exclamandı particulas
ponat. In Herc. Oet. pro ad numen testemve accedit v. 290,
- 966, 1173, 1175, 1275, 1364, 1531, non accedit 219, 770, 965,
Er Pi Ρ»"
1231, 1419 bis, 18031°%) (cf. Melz. p. 34). itaque si rem ad
calculos vocare placet pro septies ad numen testemve accedit
et septies exlamandi particulae vicem tenet. Melzerus recte
vidit pro etiam Ag. 35 et Oed. 19 ut exclamandi particulam
- positum esse. pro facınus scripsit Seneca de brevit. vitae 12, 2197),
_ apud Statium pro fere semper particulae ὁ vicem tenet οἵ.
αν. 2
Silv. I 1, 101; Theb. II 92; ΠῚ 308, 370; V 824, 674, 718;
IX 14, 180; X 270, 874; XII 382. adde quod desuper, tan-
tisper non nisi in Thyeste inveniuntur (v. 163, 451, 280).
neque tamen spurius est Thyestes.
Jam unum argumentum nondum refutatum superest. inter-
105) perperam addidit Melzerus Med. 290 et Thy. 316, quibus locis
BT DEE RT EI he
a 5.
non forsan vel forsitan, sed fortasse exstat.
106), HO 211 pro in A traditum in E omissum est. hoc loco olim
ὦ exstitisse coniecit Wilamowitzius. cum lole in sequenti versu patrem
appellet, fortasse tb? supplendum estt (tibe 8ὲ tumulum fata. dedissent).
— ΗΟ 1201 traditam particulam ὁ retinendam esse supra (p. 354 sq.)
exposuil. — bene Melzerus de versibus 1231 et 1803 disputavit (p.
84/35). — ΠΟ 1778: ὁ nimis felix nimis, HO 1803: pro nimis felix
nimis. his exemplis usum particulae pro optime illustrari Leo credi-
dit. legat vir doctissimus HO 1827: 0 misera pietas et Oed. 19: pro
misera pietas.
107) hoc exemplum et alia vidit Birtius (Philol. 63 fasc. 3 Ὁ. 430 sq.).
986 Aemilius Ackermann,
iectionem ei mihi sexies (1024, 1172, 1181, 1205, 1402, 1784)
in ΠΟ, in reliquis fabulis nusquam legi dixit Leo (I p. 69). sed
duo loci 1181 et 1205 nimis dub sunt; nam 1181 in E tra-
ditum est potwisset mihi et in A potuissem mihr. atque cum
Lipsius potwissem ei mihi coniecisset, Birtius placuisset mihi
scribi maluit (p. 541). ΠῸ 1205 in E legimus: »erdidi et
mortem mihi totiens honestam, in A perdidi mortem hei mihi
e. 4. 5.798) itaque quattuor tantum loci satis certi sunt: 1024,
117210), 1402110) 1784. Leoni concedendum est hanc inter-
iectionem ceteris in tragoediis nusquam usurpatam esse. parva
igitur differentia exstat. sed cum hoc fere solum argumentum
sit quod non infirmari potest, non credibile videtur hac una
particula effici, ut Herculem Oetaeum spurianı esse cuiquam
persuadeatur (cf. Melz. p. 35). an credis etiam Herculem furen-
tem, Phoenissas, Agamemnonem fabulas non a Seneca seriptas
esse? inveniuntur enim particulae mox, furtim, istue!!!), raro
undecumgque non nisi in Hercule furente 112). agite, ideo, mem-
bratim, subinde in Phoenissis tantum leguntur 15). atque in
sola Agamemnone exstant attamen 40.85.4), hodie 752, 971,
interea 965, posthac 964, siquidem 806, extra 967, encliticum
-pte (suapte) 250*'?). addere liceat interiectionem δὲ mihi bonis
poetis usitatam esse (cf. Leo Ip. 67 sq.).
Quis igitur sit auctor Herculis Oetaei noniam incertum
esse credo. omnia enim argumenta virorum doctorum, qui fa-
bulam hanc a ceterarum poeta abiudicaverunt, refellisse ac di-
luisse mihi videor. itaque cum traditum sit Herculem Oetaeum
tragoediam a Seneca profectam esse, eruditissimo illi Neronis
magistro relinguenda est.
108) perdidi et dietum est pro et perdidi. quare verba in E tradita
retinenda esse puto.
109) in A pro impendo ei mihi exstat impendo male.
110) A praebet et mihi.
111) tradıtum est istum.
11:3) πὶ 458,.1179, 1029, 825, 1011:
118) v. 334, 804, 170, 232.
114) vidit Richterus (ἃ. S. tr. ἃ. p. 27),
115) suapte deprehendit Schmidtius (l. s. p. 13).
De Senecae Hercule Oetaeo. 387
IL. De unitate tragoediae.
Deinceps, ut erat propositum, examinanda sunt argumenta
eorum qui Herculem Oetaeum totam et indivisam tragoediam
esse negaverunt. exstiterunt enim qui hanc vel illam fabulae
partem spuriam aestimarent. ac Swoboda quidem canticum
illud, quod legitur 1031—1130, cum reliqua tragoedia non
cohaerere se perspexisse opinatus est (l. 5. p. 344) 11°). in eodem
cantico haesit Goebelius (l. 5. p. 738 sq.). qui vir doctissimus
versus 1036—1099 ab Herculis Oetaei scriptore abiudicavit
causis commotus his. verba, inquit, ‚Ilkus stetit ad modos
(v. 1036)‘ negquaquam cohaerent cum praecedentibus, et versus
1092 sententiam, quae ab wnitio legitur (1031sq.) foede iterat;
versibus autem 1093—1099, quamquam plane vix eswplicari
possunt, extenuarı tantum ac debilhtariı verba 'aeternum fieri
nihil (1035) in promptu est; nec vero versus 1099 magis ad
ceteros quadrat; namgque quid sibi vult oratio quae vocatur
directa? quid futurum poterit? Swobodae et Goebelii argu-
menta Melzerus non satis accurate refellit (p. 20 et 27). neque
enim negavit versibus 1036—1099 digressionem contineri, neque
operam dedit, ut demonstraret totum canticum cum reliqua
tragoedia artissime cohaerere. — In scaena illa v. 742sqgq., ut ad
rem ıpsam accedamus, Hyllus matri narrat Herculem brevi
spatio interiecto moriturum esse. qua re cognita chorus ma-
gnopere miratus quod viribus pollentissimus ille heros, Iovis
filius, morti obnoxius est quaerit, quomodo hoc fieri possit.
quaerenti autem venit in mentem Orphei, qui, quamquam om-
nia cantu suo vicerat, mortem superare non potuit. nonne ar-
tissime canticum cum antecedentibus versibus cohaeret? nunc
quoque elucet in glyconeis 1036—1099, quibus chorus ma-
gnam Orphei cantus vim describit, digressionem non inesse.
hac enim re chorus probare id ipsum studet Orpheum non
minus potentem heroem fuisse quam Herculem et nos addu-
cere ut, cum vocalis ille vates mortis vincula solvere non
potuerit, nunc etiam Herculem e vita discessurum facilius cre-
damus. ubi igitur poeta a proposito digressus est?
EI Tee. de, re, cartiorem me fecit Melzerus (p. 20).
Philologus, Supplementband x, drittes Heft. 26
388 Aemilius Ackermann,
Sententia quae ab initio (1031 sq.) legitur, non foede, sed
commode iteratur 1092. primum enim comperimus Orpheum
cecinisse aeternum fieri nihil. tum certiores fimus, quantus
heros Orpheus fuerit, deinde quo tempore cecinerit. cf. etiam
Melzer p. 27. |
Versibus autem 1093—1099 extenuari tantum ac debili-
[811 verba aeternum fiert nihil quis credat? solus versus 1099
ad 1035 respicit et sine dubio bene respicit. sed cum etiam ex
ultimo Goebelii argumento appareat eum versus 1093 sq. non
satis intellexisse paulo accuratius de eis loquar.
HO 1093: Leges in superos datas
et qui tempora digerit
quattuor praecipitis deus
anni, disposuit vices;
nulli non avidı colus
Parcas stamina nectere:
quod natum est, poterit 117) mori.
M. Muellerus (l. s. p. 54) agnoscendam esse censuit sententiae
conformationem hanc: leges in superos datas et vices disposuit
qui deus tempora digerit anni. mihi verisimile videtur hos ver-
sus intellegendos esse sie: deus, qui leges in superos datas et
tempora quattuor praecipitis anni digerit, disposuit vices 6. q.S.:
quae verba verti velim hoc fere modo: Der Gott, welcher die
für die Himmlischen gegebenen Gesetze und die vier Zeiten
des schnell enteilenden Jahres anordnet, verteilte die Rollen.
So befahl er den Parzen jedem Menschen ein Gewebe gierigen
Fadens zu knüpfen. Darum muß alles Geborene sterben. recte
disseruit M. Muellerus de verbis avidi colus. colus est avidus
sul ipsius consumendi, quia hac re simul hominis vita consu-
mitur 118). non item bene Muellerus de versibus 1097—99 dis-
117) Quin poterit (1099) perperam traditum sit, non dubito.
118) Verba avidi colus sic intellegenda esse negavit Koetschau (Phi-
lol. N. F. 15 p. 153). neque enim credidit fieri posse, ut colus sui ipsius
consumendi avidus sit. quam ob rem pro avidi coniecit rapidi. sed hoc
loco poeta usus est notissima illa figura quam vocant enallagen attri-
buti. haec autem a poetis saepissime usurpata est. ac perlegas exem-
pla quae Friedlaenderus ad Martial. I 15, 7 et ad Juvenal. II 170 ad-
notavit. Statius Theb. V 274 stamina appellat crudelia, sed re vera non
stamina crudelia, sed Parcae crudeles sunt. praeterea affero Oed. 164,
Hf. 555, Phaed. 439.
De Senecae Hercule Oetaeo. 389
putavit, quos hoc fere modo verti vult: ‘Gott befahl den Par-
zen jedem Menschen die Möglichkeit des Todes zu geben.
Daher wird alles Geborene sterben können’. credidit igitur ver-
bum poterit (1099) recte tradıtum esse, quod omni probabili-
tate caret 115). in versibus 1090 sq. legimus Orpheum cecinisse,
ut desiderium suum coniugis iterum amissae solaretur. sed
quale est solacium id quod omnes homines mori possunt?
Orpheo, si de Eurydices morte se consolari volebat, sine dubio
dicendum erat omnes homines mori necessarium 6556"),
itaque suo iure Goebelius haesit in voce poterit. sed fere om-
nes viri docti, qui hunc locum tractaverunt, verbum poterit
corruptum esse concesserunt. pro poterit coniecerunt N. Hein-
sius (l. s. p. 537) patitur, Birtius quem Leo secutus est quod
erit, Richterus (Symbola Doct. Ien. Gym. p. 28) opus est,
Koetschau (p. 154) toleret. N. Heinsium et Richterum reete
indicativum praesentis desiderasse mihi quidem persuasum est.
nec video cur Goebelius orationem directam improbaverit. poeta
dieit:
nulli non avidi colus
Parcas stamina nectere:
ex quo sequitur:
quod natum est, (debet) mori.
Richteri emendatio mihi placeret, si melius cum traditis litte-
ris conveniret. equidem credo legendum esse properat, quod
facillime in »poterit depravarı poterat. properat autem bene
alludit ad verba avidi colus. cum colus sit avidus, homines
mori properant. atque adiuvant me Tachavi verba haec (Phi-
lol. 48 [1889] p. 728): wie denn Seneka properare häufig in
Beziehung auf den Tod gebraucht wie Af. 674, 487 Oed. 129,
HO 1525, Troad. 1173, Phoen. 99. addere possum Hf. 873
et 178 151), qui locus aptissimus est:
dum fata sinunt, vivite laetı:
properat cursu vita citato
volucrique die
119) Muellerus contendit (p. 55) verba quod natum est, poterit mori
(1099) ai valere atque aeternum fieri nihil (1035), sed omnino verum
non est.
120) Hoc recte monuit Koetschau (p. 154).
21) Vidit primus M. Muellerus (l. s. p. 54).
26 *
990 Aemilius Ackermann,
rota praecipitis vertitur anni;
durae peragunt pensa sorores
nec sua retro fila revolvunt.
si versus HO 1093 sq. cum his conferes magnam similitudi-
nem deprehendes. in utroque loco legimus verba praeeipitis
anni, in utroque Parcae commemorantur. itaque cum Hf. 178
scriptum videamus properat cursu vita citato, mihi proba-
tur etiam Ὁ 1099 olim exstitisse quod natum est, prope-
rat mori. am in cantico illo (1031—1130) omnia plana sunt.
Alium autem locum tentavit Goebelius, cum versus
163—172 spurios esse statuit (p. 743). verba, inquit, v. 173 sq.
aptıssıme respondent versur 162, sed nihil eis rei est cum se-
quentibus versibus (163 sq.), quos etiam multis alüs de causis
esse respuendos apparet, praeterguam quod. contra lugentium
naturam pugnant quae, quicumque versus 168—172 excudit,
chorum Oechaharum virginum amplius dicentem indueit. nam,
posiquam patriam urbem ab Hercule captam esse atque ever-
sam pronuntiaverunt, consentaneum erat conticescere ac {μοί
se tradere, sed non tales ineptias proferre. haec Goebellii ver-
ba vix digna quae redarguantur facillime refellere potuit Mel-
zerus (p. 28).
Peiperus et Richterus cum olim opinarentur fabularum
harum cantica in strophas dividenda esse saepius nonnullos
versus spurios esse cogebantur statuere. sed cum nunc inter
omnes constet strophicam distributionem deprehendi non posse
hac de re verba facere non opus est.
De Habruckeri libello (quaestionum Annaeanarum capita
IV pars II), quem neque bibliothecae neque librarius mihi tra-
dere potuerint, tantummodo Leonis iudicium referre possum.
Habruckerus, inquit (1 p. 71), coniecit (p. 47 sq.) fabulae ini-
tium (1—-232) et finem (1691 sq.) ab alio quodam solido Se-
necae operi adsuta esse. honoris causa illum nomino et ut
hanc laudem incolumem habeat. namgque argumenta quae Pro-
tulit non multum valent nec diffieultatum quas et alıı et nos
cognovimus ulla coniectura ista eliminatur ; finem vero tragoe-
diae ponit quo termimari ommino nequit, id quod et ipsum am
concessurum puto ; denique, quod summum est, pessimam par-
tem vitiisque refertam Senecae relinquit, quo digna habet Her-
De Senecae Hercule Oetaeo. 391
eulis lamenta, indignam Alcmenae de nati religqwiis declama-
tionem: quae ab uno eodemque profecta esse quovis pignore
adfirmarim. itaque cum Leo, quamquam ipse Herculem Oetaeum
indivisam tragoediam esse negavit Habruckeri, argumenta repu-
diaverit, facilius ferri potest, quod libellum viri doctissimi ip-
sum non inspexi.
Quid autem Leo ipse se detexisse opinatus est? qui cum olim
(I p. 71 54.) crederet post versum 705 non eandem Deianiram
comparere quae cum nutrice collogquium v. 256 sqg. habuit,
versus 706 usque ad finem (v. 1996) a reliquae tragoediae auc-
tore, Seneca scilicet, abiudicavit. nunc autem, cum Birtius
(p. 511 54.) et Melzerus (p. 15) post versum 705 eandem Dei-
anıram in scaenam prodire penitus demonstraverint se a vero
aberrasse Leo coactus est confiteri (G. G. A. p. 7 adn. 1). ita-
que maximum argumentum viro doctissimo ereptum est. atque
quamquam concessit priorem et alteram fabulae partem in re
inter se non dissentire, tamen in virtute poetica prorsus inter
se discrepare perrexit contendere. et nunc versus 740—1996,
quos a Senecae arte alienos putavit, spurios esse statuit. sed
cum argumenta quibus ad tragoediam Senecae abiudicandam
usus est, omnia a nobis profligata sint, nemini non conceden-
dum est et ın re et in virtute poetica duas ΘΒ partes plane
inter se congruere. et si Leo recte dixisset in posteriore plura
quam in priore cum Senecae usu discrepantia inveniri, id ta-
men, cum altera pars fere duplo amplius spatium compleat,
non multum valeret, nam pluribus in versibus etiam plura
singularia exstare consentaneum est.
Ipsam priorem partem, quam Senecae reliquit, consensu
atque unitate carere idem Leo affirmare conatus est. integram
inquit (I p. 74), de Herculis morte tragoediam seribere Seneca
an mente non habuit; singulas scaenas scripsit, alteram de vir-
ginibus ex Oechalia abductis, alteram de Deianirae zelotypia.
atque opinionem suam probare studuit argumentis his (I p. 73):
prımum enim dwas scaenas habemus inter se vix cohaerentes:
siquidem unam fabulam duobus locis agi a Senecae arte cete-
rum constanter observata alienum est. deinde captivas quae
v. 155 sq. nondum sciant Trachina an Thebas abducantur,
v. 233 dudum intrasse Deianirae domum a probabilitate ni-
392 Aemilius Ackermann,
mium abhorret; denique quod tantum non singulare est, in se-
cunda scaena alius chorus inducitur. de primo et tertio Leo-
nis argumenta iam supra (p. 327) satis superque diximus. secun-
dum fortasse alicuius momenti esset, si Herculem Oetaeum in
scaenam productam esse crederemus. sed vel sic haec fabula
ab Annaeano usu non aliena est. Melzerus enim optime de-
monstravit (p. 13) solere Senecam in eis quae extra scaenam
gerantur rebus temporis rationem parum diligenter instituere.
quamquam exempla quae Melzerus attulit, sufficere videntur,
tamen pauca ex aliis poetis addere mihi liceat. In Euripidis
Helena dum chorus tertium canticum canit pugna navalis com-
mittitur et in Andromacha Orestes Pthia Delphos proficiscitur
eodem fabulae loco. similis vel maior licentia admissa est in
Euripidis Electra 133). his igitur Leonis argumentis Herculis
Oetaei primum et secundum actum inter se discrepare nequa-
quam probatur. ac ne quis illud proferat quod Richterus edi-
tor (p. 320) statuit in Hercule altero quattuor personas in
scaenam procedere, moneo in Agamemnone idem fieri !”**.
Melzerus, qui recte vidit versus 195 (resoneique malis
aspera Trachin) et 224 (sed iam dominae -tecta petantur) non
nisi Trachine ante regiam pronuntiari posse, prologum, post
quem scaena mutanda sit, cum reliqua tragoedia cohaerere ne-
gavit (p. 11). Leo autem, cum versus 126 (hac ducet pecudes
6. q. 8.) et 135 (ad Trachina vocor) legisset, haec verba solum-
modo in Euboea dici posse statuit (G. G. A. p. 9). quam ob
rem prologum et priorem cantici partem in Euboea, alteram
partem Trachine agi credidit. Richterus (cf. edit. p. 324
adn.) adnotavit: In prologo Euryti regnum in Euboea habes
(v. 100), tum virgines captae patriam Oechaliam profitentur
Aetolam (125 sqq.), Joles lamenta Trachine audiuntur ante re-
giam (v. 195. 224). en diversa primi actus lineamenta! et
recte quidem statuerunt viri docti prologum in Euboea agi.
dieit enim Hercules v. 99:
Sed tu, comes laboris Herculei,. Licha,
perfer triumphos, Euryti victos lares
stratumque regnum. vos pecus rapite ocius
122) Οὗ Lindskog, Studien zum antiken Drama p. 11 adn. 2.
12-2) Cf. Kiesslingii adnotationem ad Horat., de arte poetica v. 192.
v
De Senecae Hercule Oetaeo. 393
qua templa tollens ora Cenaei Jovis
austro timendum spectat Euboicum mare.
huie loco coneinunt verba Hylli (v. 775 sq.), qui matri narrat
Hereulem pallam illam perniciosam in Euboea prope templum
Cenaei Jovis induisse. Herculem igitur in Euboea versantem
poeta indueit. chorus autem iam alibi est. legas v. 125:
iam gelidus Dolops
hac ducet pecudes qua tepet obrutus
stratae qui superest Oechaliae cinis.
110 Thessalicus pastor inops loco
indocta referens carmina fistula
cantu nostra canet tempora flebili ;
et dum pauca deus saecula contrahet,
quaeretur patriae quis fuerit locus.
felix incolui non steriles focos
nec iejuna soli iugera Thessali:
ad Trachina vocor, 6. q. 8.
apertissimum est chorum non ad Oechaliam Aetolam, sed apud
Oechaliam Thessalam versari. dieit enim perspieue felix ın-
colui wungera sov 1 ἢ 6 8 5 α 1 et illo loco (sc. quo olim Oecha-
lia stetit) Thessulicus pastor nostra tempora canet et
hac qua nunc Oechalia obruta iace, Dolops pecudes ducet.
Dolopes autem in Thessalia sedes habebant 135).
Iolen paulo post ante Deianirae domum Trachine loqui
iam supra (p. 392) diximus. is qui etiamnunc contendet Hercu-
lem Oetaeum ita scriptam esse, ut in scaenam produci possit,
satis fatuus est. sed forsitan quispiam dixerit cum prologus
in Euboea, cantici primi pars prior in Thessalia, pars altera
Trachine agatur, male inter se has scaenas cohaerere. re vera
autem prologus et duae cantiei partes artissime inter se cohae-
rent. in prologo enim Hercules de rebus gestis gloriatur atque
narrat se Euryti regnum perdidisse. tunc chorus in scaenam
procedit et de patria urbe ab Hercule deleta querelas facit.
itaque in re ipsa canticum cum prologo consentit atque con-
. 158) Itaque poeta dieit in prologo Oechaliam Euboicam, in cantiei
priore parte Oechaliam Thessalam ab Hercule eversam esse. cf. Har-
der 1. s. p. 452.
394 Aemilius Ackermann,
cordat. neque quae lole dicit discrepant cum antecedentibus
verbis. incipit enim his a versibus:
At ego infelix non templa suis
conlapsa deis sparsosve focos,
natis mixtos arsisse patres
hominique deos, templa sepulchris,
nullum querimur commune malum:
alio nostras fortuna vocat
lacrimas, alias flere ruinas
Me fata iubent.
nonne apertissime [016 ad antecedentia chori verba respicit ὃ
chorus collapsa templa et interfectos homines questus est. at
Iolae non hac de re, sed de sua fortuna lamentandum est,
nam regis filla nunc captiva et paelex facta est. iam vides
Herculem, chorum, Iolam ita loqui velut si scaena omnino
non mutetur. quomodo autem hoc fieri potuit? Hercules
Oetaeus non fabula ἀγωνιστικὴ est, sed δρᾶμα ἀναγνωστιχόν.
nunc scaena mutanda, nunc duplex chorus, nunc quarta per-
sona, nunc multitudo versuum satis habent excusationis cf. su-
pra p. 327 sq. et infra p. 412. nec iam dici potest nimium a
probabilitate abhorrere captivas, quae v. 135 nondum sciant
Trachina an Thebas abducantur, v. 233 dudum intrasse Dei-
anirae domum. neque offensionem praebet quod poeta dum no-
naginta chori versus decurrunt (70 1518—1606), ingentem
rogum exstructum et Herculem crematum esse finxit !?*). nunc
tolerabile est quod palla illa media in scaena ac luce Nessi
sanguine illinitur tenebris tegendo!?°). atque intellegere possu-
mus Deianiram, quae nutrici dicat (v. 475):
sed te per omne caelitum numen precor,
per hunc timorem : quiequid arcani apparo
penitus recondas et fide tacita premas,
a choro non item taciturnitatem postulare. quod Sophocles,
cuius fabulae in scenam producebantur, sibi non indulsit, cf.
Trach. 596: μόνον παρ᾽ ὑμῶν εὖ στεγοίμεϑ᾽. ὡς σχότῳ
χἂν αἰσχρὰ πράσσῃς, οὔποτ᾽ αἰσχύνῃ πεσεῖ 126).
154) Hoc vituperavit D. Heinsius (ap. Ser. p. 325 sq.).
125) Θυοᾶ offendit Melzerum (p. 6 sq.). j
126) Teo tunc, cum putavit Deianiram non innocentem Nessi fraude
14
De Senecae Hercule Oetaeo. 395
nunc id quoque feremus quod moriturus Hercules dilaceratus
in scaenam prodit ibique paulatim veneno succumbit 157). ita-
que neminem non concessurum spero Herculem Oetaeum esse
δρᾶμα Avayvworınöv. fortasse autem poetae ignosci non vis
quod in eadem fabula Oechaliam HEuboicam cum Oechalia
Thessala confudit. sed hic error non tantus est, quantus vide-
tur. narrabant enim antiqui de Oechalia 'Thessala idem ac de
Ochalia Euboica. legas Eustathium (ad Iliadem ed. Lipsiae 1827
p. 242): δῆλον δὲ ὅτι Εὔρυτον βασιλέα Οἰχαλίας οἱ μὲν τῆς
Θετταλιχῆς εἶπον, οἱ δὲ 6. 4. 5. idem iam Strabo commemorat
(VIII p. C 339). atque iam supra (p. 339) vidimus Senecam
nonnumquam cum se ipso discrepare. in una Oedipode fabula
dieit Laium ferro (v. 1034) et stipite (v. 769) necatum esse.
plura eiusmodi exempla collegit Harderus (l. 5. p. 451 sq.).
itaque etiam haec discrepantia a Senecae arte tragica non alie-
na est.
Sequitur ut consideremus argumenta Tachavi, qui versus
104—172 spurios esse studuit probare (Philol. 46 p. 378 sqq.).
quia enim primos versus (104—106) non satis intellexit, sen-
tentiarum progressum versibus 107’—117 turbarı eredidit. ver-
tit autem 104 —106 sic: ‘Wer bis an sein Lebensende glück-
lich ist, ist den Göttern gleich; dem aber ist das Leben ein
langwieriger Tod, wer es verseufzen muß.’ at ante Tachavum
iam Birtius rectissime vidit (p. 534) vertendum esse hoc fere
modo: ‘Wer zugleich mit dem Glück auch das Leben verliert,
ist den Göttern gleich; für den aber, der das Leben unter
Seufzen langsam dahin schleppen muß, ist es dem Tode gleich.’
hoc poeta confirmat versibus 107”—110: ‘is, inquit, qui mor-
tuus est, quicgquam mali noniam perpeti potest’. itaque versus
107—110 optime cohaerent cum antecedentibus 123). nec locum
111—118 Tachavus intellexit. dixit enim chorum laudare eum
qui post cladem gravem acceptam se ipsum vita privet. quare
captam, sed mendacem et dolosam feminam esse, chorum consulto ab
ea neglegi et decipi contendit. dixit enim (I p. 72) nec quod nutrice
absente Amori preces fundit (sc. Deianira), id ex animi illam sententia
ἴω Ku adstant enim mulieres quas sibi ex patria comites duxerat
v. 581).
7) Hoc loco Birtium (p. 529) sequor.
1:8) Quam ob rem non per stolidam imitationem ex Troadibus ex-
pressi sunt dicendi. cf. supra p. 337.
906 Aemilius Ackermann,
aegre tulit quod virgines in cantici fine non consilium capiunt
se ipsas interficiendi. re vera autem chorus eum celebrat qui
in ipsa clade accipienda mortem non fugit. et haec sane alia
Ὁ res est. virgines eo tempore quo Hercules Oechaliam expugna-
vit mortem neque fugerunt neque nactae sunt. itaque apte
dieunt 125) (v. 121):
nos non flamma rapax, non fragor obruit:
felices sequeris, mors, miseros fugis,
stamus 6. 6. 8.
stare ıdem sonare ac vivere contenderunt Birtius et Melzerus
(ρ. 11), negavit Tachavus. qui vir doctissimus non recte dixit
stare semper idem significare quod vigere vel florere. conferas
enim Valer. Flacc. VII 353 nec notis stabat (= erat) conten-
ta venenis (sc. Hecate).
Denique Tachavus haesit in versu 143. sed ipse concessit
hunc versum si cum Leone post 150 traicimus offensioni non
esse. itaque versus 104—172 Herculis Oetaei auctori relin-
quemus.
Jam poscit nos Melzerus. hie vir doctissimus statuit Her-
culem Oetaeum fabulam a poeta breviter delineatam, non abso-
lutam et perpolitam esse. composuisse eum singulas scaenas,
antequam de totius fabulae consilio et ordine satis ei consta-
ret, nam et plures inveniri eiusdem consilii scaenas et male
cohaerentes et inter se pugnantes neque dubitandum videri
quin Seneca si extremum perpoliendi operis laborem adhibuis-
set, gemellis locis deletis in solitum versuum numerum tragoe-
diam fuerit contracturus (p. 3 et p. 13). ac primum quidem
dicendum est de eis scaenis, quas bis in ΠῸ exstare Melzerus
deprehendisse sibi visus est (p. ὃ sqq.). comparavit autem Π
256 sqq. cum 410 sqqg., quia aegre tulit, quod Deianira et
v. 200 sq. et v. 435 sq. de interficiendo marito cogitat 1?°).
sed ego non video cur Deianira bis de eadem re loqui non
possit. atque commode Leo contra dixit (G. G. A. p. 8): ‘In
122) Hoc negavit Tachau.
130) Prius necis consilium a Deianira haud aperte significatum esse
Melzerus perperam contendit. quid enim hac re apertius esse potest ὃ
Deianira dieit
v. 305 qui dies thalami ultimus
nostri est futurus, hic erit vitae tuae.
cf. etiam v. 330.
De Senecae Hercule Oetaeo, 397
der großen Scene mit der Amme liegt es durchaus im Gange
des geschilderten Affekts, daß der zu Anfang das Weib be-
herrschende Mordgedanke durch die Reden der Amme, die ihn
scheinbar dämpfen, wieder angefacht wird.’ hoc igitur bene
est. nec vituperare debuit Melzerus quod Deianira in poste-
riore loco propalam dieit se Herculem necare in animo habere.
iterum enim recte contendit Leo (]. s.): ‘daß Deianira den Her-
kules hatte töten wollen, konnte Seneka nicht deutlich genug
ausmalen, da es den späteren unabsichtlichen Mord vordeutet’??').
deinde Melzero displicuit quod nutrix bis ab iisdem verbis
(perimes maritum) incipit loqui (v. 315. 436). iam tertium
Leo auxilio mihi vocandus est. qui vir doctissimus recte vidit
haec verba in versu 315 prorsus aliter accipienda esse quam
in v. 436. priore enim loco (perimes maritum cwius 6. q. 5.)
poeta sententiam relativam efferri vult, posteriore vocem mari-
tum, quod ex Deianirae responso (paelicis certe meae) aperte
elucet. denique Melzerus contendit extrema Deianirae verba,
quibus ampliori orationi finem faciat, simile praebere argu-
mentum: languere dolorem eam sentire et ut servet impetum,
se adhortari (v. 307 sq. v. 434/5). cum Melzero obloqui super-
fiuum esse Leoni visum sit!??), pauca mihi contra dicenda sunt.
de priore loco (v. 307 sq.) Melzerus recte disseruit. sane Dei-
anira cum dolorem mitigari animadvertat, se admonet ut ani-
mi violentiam integram habeat. sed haec admonitio frustra
est, nam lenior ae placidior fit Deianira, quod Melzerus ipse
concessit (p. 3). itaque in posteriore loco non sentit dolorem
languere, sed scit dolorem languisse et se non adhortatur ut
servet impetum, sed ut recuperet 135).
Porro Melzerus inter se componi voluit versus 845 sq.,
8585q., 863sq.; offendit autem in eo, quod Deianira ter ferrum
eligit, ter improbat et bis (v. 846/47. 870) similis causa cur
131) Haec Leonis verba nemo non mirabitur. is qui statuit versus
740 564. spurios esse, hoc loco dixit Senecam Deianiram de Herculis
nece tam aperte loquentem fecisse eo consilio, ut hanc ad rem, quam
actam esse postea (v. 742 sqq.) audimus, animos praepararet.
4822) Dies, inquit, schien mir eines Wortes wert zu sein; die übrigen
„ Wiederholungen“ nicht.
188) Ac Melzerus iam cognovit cur poeta eandem rem bis tracta-
Be quod cum nos sciamus omnino verum non esse inutile est con-
siderare.
398 Aemilius Ackermann,
ferrum improbetur additur 155). vir doctissimus anımum huma-
num non satis novit; constat enim homines ira perquam con-
citatos eam rem, in qua haerent, iterare solere. ac revoco te
ad Octaviae locum, de quo supra (p. 349) locutus sum. ridieu-
lum mihi quidem videtur argumentum hoc: accessit, quod et
Vergili locus Didonis mortem describentis (Aen. IV 494) et
Horati Od. III 27,37 (levis una mors est = HO 866) ani-
mum scribentis movebant. credidit igitur Melzerus Senecam,
quem Herculem Oetaeum scripsisse non negat, tam imbecil-
lum ac stolidum poetam fuisse, ut quia verbis Vergilianis et
Horatianis locum dare voluit eandem rem bis vel ter tractare
cogeretur. quis credat praeter ipsum ?
Alias rerum repetitiones Melzerus repperit in versibus
884sqgq., reprehendit autem quod ter eadem sententia ab Hyllo
profertur errorem culpa vacare (885sq. 90084ᾳ. 983) et bis
legitur voluntaria morte Deianiram ipsam de se fateri (889.
898) et bis Deianira dicit voluntaria morte innocentiam pro-
bari (890. 899). sed mihi maxime consentaneum videtur Hyl-
lum semel iterumve idem dicere. Deianirae certum ac decre-
tum est mortem sibi asciscere et cum Hylli verbis aurem non
praebeat, hic facere non potest, quin eadem verba saepius pro-
ferat. atque cum Hyllus bis dicat Deianiram voluntaria morte
se ıpsam scelere commisso arguere, etiam bis Deianira respon-
det voluntaria morte innocentiam probari. opinionem suam
Melzerus eo affırmari voluit, quod contendit iustam senten-
tiarum seriem versibus 895/96 male interrumpi et verba qui-
bus Hyllus sperari posse dieit etiam ex hoc certamine Hercu-
lem ut soleat vietorem discessurum esse (v. 911sq.) melius legi
post eos versus, quibus vivere adhuc illum Hyllus pronuntiet
(v. 893/94). si in loco aliquo contextus dicendi intermittitur
verisimile est locum male traditum esse. itaque correctura
hic locus Melzero sanandus erat. iam multis annis ante Mel-
zerum Birtius vidit (p. 540) in versu 897 pro virum sequeris
scribendum esse virum seguaris. ac sane recte Birtius emen-
davit, habeo enim similem locum, quo Phaedra dieit (Phaed.
254) virum seguamur, morte praevertam nefas. nec de Hylli
184) Talia tolerabilia esse Melzerus ipse contendit p. 29. cf. supra
p- 341
De Senecae Hercule Oetaeo. 399
verbis quicquam veri statuit Melzerus. cum Deianira in versu
892 dieat vitam relinquere et Alciden sequi in animo se ha-
bere, Hyllus apte respondet ei non sequendum esse virum qui
nondum mortuus sit. in versibus 910/11 Deianira, quia Herculis
neeis culpam sibi attribuit, de se interficienda cogitat. iure oblo-
quitur Hyllus: ‚tibi culpa ulla omnino non attribuenda est,
nam Hercules non morietur, sed malum vincet atque ipse vi-
vet‘. itaque utroque loco Hylli verba optime cum antece-
dentibus conveniunt. ideo perperam dixit Melzerus his rebus
certe effieitur, ut haud ıta bene singula dısposita esse putemus:
seripsit wimirum poeta, ut quaeque cogitantı se obtulerunt.
Idem Melzerus haesit in versibus 970—1002. γὴν enim,
inquit (p. 5), ferri potest, quod post lonyas ıllas de mortis
genere dubitationes denuo Deianıra eodem revolwitur. quue δῖ
sola leguntur, optima sunt, si post ılla (845 5q.) legentes defati-
gant. Utrum hoc recte dixerit necne sane dubium est; nam
alıı eisdem rebus delectantur, quae 8111 fastidiunt. cur autem
poeta Deianiram ita conquerentem induxerit infra (p. 412)
dixi. et id quod vir doctissimus contendit versus 970—1002
non apto loco collacatos esse ad irritum redegi p. 404 sg.
Melzerus etiam aliıam scaenam bis elaboratam se inve-
nisse credidit. comparavit enim versus 1131sqg. cum 1336 sqgq.
et iudicavit sic: priorem scenam scripsit Sophoclem secutus qui
solum fecit Herculem lamentantem. mox in cogitationem inci-
dit optimam novandı aligquid praeberi occasionem Alcmena in
scenam missa. Itaque posteriorem composwit. Sed ingenio
quamvis uberrimo in ılla scribenda exchausto, quwid adderet novi,
non habwit. iam vir doctissimus novem locos in priore scena
exstantes cum novem quae in posteriore inveniuntur conferri
voluit non cognoscens, quibus causis impulsus poeta Alcmenam
dolentem in scaenam produxerit. nonnullos locos inter se simi-
les exstare mihi consentaneum ac necessarium esse videtur.
conferas autem quae hac de re infra (p. 412) exposui.
Canticum (v. 1518sggq.) duas inter se simillimas partes
continere Melzerus satis fortiter contendit (p. 6), tamen om-
nino id verum non est. virum doctissimum si legere potuisset,
quae Leo contra dixit (G. G. A. p. 8/9) hoc argumento non
usurum fuisse verisimile est.
400 Aemilius Ackermann,
Item falso credidit (p. 10) poetam locum (v. 1758—1831)
postea (v. 1840—1939) iterum tractavisse!?°). dixit autem a
versu 1840 tamquam de novo Alcmenam ordiri lamentari et
multa 13%) hic repeti, quae iam antea legantur. quod si Melzerus
reputasset, quid omnino sibi velit Hercules Oetaeus fabula,
hoc argumentum non protulisset (cf. infra p. 412).
ΗΟ 51 ın E traditum est pars quota est Perseus mei?,
in A pars quota est quam prosequor?. adnotavit Melzerus
(p. 12) In tanta lectionum diversitate num alteram ex altera
ortam esse putabimus ? mimime vero: neque enim errore oriri
potuit, cum utraque optimum praebeat sensum nequwe scribae
emendatione, cum non esset, cur emendaretur aut cur sie emen-
daretur. Sed ita, ni fallor, res se habet: scripsit Seneca pri-
mum: ‚pars quota est Perseus mei?‘ fortasse postea locum illu-
straturus pluribus exemplis additis. Cum autem procedente
opere eo pervenisset, ubi eos enumerare placuit, qui minoribus
virtutibus caelestem sedem meruerunt, Apollinem, Bacchum, Per-
seum (v. 92 5q.), priora respiciens delevit illa verba, apposuit :
‘pars quota est guam prosequor 2’ 159) haec Melzeri verba in dul-
cedinem fabulae composita sunt, sed a vero satis abhorrent. co-
dices deteriores non solum depravati, sed etiam interpolati sunt.
atque auctor lectionis A non scriba stultus, sed homo doctus
erat, quod (ante Melzerum) iam Leo cognovit (I p. 1sq.). nec
Melzerus potuit intellegere, cur auctor lectionis A hunc locum
emendaverit. sed constat eos versus emendari solere qui cor-
rupti sunt. itaque in eo exemplari, quod interpolator ante oculos
habebat, hie locus depravatus erat. haec res num nimis mira est?
Aegre id quoque tulit Melzerus, quod vidit Herculem bis
(v. 30. v. 52sq.) dicere: mundum exhaustum Iunoni feras ne-
gare in se mittendas. hanc ob rem poetam non vituperandum
esse, infra (p. 411) explicavi!?”).
135
) Melzerus etiam vidit qua de causa poeta eandem rem bis trac-
taverit: etenim, inquit, ingenium satis fecundum nondum exchauserat, sed
multa et praeclara, quae diceret habebat. haec multa et praeclara con-
stant ex sex versibus a Melzero allatis.
136) Sex inter se similes locos invenisse sibi visus est.
1366) Verba pars quota est quam yprosequor a Seneca, qui creticos
non coalescentes perraro in trimetri fine posuit (cf. supra p. 349), pro-
fecta esse veri dissimile est.
151) Coloris inferendi causa Senecam falso bis idem scripsisse Mel-
zerus credidit.
De Senecae Hercule Oetaeo. 401
Proximum est, ut consideremus, quibus de causis Melzerus
dixerit inveniri in Hercule Oetaeo nonnulla quae parum inter
se coneinant (p. 654.). illud primum argumentum, quod media
in scaena palla Herculi mittenda Nessi sanguine illinitur
(v. 565/66), iam supra (p. 394) refutavimus. et corruptum ac
lacunosum locum (v. 715sq.) quisgquam cum Melzero argu-
mentum putabit ? praeterea viro doctissimo displicuit, quod
non satis apparet, utrum forte casuque, ut in Sophocle, an
praesagiente animo ut rem experiatur Deianira vellus, quo
vestem Herculi missam tinxerat, solibus exponat. sed hoc ar-
gumentum idem est atque antecedens, nam loci corruptione fac-
tum est, ut hanc rem nesciamus.
Etiam in Hylli moribus describendis poetam certum con-
sılium aut non habuisse aut non tenuisse idem Melzerus con-
tendit (p. 7). haesit enim in eo, quod Hyllus praesente matre
paulo plaeidioribus verbis quam absente ea utitur (ef. v. 914 so.
et v. 1027sq.). sane concedo Hyllum antea (v. 914) dixisse
matrem suam cum Nessi fraude decepta sit scelus non com-
misisse. contra in versibus 1027 54. sie loquitur:
o misera pietas: si mori matrem vetas,
patri es scelestus; si mori pateris, tamen
in matre peccas — urget hinc illinc scelus.
inhibenda tamen est, verum ut eripiam scelus.
tamen non recte Melzerus aduotavit pulcherrimus hie locus
esset, sı scelere matris patrem mori Hyllus putaret ; nunc inep-
tissimus est, cum Nessi fraude illum iacere sciat. legas Hylli
verba (v. 1030):
inhibenda tamen est, verum ut eripiam scelus,
ex quibus elucet Hyllum voluntariam Deianirae mortem maius
scelus putare quam Herculis necem a Deianira commissam.
postea Hyllus dieit (v. 1421): scelere materno hie perit, Fraude
ılla capta est. ergo Hyllus quamvis probe sciat matrem fraude
deceptam esse, tamen facinus eius appellat scelus. in Hercule
furente Hercules amens liberos et coniugem necat. et Amphi-
tryon quamquam privignum suum furore impelli vidit (ef.
v. 952 sqgq., 973sqq., 991 544.), tamen in versu 1004 Herculis
factum scelus appellat :
scelus nefandum, triste et aspectum horridum.
402 Aemilius Ackermann,
idem Amphitryon dieit v. 1200:
Luctus est istic tuus
crimen novercae: casus hic culpa caret
et v. 1237: Quis nomen usquam sceleris errori addidit ὃ
guamquam ipse addiderat. itaque Amphitryon idem facit quod
Hylius, nam Hercules cum furat facinus eius scelus appellat,
cum autem Hercules animi compos sit, errori nomen sceleris
addendum non esse dieit. ac revoco Melzerum ad se ipsum
(p. 28): ıta enim, inquit, solebant veteres indicare, qui ex facto
et deorum numine nullam putabant sceleris esse excusabionem.
Aliam atque maiorem discrepantiam in Η Ὁ admissam esse
ıdem vir doctissimus statuit verbis his (p. 7): Quoniam enim in
Oeta moriturus Hercules scena elatus erat, duabus omnino ra-
tionibus fabula continuari ac finiri potwit: aut narranda erat
Herculis mors et apotheosis aut ipsi erat in ϑεολογείῳ apparen-
dum. utrumque in Hercule Oetaeo fieri videmus. quae si Mel-
zerus recte dixisset, poeta sane vituperandus esset. sed re vera
Herculis apotheosis omnino non narratur. in versibus 1607 —
1757 nuntius nusquam huius rei mentionem facit. quam ob
rem vir doctissimus nobis probare conatus est in ea lacuna,
quam Leo post versum 1754 statuit, Herculis consecrationem
olim narratam fuisse. quod ut demonstraret attulit versus 1645,
1703, 1709, 1725, 1603, 1610—16. singulos locos tractare
non opus est, nam alteri!?®) prorsus nihil valent!??), de alteris
infra (p. 410 sq.) disputavi. recte statuit Melzerus hoc Sed aut
combustum et mortuum esse Herculem dicendum erat aut ipso ex
solo ad astra illum ascendisse. itaque satis bene viri doctissimi
. argumenta refellam, si demonstrabo nuntium (1. 6. Philoctetam)
138) Οὗ, verba Leonis (G.G. A. p. 9): ‘Aber dazu muß er annehmen,
daß der verlorene Schluß des Botenberichts die Apotheose enthalten
habe; während alles vorher und nachher, das Gespräch des Boten mit
dem Chor wie die Klagen Alkmenes und die Erzählung selbst, nichts
enthalten, als daß Herkules mit unerhörter Tapferkeit den Tod erdul-
det hat. Die Apotheose haben die Menschen nicht gesehen’ 6. ἃ. 8.
189) HMO 1603: chorus diecit:
laeto venit ecce voltu
quem tulit Poeans umerisque tela
gestat et notas populis pharetras,
Herculis heres.
Melzerus quaerit An laeto voltu Philoctetam ab Herculis funere venturum
esse putamus (v. 1603), nisi victor ignes evasisset heros? sed in propatulo
est Philoctetam eo gaudere quod Herculis sagittas hereditate accepit.
De Senecae Hercule Oetaeo, 403
apertissime dicere Herculem mortuum esse. quaerit chorus
v. 1607:
Fffare casus, iuvenis, Herculeos precor
voltuque quonam tulerit Alcides necem.
respondet nuntius quo nemo vitam. supplendum igitur est
Hercules eo vultu necem tulit quo nemo vitam. itaque apertissime
Philoctetes Herculis mortem narrat, quod Melzerum nune con-
cessurum spero. ipse iam hunc locum vidit et adnotavit quod
autem chorus primis verbis Philoctetam interrogat ‚quonam vultu
tulerit Alcides necem (v. 1608)’, non obstat hwic opinioni. miram
enım rem suspicari non potest. praeterea vel ideo ita interrogart
volwit Seneca, ut responderi possit egregie (v. 1609): ‚quo nemo
vitam’. lubenter concedo eo, quod chorus illo modo interrogat,
nihil probari; sed Philoctetae responso probantur omnia. acce-
dit quod chorus suspieari potuit Herculem in caelum recep-
tum esse. est enim suspicatus in versibus 1564 8566. et v. 1595 qq.
dubitavit, utrum Hercules in caelum an ad inferos ierit. quin
etiam Senecam coloris expingendi causa inducere nuntium plane
falsa narrantem Melzerus videtur contendisse, quod tamen ne-
minem umquam approbare credo. nec magis Melzero fides
habenda est cum dixit Denique quod non ante omnia inter deos
receptum esse Herculem nuntius pronuntiat, inde factum esse
videtur, quod totum Senecae animum occupaverat color ille: inter
labores Herculeos ignem quoque abisse. an Senecae animus ita
mediocris erat? sine dubio Melzeri argumenta nonnumquam
satis mira sunt et quamquam huic rei obloqui operae non pre-
tium esse videtur, tamen infra (p. 410) pauca verba de hoc
argumento feci!?°).
ΗΟ 1831sgq. Hyllus per octo tantum versus loguitur.
quare Melzerus dixit (p. 10) Quae vero media leguntur Hyllı
et Alcmenae verba (v. 1831—9), ipsa quoque scenam facrunt
aut non perfectam ab auctore aut misere traditam. Pauca
_ enim haec Hylli verba non sufficiunt. Sed etiam si excidisse
quaedam, ut supra dieimus (p. 9 adn.), putemus, male haec
cum ultima fabulae scena concinunt, in qua, quamquam non
est, cur exisse Hyllum ewistimemus, nullus respiceitur : at prae-
140) Sex illas causas quibus commotum Senecam Herculis apotheo-
sim descripsisse Melzerus putat, noniam opus est considerare.
Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 27
404 Aemilius Ackermann,
sentem filium neglexisse divum patrem υἱῷ par est. utrum
pauca Hylli verba sufficiant necne, in dubio relinquo, nam cer-
tum est post versum 1839, qui cum sequenti omnino non cohae-
reat, lacunam exstare. atque in ultima scaena Hyllus sine
dubio adest. ante versum 1940 in Εἰ legimus inscriptionem
vox Herculis et dem (sc. Alcmena, Hyllus), in A Hercules
Alcmena. Melzerus saepius eo peccavit quod lectiones E et A
idem valere credidit. Hercules autem Hyllum non compellat,
quia ei iam non cum filio sed cum matre verba facienda
sunt!*'). venit enim quasi deus ad terras, ut dieat (v. 1972):
praesens ab astris, mater, Alcides cano:
poenas cruentus iam tibi Eurystheus dabit;
curru superbum vecta transcendes caput.
me ıam decet subire caelestem plagam:
inferna ΥἹΟῚ rursus Alcides loca.
Scaenas vero male inter se cohaerentes in HO bis inveniri
Melzerus opinatus est. statuit auiem hoc (p. 5): adde quod ne
loco quidem apto collocata sunt (sc. haec verba). nam v. 936
— 963 ad inferos iam descendisse Deianira sibi visa est, poe-
nam sociasque δὲ elegit, neminem suis parem inveniri dolmit.
haec optime continuarentur v. 1002 sq., quibus furias praesentes
se videre opinatur. v. 964—970 eo nimirum consihio insert
sunt, ut de morte iterum verba possent fieri, cum eis, quae ante-
cedunt, vix cohaerent. primum igitur vir doctissimus dixit ver-
sum 963 optime continuari versu 1003, deinde versus 964—
970 tantum insertos esse. fortasse per lapsum calami scripsit
970 pro 1003, sed non satis certus sum. non invitus concedo
et v. 936sq. et v. 1003sq. Deianiram de inferis loqui, sed inter
hos duos locos magna est differentia. priore enim loco scele-
rati homines, qui apud inferos poenas dant, enumerantur, po-
steriore ei nobis ante oculos proponuntur, qui poenas accipiunt.
atque utroque loco Deianirae verba plane cum antecedentibus
congruunt. postquam nequissimarum mulierum mentionem
fecit dixitque (v. 962):
in hanc abire coniugum turbam libet;
sed et illa fugiet turba tam diras manus,
141) Hyllus, quem divus pater non appellet, loqui non audet.
De Senecae Hercüule Oetaeo. 405
se re vera minus noxiam feminam esse quam illas bene affır-
mat verbis his (v. 964):
inviete coniunx, innocens animus mıhi,
scelesta manus est. 6. q. 8.
in vss. 984 sq. Deianira a filio necem petit. atque cum dixe-
rit (1000):
patet ecce plenum pectus aerumnis: feri.
scelus remitto, dexterae parcent tuae
Eumenides ipsae
aptissime ei in mentem venit ipsi furias instare poenas acci-
pientes.
Prologum, post quem scaenam mutandam esse censuit, cum
religua tragoedia non cohaerere Melzerus perperam contendit
(p. 10sq.). sed quomodo haec res se habeat, iam supra satis
superque explicavimus (p. 992 sq.). vidimus enim Herculem
Oetaeum esse δρᾶμα λεχτικών. contra dicet aliquis hac re satis
demonstrari Herculem Oetaeum a Seneca, qui tragoedias non nisi
populo spectandas scripserit, esse abiudicandam. quid Leo de
Phoenissis ? taquwe, inquit (I p. 82), hanc scaenam non seripsit
Seneca eo consilio, ut solidam inde tragoediam faceret nec populo
spectandam nec amicıs audiendam, verum ut aptum declamationi
suasoriae!*?) argumentum, Iocastam scilicet filios suos ab ultımo
discidio dehortantem, versibus tractaret. 81 Seneca hanc scaenam
neque spectandam neque audiendam scripsit, legi eam voluit.
simili consilio ac Phoenissas Herculis Oetaei scaenas Leo, cum
versus 1—-740 tantum genuinos agnoverit, originem debere
statuit (1 p. 82). versibus 1—740 continentur actus primus,
secundus, tertii prima scaena. supra vidimus (p. 393sq.) hos
actus nequaquam inter se discrepare. si igitur Leo concessit
Senecam scaenam unam vel tres actus tragoediae in usum lec-
tionis scripsisse, etiam concedere debet Senecam tragoediam
legendam totam dare potuisse. sed fuerunt qui totam Hercu-
lem Oetaeum fabulam spuriam iudicarent. atque hi fortasse
argumentum esse volent, quod 70 in scaenam produci non po-
test. sed certe a Graecis poetis δράματα ἀναγνωστικά seripta esse
inter omnes constat (cf. Griech. Litteraturgeschichte ed. Christ ὅ
=), Cr. Leo @.G.A. p. 6 ad '2.
406 Aemilius Ackermann,
p. 279). utrum poetae Komani tales fabulas fecerint necne,
non satis certo scimus. et quamquam Birtius mihi penitus
probavit (p. 528sq.) Senecae tragoedias in scaenam produci
non posse, tamen Schanzius nuperrime (a. 7901) in litterarum
Romanorum historia (II 2 p. 52) contrarium contendit. itaque
anquirendum est, num in Senecae tragoediis ipsis indieia in-
veniri possint, quibus affirmetur eas in scaenam produci non
posse. atque affero Leonis verba haec: ‘Immerhin beweisen auch
bei dieser verschwindend geringen Teilnahme des Chors an der
Handlung die Scenen, in demen der Chor mit einer Person
redet oder Wechsellieder singt, dass auch in diesen Stücken
Chor und Schauspieler auf gleichem Boden agieren. Senekas
Stücke sind, gleichviel ob für Aufführung bestimmt oder nicht,
für die römische Bühne gedacht, die für Chor und Schauspieler
Platz hatte; sie könnten natürlich auch vor dem hellenischen
Proskenion gespielt werden’ (cf. Mus. Rhen. 52 p. 513). sicum
Leone statuimus Senecae tragoedias in scaenam produci posse,
etiam credendum est chorum partes suas egisse eodemque
loco quo histriones versatum esse. atque revoco te ad Phae-
dram Annaeanam. iam -mirabile est, quod nescimus, utrum
chorus ex mulieribus an e viris constet!*°). sed alia sunt magis
mira. legas haec (v. 824):
Quid sinat inausum feminae praeceps furor ?
nefanda iuveni crimina insonti apparat.
en scelera! quaerit crine lacerato fidem,
decus omne turbat capitis, umectat genas:
instruitur omni fraude feminea dolus ?*).
chorus igitur Phaedrae facinus damnat, contra in Hippolytum
benevolus est, quod ex versibus quoque 821sq. aperte elucet.
atque hic idem chorus, qui Phaedrae delietum scelus appella-
vit, adest in ea scaena, qua Phaedra Theseo narrat se ab
Hippolyto vi affectam esse. quid facit chorus? nonne Hippoly-
tum defendit? immo vero omnino nihil diecit, silentio contentus
est. idem chorus, quamquam Hippolytum favore amplectitur,
tacet, cum Theseus a Neptuno tristissimum illud donum petat.
148) Of. Leo (l. s. p. 411 adn. 3).
144) Jd quod chorus hoc loco de rerum progressu refert Leo ipse
‘Stilwidrigkeit’ dixit (l. 5. p. 512 adn. 3).
δε να οὐδε το ἕο ἀντ τ FWETTTRE
De Senecae Hercule Oetaeo. 407
hie chorus, qui semper silentium tenet, cum lingua uti maxime
necesse sit, num partes egerit in tragoedia eodemgque loco ste-
terit atque histriones? fac te esse spectatorem. audivisti cho-
rum nonnumquam cum histrionibus locutum esse (cf. v. 358.
404). audivisti eum deos rogavisse, ut Hippolytum tutarentur
(cf. v. 821). audivisti eum Phaedrae factum valde vituperare
(ef. v. 824sgg.). cum autem res maxime flagitet, ut chorus
loquatur, operae non pretium esse putat pauca verba facere,
quamgquam nihil obstat; neque enim antea promiserat se taci-
turum esse. quae si ante oculos fieri videres, Phaedram inep-
tam fabulam esse diceres. ac tale quicquam non commisit Eu-
ripides, quem in Phaedra componenda Seneca secutus est,
Euripides ille ab Aristotele vituperatus, quod chorum non satis
partiecipem actionis reddat '*°). apud hunc poetam chorus Phae-
drae promittit se nihil proditurum esse (cf. Hipp. v. 710 5α.).
tamen postea, ut Hippolytum defendat, valde operam dat (cf.
v. 891sgq., 899sq., 1036 sq.). perperamne igitur Leo contendit cho-
rum Annaeanum personae partes agere atque eodem loco quo hi-
striones versari? non prorsus falso hoc vir doctissimus dixit, nam
saepius chorum cum persona aliqua loquentem Seneca fecit. ita-
que modo partes suas agit chorus, modo non agit. quod non
tolerabile fit, nisi Phaedram putas esse δρᾶμα λεχτικόν. ac nunc
sane chori taciturnitatem ferre possumus. accedit alterum ar-
gumentum, quod iam Birtius vidit (p. 529): "Theseus (Phaed.
1247 sqq.) singulas lacerati filii corporis partes diligenter spec-
tat atque perlustrat, ut eas agnoscere totumque corpus resti-
tuere possit’. talem fabulam in scaenam produci Oskar Wilde,
cuius Salome horrorem movet ac taedıum, fortasse vellet, sed
Senecam idem sibi permisisse incredibile videtur. his de causis
concedendum esse censeo Phaedram esse tragoediam lectioni
destinatam. adde quod etiam in ceteris fabulis nonnulla indicia
eodem spectant. in Agamemnone non solum duplex chorus in-
ducitur, sed etiam quarta persona procedit. Oedipus fabula
sex constat actibus. alia argumenta collegit Birtius (p. 529sq.).
Ac Pais (Il teatro di Seneca) Phoenissas, Oedipodem, Agamem-
145) Ars Poet. c. 18: χαὶ τὸν χορὸν δὲ ἕνα δεῖ ὑπολαβεῖν τῶν ὑποχριτῶν
χαὶ μόριον εἶναι τοῦ ὅλου καὶ συναγωνίζεσθαι μὴ ὥσπερ Εὐριπίδῃ ἀλλ᾽ ὥσπερ
Zopondei.
408 Aemilius Ackermann,
nonem, Herculem Oetaeum tragoedias propterea potissimum
spurias esse statuit, quod eas in scenam produci non posse
sensit. itaque fortasse nemo negabit Herculem Oetaeum eo,
quod est δρᾶμα ἀναγνωστιχόών, a Senecae fabulis non abhorrere.
Il. De consilio poetae.
Quibus rebus expositis satis me demonstravisse spero Her-
culem Oetaeum totam et indivisam a Seneca scriptam esse
tragoediam, quam non spectari sed legi poeta voluit. alia vero,
ut tertiam opusculi partem aggrediamur, est vis fabulae lectae,
alia in scaenam productae. at fortasse quispiam quaeret: “51
Seneca non e scaena animos spectatorum movere in anımo
habuit, quale fuit eius consilium, cur similem rem atque in
Hercule furente iterum tractavit’ !*%)? Seneca non solum poeta
tragicus, sed etiam Stoicus philosophus erat. ac philosophia haec
fortasse nobis suppeditat consilium, quo ille Herculem Oetae-
um scripserit. iam de parte morali et huius sectae et Cynicae
institutionis perpauca mihi referenda sunt. Öynici, ut postea
Christus, imprimis plebem adibant. virtutem esse praedicabant
φρόνησιν, quae labore conciliaretur. voluptatem a plurimis ho-
minibus exoptatam, qua φρόνησις in periculum adduceretur,
maxime vilem esse atque noxiam. contra bonum putandum
esse laborem plurimis odiosum, nam eo φρόνησιν impetrarı.
his de causis Oynici Herculem tutelam et exemplum imitan-
dum credebant. neminem enim tam negotiosam et molestam
vitam tam fortiter et audacter communis utilitatis causa egisse
qualem praestantissimum illum heroem (cf. Zeller, Griech.
Philos. II 1? p. 306 sq.). propinqui autem erant Cynicis et
finitimi Stoici philosophi (cf. Zeller ΠῚ 1? p. 350). Stoici
quoque ab hominibus postulabant, ut numquam disisterent
omnibus ceivibus prodesse (cf. Zeller 1. 5. p. 237); et una de
multis virtutibus erat φιλοπονία (cf. Zeller 1. s. p. 241 adn. 2).
Stoicus philosophus altior esse debebat omni incommodo. pau-
146) Herculem Oetaeum fabulam post Herculem furentem ortam
esse mihi probavit Leo (I p. 53).
De Senecae Hercule Oetaeo. 409
pertas, dolor, morbus, contumelia, mors animi constantiam
fraugere non poterant; contra voluptas contemnebatur (cf. Zeller
l. 5. p. 215 sq.). vir vere Stoicus cupiditatum expers, beatus
ut Iuppiter ipse, nulla re indigebat, nullo malo premebatur
(cf. Zeller 1. s. p. 251). talem perfectissimum hominem re
vera rarissime vel numquam vixisse cum Stoici ipsi non igno-
rarent, exemplum autem optimi viri desiderarent, Herculem
specimen philosophi vere Stoici esse statuebant. hunc enim
putabant, ut ait Seneca (de const. II 1), invietum laboribus,
eontemptorem voluptatis et victorem omnium terrorum (cf.
Zeller 1. s. p. 269 et p. 334). atque in nodum difficillimum
incidebat, cui nodus Herculaneus expediendus erat; cf. Senecae
epist. 87, 33. itaque et Öynici et Stoici Herculem exemplum
ad imitandum sibi ante oculos proponebant. quare consenta-
neum est hos philosophos insignis herois robur ac virtutes
illustravisse et celebravisse.. auctor est Diogenes Laertius
(VI 16) Antisthenem scripsisse tres hos libros: Ἡραχλῆς ὃ
μείζων ἢ mepi ἰσχύος, Ἥραχλῆς ἢ Μίδας, Ἡραχλῆζς ἣ περὶ
φρονήσεως ἢ ἰσχύος 147). ab eodem traditum est (VI 80) Dio-
genem Sinopeum Ἡραχλέα tragoediam fecisse !*®).. nec non
memorabilia mihi videntur Teletis philosophi (in fine tertii
saeculi) verba haec: χαὶ Ἡρακλέα μὲν ὡς ἄριστον ἄνδρα γεγο-
γότα ἐπαινοῦμεν (cf. Teletis reliquiae ed. Ὁ. Hense p. 20).
perpauca igitur de Hercule scripta ante Christum natum orta
memoriae prodita sunt. sed summi momenti est tragoedia illa
Ἡρακλῆς, quam scripsit Diogenes. plura imperatorum Roma-
norum temporibus apud Stoicos philosophos invenimus. legi-
mus apud Senecam (de beneficiis I 13, 3): Hercules nihil sıbi
vecit; orbem terrarum transwit non concupiscendo, sed wudicando,
quwid vinceret, malorum hostis, bonorum vindex, terrarum maris-
que pacator. Cornutus Leptitanus capite tricesimo primo libri, qui
ἐπιδρομὴ τῶν κατὰ τὴν “Ἑλληνικὴν ϑεολογίαν παραδεδομένων in-
seribitur, Herculis gloriam exornat. Epictetus Hierapoli Phrygia
natus occasione data Herculis industriam atque laborem laude de-
corat (cf. manuale I 6, 33; II 16, 44—45 ; III 22, 57; IV 10,10).
unde unus locus afferendus videtur III 26, 31: © δ᾽ Ἡραχλῆς
141) Hercules minor fortasse spurius erat.
148) Hanc tragoediam genuinam fuisse non satis constat.
410 Aemilius Ackermann,
ἁπάσης γῆς καὶ ϑαλάττης ἄρχων χαὶ ἡγεμὼν ἦν, χαϑαρτὴς ἄδι-
κίας χαὶ ἀνομίας, εἰσαγωγεὺς δὲ δικαιοσύνης καὶ ὁσιότητος καὶ
ταῦτα ἐποίει χαὶ γυμνὸς al μόνος. Heraclitus Homeri inter-
pres capite tricesimo tertio τῶν Ομηρικῶν ἀλληγοριῶν Her-
culem tractat. saepius Dio Prusensis, quem Chrysostomum
vocant, Herculis mentionem facit (cf. indicem editionis Arni-
miani II p. 355). cuius oratio octava maxime nobis opem fert
atque auxilium. mihi enim probaverunt ἴδ. Weber (de Dione
Chrysostomo Cynicorum sectatore p. 140) et Arnim (Leben
und Werke des Dio von Prusa p. 265) Dionem hac oratione An-
tisthenis Herculem maiorem imitari. itaque Herculis exemplo Dio
affirmare studet laborem bonum esse atque a paragrapho XXX.
usque ad XXXV., Herculis labores, propter quos superatos heroem
post mortem deum creditum esse dicit ($ 28), enumerat et illustrat.
nec hoc satis, sed etiam ἐγκώμιον “Πρακλέους idem Dio scripsit
(cf. Suidas 5. v. A. et Arnim, Leben und Werke p. 155) 143).
lam suspicamur, cur Seneca Herculem Oetaeum compo-
suerit. nam in Hercule furente nil fere nisi ipsum furorem
nimirum descripserat; iam vero etiam sublime exemplum viri
vere Stoici legentibus proponere voluit. hoc si in animo ha-
buit, Herculem quam maxime laudibus efferre debuit; quod
studiose diligenterque exsecutus est. enixe enim operam dedit,
ut aerumnis Invictum praedicaret. quin etiam omnia fere ex-
aggeravit, adauxit, cumulavit; sic enim itur ad astra; sic
homo deus fit. agitur de summis rebus Stoicae religionis.
quare etiam illam de furore inseruit scaenam, ut Herculem
furorem quoque faceret vincentem 3). eandem ab causam
Herculem in rogo positum dolores et mortem prorsus contem-
nentem (v. 1741 sq.) finxit 159). eadem de re Herculis aerum-
nas iterum iterumgue commemorare non cessavit 151) et nun-
tium insuper induxit compluriens dicentem ignem quoque ab
Hercule perdomitum esse 52). etiam divinis laudibus Seneca
Herculem ornavit velut Christum Christiani, ut quasi religionem
Herculeam poeta tradere et propagare dicendus sit. seilicet Her-
1485) Arnimium sequor.
149) Cf. supra p. 336. 150) Cf. supra p. 339 et Melzer p. 27.
161 Hoc aegre tulerunt Ὁ. Heinsius (ap. Ser. p. 347 sq.) et Rich-
terus (de S. tr. a. p. 30).
152) Οὗ, supra p. 403 et 402.
De Senecae Hercule Oetaeo. 411
cules Christusque sunt dei et mulieris mortalis filii. uterque
est σωτὴρ ἀνθρώπων. cum enim Christus peccata mundi in se
susceperit, Hercules 5101 proposuit consilium hoc ΠῸ 1701:
si pace tellus plena, si nullae gemunt
urbes nec aras impias quisquam inquinat,
51 scelera desunt, spiritum admitte hunc, precor,
in astra.
Christus cruci suffixus, Hercules flammis consumptus est. in
rogo lovis filius, quia dolores vicit, astris dignum se praebuit
(cf. ΗΟ 1713). etiam in eo cum Christo comparari potest,
quod post mortem inferna loca superavit (cf. HO 1976) et
deus quoque factus est (cf. HO 1942). iam certum videtur
Senecam Herculem prorsus singulari modo collaudare voluisse.
quod ex aliis quoque rebus elucet. legas ΠῸ 1390 (Hercules
loquitur) :
hine taurus minax
cervice tota pulset et quidquid fuit
solum quoque ingens; surgat hinc illine nemus
artusque nostros durus immittat Sinis:
sparsus silebo — non ferae excutient mihi,
non arma gemitus, nil quod impelli potest.
re vera hoc loco perfectum sparsus pro futuro si sparsus ero
positum est. sed huic heroi numquam victo per hyperbolen
licet adhibere perfectum 155).
Hercules laboribus vinei non potest, quia viribus pollen-
tissimus est. ac robore suo fretus dicere audet se caelum ex-
pugnare !°*) et Iovem ipsum superare posse 156). tanti herois
iram perquam horribilem esse necessarium videtur 155). neque
aegre ferimus, quod idem aliquotiens dieit mundum exhau-
stum Iunoni feras negare in se mittendas 157). vindicem facino-
rum et scelerum Hercules eo se praestat, quod iudex infernus
de malis hominibus et de cruentis regibus mortuis poenas re-
petit. hanc ob rem Seneca inseruit illam adhortationem, ne
reges cerudelitati assuescerent !?®).
153, Cf. supra p. 333 SQ.
152) Of. supra p. 336 et p. 339.
155) Of. Melzer p. ὃ et supra p. 402.
156) Cf. supra .p. 337.
157) Οὗ supra p. 400. 158) Οὗ, supra p. 334 sq.
412 Aemilius Ackermann,
Melzerus non perspexit, cur poeta Alcmenam in scaenam
produxerit neque quibus de causis Seneca Alcmenam et Dei-
aniram tantopere lamentantes fecerit. sed hac re data est oc-
casio Herculis virtutum iterum atque iterum tractandarum
valdeque laudandarum 155). praeterea Alcmena ipsa dieit, cur
ita conqueratur, cf.
HO 1849: deriguit aliqua mater, ut toto stetit
succisa fetu, bisque septenos gregem
deplanxit una: gregibus aequari meus
quot ille poterat? matribus miseris adhuc
exemplar ingens derat: Alcmene dabo.
itaque Alcmena exemplo suo omnes matres docebit, quomodo
amissio liberorum ferenda sit. hac enim re matres orbas con-
solabitur. cui haec deliberanti iam non venit in mentem Ma-
riae, miserae Christi matris? itaque poeta non vituperandus
est, quod Alcmenam, cuius verba instar praedicationis et con-
solationis sunt, in scaenam misit.
Denique his rebus factum est, ut fabulae ambitus solito
maior fieret; iam vero propter pondus rerum tractatarum et
unicam gravitatem etiam versuum multitudo exuberans excu-
sabitur '°). immo de ambitu tragoediarum Seneca ipse iudicium
tulit (epist. 72, 20): ‘quomodo fabula, 510 vita; non quam
diu, sed quam bene acta sit, refert’ 161).
Haec omnia si accurate considero de poetae consilio mihi
iudicandum est hoc modo. Herculem invietum heroem, qui
communis utilitatis causa plurimos labores maximosque dolores
perpessus post mortem inferis superatis deus in caelum receptus
sit, inducit Seneca, ut lectoribus Herculem exemplum ad imi-
tandum proponat. hoc enim exemplo animos gravibus calami-
tatibus afflictorum et debilitatorum erigere studet atque indu-
cere, ut omnes huius vitae molestias ac miserias ipsamque mor-
tem fortiter patienterque perferant. Herculis exemplo com-
probare intendit auctor homines, si res postulet, nec labori
nec periculo parcere debere, ut bono publico serviant.
Antiquis hominibus, imprimis plebi, mors terrorem maximum
incutiebat. itaque consentaneum est religiones esse ortas, quae
159) Cf. supra p. 399 sq. 160) Of. supra p. 327 sq. et p. 39.
161) Hunc locum opportune attulit vir doctissimus Birtius.
De Senecae Hercule Oetaeo. 413
tales sollicitudines animis eximerent. sed cum timor mortis
non deleatur, nisi sperare possumus animas nostras numquam
morituras, necessarium est eas ita institutas fuisse, ut homines
mortuos perpetua vita beata donarent. huic rei aptas se esse
asserebant complures religiones. velut Orphici credebant anı-
mam esse immortalem. vitam piam et sanctam degentes co-
lebant Dionysum salutis auctorem, qui sectatores suos post
mortem in caelum ad se recipiebat. ritus habebant singula
scelera expiantes; qua expiatione is, qui propter peccata com-
missa ne mortuus poenas pateretur timebat, efficere poterat,
ut culpa libraretur inveniretque solacium. ac recte Blassius
de Orphiecis dicere videtur 165): ‘wenn man auf den allertiefsten
Grund geht, so ist hier allein ein Versuch, den Menschen mit
der Gottheit, der er zunächst durch eigene Schuld entfremdet
ist, zu versöhnen und in enge persönliche Beziehung zu setzen,
und hier allein etwas, was man Gemeinde und Kirche nennen
oder damit vergleichen kann.’
Magnam vim Orphici habuerunt ad Eleusinia sacra in-
stituenda. homines haec in sacra receptos credebatur post mor-
tem beate ac feliciter apud deos vivere, contra non admissos
apud inferos in luto versari (cf. Blass 1. s.).
Mithrae cultus homines misera vita et improborum ma-
litia liberabat et mortuos vita prope deum beata perpetua
donabat 105). id quod in multis sepuleris hominum Mithriacis
sacris initiatorum legimus renatus in aeternum, testatur haud
paucos credidisse se sacris his servari posse et participes fieri
beati deorum regni (cf. Niebergall, Welches ist die beste Reli-
gion in Schiele, Religionsgeschichtliche Volksbücher VI p. 54
et 56).
Maxime hominum animos commovebat religio Christiana,
cui qui adhaerebant hunc cultum solum terrorem mortis pe-
nitus vincere et aeternam vitam beatam praebere posse puta-
bant. cuius rei pauca argumenta afferam. Iesus dieit Κατὰ
᾿Ιωάνην 8, 51: ἀμὴν ἀμὴν λέγω ὑμῖν, ἐάν τις τὸν ἐμὸν λόγον
162) Die griechische Religion in Weber, Die religiöse Entwicklung
der Menschheit im Spiegel der Weltlitteratur p. 59.
168) Fr. Cumont, Die Mysterien des Mithra p. 121 sq. et p. 102 sq.
et A. Dieterich, Eine Mithrasliturgie p. 95 sag.
414 Aemilius Ackermann,
τηρήσῃ, ϑάνατον οὐ μὴ ϑεωρήσῃ εἰς τὸν αἰῶνα. atque πρὸς
Κορινθίους α΄ 15, 55 scriptum videmus: χατεπόϑη ὃ ϑάνατος
εἰς νῖκος. ποῦ σου, ϑάνατε, τὸ νῖχος; ποῦ σου, ϑάνατε, τὸ
χέντρον; Υ. 87 τῷ δὲ ϑεῷ χάρις τῷ διδόντι ἡμῖν τὸ νῖκος διὰ
τοῦ χυρίου ἡμῶν Ἰησσῦ Χριστοῦ. ergo mors Christianis non
terribilis videbatur; sciebant enim se post mortem in vitam
redituros esse. cf. πρὸς Κορινθίους α΄ 15, 12 sqg. Christiano
mortuo non solum vita aeterna, sed etiam summa felicitas ob-
tingebat. cf. πρὸς Φιλιππησίους 3, 20 sq. et ἀποκάλυψις ᾿Ιωάνου
7, 14 866.
In sepuleris saepe expressam videmus imaginem Amoris
defunctos reddentis beatos. ac semper fere Amor nonnulla fert
Bacchi et Veneris insignia, ut indicet, quibus ex rebus mortui
voluptatem capere possint. Amor dormiens ad beatum de-
functorum somnum alludit. convivii corona, quae crebro in eius
collo suspensa est, rursus significat vini usum. eodem spectat
quod nonnumquam ebrius fietus est. talibus in imaginibus
mortui vice functus mortem esse beatam ostendit. in sepul-
crorum Romanorum anaglyphis saepe expressi sunt Amores,
qui laete et felieiter se gerentes de beata post mortem vita
alludunt (cf. Furtwaengler in Roscher s. v. Eros).
Alıa religio, quae homines immortales se reddere posse
promittebat, est Herculanea, cuius certa vestigia permultis
sepulcris 1565) impressa sunt. in antiquo Florentiae sarcophago
Hercules Alcestim ex inferis reducit (cf. Clarac, musee de scuip-
ture, t. V p. 36 nr. 2018 pl. 801). in cippo sepulcrali expres-
sum videmus simul et Herculem et Medusae caput, quod est
signum terroris mortis 1°). in alio sarcophago Hercules in cae-
lum receptus deus sedet inter deos Olympios (cf. Stephani,
Der ausruhende Herakles p. 197). sine dubio omnia haec ar-
tificia Herculem mortis vietorem fingunt.
Post mortem Hercules vitam degit laboribus et doloribus
liberam, voluptatum plenam. itaque in sepulcris heroem saepe
quieti se tradere videmus (cf. Stephani 1. 5. p. 195). permultis
sepulcris duodecim illae res ab Hercule gestae impressae sunt
16%) Sepulcra, quae commemoro, plerumque primis post Christum
natum saeculis orta sunt.
165) Of. Stephani, D. a. H. p. 197.
ED
u las
an Sup υεν
U EEE
De Senecae Hercule Oetaeo. 415
(cf. Stephani 1. s. p. 199 sqg.). quas imagines qui contempla-
batur eum recordari necessarium erat postea beatam vıtam
huius vitae labores secutam esse; qua re ipse confirmabatur,
ut omnes iniurias ac dolores patienter perferret.
Non solum duleis quies, sed etiam variae voluptates ma-
nebant defunctos, qui cibo post mortem et potione et amore
corpora delectabant. cuius rei multa indicia inveniuntur. in
collectionis Torloniae sarcophago Hercules clavam in porci ca-
pite collocat, quod si quis intuebatur colligebat se post mor-
tem epulis se dedere posse (cf. Stephani 1. 5. p. 183 et 117).
creberrime Hercules in sepulcris socius Bacchici thiasi fietus
est. ac saepe ebrium heroem videmus scyphum et convivil coro-
nam gerentem (cf. Stephani 1. 5. p. 197 sqq.). idem agitur
in tabula Albana et in aliis artis monumentis 155). vinum igi-
tur mortuos sumere solere eredebant antiqui. id quod Hercules
compluriens manum Maenadi affert, defunctos venere quogue
delectari indicat (cf. Stephani 1. 5. p. 198).
Iam concedendum esse videtur Herculeam religionem ido-
neam fuisse, quae hominum animos accenderet, ut omnes la-
bores et ipsam mortem fortiter perpeterentur. quod aperte
elucet ex imaginibus, in quibus Hercules ipsius defuncti locum
obtinet. in sarcophagi operculo maritus cum coniuge fictus est.
ac iacet vir in pelle leonina scyphum et convivii coronam ge-
rens, prope eum pharetra est plena sagittarum (cf. Furt-
waengler, Intorno a due tipi d’Amore in Bull. dell’ Iust. 1877
p- 125). in tabula marmorea Musei Neapolitani Hercules et
Omphale sculpti virum atque uxorem mortuos significare vi-
dentur (cf. Stephani 1. s. p. 202 sqq.). pueros quogue mor-
tuos Herculis vice functos esse demonstrat Furtwaenglerus
(l. s.). qui vir doctissimus recte iudicat sie: 'E certo, era un
pensiero molto consolante il vedersi identificato con quell’
eroe vincitore della morte e che per la sua forza era arrivato
all’ immortalitä’ 157).
Nonnumquam Hercules Amoris specie in sepuleris fietus
166) Of. Jahn, Griechische Bilderchroniken, p. 39 sq. et tabula sub
littera 2 publicata.
167) Hoc loco id quoque afferri potest, quod Iustinus gnosticus Her-
culem prophetam, quo Jesus solus praestantior erat, cultui Christiano
inseruit (cf. Wilamowitz, Heracles® I p. 103).
416 Aemilius Ackermann,
est. nudus puer (Amor-Hercules) pelle leonina indutus clavam
et scyphum gerere solet. pauca exempla afferam.
I. sarcophagi tabula in palatio Mattheiano asservata. cf.
Stephani 1, s. p. 1%.
Il. fragmentum in Vaticano repositum. cf. Platner, Be-
schreibung der Stadt Rom II 2 p. 45 nr. 100.
III. sarcophagi fragmentum in Museo Lateranensi. cf.
Benndorf et Schoene, Die antiken Bildwerke des Lateranen-
sischen Museums nr. 82.
IV. anaglyphum sepulerum significans in Museo Latera-
nensi. cf. Benndorf et Schoene 1. 5. nr. 344 (ρ. 215).
V, eippus sepulcralis in Louvro. cf. Furtwaengler, Bull.
dell’ Inst. 1877 p. 126.
VI. duleis pietura parietaria Campana in opere inscripto
Pitture d’Erculano t. II p. 39, ubi Amor cervum domat cor-
nibus arreptis, quae imitatio est cervum domantis Herculis Pa-
normitani; similia plura Πα
Jam nobis considerandum est, quomodo factum sit, ut
Hercules cum Amore confunderetur. supra (p. 415) vidimus
pueros mortuos nonnumquam Herculis specie fictos esse. ‘Dall’
altro canto sappiamo che era l’uso di rappresentar 1 fanciulli
e ragazzinı morti sotto l’immagine di Amori, οἷὸ che mostrano
e statue che danno ad Eros i tratti di un fanciullo reale (p.
es. Fröhner Notice ἢ. 368) e tanti sarcofaghi’ (cf. Furtwaengler
l. s. p. 125 sq.). modo igitur puer mortuus fictus est Her-
cules, modo Amor. qua ex re necesse est secutum esse ut
Hercules cum Amore confunderetur. quae confusio oriri non
poterat, nisi religio Amoris Herculeae simillima erat. ac iure
dicit Stephani (l. s.p. 198): ‘Herakles, das Vorbild des Men-
schen überhaupt, ist hier Träger ganz desselben Gedankens,
den wir anderwärts durch einen Knaben oder Eros ... ausge-
sprochen fanden.” parva tamen differentia exstat. is qui Her-
culis imaginem sepulcris imprimebat, indicare volebat aeternam
vitam beatam esse praemium huius vitae laborum dolorumque
(cf. Stephani 1.8. p. 198).
67”) Adde sarcophagi tabulam quae fuit in palatio Giustiniano.
Hercules vir tenet facem, proprium Amoris insigne. quae tamen fax
fortasse postea addita est. cf. Stephani 1. 5. p. 199 nr. 10 et p. 198 adn. 1.
De Senecae Hercule Oetaeo. 417
Iam vero sepulcralis relisio Herculea, quam commodum lu-
stravimus, magis apta erat pauperibus ac miseris, minus felici-
bus et potentibus, quibus mors quiequam grati aut iucundi dare
non poterat. quo factum est, ut homines beati et pollentes Her-
culem venerantes alium Herculem colerent. viro patienti ante-
‘ ponebant heroem vincentem et pollentem, quod ex multis te-
stimoniis apparet. in inscriptionibus Hercules crebro appella-
tur Victor vel Invietus vel Kaddivıxos. οἵ. C.LL.I 541, I
1568, 1660, III 877, 1340, IV 733, V 5508. VI 328 legimus
Herceuli Vietori Pollenti Potenti Imvicto. Macrobius narrat
111 12, 1: et sane ita Menippea Varronis adfirmat, quae in-
seribitur Λλλος οὗτος Ἡρακλῆς, in qua, cum de Imnvicto
Hercule loqueretur, eundem esse ac Martem probavit. alıa
Herculis cognomina sunt Sanctus, Tutor, Conservator, Pater
ef. C.IL. VIII 2496, X 3799, VIII 2346, 4634. pacis auctor
celebratur Hercules inscriptione bilingui O.LL. X 5385: εὐχὴ
Ἢ ραχλῇ, ϑαλλοφόρῳ, ἱερῷ, εὐαχούστῳ.. .. Δ. Κορνήλιος...
Herculi pacifero, invicto, sancto sacrum ... L. Cornelius ....
in nummis quoque Hercules appellatur pacifer. cf. Stephani
l. s. p. 181 adn. 3 et Peter (in Roscher s. v. H. p. 2986 sq.).
comparandus est locus Vergilii, Aen. VI 801:
nec vero Alcides tantum telluris obıvit,
fixerit aeripedem cervam licet aut Erymanthi
pacarıt nemora et Lernam tremefecerit arcu
et Olaudiani, de raptu Pros. II prol. 9:
Sed postquam Inachiis Alcides missus ab Argis
Thracia pacifero contigit arva pede....
quin etiam Dionysius Halicarnassensis Herculem propagasse cul-
- tum atque humanitatem dieit cf. antiquitates 1 41: ὁ δ᾽ ἀληϑέσ-
᾿ς τερος, ᾧ πολλοὶ τῶν Ev ἱστορίας σχήματι τὰς πρᾶξεις αὐτοῦ διηγη-
᾿ς σαμένων ἐχρήσαντο, τοιόςδε. ὡς στρατηλάτης γενόμενος ἁπάντων
χράτιστος τῶν nad” αὑτὸν Ἡρακλῆς nal δυνάμεως πολλῆς ἡγούμε-
νος ἅπασαν ἐπῆλθε τὴν ἐντὸς ᾿ωὠχεανοῦ, καταλύων μὲν εἶ τις εἴη
τυραννὶς βαρεῖα χαὶ λυπηρὰ τοῖς ἀρχομένοις ἢ πόλις ὑβρίζουσα
χαὶ λωβωμένη τὰς πέλας ἣ μοναὶ ἀνθρώπων ἀνημέρῳ διαίτῃ
χαὶ ξενοχτονίαις ἀϑεμίστοις χρωμένων, χκαϑιστὰς δὲ νομίμους βα-
σιλείας xal σωφρονικὰ πολιτεύματα al βίων ἔϑη φιλάνϑρωπα
χαὶ “κοινοπαῦ. οἵ. Epicteti verba quae p. 410 attuli.
418 Aemilius Ackermann,
In nobilium igitur aestimatione Hercules erat invietus,
pollens, sanctus, pacifer heros, legum defensor, humanitatis
auctor; cui qui similis vel aequalis erat cum summis lau-
dibus dignus putaretur, non mirum est exstitisse, qui vel
a se vel ab aliis cum lovis filio compararentur 165), scrip-
tum est de Alexandro Magno et Commodo apud Athenae-
um XII cap. 53: πολλάκις δὲ καὶ λεοντῆν καὶ ῥόπαλον ὥσ-
περ 6 Ἡρακλῆς (sc. ἐφόρει ᾿Αλέξανδρος). τί οὖν ϑαυμαστὸν
εἰ χαὶ nad ἡμᾶς Κόμμοδος ὃ αὐτοκράτωρ Ent τῶν ὀχημάτων
παρακείμενον εἶχεν τὸ Ἡράχλειον ῥόπαλον ὑπεστρωμένης αὐτῷ
λεοντῆς καὶ Ἡρακλῆς χαλεῖσϑαι ἤϑελεν, ᾿Αλεξάνδρου τοῦ ’Apı-
στοτελιχοῦ τοσούτοις αὑτὸν ἀφομοιοῦντος ϑεοῖς; conferas etiam
Baumeister, Denkmäler I p. 8981685, De Pompeio Plinius
(n. ἢ. VII 95) narrat: verum ad decus imperi Bomani ,
non solum ad viri unius pertinet victoriam, Pompei Magni
titulos ommis triumphosque hoc in loco nuncupari, aequato non
modo Alexandri Magni rerum fulgore, sed. etiam Herculis
prope ac Liberi patris. M. Antonius genus suum, ut pro
Hercule se gerere posset, ab Antone, Herculis fieto filio, de-
duxit. ef. Plutarchus, Ant., cap. 4 et 36. etiam M. Vipsanius
Agrippa cum Iovis filio comparabatur. cf. Peter]. 8. p. 2982 109),
Multo maioris momenti erat, quod imperatores Romani cum
Hercule componebantur. Caesares Augusti 179) re vera pollentis-
simi ac potentissimi erant et saepius vietores ac paciferos se
praebebant. ut Herculi in commemorata inscriptione (0.1... VII
4634) cognomen pater datum est, ita Augustus appellabatur
pater patriae. cum haec imperatorum cum Hercule comparatio
in consuetudinem ac morem venire coepisset, imperator idem qui
Hercules putabatur et publica quaedam religio Herculea orta est.
Augustum vere anni XXIV. ex Hispania Romam
168) Omnia fere, quae hac de re commemoro, apud Peterum (in
Roscher s. v. H.) inveni. conferas etiam G. Wissowa, Religion und Kul-
tus der Römer p. 83 et p. 229.
1682) De Alexandri in Hercule aequatione cf. etiam Seneca, de
beneficiis I 13, 1 sq.
=) Brutus moriturus ἀναβοήσας τοῦτο δὴ τὸ ἫἩράχλειον᾽
® τλῆμον ἀρετή, λόγος ἄρ᾽ ἦσϑ᾽, ἐγὼ δέ σε
ῶς ἔργον ἥσχουν᾽ σὺ δ᾽ ἄρ᾽ ἐδούλευες τύχῃ
παρεκχάλεσέ τινα τῶν συνόντων, ἵνα αὐτὸν ἀποχτείνῃ. cf. Cass. Dio 47, 49.
ch) In compluribus inscriptionibus Hercules appellatur BE NEE:
cf. C.LL. II 1303, 1304, VIII 2346.
a ---
- ar
δ
2
De Senecae Hercule Oetaeo. 419
redeuntem Horatius celebrat cum Hercule comparans
c. ΠῚ 14, 1: Herculis ritu modo dictus, o plebs,
morte venalem petiisse laurum
Caesar Hispana repetit penatis
victor ab ora.
ad quem locum Kiessling editor recte adnotasse videtur: wenn
v. 4 victor so emphatisch gestellt ist, so dachte jeder römische
Leser dabei an die beliebteste Gottheit der plebecula, den Her-
cules Victor der ara maxima, der sich auf der Heimkehr von
Iberien mit den Rindern des Geryones diesen Dienst gegründet.
Caligula Herculem imitatus χαὶ ῥόπαλον καὶ λεοντῆν
ἐφόρει. cf. Cass. Dio 59, 26, 6.
Cum Nero ex Graecia reverteretur, populus excelamavit:
᾿λυμπιονῖχα οὐᾶ, Πυϑιονῖκα οὐᾶ, Αὔγουστε Αὔγουστε, Νέρωνι
τῷ Ἡρακλεῖ 6. 4. 5. cf. Cass. Dio 63, 20, 5. apud Suetonium
(Nero, cap. 53) legimus: destinaverat etiam, qwia Apollinem
cantu, Solem aurigando aeqwiperare existimaretur, imitarı οἵ
Herculis facta; praeparatumque leonem aiunt, quem vel clava
vel brachiorum neswibus in amphitheatri arena spectante populo
nudus elidere. Neronem in nummis quoque Herculis specie
fietum esse ostendunt Peter 1]. 5. p. 2982 et Stephani 1. 5. p. 192.
Hercules in nummo fictus Galbam significare videtur.
cf. Peter 1. 5. p. 2982.
Domitianus in via Appia aedificavit Herculis tem-
plum, in quo collocatus est herois statua imperatoris vultum
praeferens. cf. Martial. ep. 9, 64, 1:
Herculis in magni vultus descendere Caesar
Dignatus Latiae dat nova templa viae
et ep. 65, 1: Alcide, Latio nunc agnoscende Tonanti,
Postquam pulchra dei Caesaris ora geris,
Si tibi tune isti vultus habitusque fuissent e. q. s.
et 101,1: Appia, quam simili venerandus in Hercule Caesar
Consecrat, Ausoniae maxima fama viae.
Martialis adeo Domitianum maiorem Aleciden celebrat ; minor est
Hercules ipse cf. 9, 101, 11. in nummis Herculem huius im-
peratoris locum tenere contendit Stephani 1. 5. p. 192.
In nummo quodam Herculis facta cum rebus a Traiano
Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 98
420 Aemilius Ackermann,
gestis composita esse dicit Peter 1. 5. p. 2983. fortasse Trai-
anus quoque Hercules in nummis fictus est. cf. eundem ]. s.
In clipeo Hercules ora Hadriani gerit. rursus in num-
mis heros imperatoris vicem tenet. cf. Peter 1. 5. p. 2984 sg.
et Stephani 1. s. p. 192 et 157 17.
Antoninum Pium in nummis Herculis specie fietum
esse demonstrat Stephani 1. s. p. 157 et p. 192.
Praecipue pro Hercule se gerebat Commodus, qui se
ita coli iussit, velut si Iovis filius re vera esset, voluitque no-
minari Romanus Hercules. cf. Cass. Dio 72, 15. idem auctor
de statuis narrat hoc: χαὶ γὰρ τοῦ χολοσσοῦ (sc. Κόμμοδος)
τὴν χεφαλὴν ἀποτεμὼν Aal ἑτέραν ἑαυτοῦ ἀντιϑεὶς χαὶ ῥόπαλον
δοὺς λέοντά τέ τινα χαλχοῦ ὑποϑεὶς ὡς Ἥρακλεϊ ἐοικέναι,
ἔγραψεν Aobx:os Κόμμοδος ἩἫἩραχλῆς (cf. 72, 22, 8) et χαὶ ἀν-
δριάντες αὐτοῦ παμπληϑεῖς ἐν ἩἫἩραχλέους σχήματι ἔστησαν
(ef. 72, 15, 6). talis statua nobis servata in Vaticano repo-
sita est. ef. Clarac 1. 5. t. V p. 253 nr. 2471 pl. 963. etiam
in nummis Hercules Commodum significat. plura eiusmodi
collegit Peter 1. 5. p. 2987 sqg.
Septimius Severus, Caracalla, Geta, Alexander Severus
Herculem et Bacchum colebant deos patrios. Caracalla, post-
quam multos apros cecidit nec leonem fugit, Hercules dic-
tus est !7?). cf. Peter 1. 5. p. 2992sq. Caracallam in nummis Her-
culem fietum esse dicit Stephani |. 5. p. 192.
Maximinus I. propter corporis robur Hercules vel
Antaeus appellabatur!”?). cf. Peter 1. 5. p. 2994.
Imperatores Gallienum, Postumum, Probum
in nummis Herculis specie fictos esse docent Stephani 1. 5. p. 192
et Peter p. 2995 et p. 2997.
Maximianum Herculium appellatum esse auctor est
Ammianus Marcellinus, qui exc. 8 1 narrat Diocletianus cum
Herculio Maximiano imperavit annos XX. unde copiarum quo-
171) Hispani maxime colebant Herculem Gaditanum. Prellerus (R.
M.? Π 2 p. 299) dieit: Später sind es besonders die Kaiser von 5} ἃ-
nischer Abkunft, Galba, Trajan und Hadrian, auf deren Münzen
und Denkmälern der göttliche Heros als Sinnbild zugleich ihrer Hei-
mat und ihrer Taten erschien. itaque Senecam id quoque, quod Cor-
dubae natus erat, ad Herculem fabulam tractandam induxit.
172) Of. Ael. Spart., v. Carac. 5, 5.
173) Hoc traditum est apud Jul. Capitol., Maxim. duo 6, 9,
De Senecae Hercule Oetaeo. 421
que pars quaedam nominabatur Herculiana cf. Ammian. 22, 3, 2
et Claudian. de bello Gild. v. 418 17. Herculem in nummis fic-
tum Maximianum esse docent Peter l. s. p. 2997 et Stephani
l.s. p. 192.
Denique Constantio Chloro cognomen erat Her-
culius 175) cf. Peter 1. s. p. 3001.
Ita propagata per saecula Herculis veneratione factum est,
ut etiam post annum CCCC. et post Christianae fidei victoriam
carmen scriberetur de laude Herculis. cf. Birt, Claudian.
p. 399 sqq.
Contemplati sumus Herculem virtutis exemplum, qui visus
est Senecae, populo, imperatoribus. deprehendimus autem ali-
quam certe venerationis differentiam. sepuleralis enim Hercules
mortuos donabat aeterna vita beata, de qua vix cogitabat Stoi-
cus philosophus, qui Troad. 971 544. chorum induxit canentem :
Verum est an timidos fabula decipit
umbras corporibus vivere conditis,
cum coniunx oculis imposuit manum
supremusque dies solibus obstitit
et tristis cineres urna cohercuit ?
non prodest anımam tradere funeri,
sed restat miseris vivere longius ?
an toti morimur nullaque pars manet
nostri, cum profugo spiritus halitu
immixtus nebulis cessit in aera
et nudum tetigit subdita fax latus?
et v. 397 post mortem nihil est ipsaque mors nihil.
neque vero liberali atque philosophia exculto Senecae ani-
mo placere poterat illud Herculem imitandi genus, quo non-
nulli imperatores velut Caligula et Nero utebantur. itaque ipse
ad imitandum exemplum proposuit et deo aequiperavit eum
Herculem, qui communis utilitatis causa labores omnes suseipe-
ret, dolores vinceret. cognoverat enim philosophus hoc: ‘die
höchste aber der Tugenden ist die Menschenliebe gegen Alle.
114) Glaudiani locus est hic Herculeam suus Alcides Ioviamque
cohortem Rex ducit superum. Alcides est Maximianus. ceterum vide
Birtii praefationem p. XXXII adn. 3.
5) Traditum est apud Lactantium, de mortibus persecutorum,
cap. 52, 9.
28 *
422 Aemilius Ackermann, De Senecae Hercule Oetaeo.
Keiner ist schlechter als der andere, auch nicht der Sklave.
Und endlich: sei hilfreich selbst deinen Feinden’ (cf. Birtius,
Eine römische Litteraturgeschichte a. 1894 p. 161).
Celebrare ac praedicare Herculem Senecae fuit consilium.
hanc ad rem perficiendam adiuvit scriptorem id, quod scholis
declamatoriis et oratoriis interfuerat. atque ut consilium suum
consequeretur, artem rhetoricam auxilio 5101 arcessivit!7%), huc
pertinent quae viri docti de verborum pompa ac tumore et de in-
flata ac turgida oratione dixerunt!’”). at non temere hoc genere
loquendi Seneca usus est. ut Leo ipse concessit (I p. 65), rhe-
toris est pronominis personalis genetivum pro pronomine pos-
sessivo usurpare!’°). rhetoris est pluralem vocis populi per
superlationem pro singulari ponere'’?). rhetorem decent, quod
jam Birtus vidit (p. 533), interrogativa verba 89) pars quota est?
similia plura. arte igitur rhetorica adhibita Seneca effici puta-
vit, ut Hercules quam maxime laudibus efferretur. itaque poeta
in hac fabula componenda, cum Herculis gloriam et apotheosin
exornare studeret, certum consilium habuit.
Cum iam nihil quod ab eius ingenio atque indole alienum
videri possit in Hercule Oetaeo superesse credam satis confir-
masse mihi videor tragoediam hanc totam et indivisam a Se-
neca eo consilio scriptam esse, ut Herculis lJaudem praedica-
ret, mortem celebraret hominibusque imitandum fortissimi viri
exemplum ante oculos proponeret. habes igitur, candide lec-
tor, meum de Hercule Oetaeo iudieium, quod aut sequeris aut
falsum aestimabis, si aliud est tuum. tu autem, si tibi ea, quae
disputata sunt, minus probabuntur, ipse denuo hanc fabulam
pertractes velim.
176) Οὗ R. M. Smith, de arte rhetorica in L. A. Senecae tragoediis
perspicua.
177) Cf. Birt p. 532 et Leo G.G.A. p. 10.
118) Cf. supra p. 377 sq. 119) Οὗ supra p. 378 5αα.
180) Of, supra p. 378.
Berichtigung.
Seite 330 zeile 10 v. u. ist Corusca zu lesen statt corusca.
Seite 347 zeile 6 v. u. ist tragoediarum zu lesen statt tragoediis.
Seite 380 zeile 19 v. o. ist „bombastisch“ zu lesen statt bombastisch.
Herculis Oetaei versus qui afferuntur vel explicantur ?).
V. 1--740 p. 326, 332,
405.
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104—106 p. 395.
104—172 p. 395,396.
p- 359.
p- 359.
p- 359.
p. 351, 352,
p. 400.
. 351, 359,
359.
359.
p. 337, 380.
1) Ubi tab. adscripsi,
qua continentur verba, in
positionem facit, modo non faecit.
EFF ERS EEEREEEEeEeeeeEee
108
. 111—118
119—142
121
122
125
126
135
143
143—170
150
151
161
163— 172
165
170
170—172
173
186
191
195
198
199
201
209
211
213
218
219
224
227
230
233
236
247
251
256
258
263
266
significatur tabula illa
"Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ 'Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ῥ Ὁ Ὁ Ὃ Ὁ 'Ὁ Ὁ Ὁ Ὃ Ὁ Ὁ "Ὁ Ὁ Ὁ 'Ὃ 'Ὁ Ὁ Ὁ 'Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ Ὁ 'Ὁ 'Ὁ
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p- 359.
p. 359.
p. 359.
p. 345,859.
p- 345.
p. 345.
359.
. 370, 381,
359.
Ῥ. 359.
p. 382.
p. 381.,
p- 370.
p- 359.
p: 353, 361,
p- 381.
p- 381.
Ῥ. 359, tab.
p. 365.
ad p. 365 pertinens,
quibus mutae cum liquida copulatio modo
ποτ “τυ τ -ὸ-
en ME ee σοὺ πα "de
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Aemilius Ackermann,
p. 381,382.
v.359, 369.
. 381,382.
359.
359.
331.
359.
359.
399.
359.
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350, 352,
382.
383.
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p. 352, 358,
p. 357.
Ῥ. 358, 385.
394.
359.
383.
374.
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p- .360, 383.
p- 360.
. 358, 385.
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555 p- 377.
997 p. 377.
560 p- 359.
. 565/66 Ε 401.
569 . 860.
574 3 „352, 399,
360, 384, 385.
587 p. 369.
996 p: 369.
599 p. 371.
605 p. 370.
607 p. 369, 379.
608 p- 379.
610 p- 369.
612 p. 379.
644 p. 338.
. 661 Ῥ. 332.
661/62 ρ. 332.
668 p. 369, 374.
672 p- 379.
692 p. 374.
700 p. 370.
705 p. 370, 391.
706 p- 391.
710 p. 381.
714 p. 360.
715 p. 401.
716 p. 369.
122 p. 382.
724 p. 356,381.
733 p. 348.
738 p. 369.
739 p- 359.
740 p. 397.
740—1996 p. 391.
742 p. 387,397.
743 Ῥ. 859.
745 Ῥ. 331.
746 p- 367.
747 p. 359.
750 p. 360.
752 p- 359, 360,
361.
753 p. 348.
754 p. 361.
756 p- 360.
757 p- 350, 352.
760 p- 360, 372.
761 p. 338, 360.
768 Ῥ. 969, 369,
385.
769 p. 359.
770 p. 385.
771 p. 371.
774 p- 383.
775 p. 393.
782 p. 366.
v. 783
v. 784
v. 786
v. 787
v.803
v. 804
tab.
806
807
808
811
820
823
824
825
842
844
845
846
846/47
848
852
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p. 348, 360,
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p. 360.
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Herculis Oetaei versus qui afferuntur vel explicantur.
. 924 p. 342, 359.
. 929 p. 382.
930 p. 383.
932 p- 381.
936 p. 404.
938 tab.
939 p. 347, 548.
940 Ρ. 347.
943 p- 360.
945 p- 359.
947 tab.
949 p- 377, 378.
952 p- 378.
953 p- 361.
954 p- 377.
955 p. 360.
956 p. 371
957 tab.
959 p- 860.
961 p- 359.
962 p. 376, 404
963 404.
964 405.
964—970 p. 404.
965 p. 352,353,
360, 385
966 p. 385.
‚970 p. 404,
. 970—1002 4 999,
972 . 360.
975 4 376, 377.
976 p. 360.
981 p- 357.
982 p. 374.
983 p. 398.
984 p. 405.
986 p. 360.
987 p. 372.
988 tab.
991 p. 360.
994 p- 360.
1000 ».358,405.
1003 p. 404
1005 tab.
1006 p- 358.
1016 Ῥ. 358.
1017 p. 370.
1018 p- 379.
1020 p: 360.
1024 . 386.
1027 p. 360, 401
1028 p- 360.
1030 ᾿ 401.
1081 988.
‚1091-1180, 337,390.
. 1032 . 340.
. 1035 ᾿ 988, 889,
v. 1086—1099 p. 339,
341, 387.
v. 1040 p. 340.
v. 1042 p- 340.
v. 1048 p. 332.
v. 1059 p. 340.
v. 1060 p. 363.
v. 1062 p. 365.
v. 1079 p. 341.
v. 1080 p- 869.
v. 1084 p. 969.
v. 1086 p- 341.
v. 1088 p. 341.
v. 1090 p. 341,389
v. 1092 p. 340, 341
388.
v. 1093 p: 388, 390.
v. 1093—1099 p. 388.
v. 1095 p. 366.
v. 1097 p. 369.
v. 1097—99 p. 388.
v. 1099 Ῥ. 388, 389,
39.
v. 1131 Ὁ. 2399.
v. 1134 Ρ. 360.
v. 1135 p- 348.
v. 1139 p- 360.
v. 1142 tab.
v. 1143 Ῥ. 352, 353.
v. 1159 p- 383.
v. 1165 p- 360.
v. 1166 p- 360.
v. 1168 p- 360.
v. 1172 p. 360, 386.
v. 1173 p- 385.
v. 1175 p. 385.
v. 1176 p. 365.
v. 1180 p- 369.
v. 1181 p- 386.
v. 1183 p- 360.
v. 1192 p. 360.
v. 1194 tab., p. 369.
v. 1200 ».354, 370.
v. 1201 Ῥ. 354, 360,
385.
v. 1205 p. 386.
v. 1206 p. 347.
v. 1207 p- 368.
v. 1216 Ῥ. 819;
v. 1218 p. 352, 353
v. 1221 tab.
v. 1224 p- 360.
v. 1227 p. 348.
v. 1231 p- 385.
v. 1234 p. 348.
v. 1237 p. 348.
v. 1241 Ρ. 360.
BEE ES ee ee Eee en ee ee Eee
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370.
1259
1260
1261
1263
1264
1265
1266
1267
1268
1273
1274
1275
1277
1290
1291
1292
1293
1295
1296
1298
1302
1303
1305
1307
1309
1317
1323
1325
1328
1332
1333
1335
1336
1347
1348
1349
1351
1354
1360
1363
1364
1370
1372
1374
1376
1378
1380
1386
1389
425
p- 347, 377.
p. 371.
p. 360.
p- 384.
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. 360.
τ 347,360,
p. 331.
p- 359.
5 382.
. 360.
τὰ 960, tab.
Ῥ. 856.
p. 370.
p- 358, 360.
p- 342, 360.
p- 348, 370.
p. 343, 360.
p. 385.
tab.
p. 360, 370,
p. 360.
p. 360,399.
tab.
420
v. 1390 p. 411.
v. 1392 p. 333.
v. 1398 p- 353, 385.
v. 1399 p. 339, 355.
v. 1402 ».355,360,
386.
v. 1406 p. 336, 360,
tab., 381.
v. 1408 p. 336, 360,
tab., p. 371, 384.
v. 1415 p. 360, 370.
v. 1415—1418 p. 336.
v. 1416 Ρ. 581.
v. 1419 p. 360, 385.
v. 1421 p. 401.
v. 1425 tab.
v. 1426 tab.
v. 1427 p- 370.
v. 1429 Ῥ. 353, 385.
v. 1434 p- 360.
v. 1435 p- 360
v. 1436 p. 360
v. 1440 tab.
v. 1441 p- 911.
v. 1444 p. 360.
v. 1450 p. 368.
v. 1452 p. 336, 345.
v. 1457 p. 360.
v. 1462 p- 360.
v. 1467 p- 361.
v. 1469 p- 360.
v. 1472 p. 343.
v. 1474 p. 348.
v. 1476 p. 344.
v. 1477 p. 344.
v. 1481 p- 370.
v. 1485 p. 348, 360
v. 1488 ρ.86θ0, (80.
v. 1489 p. 370.
v. 1491 360.
v.1500 376
v.
Zeadsasiieeaıı
1502 .860, 377,
378.
1506 p. 348, 373.
1511 p. 360.
1515 p- 370.
1516 p- 382.
1517 p. 382.
1518 p. 345,399
1518—1606 p. 394.
1531 p. 385.
1536 p. 379.
1541 p. 379.
1550 p. 334.
1555 p. 370.
1556 Ῥ. 334.
1558 p. 348.
44445485
Ε Υ:
PERF
. 1560—63 p. 334.
1564 p. 403.
1574 p. 370.
1586 p.372, 379.
1592 p- 376.
1595 Ῥ. 338, 344,
403.
1599 . 338.
1600 ν. 37.
1603 Ῥ. 370, 402.
1604 p. 346.
1605 p. 379.
1607 p. 403.
1607—1757 p. 402.
1608 p- 370.
1610—16 p. 402.
1613 p. 360.
1614 p- 383.
1617 p. 374,
1621 p- 375.
1624 p. 371.
1629 p- 360.
1632 tab.
1633 p- 369
1634 tab.
1642 p. 349.
1645 p. 370, 402.
1646 . 360.
1650 p. 348, 360,
tab.
1652 p. 375
1653 p- 375
1654 tab.
1655 p. 375
1661 p. 374
1662 tab.
1678 p- 360.
1684 p. 370.
1693 p. 360.
1697 p. 338, 360.
1698 p- 360.
1699 373.
1701, ps:
1703 Ῥ. 402.
1708 Ῥ: 370.
1709 p- 360,402.
1710 p. 360.
1713 p. 411.
1716 p- 360.
1717 Ῥ. 335.
1718 Ῥ. 335.
1719 p. 335, 360. |
1720 tab.
1721 p- 360.
1722 p. 360.
1723 p. 360
1724 p. 370
Aemilius Ackermann,
EEEFREFFENERFER
Re FE ESEREFSEREEFRE FEIERTE
1725 p. 402.
1726 p. 360, 370.
1739 p. 360.
1741 p. 339,410.
1745 p: 360, 370.
1748 Ῥ. 860. .
1750 Ῥ. 352, 353.
1753 p. 370.
1784 p. 409.
1756 p- 361.
1758—1831 p. 400.
1760 p. 360, 376.
1764 p. 351.
1774 p- 360,
1778 p. 360, 385.
1781 Ῥ. 353, 360,
385.
1782 p. 360.
1784 p- 386.
1785 tab.
1786 p. 360.
1787 p- 360
1191 p.358,385.
1179)20υ p. 388.
1797 ρ.381, 360.
1798 tab.
1802 p. 360.
1803 p- 360, 385
1805 p- 5
1806 p- 347, 358.
1809 p- :
1810 Ῥ. 372, 379.
1811 p. 379.
1814 p- 360.
1818 p. 379.
1820 p- 347.
1822 p- 360.
1823 p. 361.
1824 p. 379.
1825 p. 360.
1826 p. 347.
1827 p. 360, 385
1829 p: 361.
1830 p- 360, 376.
1831 p- 403
1832 p. 370
1836 p: 360.
1839 p. 404
1840 p- 400.
1840—1939 p. 400.
1844 p. 368.
1845 p. 360.
1847 p- 350, 352.
1849 p- 374, 412.
1855 p. 360.
1858 p. 347.
1859 p. 360.
Res quae tractantur. 427
v. 1861 p- 373. v. 1890 . 338. v. 1972 p. 404.
v. 1863 p. 372. v. 1911 Ὴ: 905, 381. |v. 1975 p- 360.
v. 1865 p- 369. v. 1912 p. 381. v. 1976 p. 411.
v. 1868 p- 365. v. 1914 p- 331. v. 1978 p. 370.
v. 1870 p. 369. v. 1916 p. 369,379. | v. 1979 Ῥ. 347.
v. 1871 Ῥ. 379. v. 1918 p. 379. v. 1984 p. 370.
v. 1876 p: 379. v. 1930 p. 348, 371. | v. 1992 p. 370.
v. 1883 p. 363, 373. | v. 1940 p. 404. v. 1993 p- 379.
v. 1884 p- 373, 377, |v. 1942 p. 411. v. 1996 Ῥ. 391.
383. v. 1956 p- 363.
v. 1885 Ῥ-. 977. v. 1966 p- 377.
Res quae traetantur.
Prooemium p. 325 sq. tantur p. 390.
A. DeHerculisauctore p. 326—386. argumenta Habruc-
titulus p. 326 sg. keri refutantur p. 390 5α.
scaenae mutatio p. 327. | argumenta Leonis
duplex chorus p. 327. | refutantur p. 391 5α.
multitudoversuum!)p. 327 Βα. | HerculesOetaeusest
canticum in fine | δρᾶμα ἀναγνωστικόν p. 392 sqq.
exstans p. 328. argumenta Tachavi
loci imitatione e ce- diluuntur p. 395 Βα.
teris tragoediis | argumenta Melzeri
expressi p. 328 sqg. diluuntur p. 396 sqaq.
loci stolida imita- Senecae Phaedra est
tione expressi p. 332 sqq. δρᾶμα ἀναγνωστικόν p. 405 544.
ineptiae Ῥ. 337 sqg. C. De consilio poetae p. 408—422.
linguae inopia p. 345 sg. Herculem et Cyniei
sententiaeneglegen- exemplum imi-
ter constructae p. 346. tandum sibi ante
rationes metricae p. 346 sqgq. oculos propone-
res prosodiacae p- 365 sqq. bant p. 408 5α.
orthographia p- 368 5αα. philosophorum de
usus loquendi p- 371 sqg. Hercule scripta ρ. 409 sq.
B. De unitate tragoe- Senecae consilium Ὁ. 410 566.
diae p- 387—408. nonnullaereligiones
argumenta Swobo- antiquae p. 412 sqq.
dae et Goebelii religio Herculea p. 414 sqgq.
refutantur p- 387 sqq. Senecae ars rheto-
argumenta Peiperi rica p. 422.
et Richteri refu- Conclusio p. 422.
1) cf. etiam p. 394 et 412.
428
Aemilius Ackermann, Index vocabulorum.
Index vocabulorum.
Abire (ad, in)
abit (= abiit; similia)
adrogare (v. 899)
alere (v. 466)
aliquis (= quidam v.
1849)
altisonus
ambo
autumare
Bistones (Hebrum ac-
colentes v. 1042)
claudere (cludere)
colus
„ == 1818)
cum (quom)
Cyclas (Y)
deinde
detrahere (= deducere
v. 661)
domus
donec
ducere (d.
sopire)
edissere
ei mihi
etiam
etiamnum
fere
ferre (= gignere)
fibra (1)
figere (— inferre)
fors
forsam
forsan »:
forsitan
forte
fuisse (= esse desiisse)
somnos ΞΞΞ
A (= natio)
Getae (in Rhodope ha-
bitantes)
haud
hauddum p-
Hebrus (ex ostiis de-
fecit) _
Hebrus (6)
Herculeus (ensis v. 869)
(Herculis) sors (v. 1473)
„ voltus(v.1273)
hocne (= hoccine; si-
milia)
ictus
ignoscere (fatis)
imbellis (v. 981)
immemor
inclitus (inclutus)
ἘΠΈΜΕΝΕ a a We a ea
p
p
genus (= g. humanum) p.
p
Ρ
p
p
p
Ρ
Ρ
2 p
hine p-
p
Ρ
p
p
Ρ
Ρ
376.
365.
351.
397.
. 374.
379.
371.
375.
340.
371.
369.
374.
369.
365.
384.
332.
369.
382.
338.
374,
386.
381.
381.
382.
346.
365.
372.
353,
. 382.
11378.
372.
. 378.
. 340.
. 883.
383.
. 340.
. 360.
. 341
. 343.
. 942.
384.
107,
Dh
. 374.
. 857.
. 818.
ou,
884,
56.
incolume (Abl. v. 1844;
similia)
inde
interim
magis 1 pol 1600) p.
Megara (v. 1452)
mergere (= abscondere
v. 1348)
mundus
nempe
nodus (= clava)
nondum
obiter
paedor
palam
Parthus (v. 161)
pati (v. 1599)
populi (= populus) p. 3
possidere (v. 1294) Ῥ.
potius 383.
pro (particula) . 385.
proinde (v. 923) p. 342.
propter p. 375.
quamquam 373.
quattuor (bisyllabum
v. 1095) p- 366.
quiescere (active usur-
patum) . 372.
quotus p. 378, 422
reddere (= dare) p. 341.
2... (ὌΡΟΣ τ
vitae) p- 341.
reddere(r.vitam=mori)p. 378.
regnum (regna trium-
phi v. 746) p. 367.
saltem 331.
serpens (raro latebras
relinquit v. 1059) p. 340.
sive (secundo loco tan-
tum exstans v. 1653) p. 375.
sonare (= praedicari) p. 374.
spargere (v. 1394) p. 333, 411
stare (= vivere) p. 396.
tabes p. 369.
tabum p. 369, 374
tollere (templa tollens
ora v. 102) p. 367.
toto (Dativus) p. 368.
tribuere (in luce v. 990) p. 372.
ultimus p- 380.
ultra (= posthaec) p- 384.
vaesanus (v. 1930) p. 371.
vetare (= arcere) p. 371.
viden (= vıdesne v.1207)p. 368.
vulgus p- 370.
vultus (voltus) p. 370.
BB τῦ Ἢ 'Ξ' Ban
368.
384.
383.
. 375.
336, 345.
333.
844.
381.
374.
383.
332.
375.
382.
340.
. 898.
378 sq., 422,
DAS AUSLEBEN
DES GLAUSELGESETZES
IN DER RÖMISCHEN KUNSTPROSA
TH. ZIELINSKI.
we ἡ» Ἐπ᾿ 5.
- Er =
Das Ausleben des Clauselgesetzes in der römischen
Kunstprosa.
I. Die Panegyriker.
1. Im Folgenden biete ich zunächst eine Formenstatistik
für sämmtliche Panegyriker mit Ausschluß des Plinius. Zu-
grunde gelegt ist die Ausgabe von Bährens: doch bin ‘ich
überall dort, wo der große Textverderber durch eine seiner
willkürlichen Conjecturen die Ölausel zerstört hat, stillschwei-
gend auf die Ueberlieferung zurückgegangen. Ueberhaupt ist,
um das nebenbei zu bemerken, auch für Bährens das Clausel-
gericht zu einem Gottesgericht geworden.
Die statistische Tabelle ist, um die Vergleichung zu er-
möglichen, ganz nach dem Muster derjenigen entworfen wor-
den, die ich für Ciceros Reden ausgearbeitet und meinem ‘Clau-
selgesetz’ beigefügt habe; nur sind der Vereinfachung wegen
für M, S und P überall nur die Summenzahlen angegeben
worden. Was über diese Classen im Einzelnen zu sagen ist,
wird später nachgeholt werden. Die Kenntnis des genannten
Buches setze ich, um Wiederholungen zu vermeiden, überall
voraus.
Was einem zunächst auffällt, ist eine große Unifor-
mirung der Clausel bei diesen Spätlingen. War bei Cicero
der Procentsatz der V-Clauseln 60%, bei Plinius gar nur 50%,
80 steigt er hier auf 66%. Ganz zurückgegangen ist der Pro-
centsatz der selteneren Clauseln M, S und P: bei Cicero um-
faßten sie immerhin 12,7%, bei Plinius gar 18,1, hier nur
4,9. Aber die Uniformirung ist tatsächlich noch viel größer,
als es darnach scheinen könnte.
432 Th. Zielinski,
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4 ' 1 15. 0,8
I
176 118198.828 808 451 2125100 ἢ
Summa [1121133 8711510
Die Fixirung der Wertelassen ist aus Cicero ge-
wonnen und hier der Bequemlichkeit wegen beibehalten; das
Verhältnis hat sich indessen gewaltig verschoben. Bei Cicero
waren in der Tat die fünf Clauseln der V-Classe die ‘bevor-
zugten’: der seltensten unter ihnen (2: 7,2%) schloß sich die
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 433
häufigste der L-Classe (1?) erst mit 4,3% an. Aber schon
bei Plinius ändert sich die Sache. Infolge des ‘Entwickelungs-
gesetzes’ (‘Clauselg.’ 64) werden die schweren Clauseln immer
seltener; schon bei Plinius hat es 3 nur auf 4%, 2 gar nur
auf 1,8% gebracht und sind beide hinter die besten der L-
Classe, 1? (7,5%) und 1" (4,4%) zurückgetreten. Bei den
Panegyrikern hat sich die Bewegung in derselben Richtung
noch weiter vollzogen: 8 ist mit ihren 2,3% nicht nur hinter
1? und 1?, sondern sogar hinter 1! zurückgetreten, und gar
2 selbst hinter einigen Ableitungen der Hauptformen II und
Il. Der für Plinius aufgestellte Satz, daß für ihn 1, 2, 1°,
3 und 1? die bevorzugten Clauseln sind, gilt — nur in etwas
andrer Reihenfolge — auch für die Panegyriker: auch hier
haben es nur die fünf genannten Clauseln je über 100 Fälle
gebracht und umfassen zusammengenommen 1670 Fälle, d.h.
fast 80%. Das ist somit erst der wahre Ausdruck für die
Uniformirung der Clausel bei den Panegyrikern.
Uebrigens ist die Clausel 1° zwar noch immer (im Gegen-
satz zu Cicero, der 1? bevorzugte) die beste unter den L-Clau-
seln, aber doch nicht mehr im selben Grade wie bei Plinius,
bei dem sie sogar 3 überflügelte: sie steht mit ihren 8,1% _
weit hinter 3 (16,2%) und 2 (13,7%) und nicht allzufern
von 1? (7,9%). So bleibt Plinius mit seiner Bevorzugung
von 1°? vorläufig isolirt; es ist noch zu untersuchen, ob diese
Bevorzugung eine Eigentümlichkeit seines individuellen rhyth-
mischen Gefühles ist, oder ob er sie mit seinem Zeitalter teilt.
Und nach dem Zurücktreten von 1? und 1? bleiben 1, 2 und
3 die bestbevorzugten — eben dieselben, aus denen sich der
mittelalterliche Cursus entwickelte. Dabei hat die weibliche
3 der männlichen 2 den Rang abgelaufen und umfaßt mit
der gleichfalls weiblichen 1 nahezu 50% gegenüber .den 13
der männlichen 2; eine gewiß recht auffällige Vorliebe für
tönende Periodenschlüsse.
2. Zur Typologie. Dieselbe Uniformität, von der die
Formenstatistik Zeugnis ablegt, waltet auch in der Typologie.
Hier sei zunächst ihre Tabelle für 1 mitgeteilt, wobei wir der
bequemeren Uebersicht wegen die Procentsätze für Ciceros
Reden nachfolgen lassen.
484 Th. Zielinski,
I mE IV V VI ΠΥ ΙΧ X XI XI |summa| 0%) | Cicero
a ya 681 1 yore ΡΝ
β. 4 GE .,88 15..8.ϑὄ 12.234. 985 95) ee
v 80 22 14 30 24 48 80 88 77 49 101 | 458 | 66) 492
δ 8ὃ8.ϑ»-ῳ .Ρ»β.78 PT 110 1877 Me
Ey re ee 3 De 4-1 2999
Summa 39 39 22 42 31 62 44 57119 90 150 | 695 100 100 |
Der Caesurtypus 1y, der bei Cicero als der bevorzugte
immerhin nur dıe Hälfte aller Fälle umfaßte, hat es bei den
Panegyrikern auf rund zwei Drittel gebracht; ihm gegenüber
sind die Typen ἃ und ß, nicht aber ö, merklich zurückgegangen.
Bei ἃ nimmt es uns nicht wunder: schon Quintilian fand diesen
Typus, dessen Vorkommen bei Cicero nur vom Häufigkeitsge-
setz geregelt wird, qualitativ anstößig (‘Clauselg.’ 60). Mög-
licherweise ist diese Erscheinung im Anschluß an de Jonge
(s. u.) daraus zu erklären, daß diese zwei Typen (@ und ß) in
der Clausel nur einen Hauptacceni bieten.
Doch birgt der Typus 1ß noch eine interessante Ueber-
raschung, die wir dem Leser nicht vorenthalten wollen. Hier
folge der Anfang des Registers, der die 138 Fälle umfaßt:
II 11 dexte)ris gubernatis IV 9 conciliabu)lum juventutis
12 ocea)num petiturae medi)us Camenarum
ocea)nus redundavit 10 praesci)us futurorum
14 mani)bus resolvatis 18 inco)lis frequentari
5) III 1 debi)ti repraesentem Hercu)lis renascuntur
7 gaudi)o triumphare V 4 similitudi)nem requirebat
9 radi)i sequebantur 6 recep)tu recursuque
10 Hercu)l&s adorari 10 omni)bus careretur
12 mutu)um reversuri 11 ocea)num videretur
10) 14 cum relinguuntur 20) 13 omni)bus videretur
Es ist kaum nötig fortzufahren. Soviel sieht jeder Leser:
wo die ß-Stelle nicht durch ein Monosyllabon ausgeführt wird
(wie in Nr. 10), ist das Anlaufswort ein Proparo-
xytonon. Davon weisen die 20 angeführten Fälle nur eine
Ausnahme auf, nämlich Nr. 17, die indessen auch sonst nicht
einwandfrei ist; Bährens hatte für recepftu — recessu vorge-
schlagen, was die Sache clauseltechnisch nicht besser macht.
Im Ganzen finden sich unter den 138 ß-Fällen nur fol-
gende Ausnahmen:
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 435
V 6 recep)tu recursuque ἡ 10) 20 bel)lo lacesserunt r
VII 12 su)ä fatigarunt 29 ma)nu teneretur F
VII 3 iunc)tus peroravit 30 re)rum figurandi Ὁ
8 e)ras haberemus XI 19 ho)nor petitus sit
5) IX 9 non de)cet laborare 21 hono)rum petendorum
13 non e)rat reservasti 15) XII 13 mo)dum coerceri
20 fo)re spopondisti exem)plis abundantem
21 ti)bi reservavit 25 lau)dis videbatur
X 15 gra)du reponantur 32 do)mi reliquisses
Also 18 Fälle, darunter 4 kritisch unsichere, 2, für die
auch eine andre Form concurrirend in Frage kommt (Nr. 7
und 8: bei pyrrhichischer Messung des ersten Disyllabons
1.11β) und 2 (Nr. 5 u. 6), die gar keine Ausnahme bilden,
weil non decet und non erat je einem Proparoxytonon gleich
kommen; strenggenommen demnach nur 10 Ausnahmefälle,
darunter 6 mit jambischem, 4 mit spondeischem Anlauf. Da-
mit vergleiche man die ‘Clauselg.’ 30 gegebene Tabelle für
Cicero Bd. III, wo auf 208 1ß-Fälle 138 mit spondeischem An-
lauf kommen, dazu 18 mit jambischem, und die proparoxyto-
nirten Anläufe zusammen nur 52 Fälle umfassen !
Wir haben demnach ein für das Ausleben der Clausel-
technik charakteristisches Anlaufsgesetz vor uns; fragen wir
nach seinem Sinn, so hilft uns die Wahrnehmung weiter, daß
unser Gesetz für die 1Bö-Fälle offenbar keine Gel-
tung hat, sondern nur für die reinen 1. In der Tat, man
vergleiche die vorhandenen Fälle:
II 3 cae)li rapit solem XI 19 seditio)nem manus emp-
8 volu)ceres dedit cursus tae
IV 3 me sciens fallo 10) XII 6 fortu)nae suae par est
V 18 cu)ris vacant gentes 8 quae tibi debes
5) VI 11 deside)rent novas vires 27 homi)ni novum fatum
14 Constanti)no pater deest 41 nol)let licet posset
VII 14 suspen)sä manu tractem 44 soller)tes manus ducant
X 32 defaeca)tum statim pu- 15) 45 mater)no sinu clausit
rumst
Unter 15 Fällen — oder, mit Abzug der 2 Monosyllaba-
Fälle Nr. 3 und 11 — unter 13 haben wir 10 mit paroxyto-
nirtem, 3 mit proparoxytonirtem Anlauf — ein ähnliches Ver-
hältnis wie bei Cicero.
Soweit hatte ich die Frage im Sommer 1904 gefördert,
indem ich mir für die Panegyriker clauseltechnische Notizen
machte. Dann erschien 1905 das wichtige Buch de Jonge’s
über die Clauseln bei Cyprian, und dort fand ich 8. 60 f. eben
Philologus, Supplementband X, drittes Heft. 29
436 Th. Zielinski,
dieselbe Beobachtung betreffs der Anläufe in 18 und 1ßö bei
diesem Autor. Auch bei Cyprian ist somit der proparoxyto-
nirte Anlauf bei 18 obligatorisch, während 1858 darin keiner
festen Regel unterworfen ist. Es ist somit billig, daß wir
unser, für die späte Kunstprosa sehr wichtiges Gesetz das de
Jongesche Anlaufsgesetz nennen.
Was seine Erklärung anbelangt, so scheint mir de Jonge
auch darin auf dem rechten Wege zu sein, daß er es mit dem
obenerwähnten, von ihm gleichfalls entdeckten Gesetz der
zwei Accente in Verbindung brachte. Seine Erweiterungs-
theorie jedoch, die uns noch später beschäftigen soll, kann ich
mir nicht aneignen; vielmehr denke ich mir die Sache 80.
Eine 185-Clausel wie cu)ris vacant gentes hat in ihrem Körper
zwei Hauptaccente; für sie ist daher der Accent des Anlaufs-
wortes gleichgiltig. Anders 1β soli)bus perurendam: da sie
es im Klauselkörper zu einem zweiten Hauptaccent nicht
bringen kann, so verlangt sie mindestens einen möglichst kräf-
tigen Nebenaccent. Nun haben nur die Proparoxytona auf
der Endsilbe einen kräftigen Nebenaccent; daher diese hier
fast obligatorisch sind.
Es erübrigt noch, für 2 und 3 eine möglichst kurze Ty-
penstatistik zu geben; es geschieht im Folgenden.
I II IV Vv VI VO VOR IX X Xi XIU|summa| 0%, |Cicero
Y 10 17 0 16 2 18 10 28 28 33 52 299 |78,7| 48,3
ὃ 6 ᾽ :τοὔὦ- ὦ 3 2 18 10 ee
εῶβε-- 1 -- ---- το. - τ ΙΝ
Summa16 20 10 18 12 22 18 25 46 51 58| 291 | 100) 87,7 |
Wie jeder sieht, ist die typologische Uniformirung hier
noch weiter gediehen, als bei 1; und nun noch die Diäresen-
clausel 3. Doch bedarf es für diese nicht einmal einer Ta-
belle: das Diäresengesetz wird fast ausnahms-
los eingehalten. Eine gewisse Freiheit in der Hand-
habung dieser Clausel finden wir — seltsamerweise — erst
beim spätesten der Panegyriker, Pacatus, der auf 70 Fälle die
Diärese nur 58mal einhält, während von den 12 restirenden
9 die Caesur ε bieten, die 3 übrigen sich auf ß, y und γζ ver-
teilen. Sonst habe ich mir 2 Ausnahmen bei V notirt (e), 1
bei VIII (y), 2 bei IX (e) und 2 bei XI (e).
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 437
Zu bemerken ist übrigens, daß von der Syllaba anceps
vor der Diärese ein ausgedehnter Gebrauch gemacht wird;
vor der Doppelzeitigkeit der ersten Silbe der Basis soll noch
im Folgenden die Rede sein.
Was endlich die schweren Clauseln anbelangt, so ist ihre
Behandlung viel freier: von den 23 2-Fällen entbehren 7 der
Cäsur, von den 48 3-Fällen gar 25 der Diärese, von welch
letzteren wiederum auf Pacatus der Löwenanteil kommt.
3. Die seltenen Clauseln. Von den 27 Fällen der S-
Classe kommt die größere Hälfte, wie zu erwarten, auf S3;
merkwürdig ist aber, daß von diesen 14 Fällen volle 12 dem
Mamertinus gehören (XT), sodann 2 dem Claudius Mamertinus
in seinem Genethliacon, während sie in den übrigen 9 Reden
nicht vorkommt. Die übrigen 13 Clauseln der S-Classe seien
im Folgenden angeführt:
51: X 18 Constantinum esse! XII 2 lon)geque prospecti
ΧΙ 25 fortunae vultu sunt
S2:VI 3 gentium praesentant 33 fi)des laboratura
XI 2 lae)teris, ingratus sis 10) 5.39: IX 7 expe)rimentum no-
5) 5 glori)ae refutarentur vissent
26 optimus judex est ut de tesperarent f
31 meru)isse, cum faetus SS: XII 10 vide)ras jam Histro
sis praetendebas }
12 candi)dati ne declaretur Ὁ
Von der einzigen Nr. 3, die gut ist, abgesehn, haben wir
es mit den drei späteren zu tun; da erweist man ihnen wohl
zu viel Ehre, wenn man sie ernst nımmt. Mir scheinen die
Nr. 1, 2, 5, 9 und 10 als V1 intendirt zu sein (Nr. 10 kann
auch durch die Schreibung -menta geholfen werden), die übri-
gen, bis auf die kritisch unsicheren, als V2. Und wer weiß,
ob nicht auch die 12 S3-Fälle des XI eigentlich als V3 ge-
meint waren ?
Wir fahren mit der M-Classe fort.
113: IV 6 adyta transtulerit 2?: II 4 va)stator imitatus
X 10 quia nihil similest est
23 operis erigitur 8 Diocleti)anus imi-
XI 31 oneris impositum tatus est
5) 155: VII 22 facta beneficiis 10) Ill 13 ab)esse videamini
VIII 10 commen)dare bene- IV 16 nostra celebranda
ficia. sunt
11 tanta beneficia VII 16 quis quis imitatus est
XII superve)nire bene- VII 2 Subve)nire rs δ τα
fieia es
29 Ὁ
438
IX 10 vicit apud Actium
15) nomen habitura sit
X 16 umbra comitata sit
27 a)cervus onerosior
6 vi)cere patientiam
XI 26 impera)torisopulentia
20) 29 ef)frena superaverant
XII 19 can)dore proficiseitur
24 in)junge patientiam
pauper)tatesatiavimus
91 tu)ique reputatio
25) 41 tra)hente properatio
2°: XIl47 praedi)care quae pro-
pria sunt
3°: XII33 funibus vela tacuit
3*:1Il 15 quod spem ubertate
superas
XI121 mirantes explet oculos
30)3'°: ΠῚ ὃ equus aut velivola
navis
3° III 6 invi)cem pietate colitis
XI 33 subjieiamus oculis
3“: ΧΙΠ 1 partici)pant videri
posse video
41: X 33 dif)ficilis existimatiost
35) 36 habet eorumque fra-
tribus
4°: XII 12 be)ata quia non eram
tua
4tr: II 7 so)luto animo aclibero
sumus
IV 12 conten)tae meritis
conscientiae
VI 4 principiis consecutus
es
40) 4':III 10 ho)minibusque accep-
tiora sunt
4tr: IX 12 vir)tutis et clementiae
tuae
X 4 au)daciorem veritas
facit
Th. Zielinski,
5: X 35 praebeat sed benigni-
tati
9°: XII 9 est labor sine necessi-
tate
45)&: II 4 nomi)ni juxta prin-
cipem subisti
X 33 ar)cessendae gratula-
tioni
XII 30 fihdem vincendi ne-
cessitatem
5°: 1V 8 vigilanti)aepatientiae
magistras
ΧΙ 9 cum deerant quibus
Juberent (?)
50) 5°: III 12 indi)cium perturbatio-
nis oculi
Str: XIl 2 imperato)rem decet
quam dquem minus
necessest
6: VII 13 tempo)rarius ille tran-
situs fuit
θ᾽: XII 30 temeritas sed neces-
sitas erat
6: VIIL14 amo)ris nostri contu-
meliam feres
55)6t:XI 4 pe)riculi plenum ne-
gotium fuit
XII 45 aurium saltim mole-
stiä luit
8: VIIl12 venturis pensitationi-
bus neget
MS2tr: IX 22 tu)am sequitur
fortuna
MS2t: VIII12 in futuro securos
60) MS3!: XII 25 rabiem parta
irritabant Ὁ ἢ)
MS3*: XII 12 cum potest nun-
quam voluit
MS3tr; VIII 14 muneris abste
accepisse
Hier mache ich zunächst auf die Clausel 138 aufmerksam.
Bei Cicero (‘*Clauselg.’ 58) kam sie nicht vor und konnte auch
nicht vorkommen — warum, ist ebendort erklärt. Der cicero-
nianische Accent folgt dem Viersilbengesetz; das Wort bene-
fieium trug den Accent auf der viertletzten Silbe, eine Olausel
wie, dcta beneficiis hätte das Harmoniegesetz verletzt. Das
ist nun anders geworden; das Dreisilbengesetz kam zur Herr-
!) Der ganze Satz lautet in den Hften: crescebat in dies habendi
fames et parandi rabiem parta irritabant. Der Concinnität wegen än-
derte Bährens parandi in pariendi; die Clauseltechnik lehrt, dass viel-
mehr umgekehrt parta in parata zu ändern ist (93 intendirt als V3).
Das Ausleben des Clauselgesetzes.
439
schaft, der Accent von beneficium verschob sich auf die dritt-
letzte Silbe, und nun stand der Clausel 1°? nichts mehr im
Wege.
So genau folgt die Entwickelung der Olauseltechnik
der Entwickelung der Accentuation; so wichtig ist die Kenntnis
der ersteren für die richtige Beurteilung der letzteren.
Das Register soll uns im folgenden noch beschäftigen ;
jetzt lassen wir die letzte, die P-Classe nachfolgen:
P1: UI 2 protulit in lucem
19 praemia fatorum
IX 20 secu)ros adorirentur
X 32 significaturus
5) 38 ambiti)one sui gaudent
XI 19 probro)sissimum adula-
bant
20 pecuni)ae coacervandae
23 herba)rum vicem olus
vulgost
P2:III 13 esse pacem colere
10) IX 6 missili)bus sed hastis
gladiis
XII 10 semper exercitus es
P3:V 14 gentium proveniebant
X 10con)eordiae commoditates
P3::IX 19 moli)mine currüs inve-
heretur
15) X 34 prin)eipe tam sero fru-
erentur
Doch dürften die wenigsten also intendirt worden sein.
Falsche Messungen vermute ich in Nr. 1 (= Li!y), 3 (= Vle),
Ze ὁ (— V1B8), 6 (V3 m. Syll. and), 7 (= Vila), 8
(V1ßd), 11 (V3y), 12 (= 13°), 13 (= Vle), 14 (= Vle).
4. Tonik statt Quantität.
Im folgenden seien zunächst
die choriambischen Clauseln der dritten Hauptform — also
185 — für die letzten drei Panegyriker zusammengestellt:
X 1 judicia perleguntur
2 spes volucres constiterunt
4 si)bi similes intuetur
6 perseque)ris, miseros li-
berasti
5) 12 de te aliud non licebat
15 labo)ris pretium respuis-
sent
negotio)rum ratio metien-
dast
24 ingenio repperisti
vulneribus interissent
10) 28 extenta acies pertineret
31 servitium sustinebat
32 quam quae oculis hauri-
untur
33 eximiä fortitudo
34 honesta)tem referendam
arbitremur
15) 35 utilitas singulorum
perdomit ac condiderunt
37 quam facilis supplicanti
38 frangen)dis vitiis consti-
tutae
simplicita)tis laqueos per-
diderunt
20) XI 4 invidiam congerebat
5 vulneribus sauciasse
6 nefan)dis stimulis exci-
tasse
7 Hi)strum placuit navigari
8 sideribus consecrasti
25) 13 verticibus perferatis
14 Constan)tinopolim pervo-
lasse
„ di)vini animus praevidebat
15 face)res etiam non meren-
tem
16 di)gnum facerenon deceret
30) 17 desidiae non refugi
18 me fieret post repulsam
obtinuit arbitratur
23 nominibus abstinebant
24 amico)rum paria profe-
runtur
35) militibus diligaris
30 principiis commodorum
32 offieiis sempiternis
440 Th, Zielinski,
XII 3 scientiä medicos saepe vidi 22 tu)is populis te videri
4 excutio veritatem 50) 24 interitum Gratiani
40) 7 luxuriä vindieavit 25 a)missa metu relliguorum
praeterito perdidisti 26 atque inhians exigebat
8 optas)sent facere, dum do- 27 munificus imperator
cerent 28 Gallaicus eruisset
9 consilio re juvabas 55) 29 corporibus impiabant
11 excidium Galliarum 35 ΔΟΡῚ poterant occuparant
45) 14 an)gustus eratnoster orbis 37 et crotalis personabant
16 non etiam diligebat 38 attonitus avolabat
redunda)vit nisi dandi vo- 45 pot)est etiam non timeri
luptas 60) 46 de)cernere posses trium-
19 su)perfuerat orbitati phum
Was hier zunächst auffällt, ist die große Zahl der choriam-
bischen Clauseln: 60 L3" gegenüber 122 V3 (ich bitte, diese
Zahlen einstweilen nicht an der Tabelle zu controliren) ist ein
ganz unvernünftiges Verhältnis, wenn man bedenkt, daß bei
dem doch viel freieren Cicero auf 1787 Clauseln V3 nur 433
L3", also noch kein Viertel kommen. Aber auch die 9 er-
sten Panegyriker widerlegen unsre Zahl: sie bieten auf 150
V3 nur 21 L3", also gerade soviel, als wir bei diesen uni-
formen Gesellen erwarten durften. — Dazu kommt indessen
noch folgendes. Von den angeführten 60 Clauseln haben nicht
weniger als 15 eine Syllaba anceps vor der Diärese (Nr. 1,
7, 9, 13, 29, 32, 34, 39, 40, 42, 48, 53, 54, 55, 88); nun
wissen wir aus Cicero, daß die Clausel 3‘ die Syllaba anceps
vor der Diärese überhaupt nicht gestattet. Nun könnte man
freilich überall die Syllaba anceps vermeiden, man brauchte
nur z. B. Nr. 1 ani)morum judicia perleguntur als 5° zu lesen.
Aber damit würde man die Zahl der schlechten Clauseln M5°
(cf. das Register S. 438) von 5 auf 20 bringen, was nicht
die geringste Wahrscheinlichkeit hat. Einen letzten Beweis
liefert die Typologie. Von den angeführten 60 Fällen halten
nur 2 — Nr. 47 und 60 — die Diärese nicht ein, die übrigen
sind alle 3'ö-Clauseln; ganz natürlich bei der bereits fest-
gestellten Uniformität unsrer Redner. Es ist indessen auf-
fällig, daß von den 58 3Wö-Clauseln nur 2 den Einschnitt β
geben (Nr. 45 und 51), kein einziger den Einschnitt y: wir
haben fast nur β' ὃ- (27) und reine ö-Fälle (29). Diese über-
wogen freilich auch bei Cicero, aber doch nicht in dem Maße;
bei ihm war eine andre rhythmische Feinheit maßgebend.
Fragen wir nun, was die β' ὃ- und reinen ö-Fälle in der
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 441
Basis gemeinsam haben, so finden wir auch die λύσις der ganzen
Aporie: esist de Verwendung der Proparoxytona
spes völucres constiterunt
ingenio repperisti,
Ist dem aber so, so haben wir in den angeführten 60
Clauseln überhaupt keine choriambischen, son-
dern gewöhnliche V5-CGlauseln mit tonischer
Basis:
völucres eönstiterunt,
in)geniö repperisti.
Die Clausel V3 hat demnach bei den drei letzten Pane-
gyrikern die Form =<—_=||— — — =. Nun hat auch die Syll.
anc. in der Diärese nichts Auffallendes mehr: sie ist in der
Clausel V3 gestattet, selbst bei Cicero, und ist bei tonischer
Rhythmisirung erst recht legitim.
Was machen wir indessen mit den Nr. 45, 51 und 60,
die die Einschnitte B und y bieten? Es ist zu betonen, daß
sie alle drei dem Pacatus zukommen, der auch sonst, wie wir
gesehn haben, in der Clauseltechnik freier ist. Wir haben
sie in der Tabelle als unzweifelhafte 3"-Fälle notirt, die übrigen
zu V3 geschlagen.
Nun aber weiter. Ist einmal die Clausel <_- = || — — —.
als V3 anzunehmen, so ist nicht einzusehn, warum sie durch-
aus einen langen Anlauf haben muss: war aber der Anlauf
kurz — = _=|| — _ —\, so gibt sie sich äußerlich als L3!.
Wir müssen also gewärtig sein, auch diese Clausel bei den
letzten Panegyrikern übermäßig vertreten zu finden; und das
trıfft auch zu.
X 5 itineris non habetis 10) 29 an)te licuit experiri
20 ad aciem detulerunt XI 5 hominibus praedicantur
25 habuerit dignitatem 25 es)se miserum nec videri
avidior quam salutis 34 culpae)que documentum
5) 27 potueris evocare fuerunt
XI 4 addie)ta dominis serviebat 36 continua)re jaculis occu-
cineribus excitavit pare
12 age)requam aliisimperare 15) vel in acervo jacere
15 comitio consulatus 40 sibi aliquä vindicabit
Auch hier dasselbe numerische Mißverhältnis — 16 Fälle,
während die 9 ersten Panegyriker zusammen nur 7 bieten, —
auch hier dieselbe Verteilung auf ß!ö- (9) und reine ö-Fälle
(7), wobei die ersten, als 3! gemessen, das Auflösungsgesetz
442 Th. Zielinski,
aufs härteste verletzen. Kurz, es unterliegt keinem Zweifel,
daß wir auch die scheinbaren L3'-Clauseln vielmehr als V3-
Clauseln mit tonischer Basis anzusprechen haben. Darnach
sind auch die Zahlen in der statistischen Tabelle 5, 432 ge-
geben.
Also: mit Nazarius (X) beginnt das tonische Prineip in
der Basis von V3 das quantitative zu verdrängen; wir haben
ein Mittelding zwischen der classischen V3 und dem mittel-
alterlichen cursus velox. Es fragt sich indeß: wie sind die
9 ersten Panegyriker zu beurteilen? Hier fehlt uns das Haupt-
argument für die Annahme einer tonischen Basis: das nume-
rische Mißverhältnis. Die 21 L3®-Fälle nebst den 7 1.81
können recht gut als solche bestehn. Qualitativ freilich haben
wir dieselben Erscheinungen, wie bei X— XII: auch hier ver-
teilen sich die choriambischen Clauseln auf B!ö- und ö-Fälle
(bis auf V14 credere te navigante ydö und VII 6 proditionis
suorum Ε), auch hier baben wir unter den Clauseln L3! nur
eine der tonischen Messung widerstrebende (III 14 maria. plena
esse vestri), während zwei umgekehrt bei quantitativer Messung
das Auflösungsgesetz verletzen (V21 rur)sus habeat condito-
rem und VIII 9 umenti)bus oculis eminentem). Ich habe es
für das Sicherere gehalten, bis auf weiteres die Rubriken LS!
und L3® beizubehalten.
Noch bemerke ich, daß das Gesagte auch auf 4 ange-
wendet worden ist, die bei der geringen Anzahl der Fälle keine
selbständigen Schlüsse gestattete.e Auch hier ist demnach für
I—IX quantitirende, für X—XII tonische Basis angenommen
worden.
Doch bietet die gesammte Grundform IV nebst VI und
VIII auch sonst bemerkenswertes, weshalb wir ihre Vertreter
folgen lassen — die Clauseln der M-Classe aus deren Register
S. 437 ἢ. wiederholt.
4: II 7 nominis consecutus est 5 gloriae || exitum ferunt
13 sub Remo et Romulo tuis 'magni)tudine congruentia
III 11 limina || imminentibus 10) XI 5 oculos providentiae
VII 2 qui te amant, plurimum 14 commodis publicis vacat
sciunt 21 in)dignior judicabitur
5) IX 4 sanguinis gratulatio 24 fildelium diligentia
23 vi)eisse tam prodigos sui 25 innocentissimum legis
X 4 sunt amorem invicem cre- 15) 30 Julianum recepimus
ant 31 debitus restitutus est
Das Ausleben des Clauselgesetzes.
XI112 vi)xisse te legibus tuis
29 etiam in osculis erant
11 im)perium deprecatus es
20) 14 priva)tim sui poenitentia
20 osculo consecratus est
indigere arrogantia
21 numinis conscientiam
25 no)bilibus solitudines
25) 41 consule et vota conveni
45 hauriet innocentiam
4:11 3 deduxe)rint quae victoriae
auxerint
5 exerci)tu sed paucis co-
hortibus
IX 14 armis non pulverem pati
30) X 24 conciliatri)ces pacis lacri-
mas daret
30 conse)eratos in litteris
habet
31 i)psius taeterrimum caput
XI 5 ge)nus quod nullus refel-
leret
26 clau)sae sunt omnes bonos
habet
35)XIl7 sine exempli periculo
10 impera)tori pugnare te tibi
16 ımpo)nendumst provin-
ciae caput
Man beachte den letzten Einschnitt.
bei 4:
„ 4 „ 1 „ 3
„ Ιγο " 2 „
„ VH VI, —, ,--
443
24 fece)runt affeetu innocen-
tiam
40 cum sit quae vicerit tua
4°: X 33 dif)ficilis existimatiost
36 habet eorumque fratribus
4°:XII12 be)ata quia non eram tua
4: 1 7 so)luto animo ac libero
sumus
IV 12 conten)tae meritis con-
scientiae
VI 4 principlis consecutus es
4':1IH 10 ho)minibusque acceptiora
sunt
4':IX12 vir)tutisetelementiaetuae
X 4 au)daciorem veritas facit
6:VIL13 tempo)rarius 1116 transitus
fuit
ı:X1130 te)meritas sed necessitas
erat
6:Vllli4amo)ris nostri contume-
liam feres
6:X[4 pe)riculi plenum negotium
fuit
XII 45 aurium saltim molestiä
luit
8:VIIll2 venturis pensitationibus
neget
Wir finden ıhn:
inö 15, nel,in{ 1, in n Smal
» 1 „ 9 "
ra „4 in y 2mal
Ἀγ) ΕΊΣ „ 6 a δ᾿ Αὴ
Was hier auffällt, ist die Häufigkeit des Einschnitts in
Ἢ: zusammengenommen umfaßt er 27 Fälle, ἃ. ἢ. die volle
Hälfte; bei Cicero war sein Procentsatz in 4 auf 14, in 4 auf
22, also durchschnittlich auf 18% beschränkt. Das hängt,
wie ‘Olauselg.’ 123 erklärt worden ist, mit der Aversion gegen
jambische Schlußwörter zusammen. Daß diese bei den Pane-
gyrikern noch größer geworden ist, beweist das fast vollstän-
dige Fehlen von 28 (oben ὃ. 436), die von dem ciceroniani-
schen Procentsatz 11% auf 2% zusammengeschrumpft ist; wie
ist unter diesen Umständen die Beliebtheit der jambischen
| Schlußwörter hier zu erklären? Diese Beliebtheit, — verbun-
den mit der Tatsache, daß die ganz schlechten Clauseln VI ἢ,
sämmtlich das jambische Schlußwort aufweisen, — legt die
Vermutung nahe, daß wir auch hier das Eindringen des
444 Th. Zielinski,
tonischen Princips zu constatiren haben. Darnach
hätten wir in den angeführten 27 Fällen keinen jambischen,
sondern einen trochäischen Auslaut: plurimum seiunt, prödigös
δῖ u. s. w. — QÜlausel V1. Fraglich würde freilich bleiben,
ob diese Annahme auf die 3 letzten Panegyriker zu beschränken,
oder auf alle auszudehnen sei, da der Procentsatz der n-Schlüsse
bei II—IX um nichts geringer ist, als in X—XH, ist eine
Entscheidung kaum möglich. Wir haben daher in der stati-
stischen Tabelle mit diesem Resultat nicht gerechnet.
Mit dem Eindringen des tonischen Princips hängen wohl
auch die ‘falschen Messungen’ zusammen, die wir oben 8. 437
und 439 vermutet haben; verallgemeinern läßt sich diese Be-
obachtung jedoch nicht.
5. Prosodisches und Grammatisches. Indem ich auf
den entsprechenden Abschnitt in meinem ‘Clauselg.” 171 ff.
verweise, lasse ich in aller Kürze das für die Panegyriker no-
tirte nachfolgen.
1. Positio debilis: Verlängerung IV 12 remiseris
lucrumst (V15 :M6); VII 16 Iucra contempsit (Vly : Pl);
VI 5 patre potiorem (1,12: P12); X 12 tenebras non imbibi-
stis (V8 : 19. Unbestimmt X 24 conciliatri)ees pacis la-
crimas daret (L4:L2?, vielleicht aber V1ö, cf. oben 5. 443).
Sonst kurz.
2. S impura: unbestimmt. IX 20 fore spopondisti
(V18:L1!, oben 5. 485).
3. Synizese: XI 20 pecuni(ae coacervandae? (VIB:
P1, vielleicht aber V1«, cf. oben 5. 439).
5. Die Vorsilbe red. X 24 ingenio repperisti (V3:
PP3); IX 13 sed aciem rettudit (1,2 : P2?); XI 25 amissa
metu relliquorum (L3®":P8S?°); VII 13 relliquis haereamus.
Zweifelhaft XI 28 serena refundi (Viy : PP3; nicht aufg.).
6. Suffix -culum: XII 14 pericla rapuissent (1,15:
P1?), sonst periculum.
7. @en. Sing. von -ium. Hier ist die Wandelung
interessant. Die Panegyriker stehen unter dem Einfluß einer-
seits der classischen Tradition, die - verlangt; andrerseits ihrer
Umgangssprache, die -i angenommen hatte; so ist denn der
Gebrauch schwankend. Die classische Form ΠῚ 5 veniam si-
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 445
lenti petam (V2 : M6°, vielleicht aber V1 mit tonischer Ca-
denz); III 8 desideri celeritate (1,55 : M3°%); vielleicht auch
XI 32 expectes vicem benefici (M2? : M6°, nicht aufg.). Die
vulgäre VI 7 pignus imperii (L1?y:L45); VII 15 esset imperii
(L1?y: MA"); XII 2 silentii redimant (1,15 : P2).
8. Endvocal ὁ und ὁ. In mihi etc. beliebig: X 25
qui {ἰδὲ cedunt (V18:P3), dag. X 23 ıpse tıbi sumis (1,15:
Pl). Bemerkenswert ist die eingerissene Kürze des Schluß-o:
1) im Nom. sg.: II 9 Similitudo sed morum 11] 18 Juno pla-
cata, V 7 necessitudo sumpsisset, X 16 magnitudo testetur, 26
nemo servaret, 25 formido sanare, XI 15 ambago celaret (Vly:
ΠΩ und noch schlechtere) ; VII 20 nemo potuisset, VIIL5 con-
suetudo cohibebat, X 28 longitudo tenuarat, 22 mansuetudo ra-
tionem, XII 26 vorago revomebat (1,15: P3); VII 4 sermo ju-
stitiae, XI 29 amplitudo quam tribws (L1?:P2); ΧΙ 5 dis-
similitudo discordiam, puleritudo praestantior, XII 45 nemo
post maximum (V2:V2, die indessen bei den Panegyrikern
keine V-Olausel ist, oben 8. 433); XI 24 curamus ut nemo
possit (V3 : 59); Ausnahme XII 2 accusatio vocabatur zweifel-
haft, da vielleicht tonisch V3; — 2) in ambo: Ill 7 ambo se-
niores (L1? : P3); — 3) in der 1 P. sg. der Verba: ὙΠ 1
dicabo sermonem (Viy:MS2); II 7 prospicio Romanus, III 1
facio jacturam (L1'y: MS2®); III 18 quaero rationem, VII 24
confido placuisse (L1?: P3); V 5 celebrabo temporibus, VII 14
expecto consilwum (L1?:P2); XII 47 dispensato miracula
(V2:V2). Keine Ausnahme ΠῚ 14 audeo praedicare (V3
m. Syll. anc.), eher noch VIII 12 queo satis dicere (V2 : 1,21);
— 4) ın den Adverbien: XI 27 guando mutabunt (Vly : 52);
sero reparandum (1,15 : P3); continuo si velles (Li!y : MS2t).
Dag. XII 35 ultro videret lacessi (V3 : 1.95); — 5) besonders
bemerkenswert im Gerundium: V 3 participando tutelam, 6
veniendo fecisti, VI 4 oriendo fecisti, XII 36 festinando tar-
dare, 38 frustrando differret (V2:82 u. ä.): II 11 consen-
tiendo retinetis, VII 3 nascendo merwisti, IX 16 inchoando vio-
laret, XII 5 enumerando tenuere (L1?: P3); ΠῚ 15 vinde-
miando deficimus (1,15: P2); XII 37 occupando celementiam
(V2: V2). Sonst ist das o im Dat. Abl. sg. natürlich lang;
VIII 12 in futuro securos, die einzige Instanz dagegen, ist
446 Th. Zielinski,
wohl mit falscher Messung von sec. als V3 intendirt.
10. -ri- in fut. ex. und conj. pf. nach classischer
Tradition lang: III 12 publicae viceritis (V3 : P2), 4 vestri
sinum secesseritis (L3" : PQ*).
11. Synkopirte Yıanbelstäm met XI 20 rejeie-
batur (V1:Pl).
12. Einzelne Wörter IV 12 promiscus et vilis est
(V2:L2%); XI 11 poculo fortusio (V3 : P2).
6. Elision. Die Frage nach Hiatus und Elision wird sich
bei diesen späten Classicisten mit ihrer angelernten Technik
schwerlich ganz zum Austrag bringen lassen. Nach der clas-
sischen Tradition ist Hiatus nur bei den Clauseln 3 ff. in der
Diärese gestattet; diese wird im allgemeinen eingehalten, bei
den ersten sogar streng. Aber VII scheint andren Principien
zu folgen: wenn ich nicht irre, elidirt er nur vor est (7 videö
gratissimumst 16 praemiumst imperator); man vergleiche 10
prospieit quam || ignoscit (V1: 52), 13 firmitatem habitura
(L1?: PP3; freilich ist mit falscher Messung auch V3 mög-
lich); ef. auch 22 ora circumeat (1,13. Ebenso VIII: 2 voto
quam || ingenio (1,15 : P2). Die übrigen sind wieder strenger.
Zu beachten bei Pacatus (XII) — vielleicht auch schon
früher — die facultative vulgärlateinische Abstoßung des s in
der Endung us, weshalb diese vor Consonanten kurz bleibt;
besonders auffällig 38 credo me Galliae? sed inviswW sum. Hi-
spaniae committo? sed notw’ sum (Construction: V2 || V2).
Doch bleibt der Umfang dieser Erscheinung noch zu unter-
suchen. |
II. Cyprian.
Die Clauseltechnik des hl. Cyprian hat Ed. de Jonge
neulich zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung ge-
macht. (Les clausules metriques dans Saint Cyprien. Louvain-
Paris 1905). Der erste Teil seines Buches enthält eine kri-
tische Besprechung der modernen Theorien,.der zweite speciell
die Clauseln Cyprians, der dritte die Lehren der antiken Theo-
retiker. Ich werde es hier hauptsächlich mit dem zweiten Teil
zu tun haben.
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 447
Mein ‘Clauselgesetz’ wurde dem Verfasser erst nach Voll-
endung seines Buches benannt; in einer besonderen Nota ὃ.
149—153 setzt er sich mit ihm auseinander. Auch diese Nota
soll uns im Folgenden beschäftigen.
Vor allem freue ich mich meine weitgehende Ueberein-
"stimmung mit dem Verf. zu constatiren. Ueber die Methode
sind wir einig: im Unterschied einerseits von der einseitig ty-
pologischen Methode Bornecques sowohl wie von der einseitig
morphologischen E. Müllers u. a. bekennen wir uns zur syn-
thetischen, die beide Momente gleichmäßig in Betracht zieht.
Auch im einzelnen werde ich vielfach Uebereinstimmung zu
constatiren haben. Dem gegenüber haben die Divergenzen
nicht viel zu bedeuten; sie erklären sich, wie ich meine, daraus,
daß dem Verf. ein qualitativ wie quantitativ einfacheres Ma-
terial vorlag (bei ihm anderthalbtausend, bei mir achtzehn-
tausend Clauseln), und ich hoffe mit der folgenden Bespre-
chung zur Ausgleichung beizutragen. Ich bemerke, daf meine
Beobachtungen über die Panegyriker von seinem Buch unab-
hängig gewonnen sind: obgleich er seine Untersuchungen
damals z. T. bereits im Musee Belge gedruckt hatte, waren
sie mir dennoch nicht zur Hand, und ich habe sıe erst nach-
träglich vergleichen können. Natürlich wird die Bedeutung
der Uebereinstimmungen dadurch wesentlich erhöht.
1. Formenstatistik. Der relativ geringe Umfang des
behandelten Autors gab dem Verf. die Möglichkeit, auf S. 36
bis 59 alle Clauseln der Reihe nach aufzuführen ; zu Grunde ge-
legt hat er die Hartelsche Ausgabe und eine Clausel dort an-
genommen, wo Hartel eine schwerere Interpunction hat. Eine
Nachvergleichung des I. Tractats ergab, daß dort auf 168
Clauseln nur 4 offenbar übersehn worden sind: Kap. 4 sanctus
animarei und omme quod possumus, 4 ubique divisa und 11
exitus turpis; da somit die Zuverlässigkeit hinreichend war,
glaubte ich für alles übrige die de Jongeschen Tabellen zu-
grundelegen zu können. Auch die Messungen waren fast überall
richtig; von dem offenbaren Lapsus I 9 abgesehn, wo delin-
quitur minus est als 2 statt als 1? notirt ist, hätte ich fol-
gendes einzuwenden. I 10 ist qwis inter haec verö subveniat
unstatthaft da vero — Dat. von verum; wir haben somit
448 Th. Zielinski,
nicht 1°, sondern PZ; III 19 ist nach Cicero cottzdie zu messen,
die betr. Clausel somit 15; IV 30 decöre deformis est wahr-
scheinlicher als deeöre, die Clausel daher 2y, nicht 2; V 23
paria fecerimus sicher, nicht -rimus (oben S. 446), die Clausel
somit 3, nicht 115 (bei de J. irrtümlich 21).
De Jonge unterscheidet bei Cyprian nur 9 Clauselformen,
nämlich die drei bestbevorzugten Vl, V2 und V3, sodann
die drei besten der L-Classe 11, 1? und 15 nebst 2! und noch
2 der M-Olasse 115 und 2°. Die übrigen (im Ganzen 74) be-
zeichnet er als „anomal“ und behandelt sie besonders. Von
ihnen läßt sich eine Anzahl aus diplomatischen Gründen —
augenscheinlich richtig — unter die gewohnten Schemata bringen,
die meisten jedoch sind widerspenstig und sollen uns noch be-
schäftigen.
Uebrigens ist es nicht ganz richtig, daß unter den von
de Jonge angenommenen normalen Clauseln sich unsre V3
befindet; de Jonge erkennt eine solche (ἀ. ἢ. --- — ---ἰ --- — —._)
nicht an, sondern nur eine ditrochäische (d. h. die Cadenz
allein, —— — —), die er als C bezeichnet. Seine Bedenken
gegen meine Theorie entwickelt er ὃ. 151 f.; es ist notwendig,
hierauf einzugehn. ,
Im Grunde ist es nur ein Bedenken — die Freiheit der
kretischen Basis. In der Tat gestattet ihr ihre Pathologie
alle möglichen metrischen Formen anzunehmen, ausgenommen
den Trochäus; und geht dem Ditrochäus ein Trochäus vorauf,
so wird er eben zur Öadenz geschlagen, wir erhalten 5 statt 3,
und das Spiel beginnt von neuem: meine Theorie peut s’ ap-
pliquer a toute prose et, par consequent, μ᾿ en explique aucune
par elle meme. — Dies Bedenken habe ich eigentlich schon
‘Clauselg.” S. 15 entkräftet; ich will es jetzt zahlenmäßig tun.
Vor dem Ditrochäus, sagt de J., ist jedes beliebige Ge-
bilde zulässig. Sehn wir zu. In Ciceros Reden finden wir vor
dem Ditrochäus
den Creticus (— = --- -Ο΄, — =D) 1787 mal = 35,7%,
„ Molossus (-- — |. — . = 8) 1586 „ BL.l.,
„ Paon I (>. --- ---ὑ᾿ -ἷ΄͵ =D!) 192 , 3,8 „
„ Jonieus amin. (I -- — τι ς = 126) 226% 45,
„Ran U. HF ον: χα ΤΙΣΙ Μδνοια 38) Me
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 449
den Be Wr Hai I®) 243 „ 4,9 0),
mb SL LU 2 Im) 488... 8,7,
ἢ Epitrit II (— u. - — ir τῷ 148) 807 9 6,1 „
„ Trochäus (-- — - — - — . = V--Vllete) 199 „ a
Summa 4995
Ich denke, diese Zahlen reden? Die reine kretische Basis
über ein volles Drittel, mit ihrer schweren Parallelform zusam-
men über zwei Drittel aller Fälle; das genügt doch wohl, um
von Grundformen und Ableitungen zu reden ? — Und wie steht
es denn mit der Hauptform II? Gleich mir und andren läßt
de J. die doppelkretische Clausel — — :— — — als solche
gelten, d. h. er verlangt für die kretische Cadenz auch eine
kretische Basis. Warum begnügt er sich nicht mit dem einen
Creticus? Wir haben doch vor dem Schlußereticus:
den Creticus (— - —i— u. = 72) 1991 mal = 39,4 00
% Da = Mr | RE — m "190 Fi
ἢ aon DI ve: my, = Lo) ‘ ” In
Tamm. (2 ——: — 0 —— La!) 266; ;, 52,
ΡΣ" re. ee 92.»
Ba τ᾿ Im 18,
» Ἰραίοου α ταὶς ie m. 2,
᾿ mesiemkun (-- .- —!i— u — = 19) 239. u, 4,7,
Bet: - = Lee) ee (ἂρ
„ Trochäus (--— u ----.-- -ξ ΤΥ, ΥἹ οἷο, 129 , 14,3 „
Summa 5111
Also auch hier die reine kretische Basis über ein Drittel,
mit ihrer schweren Parallelform zusammen zwei Drittel aller
Fälle Und damit ist zahlenmäßig eins von beidem erwiesen:
entweder nimmt man — — — :— — — als normale Qlausel an
— und dann ist man gezwungen, auch —— — ἰ-- o — als
normale Clausel anzunehmen. Oder man beschränkt sich hier
auf den Ditrochäus (— — — —) — und dann ist man gezwungen,
- auch dort nur den Creticus als Clausel gelten zu lassen.
2
Das ist der eine, der statistische Grund. Dazu kommt je-
doch der von Norden erwiesene historische: wie der mittelal-
terliche Cursus tardus < _ =: _ = auf die doppelkretische
Clausel, so geht auch der Cursus velox Zi Hl ὦ ὦ am
die kretisch-ditrochäische, nicht einfach auf die ditrochäische
Clausel zurück. Wie dieser Uebergang durch die Uniformität
der Spätlinge sowie durch das Vorwalten des tonischen Prinzips
vorbereitet wurde, haben wir an den Panegyrikern gesehn
450 Th. Zielinski,
dort hat (oben S. 439 ff.) die Clausel V3 bereits die Form
=_=:__-_, quantitative Cadenz mit tonischer Basis; und
wie steht es mit Cyprian? De J. sagt es selbst, S. 64: wenn
die Cadenz heil ist (und das ist die überwältigende Mehrzahl
der Fälle), cette finale est regulierement precedee d’un poly-
syllabe ἃ penultieme breve, ἃ. h. die normale Clausel ist
= _=:___—_._, ganz wie bei den Panegyrikern. Allerdings
bildet nach de J. die Heilheit der Cadenz die Vorbedingung
dazu; das wollen wir sofort untersuchen, einstweilen sei con-
statirt, daß nach de J. selber von den 360 ditrochäischen Aus-
gängen über 300 den tonischen Creticus in der Basis bieten.
Ich denke, das sollte genügen, um auch für Cyprian =_ =:
— — — 8418 die normale Clausel gelten zu lassen.
In der Tatsache sind wir einig, in der Erklärung gehn
wir auseinander. Warum der tonische Creticus? Ich sage:
weil er sich ganz natürlich aus dem quantitativen Oreticus der
classischen Prosa entwickelt hat. De J. sagt (S. 68): weil die
heile Cadenz nur einen Accent bietet und die Clausel deren zwei
verlangt (‘Gesetz der zwei Accente’ oben 8. 436) so hat sich bei
heiler Cadenz die ditrochäische Olausel zu einer kretisch ditrochäi-
schen ‘erweitert. Warum gerade zu einer solchen? Die Frage
findet keine Antwort. — Aber nicht einmal die Beobachtung ist
richtig. Sie wäre es, wenn wir sagen könnten: die kretische
Basis findet sich bei einaccentiger, nicht aber bei zweiaccen-
tiger Cadenz: um uns von letzteren zu überzeugen, wollen wir
die zweiaccentigen Fälle aufführen (NB.: Clauseln wie ecelesia
non haberet, bei denen die eine Silbe der Cadenz durch ein
Atonon gebildet wird, schlagen wir, gleich de J., zu der Haupt-
masse mit heiler Cadenz).
I 4 egomet saepe mecum 33 sacrificia Deo dixit esse
II 5 solidum pars tenetur VII 14 sperare quos tu tueris
8 in domo |] una edatur 15 ab eis quos tu adoras
IV 6 gentilibus membra Christi 25 nostri salutare munus
5) V 31 tui memor ipse non sis 10) poenitentia nulla serast
VIII 18 possunt peccata tergi
Von den 11 einzigen Beispielen bieten 5 (Nr. 1, 2, 4, 7,
10) ohne weiteres die kretische Basis, 2 weitere die auch von
de J. als äquivalent anerkannte, aus Monosyll. + Jambus beste-
hende (Nr. 3, 8), und auch Nr. 11 widerstrebt nach seiner
|
|
2
Das Ausleben des Clauselgesetzes,.
451
Theorie nicht: wenn 8. 65 dolöri sit et pudori gut ist, ist es
Wie man daraus sieht, hat das
auch pössunt peccata tergi.
Gesetz der 2 Accente auf die Basis der ditrochäischen Clausel
keinen Einfluß: sie ist in jedem Falle kretisch.
Kurz: auch Cyprian beweist, daß die ditrochäische Clausel
nur als kretisch-ditrochäische normal ist. So glaubte ich denn,
die de J.’sche Formenstatistik auf 5. 58 durch eine eigene er-
setzen zu müssen, wobei ich den Rahmen der obigen für die
Philologus, Supplementband X, drittes Heft.
— ,,.-.--.
— ----.-
— ὠο»Ἕ-Ῥ-΄--ς-.
D—— ,---
--- -, --
: m ποὺς
--- ».».--..
ΓΙᾺ ΒΡ. ΕἸ
EDER
— — ww —
I Ad Donat.
II De hab. virg.
cath. 660]. un.
πὰ σα IIII De
IV De lapsis
- or | VI De mortal.
er
Ast 15] bel ἘΙΞΙ ΟΕ τὰ base
τ -α | VII Ad Demetr.
μι τ VII Deo
m
et]
p. etel.
je
LIFE FS FEB
ol III III IT| won
(ee,
IX De bono pat.
κα ΙΧ De zelo et liv.
m
θυ
11,2
19,7
Summa
16716111872721621137173113
3
81261081681
0
452 Th, Zielinski,
Panegyriker entworfenen (5. 432). wiederhole. Die.diplomati-
schen und metrischen; Correcturen de.J.’s habe ich mit aufge-
nommen, die. kleinen Differenzen in. den Summen rühren daher,
daß ich ein paar. zweifelhafte, Clauseln nicht. berücksichtigt
habe.
Für Cyprian, als solchen ist die. Tabelle zu. complieirt: für-
ihn würden, 6 Rubriken, genügen, nämlich, die drei bestbevor-.
zugten (V1, 2 u. 3) und die drei einfachen Ableitungen, won.
Vi (L1’, 15 und 15); zusammengenommen umfassen sie von
den 1631 Clauseln volle 1503. Ich habe dennoch, um die Ver-
gleichung zu ermöglichen, den früheren Rahmen beibehalten.
Soviel sieht man sofort: Cyprian ist noch uniformer als die
Panegyriker. Der Procentsatz der V-Clauseln ist von 66 auf
71 gestiegen und speciell der von V 1 von 31 auf 38. Und
noch. eine Eigentümlichkeit, fällt auf: die Vorliebe für Li’,
die den beiden andren Ableitungen gleichberechtigt an die Seite
getreten ist. Doch soll davon noch unten die Rede sein. Die
schweren Clauseln treten den Panegyrikern gegenüber noch
mehr, zurück. Weiteres mag man der Tabelle selbst ent-
nehmen. |
2. Die Typologie. Ihr hat de J. einen besondren. Ab-
schnitt gewidmet: (8. 60:ff.: les cesures) ; leider kann ihm hier
der Vorwurf nicht erspart werden, daß er die Statistik voll-
ständig, vernachlässigt hat. Unter A (= V1) führt er 9 ver-
schiedene Cäsurenarten auf, ohne zu sagen, wie oft jede vor-
kommt, so daß der Leser sie für gleichberechtigt halten muß.
Auch hätten die Atona-Einschnitte billig ignorirt werden
können; dadurch wäre die Zahl der Typen von 9 auf-5 zu-
rückgegangen. Hier gebe ich meine Statistik für V1:
it I II IV V VIVIIVOLIX X |summa 0% Cicero Paneg.
11- 28 - 1 —
5" 97 1824 Tan Mio Ὁ
An Au lan de 1, sk
6
9
1κ
ı| 10 |1elı2@ | 5
s| 9» 184
Bi: } 20
17 412 [66,6] 49,2 | 66
2| 62 110 |102 | 9
βὸ
Y 48 37 51 65 43 36 52 8
ὃ 2. a. 1 la. Kerne
1
0
3
7
8
Summa 60 54 76 109 66 51 70 55 49 28 | 618 | 100 | 100 | 100 |
Wie man sieht, ist die Typologie nahezu dieselbe, wie
bei den Panegyrikern — ein, erfreulicher Beweis. für die Con-
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 453
stanz’ der typologischen Erscheinungen. Nur einen: Unterschied:
finden wir, und der betrifft den: unwesentlichsten Typus, 1«:.
beii Cyprian: ist er noch mehr zurückgegangen, als bei jenen.
Die: Unbeliebtheit erklärt de J. aus seinem Gesetz. der zwei
Accente: (S. 69); ich: glaube, mit‘ Recht.
Der interessanteste Typus ist 18; verglichen. mit 1ß5; an
ihm hat der Verf.. das Gesetz entwickelt, das ich. oben (ὃ. 436)
das: ‘de: Jongesche Anlaufsgesetz’ genannt, habe. Die’ kleine
Modification in: der Erklärung, die ich. vorschlagen zu müssen
glaubte, bitte ich ebendort nachzulesen ;, denn. freilich,. de J.
möchte auch: hier seine Erweiterungstheorie herbeiziehn. Die
Clausel 18 bietet im Klauselkörper nur einen Accent;. um zwei
zu haben, hat sie sich zu — —— | — — — erweitert. Nach-
dem sich jedoch diese Theorie für V3 als unstatthaft erwiesen
hat, wird.man auch hier an ihr nicht festhalten wollen ?). Doch
das ist nebensächlich ; die Beobachtung. selbst. ist. wichtig und
fruchtbar.
Ich lasse die Tabelle für V 2: folgen:
I IEIEIV V VEVILVIOIDIX X /summa | 90. |Cicero|Paneg.
ΝΥ ld 2 lee. .ἢ:.9.1
Y 22 16 13 18 1212 16 5 7 ὃ 130 |68,7| 43,3 | 78,7
ὃ ΠΟ 5 δ δ᾽ 45 δ᾽ 2.5) δ᾽ 29, 889.) 4080
Summa 31.23 18:24 20 16 22 12 914| 189 100 | a δ
Die Uniformirung. ist Cicero gegenüber noch immer sehr
groß, aber: doch: nicht‘ so groß, wie: bei den Panegyrikern, und
der. Typus 25 ist stärker vertreten als dort.
Dafür ist V3 gegenüber das genannte Uniformirungs-
streben reichlich ebenso groß; die Diärese ist obligatorisch,
an Ausnahmen: habe ich notirt: 3e in IIL,. IV, V, VL,VII und
X je 1mal, 3y in V und 385 in VII je Imal, alles in allem 8.
Freier ist, wie gewöhnlich, 8, die freilich: an sich. sehr selten
2) Bine: dritte Erklärung erwähne ich:nur' unter dem Strich, weil
ich ihr nicht zustimmen kann; sie könnte aus dem Hereinragen des
torischen Princips geschöpft werden. Man nehme eine Clausel 1β mit
ihrem Anlauf: ce)teri saginantur; die richtige: Betonung des. Cadenz-
wortes ist bei quantitativer Accentuation natürlich sagındantur,. ganz
wie es V1 verlangt. Bei tonischer Accentuation mußte daraus aber
säginantur werden, und das: ist eine: V3-Cadenz; kein: Wunder,. daß)»
sie nach: einer kretischen Basis, verlangte, eben nach ceteri. — Aber
darf in Vi bezw. in der Cadenz von V3 ein Hereinragen des toni-
schen Prineips angenommen werden?
30 *
454 Th. Zielinski,
ist; sie ist mit y 2, mit e 6, mit | lmal vertreten, was zu-
sammen 9 diäresenlose Clauseln ergibt.
Nun die Ableitungen von V1. Was Li? anbelangt, bei
Cyprian die häufigste, so hat de J. ganz richtig ihre Mono-
typie (als 17) beobachtet (cf. mein ‘Clauselg.’ 44). Bei Cy-
prian (wie übrigens auch den Panegyrikern) drängte sich die
Beobachtung auf, da bei ihm die Concurrenzform 85 ganz ab-
geht. Die Monotypie selber erklärt er aus dem Auflösungsge-
setz, das er S. 73 im wesentlichen richtig formulirt. Dasselbe
gilt natürlich auch für die viel seltenere 25.
Complicirter ist L1!, die Cyprian so gern anwendet; es
verlohnt sich, ihre Typologie zu geben:
I IIMIV V VIVIVIIIIX X Isumma | 0.0 |Cicero |Paneg.
118 ἃ (,(Β..9.. δι. 5,. ἃ ὁ... .3. 1 51, δ 18
Y 31 saı 73 3 “ὉΠ 6 ΠΟ Er
Summa 790901 95 561 | 108 100) 85 | 100 |
Die Zahlen sind für die Panegyriker: 1:8 15, 1!y 71,
d. h. das Plus des Cyprian entfällt ausschließlich auf den Ty-
pus 115. Wir wollen diesen Typus etwas näher in Augen-
schein nehmen
I 8 faci)nora recensere V 1 vo)luit et audiri
9 conscien)tia satis non sit 2 mo)nuit et instruxit
10 ju)dice pavor nullus spirita)liter adoremus
12 pertina)citer adhaerere 20) 12 adsi)dua repurgemus
5) II 10 spirita)libus abundaret 35 pre)eibus et oremus
21 in)lieit ut occidat VI 17 ju)dice coronatur
23 caele)stia Deus misit VII 4 defectio)ne sit et in fine
III 26 po)tius et augemus 11 ju)dice metus nullus
o)pere fides nullast 25)VIIl 22 caele)stibus honorantur
10)IV11 terre)stribus inhaererent 24 caele)stia recepturi
ne)xibus inhaeserunt IX 24 timen)tibus honoremur
18 sed et obest lapsis X 7 i)gnibus inardeseit
25 a)nima fatebatur 10 e)ruit et abseidit
cri)mine fefellerunt 30) 14 ex)eitat et hortatur
15) 31 incen)dia quieverunt 16 inve)niat et armatum
35 cri)mine minor non sit II 24 fa)cite magisterium (175).
Hier sind es die Accente der ersten Silbe, die uns auf-
fallen, facinöra, conscientia — sprach man zu Cyprians Zeit
so? Und wenn nicht — wo bleibt bei facinora recensere der
Charakter der Clausel gewahrt? Wenden wir uns zu Cicero,
so finden wir in der Theorie der Nebenaccente die Erklärung;
zu seiner Zeit wurde in der Tat im Redefluß conscientia ge-
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 455
sprochen (mein ‘Clauselg.’ 280). Nimmt man für Cyprians
Zeit dasselbe an, so wären alle Fälle gerechtfertigt, wo der
ersten Clauselsilbe ein langer ‘Anlauf’ vorhergeht, also im
Ganzen 21 (Nr. 2—7, 10, 11, 14, 16, 19, 22—30) aber es
würden (vom anlauflosen 12 abgesehn) 10 ganz schlechte Ic-
tuirungen facinöra, potius, opere etc. zurückbleiben. Ich glaube
daher, daß wir de J. darin Recht geben müssen, daß in allen
diesen Fällen das Hereinragen des tonischen Prin-
cips anzunehmen ist: facino)ra recensere, conscienti)a satis
non sit ete. Es wären somit alle diese Fälle einer tonischen
Abart von VIß zuzurechnen: =|— —:—, oder vielmehr,
da die Proparoxytonese des Anlaufswortes obligatorisch ist,
= _)=|_x2_. Zu dieser Proparoxytonese ist das oben
5. 434 Gesagte zu vergleichen. Der Clausel 11} ist aber nur
der Typus y gut zu schreiben.
Hier sind freilich die meisten Fälle von der Art spatia
frenantur und daher nicht besonders aufzuführen; andre aber
sind für jenes ‘Anlaufsgesetz’ wichtig, das ich ‘Clauselg.’
35 ff. entwickelt habe. De J. ist 5. 150 auf dies Gesetz ein-
gegangen; da er sich zu ihm etwas skeptisch verhält, muß
ich die Hauptmomente der Beweisführung wiederholen. Ich
hatte wahrgenommen, daß in Fällen, wo die Clausel 1! (2!
u. s. w.) nicht mit dem Wortanfang beginnt, die ihr unmit-
telbare voraufgehende Silbe (= ‘Anlauf’) bei Cicero lang sein
muß; so kommt in 1!y auf 80 Clauseln von der Art a)dicia
— — τ’ nur zwei von der Art 'm&)moria —— —'. Die Beob-
achtung zieht de J. natürlich nicht in Zweifel, wohl aber die
Erklärung. Ich hatte S. 42 f. drei Erklärungsweisen vorge-
schlagen und mich unter Ablehnung der beiden ersten für die
dritte entschieden; de J. scheint geneigt, sich der ersten an-
zunehmen. Sehn wir also zu.
Die erste geht auf das Gleichgewichtsgesetz zurück. Die
Clauseln 11, 2! u. 5. w. beginnen mit drei Kürzen; kein Wun-
der, könnte man da sagen, daß man unmittelbar vorher eine
Länge bevorzugt. Wohl, das würde für 11, 2!, 3! genügen,
nicht aber für 2! und ε΄, die nur mit zwei Kürzen anfangen
und auf sie drei Längen folgen lassen, mithin das Gleichge-
wichtsgesetz durchaus nicht im Sinne der Kürzenhäufung ver-
456 Th. Zielinski,
letzen. Ist’demnach das Anlaufsgesetz aus dem Gleichgewichts-
gesetz zu erklären, so darf 'es auf 2! und 8' keine Anwen-
dung erleiden ; nun lehrt aber die Beobachtung, ‚daß auch in
21 und 8! die kurzen Anläufe in der verschwindenden Min-
derzahl vorhanden sind. Das ist doch, sollte man meinen, ‘ein
'bündiger Inductionsbeweis, an dem Bacon und J. St. Mill ihre
Freude gehabt haben würden? Dennoch will ihn de J. nicht
anerkennen (5. 151); pour moi, sagt er, les «clausules 28 et
38 (vielm. 218 οὐ 8'B) gwi relevent deja pour (deus:causes de
la pathologie constituent un fait accessoire. Das verstehe ich
nicht: sie sind doch einmal da, für das rednerische Bewußt-
sein ist ‘2! eine Ölausel mit Längenhäufung, und man sieht
nicht 'ein, warum da das Gleichgewichtsgesetz eine weitere
Länge verlangen sollte. Nein, ich kann nur bitten, es mit den
Regeln der inductiven Logik streng zu mehmen: (durch sie
wird das Gleichgewichtsgesetz als Erklärung des Anlaufsge-
setzes eliminirt.
Und was hat denn de J. gegen meine eigene Erklärung
einzuwenden? Das Anlaufsgesetz, hatte ich gesagt, erklärt
sich aus dem Härmoniegesetz, welches die Coincidenz von lctus
und Accent verlangt; nun verlangt im 1'y der Clauselietus die
Betonung des Anlaufswortes auf der drittletzten Silbe, und das
paßt wohl für den Typus zudreia, nicht aber für den Typus
memoria, der vielmehr die Betonung auf der viertletzten Silbe
hat (Viersilbengesetz). Das Harmoniegesetz als solches hat
de J. auch seinerseits, unabhängig von mir gewonnen und
fruchtbar gemacht (8. 67 84}; leugnet er vielleicht für (Cicero
das Viersilbengesetz? Er sagt es nirgends und es dürfte ihm
auch schwer fallen, da es 5. 234 ganz unabhängig vom An-
laufsgesetz durch das Uebergewicht von über 150 Fällen gegen
7 gewonnen ist. Ich darf also meine Beweisführung nach
wie vor für unerschüttert halten.
Und jetzt sind wir dank Cyprian in der Lage, die Gegen-
probe zu veranstalten. Daß nämlich zu Cyprians Zeit das
Viersilbengesetz längst durch das Dreisilbengesetz ersetzt war,
ist für niemand zweifelhaft: es wurde nicht mehr memoria(m),
sondern memöria(m) betont. Dadurch kamen Wörter vom
Typus memöria(m) für den Accent gleich judicia (-is) zu stehn.
Das Ausleben des 'Clauselgesetzes. 457
Haben wir. daher unser Anlaufs&esetz mit Recht (für
1170) in letzter Linie aus dem Viersilbengesetz hergeleitet, 5.0
ist zuerwarten, daßes für Cyprian keine Gil-
tigkeithaben wird.
Und nun schauen wir zu:
I 8 ho)minibus obrepat IV 25 vi)sceribus erupit
II 1 neg)ligere letale 15)V 6 hu)milibus ignovit
14 di)abolus invenit 8 do)cuerat orare
15 Ar)tifiecis offensam 24 ha)buerät et pacem
5) 17 di)abolus infecit VI 2 in)eipere regnare
20 di)abolus obrepit 19 in)fremuit et dixit
21 i)tinera vitate 20) 22 con)tigerit exire
23 ho)spitia demonstrat 21 re)stituit et regno
III 3 i)tineris errore desi)deria majora
10) ὃ. domi)ceilia condentem ὙΠ 25 i)tinera monstramus
IV 14 perjfidia praevenit 18 o)peribus insistät
15 me)moria sublatast 25) VIIIL19 ne)quitia possedit
16 per)veniat inlidunt 20 ma)teria consummat
X 6 materia culparum
Also in 14 Fällen (Nr. 2, 4, 8, 11, 13, 14, 18—22 und
25—27) haben wir den langen, in 13 den kurzen Anlauf; ein
klarer Beweis, daß für Cyprian zwischen ho-minibus und neg-
ligere kein Unterschied bestand, daß für ihn das Anlaufsgesetz
nicht gilt. Die Gegenprobe ist somit geliefert.
Bei der Gelegenheit sei es erlaubt, noch auf andre Wir-
kungen hinzuweisen, die das Schwinden des Viersilbengesetzes
für Cyprian zur Folge gehabt hat. Ich weise noch einmal
auf “Clauselg.’ 234 hin; dort habe ich die Clauselnformen zu-
sammengestellt, die bei Cicero das Viersilbengesetz erweisen ;
es sind zunächst die Basen in 1!5, 215 u. 5. w. (r£ficerent
mentem etc.), sodann die Cadenzen in 25 u. s. w. (gaudium
Yöficerent etc). Nun, alle diese Formen und Typen
sind beiCyprian verschwunden: sie haben eben
das Viersilbengesetz zur Voraussetzung. Andrerseits sehe man
sich das Gesetz der Proparoxytonese an in der tonischen Basis
von V3 und dem tonischen Anlauf von V1ß: es wirkt streng
nach dem Dreisilbengesetz, Dömino receptura ist ebenso be-
handelt wie itimeris salutaris, Dömim prosiliret ebenso wie
facnora destiterunt.
* *
*
Hier bleibe ich stehn; andre Fragen, die Clauseltechnik
458 Th. Zielinski,
Cyprians betreffend, lasse ich beiseite, da sie bei de Jonge ge-
nügend erläutert sind. Dafür mögen einige Bemerkungen all-
gemeiner Art hier Platz finden.
Die Clauseltechnik dieser Spätlinge wird von zwei Kräften
bestimmt, die sich störend kreuzen: die eine ist die rhetorische
Tradition, die in den Gesetzen der ciceronianischen Zeit, be-
wußt oder unbewußt, wurzelt; die andre der Zustand der zeit-
genössischen Sprache, die seit Cicero eine gewaltige Evolution
durchgemacht hatte. Aus dieser Zwiespältigkeit erklärt es sich,
wie falsch es war, die Schriften dieser Periode zum Ausgangs-
punkt zu nehmen: die Irrtümer Havet’s, W. Meyers und auch
de Jonges erklären sich aus dieser unglücklichen Wahl.
Gewiß, wären wir frei in unsrer Wahl — auch Cicero
hätte uns nicht genügt. Die Reden des älteren δύο, oder doch
des Gaius Gracchus hätten die Fundstätten hergeben müssen,
aus denen wir das Material für clauseltechnische Schlüsse ent-
nommen hätten. Nur die Zeit, die cönfringo gleich cölligo
betonte, läßt uns die Parallelisırung der leichten und schweren
Basen hinreichend begreifen; schon Cicero zeigt uns die Tra-
dition im Kampf mit dem Sprachgebrauch der Zeit, es tritt
das Verschiebungsgesetz auf, das uns cönfringo über cönfringo
nach cönfringo und confringo überleitet. Damit ist über die
schweren Ölauseln das Urteil gesprochen: von Cicero zu Pli-
nius, von Plinius zu den Spätlingen sind sie in stetem Schwin-
den begriffen (Entwickelungsgesetz).
Immerhin ist die ciceronianische Technik noch verhältnis-
mäßig einheitlich und rationeill; und da seine Reden für uns
das erste größere Denkmal der römischen Kunstprosa darstellen,
so war eben an ihnen und nirgendwo sonst das System der
Clausellehre zu gewinnen. Das ist in meinem Buche über das
‘Clauselgesetz’ geschehn; die vorliegenden Untersuchungen hatten
ihren Zweck darin, für das dort gewonnene System die histo-
rische Gegenprobe zu liefern. Das bewährte Hilfsmittel der
Statistik musste auch diesmal zur Anwendung kommen; sind
unsre Schlüsse nicht trügerisch, so ist jener Zweck erreicht.
Ist er es aber, so erwächst daraus für die Fachgenossen
die Verpflichtung, sich ihm gegenüber einer größeren Urteils-
strenge zu befleißigen, als es bis jetzt vielfach geschehen ist.
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 459
Meine Untersuchungen über die oratorische Rhythmik sind
durch und durch empirischen Charakters ; ich gehe ganz voraus-
setzungslos zu Werk und lasse die Zahlen reden; meine ryth-
mischen Gesetze sind nichts als in Worte gekleidete Zahlen-
verhältnisse und ebenso unwiderlegbar wie sie. Es ist nun
bezeichnend, daß es Gelehrte englischer Zunge waren, die meinen
Resultaten zuerst Beachtung und Zustimmung zollten: A. Clark
in der Classical Review (1905 Nr. 3, 164—172) und K. Fl.
Smith im American Journal of philology (1905 453—463).
Man sieht, der Geist Bacons und J. St. Mills wirkt und zeugt
weiter. In Deutschland habe ich mit Freude die principielle
Zustimmung des Archegeten auf diesem Gebiete notirt, E.
Norden, sowie gewiegter Ciceronianer, wie L. Gurlitt und Th.
Stangl; auch die längeren Anzeigen Luterbachers und beson-
ders Ammons und Kornitzers fielen ganz oder doch in der
Hauptsache beipflichtend aus. Anderswo freilich war auffälliger
Mangel an Verständnis zu constatiren, so bei Blass, May, Hä-
berlin und Kroll. Bei der Neuheit der Sache ist es geraten
auf ihre Einwände des näheren einzugehen.
Zwar Häberlin gegenüber (Lit. Cbl. 05, Sp. 1434 f.) wird es
schwer fallen: meine Untersuchungen führen ihn in eine „völlig
fremde Welt“, und er muß darum meine Ergebnisse „a limine
abweisen“. Das heißt, ohne Untersuchung; für einen Kritiker
ein seltsames Verfahren. Und warum? Man höre: „Cicero
hat eine übermäßig große Anzahl von Reden ausgearbeitet,
gehalten und veröffentlicht, oft mehrere unmittelbar hinterein-
ander. Wo blieb da für ihn die Zeit, die rhythmische Feile
überall anzulegen? Hat er denn nicht auch einmal reden
dürfen, wie ihm sozusagen der Schnabel gewachsen war?* —
Wie nun, wenn ihm der Schnabel sozusagen rhythmisch ge-
wachsen war?... Doch lassen wir den Scherz; die Sache ist
ernsthaft genug. Mit solchen Einwendungen glaubt H. meine
statistischen Nachweise widerlegen zu können! Das ist nun
wieder für mich eine „völlig fremde Welt“, in der ich um
alles nicht heimisch werden möchte.
Gehn wir zu denjenigen Kritikern über, die sich die Sache
weniger bequem gemacht haben, so ist an erster Stelle Fr.
460 Th. Zielinski,
Blass zu nennen (die Rhythmen der asianischen und römischen
Kunstprosa 1905, 8. 113), dessen versöhnende Eingangsworte
ich mit den gleichen Gefühlen eerwidere. Seiner polemischen
Haltung meinen Ergebnissen gegenüber liegt ein doppeltes
Mißverständnis zu Grunde. Erstens, daß 'er sich das Olausel-
gesetz als angelernte Theorie vorstellt: „sie ist doch wielen
gemeinsam gewesen, genialen und auch ganz mittelmäßigen
Köpfen; dann aber ist sie notwendig auch einfach und faß-
lich gewesen“. Von diesem Standpuncte aus sieht er mit vollem
Recht in meiner Untersuchung „das Aeußerste an unwahr-
scheinlicher Subtilität“. Hier ist eben die Grundvoraussetzung
falsch: das Clauselgesetz ist keine theoretisch angeeignete Ta-
bulatur, sondern ein practisches, unbewußtes Ueben, und Ci-
cero hat das Correspondenz-, Zweikürzen-, S-Gesetz etc. eben-
sowenig gelernt, wie die Gesetze der consecutio temporum und
oratio obliqua, die bekanntlich auch nicht das Ideal von Ein-
fachheit und Faßlichkeit darstellen. Man nehme nur em Bei-
spiel — ein handgreifliches. Wie meine Tabellen mit ihren
überwältigenden Zahlenverhältnissen unwiderleglich lehren, ist
bei Cicero der Procentsatz der strengen Clauseln (vom J. 69 an
bis zum Tode 62% mit ganz geringfügigen Schwankungen)
ein fest normirter; wie mag er das erreicht haben? Hat er
nach Ausarbeitung jeder Rede die „rhythmische Feile ange-
legt“, den Procentsatz ausgerechnet und dann, wenn er etwa
80% betrug — 18% V-Clauseln zu L-, M-, S- und P-Clau-
seln verdorben, wenn er dagegen nur 50% ‘erreichte — dann
12% der andren Classen zu V-Clauseln eingerenkt? Ich denke,
hier läßt sich das automatische des ganzen Vorgangs ad oculos
demonstriren. Die nähere Ausführung muß ich mir hier er-
lassen; ich bitte, sie in dem eignen Aufsatze nachzulesen,
den das ‘Archiv f. ἃ. ges. Psychologie’ 1906 bringt. Aber
zu betonen ist auch hier, daß die Subtilität und Complieirt-
heit, die unsre Untersuchung des Clauselgesetzes auf-
weist, für das Bewußtsein der Uebenden nicht vorhanden
war. Richtig und fein bemerkt Clark (a. ©. 168): A Roman ᾿
‘lisped in numbers, for the numbers came’. Es ist ja freilich
nicht von jedem Philologen zu verlangen, daß er Fechner,
Wundt u. a. studirt habe; allmählich müßte aber die Erkenntnis
un u ee
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 461
‚des Wesens psychologischer Vorgänge soweit durchgesickert
sein, um solche elementare Mißverständnisse unmöglich zu
machen.
Das zweite Mißverständnis meines Kritikers ist, daß er
mir vorwirft, ich sähe die correspondirenden '@lauseln nicht;
ich denke, es genügt, meine Definition des constructiven Rhyth-
mus gleich zu Anfang (S. 6) zu beachten, um sich zu über-
zeugen, daß ich sie sehr gut gesehn habe. Hab’ ich doch
‚auch eine Menge Beispiele gebracht, die jeder leicht finden
kann, wenn er die im Index s. v. ‘constructiver Rhythmus’
angegebenen Seiten nachschlägt. Die Untersuchung über das
Clauselgesetz ist der erste Teil der oratorischen Rhythmik; die
Untersuchung über den constructiven Rhythmus wird den zwei-
ten bilden. Blassens Ausführungen concurriren in keiner Weise
mit dem erschienenen ersten Teil, sie schlagen durchaus in
(diesen zweiten ein; aber freilich, aus den paar Fetzen, die er
analysirt, läßt sich sein System nicht zusammenschneidern, dazu
gehört hier, wie dort, das vollständige Material.
Dasselbe ist auch May (Woch. £. kl. Phil. 1905, 316 £f.)
zu erwidern, der mir gleichfalls den Vorwurf macht, daß ich
den ersten Teil meiner Untersuchung nicht mit dem zweiten
confundirt habe. Daraufhin hält er sich für berechtigt, meine
Gesetze d. ἢ. die tatsächlichen Zahlenverhältnisse, schlankweg
‘abzulehnen’. Mit demselben Recht und Erfolg könnte er das
Einmaleins ‘ablehnen’.
Was Kroll anbelangt (Berl. phil. Wft. 1905, 1659 £.),
so beruht die Hauptmasse seiner Einwendungen auf seiner
eignen falschen Berichterstattung, die ich denn auch in der-
selben Zeitschrift rectificirt habe; hier soll von den übrigen
die Rede sein. Zunächst wirft er mir vor, daß ich nur den
Periodenschluss berücksichtigt habe, nicht auch Kola- und
Satzschlüsse; daß der constructive Rhythmus der Satzschlüsse
von der Periodenclausel verschieden ist, glaubt er mir nicht,
hält daher mein Material für unvollständig. Da wäre ich nun
neugierig, die statistischen Gründe seines Unglaubens zu er-
fahren. Mein ‘unvollständiges’ Material enthält sämmtliche
Periodenschlüsse, rund achtzehntausend Clauseln ; das 'vollstän-
dige’ mit Einschluß der Satzschlüsse und Kola würde rund
402 Th. Zielinski,
hundertundzwanzigtausend umfassen; hat er sie unter Dach
und Fach gebracht? Ich freilich auch noch nicht; aber doch
einen guten Teil. Und da erkläre ich nochmals: die Perioden-
clausel hat ihre Eigenheiten, die von Satzschluß und Kolon
nicht geteilt werden. So ist die Clausel 2 nebst 2 nur im
Periodenschluß eine Cäsurclausel gleich 1, sonst eine Diäresen-
clausel gleich 3. So ist 16 nur im Periodenschluß ein ge-
miedener Typus; im Satzschluß wird er häufiger, im Kolon
sehr häufig. So ist 1? (esse videatur) nur im Periodenschluß
die beliebteste aller ‘erlaubten’ Clauseln, im Satzschluß tritt
sie hinter 1! und 15 zurück, ım Kolon ist sie recht selten.
So ist SQ nur im Periodenschluß eine ganz seltene Qlausel,
im Satzschluß und gar im Kolon ist sie ganz gewöhnlich. Das
genügt doch? Es war daher methodisch ganz richtig, daß
ich die Periodenclausel zunächst für sich betrachtete und für
sie das Material vollständig gab; die andre Methode hätte nur
zur Confusion geführt.
Der zweite Vorwurf betrifft das ‘System kabbalistischer
Zeichen’, durch das ich ‘das Verständnis meiner Schrift arg er-
schwert’ haben soll. ‘Auch solche Philologen, die einen sprö-
den und trockenen Stoff nicht scheuen, werden nicht ohne Ueber-
windung an das Studium von 3!', MS83! herangehn und, am
Schlusse angelangt, die Bedeutung dieser χαρακτῆρες teilweise
bereits wieder vergessen haben’. Das ist nun psychologisch
falsch: das Verständnis meines Zeichensystems wird auf jeder
Seite vorausgesetzt und mit Hilfe der Tabelle, die die Auflösung
gibt und aufgeschlagen danebengehalten werden kann, fortge-
setzt geübt; wie soll es sich da gegen den Schluß verflüch-
tigen? Aber auch abgesehn davon empfinde ich den Vorwurf
als den denkbar ungerechtesten ; jeder einigermaßen ausführliche
kritische Apparat stellt für- einen einzigen Text weit größere
Anforderungen an das Gedächtnis des Lesers, als mein Zei-
chensystem für das ganze Gebiet der prosaischen Rhythmik. Und
was hätte ich denn tun sollen ? Jedesmal das metrische Schema
wiederholen? Man denke sich das etwa in den textkritischen
Partien S. 190 ff. durchgeführt, wo ich jetzt mit einem ‘*V3:
P3’ eine ganze Streitfrage entscheide und damit (weil V ‘be-
vorzugt’ und P ‘verpönt’ bedeutet) viel mehr sage, als wenn
Das Ausleben des Clauselgesetzes. 463
ich —- — = — - πος, — —- oo -- ον schriebe und dem
Leser überließe, über den relativen Wert dieser Schemen selber
schlüssig zu werden. Und wer hat denn in der Clausellehre
gearbeitet, ohne ein Zeichensystem! ‘Aber die andren waren
einfacher’. Aber auch viel weniger umfassend. Man hielt
sich an die häufigsten Clauseln, an die V-Classe; sodann tropften
allmählich einzelne der L-Classe hinzu. Deren sind nun, wie
die Statistik lehrt, 18; das macht mit den 5 der V-Classe 23
und mit 53, die gleichfalls häufig ist, 24; nun, und wenn
man die bezeichnet hat, dann fällt der Rest nicht mehr schwer.
Ich habe an meinem System lange gearbeitet, habe es oft ge-
ändert, so sehr, daß mir meine ursprünglichen Notirungen
fast unverständlich geworden sind; erst nachdem ich über ein
Jahr lang nichts mehr zum Nachbessern gefunden hatte, glaubte
ich es auch den Fachgenossen zur Benutzung empfehlen zu
können. Da darf ich zum mindesteu erwarten, daß der Tadler
mir sagt, wie ich es hätte besser machen sollen.
Die Syllaba anceps in der Diärese (bei V3) soll ein ‘Un-
ding’ sein: warum? Ich postulire ja nichts, ich beweise aus
Zahlenverhältnissen, was ich aufstelle; worin ist der Beweis
Ὁ. 96 ff. unecht? Die prosaische Rbythmik ist für uns ein
neues Gebiet; da ist es doch geratener, vorsichtig tastend vor-
zugehn und die Tore der Erkenntnis offen zu halten, als im
Allwissenheitswahn von vornherein über wahr und falsch ab-
zuurteilen.
Ich soll zur Accentfrage ‘keine klare Stellung genommen
haben’?). Ich pflege überhaupt nicht ‘Stellung zu nehmen’,
sondern zu beweisen; alles, was ich in der Accentfrage be-
ὅ Umgekehrt wirft mir der liebenswürdige Recensent der Revue
eritique (1905 Nr. 51; das Epitheton ist älteren Andenkens) vor, ich
wäre willkürlich von der vorgefassten Meinung einer Identität von
Wortaccent und Clauselictus ausgegangen. Ich gehe von nichts aus
als von den Zahlenverhältnissen; jene Identität ist nicht eine Voraus-
setzung, sondern ein Ergebnis, das S. 225 ff. eben aus Zahlenverhält-
nissen gewonnen wird. Schließlich findet der Kritiker bei mir nur eins
zu loben — mein angebliches Gesetz quand la clausule ne commence
pas avec un mot, m. ΖΦ. observe que la syllabe precedente est br£ve,
si la clausule commence par une longue, et longue, si elle commence
par une breve. Das soll wohl mein Anlaufsgesetz sein; ich habe es
mit Mühe wiedererkannt. Konnte der Kritiker für meine Ausführungen
wirklich nicht mehr Aufmerksamkeit übrig haben ?
464: Th. Zielinski,
weisen zu können glaubte, ist 5. 225 ff. gegeben. Da wird:
zı B: aus: Zahlenverhältnissen bewiesen, daß Cicero: röficerent!
betont hat; das gibt auch Kroll zu. Und genau aus: densel-
ben Zahlenverhältnissen wird bewiesen, daß der: oratorische:
Accent mit dem poetischen identisch gewesen ist; das. soll nun
wieder ‘eine Ungeheuerlichkeit’ sein, ‘welche allein: geeignet
ist, die: Verdienste von Z.’s Arbeit aufzuheben’. Die letztere
Auffassung ist seltsam; m. E. zählen’ in der Wissenschaft nur
die Treffer. Die Hauptsache: hat Kroll’ unerwähnt gelassen:
meine Theorie der Nebenaccente. 19 ἃ [Ὁ sie vorhanden: waren;
konnte kein ohrbegabter Mensch bezweifeln ; wo sie'zu:suchen:
sind, lehrt eben die Clauseltechnik. Aber freilich nur: für den,
der — ich wiederhole es — die Tore der Erkenntnis: freihält;,
nicht für den, der sie durch vorgefaßte Meinungen: und Kraft--
wörter versperrt.
Th. Zielinski.
I. Inhaltsübersicht’).
Seite
I. Die Panegyriker τ. „7...
8:1. Formenstatistik (432). — Uniformität: Cicero ge-
genüber (431). — Verschiebung der Wertclassen (432).
— Zurückgehn der schweren Clauseln (‘Entwickelungs-
gesetz’ 433). — Bevorzugung der weiblichen: Glauseln:
82. Typologie (433). — Uniformität auch darin. —
Typologie von V1 (434). — Anwachsen von 1y auf Ko-
sten. von I: und'lß. Proparoxytonese des Anlaufswortes
in. 1β (‘de Jongesches Anlaufsgesetz’ 434). — Ihre Er-
klärung (436). — Typologie von V2.und.V3. Syllaba
anceps in. V.3: (437),
1) Die folgenden Register sind ganz nach dem Schema des- im
‘Clauselgesetz’ gegebenen entworfen, zu welcher Hauptschrift die vor--
liegende als eine Art Supplement zu betrachten ist. Die Paginirung‘
habe ich diesmal unverändert gelassen, da einige Fachgenossen sich‘
über die Aenderung im ‘Clauselgesetz’ beschwert hatten. Der Vorwurf‘
ist berechtigt. Jetzt wird verschieden eitirt,; je nachdem der Citirende:
Supplementband oder Separatausgabe vor sich hat: Um die Reduc--
tion zu erleichtern, bemerke ich, daß die Differenz 588 beträgt.
8 3.
84.
85.
8 6.
Das Ausleben des Clauselgesetzes.
Die seltenen Clauseln (437). — Die S-Classe.
— Falsche Messungen. — Die M-Ülasse. — Die Clausel
158 (438). — Die P-Olasse (439).
Tonik statt Quantität. — Statistik von Lötr bei
den 3 letzten, Panegyrikern. — Scheinbares Uebermaß
dieser Clauseln (440). — Es sind V3-Clauseln mit to-
nischer Basis (441). —. Statistik der Hauptformen IV,
VIund VIII (442). — Bevorzugung des iambischen Schluß-
wortes. (443). — Ihre. Erklärung aus dem tonischen Prin-
οἱ
τι ARE OR und Grammatisches (444). —
Positio debilis. — S.impura. — Synizese. — Vorsilbe
red-. — Suffix -culum. — Gen. sg. von -ium. — Endvo-
cale ὦ und o (445). — -ri- in fut. ex. und, con). pf. (446).
— Synkopirte Verbalstämme. — Einzelne Wörter.
Elision. (446). Einhaltung normal. — Sonderstellung
von Pan. VII und; VIII. — Abstoßung des s (in.-us) bei
Pan. XI.
1, Cyprian .
8.1,
8.2.
Die Untersuchungen de Jonges. (446).
Formenstatistik (447). — Die Clausel, V 3, (448).
— Ditrochäisch oder kretisch-ditrochäisch? —. Zahlen-
mäßiger Beweis für Cicero. — Für Cyprian (450). —
Widerlegung der de J.’schen Erweiterungstheorie. — Sta-
tistische Tabelle (451). — Uniformität: (452).
Typologie (452). — Statistik für V1, — Ueberein-
stimmung mit den Panegyrikern. — De J.’sches Anlaufs-
gesetz (453). — Statistik für 2 und V3. — Die Form
111 (454). — Scheinbare Bevorzugung von 1'8. — Ihre
Erklärung aus dem tonischen Princip (455). — Der Ty-
pus ΤΎ und das Viersilbengesetz. — Mein ‘Anlaufsge-
setz’ und de J.’s Bedenken gegen seine Erklärung. —
Gegenprobe an Cyprian (456). — Verschwinden aller
Formen und Typen, die bei, Cicero das Viersilbengesetz
zur Voraussetzung haben (457).
Allgemeineres (4517). — Zweispältigkeit der Clausel-
technik. bei, den Spätlingen (458). — Modernität und
classieistische Tradition. — Das clauseltechnische System
nur an Cicero zu gewinnen. — Einwendungen Häberlins.
(459). — Fr. Blass (460), — Mays (461). — Krolls. —
Lejays (463).
I. Clauselnindex.
465
446
434. 452 | Μ1"8 438 V3 433. 437. 453
453 | V2 436. 449. 453. 462 L8! 455 ff.
434. 453 | L2! 455 ff. | S
435 | V2 433. 137. 462 | S2
462 L2! 455 ff. IV
454 ff. V3 436. 448. 453 | VI
433. 454. 462 | L3! 441. 455 ff.| VIII
433 | Lätr 4359| P
437
462
442
443
443
439
466 Register.
III. Sachlicher Index.
Abl. gerund. auf -ndo 445 | Mamertinus 437
Adverbia auf -ὅ 445 | miht, tibr etc. 445
amböo 445 | Nazarius 442
Anlaufsgesetz 455. 463 | Nebenaccente 454. 464
4 de Jongesches 436. 453 | nom. sg. III auf -ὅ 445
Auflösungsgesetz 441 | Pacatus 436. 441. 446
Cicero 434 f. 438. 440. 448 ff. 454 | periclu)lum 444
Claudius Mamertinus 437 | Plinius d. J. 433
Constanzgesetz 460 | Positio debilis 444
constructiver Rhythmus 461 | promiscu(u)s 446
cottidie 448 | Proparoxytonese 434. 441. 450
Cursus 442. 449 Psychologische Grundlage 460
Diäresengesetz 436. 453 | Quintilianus 434
Ditrochäus schließend 448 | rejcio - 446
Elision 446 , relliguus 444
ΚΟ] απρδροβϑὺζ 433. 458 | repperi, rettudi 444
1 Pers. sg. auf -ὃ 445 | -rimus, -ritis 446. 448
Falsche Messungen 437. 439 | s impura 444
fortuito 446 | Syllaba anceps 437. 440. 468
gen. sg. 2): ἢ 444 | Synizese 444
Gesetz ἃ. zwei Accente 486. 450.453 | Tonik 441, 448 f. 450. 458. 455
Gleichgewichtsgesetz 455 | Uniformität 431. 433. 452 f.
Harmoniegesetz 438. 456 | us: uw 446
Hiatus 446 | Viersilbengesetz 438. 456 f. 464
Kretische Basis 448 | Weibliche Clauseln 433
IV. Stellenregister.
Cypr. IV 30 448|Pan. X 20 435 | Pan. XII 10 437
Pan. V 6 8.451 πῆς 229 4857. Ὁ ll Ua 488
KR Barth, δῦ 485 |
DIE PHILOSTRATE
VON
KARL MUENSCHER
Philologus, Supplementband X, viertes Heft 81
Inhaltsübersicht.
1. Der Verfasser der vita Apollonii und der vitae sophistarum . 469
2. Der Verfasser des Heroikos und der Eikones . . . 2. ..49
8. Die Philostrate bei Suida®. . : 2... 20 u esse
Durch die Untersuchungen Bergks (Die Philostrate, in
Th. Bergks Fünf Abhandlungen zur Geschichte der griechi-
schen Philosophie und Astronomie, herausgeg. von G. Hin-
richs, Leipzig 1883, S. 175 ff.), Rohdes (in der Recension dieses
Buches, Götting. gel. Anzeigen 1884, I S. 32 ff.) und Fertigs
(in seiner Würzburger Dissertation de Philostratis sophistis,
Bamberg 1894) schien das Ergebnis gesichert, daß die erhal-
tenen Philostratischen Schriften unter mehrere Träger des
gleichen Namens zu verteilen seien, wenn auch die Zuteilung
im einzelnen noch unsicher blieb!). Dagegen sind Schmid
(im IV. Bande seines Atticismus, Stuttgart 1896, S. 16)
wegen der einheitlichen Sprache und Jüthner (der Verfasser
des Gymnastikos, in der Festschrift für ΤῊ. Gomperz, Wien
1902, S. 225 ff.) wegen der gleichmäßigen gymnastischen Kennt-
nisse, die in den Werken zu Tage treten, geneigt, zur Ansicht
Kaysers, des Herausgebers des Philostratos, von dem einen
Verfasser des Philostratischen Schriftencorpus (abgesehen von
der einen Dialexis, den jüngeren Bildern und vielleicht dem
Nero) zurückzukehren. Es ist daher nicht unnütz, festzustellen,
was wir von den Philostraten wissen und wissen können. Dass
dabei vieles längst Bekannte erwähnt werden muß, ist nicht
zu vermeiden.
1. Der Verfasser der vita Apollonii und der
vitae sophistarum.
In den βίοι σοφιστῶν wird das Werk τὰ ἐς ᾿Απολλώνιον ?)
eitiert: τοῦτο μὲν δὴ (das Liebesverhältnis des Apollonios mit
1) Vgl. Hirzel, Der Dialog II 1895 8. 337 ff. Christ *, Gesch. ἃ. griech.
Litt., S. 752 ff. Aeltere Ansichten stellt Fertig a. a. O. p. ὃ ff. zusammen.
Eine kurze Uebersicht über den Stand der Frage gab Weinberger,
Philol. 57 (1898) S. 335 ff.
?) Ueber den Titel des Apolloniusromans vgl. Leo, Die griech.-röm.
Biographie, Leipzig 1901, S. 261. Apollonios wird in den Bioi noch
31*
470 Karl Münscher,
der schönen Mutter des Sophisten Alexander Peloplaton) ὁπόσοις
τρόποις ἀπίϑανον, εἴρηται σαφῶς Ev τοῖς ἐς ᾿Απολλώνιον (p. 77,5
in Kaysers kleiner Ausg., I 1870. I 71, nach der ich durch-
gehends citiere, vgl. v. Ap. p. 13,4 sqq., auch 252, 24 sqq. und
217/8). Der Schluß auf den einen Verfasser der beiden
Schriften ist schon längst aus dieser Anführung gezogen wor-
den. Bereits in der Epitome Vaticana der v. soph. (ed. Kayser,
Heidelberg 1838, p. XIII sqq.; cod. Vatic. 96, saec. XII) ist
dem Titel Φιλοστράτου βίοι σοφιστῶν die Bemerkung beigefügt
(p. XXVII Kays.): τούτου τοῦ Φιλοστράτου ἔοικεν εἶναι χαὲ
τὰ ἐς τὸν Τυανέα ᾿Απολλώνιον " ἐν τούτῳ γὰρ τῷ βιβλίῳ μέμνηται
τῶν εἰς τὸν Τυανέα 6 Φιλόστρατος. Eunapios führt im An-
fange seiner Sophistenbioi (p. 454, 10 und 21 der Didotausg.
von Boissonade) beide Werke seines Vorgängers an: er nennt
ihn Φιλόστρατος ὃ Λήμνιος °).
Den Sophistenbiographien geht ein Widmungsbrief voran
an Antonius Gordianus; der Verfasser nennt sich darin selbst
Flavios Philostratos. Seine Herkunft aus Lemnos, die uns
Eunapios a. a. Ὁ. und anderweitige Anführungen bestätigen *),
ergiebt sich mit Sicherheit aus v. Ap. 6, 27 p. 242, 24, wo
er eine fabelhafte Geschichte mit den Worten einleitet: οἶδα
γὰρ χατὰ τὴν Λῆμνον τῶν ἐμαυτοῦ τινα ἰσηλίκων οὗ χτξ, Den
Örtsangehörigen läßt auch die genaue Lokalangabe bei der Er-
zählung eines in Lemnos geschehenen Unglücksfalles v. soph.
erwähnt p. 7, 20 und 35, 6. — Daß es unmöglich ist, bei Behandlung
der Philostratfrage von Suidas auszugehen, hat schon Schmid a. a. O.
S. 2 hervorgehoben.
®) Nach Suidas wiesen ‘einige’ die Bioi (getrennt von der v. Ap.)
einem jüngeren Phil. zu. Die Ansicht älterer Philologen (vgl. Fertig
p. 8), daß beide Werke zu trennen seien, hat noch Heyne vertreten
(Fertig p. 10) und später noch der Theologe Baur, Apollonius von Tyana
und Christus, im Sonderabdruck (aus der Tübinger Ztschr. f. Theologie),
Tübingen 1332, 5, 125 Anm. —=Baur, Drei Abhdlgn. z. Gesch. d. alten
Philosophie u. 5. w., herausgeg. v. Zeller, Leipzig 1876, 8. 122.
*) Synesius, Dio ec. 1 (in Arnims Dio II p. 313, 36) und de insom-
niis p. 155 Ὁ; hier heißt der Verfasser der Bioi (die p. 86, 31 genannten
ἐφημερίδες werden erwähnt) einfach ὃ Λήμνιος σοφιστής, ohne daß der
Name genannt wird; ebenso nennt Suidas 8. v. Apollonius Tyaneus.
und Krates (Kynikos) den Verfasser der v. Ap., Suidas s. v. Hermogenes
und Michael Apostoles in der Subscriptio cod. Paris. (Mitte saec, XV.,
vgl. Kaysers gr. Ausg. praef. v. soph. p. II Anm. 7) den der v. soph.
Vgl. auch Suidas s. v. σοφιστής, dazu Bergks Aenderung a. ἃ. O. 8. 176
Anm. 1 a. EE — Die lemnische Abkunft des Flavios Phil. bestritt
Weinberger a. a. O., dagegen Schmid, Philol. 57 (1898) 8. 508.
Die Philostrate. 471
p- 28, 28 sgq. περὶ τὸ χαλούμενον Kepas τῆς νήσου, τὸ δὲ
χωρίον τοῦτο λιμήν ἐστιν ἐς χεραίας ἐπιστρέφων λεπτάς ὅ) er-
kennen. ‚Jener Widmungsbrief liefert den terminus post quem
für die Abfassung der Bio. Die wechselnde Anrede des
Adressaten, der erst λαμπρότατος ὕπατος, dann ἄριστε Avdund-
τῶν genannt wird, lehrt (s. Kayser v. soph. Heidelb. 1838
p- XXVI und große Ausg., Zürich 1844, praef. d. v. soph.
p. 1), daß das zweite Consulat des älteren Gordianus, das er
mit Severus Alexander im Jahre 229/30 bekleidete, verflossen
und ‘die Dedikation des Buches während des dem Consulate
unmittelbar folgenden Proconsulates in Afrika (Capitol. Gord.
2,4. 4,1. 5,1) erfolgt ist. Die Abfassung der Bioi wegen
jenes Schwankens in der Anrede geradezu in die Jahre 230/1
zu verlegen, wie das F. Rudolph, de fontibus, quibus Aelianus
in varia historia componenda usus sit, Leipziger Studien z. kl.
Phil. VI 1884, p. 4 sq., getan und auch Fertig a. a. Ὁ. p. 19
gebilligt hat, wäre voreilig. Auch Kaysers Annahme, die Bioi
seien noch zu Lebzeiten des Kaisers Severus Alexander, also
vor 234 geschrieben, entbehrt sicherer Begründung. Sie ruht
auf der Angabe Philostrats (v. soph. p. 125, 29), der Sophist
Aspasios (über ihn unten $. 509) habe βασιλεῖ τε ξυνὼν καὶ καϑ'
ἑαυτὸν μεταβαίνων viele Länder gesehen. Weder beweist der
Ausdruck, daß der betr. Kaiser noch am Leben sein müsse,
noch ist damit Alexander Severus gemeint, der als Knabe den
Thron bestieg und erst in seinen letzten Regierungsjahren
gegen Persien und an den Rhein zog, sondern Antoninus Cara-
calla‘°). Nach Antipatros, der bald nach Caracallas Regie-
rungsantritt starb (s. 5. 475), nennt Phil. nur noch Aspasios
(p- 126, 21) als Inhaber des Amtes ab epistulis Graecis (Dessau,
Inscr. Lat. sel. I 1666 ff. Suet. Claud. 28, ἐπὶ τῶν Ἑλληνικῶν ἀπο-
5) Vielleicht = der Kerosbucht an der Ostküste von Limnos, s. die
Skizze auf Tafel I bei Conze, Reise auf d. Inseln des thrak. Meeres,
Hannover 1860.
°) An Alexander bei der Philostratstelle zu denken, war Kayser,
wie Clinton, Fasti Rom. I 1845 p. 255, veranlaßt durch den Text des
Olearius βασιλεῖ τε ξυνὼν ᾿Αλεξάνδρῳ καὶ ἑτέροις, dem die hdschr. Be-
glaubigung fehlt. Auch Klebs, Prosopogr. imp. Rom. I p. 169 folgt
dieser Annahme. W. Schmid im Artikel Aspasios bei Pauly-Wissowa U
1723 umgeht die Frage, welcher Kaiser gemeint sei. Das richtige steht
schon bei Westermann, de epistularum scriptoribus gr. I, Leipzig 1851,
p- 8
479 Karl Münscher,
χριμάτων Paton-Hicks, The inscriptions of Kos, 1891, 345, 4).
Also ist dieser der von Caracalla erwählte Nachfolger Anti-
paters gewesen, da Nichtbesetzung des Amtes unter Cara-
calla nicht anzunehmen ist, ebensowenig, daß Philostrat den
Inhaber der Stellung, der damals stets ein Sophist war, nicht
genannt habe. Im Gefolge Caracallas, von dessen weiten Zügen
wir noch sprechen werden, hat Aspasios viele Länder besucht,
wenn er auch das Amt des ἐπιστολεύς noch unter Caraxallas
Nachfolgern (Suidas sagt deshalb von ihm γεγονὼς ἐπὶ ’Ade-
ξάνδρου tod Μαμαίας), behielt und den Lehrstuhl für Rhetorik
zu Rom noch in hohem Alter mit Zähigkeit behauptete
(s. 5. 509). So bleibt der einzige sichere terminus ad quem
für die Abfassung der Bioi das Frühjahr 238, in dem der
Proconsul Gordian als achtzigjähriger Greis den Purpur anzu-
nehmen sich gezwungen sah und kurze Zeit darauf durch
Selbstmord endete. Immerhin legt jenes Schwanken in der
Anrede seines Gönners bei Philostrat die Vermutung nahe,
daß das Consulat Gordians noch nicht lange zurücklag 7).
Philostratos vermeidet zwar in den Sophistenbioi absicht-
lich chronologische Angaben, doch reiht er die Vertreter der
zweiten Sophistik im großen und ganzen in zeitlicher Abfolge
aneinander (vgl. Perizonius, praef. zum Aelian p. XX der Ausg.
der var. hist. v. C. @. Kuehn I, Leipzig 1780); die jeweilige
Besetzung der rhetorischen Lehrstühle zu Athen und Rom so-
wie die Berufungen zum Amte eines kaiserlichen Sekretärs
boten dafür bequeme Anhaltspunkte. Je näher Phil. in seiner
Darstellung seiner eigenen Zeit und dem Ende seines Werkes
kommt, um so mehr dürfen wir erwarten, daß er mündlich
Erfahrenes, eigene oder fremde Erinnerungen zur Ergänzung
des ihm schriftlich vorliegenden Materials benutzt und uns da-
durch zugleich Nachrichten über sein eigenes Leben über-
mittelt 8).
Im ersten Buche der Bioi beruft sich Phil. nur einmal auf
”) Jüthner a. a. O. läßt die v. soph. 239 geschrieben sein, weil
Clinton, Fasti Rom. 11845 p. 255 das Leben Phil.s unter diesem Jahre
behandelt! |
8) Vgl. Leo, a. a. O. S. 254 ff. Die Skepsis, mit der Leo (8. 257) die
Berufungen Phil.s auf Zeitgenossen betrachtet, kann ich nicht teilen.
S. unten 5. 494.
Die Philostrate. 473
einen Zeitgenossen als Gewährsmann. Ein gewisser Aristaios
soll ihm von der Begegnung des zur Zeit Hadrians blühenden
Sophisten Dionysios aus Milet mit Polemo erzählt haben; um
Zweifeln an der Möglichkeit solchen Berichtes zu begegnen,
sagt er (p. 37,17): ᾿Αρισταίου... πρεσβυτάτου τῶν κατ᾽ ἐμὲ
Ἑλλήνων χαὶ πλεῖστα ὑπὲρ σοφιστῶν εἰδότος. Häufiger sind
die Berufungen auf Augenzeugen im zweiten Buche. Eine
Notiz über Herodes Atticus verdankt er einem Athener Ktesi-
demos (p. 60,12). Ueber Aristides und Adrianos hat er von
ihrem Schüler Damianos Kunde (p. 87,20. 88,20. 107, 24
— 30). Zweimal beruft sich Phil. auf die πρεσβύτεροι (p. 74,8
und 84,27). Wen wir darunter zu verstehen haben, lehrt
p. 90,2, wo er statt dessen sagt: ὡς... τῶν ἐμαυτοῦ διδασ-
χάλων ἤχουον.
Phil. wird die damals übliche dreistufige (vgl. Apul. Flor.
20 p. 97) höhere Schulbildung genossen haben. Die beiden
'ersten Stufen, den Elementarunterricht beim γραμματιστῆς
(litterator) und die Schule des γραμματικός hat er vielleicht
noch in Lemnos, seiner engeren Heimat, absolviert, vielleicht
schon in Athen, wo schon sein Vater, wie wir sehen werden,
als Sophist und Litterat sich einen Namen gemacht hatte. Daß
er dem rhetorischen Universitätsstudium zunächst zu Athen ob-
lag, wo seit Marc Aurel wie in Rom Professoren mit kaiser-
licher Besoldung neben den aus der Stadtkasse bezahlten Rhe-
torik docierten, war für ihn als geborenen Lemnier selbstver-
ständlich. Bildete doch Lemnos vereint mit Imbros und Skyros
noch in der Kaiserzeit wie in der langen Zeit seit dem Königs-
frieden 5) den hauptsächlichsten auswärtigen Besitz der Stadt
Athen. Die Lemnier steuerten nach Athen (Vitr. 7, 7,2);
wie die Kleruchen, die einst zur Besiedelung entsandt wurden,
im Verbande ihrer athenischen Demen und Phylen geblieben
waren, gehörten auch damals die Lemnier zur Bürgerschaft
Athens!®). Die Zeugnisse dafür, daß auch die Familie der
9) Allerdings mit einigen Unterbrechungen, vgl. U. Köhler, Ueber
den auswärtigen Besitzstand Athens im Il. Jahrh., Mittlgn. des d. arch.
Inst. in Athen I 1876 S. 257—268; dazu 83. Shebelew, zur Gesch. v.
Lemnos, Beitr. z. alt. Gesch. her. v. Lehmann II 1902, S. 36—44.
a ΝΣ Böckh, Staatshaushaltg. ἃ. Athener, 3. Aufl. v. Fränkel I
S. 508.
474 Karl Münscher,
Philostrate athenisches Bürgerrecht besaß, werden uns noch
später begegnen.
Proklos von Naukratis bezeichnet Phil. ausdrücklich als
seinen Lehrer (p. 104,27). Sein “Wir’bericht (p. 116, 21) über
die Entgegnung des Larissäers Hippodromos auf Proklos’
Schmähschrift gegen alle Sophisten läßt uns in diesem einen
zweiten Lehrer Phil.s erkennen. Beide gehörten durch ihre
Lehrer Chrestos und Adrianos der ausgebreiteten und be-
rühmtesten Schule der Sophistik, der des Herodes an. Proklos
lebte noch mehr als 90 Jahre alt (p. 106, 16) mit ungeschwäch-
ter Gedächtniskraft, als Phil. seine Bioi schrieb (sonst würde
eine Nachricht über Tod oder Grabstätte nicht fehlen); er
war also um 140 geboren. Hippodromos, der Sohn des reich-
sten thessalischen Pferdezüchters jener Zeit, vier Jahre lang
Inhaber des kaiserlichen Lehrstuhls für Sophistik in Athen
(p. 117, 21), zweimal der Leiter der pythischen Spiele (p. 115, 21)
als λλαδάρχης τῶν ᾿Αμφικτυόνων, davon einmal zur Zeit der
Belagerung von Byzanz durch Septimius Severus, also der
Pythien des Jahres 195 (Clinton, Fasti Rom. I p. 197), trat
noch im Jahre 213 neben seinem Schüler, dem jüngeren Phil.,
dem ‚Lemnier‘ (8. unten 8. 494£.), in Olympia mit einer Epideixis
auf: er starb 7Ojährig (p. 120,4), also fällt seine Geburt
. aach 143 und wahrscheinlich eine beträchtliche Reihe von
Jahren später, da Phil. ihm gegenüber den Proklos als zpe-
σβύτερος (p. 116,26) bezeichnet. Damit rückt der Beginn seiner
Lehrtätigkeit in das letzte Viertel des II. Jhhs.
Als dritten Lehrer Phil.s dürfen wir (p. 109, 2 Ὀλυμπι-
κούς τε ἡμῖν Scher καὶ Παναϑιηναϊκούς) Antipatros aus Hiera-
polis in Syrien betrachten !). Zu Athen in der Sophistik
durch Adrianos und Polydeukes, die beide den #pövos inne
hatten, in der technischen Rhetorik durch Zeno '?) gebildet
11) V, soph. II 24. Der Satz p. 109, 20 χαὶ ϑεῶν διδάσχαλον ἔκα-
λοῦμεν αὐτὸν ἐν τοῖς ἐπαίνοις τῆς ἀκροάσεως bezieht sich auf Vorträge
Antipaters, die er als Glied des kaiserlichen Hofstaates gehalten und
Phil. als solches gehört bat, nicht auf die Studienzeit Phil.s.
12) Zeno wird als rhetorischer Theoretiker (kein σοφιστής) von Phil.
nicht behandelt. Vgl. Syrian. in Hermog. rn. στάσ. p. 60, 11 R,, π. ἰδ.
p. 13, 9 (ὁπομνήματα τῶν Δηῃμοσϑενικῶν λόγων). Walz, rhet. gr. VI p. 21,3.
111, 27 u. a. Ihn meint Suidas s. v. Ζήνων Kıreög; der Zusatz ruht
auf Verwechselung mit dem alten Zeno, der auch über Rhetorik ge-
Die Philostrate. 475
(p. 108, 28 sqgq.), wurde dieser der Laufbahn des sophistischen
Docenten durch seine Berufung an den Hof des Septimius
Deverus entzogen. Seine syrische Abkunft wird dabei nicht
ohne Einfluss gewesen sein; finden wir doch an Severus’ Hofe
in den höchsten Stellen vorwiegend Volksgenossen der aus
Syrien stammenden Kaiserin Julia Domna. Antipatros wurde
‘der Leiter der griechischen Kanzlei des Kaisers, wurde der
Erzieher der kaiserlichen Söhne Bassianus und Geta, erhielt
das Consulat und war kurze Zeit Statthalter von Bithynien 15).
Er gehörte zu den vertrautesten Freunden des Kaiserhauses ;
der Hofarzt Galen (de theriaca 2 tom. XIV ed. Kuehn, Leipz.
1827, p. 218) weiß zu rühmen, wie fürsorglich Severus auf
das Wohl seines Antipatros bedacht war. Zum Danke für
die ihm erwiesenen Ehren unternahm dieser es, die Taten des
Kaisers als Geschichtsschreiber zu verherrlichen (p. 109, 3).
Als nach Severus’ Tode Caracalla seinen Bruder Geta in den
Armen seiner Mutter hatte ermorden lassen, erregte eine einiger-
maßen freimütige Aeußerung Antipaters Caracallas Verdacht
und Zorn: Antipater gab sich deshalb, wie es scheint, selbst
den Tod durch Erhungern 1). Man darf vermuten, daß er
noch 212 starb, 68jährig; seine Geburt fällt demnach ins
Jahr 144 15).
Die Zeit, da Phil. bei Antipatros studierte, muß vor dessen
Eintritt in das höfische Amt liegen. Dafür haben wir einen
terminus ante quem. Antipatros’ häßliche Tochter ward mit
dem jungen Sophisten Hermokrates vermählt, doch wurde der
schrieben hatte (Striller, de Stoicorum stud. rhet., Bresl. phil. Abhdlgn.
I 2, 1886 p. 5—7) und noch in der späteren rhetorischen Litteratur
eitiert wurde (v. Arnim, Stoicorum veterum fragmenta 1 1905 fr. 74—84).
Andere Rhetoren dieses Namens bei Strabo 12, 8, 16 p. 578. 14, 2, 24
p- 660. Sulp. Vict. rhet. p. 313, 3. — Ueber eine rhetorische Schrift
Antipaters s. unten S. 539.
13) Von dieser Stellung wurde er bald wieder enthoben, δόξας ἕτοι-
μότερον χρῆσϑαι τῷ ξίφει sagt Phil. p. 109, 15, was man (vgl. Duruy,
Gesch. ἃ. röm. Kaiserreichs, übers. von Hertzberg, IV 1888, 5, 265) auf
übereilte Todesurteile gegen Christen deutet.
14). So interpretiert Kayser, Heidelb. Ausg. p. 369, wohl richtig Phil.s
umschreibende Worte p. 109, 18 λέγεται δὲ ἀποθανεῖν καρτερίᾳ μᾶλλον ἢ
γόσῳ. Den Inhalt des verhängnisvollen Schriftstücks skizziert Phil.
p. 109, 23 sqq.
15) Vgl. W. Schmids Artikel Antipatros bei Pauly-Wissowa I 2517.
4706 Karl Münscher,
widerwillige Bräutigam nur durch den Einfluß des Kaisers zum
Eingehen der bald wieder gelösten Ehe bewogen, und zwar
zur Zeit als das kaiserliche Hoflager sich im Orient befand
(p- 111,11). Ob der frühere (194—196) oder der spätere
(197—201) Orientzug des Severus gemeint ist, läßt Phil.s
jeder Genauigkeit abholde Ausdrucksweise nicht erkennen:
aber vor 197 oder bereits vor 194 war demnach Antipatros
kaiserlicher ἐπιστολεύς geworden !°).
Die Studienzeit Phil.s wird demgemäß in das Ende der
80er oder den Beginn der 90er Jahre fallen; sie weiter zu-
rück zu verlegen, hindert uns die Nachricht des Suidas (s.
unten S. 516), daß er ἕως Φιλίππου (244—49) gelebt habe.
Nehmen wir an — ein hohes Alter war ihm offenbar be-
schieden —, er sei etwa 75—80 Jahre alt geworden, so fiele
sein 20. Lebensjahr, das er bei Beginn seiner akademischen
Studien eher noch nicht erreicht als überschritten hatte !7),
zwischen 184 und 194.
Schließlich müssen wir der Reihe der Lehrer Phil.s noch
den schon erwähnten Ephesier Damianos anfügen 18). Von ihm
erklärt Phil. seine Nachrichten über Aristides und Adrianos
zu haben (p. 107,29), und im Leben des Adrianos sagt er
(p. 90,1): ὡς... τῶν ἐμαυτοῦ διδασχάλων Nxovov: vor allen
gehört folglich Damianos zu diesen. So spricht denn Phil.
auch von einer dreifachen ξυνουσία (p. 108, 19), die ihm Da-
mian gewährt habe, wobei es unklar bleibt, ob wir darunter
eine dreimalige Unterbrechung seiner athenischen Studienzeit
verstehen sollen, oder ob — was doch wohl wahrscheinlicher
16) Kayser, gr. Ausg. praef. p. VII (dem z. B. Göttsching, Apollonius
von Tyana, Diss. Leipzig 1889, 5. 54 folgt) läßt Antipater sein Amt
als ἐπιστολεύς 197 antreten; wodurch gerade dieses Jahr bestimmt sein
soll, weiß ich nicht. Hertzberg, Gesch. Griechenlands unter d. Herr-
schaft ἃ, Römer, III (1375) 5. 19 sagt, Antip. habe die griech. Kanzlei
‘namentlich seit dem J. 198 (ja vielleicht schon seit 196)’ geleitet.
Schmid läßt die Frage unberührt.
17) Die rhetorischen Studien wurden meist in sehr jungen Jahren
begonnen; ich erinnere nur an das Wunderkind Hermogenes, das 15-
jährig ein berühmter Sophist war (v. soph. p. 83, 4), an den ‘Lemnier’
Phil, der 22jährig in Olympia auftrat (8. unten $. 499). — Bergk
a. a. O. S. 179 läßt Phil. etwa um 171, Clinton, F. R. Ip. 257 (zu spät)
um 181 geboren sein.
18) In der Aufzählung der Lehrer Phil.s wird er überall (z. B.
Kayser, gr. Ausg. praef. p. III u. s.) übergangen.
Die Philostrate. 477
— wenigstens die beiden letzten ξυνουσίαι als kürzere Besuche
in der späteren Lebenszeit Phil.s anzusehen sind.
Das für den weiteren Verlauf seines Lebens entscheidende
Ereignis war Phil.s Eintritt in den gelehrten Hofstaat der
Kaiserin Julia Domna, der Gemahlin des Septimius Severus.
Cassius Dio (75, 15, 7. Xiphilin. p. 313, 15. Suidas 5. v.
᾿Ιουλία Αὐγούστα) berichtet von den Verdächtigungen, mit
denen Plautianus, der Gardepräfekt, lange Zeit der Günstling
und παραδυναστεύων τῷ Σεβήρῳ (Xiphilin. p. 311, 30), die
Kaiserin verfolgt habe, und bringt mit diesen Intriguen die
Beschäftigung Julias mit der Philosophie in ursächlichen Zu-
sammenhang. Wie dem auch sei, die ebenso schöne?) als
geistvolle Frau hat einen Kreis von gebildeten Männern
um sich versammelt, in dem ein reger Gedankenaustausch
über die damals die Welt bewegenden litterarischen, wissen-
schaftlichen und vor allem auch religiösen Fragen stattfand.
Dio (Xiphilin. a. a. Ὁ.) spricht von σοφισταί, mit denen sie ver-
kehrt habe, Phil. bezeichnet den Hofstaat der Kaiserin als
einen xÖxAos (v. Ap. p. 4, 2—3), in dem γεωμέτραι (4. h. Astro-
logen, vgl. Manetho 4, 128 sq. 210. Maass, Die Tagesgötter
1902, Kap. 1,7) und φιλόσοφοι (darunter versteht er natür-
lich vor allen die Sophisten) vereinigt gewesen seien (v. soph.
p. 121, 26), aus dem Tzetzes, Chiliad. 6, 306, einen χορὸς
ῥητόρων τε χαὶ τῶν γραμματευόντων macht. Phil. belegt Julia
mit dem Ehrennamen ἣ φιλόσοφος (vgl. auch unten 5. 537) und
rühmt von ihr, sie habe für alle ῥδητορικοὶ λόγοι Interesse ge-
habt. Papinian und neben ihm Ulpian und Paulus, die großen
Juristen, Cassius Dio und Marius Maximus, die Historiker,
Serenus Sammonicus und Galenos, die Mediciner, Gordianus
und ÖOppianos, die Dichter, Aspasios, Antipatros, Ailianos,
Philostratos, die Sophisten, können wir als Glieder dieses
glänzenden Hofstaates namhaft machen: Duruy (a. a. Ὁ. S. 129)
schließt seine anmutige Schilderung dieses Kreises, dem auch
19) Bernouilli, Röm. Ikonographie II 3 (1894) 8. 35—47, dazu Taf.
XVI-XIX; der zweifelhafte Kopf der Münchner Glyptothek (Bernouilli
S. 45, Taf. XIX) in Furtwänglers Beschreibung {!900) Nr. 354; 100
Tafeln nach den Bildwerken der Glyptothek (1903), Taf. 76. Wie ihre
Toilettenkünste sogar auf ihre Statuen übertragen sind, hebt Ilberg
hervor (Aus Galens Praxis, Leipzig 1905, Κ΄. 29).
478 Karl Münscher,
der Kaiser selbst nicht fernblieb, mit dem Bemerken, man
werde unwillkürlich an die italienischen Fürstenhöfe der Re-
naissance erinnert.
Wann Phil. in diesen Kreis um Julia Domna eingetreten
ist, läßt sich nicht mit völliger Sicherheit feststellen. 196/7
befand er sich jedenfalls noch nicht in den Hofkreisen: von
dem Wettkampfe, den der Kaiser in einem dieser Jahre in
Rom zwischen dem Sophisten Apollonios, dem Abgesandten
Athens, und dessen Rivalen, dem Lykier Herakleides veran-
staltete, kann Phil. nur von Hörensagen berichten 39). Daß
er während des zweiten großen ÖOrientzuges des Severus an
den Hof gekommen sei, ist, wenn auch nicht unmöglich —
Julia Domna residierte zumeist wohl in Antiocheia — doch
wenig wahrscheinlich. Dagegen spricht, wie mir scheint,
folgende Erwägung: 199 ging Severus nach Afrika und be-
suchte zunächst das Wunderland Aegypten bis hinauf nach
Aethiopien, weniger aus politischen Rücksichten als aus Wiß-
begier. Sein Leben lang erinnerte er sich mit Vergnügen an
diese Reise, die ihm die Kenntnis so vieler Merkwürdigkeiten
der Natur wie seltsamer Religionsgebräuche und wunderbarer
Bauwerke verschafft hatte (Spart. Sept. Sev. 17,4. Xiphilin.
75, 13,1—2, p. 331). Julia war die treue Begleiterin ihres
Gatten auf seinen Feldzügen (mater castrorum heißt sie un-
zählige Male); daß sie ihn auch auf dieser friedlichen Fahrt
begleitet hat, ist zwar, so viel ich sehe, nirgends bezeugt,
aber sicher zu vermuten 3). Auch dort in Aegypten wird sie,
wie sonst auf ihren Reisen, ihren litterarischen χύχλος um sich
gehabt haben, und indirekt wird dies durch eine Stelle der
0) V. soph. p. 113, 30 φα σὶν αὐτὸν σχεδίου λόγου ἐχπεσεῖν. Vgl.
p. 103, 21 sqq. Diese πρεσβεία des Apollonios nach Rom fand vor Severus’
zweitem ÖOrientzuge statt (p. 103, 27), also 196 oder 197 (vor oder nach
dem Entscheidungskampfe mit Clodius Albinus in Gallien). p. 114, 7
nennt Phil. als Grund für den Misserfolg des Herakleides auch sein
Mißtrauen gegen Antipatros, folglich war dieser damals schon am Hofe;
das stimmt zu obigem Versuche, seinen Amtsantrıtt zeitlich zu fixieren.
1) A. de Ceuleneer, Essai sur la vie et le regne de Septime Severe,
Bruxelles 1880, S. 125 und Re&ville, Die Religion zu Rom unter den
Severern, übers. v. G. Krüger, Leipzig 1888, 8. 191 lassen Julia und
Caracalla den Severus nach Aegypten begleiten; als ein Zeugnis dafür
kann die Inschrift, die die Neueröffnung von Steinbrüchen bei Philae
im J. 203 preist (C. J. L. III 75), wohl kaum gelten.
“αὐ ED, FIR
nun
Die Philostrate. 479
v. soph. (p. 103, 28) bestätigt, an der vom Aufenthalt des
Kaisers in ‘Libyen’???) gesagt wird: ἐχεῖ xal τὰς ἐξ ἁπάσης γῆς
ἀρετὰς συνῆγεν. Phil. aber war damals wohl noch nicht am
Hofe, da er nirgends persönliche Kenntnis Aegyptens zeigt,
die er z. B. bei Schilderung der Reise des Apollonius zu den
Gymnosophisten bequem hätte verwerten können 339). Damit
wird es wahrscheinlich, daß er bei Hofe — vielleicht durch
seinen Lehrer Antipatros — erst in den Jahren nach 202 ein-
geführt worden ist, in denen Severus nach Niederwerfung
seiner beiden Rivalen und den gewaltigsten Feldzügen im
Osten und Westen des Reichs in Ruhe zu Rom regierte.
Am Schlusse der 'v. Ap. erklärt Phil, er habe nirgends
ein Grab des Apollonius angetroffen, χαίτοι τῆς γῆς, ὁπόση
ἐστίν, ἐπελϑὼν πλείστην. Von jeher hat man mit Recht diesen
Ausdruck dahin gedeutet, daß Phil. hauptsächlich im Gefolge
der Kaiserin Julia seine Länderkenntnis erworben habe. Da-
bei ist zu berücksichtigen, dass Julia auch nach Severus’ Tode
ihren fürstlichen Hofstaat beibehielt. Sie gewann bei Cara-
callas Abneigung gegen die Regierungsgeschäfte erhöhten Ein-
Aluß; sie hat auch ihren Sohn auf seinen Zügen begleitet, sie
239) Darunter versteht Phil. hier Afrika einschließlich Aegypten,
das man sonst gewöhnlich, wie v. Wilamowitz-Moellendorff, Die Text-
geschichte d. gr. Bukoliker, 1906, S. 163 bemerkt, nicht zu Libyen rechnet.
>») Seine Beschreibnng des Memnonskolosses als eines unlädirten
Bildwerkes (v. Ap. 6,4 p. 208,3 sqq.; vgl. im allgemeinen Drexler bei
Roscher, Mythol. Lex. II 2, 2661 ff.) erweckt durchaus nicht den Ein-
druck, als habe er es jemals gesehen. Daß aber der Memnon an dieser
Stelle wie auch Imag. 1, 7 p. 305, 20 und Heroik. p. 168, 2 als der
‘klingende’ behandelt wird, ist für keins der Werke chronologisch ver-
wendbar (vgl. Schmid, Philol. 57, 1898, 5. 504 gegen Re£ville a. a. 0.
5. 202 Anm. 3). Die Restauration des Kolosses, die man seit Letronnes
Abhandlg. (la statue vocale de Memnon, Paris 1833; vgl. Mommsen,
C. J. L. ΠῚ p. 9) als ein Werk des Severus betrachtet, das er während
seines ägyptischen Aufenthaltes anordnete, nahm jedenfalls Jahre in
Anspruch, und noch mehr Zeit mußte vergehen, ehe man zu der Ueber-
zeugung gelangte, daß seit der Restauration wider alles Erwarten der
Memnon verstummt, in Wahrheit das natürliche Phänomen unmöglich
geworden sei. Daß auch Kallistratos in seinen Ekphrasen, die sicher
nach dem Werk des jüngsten der Philostrate, wahrscheinlich im IV.
Jhh. geschrieben sind (vgl. Schenkl-Reisch, praef. p. XXII sq.), die
Memnonstatue ruhig als die ‘tönende’ behandelt (am Schluß von Ekphr.
1 und in Nr. 9), erweckt nicht eben großes Vertrauen zur fides des
Verfassers, für die die neusten Herausgeber (p. XLVIII sqq.) nach an-
deren so energisch eintreten. Einen Μέμνων hatte Dio geschrieben,
den Synesios im Dio (p. 318 Arnim) zweimal neben der Τεμπῶν φράσις
(vgl. Aelian, v. hist. 3, 1) erwähnt.
480 ; Karl Münscher,
hat mit Klugheit und Energie an seiner Stelle tatsächlich das
Reich regiert. — 208 trat Severus seinen letzten Feldzug nach
Britannien an, Julia begleitete ihn (Herodian 3, 15,6. Dio
C. 76, 16,5). Auf Phil.s Teilnahme an dieser Expedition
läßt vielleicht seine Angabe (v. Ap. p. 166, 9) schließen, er
habe Ebbe und Flut des Oceans, über dessen Entstehung eine
Theorie, angeblich des Apollonios, mitgeteilt wird, περὶ Ker-
τοὺς gesehen. — Aus dem Beginn der Regierungszeit Cara-
callas (212) erzählt Phil. als Augenzeuge die für die Stellung
Julias und ihres Kreises zum neuen Kaiser überaus charak-
teristische Geschichte vom Auftreten des thessalischen Rhetors
Philiskos, eines Verwandten des Hippodromos, vor dem kaiser-
lichen Gerichtshofe zu Rom ??). — Ende des Jahres 212 ging ᾿
Caracalla nach Gallien; die Kaiserin-Mutter und ihr litterari-
scher Hofstaat befanden sich dort im Lager, als der Sophist
Heliodoros erschien, ein Araber, als Vertreter seiner Heimat
ans Kaisergericht gesandt. Hatte den Philiskos sein Mißerfolg
vor dem Kaiser die Abgabenfreiheit gekostet 35) (nur die athe-
nische Professur hatte er behalten), so gewann Heliodoros zum
größten Aerger der zünftigen Sophisten des Kaisers Gunst,
Ritterwürde für sich und seine Kinder und die erste Stelle
eines kaiserlichen Anwalts in Rom 2°). — Nachdem er zu
Pergamon bei Asklepios Heilung gesucht, zu Ilion als neuer
Alexander dem Achill gehuldigt hatte, brachte Caracalla den
Winter 214/5 in Nikomedeia an der Propontis zu, mit mili-
tärıschen Rüstungen zum Partherfeldzuge beschäftigt. Die
Regierungsgeschäfte überließ er seiner Mutter, ihr Name stand
neben dem des Kaisers auf den Erlassen an den Senat. Trotz
dieser Geschäfte, so erzählt uns Dio, der selbst in Nikomedeia
28) V. soph. II 30 p. 121. Clinton I p. 221. Hertzberg a. a. O. IH
Ὁ. 16 ff. — Ueber die Heordäer, mit denen Philiskos im Streite lag, 8.
Kuhn, städt. und bürgerl. Verfassg. ἃ. röm. Reichs II, 1865, 5, 406. Sie
besaßen das Privilegium, daß materna origo censeatur (Ulp. dig. 50,1,
1, 2. Kuhn a. a. O. I, 1864, 8. 18). Außer Ilion, Delphi, den Städten
von Pontus, die Ulpian (bez. Celsus) nennt, besaß später auch Antio-
cheia dies Privileg, dem es Julian verlieh (Zosim. 3, 11, 5).
34) Nach Mod. dig. 50, 4, 11, 4 hat Caracalla den Elementarlehrern
(qui primis litteris pueros inducunt) überhaupt die Steuerfreiheit entzogen.
5) V. soph. II 32 p. 124. Das Amt eines advocatus fisci wurde
zumeist mit juristischen Fachleuten besetzt; vgl. Mitteis, Reichsrecht
und Volksrecht, Lpzg. 1891, S. 193. Aber auch der Sophist Quirinus er-
hielt τὴν τοῦ ταμιείου γλῶτταν (v. soph. p. 120, 24).
Die Philostrate. 481
anwesend war (78, 8,4), habe Julia noch mehr als sonst mit
den ersten Geistern ‚philosophiert‘ (Dio C. 77, 18, 1—4). Für
Nikomedeia dürfen wir also die Anwesenheit Phil.s vermuten,
wie für Pergamon; Autopsie Phil.s hat für Pergamon bereits
Göttsching a. a. Ὁ. 5. 58 aus der mehrfachen Erwähnung des
dortigen Asklepiosheiligtums (v. Ap. p. 131,7 sqq., v. soph.
p- 111, 24) gefolgert?‘). In das Jahr 215 fällt auch das Auf-
treten des ‚Lemniers‘ Phil. vor Caracalla, das in Asien, wohl
auch in Nikomedeia, stattgefunden haben muß (8. unten S. 500).
— Schließlich finden wir Julia Domna in Antiocheia. Dort,
in der Hauptstadt Syriens und des Orients in damaliger Zeit,
der dritten Stadt des Kaiserreichs, weilte sie, während ihr Sohn
den parthischen Feldzug antrat (216), und erledigte für ihn
die Regierungsgeschäfte (Dio C. 78, 4, 2—3). Dort empfing
sie die Nachricht von der Ermordung Caracallas, dem sie frei-
willig in den Tod folgte, um nicht aus dem Glanze des Thrones
in das Dunkel einer Privatexistenz hinabsteigen zu müssen,
(Dio C. 78,23. Herodian 4, 13, 8). Auf Phil.s Aufenthalt in
Antiocheia zu jener Zeit kann man unbedenklich seine Worte
aus dem Widmungsbriefe vor den Bioi an Gordian beziehen:
μεμνημένος δὲ χαὶ τῶν χατὰ ᾿Αντιόχειαν σπουδασϑέντων ποτὲ
ἡμῖν ὑπὲρ σοφιστῶν ἐν τῷ τοῦ Δαφνείου ἱερῷ 37). Ueber Daphne
weiß er deshalb antiochenische Lokalsage zu berichten (v. Ap.
116 p. 16. vgl. Paus. 8, 20,2. Sozom. hist. ecel. 5, 19).
Nach Julias Tode (217) löste sich natürlich der Kreis,
der sich um sie vereint hatte; ihre Schwester Maisa ging mit
ihren Töchtern und Enkeln auf Befehl des Macrinus nach
Emesa, dem ererbten Sitze ihrer Familie, zurück. Phil. blieb
selbstverständlich nicht dauernd in Syrien. Indessen scheint
auf einen längeren Aufenthalt in dieser Provinz ein Umstand
hinzuweisen. Photios nennt in der Bibliothek cod. 44 den
26) In den Städten Kleinasiens zeigt sich Phil. überhaupt gut be-
kannt. Er ist in Ilion bekannt (v. Ap. p. 133, 19). Ueber Ephesus
s. oben ὃ. 476, Tyana unten ὃ. 485, Erythrae S. 491. Von Perge in
Pamphylien (v. soph. p. 82, 24), desgl. von Seleukeia in Kilikien (v.
soph. p. 76, 30) spricht er aus Autopsie. Die Berufung auf Aöxtor
λόγο. (v. Ap. p. 325, 25) zeugt auch vom Verkehr mit Einwohnern
Lykiens. — Gleiche Kenntnis Kleinasiens zeigt der ‘Lemnios’, 5. 8. 498.
"ἢ Von Gordians Aufenthalt in Syrien wissen wir sonst nichts;
Capitol. Gord. 9, 1 sagt nur plurimis provinciis ... ante (vor dem Pro-
eonsulat in Afrika) praefuerat.
482 Karl Münscher,
Verfasser des Apolloniosromans Φιλόστρατος Τύριος 33). den
gleichen Beinamen erhält er im Scholion zu Lukians Ikaro-
menippos 1 (ed. Jakobitz IV p. 197), das wir der Hand des
Bischofs Arethas verdanken *), und schließlich nennt Tzetzes
in den Chiliaden 6, 303 den Flavios Philostratos auch Τύριος
ῥήτωρ, wo gleichfalls der Verfasser der v. Ap. gemeint ist
ς
(er setzt hinzu ἄλλος δ᾽ ἔστιν ὃ ᾿Αττιχός). Demnach gab es
unzweifelhaft Ausgaben der v. Ap., auf deren Titel Phil. als
Tyrier bezeichnet war, bez. sich selbst bezeichnet hatte 39), So
konnte sich aber Phil. nur nennen, wenn er das Bürgerrecht
von Tyros erworben hatte °!), natürlich durch seinen Aufent-
halt daselbst, den er benutzt haben mag, mit seiner sophisti-
schen Kunst zu glänzen. Daß er Tyros zu seinem Wohnsitze
wählte, seit Hadrian die μητρόπολις Syriens (Suidas 5. v. Παῦλος
Τύριος ῥήτωρ. vgl. Cod. Just. 11, 22), von Severus als Haupt-
stadt der neugegründeten Provinz Syria Phoenice durch das
ius Italicum (Uip. dig. 50, 15, 1 pr. Paul. dig. 50, 15, 8, 4)
und den Beinamen colonia Septimia (vgl. Höfner, Untersuch-
ungen z. Gesch. ἃ. K. Sept. Sev. I, Gießen 1872, 8. 166) aus-
gezeichnet, die splendidissima Tyriorum colonia..., nobilis
regionibus, serie saeculorum antiquissima, armipotens, wie
28) Die längere Epitome cod. 241 trägt nur die Ueberschrift: &v-
εγνώσϑη ἐκ τοῦ εἰς τὸν ᾿Απολλώνιον ἀπὸ φωνῇς Φιλοστράτου.
”) Vgl. E. Maass, Melanges Graux, Paris 1884, 8: 759 fi, Daß
auch die Scholien zu Phil., besonders im Laurentianus LXIX 33 saec.
ΧΙ, auf Arethas zurückgehen, macht R. Müller, de Lesbonacte gram-
matico, Diss. Greifswald 1590, p. 109—112 wahrscheinlich.
80) Vgl. Bergk a. a. O. S. 176 Anm. 1, dem der Zuname Τύριος
rätselhaft erscheint, Kaysers Vermutung (Heidelb. Ausg. d. v. soph.
p- XXXID, Τύριος sei aus Σύριος entstanden, erleichtert die Deutung
nicht. Andere Deutungen (Meursius dachte an Phil. Aegyptius aus
der 2. Hälfte des letzten Jhh.s v. Chr., v. soph. [δ p. 6, 19), und Aen-
derungen (Voss: Μυριναίου; vgl. Fertig p. 52 Anm. 1) sind ebenso un-
möglich wie falsch. — Ein anderer ist der von Joseph. antiqu. 10,11, 1
erwähnte Φιλόστρατος ἐν ταῖς ᾿Ινδικαῖς αὐτοῦ χαὶ Φοινικικαῖς ἱστορίαις; der-
selbe c. Ap. 1, 20; vielleicht auch Plut. frg. 6 Bern. ἐκ τῶν eig Ἡσίοδον
ὑπομνημάτων (ein anderer sollert. aniım. 8 p. 965 ᾿Φ, Eüößosbe’). Dieser
ist bei Pape-Benseler fälschlich mit dem Tyrios bei Photios cod. 44
identificiert, weil er gerade als Quelle für Tyrische Geschichte eitiert
wird. Kennen ist wohl zu trennen der Philostratos Tyrios, den Photios
cod. 150 als Verfasser eines λεξικὸν τῶν παρὰ τοῖς δέκα ῥήτορσιν λέξεων
κατὰ στοιχεῖον neben Julian und Diodor erwähnt.
#1) Daß gerade Künstler und Gelehrte nicht selten das Bürgerrecht
in mehreren Städten besaßen, zeigt Schmid, Philol. 57, 1898, 5, 503 £.
an einer Reihe von Beispielen.
Die Philostrate. 483
Ulpian seine Heimat preist, und nicht Antiocheia, hatte ge-
wiß seinen Grund in der bekannten Mißachtung, die die An-
tiochener gegen Kunst und Wissenschaft an den Tag legten
(vgl. Mommsen, Röm. Gesch. V * 5. 459 ff.) ; läßt doch Phil.
seinen Geisteshelden Apollonios mit kräftigen Worten die An-
tiochener als ἀνθρώπους ἡμιβαρβάρους Hal ἀμούσους geißeln
(p. 16,24. vgl. auch p. 124, 22 τῆς ᾿Αντιοχείας συνήϑως ὑὕβρι-
ζούσης nal μηδὲν τῶν "EAAnvır@v ἐσπουδαχυίας) ; auch mochte
das tragische Ende Julias ihrem Schützlinge Phil. den Auf-
enthalt in Antiocheia verleidet haben.
In Tyros scheint also Phil. das große Werk, das er im
Auftrage seiner hohen Gönnerin unternommen, die 8 Bücher
τὰ ἐς τὸν Τυανέα ᾿Απολλώνιον, vollendet und herausgegeben zu
haben. War Julia Domna auch gewiß nicht die Trägerin und
Leiterin großer religiöser Reformbestrebungen, zu der man sie
hat machen wollen 55), so ist doch leicht begreiflich, daß in
jener Zeit des allgemeinsten, alles umfassenden Synkretismus
die geistig hochstehende Syrerin an einem Apollonios von
Tyana Anteil nehmen konnte. Es ist für uns schwer, über
Leben und Art dieses Mannes sicheres zu ermitteln, denn schon
damals, ein Jahrhundert etwa nach seinem Tode, schwankte
sein Bild zwischen Licht und Schatten je nach der Auffassung
des Beschauers. Die einen erklärten ihn schlechtweg für einen
Betrüger und Zauberer (Lukian. Alex. 5. Dio C. 77,18, 4
γόης nal μάγος) 38), die große Masse dagegen, und nicht bloß
»2) Jean Reville in seinem bereits (Anm. 21) erwähnten, etwas über-
schwenglich gehaltenen, aber ausgezeichneten Buche, Cap. VI und VII;
dagegen bes. Göttsching a. a. O. S. 74 ff,, der seinerseits wieder allzu
unkritisch geneigt ist, allen Klatsch der historia Augusta zu glauben.
38) Die Lukianstelle ist das älteste Zeugnis über Apollonios (vgl.
bes. Ed, Müller, War Ap. v. T. ein Weiser oder ein Betrüger ...?,
Liegnitz 1861 S. 7£.), da Apul. apol. 90 der neuern Kritik zufolge weg-
fällt. Falsch bezieht Jessen, Ap. v. T. u. 5. Biograph Phil., Hamburg
1885, 8. 36 Dio Prus. 31, 122 statt auf Musonius (vgl. Arnim, Dio v. Prusa,
1898, S. 152) auf Apollonios.. Vor Phil.s v. Ap. fallen wahrscheinlich
nur noch die Erwähnungen des Apollonios bei Dio C. (vgl. Schwartz
in Pauly-Wissowa III 1686), außer der genannten noch 67, 18. Hier
erzählt Dio ziemlich übereinstimmend mit Phil. v. Ap. 8, 26 p. 339 des
Apollonios hellseherische Verkündigung der Ermordung Domitians,
mit der Versicherung τοῦτο μὲν οὕτως ἐγένετο, χἂν μυριάκις τις ἀπιστήσῃ;
war des Traum- und Wundergläubigen Dio Gewährsmann hierfür etwa
Phil., durch mündliche Mitteilung? Die Geschichte wird bei den Byzan-
tinern oft nacherzählt: Joh. Antioch. frg. 107 a. Εἰ. (F.H.G. ed. Müller
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 32
484 Karl Münscher,
die der Ungebildeten, sah in ihm mindestens einen unverächt-
lichen Philosophen, das Haupt des Neupythagoreismus 55), zu-
meist einen wahrhaft verehrungswürdigen Weisen oder gar
ein mit übermenschlicher Kraft. begabtes Wesen: kulturelle
Verehrung ward ihm hier und da zu teil’). Es gab Werke
des Mannes, echte wie unechte °°), es gab eine Litteratur über
ihn, in der die Gläubigen wie die Skeptiker zu Worte ka-
men ?”): Gründe genug, das geschärfte religiöse Interesse der
Kaiserin dem seltsamen Manne zuzuwenden. Vielleicht waren
es auch äußere Umstände, die zuerst Julias Aufmerksamkeit
weckten. Ueber Tyana, Apollonios’ Geburtsstadt, die zweite
Stadt der 10 kappadokischen Aemter (s. Mommsen, Röm. Ge-
sch. V* S. 306), am Tauros (πρὸς Ταύρῳ heißt sie auf Münzen,
und der schreitende Stier ihr Münzbild), wenig nördlich der
kilikischen Tore gelegen, führte die große Heerstraße aus
Kleinasien nach Syrien, auf der wie schon Kyros mit seinem
Griechenheere (Xenoph. Anab. 1, 2, 20) und Alexander der
Große (Arrian. Anab. 2,4, 3. Curt. 3, 9, 1—2. vgl. Strabo
12, 2,9 p. 539) noch in der Kaiserzeit die römischen Heere
IV p. 580), Zonar. 11, 19 p. 5824, Cramer Anecd. gr. Paris. II (1839)
Ῥ. 29, 1 ff. (περὶ ἐπιβουλῶν κατὰ βασιλέων γεγονυιῶν) nach Dio, Ephraem
chron. 49—52, Tzetz. Chil. 2, 962-969 nach Phil.
84) Vgl. z. B. Amm. 21, 14, 5. Themist. or. 6 p. 72° nennt τὸν
&x Τυάνων (ohne Namen) neben Plato und Musonius. |
55) Miller, Pauly-Wissowa Il 147. Für die Verbreitung des Bildes
des Ap. zeugt noch die Umschrift (Ap)olonius Thyaneus (C. J. L. VI
29828 —= Dessau I 2918) um sein erloschenes Medaillonbild an der Wand
eines römischen Nymphäums (vgl. Maass, Die Tagesgötter, 1902, 8. 50).
86) Miller a. a. Ο. II 148. — Die auf ihre Authentie noch kaum
geprüfte Briefsammlung hat, ob echt oder unecht, als fast einzige
Quelle über Apollonios neben Phil. den größten Wert; Ansätze, sie in
dieser Hinsicht auszubeuten, bei Jessen a. ἃ, O. 5. 32 ff., Göttsching
a. a. OÖ. S. 125.
81 Ueber die bereits Phil. vorliegenden 5. unten S. 486. — Aus
späterer Zeit kennen wir noch einen βίος ᾿Απολλωνίου τοῦ Τυανέως von
dem unter Diocletian blühenden Soterichos (Suidas s. v.) aus Oasis
(Steph. Byz. Ὕασις, πόλις Λιβύης" λέγεται καὶ "Οασις) Eine lateinische
Bearbeitung des Lebens des Ap. stellt Vopiscus (Aurelian, 24, 9) in
Aussicht. Eine solche lieferte (Ende saec. IV) Virius Nicomachus Fla-
vianus, der Vorkämpfer für die alte Religion neben den Symmachi
(vgl. Schanz IV 1, 1904, 8. 83 £.); daraus fertigte eine Abschrift der
Freund der jüngern Symmachi und Liviusemendator Tascius Victorianus
(vgl. Traube, Paläographische Forschgn. IV, Abhdlgn. ἃ. K. bayr. Ak.
ἃ. Wiss. III. Kl. XXV, 1, München 1904, S. 16), die der Bischof Sido-
Br Apollinaris (epist. 8, 3, 1) seinem Freunde Leo auf Wunsch über-
sendet.
Die Philostrate. 485
(vgl. z. B. Vopisc. Aurelian. 22, 5) wie die einzelnen Reisenden
(z. B. Libanios or. 1, 14. Itin. Burdig. p. 16, 18) über das
Taurosgebirge nach der Ebene von Tarsos hinabstiegen. Auch
Julia Domna hat also Tyana öfters berührt. Einen längeren
Aufenthalt des Kaisers Severus daselbst, ob während des ersten
oder ‘zweiten Orientzuges ist ungewiß °°), veranlaßt durch eine
Erkrankung des Präfekten Plautianus, erwähnt Dio C. 75,15, 4 35).
Welche große Fürsorge Caracalla der Stadt Tyana zu teil wer-
‘ den ließ, lehren die Münzen: unter seiner Regierung erhielt
sie den Titel colonia mit den Beinamen Antoniniana und Au-
relia (Imhoof-Blumer, Kleinasiatische Münzen II 1902, 5. 499);
ihm zu Ehren feierte sie einen Agon (ATQN. ANTQNINIAN.,
Eckhel, Doctr. numorum III 1794 5. v. Tyana p. 194/5). Nach
Dio ©. (77, 18, 4) erbaute Caracalla dem Apollonius ein Heroon,
offenbar dasselbe Heiligtum, das Phil. am Schlusse der v. Ap.
Ρ. 344, 4 erwähnt als ἱερὰ Τυανάδε βασιλείοις ἐχπεποιημένα
τέλεσιν ; es war erbaut an der Wiese, auf der Apollonios nach
der Lokaltradition geboren sein sollte (v. Ap. p. 5,4) *%). Phil.
erzählt mancherlei nach den mündlichen Angaben der Tyaneer
(vgl. p. 5, 16 und 22): am Heimatsorte des Apollonios hat er
also geweilt und seine Erkundigungen eingezogen, und allen
Umständen nach zu urteilen, werden wir seinen Aufenthalt in
Tyana mit einem der Kaiserin daselbst in Zusammenhang
38) Ceuleneer a. a. O. S. 75 Anm. 1 verlegt diesen Aufenthalt in
den ersten Orientzug gegen Pescennius Niger, C. Fuchs, Gesch. d. K.
L. Sept. Sev. (Wien 1884, Untersuchgn. z. alt. Gesch. Heft 5) S. 89
vielleicht mit größerer Wahrscheinlichkeit auf die Rückreise aus dem
zweiten im J. 202. Vgl. auch Höfner a. a. O. S. 248.
#9) Bereits Baur a. a. Ὁ, S. 126 Anm. (= 3 Abhdlgn. 5. 122) be-
nutzte die Diostelle in gleichem Sinne; vgl. auch Göttsching a. a. 0.
Tl.
40) V. Ap. p. 5,4 konjiciert Jessen a. a. O. S. 5 Anm, 1 mit Recht
ἐχπεποίηται, Nach quaestio 34 (24) der quaestiones et responsiones ad
orthodoxos, die Harnack, Texte und Unterschgn., N. F. VI (XXI) Heft4,
Leipzig 1901, neuerdings wieder für Diodor von Tarsos in Anspruch
nimmt, wurde eine wundertätige Bildsäule des Apollonios von den
Christen zerstört; vielleicht in Tyana? Harnack denkt (S. 33) an Anti-
ocheia; die vom Fragenden erwähnten τελέσματα sind sicher die anti-
ochenischen (s. S. 486 Anm. 41), von dem Standbilde, das der Ant-
wortende erwähnt, ist Antiocheia aber keineswegs als Standort sicher. —
Am Coneil von Nicaea nahm schon ein Bischof von Tyana, Eupsychios
(Patr. Nicaen. 1, 96. 2, 95 u. s.), teil (s. Rhein. Mus. LXI, 1906 8. 65).
Im J. 366 tagte in Tyana ein christliches Concil, Cassiod. hist. 7, 28
p. 1090° Migne, vgl. Mansi 3, 394 sqgq.
82"
486 Karl Münscher,
bringen. Im Frühjahr 215 zog Caracalla von Nikomedeia
aus nach Syrien: wohl möglich, daß ein Aufenthalt des Hofes
in Tyana auf diesem Zuge Caracallas und Julias Interesse für
den Tyaneer weckte: da erhielt der im Gefolge anwesende Hof-
sophist Phil. den Auftrag, das Leben des Wundermanns zu
verherrlichen. Erinnert sei auch noch daran, daß im Daph-
neum zu Antiocheia eine Tradition über Apollonios 3) sich
erhalten hatte, die der Kaiserin bekannt werden konnte (v.
Ap. 1, 16—17. vgl. auch p. 249, 25).
Phil. nennt (v. Ap. p. 4) drei Schriften über Apollonios.
Davon stimmten die 4 Bücher des Moiragenes, wie es scheint,
nicht in den Chor der Bewunderer des Apollonios ein, Phil.
lehnt sie deshalb ab; ihre Existenz wird bezeugt durch
die Anführung bei Origenes (c. Cels. 6,41. Die Erwähnung
bei Tzetzes, Chil. 2, 974 stammt wohl aus Phil. 43). Maximus
von Aegae, nach p. 11, 29 kaiserlicher ἐπιστολεύς (welches
Kaisers ist ungewiß), hatte die Jugendzeit des Apollonios, die
dieser großenteils in Aegae zugebracht hatte, behandelt; ihm
folgt Phil. im Anfange seines Werkes (p. 6—11). Das dritte
sind die ὑπομνήματα des Damis aus Ninive, die Phil. im wesent-
lichen seiner Biographie zu Grunde gelegt und nur stilistisch
umgestaltet haben will. Man nimmt heute ziemlich allgemein
41) Allerdings entstammten die τελέσματα selber, die nach byzanti-
nischer Tradition zu Antiocheia (wie zu Constantinopel) bestanden,
4. b. verzauberte Bildwerke (vgl. Diels, Elementum, 1899, 8. 56), die
als Talismane irgendwelche Gefahren bannen sollten, wohl dem Glauben
einer späteren Zeit. Es ist das Verdienst Millers (Philol. N.F.V 1892
S. 581—4 und Pauly-Wissowa II 146), die byzantinischen Quellen heran-
gezogen zu haben. Nur stammen die Nachrichten gewiß nicht, wie
Miller meint, aus einer Biographie des Apollonios, sondern aus antio-
chenischer bez. byzantinischer Lokaltradition: Malalas, der sie am aus-
führlichsten giebt (p. 268, 18— 266, 11 Bonn.; vgl. Kedren. I p. 431,
14 sqq. und I p. 78, 9 sqq. Cramer, Anecd. gr. IV, 1837, p. 240) war
Antiochener, ‘sein Werk erscheint geradezu als eine (antiochenische)
Stadtehronik’ (Krumbacher?, Gesch. ἃ, byz. Litt. 8. 327). Interessant
ist, daß sogar in dem livre des talismans, das in arabischen Quellen
dem Balinas —= Apollonios beigelegt wird, der talisman que j’ai fait
ἃ Antioche eontre les punaises erwähnt wird (ὃ. 129 bei Leelere, de
identit6 de Balinas et d’Apollonius de Tyane, Journal Asiatique, VL
serie, tom. XIV 1869 5. 111—131).
#2) Die Identificierung dieses Moiragenes mit dem in Plut. quaest.
conv, 4, 61 als Mitunterredner vorkommenden lehnt Zeller, Philos. d.
Griech. III 2? S. 188 Anm. 2 wohl mit Recht ab.
Die Philostrate. 487
an, daß Damis und sein Buch eine Fiktion sei (E. Schwartz,
Fünf Vorträge über ἃ. griech. Roman, 1896, S. 126. Leo a. a. 0.
S.261. v. Arnim, Pauly-Wissowa IV 2057). Und in der Tat sieht
das, was Phil. über die Art und Weise mitteilt, wie er bez. die
Kaiserin Julia in den Besitz des Buches gelangt sei, daß näm-
lich ein Verwandter des Damis die bis dahin unbekannten
δέλτοι jener ὑπομνήματα der Kaiserin übergeben habe, zunächst
gar sehr aus wie Fiktion, mit der Absicht, der Erzählung
‘größere Autorität zu verschaffen. Aber bei Phil. setzt von
p. 19 an unverkennbar die Benutzung einer neuen Quelle ein
(das voranliegende, das auch nicht aus Maximus stammt, füllt
die Lücke schlecht genug aus; außer eigenem, bes. p. 16, re-
produciert Phil. da vielleicht Moiragenes, vgl. Miller Philol.
51, 1892, 5. 583); Phil. folgt von da ab — aus eigener Lek-
türe fortwährend sophistische Exkurse einschiebend und über-
all erweiternd — einem Reiseberichte; und warum sollte dies
Schwindelbuch, dem Phil. blindlings folgt, nicht den Verfasser-
namen Damis getragen haben ? (vgl. Rohde, griech. Roman $. 439
Anm. v. Gutschmid, Kl. Schriften V, 1894, S. 543). Ja, sogar die
Geschichte von der Auffindung und Ueberreichung des Buches
erscheint mir nicht so ganz unglaubhaft, wenn ich mir als Akteure
ein paar geriebene Priester — etwa vom Apolloniosheiligtum
in Tyana — denke, die auf diese Weise die Wißbegier und
den Glauben der Kaiserin ausnutzten. Dagegen ist kaum zu
glauben, daß Phil. den Namen der Kaiserin als Deckmantel
für eine Fiktion sollte mißbraucht haben (vgl. Göttsching
a. ἃ. Ὁ. S. 71). — Nicht innerer Drang trieb Phil., des Apollonios
Leben zu schreiben ; er hatte keine philosophischen, geschweige
religiösen Interessen; Wunsch und Willen der Kaiserin erfüllt
er in seiner Weise, er ist Sophist: als solcher bearbeitet er
den gegebenen, im Grunde ihm gleichgiltigen Stoff, putzt ihn
auf durch Einfügung zahlreicher geistreich und gelehrt sein
sollender Einlagen, — Geschichten wie sie Ailianos aneinander-
zureihen liebt — und schafft dadurch erst nach seiner Mei-
nung ein lesbares Buch: das Vorhandene μεταγράψαι und τῆς
ἀπαγγελίας... ἐπιμεληϑῆναι (p. 4, 4), das ist seine Aufgabe,
seine Leistung. Wie verkehrt es war, einem solchen Manne
eine christenfeindliche Tendenz unterzuschieben, liegt auf der
488 Karl Münscher,
Hand‘°). Der Dünkel des griechischen Sophisten ging ahnungs-
los vorüber an der damals schon die Welt umspannenden Ge-
meinde der Christianer, von deren Leben, Lehre und Schriften-
tum er in Antiocheia vor allem hätte Kenntnis gewinnen können,
wo neben der größten orientalischen Ueppigkeit und Sitten-
losigkeit eine der ältesten und bedeutendsten Christengemeinden
bestand. Er stand verständnislos den synkretistischen Be-
strebungen des Kaiserhauses selbst gegenüber, die eine Julia
Mamaea (der Domna Nichte) den Origenes nach Antiocheia
rufen (Euseb. hist. eccl. 6, 21), ihren Sohn Severus Alexander
Christi Bild in seinem Lararium aufstellen und Christus unter
die Zahl der zu verehrenden Götter rechnen ließen (Lampr.
Alex. 29,2. 43,6). Eine spätere Zeit erst spielte Apollonios
als heidnisches Gegenstück zu Christus aus, und Hierokles,
der als erster die Parallele zwischen Apollonios und Christus
zog (in diocletianischer Zeit) griff dabei auf Phil.s Werk zu-
rück. So lange der Streit zwischen Christus und den alten
Göttern währte, figuriert von da an der Magier von Tyana
im apologetischen Material der Heiden und Christen, daneben
blieb er als Zauberer mit seinen τελέσματα bis ins Mittelalter
hinein eine Gestalt des Volksglaubens, und auch in der Neu-
zeit hat er stets das Interesse, besonders der Theologen, er-
weckt‘) und hat als Träger christenfeindlicher Tendenzen
mehrfach Neuerweckungen erfahren ®°). |
Die Vollendung des in ihrem Auftrage von Phil. unter-
nommenen Werkes hat Julia Domna“) nicht erlebt: der
#3) Auf die v. Ap. näher einzugehen, ist im Rahmen dieser Unter-
suchung unmöglich, ist auch ungleich wichtiger für Apollonios als für
Phil. — Die Uebereinstimmungen, die man zwischen der v. Ap. und
den christlichen Evangelien aufgezeigt hat, beruhen schwerlich auf
Absicht, und wenn doch, so war das nicht eine Absicht Phil.s, sondern
der früheren Apolloniosbiographen. Ueber diese handelt jetzt geistreich
R. Reitzenstein in seinen Hellenistischen Wundererzählungen, Leipzig
1906, 8. 40 ff., die mir erst während des Druckes zugehen. Den Damis
hält auch R. keineswegs für fiktiv.
#44) Die neuste, mir noch nicht in die Hand gekommene Bearbeitung:
Apollonius von Tyana, der Magus aus Osten, von R. Meyer-Krämer
steht in den Monatsheften der Comeniusgesellschaft 15, 1. Vgl. auch
Th. Whittaker, Apollonius of Tyana and other Essays, London 1906.
45) Ueber diese Litteratur vgl. bes. Jessen a. a. Ὁ. S. 3. |
46) Schwartz, a. a. O. 8. 131, verwechselt Julia Domna mit Julia
Mamaea. — Der Aufsatz von Mary Gilmore Williams über Julia Domna
im Journal of Archaeology 1902 war mir nicht zugänglich.
Die Philostrate. 489
lebenden hätte Phil. gewiß sein Buch gewidmet, der toten
konnte er nur durch seine Worte (s. oben S. 477) ein Denkmal
setzen. Nach 217 ist also und wahrscheinlich von Tyros aus die
Apolloniosbiographie ediert, vor den βίοι σοφιστῶν (s.oben S. 469).
Dies spätere Werk gibt uns auch über das spätere Leben
des Verfassers erwünschten Aufschluß. Am. Ende des ganzen
Buches (p. 126, 31 sqq.) nennt Phil. noch drei Sophisten, über
die er ablehnt, sich weiter auszulassen, χαὶ γὰρ ἂν χαὶ ἀπιστη-
ϑείην ὡς χαρισάμενος, ἐπειδή μοι φιλία πρὸς αὐτοὺς ἦν. Diese
drei sind Philostratos der Lemnier (der uns alsbald beschäftigen
wird), der Athener Nikagoras und der Phönikier Apsines *”).
Von Nikagoras kennen wir durch Suidas den Namen
seines Vaters Mnesaios, der selbst schon Sophist war, seinen
Sohn, den jüngeren Minukianos 45), dessen Blüte Suidas unter
Gallienus (253/68) setzt, und ein paar Büchertitel, darunter
einen πρεσβευτιχὸς πρὸς Φίλιππον τὸν Ρωμαίων βασιλέα: unter
Philippus-Arabs (244—9) verlegt deshalb Suidas, bez. He-
sychius, seine Blüte. Apsines aus Gadara in Syrien, den Phil.
den Phoinikier nennt, ist der bekannte Verfasser rhetorischer
Schriften und der uns erhaltenen τέχνη. Er blüht nach Suidas
unter Maximus (235/8). Dazu tritt ergänzend die Notiz über
den Sophisten Maior aus Arabien bei Suidas 8. v.: συνεχρό-
νισε ᾿Αψίνῃ χαὶ Νικαγόρᾳ ἐπὶ Φιλίππου τοῦ Καίσαρος καὶ ἐπάνω.
Bis gegen die Mitte des III. Jhhs. hat also auch Apsines *°)
neben Nikagoras in Athen gewirkt. — Mit diesen beiden und
Phil. Lemnios war Fl. Phil. befreundet, als er zwischen 230
und 238 seine βίοι schrieb: deshalb schon möchte man ver-
muten, daß er in dieser Zeit neben seinen Freunden in Athen
lebte und tätig war. Die Vermutung wird zur Tatsache er-
hoben durch Suidas 5. v. Φρόντων ’Epionvos ῥήτωρ. Dieser
hat unter Severus in Rom geblüht, danach ἐν δὲ ᾿Αϑήναις
#7) Selbstverständlich sind diese drei noch am Leben zur Zeit, wo
Phil. das schreibt, trotz des imperf. ἦν p. 127, 7; vgl. z. B. p. 126, 29.
Hammer, de Apsine rhetore, progr. Guntian. 1876 p. 4 bereitet sich
unnötige Schwierigkeiten durch die Annahme, Phil. bezeichne den
Apsines hier als kürzlich verstorben. Den gleichen Irrtum begeht F.
Rudolph a. a. O. p. 5.
45) Vgl. Glöckner, quaestiones rhetoricae, Bresl. phil. Abhdlgn. VIII,
1901, p. 22 sqg.
49) Vgl. Hammer a. a. O. und bes. Brzoska, Pauly-Wissowa 11 277 ft.
490 Karl Münscher,
ἀντεπαίδευσε Φιλοστράτῳ τῷ πρώτῳ καὶ ᾿Αψίνῃ τῷ Γαδαρεῖ.
Der Phil. ὃ πρῶτος (über die Zählung 5. unten 8. 518) kann
nur der von uns behandelte Fl. Phil. sein (vgl. Rohde, Gött.
gel. Anz. ἃ. ἃ. 0. S. 35 Anm. 2), mit dem wie mit Apsines
jener Fronto zu Athen in Konkurrenz trat.
Von Tyros ist also Phil. nach längerem Aufenthalt wieder
nach Athen zurückgekehrt. Hier lebte er nun als ein leben-
diges Beispiel dafür, was an Ruhm und Ehre ein Sophist ge-
winnen könne, er, der langjährige Vertraute des Kaiserhauses.
Mit Stolz nannte man ihn nun ’Admvaiog 5°); er scheint selbst
diesen Beinamen gern gebraucht und die Bezeichnung als
Lemnios seinem jüngeren, aufstrebenden Verwandten überlassen
zu haben. Hierokles (wörtliche Citate aus seinem λόγος φιλ-
αλήϑης bei Eusebios p. 371, 13 und 406, 29 in Kaysers Kl.
Philostrat-Ausg. I) und Eusebios (im ἀντιρρητικὸς πρὸς τὰ
Ἱεροχλέους p. 371, 24 und 373, 5) nennen ihn den Athener.
Und die Athener bewiesen sich dankbar gegen ihren berühm-
ten Mitbürger: wir besitzen noch die Inschrift des Standbildes,
das ihm in Olympia errichtet wurde: ᾿Αγαϑῇ τύχῃ. Δόγματι
τῆς ᾿Ολλυμπικῆς βουλῆς Φλ(άβιον) Φιλόστρατον ᾿Αϑηναῖον ἣ λαμ-
προτάτη πατρίς (Olympia, Ergebnisse V, Inschriften, Berlin
1896, Nr. 476 — Dittenberger?, Sylloge I 412). Auch den
Demos wissen wir zu nennen, dem die Familie der Philostratoi
angehörte; denn der L(ukios) Fla(vios) Philostratos Steirieus 51),
50) Das athenische Bürgerrecht hat Phil. nicht erst jetzt erworben,
wie W. Schmid, Philol. 57, 1898, 8. 503 will, das besaßen die Philo-
strate von Hause aus als geborene Lemnier; s. oben S. 473. — Seine
genaue Ortskenntnis in Athen zeigen manche Stellen: v. soph. p. 55,
13. 104, 23. 106, 29. 122, 32. Ueber Lebadeia in Boeotien giebt er
mündliche Lokaltradition (v. Ap. 8, 20 p. 336, 16). — Wir beobachten also
die seltsame Erscheinung, daß derselbe Mann uns mit 3 Beinamen (Δήμνιος,
Τύριος, ᾿Αϑηναῖος) begegnet. Es spricht sich darin das Streben aus,
durch die Beinamen die verschiedenen Philostrate zu unterscheiden;
und wie es scheint, ist Phil. selbst mit dieser wechselnden Bezeichnung
vorangegangen, deren Mannigfaltigkeit freilich die Unterscheidung der
Personen in Wahrheit erschwert hat. i .
51) Der älteste Phil. aus Athen, den wir kennen, ist der Arist, equ.
1069 erwähnte χυναλώπηξ. Der Name Phil. begegnet in vielen att.
Demen.: Αἰξωνεύς C. J. A. 1766. ᾿“Αλαιεύς Ο. 7. A. 338. ᾿Αραφήνιος C.
J. A. 469, 102. ᾿Αχαρνεύς C. 7. A. 465 und 791, 80. Κηφισιεύς Ditten-
berger, syll. 173, 5. Κοθωκίδης C. J. A. 812b 63. Κολωνῆϑεν C. d. A.
803 f 37 τριήραρχος. [Demosth.] 59, 22 Rhetor. Ointev, Vater des
Philosophen Polemo: Diog. L. 4, 3, 1 und Suid. s. v. Polemo. Παλληνεύς:
[Plut.] X orat. v. Antiph. 1. 76 (Westerm. Biogr. p. 233). Dittenberger,
Die Philostrate. 491
der als Archon im Ephebenverzeichnis (C. J. A. III 1202, 1)
der 35. Panathenais (wahrscheinlich = Olymp. 260, 2 = 262/3,
oder 254/5 oder 258/9 nach der Berechnung Dittenbergers,
die attische Panathenaidenära, Commentat. Mommsenianae
1867, p. 242—253; vgl. Klebs, Prosopogr. imp. Rom. II p. 71 sq.)
vorkommt, ist sicherlich ein Nachkomme oder Verwandter des
von uns behandelten Fl. Phil.5?). Seine Familie lehrt uns
eine Inschrift aus Erythrae kennen (Dittenberger?, Sylloge I
413 nach Pottier im Bull. de corresp. hellen. IV 1880 S. 153);
sie wurde einem ΕἾ. Capitolinus συνγενῆ χαὶ ἀδελφὸν χαὶ ϑεῖον
συνχλητιχῶ(ν) von der Bule der Erythräer 55) als ihrem τρόφι-
μος und εὐεργέτης gesetzt, der vorher bezeichnet wird als:
(τ)ὸν τοῦ σόφιστοῦ Φλ(αβίου) Φιλοστράτου καὶ τῆς χρατίστης
Αὐρηλίας Μελιτίνης υἱόν. In dem Vater sieht Dittenberger mit
Recht den berühmtesten Phil., den wir behandeln. Der Stein
gibt uns den Namen seiner Gattin, des einen seiner Söhne (das
ἀδελφόν zeigt, daß Capitolinus mindestens noch einen Bruder
hatte) und lehrt, daß die gesamte Familie senatorischen Rang be-
saß; diesen wird Fl. Phil. während seines Hoflebens erhalten haben.
In Athen hat also Phil. sein zweites großes Werk voll-
endet, die βίοι σοφιστῶν, in dem er den Trägern jener höch-
sten Blüte der Kultur, die er in den Sophisten sah, ein immer-
hin glänzendes Denkmal errichtete. Er widmete sein Werk
einem Freunde und Gönner aus der Glanzzeit seines Lebens,
jenem greisen Antonius Gordianus, dem Proconsul Afrikas,
der in den schöngeistigen Hofkreisen gewiß eine bedeutende
Rolle gespielt hatte: wie mit Cicero und Vergil war er mit
syll. 606, 51 (a. 333—322). Πειραιεύς Ο. J. A. 962. Πόριος Dittenberger,
syll. 728, 11. Χολαργεύς Alkiphr. epist. 1, 9, 2. — Vgl. C. 4. A. 945
und 959 c 2. — Der Frauenname Philostrate begegnet C. J. A. 1774 (aus
Αἰξωνή), 1879 (aus ᾿Ανάφλυστος), 2480 (aus Πίϑος). — Es ist ein selt-
samer Zufall, daß die einzige dem 3. Jhh. v. Chr. angehörende In-
schrift, die C. Fredrich auf der kleinen, südlich von Lemnos liegenden
und heute wie im Altertum zu diesem gehörenden Inselchen Hagio-
strati, die Fredrich nach Kieperts Vorgange mit dem antiken Halonnesos
identifieiert, als Weihenden einen Philostrat nennt: Φιλόστρατος μεγάλ
ϑεῶι. Vgl. Fredrich, Halonnesos, Progr. Posen 1905, 5. 11. — Die
Koischen Inschriften weisen auch zwei Phil. in gleicher Zeit auf (Paton-
Hicks 10a 57. 10c 13).
53) Wahrscheinlich ist es sein Neffe, der ‘Lemnier’, 8. S. 515.
5) Für die Beziehungen der Philostrate zu Erythrae werden wir
in den Briefen noch eine Bestätigung finden; 5. 5, 534.
493 Karl Münscher,
Plato und Aristoteles vertraut (Capitol. Gord. 7,1); in seiner
Jugend hatte er neben anderen epischen Versuchen in einer
Antoninias von 30 Büchern die Taten des Antoninus Pius und
Marcus Aurelius besungen (ibid. 3, 2—3), sich rhetorischen
Studien gewidmet, audientibus etiam imperatoribus suis dekla-
miert (3, 4).
Was Phil. mit seinem Buche wollte, spricht ein Satz des
Widmungsbriefes deutlich genug aus: er wünscht seinem
Gönner — Eppwoo μουσηγέτα grüßt er ihn am Schluß — mit
seinem Werk die Sorgen zu vertreiben (τὸ φρόντισμα τοῦτο...
χαὶ τὰ ἄχϑη σοι χουφιεῖ τῆς γνώμης), kein gelehrtes und, was
dadurch gegeben wäre, formloses ὑπόμνημα will er schreiben,
sondern ein Buch, das man seiner Form wegen, nicht etwa
bloß des interessanten Inhalts wegen liest. Er schreibt geist-
reichen Feuilletonstil. Wie er dabei mit Absicht und Erfolg
die gegebenen Formen des grammatischen Bios möglichst
durchbrochen und verkleidet hat, hat Leo a. a. Ὁ. 8. 254 ff.
gezeigt. Auf zwei Bücher hat er die Reihe der Sophisten
verteilt (p. 1, 2 σοφιστὰς ἐς δύο βιβλία ἀνέγραψά σοι) 5). Im
ersten schickt er den eigentlichen Sophisten die sophistisch
tätigen Philosophen voran (Eudoxos von Knidos, Leon von
Byzanz, Dias) von Ephesos, Karneades, Philostratos den Ae-
gypter, Theomnestos, zuletzt Dio und Favorinus). Es folgen die
eigentlichen Sophisten, erst die ‘älteren’, ‘philosophierenden’ von
Gorgias bis Isokrates, dann als Begründer der ‘neuen’ Sophi-
stik (und zugleich der Stegreifrede) Aischines, und von ihm
springt er über mehrere Jahrhunderte hinweg (p. 24, 14 ὕπερ-
βάντες δ᾽ ᾿Αριοβαρζάνην τὸν Κίλικα nal Hevöppova τὸν Σικχελιώ-
τὴν χαὶ Πειϑαγόραν τὸν ἐκ Κυρήνης — für uns leere Namen)
84) Suidas (8. 5. 516) giebt den Bioi 4 Bücher. Wenn das nicht
einfach Verschreibung ist, muß es eine andere Ausgabe, die wohl nicht
von Phil.s eigener Hand stammte, gegeben haben. Buch I der Hdschr.
ließe sich bequem in 2 Teile zerlegen, da mit Cap. 19 (p. 24, 14) ein
neuer Teil, die Schilderung der zweiten Sophistik, beginnt. In Buch II
tritt nirgends ein derartiger Abschnitt hervor. Ueber doppelte Buch-
einteilung der Eikones s. S. 554. — Die Gründe, die Kayser, Heidelb.
Ausg. praef. p. XXI für die Lückenhaftigkeit unserer Bioiüberlieferung
vorbrachte, wird niemand mehr als stichhaltig ansehen; vgl. dagegen
bes. die Einleitung der Uebersetzung der Bioi von Christian (in der
Osiander-Schwabschen Sammlung) ὃ. 1146 ἢ,
512) Schreibfehler für Δήλιος Ὁ, s. Natorp, Pauly-Wissowa IV 2446.
Die Philostrate. 493
auf: Niketes von Smyrna im 1. Jhh. der Kaiserzeit. Damit ist
er zu seinem eigentlichen Thema gekommen, der Geschichte
jener Sophistik, die wir uns gewöhnt haben die ‘zweite’ zu
nennen. In chronologischer Folge (vgl. oben 8. 472) reiht er
die Sophisten aneinander, während er eigentlich chronologische
Daten meidet. Im ersten Buche bildet Polemo den Glanz-
punkt, das zweite wird eröffnet mit dem in den Augen jener
Leute bedeutendsten Manne der Zeit, mit Herodes Atticus;
zugleich ist das eine erneute Huldigung für Gordian, der mit
Herodes verwandt war. Geführt wird die Reihe bis zur eigenen
Zeit des Verfassers. Tiefer gehende Studien hat Phil. für
seinen Zweck nicht gemacht — wie sollte er auch auf einen
solchen Gedanken gekommen sein —, das zeigt besonders jener
kurze Teil über die alte Zeit: Nachrichten, die er bequem ein
paar Handbüchern über Philosophen und Redner entnahm,
hat er mit Reminiscenzen aus der eigenen Lektüre, bes. Plato,
verbrämt (vgl. Leo S. 258) °°); es sind Kenntnisse, wie sie
jeder Gebildete in damaliger Zeit ungefähr besaß oder sich
auf leichteste Weise verschaffen konnte. Ein anderes Gesicht
zeigen aber doch die Bioi der ‘zweiten’ Sophisten. Zwar hat
er auch da sicher ein biographisches Samınelwerk benutzt, das
Notizen über Abstammung, Herkunft, Lehren, Werke, Tod
u. s. w. mit Varianten der Ueberlieferung enthielt, wie ein
gleiches Hesych-Suidas den entsprechenden Artikeln des Lexi-
kons zu Grunde gelegt hat°‘), aber diese Quelle bot doch nur
ein totes Schema, das Phil. oft genug überhaupt nur teilweise
übernommen hat (namentlich hat er zumeist die Angaben über
die Werke ganz bei Seite gelassen; so gibt Suidas diese an
bei Aristokles, Adrianos, Pollux, Pausanias, bei denen Phil.
sie nicht nennt). Das Lebensvolle in seinem Bilde der zweiten
Sophistik, das uns mitten hineinversetzt in das wunderliche
55) Zum Leben des Hippias 5. jetzt Norden, Hermes 40, 1905,
S. 523 Anm.
56) Das Verhältnis der Suidasartikel zu Phil. hat Leo a. a. O. 5. 257
unzweifelhaft richtig dargetan; beide benutzen die gleiche (oder min-
destens eine nahe verwandte) biographische Quelle. Daneben ist Phil.
direkt hier und da von Hesych ausgeschrieben, so im Artikel Damianos
wie unter Λέων Βυζάντιος, ᾿Ισαῖος ὃ νεώτερος, Ἡρακλείδης ὃ Λύκιος (aus
v. soph. p. 26, 6), “Ἑρμογένης. Mehr als die Hälfte der Vertreter der
zweiten Sophistik, die Phil. anführt, fehlt allerdings bei Suidas ganz.
494 Karl Münscher,
Treiben dieser Redekünstler, deren Personen wir mit allen
Vorzügen und Schwächen, Eitelkeiten und wirklichen Leistungen
kennen lernen, entstammt dieser Quelle nicht, sondern den zwei
anderen, die Phil. zu benutzen in der Lage war: der unend-
lichen Fülle ihm vorliegenden Materials an Reden, die teils
von den Sophisten selbst ediert, teils wenigstens in steno-
graphischen Nachschriften ὅ7) verbreitet waren, und der in den
Rhetorenschulen sich mündlich forterbenden Anekdotentradition,
— zur Ergänzung der letzteren diente Phil.s eigene Erinne-
rung an eine langjährige sophistische Tätigkeit, die ihn mit
der Mehrzahl der lebenden Sophisten hatte in Berührung
kommen lassen (s. oben S. 474 ff.). Gewiß war das ganze So-
phistenwesen Trug und Schein: man berauschte sich an der
schönen Phrase, mit der man die vergangene, alte, große Zeit
wieder zu erwecken meinte: vergessen wir aber auch nicht,
daß viele dieser Sophisten wirklich die tüchtigsten Bürger
waren, die materiell wie ideell zur Hebung ihrer Heimatstädte
bedeutend beitrugen. Wir spüren in Phil.s Buche den Puls-
schlag seiner Zeit — das ist und bleibt sein Verdienst: er
schrieb kein nüchternes biographisches Handbuch; dadurch
lernen wir ein paar Menschen kennen, die uns sonst tote
Namen geblieben wären.
Schließlich antieipieren wir eine ergänzende Nachricht des
Suidas (s. unten 9. 516), der diesen Phil. ansetzt ἐπὶ Σιεβήρου
57) Ueber die Verwendung von Tachygraphen zur Publication der
Declamationen handelt ausführlich v. Arnim, Leb. u. Werke des Dio
v. Prusa, 1898, S. 172 f£.; auch die betr. Zeugnisse der Bioi sind dort
im Zusammenhange verwendet; Phil. bezeichnet p. 80, 25 derartiges
als σοφιστῶν ἀπομνημονεύματα (vgl. auch Schmid, Atticism. IV 8. 543
Anm.). — Andere Werke — außer den Reden — nennt Phil. nur selten,
und er benutzt kaum solche, abgesehen von der Correspondenz des
Herodes Atticus, die offenbar publiciert war (Briefe des Herodes p. 48,
11. 60, 32. 70, 31, an Herodes p. 53, 26 von Polemo, p. 70, 10 vom
Kaiser Marcus). An Büchern erwähnt er nur den Νικήτης κεκαθαρμένος
des Lykiers Herakleides (p. 26, 6) die ἱστορία des Antiochos (p. 76, 21)
und Antipatros (p. 109, 3), von Herodes außer den Briefen und Reden
ἐφημερίδες und ἐγχειρίδια. Die Rede eines Demostratos gegen Herodes
wird p. 63, 11 verwendet. Litterarische Echtheitskritik übt Phil. p. 37,9,
40, 29; unberechtigte Stilkritik weist er ab p. 99, 8 ff.; in wie weit er
in diesen Dingen selbständig ist, ist schwer zu sagen. — Die Geschichte
von dem Smyrnäer Megistias und Hippodromos (v. soph. II, 27,5
p: 118, 7 sqq.) beruht wohl eher auf mündlicher als auf schriftlicher
Ueberlieferung.
Die Philostrate. 495
χαὶ ἕως Φιλίππου (244—9). Das stimmt zu den oben ge-
gebenen Nachrichten über seine Freunde Nikagoras und Ap-
sines. Er starb hochbetagt (s. S. 476) um die Mitte des II.
Jhhs., jedenfalls in Athen.
2. Der Verfasser des Heroikos und der Eikones.
Wie die Sophistenbiographien und das Leben des Apol-
lonios gehören die Eikones und der Heroikos zusammen. Das
bezeugt uns der Rhetor Menandros in seinem Traktate περὶ
ἐπιδεικτικῶν (Rhet. gr. ed. Spengel III p. 390,2). Er nennt
als Muster der ἁπλουστέρα καὶ ἀφελεστέρα ἐξαγγελία die Schreib-
weise des Xenophon, Nikostratos, Dio Chrysostomos und Phi-
lostratos τοῦ τῶν Ἡρωικῶν τὴν ἐξήγησιν 58) nal τὰς εἰκόνας ypd-
davros. Offenbar will Menander, daran ist doch wohl nicht
zu zweifeln, durch diesen Zusatz einen Phil. bestimmen und
von andern Autoren gleichen Namens unterscheiden. Nun
fragt es sich, welche Bilder er meint, die ältere oder jüngere
der beiden erhaltenen Sammlungen. Bergk (a. a. O. S. 179)
dachte an die älteren, Rohde (a. a. Ὁ. S. 37) an die jüngeren.
Entscheidend für die Frage ist, wie Schmid (Attic. IV. 8. 2
Anm.) bemerkte, der bestimmte Artikel bei εἰκόνες : Menander
spricht nur von einer derartigen Schrift, kennt also die jün-
geren Bilder nicht. Diese Unkenntnis fände schon dadurch
ihre genügende Erklärung, daß das jüngere Buch im Alter-
tum überhaupt gänzlich unbeachtet geblieben ist, keinen lit-
terarischen Erfolg gehabt hat: es wird kaum jemals angeführt
(Kaysers gr. Ausg. praef. p. 3; ed. Schenkl-Reisch 1902, praef.
p. IX Anm.), nur in zwei von einander abhängigen Handschrif-
ten (ibid. p. IX u. XI) ist es uns überliefert, während für die
ungeheure Beliebtheit der älteren Gemälde schon die Fülle der
Handschriften (bei Kayser 59, in der Wiener Ausg. 66) be-
redtes Zeugnis 8016 ο 55). Viel wahrscheinlicher ist es indessen,
58) Die Ueberlieferung schwankt zwischen τοῦ τῶν “Hpwir@v τὴν
ἐξήγησιν und τοῦ τὸν Ἥρωικόν; vgl. Kayser, gr. Ausg. praef. Her. p. IV
Anm. 10. — Ein Sophist Metrophanes aus dem boiotischen Lebadeia
schrieb nach Suidas περὶ τῶν χαρακτήρων Πλάτωνος, Ξενοφῶντος, Nıxo-
στράτου, Φιλοστράτου.
9) Τῶν ὀνομάτων ἀττικῶν ἐχλογὴν ἐκλεγεῖσαν ἀπὸ τῆς τεχνολογίας τῶν
εἰχόνων τοῦ Φιλοστράτου fertigte Manuel Moschopulos, vgl. Kayser gr.
496 Karl Münscher,
daß Menanders Unkenntnis durch die Zeitverhältnisse bedingt
war. Der Verfasser der jüngeren Bilder, der sich selbst als
Enkel des Verfassers der älteren bezeichnet, hat wohl erst
nach dem Jahre 274 geschrieben, das mit ziemlicher Sicher-
heit als das Jahr der Abfassung jenes Menandertraktates er-
mittelt ist 55), Weiter führt eine Bemerkung des bereits erwähn-
ten Epitomators der Bioi (Kays. Heidelb. Ausg. p. XXXVIM).
Dem Satze τούτου τοῦ Φιλοστράτου (des Verfassers der βίοι)
Eoınev εἶναι nal τὰ εἰς τὸν Τυανέα ᾿Απολλώνιον wre. läßt er die
Worte folgen: τοῦ δὲ Λημνίου Φιλοστράτου, τοῦ τὰς εἰκόνας
γράψαντος μέμνηται οὗτος ἐν τούτῳ τῷ βιβλίῳ ἐπαινῶν τὸν ἄν-
ὃρα ; auch hier läßt der Artikel τὰς nur an eines, das ältere
der beiden Bücher denken. Die Kombination beider Stellen,
die Bergk zuerst gewürdigt hat, ergiebt also: die älteren Ei-
kones und der Heroikos sind (nach Menander) von einem
Verfasser und zwar (nach dem Epitomator) von jenem Philo-
stratos, den Flavios Phil. in den v. soph. mehrfach erwähnt
und zur Unterscheidung den ‘Lemnier’ nennt. Es fragt sich
nun: wird dieses aus litterarischen Notizen gewonnene Re-
sultat durch andere Indicien bestätigt oder widerlegt? Fertig
a. a. Ὁ. 5. 36 ff. hat eine Reihe von merkwürdigen sprach-
lich-stilistischen Verschiedenheiten zwischen v. Ap. und v. soph.
(und Gymnastikos) einerseits, Her. und Imag. andererseits zu-
sammengestellt (Gebrauch von ἣν statt ἐὰν, ἐπὰν, xäv, Ver-
wendung der Redensarten χατὰ τοὺς χρόνους oüg, χαϑίστασθαι
ἑαυτὸν oder τινὰ εἰς, ἐγὼ δηλώσω, δηλῶσαι βούλομαι, δεδήλωχα,
die im Her. und den Eik. fehlen). Und durchmustert man Schmids
Zusammenstellungen im IV. Bde. des Atticismus, so zeigt sich 5)
trotz aller Einheitlichkeit des Sprachgebrauchs doch überall ein
Ausg. praef. Eik. p. VI Anm. 11. Ein Londinensis enthält Σχόλια eig
τὸ περὶ εἰκόνων Φιλοστράτου ὑπὸ Τζέτζου (Phil. min. ed. Schenkl-Reisch,
praet: PK u.
60) Nitsche, der Rhetor Menandros, Progr. Leibnizgymn. Berlin
1883, bes. S. 12—14; der erste Traktat ist wahrscheinlich von Geneth-
lios 273 oder 274, der zweite 274 von Menandros geschrieben. Bursians
Aufstellgn. (Abhdlgn. ἃ. bayr. Akad. XVI, 3, 1882, S. 1 ff.) sind un-
haltbar.
61) So urteilt auch Jüthner a. a. O. S. 226, meint aber diese Unter-
schiede ‘aus zeitlichen Differenzen beim gleichen Autor’ erklären zu
können. Seine zeitlichen Ansätze sind aber hinfällig, v. Ap. und v.
soph. sind nicht die ältere, Her. und Eik. nicht die spätere Schriftengruppe.
Die Philostrate. 497
. grösserer Grad von Uebereinstimmung zwischen jenen Gruppen,
v. Ap. und v. soph. (zu denen der Gymnastikos hinzutritt) auf
der einen, Her. und Eik. auf der andern Seite °?). Somit be-
stätigen die Unterschiede des Sprachgebrauchs, die schwerlich
für sich allein eine Trennung der Schriften nach den Verfas-
sern (vgl. Schmid S. 5. 125. 187) begründen könnten, das Re-
sultat der Interpretation der litterarischen Zeugnisse: dieses
muß so lange als sicher gelten, als keine durchschlagende
Gegeninstanz geltend gemacht werden kann °°).
Der Heroikos bietet durch die Erwähnung eines Athleten
Helix die Möglichkeit zeitlicher Fixierung. Phil. erzählt von
ihm (p. 147,15 sqq.), nachdem er ἀνὴρ Ex παίδων im Ring-
kampfe gesiegt hatte, habe Helix in der nächstfolgenden Olym-
piade zugleich am Ringkampfe und am Pankration in Olympia
sich beteiligen wollen. Die Eleer suchten ihn von beiden
Kämpfen auszuschließen und bekränzten ihn schließlich nur
im Pankration. Denselben Mann und dieselbe Geschichte er-
wähnt Cassius Dio (79, 10, 2—3) — er nennt ihn allerdings
Αὐρήλιος Αἴλιξ, aber an der Identität ist kein Zweifel — und
fügt hinzu, was er schon in Olympia versucht habe, nämlich
im Ring- und Allkampfe aufzutreten, sei ihm bei den Capi-
tolinischen Spielen Elagabals in Rom wirklich gelungen (ὥστε
πάλην τε ἅμα nal παγχράτιον ἐν τῇ Ὀλυμπίᾳ ἀγωνίσασϑαι ἐϑε-
λῆσαι, adv τοῖς Καπιτωλίοις χαὶ ἄμφω νικῆσαι are). 219 fan-
den diese Spiele in Rom statt, der Zwischenfall in Olympia
ıst also auf eine der vorangehenden Olympienfeiern (217 oder
213, der Sieg ἀνὴρ ἐκ παίδων 213 oder 209) zu verlegen‘).
62) Die sachliche Differenz, daß v. Ap. 2, 13 p. 54, 26 im Gegen-
satz zu Juba den Elefanten nicht χέρατα, sondern ὀδόντες vindiciert
werden, dagegen Eik. p. 309, 15 schlechtweg nach Juba (vgl. die Stellen
bei Schmid 5. 539 Anm. 2) von κέρατα gesprochen wird, tritt bestäti-
gend hinzu.
6) Als solche wird Jüthner die in allen Schriften sich zeigende
Kenntnis der Gymnastik selbst nicht hinstellen wollen. — Ueber Gym-
nastisches in Phil.s Eikones hat Jüthner bereits Eranos Vindobonensis
S. 309 ff. gehandelt.
6) Die Angaben über Helix bei Dio und Phil. sind bisher nie
scharf genug oder falsch interpretiert worden. Jüthner verlegt den
olympischen Sieg des Helix ins J. 221, was unbedingt falsch ist; er
fällt nicht unter Rlagabals Regierung. Er folgt darin J. Rutgers,
Sex. Julii Africani Ὀλυμπιάδων ἀναγραφή (Leyden 1862) p. 97 sq. und
H. Förster, die olymp. Sieger II, Progr. Zwickau 1892 (I 1891) S. 21.
498 Karl Münscher,
213 trat der Verfasser des Heroikos selbst in Olympia mit
einer ἐπίδειξις auf (s. 5. 499f.): man kann bequem kombinie-
ren, daß er damals den Sieg des Helix selbst miterlebte.
Von dem römischen Doppel-Siege des Helix weiß Phil.
offenbar nichts: d. h. der Heroikos ist vor 219 verfaßt und
nach 213%).
Giebt der Her. auch keine unmittelbare Auskunft über
seinen Verfasser, so verleugnet er doch nicht dessen lemnische
Abkunft. In der ausführlichen Erzählung über Philoktet (p.
171) benutzt er lemnische Lokaltradition; er berichtet die Ent-
sühnungsbräuche wegen der Δήμνια ἔργα (p. 207, 26 sqg.); er
beschreibt unter andern ein Riesenskelett, das Menekrates ὃ
Στειριεύς auf Lemnos ausgegraben hatte (p. 139,13 sqg.);
das war ein Freund und Demengenosse des Verfassers, haben
wır doch die Zugehörigkeit der Philostratfamilie zum Demos
Steiria schon festgestellt (5. 490)°). Wie in Lemnos ist der
Verfasser in Imbros bekannt (p. 139, 23 sqg.), er erzählt eine
Sagenvariante von Skyros (p. 198, 17 sggq.), Lokalsagen von
Chios (p. 215,4) und Lesbos (p. 172,9. 181,16), diese auf
Grund seines Verkehrs mit Lesbiern (p. 173, 2). Ilion und
und das Vorgebirge Sigeum kennt er persönlich (p. 138, 14
und 190, 4), wohl auch Smyrna (p. 160, 25). Denn alles dieses,
was die Dialogfigur des Winzers von sich erzählt, dürfen wir
— Die Diostelle ist ausgeschrieben Anecd. gr. Paris. ed. Cramer II 1839
ἐκ τῶν Eüdoeßiov χρονικῶν Ὁ. 155 mit dem Zusatz ὃ ἀϑλητὴς ἐπὶ Σεβήρου
τοῦ αὐτοχράτορος γεγονώς. f
65) Leider ist die zahlenmäßige Zeitangabe πρὸ ἐτῶν ποὺ τεττάρων
p. 210, 14 nicht zu verwerten. Ein Verbot des Purpurhandels soll den
thessalischen Handel mit dieser Waare (Lucr. 2, 500 sq. Sidon. epist.
9, 13, 5 vers. 15 sqq.) schwer geschädigt haben, Seit Caesar (Suet.
Jul. 43) war der Gebrauch der conchyliata vestis wiederholt durch
kaiserliche Edikte eingeschränkt worden, doch ist uns von einer Er-
neuerung oder Verschärfung dieses Verbots unter Caracalla sonst nichts
bekannt (vgl. Ad. Schmidt, die gr. Papyrusurkunden der Kgl. Bibliothek
zu Berlin, 1842, 8.173 1). Unter Severus Alexander war der Purpur-
handel allerdings, wie es scheint, mit schwerer Steuer belegt (Schmidt
S. 175. Ein procurator domini ἢ. M. Aur. Severi Alexandri ... pro-
vinciae Achaiae et Epiri et Thessaliae rat(ionis) purpurarum C. J.
L. III 536 —= Dessau I 1575). Man hat aus der Phil.-Stelle geschlossen
(Hertzberg a. a. O. II S. 72 Anm. 24), daß diese Steuer unter Cara-
calla eingeführt worden sei.
66) Ein anderer Freund ist der Ὕμναιος von Peparethos (p. 138, 32
sqg. ἐπιτηδείως μοι ἔχων), der Besitzer von Kos. Als böser Nachbar er-
scheint der Chersonesite Xeinis (p. 132, 8).
Die Philostrate. 499
unbedenklich auf den Verfasser Phil. übertragen”). Von ihm
hat der Winzer auch den Zug, daß er ἐν ἄστει studiert hat
. 132,22). Zwei Hinweise auf athenische Verhältnisse fin-
den sich p. 187,18 und 188,21. Bemerkenswerter ist die
Anspielung auf einen stadtrömischen Vorgang, die kostenlose
Verteilung von Nahrungsmitteln auf dem forum suarıum
(p. 129, 12) in der VII. regio Roms 58). Diese Singularität läßt
beim Verfasser persönliche Kenntnis Roms vermuten.
Genauer werden wir über ihn in den Sophistenbioi des
Fl. Phil. unterrichtet. Zwar hat dieser aus verwandtschaftli-
chen und freundschaftlichen Rücksichten (s. 5. 489) dem Lemnier
keinen eigenen βίος gewidmet, er hat aber genugsam in denen an-
derer @elegenheit gehabt, den Ruhm dieses Trägers seines Namens
zu verkünden. — Zum ersten Male erwähnt er ihn in der Bio-
graphie seines eigenen Lehrers Hippodromos. Auch der Lem-
nier war des Hippodromos Schüler (γνώριμος, p. 117,12); zu
Athen oder auch zu Larissa kann er seinen Unterricht genossen
"haben 59); daß er ἐν ἄστει studiert hat, hörten wir schon von
ihm selbst. 22jährig trat er bereits in Olympia mit einer ex-
temporierten Rede vor der Festversammlung auf, freudig aner-
kannt von Hippodromos selbst, der aber die Aufforderung, un-
mittelbar danach sich hören zu lassen, mit den liebenswür-
digen Worten abwies, er werde doch nicht gegen sein eigen
Fleisch und Blut kämpfen (οὐκ ἐπαποδύσομαι τοῖς ἐμαυτοῦ
σπλάγχνοις). Schon bei jungen Jahren hatte also Phil. Lem-
nios das höchste in sophistischer Kunst geleistet, und auch
der äußere Erfolg blieb nicht aus. Mit Stolz wird (v. soph.
ΟΡ. 122,19 544.) erzählt, Caracalla habe dem Lemnier doch Ab-
gabenfreiheit gewährt, entgegen dem Grundsatze, den er bei
der Verhandlung über Philiskos’ Atelie ausgesprochen hatte;
und zwar erhielt der Lemnier diese Auszeichnung schon als
24jähriger junger Mann ἐπὶ μελέτῃ, ἃ. h. nachdem der Kaiser
67) Sein Großvater hat ihm vom Aufenthalte Hadrians zu Ilion
(im J. 124 nach Dürr, Reisen des K.s Hadrian, Abhdlgn. d. arch.-epigr.
Seminars ἃ. Univ. Wien, Heft 2, 1881, 8. 55) und die vom Kaiser ver-
anlaßte Bergung der vermeintlichen Gebeine des Ajax erzählt (p. 137, 20).
68) Es unterstand der Aufsicht des praef. urbi, C. 1. L. VI 1771.
Πρ. frg. Vat. 286. dig. 1, 12, 1, 11. Novell. Valent. 35, 1, 2. (od.
Theod. 14, 4, 3. Vgl. Marquardt, Röm. Staatsverwaltg. II? 5. 137.
69) Vgl. Hertzberg a. a. O. III S. 110 Anm. 2.
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 33
--
800 Karl Münscher,
trotz seines Widerwillens gegen das Sophistentreiben eine seiner
Epideixeis wohlgefällig angehört hatte. Die Auszeichnung war
um so bemerkenswerter, als Phil. damals schwerlich eine amt-
liche Stellung irgend welcher Art inne hatte, die einen An-
spruch auf Steuerfreiheit begründen konnte’®). Anfang des
Jahres 212 hatte Philiskos mit seinem Auftreten vor Caracalla
Fiasko gemacht (s. S. 480), später, aber auch durch Caracalla
(— 216) erhielt der Lemnier die Atelie im 24. Lebensjahre; das
22. Lebensjahr, in dem er zu Olympia auftrat, hat er also in dem
Zeitraum von 210—214 erreicht: 213 (Olymp. 248/4) wurden -
die Olympien gefeiert, da war Phil. 22 Jahre alt, 215 erhielt
er die Atelie, 191 war er geboren, etwa 15—25 Jahre jünger
als sein älterer Verwandter 71).
Es ist wohl selbstverständlich, daß der Hofsophist Fl. Phil.
seinem jüngeren Verwandten (über das Verwandtschaftsver-
hältnis s. S. 518) bei Hofe die Wege geebnet, ihm Zutritt und
Gunst zunächst in den ästhetischen Kreisen um Julia Domna
verschafft hat. Der Lemnier wird also, nach früher Beendi-
gung seiner Studien in Athen, sich nach Rom gewandt und
dort an seinen Verwandten angeschlossen haben; eine Bestä-
tigung seines frühen Aufenthaltes in Rom ist jene Beziehung
auf die συῶν ἀγορά, die sich schon im Heroikos findet. Sein
Auftreten vor Caracalla kann aber nicht in Rom, muß im
Osten des Reichs erfolgt sein. Schon im Frühjahr 215 brach
der Kaiser nach dem Innern Asiens auf: wahrscheinlich hat
also der Lemnier während des längeren Winteraufenthaltes des
Hofes in Nikomedeia (am 4. April feierte Caracalla dort noch
seinen Geburtstag, Dio C. 77, 19, 3) seinen Erfolg vor dem Kaiser
errungen. Des Fl. Philostratos Anwesenheit daselbst im Ge-
folge der Julia haben wir schon vermutet (5. 481), in seiner
Begleitung wird der Lemnier dem kaiserlichen Hoflager auch
dorthin gefolgt sein..
Diese Vermutung ist von Wichtigkeit für den Heroikos
und wird andererseits durch ihn bestätigt. Dies merkwürdige
Buch ist ein Dialog, zwar kein philosophischer, aber — so
10) Hertzberg a. a. O. III S. 111 vermutet, er sei als ‘junger Docent’
in Athen ‘habilitiert’ gewesen.
11) Diese Daten vom Leben des Lemniers ebenso bei Clinton Fasti
Rom. I p. 225 u. 5.
Die Philostrate. 501
darf man sagen — zur Hälfte religionsphilosophisch. Der
Verfasser macht darin den ernsthaften Versuch, Existenz und
' Wirksamkeit der Dämonen, die mit den Heroen der Sage
identificiert werden, zu erweisen. Dieser Versuch ist mit einem
scheinbar völlig heterogenen zweiten Teile verbunden, mit einer
Darstellung der Wahrheit über den trojanischen Krieg, für die
der Heros Protesilaos die Garantie übernehmen muß. Damit
tritt der Heroikos ein in die lange Reihe der seit Hellanikos’
Troika beliebten Trojaromane und Erzählungen: Dios Trojana 11)
war ein naheliegendes Vorbild, Dictys-Septimius 72), Sisyphos,
Dares u. a. seine Nachfolger. Die beiden Teile des Inhalts
kommen auch in der äußern Anordnung des Dialogs deutlich
zum Ausdruck. — Das einleitende Gespräch (bis p. 135, 9 rei-
chend) giebt die Exposition. Wir werden mit den beiden Ge-
sprächspersonen bekannt gemacht, einem Winzer, der am Hei-
ligtum des Protesilaos bei Eleus auf dem thrakischen Cher-
sonnes sein Landgut hat (auch von seinem früheren Leben er-
fahren wir einiges) und einem phönikischen Seefahrer, den
widrige Winde an der Weiterfahrt ins Aegeische Meer hinein
zurückhalten (einen Traum, den er gehabt, der auf den Inhalt
des Gesprächs schon vorausdeutete, erzählt er nebenbei). Bald
tut der Winzer seines wunderbaren Verkehrs mit Protesilaos
Erwähnung, der Fremde äußert sein Erstaunen und seinen
Zweifel bez. des Wiederauflebens und Wirkens der Heroen
überhaupt und bittet um Belehrung darüber. Der Winzer
willfahrt und führt seinen Gast von der Stelle seines Land-
gutes, wo der Phönikier ihn bei der Arbeit getroffen hat, ın das
Innere seines Besitztums, bis in unmittelbare Nähe des Hei-
ligtums des Protesilaos — die landschaftliche Scenerie erfährt
dabei die im Dialog seit dem Phaidros beliebte breite Aus-
malung. — Das Hauptgespräch beginnt. Der Phönikier prä-
718) Ueber Dios Vorgänger Daphitas vgl. v. Wilamowitz, Commen-
tariol. gramm, ΠῚ, Göttingen 1889, p. 10 sqq. Crusius, Pauly-Wissowa
IV 2134.
72) Die Ansicht, daß es einen griechischen Diktys wirklich gegeben
hat, gewinnt mehr und mehr Anhänger. Für die Zeitbestimmung dieses
griech. Diktys dürfte es von entscheidender Bedeutung sein, wie die
Uebereinstimmungen zwischen Phil.s Heroikos und dem (lateinischen)
Dictys, die bes. H. Dunger, Dietys-Septimius, Progr. des Vitzthumschen
Gymn.s, Dresden 1878, S. 44 Ε΄, aufgezeigt hat, zu erklären sind.
33 ἢ
502 Karl Münscher,
cisiert seine Wünsche um Aufklärung (p. 135, 10 sqq.) genauer
dahin: 1) welche Bewandtnis es mit des Winzers Verkehr mit
Protesilaos habe (τὴν ξυνουσίαν, ἥτις ἐστί σοι πρὸς τὸν Ilpwre-
σίλεων nal ὁποῖος ἥκει), 2) ob des Protesilaos Aeußerungen
περὶ τῶν Τρωικῶν zur Darstellung Homers stimmen oder nicht.
Sein Bedenken, ob Protesilaos, der doch als erster auf troja-
nischem Boden gefallen sein sollte, vom eigentlichen trojani-
schen Kriege Kunde haben könne, wird als εὔηϑες durch den
Hinweis auf Protesilaos’ Wesenheit als ὀπαδὸς ϑεῶν abgelehnt
(p. 135, 17—136, 18). Die erste Frage des Phönikiers wird
zuerst beantwortet, zugleich die ganze Dämonen- und Heroen-
lehre behandelt. Der Phönikier wiederholt, er habe seinen
Kinderglauben an alles mythische verloren, besonders unglaub-
lich und lügenhaft erschienen ihm aber die Angaben über die
Größe der Heroen. Deren übermenschliche Größe wird nun
vom Winzer bewiesen, und zwar sozusagen experimentell, durch
den Hinweis auf die an vielen Orten zu Tage gekommenen,
über gewöhnliches Menschenmaß hinausgehenden Gebeine
(ρ. 137, 8—140, 25), an deren Auffindung in damaliger Zeit man
durchaus nicht zu zweifeln braucht”?); erst giebt er Beispiele
aus altvergangener, dann solche aus jüngst verflossener Zeit.
Der Phönikier dankt für die Belehrung und mahnt, nunmehr
von Protesilaos selbst zu berichten. Der Winzer spricht des-
halb von Protesilaos’ Grabmal und Heiligtum auf dem Cher-
sones”*), von seinem Aussehen, der Häufigkeit seines Erschei-
nens, seiner Liebe zu Laodamia, deren er auch jetzt noch ge-
nießt, seinen gymnastischen Uebungen u. a. (bis p. 145). Be-
3) Die Auffindung solcher Gebeine wird mehrfach erwähnt; vgl.
Schmid IV S. 572 Anm. 22 und außerdem Paus. 1, 35, 5—7. 8, 29, 3—4
(6, 5, 1); zu Herodot 1, 68 vgl. Gell. 3, 10, 11. Preger, script. orig.
Constant. p. 34, 15. Buresch, Klaros p. 41 und 48. Man versuchte
die Größe der Heroen auch anders zu berechnen nach Gell. 1,1. Sam
Wide fand in einem mykenischen Grabe bei Aphidnae ‘das Skelett
. eines dort begrabenen Riesenmannes, dessen Gebeine kolossale Ver-
hältnisse zeigen’, Berl. philol. Wochenschr. 1894 Sp. 1628, angef. v.
Schmid a. a. 0.
14) Die Erneuerung des Kults der trojanischen Helden bezeugt
für das II. Jhh. auch Lukian, deor. conc. 12, speciell auch den des Pro-
tesilaos auf dem Chersones sowie den des Hektor in Tlion, des Am-
philöchos in Kilikien, die Phil. auch weiter unten erwähnt; Aristid. or.
38, 21; Maxim. Tyr. diss. 15, 7. Die Stellen über den Protesilaoskult
bei Pape-Benseler 5. v. Vgl. auch Crusius, ‘Sagenverschiebungen’
(Sitzungsber. d. Bayr. Ak. 1905), Exkurs 1.
Die Philostrate. 503
sonderen Wert legt der Winzer auf das glückbringende Wir-
ken des Heros durch Prophezeihungen, die er mehrfach Athleten
erteilt hat (— 147,29), Krankenheilungen u. a. (—148, 30).
Nachdem so des Phönikiers Unglaube bez. des Protesilaos be-
seitigt ist, wird er über das Wirken der übrigen Heroendä-
monen belehrt, erst einer Reihe anderer, des Amphiaraos, Am-
philochos, Maron, Rhesos (bis p. 149, 27), dann der in und
bei Troja wirkenden, des Ajax, Hektor, Palamedes, Achilles,
Antilochos, Patroklos (— 155, 22); dabei werden aber die aus-
führlichen Mitteilungen über Achill auf seine gesonderte Be-
handlung (am Schlusse des ganzen Gesprächs) verschoben. Da-
mit ist der erste kürzere Teil abgeschlossen : der Phönikier hat
mehrfach zwischenein seine vollständige Umstimmung und
nunmehrigen Glauben an das Wirken der Dämonen ausge-
sprochen. — Der zweite Hauptteil folgt: περὶ τῶν Τρωιχῶν
(ρ. 155, 23 sqq.). Er zerfällt in 3 Unterabschnitte. Im ersten
werden die Kämpfe der Griechen in Mysien gegen Telephos
und seine Verbündeten ausführlich erörtert (bis p. 160, 27) —
seltsamer Weise der einzige Teil des trojanischen Feldzuges,
der in zusammenhängender Erzählung wiedergegeben wird.
Nichts davon steht im Homer: ein Exkurs erörtert die Frage,
ob Homer absichtlich oder unabsichtlich diese Dinge unbe-
rührt gelassen (p. 160,28 sqq.); sie wird in einem ἐγχώμιον
(161, 15 sqq.) und zahm gehaltenen ψόγος (p. 163, 2 5.4.) da-
hin entschieden, daß der Dichter mit voller Ueberlegung seinen
Absichten entsprechend seinen Stoff geformt habe. — Es folgt
der zweite Teil der Troika (164, 30 sqq.): einzeln werden die
trojanischen Helden abgehandelt, erst die Griechen, mit Nestor
beginnend, dann Diomedes und Sthenelos, Philoktet, Agamem-
non und Menelaos, Idomeneus, Aıax der Lokrer, Chiron, mit
besonderer Vorliebe Palamedes ὃ σοφιστής (p. 181, 3), mißgünstig
Odysseus, ruhmvoll der Telamonier Aiax, schließlich wird noch
Teukros kurz erwähnt. Ein Katalog der Trojaner folgt
Ρ. 189, 3 sqq.); Hektor eröffnet wie billig die Reihe, Aeneas,
Sarpedon, Alexander folgen, kürzer Helenos, Deiphobos, Poly-
damas, schließlich Euphorbos’°). — Nur Achilles fehlt: ihm
15). Daß das Proömium des Pseudoxenophontischen Kynegetikos ein
‚ Produkt der 2. Sophistik ist, leuchtet jedem ein, der es nach Nordens
504 Karl Münscher,
ist der 3. Teil der Troika allein gewidmet. Die lange schwung-
volle Erörterung über Achill, in der zugleich sein Freund Pa-
troklos (p. 203, 22) sowie sein Sohn Neoptolemos (p. 206, 26)
besprochen werden, die mit allerlei Lokalsagen durchwebt, so-
gar mit der Wiedergabe zweier Lieder, deren eins von Achill
selbst stammen soll, geschmückt ist, wird (wie die mysischen
Geschichten vom nachfolgenden) vom vorangehenden Heroen-
katalog durch einen zweiten Exkurs über Homer getrennt, der
in dem gleichen Gedanken gipfelt, Homer habe zwar die Wahr-
heit gekannt, nerexdopnoe δὲ πολλὰ ἐς τὸ συμφέρον τοῦ λόγου,
ὃν ὑπέϑετο (p. 195, 28). Die Beantwortung der Frage nach
der Heimat Homers wird dabei abgelehnt, da Protesilaos, ob-
wohl er natürlich auch hierüber das richtige weiß, sich darüber
nicht geäußert hat (p. 195, 30 sqq.). Gesondert wird schließ-
lich Achills Verehrung als Dämon, besonders in Thessalien,
und sein Leben und Wirken auf der Insel Leuke im Pontos
(p. 211, 13— 219,6) geschildert; damit lenkt Phil. wieder zu-
rück zum Inhalte des ersten Teils und ergänzt die dortigen
Angaben über den Heroenkult. — So sind wir am Einde des
Gesprächs angelangt (p. 219, 7 sqq.): der Phönikier preist den
Winzer ob seiner Götterfreundschaft; von seinen Zweifeln ist
keine Rede mehr. Er regt — in alter Dialogmanier — ein
neues Thema an: Protesilaos’ Kenntnisse und Bekenntnisse
über die Unterwelt wünscht er zu vernehmen. Der Winzer
lehnt die Fortführung des Gesprächs ab mit dem Hinweis auf
den hereingebrochenen Abend, verspricht aber Antwort am
nächsten Morgen. Mit dem Wunsche des Phönikiers, Poseidon
möge ihn nicht eher abreisen lassen, als bis er auch diese
zweite Rede vernommen habe, schließt der Dialog.
Es drängen sich die Fragen auf: wodurch ward Phil. ver-
anlaßt, eine theoretische Begründung des Dämonenglaubens
zu liefern? Weshalb verknüpfte er sie mit den Troika? Weshalb
traf er unter den Sagen des trojanischen Krieges gerade diese
Auswahl und gab ihr eine so eigentümliche Anordnung? —
Die Beantwortung dieser Fragen hat schon Kayser angebahnt
Bemerkungen (Ant. Kunstprosa I 5. 432 ff.) gelesen hat. Belege für ,
die Bekanntschaft Phil.s mit dem dortigen Heroenkatalog kann ich
aber nirgends entdecken.
Die Philostrate. ‘ 505
durch seine Vermutung (gr. Ausg. praef. Heroik. p. IID), Phil.
habe diesen Stoff gewählt aus Rücksicht auf Caracalla, den
neuen Alexander und Achilles. Wir können es bestimmter
. und treffender fassen: der Heroikos setzt Caracallas Aufent-
halt in Pergamon und Ilion im J. 214 voraus, ist nur aus den
damaligen Vorgängen an jenen beiden Orten zu verstehen,
durch sie erklärt sich sein Inhalt wie seine Form.
Von Thrakien kommend überschritt Caracalla 214 den
Hellespont: die stürmische See ließ ihn dabei sogar Schiff-
bruch leiden (Dio C. 77,16, 7. Spart. Carac. 5,8). Er eilte
nach Pergamon, Heilung suchend von schwerer Krankheit bei
des ‘Retters’ Asklepios weltberühmtem Heilistume (über dessen
Kult in Pergamon vgl. Thraemer, Pauly-Wissowa II 1661 u.
1674): willig und inbrünstig flehend unterwarf er sich allen
vorgeschriebenen Ceremonien (Dio Οὐ. 77,15, 5—7. vgl. die
Bestimmungen über den Eintritt ins ἐνχοιμητήριον, Fränkel,
Inschrn. v. Pergamon II 1895, Nr. 264); auch ihm sollte
die Inkubation (ὀνείρατα Herodian. 4, 8, 5) Heilung bringen.
Pausanias (5, 13, 3) entnehmen wir die wichtige Nachricht,
daß dem Eintritt ins Asklepieion vielfach Waschungen (wohl
mit dem heilbringenden Wasser jenes Brunnens, den Aristides
or. 49 preist, s. Z. 3 der gen. Inschr.) und Opfer an Telephos’®),
den mythischen Repräsentanten des Pergamenischen Reiches,
der Τηλεφίη γαίη (Dio C. 77, 16, 8), dessen Bewohner in dem
Pestorakel (Kaibel, Epigrammat. Gr. 1035, 11. Inschr. v. Perg.
Π 5. 239) als Telephiden angeredet werden, vorangingen; in
den Hymnen, die im Asklepieion gesungen wurden, ward des
Telephos an erster Stelle gedacht (Paus. 3, 26, 10). Dio ver-
sichert, daß Caracalla auch bei Asklepios, wie auch sonst nir-
sends, keine Heilung gefunden habe (77, 15, 5); die Stadt Per-
gamon, die dem Kaiser einen Tempel weihte, Inschrn. v. P.
Nr. 299), ließ Caracalla das nicht entgelten: sie erhielt neue
Privilegien von ihm (Dio C. 78, 20, 4); und die Arvalbrüder ver-
sammelten sich auch zu feierlichem Opfer, daß der Kaiser salvus
(atque incolumis) das Winterquartier in Nikomedeia bezogen habe
(Act. arv. a. 214b 5). Auf dem Wege dahin besuchte Caracalla
Tlion:: dort ließ er Alexanders Vorbilde folgend seiner romanti-
76) Telephoskult auch auf dem Parthenion in Arkadien Paus. 8, 54, 6.
en
506 Karl Münscher,
schen Achillesverehrung freien Lauf: er bekränzte das Grabmal
Achills, veranstaltete feierliche Umzüge der Truppen bei dem-
selben, verteilte Geldspenden an die Soldaten, als hätten sie ruhm-
voll das alte Ilion eingenommen, errichtete dem Heros eine eherne
Bildsäule, bestattete als neuer Achill seinen Freigelassenen
Festus mit prunkvoller Leichenfeier nach dem Muster der ho-
merischen ἄϑλα ἐπὶ Πατρόκλῳ (Dio C. 77, 16, 7. Herodian.
4,8, 3—5). — Von all diesen Vorgängen ist allerdings im
Heroikos kein Wort gesagt, und man ist im ersten Augen-
blick versucht, dies als einen terminus ad quem für die Ab-
fassung des Heroikos zu betrachten: ohne Zweifel ist aber das
chronologische Verhältnis das umgekehrte. Von Caracallas
Besuch in Pergamon und Ilion braucht Phil. nichts zu schrei-
ben; das war damals in aller Munde, und des Kaisers excen-
trischer Achilleskultus hatte gewiß bei vielen Verwunderung
und Widerwillen erregt. Unter solchen Voraussetzungen schreibt
Phil. sein Buch: er führt den Beweis für die Fortexistenz und
die Wirksamkeit der Heroen in der Gegenwart und rechtfer-
tigt so die Heroenverehrung, deren der Kaiser sich beflissen.
Namentlich Achills Wirken wird natürlich ausführlich behan-
delt, ihm deshalb ein besonderer Abschnitt gewidmet, dabei
auch jenes für Caracalla vorbildlichen Opfers gedacht (p. 209, 32),
das Alexander der Große dargebracht hatte, als er ‘gegen
Darius ziehend sich den Achilles in Troja zum Bundesgenossen
machte’’”’). Nun wird uns auch verständlich, weshalb Phil.
von allen Trojasagen gerade jenen Kampf in Mysien ausführ-
lich und an besonderer Stelle behandelt hat: dem Telephos
hatte Caracalla geopfert, über Telephos unterrichtet Phil. den
Kaiser und zwar, wie wir heute wissen, in überaus authenti-
scher Weise, mit Hilfe der pergamenischen Lokalsage, wie sie
für jedermann sichtbar am inneren Fries, an der Rückwand
der Säulenhalle des großen Altars, im Relief dargestellt und
vielleicht in einem höfischen Epos eines pergamenischen Gram-
matikers erzählt war. Bekanntlich ist mit Hilfe Phil.s die
Deutung mehrerer Reliefs jenes Frieses auf Telephos und die
7) Dies Opfer bildete den Stoff einer Schrift Dikaiarchs, περὶ τῆς
ἐν Ἰλίῳ Yvolag Athen. 13, 80 p. 603%, die Hirzel, Dialog I 5, 319 (auch
911 Anm. 2) als Dialog ansieht. — Auch Apollonios sollte am Grab-
hügel Achills geopfert haben, v. Ap. 4, 11 p. 131, 12 sqg.
Die Philostrate. 507
Kaikosschlacht, die Teilnahme seiner Gattin Hiera und seiner
Bundesgenossen am Kampfe gelungen’?). — Zwei Heroen,
Achilles und Telephos boten die Tatsachen dem Phil. zur
Behandlung dar; ihre Verbindung hatte ein Bedenken: die
Telephossage fehlte bei Homer. War sie deshalb minder wahr?
Mit nichten ; weshalb aber hatte Homer sie dann bei Seite
gelassen? So ward es notwendig für Phil., Homers Stellung
zu seinem Stoffe zu erörtern, die Gründe darzulegen, weshalb
er das eine dichterisch verwertet, das andere verschwiegen
habe. Dabei sollte natürlich an Homer keine harte Kritik
geübt werden (s. p. 161, 32 τοὺς μὴ ἐρῶντας αὐτοῦ μαίνεσθαι):
seine Abweichungen von der ‘Wahrheit’ mußten aus seinen
besonderen dichterischen Absichten erklärt werden. Für diese
‘Wahrheit’ aber mußte ein möglichst glaubwürdiger Gewährs-
mann gewonnen werden: Phil. ergriff den Ausweg, der schon
oft genug betreten worden war 79), durch eine Fiktion seinem
Berichte über Troja den Stempel der Authentie aufzuprägen:
einen der Heroen selbst machte er zum Verkünder der neuen
Wahrheit über Homer, Protesilaos. So findet der zweite Teil
des Heroikos seine Erklärung, die Absonderung der Telephos-
und Achillessagen von den übrigen trojanischen Helden und
ihre Stellung am Anfang und Ende der Troika, sowie das Ein-
᾿ schieben der beiden Exkurse über Homer. Aber auch der
Heros Protesilaos selbst war für Phil. — und damit schließt
sich die Kette der Beweise für die Beziehungen des Heroikos
auf das J. 214 — durch die damaligen Ereignisse gegeben.
Caracalla wollte ins Winterlager nach Nikomedeia, trotzdem
setzte er nicht über den Bosporus, sondern über den Helles-
pont nach Asien über. Die Wahl dieses Weges war nicht
bloß durch die Absicht Pergamon zu besuchen veranlaßt, mehr
18) Diese Entdeckung verdanken wir C. Robert, Beiträge zur Er-
klärung des Pergamenischen Telephos-Frieses, Jahrbuch des deutschen
arch. Inst.s, II 1837, S. 255 ff. Dazu E. Thrämer, Pergamos, Lpzg. 1888,
im Exkurs S. 382 ff, Vgl. Führer durch das Pergamon-Museum, Berlin
1904, 5, 30 ff. Neuerdings Brückner in seinem Vortrage der archäol.
Gesellschaft zu Berlin ‘Wann ist der Altar von Pergamon errichtet”,
Berl. philol. Wchschr. 1905 Sp. 267 ff. (300 ff. 333 8). Der Kampf des
Telephos mit Achill war auch am Tempel der Athena Alea in Tegea
dargestellt, Paus. 8, 45, 7.
19) Wie beliebt solche Fiktionen waren, ist bekannt; man denke
nur an Apions Schwindeleien ; (Mommsen, Röm. Gesch. V * 8. 517 Anm. 2).
508 Karl Münscher,
noch durch das Beispiel Alexanders des Großen (vgl. P. v. Rohden,
Pauly-Wissowa II 2448). Seit er Thrakien betreten, war (a-
racalla ‘Alexander’ (Herodian. 4, 8,1). Nun wissen wir, daß
dieser von Sestos kommend nach Eleus zog und dort am Grab-
mal des Protesilaos opferte: ὅτι χαὶ Πρωτεσίλαος πρῶτος ἐδόκει
ἐχβῆναι ἐς τὴν ᾿Ασίαν τῶν λλήνων τῶν ἅμα ᾿Αγαμέμνονι ἐς
Ἴλιον στρατευσάντων (Arrian. Anab. 1, 11,5). Die Vermutung
ist unabweislich, daß Caracalla auch hierin seinem großen Vor-
bilde gefolgt ist und dem Protesilaos in Eleus seine Verehrung
bewiesen hat. Diesen Heros, den ersten der drei, denen Caracalla
huldigte, machte Phil. zum Vermittler der Wahrheit über die
homerischen Helden; so erklärt sich die breite Schilderung
der dämonischen Wirksamkeit des Protesilaos (besonders seiner
Prophezeihungen, die er Athleten gegeben, zu denen sich Ca-
racalla ja mit Vorliebe zählte), ebenso seine geflissentliche
Bevorzugung in der Beschreibung der Kaikosschlacht.
Sind meine Ausführungen zutreffend, so ist damit der
Heroikos, für dessen Abfassung wir oben die Jahre 213—219
feststellten, genau datiert. Im Winter 214/5 ward er von Phil.
begonnen — und vielleicht auch vollendet. Letzteres ist frei-
lich nicht mit Sicherheit zu behaupten, aber es mußte doch
Phil. daran gelegen sein, mit seinem Buche dem Kaiser auf-
zuwarten, solange dessen Erinnerung an das Erlebte noch
frisch, seine Alexander-Achillesbegeisterung noch nicht ver-
flogen war. Wir wissen, der Lemnier gewann 215 in Niko-
medeia die Gunst Caracallas durch eine μελέτη. . Entweder
hatte er sich vorher schon durch den Heroikos bei Caracalla
empfohlen, oder er stattete damit seinen Dank für die erhal-
tene Auszeichnung ab, oder aber — und das erscheint mir
am einleuchtendsten — μελέτη ist in der Bioistelle nicht im
speciellen Sinne von Rede (Controversie oder Suasorie) im Ge-
gensatz von διάλεξις, sondern allgemeiner als ‘Vortrag’ zu fas-
sen, und jene Melete ist nichts anderes als der Heroikos selbst,
dessen Recitation vor Caracalla Phil. — man denke an Lu-
kians Öffentlich vorgetragene Dialoge — die Atelie einbrachte,
dann wäre der Heroikos sicher im J. 215 verfaßt.
Was wir des weiteren über das Leben des ‘Lemniers’ Phil.
erfahren, weist uns zunächst nach Rom und Italien. Eine
Die Philostrate. 509
Anekdote in den v. soph. (p. 123, 16 544.) bringt ihn mit
Ailianos zusammen. Nach Elagabals Tode traf Phil. diesen,
' wie er mit zornerfüllter Stimme eine κατηγορία τοῦ γύννιδος
' recitierte: höhnisch genug bemerkte Phil., ich hätte dich be-
wundert, wenn du ihn bei seinen Lebzeiten angeklagt hättest.
Das Geschichtchen fällt also ins J. 222, den Anfang der Re-
gierung des Severus Alexander. Nach Italien versetzt uns auch
das Proömium der Eikones. Eine Neapler Gemäldegalerie giebt
Phil. vor zu beschreiben; als Veranlassung seines Aufenthaltes
in Neapel nennt er den musischen Agon, der, wie wir wissen
(vgl. Vollmer, zu Stat. silv. 2, 2,6), in vierjähriger Periode an
den Augustalien veranstaltet wurde. Daß der Rhetor solche
Festfeier wirklich besucht hat, ist nicht zu bezweifeln °°). Of-
fenbar hat der Lemnier, angereizt durch seine Erfolge am
Kaiserhofe (während sein älterer Verwandter sich in Syrien
aufhielt), in Rom versucht dauernd festen Fuß zu fassen. Es
ist ihm mißlungen. Es war verhängnisvoll, daß er mit jenem
Ravennaten Aspasios, der wie wahrscheinlich schon unter Ca-
racalla auch noch unter Alexander die kaiserliche griechische
Kanzlei und den rhetorischen Lehrstuhl in Rom, den πρῶτος
ϑρόνος (vgl. Bücheler, Rhein. Mus. 61, 1906, 5. 140), inne
hatte, dem der letzte der Bioi gewidmet ist (vgl. oben 5. 471),
sich verfeindete. Phil. scheint gehofft zu haben, den alternden
Aspasios aus seiner Stellung verdrängen, seinen Platz selbst
einnehmen zu können. Aspasios wollte aber noch nicht in den
Ruhestand treten (p. 125, 32 ynpdorwv δὲ ξὺν αἰτίᾳ τοῦ μὴ
ἑτέρῳ ἀποστῆναι βούλεσϑιαι), und Phil. verließ. Rom. . In Klein-
asien (ἐν Ἰωνίᾳ sagt Phil. p. 126, 8) 81), wohin sich der Lem-
nier zunächst gewandt haben muß — wir erinnern uns seiner
Bekanntschaft mit den Städten Kl.-Asiens und der Beziehungen
der Philostrate zu Erythrae — wurde das Zerwürfnis mit Aspa-
sios und seinem Anhang verschärft, in welcher Weise, ist nicht
°°) In Uebereinstimmung damit sagt er p. 365, 20 τὸν ᾿Εγκέλαδον
ἐν Ἰταλίᾳ ταύτῃ. Bereits der Heroik. enthält Pie Erwähnung Neapels
und des Vesuv (p. 140, 10 sqgq.).
81) «Jonien’ ist bei Phil. das Küstenland ΚΙ. -Asiens. Vgl. mit der
Stelle p. 126, 2 die wörtlich übereinstimmende p. 10, 14, sowie 46, 13
und 24; 89, 30 (ἐν Ἰωνίᾳ im Gegensatz zu Mysien); 101, 5 (Geg. Athen
und Italien); im gleichen Sinne p. 101, %2 Ἰωνικὴ ἰδέα, 119, 11 Ἰωνικὴ
ἄχρόασις.
510 Karl Münscher,
klar, durch zwei andere Sophisten Aurelius und Cassianus®?),
über die Fl. Phil. sich deshalb — schwerlich ganz unparteiisch
— sehr abfällig und mißgünstig äußert. Dieser scheint selbst
in den Streit, natürlich zu Gunsten seines Verwandten, mit ein-
gegriffen zu haben, wenn wir (vgl. auch Schmid IV 8. 543)
eine Hindeutung auf eine uns sonst unbekannte Schrift mit
Recht in dem Satze finden (p. 126,9) repi ...... τοῦ τρόπου τῆς
διαφορᾶς εἴρηταί μοι, χἀὶ τί ἂν αὖϑις ἑρμηνεύοιμι τὰ ἀποχρῶν-
τως δεδηλωμένα. Jener Cassianus scheint damals in Konkur-
renz gegen den Lemnier seine Ernennung zum kaiserlichen
Professor in Athen durchgesetzt zu haben: der Lemnier kehrte
dahin zurück — ohne Professur.
Ein Erzeugnis dieses, wie schon des älteren Phil. Schrift
zeigt, zum Teil wenigstens litterarisch ausgefochtenen Docen-
tenstreites, erwähnt Fl. Phil., eine ἐπιστολὴ περὶ τοῦ πῶς δεῖ
ἀποστέλλειν, einen offenen Brief des Lemniers gegen Aspasios ;
'πρὸς τὸν ᾿Ασπάσιον τείνει heißt es p. 126, 20, d. ἢ. der Brief
nannte keinen Adressaten®°), durch seinen Inhalt polemisierte
er gegen Aspasios. Nun ist in einigen codd. der den Namen
Phil. tragenden Briefsammlungen den übrigen ein Brief über
den ἐπιστολιχὸς χαραχτὴρ τοῦ λόγου angefügt (die Mynashdschr.
des Gymnastikos läßt ihn diesem folgen, 5. 5. 553 Anm. 160);
im Paris. 1696 mit der Ueberschrift ᾿Ασπασίᾳ (Phil. epist. ed,
Boissonade, Paris 1842, als epist. 1, wie in den älteren Ausgg.,
bei Kayser II p. 257 als διάλεξις I herausgeg.). Daß dies eben
jener in den Bioi erwähnte Brief des Lemniers sei, ist längst
erkannt worden.(vgl. Boissonade p. 50), schon von dem Leser, der
in seiner Handschrift das ᾿Ασπασίῳ (wofür ᾿Ασπασίᾳ nur Ver-
schreibung ist) hinzufügte. Kayser (gr. Ausg. praef. epist.
p. V) hat diese Identificierung für trügerisch erklärt; sie wird
als richtig erwiesen durch eine Vergleichung der Inhaltsan-
gabe, die die Bioi von dem Briefe des Lemniers geben, mit
dem erhaltenen Schriftstücke. Nach Aufzählung von muster-
giltigen Epistolographen, unter denen der Tyaneer (d. 1. Apol-
lonios) nicht fehlt, stellt der Brief 4 Forderungen auf für den
#2) Ueber beide wissen wir sonst nichts; s. Schmid, Pauly-Wissowa
II 2432 Nr. 10. III 1667 Nr. 9.
#3) Das betont Olearius, bei Boissonade p. 49, 2.
Die Philostrate. 511
Briefstil®*): erstens die Mitte zu wahren zwischen gewöhnli-
cher und kunstmäßiger Ausdrucksweise, sachlichen, aber nicht
die Eleganz vernachlässigenden Stil zu schreiben, und zweitens
die passende Figuration der Rede zu erreichen durch Meiden
- der Figuren. Die zwei letzten, am breitesten behandelten For-
derungen, Meiden kunstvoller Periodisierung, die zur Rede, nicht
zum Briefe passe (ἀγωνιστικώτερον γὰρ ἡ κατὰ ἐπιστολὴν τοῦτο
p. 258, 18). und unbedingtes Erstreben der σαφήνεια, decken
sich mit den beiden ın den Bioi erhobenen Vorwürfen, des
Aspasios Kaiserbriefe seien teils ἀγωνιστικώτερον τοῦ δέοντος,
teils οὐ σαφῶς verfaßt. Wie des Aspasios Name in dem Briefe
nicht genannt wird, wird auch die Schlußfolgerung, daß näm-
lich, wer die Gesetze des Briefstils nicht kenne, nicht kaiserlicher
ἐπιστολεὺς sein oder bleiben sollte, dem kundigen Leser über-
lassen — eine formell feine, wie sachlich scharfe Art der Polemik !
Dieser Brief (so nennen die Bioi das Werkchen, und es
ist falsch, es mit Kayser als διάλεξις aufzufassen) 55) tritt also
als drittes erhaltenes Werk des Phil. Lemnios neben den He-
roikos und die Eikones. Es wäre eine starke Instanz gegen
die Giltigkeit dieses Ergebnisses, wenn auf richtiger Beobach-
tung beruhte, was Schmid, Atticismus IV 5. 8 Anm. 7 schreibt:
‘nur durch sorgfältige Vermeidung des Hiatus unterscheidet
sie (nämlich die Dialexis, wie Schm. nach Kayser den Brief
nennt) sich wesentlich von den Werken des zweiten Philostra-
tus’. Der Brief enthält nach Abrechnung der auch sonst bei
Hiat meidenden Schriftstellern gestatteten Vokalzusammenstöße
(nach dem Artikel p. 258, 4. 6. 12. 21; nach xai p. 258, 7
u. 2; μὴ 11 und 12; in der Pause 15) sowie der durch
Elision beim Sprechen beseitigten (δὲ Z. 2 u.s.w.; προειρημέν᾽
84) Was wir von antiker Theorie über Epistolographie wissen,
stimmt sachlich ziemlich überein, wie das Radermacher im Kommentar
zu Demetrius de elocutione p. 109 ausgesprochen hat. Vgl. etwa zu
Phil.s dritter Forderung Demetr. 229, zur ersten 231 und 235, sowie
190 über das ἰσχνόν, zur vierten und zweiten 191.
88) Ein Citat daraus bei Proklos περὶ ἐπιστολιμαίου χαρακτῆρος,
Epistologr. gr. ed. Hercher p. 7, und zwar wird der Autor treffend
Φιλόστρατος ὃ Λήμνιος genannt. — Der Schlußsatz τῶν νοηϑέντων τὰ μὲν
χοινὰ χαινῶς φράσωμεν, τὰ δὲ καινὰ χοινῶς (vgl. Lukian Hipp. 8) ist eine
Variation der durch Isokrates (4, 8. vgl. Nr.9 der Apophthegmen, Isocr.
ed. Blass II p. 278) allgemein verbreiteten, bereits von Teisias und
Gorgias (nach Plat. Phaidr. p. 267 Α) gebrauchten Antithese.
512 Karl Münscher,
ἢ 21; χατ᾽ ἐπιστολὴν 19; ὡραϊζοιτ᾽ ἐς 16) vier schwere Hiate
(Z. 16 βραχυλογία ὡραϊΐζοιτο, 17 στενὴ οὖσα, 26 ἔξω εὐτελείας,
19 μή ποὺ ἐπὶ) in 29 Zeilen Teubnertext, auf 7—8 Zeilen
einen Hiat. Das ist keine sorgfältige Meidung des Hiatus,
ebensowenig wie sie in andern Philostratischen Schriften zu
verspüren ist °). Gleich sehr oder gleich wenig, sogar schein-
bar noch sorgfältiger Hiat meidende Partien sind leicht in den
andern Schriften zu finden; z. B. Eik. 1,6: nach Abzug der
erlaubten (zu denen auch der nach περὶ p. 302, 14. 303, 4
und der nach ὅτι 304, 13 gehören würde) bleiben als feste
Hiate 302, 2 στρωμνὴ εἶναι, 302, 11 χρυσᾶ ἐνίοις, 302, 29
πόϑου ἄρχονται, 303, 11 οὐκέτι ol λοιποὶ ἔχουσιν, 303, 29 πει-
ρῶνται αὐτὸν, 303, 80 ᾿Αφροδίτῃ ἥδιστον, 804, 1 ἃ ἔτεχε, 304,
16 περόναι ai, von denen wohl noch οὐκέτι οἱ (303, 11) nach
Heroik. 219, 13 durch Elision und ἃ ἔτεχε (304, 1) durch Zu-
sammenziehung (vgl. Isokr. 12, 3 ἁγὼ) zu beseitigen wären,
ἃ. ἢ. 7 (bez. 9) Hiate in 93 Teuwbnerzeilen, auf 13 (bez. 10)
Zeilen ein Hiat. Etwa das gleiche Verhältnis liefert der
Schluß des Heroikos (von p. 216, 6 an), in 122 Zeilen 12
(oder 13) Hiate, auf 10 (bez. 9) Zeilen ein Hiat. An diesen
Stellen ist an bewußtes Vermeiden des Vokalzusammenstoßes
nicht zu denken, ebensowenig aber auch in dem Briefe.
Zeitlich wird dieser etwa in die ersten Jahre der Regie-
rung des Severus Alexander gehören. Ueber die Abfassungs-
zeit der Eikones ist genaueres gleichfalls nicht zu ermitteln.
Nur soviel läßt sich sagen: der Verfasser spricht von sich
selbst im Proömium als einem bekannten und berühmten
Manne, um den sich, wenn seine Anwesenheit in einer Stadt
bekannt wird, die Menge der Studierenden neugierig drängt
(p. 295, 16 sqq.). Die ‘Bilder’ sind also nicht das Werk eines
aufstrebenden Jünglings, sondern eines Mannes auf der Höhe
seines Ruhmes. Wir werden daher mit Recht ihre Abfassung
nicht nur nach der des Heroikos ansetzen, sondern auch nach
86) Lediglich in der Verteidigungsrede des Apollonios (v. Ap. 8, 7
Ῥ. 301, 32 544.) ist vielleicht absichtliches Meiden des Hiates (aber auch
ohne strenge Observanz) anzunehmen; vgl. Schmid IV S. 469 f.; da
verläßt Phil. seine sonst immer geübte ἀφέλεια. Als Curiosum sei er-
wähnt, daß C. H. Cobet diese Rede als echt, ἃ. ἢ. wirklich von Apol-
lonios gehalten ansah (Mnemosyne VII, 1859, p. 150 sqq.).
Die Philostrate. 518
jener Zeit längeren Verweilens in Rom und Italien, also auch
nach dem Streit mit Aspasios und nach dem ‘Briefe’. Neapel
ists, wo ihn die lernbegierige Jugend so umschwärmt haben
soll, für Griechenland aber und in Griechenland schreibt er,
wenn er sagt: 6 παρὰ τοῖς Νεαπολίταις ἀγών, ἣ δὲ πόλις ἐν
Ἰταλίᾳ ᾧκισται γένος "EAAnves καὶ ἀστυχοί; in Athen also, wo
der Lemnier später neben seinem älteren Verwandten tätig
war (5. S. 489), werden die Eikones verfaßt sein (vgl. Kayser
gr. Ausg. praef. Eik. p. V).
Die Bilderbeschreibungen gehören unter den Begriff &x-
φρᾶσις, in der damaligen Rhetorik eins der προγυμνάσματα;
γραφικῆς ἔργων ἔχφρασις nennt der Verfasser der "jüngeren
Eikones (p. 390, 10) das ihm vorbildliche Werk seines Groß-
. vaters. Doch ist es bemerkenswert, daß die Progymnasmatiker
Theon und Hermogenes (ihnen folgend auch Aphthonius)°”) bei
Behandlung der Ekphrasis die Beschreibung von Bildern oder
Statuen mit keinem Worte erwähnen. Die Praxis hat da die
Theorie überflügelt und in der Gemäldebeschreibung die be-
quemste Form der anmı höchsten bewerteten μιχτὴ Exppaoıs ent-
deckt, die mehrere der einfachen Ekphrasen von πρόσωπα,
πράγματα, τόποι und χρόνοι umfaßt. Beispiele von Ekphrasen,
die wirklich vorhandene oder fingierte Gemälde oder Statuen
beschreiben, haben wir nicht wenige bei Lukian, Apuleius u. s.
(vgl. darüber Matz, de Philostratorum in describendis imaginibus
fide, Bonn 1867, p. 9 sqq.). Phil.s Vorgänger in der Edition
einer Ekphrasensammlung in Buchform war der Makedonier
Nikostratos, den Suidas als Zeitgenossen des Dio und Aristides
unter Kaiser Marcus ansetzt°®). Die einzelne Bilderbeschrei-
51) Erst bei Nikolaos (Spengel III p. 492) stehen detailirte An-
weisungen für die Ekphrasis von εἰκόνες und ἀγάλματα; in seinen Muster-
progymnasmen enthält das 12. Kapitel (Walz I p. 394—414) unter 11
Ekphrasen 10 Beschreibungen von Bildwerken; die Ausnahme ist Nr. 7
ταῶνος ἔχφρασις (vgl. Libanios, Reiske IV p. 1073). In Libanios Pro-
gymnasmensammlung sind Bilderbeschreibungen dünn gesät (Reiske IV
p- 1048. 1057. 1056, letztere ganz in Phil.s Art; 5. 24 ἃμιλλᾶται 7
ypapm πρὸς τὰ ἔπη, p. 1095, 6 ζηλώσει... καὶ τὸ μέτρον ὃ λόγος), zahl-
reicher Statuenbeschreibungen (ΠΥ p. 1066. 1068. 1081. 1082 u. s.). “Βοεϊ-
spiele von Ekphrasen aller Art behandelt Leo, de Statii silvis, Göttingen
1893, p. 5 sqg.
88) Wenigstens wenn der Titel εἰκόνες im speziellen Sinne -von Bil-
der beschreibungen zu verstehen ist (bei Fronto epist. 3,7 und 8 steht
εἰκών ın weiterer Bedeutung für ἔχφρασις überhaupt. Suet, gramm. 4
514 Karl Münscher,
bung ist ein rhetorisches Musterstück, die Gesamtheit der
Eikones aber, das ganze Buch, stellt sich bei Phil. als ein
einheitlicher Lehrvortrag dar, den er dem 10 jährigen Sohne
seines neapolitanischen Gastfreundes sowie andern Zuhörern
hält. Der Schluß der Einleitung des Werkes erscheint als
kurze dialogische Einführung in die Situation, dann folgt der
Vortrag des Meisters, der nur an einer Stelle (p. 363, 29)
durch eine Antwort des Zuhörers unterbrochen wird (hierüber
die praef. d. Wiener Ausg. p. XX sq.). Phil. benutzt also
die bekannte®?®) Form des philosophischen Lehrvortrags mit
dialogischer Einkleidung und, um sein Rivalisieren mit der
alten Feindin der Rhetorik, der Philosophie, erst augenfällig
zu machen, nennt er seine Dialexeis mit dem von alters her
bei Philosophen üblichen, nun auch bei den Christen ange-
wandten Ausdrucke für belehrende Vorträge (vgl. Norden, Ant.
Kunstprosa II 1898 5. 541): ὁμιλίαι (imag. p. 295, 11; im
gleichen Sinne auch v. Ap. p. 93, 20. Vgl. Schmid, Atticis-
mus IV 5. 367), wie er im Heroikos die Form des philosophi-
schen Dialoges benutzt. Ἢ
Eine interessante Notiz über das Leben des Verfassers
geben uns noch die Eikones. In der Einleitung, in der einige
allgemeine Bemerkungen über Malerei vorangeschickt werden,
nennt Phil. einen Aristodemos aus Karien, der, selbst aus-
übender Künstler, über Maler und ihre künstlerischen Erfolge
geschrieben hatte (vgl. Brunn, Gesch. d. griech. Künstler, II
braucht dafür paraphrasis; rhet. 1 fehlt die Ekphrasis in der Aufzählung
der Progymnasmata). Die eixöveg des Nikostratos nennt Suidas zwischen
den Buchtiteln δεκαμυϑία und πολυμυϑία (vgl. Hermog. r. ἰδ. p. 420, 14);
waren das auch Sammlungen von Progymnasmen? (Der Mythos ist bei
Theon und seinen Nachfolgern das erste Progymnasma). Nik. gilt als
Muster der ἀφέλεια, vgl. Usener, Dionysii Hal. qu. f. ars rhet., 1895
praef. p. VI. s. oben S.495). Nach Suidas und Schol. Lukian. de sal-
tat. 69 p. 144 (Jakobitz IV) gehörte er neben Phil. zu der jüngeren
Dekas von Sophisten, von denen es aber in Wahrheit einen ‘Kanon’
(Phil. v. soph. p. 72,10. Anth. Pal. 7,573,2, dazu Stadtmüllers Note)
niemals gegeben hat (vgl. Steffen, de canone qui dieitur Aristophanis
et Aristarchi, Lpzg. 1876, p. 51). — Mit der sophistischen Bilderbe-
schreibung haben nichts zu tun die Imagines Varros und des Atticus
(Teuffel-Schwabe, 166,5 und 172,2d). Fürsts Vermutung (Philol. 61
p. 386 Anm. 35), daß ‘die Schilderung der körperlichen Erscheinung
eine nicht geringe Rolle’ in deren prosaischem Texte gespielt habe, ist
schwerlich richtig; statt dessen waren eben die Porträts selbst beige-
eben.
89) Vgl. Schmid, Attic. IV 8. 535.
Die Philostrate. 515
1889, 5. 208). Mit diesem hat Phil., ‘wie ΘΙ δασύ, 4 Jahre
der Malerei zu Liebe in Gastfreundschaft zusammengelebt, ihn,
wie es scheint, in seinem Hause gehabt?°). Das ist nicht nur
ein Beweis für große Wohlhabenheit Phil.s, noch mehr für
seine wirklich künstlerischen Interessen. Daß er also bei seinen
‘Bildern’ auch Reminiscenzen an vorhandene Kunstwerke, die
. er gesehen hatte, mit verwendet hat, ist überaus wahrschein-
lich, wie es andererseits sicher erscheint, daß die Einkleidung
des Buches eine Fiktion ist und die einzelnen Ekphrasen nach
dichterischen Vorbildern komponiert sind 31).
Sonstige Ueberlieferung lehrt über den Lemnier nichts;
nur‘ Tzetzes sagt vom Verfasser des Heroikos (Posthomer. 503)
ᾧΦλάυιος ὡς ἐρέει (mit Bezug auf den Tod der Polyxena,
Heroik. p. 205, 5 sqq.). Ist das keine Verwechselung mit
dem älteren Fl. Phil., dem Verfasser der v. Ap. und v. soph.,
‚so wird dadurch wahrscheinlich, daß der in dem schon ange-
führten Ephebenverzeichnisse (S. 490) genannte Archon Lukios
Flavios Philostratos aus Steiria eben der im allgemeinen als
‘Lemnier’ bezeichnete Phil. ist. Er hätte dann also im 72.
(oder 63. oder 67.) Lebensjahre das Archontat bekleidet.
Suidas (s. S. 517) enthält noch die Angabe, daß dieser Phil.
in seiner engeren Heimat Lemnos gestorben und begraben sei.
3. Die Philostrate beı Suidas.
Wenden wir uns nun an Suidas! Er behandelt (natürlich
nach Hesychius Illustrius) 3 Philostrate; sein Artikel lautet:
Φιλόστρατος, Φιλοστράτου τοῦ καὶ Βήρου, Anpviov σοφιστοῦ,
χαὶ αὐτὸς δεύτερος σοφιστής, σοφιστεύσας ἐν ᾿Αϑήναις, εἶτα ἐν
Ῥώμῃ, ἐπὶ Σεβήῤου τοῦ βασιλέως nal ἕως Φιλίππου. ἔγραψε
μελέτας. ἐπιστολὰς ἐρωτικάς. εἰκόνας tor ἐχφράσεις ἐν βιβλίοις
δ΄, διαλέξεις, αἶγας ἢ περὶ αὐλοῦ. ᾿Απολλωνίου βίον τοῦ Τυανέως,
. 90) Phil. sagt: ὃν ἐγὼ ἐπὶ ζωγραφίᾳ ξένον ἐποιησάμην ἐτῶν τεττάρων.
Die Uebersetzung bei Westermann: in cuius ego picturae causa per
quadriennium hospitio fui scheint mir den Sinn gerade umzukehren.
91) Die neuere Litteratur über den zwischen Friederichs und Brunn
geführten Streit über die Realität der Philostratischen Gemälde ver-
zeichnen die beiden Wiener Ausgg. der Eikones, Phil. mai. p. XXVIII,
iun. p. LIV. Auf den extremen Standpunkt, den Friederichs einnahm,
‚stellt sich C. Robert, Studien zur Ilias, 1901, S. 19.
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 34
u
516 Karl Münscher,
ἐν βιβλίοις η΄. ἀγοράν. ἡρωϊκόν. βίους σοφιστῶν, ἐν βιβλίοις δ΄.
ἐπιγράμματα καὶ ἄλλα τινὰ. πλὴν πρῶτος ὀφείλει χεῖσϑαι
Φιλόστρατος ὃ πρῶτος, Λήμνιος, υἱὸς Βήρου, πατὴρ δὲ τοῦ
δευτέρου Φιλοστράτου, σοφιστὴς χαὶ αὐτός, σοφιστεύσας ἐν ᾿Αϑή-
γαῖς, γεγονὼς ἐπὶ Νέρωνος. ἔγραψε λόγους πανηγυριχοὺς πλείστους
χαὶ λόγους ᾿᾿λευσινιακοὺς δ΄, μελέτας. ζητούμενα παρὰ τοῖς
ῥήτορσι. ῥητοριχὰς ἀφορμάς. περὶ τοῦ ὀνόματος" ἔστι δὲ πρὸς
τὸν σοφιστὴν ᾿Αντίπατρον. περὶ τραγῳδίας βιβλία γ΄. γυμναστι-
χὸν " ἔστι δὲ περὶ τῶν ἐν ᾿Ολυμπίᾳ ἐπιτελουμένων. λιϑογνωμικόν.
Πρωτέα. κύνα 7 σοφιστήν. Νέρωνα. ϑεατήν. τραγῳδίας μγ΄.
κωμῳδίας ιδ΄, καὶ ἕτερα πλεῖστα καὶ λόγου ἄξια
Φιλόστρατος, Νερβιανοῦ, ἀδελφόπαιδος Φιλοστράτου τοῦ
δευτέρου, Λήμνιος, χαὶ αὐτὸς σοφιστὴς nal παιδεύσας ἐν ᾿Αϑή-
γαις, τελευτήσας δὲ χαὶ ταφεὶς ἐν Λήμνῳ, ἀκουστῆς τε χαὶ γαμ-
βρὸς γεγονὼς τοῦ δευτέρου Φιλοστράτου. ἔγραψεν εἰκόνας. παν-
admvainov. Τρωικόν. παράφρασιν τῆς “Ομήρου ἀσπίδος. μελέτας
ε΄. τινὲς δὲ καὶ τοὺς τῶν σοφιστῶν βίους En’ αὐτὸν ἀναφέρουσιν.
Der bei Suidas voranstehende Phil. ist identisch mit dem
von uns zuerst besprochenen Fl. Phil., denn unter seinen
Schriften nennt Suidas die v. Ap. und v. soph. (über die Ver-
schiedenheit der Buchzählung s. S. 492 Anm. 54). Am Schluß
des Artikels über den dritten Phil. wird noch die unbedingt irrige
Meinung ‘einiger’ erwähnt: τινὲς δὲ Aal τοὺς τῶν σοφιστῶν
βίους En’ αὐτὸν ἀναφέρουσιν. Wir erfahren also den Namen
des Vaters, des Fl. Phil., der selbst Phil. hieß und Sohn eines
Verus war. Schon der Vater war Sophist (Anpviov σοφιστοῦ),
deshalb heißt es von Flavios: χαὲὶὲ αὐτὸς δεύτερος σοφιστής.
Dann die Orte seiner Wirksamkeit, Athen und Rom; hier fehlt
sein syrischer Aufenthalt und die spätere Rückkehr nach Athen.
ἐπὶ Σεβήρου τοῦ Καίσαρος καὶ ἕως Φιλίππου (244—249); die
letzte Angabe ergänzt unser Wissen (s. S. 494).
An zweiter Stelle spricht Suidas vom Vater des Flavios;
da dieser der II. der Zeit nach, ist der Vater natürlich der I.
Von der chronologischen Reihenfolge ist also im Suidasartikel
doch wohl absichtlich Abstand genommen und der am be-
deutendsten Erscheinende der Philostrate an die Spitze gestellt
worden; diese Abweichung ist aber hinreichend deutlich hervor-
gehoben durch die Worte, die dem an zweite Stelle gerückten
Die Philostrate. 517
Artikel über den ältesten Phil. vorangestellt sind: πλὴν πρῶ-
τος ὀφείλει κεῖσθαι"). Von Phil. I, dem Vater des Fl. Phil. II.,
erfahren wir nur noch, daf auch er bereits in Athen tätig
war, und zwar γεγονὼς ἐπὶ Νέρωνος, d. h. blühend unter Nero.
Diese Angabe ist unweigerlich falsch, und auch Gronows Kon-
jektur ἐπὶ Νερούας vermag daran nichts zu bessern’®). Die
Lebenszeit des Sohnes bestimmt auch die des Vaters. Und
Suidas widerlegt seine Angabe selbst: er nennt im Schriften-
verzeichnis dieses Phil. ein Werk περὶ τοῦ ὀνόματος " ἔστι δὲ
πρὸς τὸν σοφιστὴν ᾿Αντίπατρον ; damit. ist eben jener Antipatros
gemeint°*), dessen Beziehungen zu Phil. II. und dem Kaiser-
hause wir betrachtet haben; Antipatros ist 144 geboren, eine
gegen ihn gerichtete Schrift muß mindestens 20—30 Jahre
später fallen. Der Sohn des Phil. I., Phil. II., ist um 170
geboren. Das ergiebt als Lebenszeit für Phil. I. auch die
2. Hälfte des II. Jhhs., seine Geburt wird noch vor 150 fallen.
“In dem kurzen Verzeichnis der Schriften des III. Phil.
bei Suidas stehen einöves und Tpw:xös, was eine Verschreibung
oder auch Umnennung für Ἣρωιχός zu sein scheint”). Das
ist also der von uns bisher als 'Lemnios’ bezeichnete Phil. Zu
den uns bekannten Tatsachen stimmen Suidas’ Worte: Λήμνιος
χαὶ αὐτὸς σοφιστὴς nal παιδεύσας ἐν ᾿Αϑήναις ; neues lehrt uns
der Zusatz (s. oben S. 515) τελευτήσας δὲ xal ταφεὶς ἐν Λήμνῳ.
Außerdem macht Suidas noch zwei Angaben über die ver-
9) Westermann, Biogr. gr. p. 357 sq. und Bekker in seiner Suidas-
ausgabe (denen auch Fertig p. 6 sq. gefolgt ist) haben die beiden ersten
Artikel des Suidas umgestellt, sodaß der zeitlich erste auch bei Suidas
voransteht. Die Lösung des verworrenen Knotens haben sie durch diese
scheinbare Verbesserung nicht gefördert.
95) Der Versuch Kaysers (de gymnastica ed., Heidelberg 1840, p. XII,
wiederholt gr. Ausg. p. 335) das unmögliche γεγονὼς ἐπὶ Νέρωνος durch
Ausfall einer Zeile (ἔστι δὲ περὶ ὀρυχῆς τοῦ ᾿Ισϑμοῦ γεγονυίας ἐπὶ Nepw-
νος) hinter Νέρωνα, Versetzung des unverständlichen Restes (γεγονυίας
ἐπὶ Νέρωνος) an den Rand, Wiedereinsetzung an anderer Stelle mit
der Konjektur γεγονώς, zu erklären, ist zu künstlich, als daß er über-
zeugend sein könnte. Christ* S. 752 glaubt noch an den Phil. unter
Nero.
94) Daß der Dio or. 18,12 erwähnte Antipater nicht gemeint sein
kann, hat Schmid, Atticism. IV S. 6 Anm. 1 bemerkt.
90) “"Hpwinög lautet der Titel Laurent. LVII 32, in den andern
Hdschr. How:xi, vgl. Kayser gr. Ausg. praef. Her. p. ἡ. Thomas Ma-
gister citiert auch ἐν “Hpwixots (p. 43,7. 98,17. 126,5 der Ausg. v.
F. Ritschl, Halle, 1832). Ueber die schwankende Ueberlieferung der
Menanderstelle s. S. 495 Anm. 58. |
34 *
518 Karl Münscher,
wandtschaftlichen Beziehungen dieses Lemniers: am Anfange
heißt es Φιλόστρατος Νερβιανοῦ ἀδελφόπαιδος Φιλοστράτου τοῦ
δευτέρου und am Ende der Nachrichten über das Leben: &xov-
στῆς TE nal γαμβρὸς γεγονὼς τοῦ δευτέρου Φιλοστράτου. Ist in
beiden Fällen der von Suidas als δεύτερος σοφιστής bezeichnete
(aber an erster Stelle behandelte) Verfasser der v. soph. und v.
Ap. gemeint, so ergiebt sich, daß Phil. III, der Lemnier, Sohn
des Nervianus, Enkel einer Schwester°‘) des II. Phil., Schüler
seines Großonkels, Phil. Il., gewesen ist, und. dessen Tochter,
also seine eigene Tante, geheiratet hat. Wenn auch etwas
kompliciert, sind diese verwandtschaftlichen Verhältnisse doch
keineswegs unmöglich. Sie sind aber von je her den Philologen
so bedenklich erschienen, daß sie mit Konjekturen sie zu ver-
bessern suchten. Meursius schrieb ἀδελφόπαις (statt -παιδος),
wodurch die Sache dahin vereinfacht wird, daß Phil. IIL,
Schwestersohn des Phil. II., dessen Tochter, d. h. seine Cou-
sine geheiratet hat. Rohde ἃ. ἃ. 0. 5. 35 erreichte ein ähnliches
Resultat dadurch, daß er an erster Stelle für τοῦ δευτέρου
setzte τοῦ πρώτου ; dann wäre Phil. III. der Sohn des Nervianus,
des Schwestersohnes des Phil. I., der seines Onkels Phil. II.
Tochter heiratete. Vielleicht ist aber aus dem Suidastext, ohne
ihn zu ändern, etwas anderes zu entnehmen, als oben ange-
deutet wurde. Darauf führt mich jener Suidasartikel Φρόντων
"Epionvös, den wir oben (S. 489) benutzten. Von diesem
Fronto hieß es: γεγονὼς Ent Σεβήρου τοῦ βασιλέως Ev Ῥώμῃ"
ἐν δὲ ᾿Αϑήναις ἀντεπαίδευσε Φιλοστράτῳ τῷ πρώτῳ rat ᾿Αφίνῃ τῷ
Γαδαρεῖ. Wir sahen, daß mit diesem Phil. den Zeitumständen
nach nur der Verfasser der v. soph. und v. Ap. gemeint sein
kann (5. S. 490); diesen nennt Suidas hier Φιλόστρατος ὃ πρῶ-
τος, obwohl er der Chronologie nach der H. ist und von Sui-
das 5. v. Φιλόστρατος richtig als δεύτερος σοφιστής bezeichnet
wird, doch wohl aus keinem anderen Grunde, als weil dieser
seiner Bedeutung halber in der Reihe der drei Suidasartikel
an erster Stelle steht. Wir beobachten also bei Suidas ein
%) Suidas bez. Hesych legt nur Wert auf die Zugehörigkeit des
Phil. III zur Familie der Philostrate; des Nervianus Vater, offenbar aus
anderer Familie, wird nicht genannt, folglich ist ἀδελφόπαις hier so- ᾿
viel wie Schwestersohn.
Br τὴν
Die Philostrate. | 919
‚Schwanken in der Numerierung der Philostrate, je nach dem
er die chronologische Reihenfolge der Phil.e oder die Reihen-
folge seiner drei Artikel berücksichtigt. Liegt dieses Schwanken
nun vielleicht auch im dritten dieser Artikel selbst vor? Dann
hätte Suidas das Wort δεύτερος in doppeltem Sinne gebraucht.
Νερβιανοῦ ἀδελφόπαιδος Φιλοστράτου τοῦ δευτέρου, d. ἢ. des
an zweiter Stelle genannten Phil. (der chronologisch der 1),
ἀκουστῆς TE χαὶ γαμβρὸς γεγονὼς τοῦ δευτέρου Φιλοστράτου,
ἃ. h. des chronologisch II. (der aber an erster Stelle behandelt
150) 7). Das ergäbe: der Lemnier Phil. hatte eine Tochter des
Fl. Phil. (II.) und der Aurelia Melitine zur Frau, eine Schwester
.des Fl]. Capitolinus. Erinnern wir uns nun, daß der Verfasser
der zweiten Bildersammlung den Verfasser der ersten als seinen
Großvater mütterlicherseits bezeichnet, und daß jene Inschrift
von Erythrae den Fl. Capitolinus als συγγενὴς und ἀδελφός
und auch als ϑεῖος von Personen senatorischen Ranges nennt,
so erhalten wir folgenden Stammbaum der Familie der Philo-
strate:
Verus
Philostratos (1). Tochter.
Aurelia Melitine MD FI. Philostratos (II). Nervianus
‘Bohn. ΕἾ, Capitolinus. Tochter Ὁ (Fl.) Philostratos Lemnios (III).
Sohn. Tochter.
Philostratos (IV).
97) Erscheint jedoch obiger Erklärungsversuch zu gekünstelt, so ist
im Suidas nichts zu ändern außer im Artikel Φρόντων statt τῷ πρώτῳ
mit Hemsterhuis τῷ δευτέρῳ zu schreiben. Schematisch dargestellt er-
gäbe sich dann folgendes Nasen ΔΙ ΒΠΑΤΑΤ ΑΙ ΛΑ,
erus.
i
Philostratos (I).
Fl. Philostratos (II). Tochter.
Nervianus.
N
Tochter nd (Fl.) Philostratos Lemnios (II).
520 Karl Münscher,
Die Betrachtung der Schriftenverzeichnisse der einzelnen
Philostrate bei Suidas und damit zusammenhängend der übrigen
erhaltenen Werke steht noch aus.
Den berühmtesten Phil. II. hat Suidas vorangestellt. Seine
Bedeutung erscheint noch gesteigert, da ihm — wie wir sagen
dürfen — zu Unrecht auch εἰκόνες und ἧἥρωικός zugewiesen
werden, die Phil. III. gehören, bei dem sie Suidas gleichfalls
erwähnt. Zwei andere der genannten Schriften, ἀγορά und
αἷγες ἢ περὶ αὐλοῦ, sind nicht erhalten. Der Doppeltitel würde
gut zu einem Dialoge passen (vgl. S. 547 Anm. 149), in welchem
Zusammenhange die Flöte aber mit den Ziegen gestanden
haben könnte, ist nicht zu ahnen. Außerdem aber nennt
Suidas μελέτας und διαλέξεις, die beiden Arten sophistischer
Reden, die damals üblich waren. Der Unterschied zwischen
beiden ist im Grunde kein anderer als zwischen den ὑποϑέσεις
und ϑέσεις (quaestiones finitae und infinitae) der Hermagorei-
schen Rhetorik; ersteren entsprechen die μελέται, nach dem
ins deliberative oder judiciale Genus gehörenden Stoffe contro-
versiae oder suasoriae: erhaltene Beispiele der Art sind die
Sammlungen des alten Seneca, die Quintilianschen, die des
Calpurnius Flaccus in der lateinischen, die Suasorien des He-
rodes Atticus°®), Polemon und Aristides (die Keils I. Bd. ent-
halten wird, außer 1—4) in der griechischen Litteratur. Letz-
teren (den infinitae) entsprechen die διαλέξεις (oder λαλιαί), Vor-
träge allgemeinen, philosophischen, litterarhistorischen, oft auch
rein persönlichen Inhalts (über die λαλιά und ihre πολυσχιδήῆς
χρεία vgl. die Ausführungen Menanders, περὶ ἐπιδεικτικῶν Rhet.
Gr. III Sp. p. 388 sqgq.). Das persönliche Moment trat besonders
dann in den Vordergrund, wenn die Dialexis als προλαλιά (prolo-
cutio) der eigentlichen, wohl vorbereiteten oder extemporierten
Epideixis voranging. Apuleius’ Florida und de deo Socratis”),
Dions sophistische Reden, Aristides’ (Bd. II Keil) und Maximus
Tyrius’ Dialexeis sind erhaltene Muster der Gattung. Für
jegliche Art sophistischer Reden bietet gleichermaßen Beispiele
98) Die Echtheit von Herodes’ Rede περὶ πολιτείας ist neu gesichert
durch Schmid, Rhein. Mus. 59 (1904) S. 512 ff.
99) De deo Socratis ist eine διάλεξις (vgl. 5,129. 6,132. 14, 150.
20, 166) und zwar eine extemporierte (11,145), die natürlich später im
‘Stenogramm’ zur Publikation überarbeitet sein wird.
Die Philostrate. 521
Lukianos!%), der große Verhöhner der Sophistik. Für den Zeit-
geschmack ist es charakteristisch, daß als das bedeutendere
durchaus die μελέτη erscheint, schon deshalb, weil darin die
Redner ihre Kunst im αὐτοσχεδιάζειν, im Extemporieren über
ein vom Publikum gewähltes Thema!°!) zeigen konnten: das
war die höchste Leistung; überboten konnte sie nur noch
werden, wenn der Sophist, wie Apuleius!°?), fähig war, bei einer
Epideixis in beiden Sprachen der damaligen Welt zu brillieren.
Unser Werturteil würde dem jener Zeiten durchaus wider-
sprechen: wir freuen uns, daß Dio vor dem öden Spiel mit
Worten in μελέται durch seine Philosophie bewahrt blieb
(jedenfalls ist nicht bekannt, daß er solche gehalten hätte,
vgl. Arnim, Dio v. Prusa 5. 180).
Von Phil.s μελέται ist uns nichts erhalten, eine Probe
seiner διαλέξεις besitzen wir. Es ist unter Phil.s Namen in
2 Hdschrn. (bei Kayser II p. 258, vgl. Kaysers gr. Ausg.
‚ praef. epist. p. V) als appendix zu den Briefen eine Ausein-
andersetzung über νόμος und φύσις erhalten, natürlich keine
vollständige Dialexis, vielmehr ein einer solchen entnommener
τόπος: wie gern man solche Glanzstellen aussonderte, sammelte
und herausgab, ist durch Apuleius’ ‘Blütenlese’ und Stücke der
Dionischen Redensammlung (z. B. or. 65, dazu Arnim $. 270)
bekannt. Das Thema des Philostratischen Stückes war seit alter
Zeit in der sophistischen Rede beliebt. Der Eleer Hippias scheint
(nach Plato Protag. p. 337 CD) zuerst den Gegensatz von νόμος und
φύσις, Menschensatzung und Naturgesetz, scharf gefaßt und er-
ἜΝ διαλέξεις Lukians sind (teilweise προλαλιαί vor der Recitation
von Dialogen): ἐνύπνιον. πρὸς τὸν εἰπόντα “Προμηϑεὺς εἶ ἐν λόγοις. Zeuzis.
Harmonides. Scythes. Hippias. Dionysos. : Herakles. περὶ od ἠλέκχ-
zpov ἃ. ἃ.; μελέται sind, und zwar controversiae: τυραννοχτόνος. ἀποχης-
purrönevog (vgl. die Ueberschriften in F), suasoriae: Phalaris I und 1].
Ueber die Chronologie der Lukianschriften s. W. Schmid, Philol. 50,
1891, 8. 297 ff. — Ueber die διάλεξις handelt mit zuletzt wohl Dürr,
Untersuchgn. zu d. Dialexeis des Maximus v. Tyrus, Philol. Suppl. VIII,
S. 5, wo auch Litteraturangaben.
“1 Die Fülle der Themen scheint schier unendlich, in Wahrheit
reducieren sie sich aber fast alle auf nicht allzuviele Gruppen: solche
sind für die Suasorien: Die Perserkriege, Demosthenes, Alexanderzug,
Cicero u. a., für die Controversien gruppieren sie sich nach den Rechts-
fällen : Enterbung, Tyrannenmord, Mädchenraub, Ehebruch, Incest u. a.
10°) Vgl. das zweite der vor Socr. stehenden, von v. d. Vliet mit
Recht mit den flor. verbundenen Stücke, ein Uebergangsstück vom
griechischen zum lateinischen Teil einer Rede.
529 Karl Münscher,
örtert zu haben 193). Von der Verwendung des Gemeinplatzeshaben
wir noch mehrfache Proben: der aus lIamblichs Protreptikos
gewonnene Sophist preist in Ekloge 7 (Diels, Fragmente der
Vorsokratiker, 1903, 5. 579 £.) die Vorzüge menschlicher εὐνομία
vor der ἀνομία. Aehnliche Abschnitte fügt der Verfasser von
Ps. Demosth. κατ᾽ ᾿Αριστογείτονος α΄ (XXV) ein, die sich zu
einem ἐγκώμιον νόμου, der Kultur im Gegensatze zur Natur,
zusammenschließen (in den $$ 15—20. 22. 24. 271%). Noch
Hermogenes π. ἰδ. p. 289, 20 sqq. Sp. giebt Proben der: Be-
handlung dieses Gegensatzes. Aus Dios sophistischer Zeit
(vgl. v. Arnim, Dio von Prusa, 1898, 8. 155 ff.) sind uns
zwei eng zusammenhängende διαλέξεις erhalten, or. 75 περὶ
νόμου, or. 76 περὲ ἔϑους; erstere ein ἐγχώμιον des alles be-
. herrschenden νόμος 195). im weitesten Sinne gefasst als Menschen-
gesetz, sei es geschriebenes oder ungeschriebenes Herkonmen,
wie als Natur- und Weltgesetz, letztere ein Eyxwptov des un-
geschriebenen Gesetzes, der Sitte, im Gegensatz zur von Men- .
schen gemachten Satzung. Umgekehrt preisen die ὃ8 140—144
seines Rhodiakos das Gesetz auf Kosten der Sitte. — In eigen-
artiger Weise hat Phil. das Thema angefasst. Er giebt zu-
nächst die Meinung derer wieder, die den Gegensatz von
Natur und Kultur betonen: der φύσις Werke sind Tiere, Ge-
stirne, Flüsse u. s. w., des νόμος Werke Mauern, Schiffshäuser,
Schiffe, Schilde u. s. w.; jene sind unvergänglich (ἄφϑαρτα
Ῥ. 259, 7) wie Meer, Erde, Aether, Gestirne, und auch bei den
vergänglichen einzelnen Lebewesen bleibt durch deren dauernde
Neugeburt der Anschein der Unvergänglichkeit gewahrt, alle
vom νόμος durch Menschenhand geschaffenen Dinge aber sind
108) Vgl. F. Dümmler, Akademika, 1889, S. 252ff. Die Spuren des
Problems im V. Jhh. sammelt aus Dichtern, Philosophen und Sophisten
Dümnmler, Kl. Schriften I 1901 5. 181
104) Darauf machte Wendland im Hermes 39, 1904, S. 501 Anm.
1. aufmerksam.
105) 8 2 βασιλεὺς εἰχότως ἀνθρώπων nal ϑεῶν χέχληται nach Pindar
frg. 169 Bergk, den schon Herodot 3,38, dann Plato Gorg p. 484B
und Nom. 4 p. 714 E benutzte. Vgl. Alkidamas bei Aristot. rhet. 3,
3, 1406 a 22. — Dümmler läßt Dio für seine beiden Reden das von
ihm postulierte ἐγχώμιον νόμου. des Hippias durch Vermittlung einer
‘kynischen Quelle’, ‘die erst der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts
angehört und sichtlich Gorgianisch beeinflußt ist’, benutzen (Kl. Schrif-
ten I S. 92): mit soleher Quellensuche drückt man doch Dio auf das
Niveau eines gar zu elenden Skribenten herab; Dio spricht in Gedanken
und Stil eines alten Sophisten, schreibt aber nicht ab.
Die Philostrate. 523
vergänglich (φϑαρτά p. 259, 13); die Kultur kann keins der
"Naturprodukte (ein ζῷον ἔμψυχον, ἄστρον u. a.) hervorbringen,
- während die φύσις den vom νόμος geschaffenen Formen Gleichen-
des bildet (τὴν φύσιν δὲ ὁμοιοῦσθαι πολλαχοῦ τοῖς τοῦ νόμου
εἴδεσι): Mauern und Häuser bildet sie nach in festen Plätzen
und Höhlen, durch Felsen und Wolken menschliche und
_ tierische Gestalten wie die Bildhauerkunst, im Monde das Ge-
sicht des Menschen 196). Dieser communis opinio stellt Phil.
seine eigene Ansicht entgegen: Natur und Kultur sind keine
Gegensätze, sind vielmehr nahe verwandt und ähnlich und
gehen in einander über; jene ist der Anfang (ἣ ἀρχῇ), diese
das Folgende (τὸ ἑπόμενον). Dieser Gedanke von der höheren
Einheit von φύσις und νόμος wird nicht übel erläutert: kein
- Kulturwerk (sei es konkreter oder abstrakter Art) entsteht
ohne die Grundlage der Natur, die Schätzung des Menschen
verschafft den natürlichen Dingen erst Wert, die Natur er-
schafft den Menschen als vernünftiges Wesen, die Kultur er-
zieht ihn und schafft dem nackt und bloss ins Leben getre-
tenen alles Notwendige; und selbst der Ruhm der Unsterb-
lichkeit gebührt (wie den natürlichen Dingen) den vergäng-
lichen Werken der Kultur — in der Kunst (τέχνη). Zum
Schluss konstatiert Phil., es gebe noch ein Drittes neben
φύσις und νόμος: das Losreissen einer Insel vom Festlande,
die Verbindung des Festlandes mit einer Insel, das Durch-
brechen des Peneios durch den Olympos, das sind nicht Werke
der Natur noch Kultur, das ist etwas zwischen beiden Stehen-
des, ein συμβεβηχός (ein Zufall), wodurch die Kultur der Natur
ähnlich wird und die Natur in die Kultur übergeht. — Im
Ausdruck (vgl. über das oupßeßnxös bei Aristoteles Zeller,
Philos. ἃ. Griech. II 2? 5. 143, bei Epikur III 1? 5. 372)
und in den Gedanken macht Phil. hier Anleihen bei der Philoso-
_ phie; unter dem ovußeßnxös scheint er etwas ähnliches zu
verstehen wie die Stoa unter εἱμαρμένη, doch bin ich in der
philosophischen Litteratur nicht bewandert genug, um Phil.s
_ Quelle nachspüren zu können.
᾿ 106) Die beiden letzten Beispiele sind ungeschickt gewählt: in
_ Menschen- und Tiergestalten kopiert die Natur nicht Werke der Kultur,
_ sondern. ihre eignen.
524 Karl Münscher,
Phil.s Autorschaft wird bestätigt durch die Erwähnung
; eines absonderlich, geformten, eines Drachen Gestalt wieder-
gebenden Felsgebildes in Lemnos (p. 259, 28) und eines ähn-
lichen in Kreta, dessen Phil. auch in der v. Ap. 4, 34 p. 153,5
Erwähnung tut!”). Die Antithese von νόμος und φύσις ei
sich auch v. Ap. p. 265, 26 sqq. 293, 26.
Unmittelbar hinter den μελέται nennt Suidas ein weiteres
echt sophistisches Werk: ἐπιστολὰς ἐρωτιχκάς. Es ist uns eine
Reihe von 73 Philostratischen Briefen erhalten, zu denen als An-
hang der bereits besprochene des Lemniers über den Briefstil
und die eben behandelte Dialexis hinzutreten. Diese Samm- i
lung bildet mit ihrer eigenartigen Ueberlieferung ein nicht
uninteressantes Problem für sich. Als einer Briefsammlung
ist natürlich ihre Echtheit in Zweifel gezogen worden, und
es ist sogar W. Schmid, der im IV. Bande seines Atticismus
sein verdammendes Urteil durch nicht wenige verstreute Be-
merkungen in der Darlegung des Philostratischen Sprachge-
brauchs zu begründen sucht. Die Beurteilung kleiner stili-
stischer Unterschiede, ihre Verwertung für Echtheitsfragen ist
stets mißlich; das subjektive Moment spielt dabei eine zu
große Rolle. Und so wird auch die Frage nach dem Autor
der Philostratischen Briefe schwerlich aus dem Sprachgebrauche
entschieden werden können. Beim Lesen von Schmids Zu-
sammenstellungen hat man jedenfalls durchaus nicht den Ein-
druck, daß die Sprache der Briefe sich irgendwie sonderlich
von der der andern Schriften abhebe; überall begegnen wir
Uebereinstimmungen mit den übrigen Werken, in überwiegen-
der Zahl mit der Gruppe v. Ap. und soph. Die Briefe ent-
halten zwar eine Fülle von Worten, die den andern Schriften
fehlen (dahin gehören auch die von Schmid hervorgehobenen .
Fälle 5. 123 ἀμέλει zweimal in den Briefen, sonst nicht; 8. 35
die singuläre Imperativform ἤτω), die gleiche Erscheinung
haben wir aber bei jeder der Philostratischen Schriften. Auch
daß den Briefen eine Reihe von Wendungen fehlen, die man
wohl als besonders beliebt im Stile der Philostrate bezeichnen
darf (wie z. B. ἀπόχρη und ἅπτεσϑαι 8. 134 Schm., ἀφιχνέομαι,
101) Zu dritt nennt er ἢ Bobxpavog ἣ πρὸς Χίῳ; seine Bekanntschaft
mit der kleinasiatischen Küste berührten wir oben $. 481 Anm. 26.
μὰ
Ἢ
Die Philostrate. 525
S. 141, ἔρχεσϑαι ἐς 8. 171, μεστός 5. 195, φοιτάω 85. 240
u. a.) dürfte bei dem geringen Umfang der Briefe und der
sonstigen Uebereinstimmung des Sprachgebrauchs noch keine
Instanz gegen ihre Echtheit bilden. So bleiben schließlich die
Abweichungen, die Schmid als besonders wichtig notiert hat.
Davon haben die orthographischen und formellen (S. 12 Schm.
zweimal ἔαρος in den Briefen, während sonst ἦρος überliefert
ist, das aber auch epist. p. 225, 22 steht; 5. 17 einmal ᾿Απόλ-
Awv& neben dem sonst — auch epist. p. 245, 23 — gebrauchten
᾿Απόλλω; 8. 27 öfters ϑέλω neben ἐθέλω, das die gewöhn-
liche Form, aber 3mal auch ϑέλω im übrigen Phil.; 5. 35 ἧς
einmal neben ἦσϑα; S. 37 xdw statt χαίω; 5. 88 wöpnv statt
ὥμην; 5. 124 ἂν, ἐὰν und ἣν nebeneinander, während ἂν nur
omal in v. Ap., sonst ἣν, das im Her. und imag. fehlt) doch
wohl kaum viel Gewicht; nicht mehr alles übrige, wie das
Fehlen von Sprichwörtern (S. 493), dagegen Fülle von poe-
tischen Metonymien (5. 494), mehrgliedrige Anaphora (S. 500),
öftere Hypophora, sowie Ausruf mit ὦ (8.529). Alles dies erklärt
sich wohl zur Genüge aus der intensiven Benutzung poetischer
Vorbilder für die Abfassung der größten Teils erotischen Briefe
(vgl. F. Wilhelms Tubulluntersuchgn, Philol. 69, 1901. 579 Εἰ,
Rhein. Mus. 59, 1905. 280 f.). Ich bin geneigt, die Gesamtheit
der Briefe als echt zu betrachten, solange nicht das Gegenteil im
einzelnen Falle mit durchschlagenden Gründen bewiesen wird.
Den mit Suidas’ Angabe übereinstimmenden Titel Φιλο-
στράτου ἐπιστολαὶ ἐρωτικαί trägt die in der II. Handschriften-
klasse (nach Kaysers Klassifikation) stehende Sammlung von
55 Briefen (vgl. die Zusammenstellung des Inhalts der ver-
schiedenen Handschriften in der praef. epist. p. VI—-VII gr.
Ausg.). Die gleichen Briefe nur in anderer Reihenfolge und
zum Teil in kürzerer Fassung enthält auch die I. Handschriften-
klasse bis auf 6; in Kaysers Ausg. sind es die Briefe 1—39.
46. 47. 50. 54—58., dazu 59—64 in II. (im Urbinas 106 U.,
der sonst zu 1 gehört, sind diese 6 aus II am Ende der Samm-
lung nachgetragen und deshalb von Kayser der in I erhal-
tenen Briefreihe angehängt!”). Diese Sammlung, wie der
108) Dieselben 6 (59—64) enthält auch die Hdschr.-Gruppe y_bei
Kayser, die aber überhaupt nur besteht aus Nr. 283—39 (unter Ein-
526 Karl Münscher,
Titel in II besagt, durchweg erotischer Briefe liegt also in
doppelter Recension vor!). Für beide Recensionen nahm
Kayser Entstehung von der Hand Phil.s an; die kürzere (in
I) ist nach seiner Meinung das ursprüngliche Jugendwerk, die
ausführlichere (in II) die überarbeitete Ausgabe des Alters: illa
vividior est, brevior et concisior ; haec magis contemplativa, diffu-
sior et verbosior; ıilla multum in exemplis ex vita et historia et
mythologia petitis versatur et plura habet μελέτῃ accommodata,
haec passim γνώμας adspersit magisque accedit ad διάλεξιν
(praef. gr. Ausg. p. ἢ. Das ist Kaysers Urteil, das Wester-
mann, de epistolarum script. Gr., pars VI, 1854, p. 19 sgg.
billigt (vgl. seine Phil.-Ausg., Paris, Didot 1846, praef. p. V]),
auf wenig Tatsächlichem ruhend. Beispiele aus dem Leben,
der Geschichte, der Mythologie enthalten die in I fehlenden
Teile von Il nicht minder (vgl. z. B. die längere Fassung der
Briefe 8. 34. 36 τὰς Λευχιππίδας, besonders 38). Die γνώμη
ist überhaupt ein Charakteristikum dieses geschraubt-rhetori-
schen Stils, der durchaus geistreich sein soll; sie findet sich
in der kürzeren Fassung (fast jeder Brief enthält eine Be-
sründung in gnomologischer Form) wie in den Zusätzen der
längeren. Der Behauptung aber, die längere Fassung sei die
Arbeit des bedächtigeren Alters, muß man unbedingt wi-
dersprechen; schwerlich wird ein Mann im höheren Alter sich
gedrungen fühlen, so stark der Sinnlichkeit huldigende Zu-
sätze zu machen, wie sie etwa Brief 60 oder die längere Fas-
sung von 34 aufweisen. Angenommen also, beide Recensionen
schiebung von Nr. 23 hinter 34). 54. 46. 55. 68. 47. 50. 56. 59. 58. 64.
62. 60. 61, und zwar sind von Nr. 54 an die Briefe als getrennte Gruppe
mit dem Titel Φιλοστράτου ἐπιστολαὶ ἑταιρικαί überliefert. Man sieht,
aus der ursprünglichen Masse hat man Auswahlen nach verschieden-
artigen Gesichtspunkten getroffen. y
109) In beiden Hdschr.-Klassen tragen die Briefe sämtlich Ueber-
schriften, zumeist γυναικί oder μειρακίῳ, bez. τῷ αὐτῷ oder τῇ αὐτῇ,
hier und da noch Zusätze wie μ. ἀνυποδέτῳ (18), γ. πόρνῃ (19), ἑτέρᾳ
γ. (23), γ. ϑυμουμένῃ (25), γυναίῳ τινί (28) ἃ. 8., die eben wegen ihrer
Allgemeinheit gewiß nicht vom Autor selbst, sondern von späteren Lesern
stammen. In II stimmen sie durchaus überein mit dem Inhalte (verein-
zelte zweifelhafte Fälle berühre ich unten), in I trägt Br. 54 (= 2 inlI)
die unbedingt verkehrte Ueberschrift μειρακίῳ (vgl. p- 250, 14 und 16).
Andere Abweichungen der Ueberschriften wie bei 2 (= 4 in II) erklären
sich aus den verschiedenen Anordnungsprincipien der beiden BRecen-
sionen (s. unten δ, 529).
Die Philostrate. Rat
stammen von einem und demselben Verfasser, so ist mir die
Priorität der längeren vor der kürzeren weit wahrscheinlicher
"als das umgekehrte Verhältnis. — Eine andere Erwägung
führt mich zum gleichen Resultate. Die kürzere Fassung ist
vollständig (bis auf verschwindend geringe Abweichungen)
in der längeren enthalten. Nun ist es leicht verständlich und
"natürlich, daß jemand, der ein Litteraturwerk verkürzen will,
lediglich Streichungen vornimmt, den Rest in seinem Wort-
laute aber unberührt bestehen läßt; umgekehrt aber ist weit
weniger glaublich, daß jemand, der ein vorhandenes Werk
‚durch Zusätze erweitern will, sich bemüht, diese dem vorhan-
denen, ohne es zu ändern, anzupassen; zumal wird der Autor
selbst, wenn er der erweiternde ist, nicht so ängstlich auf Er-
haltung des früheren bedacht sein. — Daß aber in der Tat die
längere Recension die ursprüngliche ist, beweist mir der Brief
19 (51 in II), wohl der einzige, der in beiden Fassungen eine
erhebliche inhaltliche Verschiedenheit aufweist. In der kür-
zeren von I richtet er sich an die Geliebte (vgl. den Anfang
πωλεῖς σεαυτήν), in der längeren an den schönen Knaben (rw-
λεῖς σεαυτόν und der in I fehlende Satz ἐχείνοις με ἀρέσχεις,
ὅτι γυμνὸς ἕστηχας xte.). Die Hingabe an jedermann wird in
echt sophistischer Weise durch rein äußerliche Parallelen oder
Beispiele gebilligt und empfohlen, hier zunächst zwei aus dem
täglichen Leben genommene: π. 0. xal γὰρ οἵ μισϑοφόροι" xal
παντὸς εἶ τοῦ dtööovrog' nal γὰρ ol κυβερνῆται. Diese Beispiele
sind ausgewählt mit Rücksicht auf den Knaben; nur für ihn
geben die sich verkaufenden Söldner und Steuerleute ein Vor-
bild. Mit was für Beispielen der gleiche Gedanke für das
Mädchen ausgeführt wird, zeigt am besten der Parallelbrief 38
(50 in 11)110): da sind die entsprechenden Beispiele: Danae, die
Gold, Artemis, die Kränze angenommen, Helena, die sich Hirten
110) In diesem ist dem Ueberarbeiter seine Arbeit besser gelungen.
Von den Sätzen xat χιϑαρῳδοῖς χαρίζῃ" οὐ μέλλεις πρὸς τὸν’ Απόλλω BAE-
πουσὰ in II hat er nur καὶ χκιϑαρῳδοῖς stehen lassen und mit dem vor-
hergehenden Satze ἣ δὲ “Ἑλένη καὶ ποιμέσι verbunden: der ποιμὴν, dem
sich Helena ergeben hat, ist natürlich Paris; auf ihn kann man aber
auch χιϑαρῳδοῖς beziehen, von seiner Beschäftigung mit der Kithara ist
seit Il: 3, 54 oft genug die Rede (z. B. Lykophron. 139 sq. und d. Schol.
ss Stelle, Hor. carm. 1, 15,15. Plutarch. Alex. 15. Aelian. var. hist.
9 Φ
528 Karl Münscher,
überlassen hat. Und man wird kaum in einem der andern
der Weiberliebe geltenden Briefe Beispiele finden, die
nicht ihrerseits das weibliche Geschlecht betreffen. Kon-
cipiert ist also der 19. Brief in der längeren Fassung von II
dem Knaben geltend, umgearbeitet in I zu einem Briefe an
ein Mädchen durch Weglassen jenes Satzes ἐχείνοις ne xtE.
und Aenderung von σεαυτὸν in σεαυτήν, aber unter Beibehalten
der aus dem Geiste der Knabenliebe heraus gewählten Beispiele.
Diese ungeschickte Aenderung erweist nicht nur die län-
gere Fassung als die ursprüngliche, sondern lehrt zugleich,
daß der Verfasser der kürzeren schwerlich der Autor der Briefe
selbst ist. Zur Gewißheit wird das durch eine Betrachtung
des in jeder der Recensionen befolgten Anordnungsprincipes.
In II sind möglichst paarweise :solche Briefe nebeneinander
gestellt, in denen der gleiche oder ein ähnlicher Gedanke in
dem einen bez. der Knaben-, in dem andern bez. der Weiber-
liebe ausgeführt wird. Es ist nicht eben bequem, sich mit .
Hilfe der Kayserschen Tabelle die Briefe, wie sie in II ein-
ander folgen, aufzusuchen. Darum sei das Princip der An-
ordnung hier im einzelnen erläutert. — τὸ
Nr. 1—12 variieren in mannichfacher Weise das Thema
von der Rose als Liebeszeichen. Es entsprechen sich die bei-
den ersten: der Knabe soll sich mit Rosen schmücken 1 (3
bei Kayser), das Mädchen soll sich nicht nur mit den ge-
schenkten Rosen zieren, sondern auf ihnen ruhen 2 (54). 3 (1)
begleitet die dem Knaben gesandten Rosen, 4 (2) einen Kranz
für das Mädchen. 5 (46) lobt den Knaben, daß er die Rosen
als Lager verwendet, 6 (20) dagegen tadelt das Mädchen, daß
sie allein das Rosenlager benutzt habe. 7—10 bilden eine
Gruppe: die blühenden sind beim Knaben verwelkt 7 (9), die
welkenden beim Mädchen wieder aufgeblüht (ἀναβιώσαντα) 10
(63), die rasch welkenden Rosen mahnen, den Liebhaber die
ebenso rasch welkende Schönheit genießen zu lassen 8 (55)
an die Geliebte, 9 (17) an den Knaben. Das letzte Paar der
Rosenbriefe lehrt, der blonde (ξανϑός) Knabe 11 (4) wie das
blonde Mädchen 12 (21) bedürfen nicht des Schmuckes der
Rosen. Paare zusammenhängender Briefe folgen: Der Knabe
ist schön trotz seinem vernachlässigten Aeußern 13 (27), das
Die Philostrate, 529
Mädchen schön auch ohne Schmuck 14 (22). Woher auch die
spröden Geliebten stammen mögen — 15 (5) an den Kn., 16
(47) an das M. —, jeder Ort hat in seinen Geschichten Beispiele
glücklich Liebender: denen sollen sie folgen. Der kurzen Klage
über die spröde Geliebte in 17 (6) (oder ists der Knabe? — ın
II überschrieben γυναικί, in I μειρακίῳ) folgen wieder zwei
Paare, deren erstes, 18 (7) Κη. und 19 (23) M., den armen
Liebhaber, das zweite, 20 (8) Kn. und 21 (28) M., den Frem-
den als Liebhaber empfiehlt. 6 gleichartige Briefe folgen: der
Liebhaber ist zornig auf seine Augen, die ihm die Schönheit des
Knaben zeigen und dadurch von allem andern abziehen, 22
(11), 24 (10) und 26 (56); den gleichen Gedanken bez. des
Mädchens enthalten 25 (12) 111) und 27 (29), während er in
23 (50) 115) den Augen des Mädchens zürnt, die ihn verlocken.
Der Zorn entstellt Knaben 28 (24) und Mädchen 29 (25). Zwei
. Briefe folgen, jeder in seiner Art zur Liebe mahnend: der
80. (57) sucht des Knaben Scheu vor dem ἔργον zu überwin-
den, der 31. (26) des Mädchens Strenge, das dem Liebhaber
seinen Anblick entziehen will. Von den nächsten 6 Briefen
bilden die 3 an den Knaben gerichteten eine geschlossene
Gruppe: 33 (13) rät, zögere nicht, schon sproßt der Bart;
35 (58) lobt des Knaben Bemühung, sich sein bartloses Gesicht
' zu erhalten, während 37 (15) den gegensätzlichen Gedanken
ausführt, daß des Knaben Schönheit erst mit dem sprossenden
Bartflaum vollkommen wird. Von den entsprechenden Briefen
der zweiten Reihe drängen die beiden ersten — 32 (30) und
94 (31) — zur μοιχεία. der dritte 36 (59) spielt mit dem in
der Liebespoesie altbeliebten Gedanken, die Geliebte sei aufs
Land entflohen. Es folgen drei Briefe — 33 (60), 39 (33),
40 (32) — zum Preise der Schönheit der Geliebten, die in ihnen
als χαπηλίς (copa) erscheint 115). Das folgende Briefpaar giebt
dem Schmerze des Liebhabers über das geschorene Haupt des
Knaben 41 (16) und des Mädchens 42 (61) Ausdruck. Die
111) Es hindert nichts, den Brief so zu deuten; eine bestimmte Be-
‘ ziehung auf das Geschlecht des Adressaten liegt nicht vor; in II γυναικί
überschrieben, in I μειρακίῳ.
112) In 1] γυναικί, in I τῷ αὐτῷ; Entscheidung unsicher.
113) 38 (60) ist deshalb in II überschrieben γυναικί χαπηλίδι, 39 (33)
und 40 (32) τῇ αὐτῇ, diese beiden in I γυναικί καπηλίδι und τῇ αὐτῇ.
590 Karl Münscher,
nächsten zwei, 43 (34) und 44 (62), — mit 38—40 gewisser-
mafßen korrespondierend — enthalten erneutes Lob der Geliebten;
beide spielen mit dem Gedanken, daß der Liebhaber als neuer
Alexander über die Schönheit zu urteilen habe; letzterer 114)
auch dadurch besonders bemerkenswert, weil er allein der @e-
liebten einen Namen, Eöinnn, beilegt, der uns mehrfach im
Mythos (Parthen. 3. Apollod. bibl. 2, 18 und 19. vgl. Roschers
Lexikon ἃ. Mythologie 11399 £.), aber seit Hermesianax von
Menalkas’ unglücklicher Liebe zur Euippe sang (Rohde, Gr.
Roman S. 78), auch in der Liebespoesie (Anth. Pal. 5, 228,4.
Xenophon Ephes. 1, 2,5) begegnet. Als der bittende Lieb-
haber erscheint der Verfasser wieder in 45 (14) gegenüber dem
spröden (ὑπερήφανε p. 232,4) Knaben und dem sich sträubenden
Mädchen gegenüber in 46 (35). Eine Dreiheit zusammengehöriger
Briefe folgt: in 47 (36) wird die Geliebte ermahnt, wie Aphrodite |
ihre Füße unverhüllt zu lassen, in 48 (37) sie gelobt, daß sie
diesem Rate gefolgt sei; der 49. (18) giebt dem Knaben die
gleiche Mahnung: τί οὐκ ἀνυπόδετος βαδίζεις ; der 50. (38) ver-
teidigt das Recht der Hetäre, sich allen hinzugeben, der 51. (19)
das gleiche für den Knaben (in I, wie wir sahen, dem Sinne
von 50 angeglichen). Den Beschluß der δαανθανὰ macht
eine Bitte 52 (39) des in der Verbannung lebenden Liebhabers,
nicht auch aus dem Herzen der Geliebten verbannt zu wer- |
den, und eine letzte Mahnung 53 (64) an die Flüchtigkeit der
Zeit für den Knaben mit der Schlußfolgerung: RTURE φίλους
πρίν ἔρημον γενέσϑαι. |
Diese kunstvolle — und deshalb originale — Anordnung
der Briefe, wie sie die Handschriftenklasse II bietet, ist ın
der kürzeren Fassung von I beseitigt. Statt dessen ist ver-
sucht, die der Knabenliebe einerseits, der Weiberliebe anderer-
seits geltenden Briefe zusammenzustellen, ohne daß in den
beiden dadurch entstandenen Briefreihen ein weiteres Anord-
nungsprineip ersichtlich wäre. Auch ist es dem kürzenden
Umarbeiter nicht gelungen, sein einfaches Anordnungsprincip
streng durchzuführen (oder soll man dafür die Unsorgfalt ir-
114) Die von Dilthey, De Callimachi Cydippa (Lpzg. 1863) p. 114 Ὶ
Anm. 1 vorgeschlagene Aenderung ist schwerlich richtig, Cobets κἀγὼ |
σέ wohl eine wirkliche Emendation. |
Die Philostrate. 531
gendwelcher Handschriftenschreiber verantwortlich machen ?),
jedenfalls erscheinen die Briefe in I in folgender Ordnung: 1—18
(bei Kayser) behandeln die Knabenliebe, desgleichen noch 24. 27.
46 und 56—58; die Liebe zum anderen Geschlecht dagegen
19—23. 25— 26. 28—39. 47. 50 (in 1 allerdings überschrieben
τῷ αὐτῷ). 54 (Ueberschrift nerpaniw)—55 (die ausgelassenen
Nummern 40—45, 48—49, 51—53 bei Kayser, die in einem
Teile von I stehen, stammen aus anderer Ueberlieferung;
darüber sogleich); es sind also zwei Reihen von 24 und 23
Briefen 115), |
Nach alledem vermag ich in der kürzeren Fassung der
Briefsammlung nicht eine 2. Redaktion des Autors selbst zu
erkennen, sondern eine später von einem Leser vorgenommene
Umschreibung und Umstellung, bei.der er zugleich ihm nicht
zusagende Stellen und ganze Briefe fortließ. Ein künftiger
Herausgeber wird also, wie ich meine, bei dieser Sammlung
erotischer Briefe von der Kayserschen Scheidung der zwei
Recensionen zum Abdruck der vollständigen, originalen Fassung
der II. Handschriftenklasse zurückkehren müssen !!°),
Ueber ihren Verfasser geben die Briefe sonst keinen Auf-
schluß, nur eine Stelle zeigt seine Bekanntschaft mit der Reichs-
hauptstadt (p. 250, 25 εἶδον ἐν Ῥώμῃ τοὺς ἀνθοφόρους τρέ-
χοντας 117), ein Zug, der auf den älteren Fl. Phil., den Hofmann,
12) Die Hdschr.-Gruppe ß (p + u) von I enthält nur 40 Briefe wieder
in völlig veränderter, soweit ich sehe, prineiploser Anordnung; ver-
einzelt sind darin die Paare oder Gruppen von II gelassen, z. B. Br. 4
und 21 als 2—-3, 36. 37. 18 als 33—35. Kaysers Tabelle enthält übri-
gens einen Fehler; die Nummern von ß gehen bei ihm bis 42, aber
12 und 41 fehlen; entweder enthält ß also nur 40 Briefe, oder 2 von
42 darin vorhandenen sind bei Kayser nicht notiert.
116) Zu meiner Freude kann ich für die eben begründete Ansicht
einen gewichtigen auctor anführen; Rud. Hercher schreibt in der praef.
der Epistologr. gr. (Paris, Didot, 1873) p. 59: ‘Philostrati epistolas cum
exscribi ita iussissem, ut relicta duplici quam Kayserus statuit recen-
sione ad veterem unitatem reverterer, obstinatio typothetidum Parisi-
narum effecit ut exemplar Westermannianum, quod cum mutationibus
meis tramiseram, ad verbum litteramque me invito repeteretur’.
47) Schon Olearius (vgl. Boissonade, Phil. epist., Paris 1842, p. 104)
hat das auf die Floralien bezogen; gewiß richtig. Wenn auch, soweit
ich sehe (vgl. Wissowa, Relig. und Kultus ἃ. Römer, 1902, S. 163) von
einem δρόμος der ἀνθοφόροι oder floriferi (Gloss. III 227, 31. 291, 34)
keines der bekannten Zeugnisse etwas berichtet, so zeigt doch Ovid,
welche große Rolle die Blumen und besonders die Rosen bei dem Feste
spielten, fast. 5,335 ff. Sogar der Gedanke des Philostratischen Briefs,
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 35
592 Karl Münscher,
vorzüglich paßt. Es liegt überhaupt kein Grund vor, diesem
diese Sammlung erotischer Briefe abzusprechen. Die Blütezeit
der zweiten Sophistik war zugleich die der sophistischen Brief-
sammlungen, die den alten Schatz erotischer Motive der Dich-
tung in neuer gefälliger, aber prosaischer Form darboten: πᾶν
τὸ τῶν ἐρωτικῶν ἐπιστολῶν γένος ἐρωτικῆς τινος διὰ λόγου
ποιήσεως ἐστίν sagt Athenaeus (14, 48 p. 6893). Alkiphrons
Sammlung 115) lag vielleicht schon vor, Phil.s Zeitgenosse Ailia-
nos ließ seine "Adyvaioı γεωργοί᾽ ihre Erfahrungen, zumeist auch
erotischer Art, in seinen ἀγροιχιχαὶ ἐπιστολαί aussprechen *'?).
Der älteste Vertreter der Gattung 129), den wir nennen können,
bleibt noch immer jener Lesbonax aus Mitylene, den Lukian
(de salt. 69) erwähnt, dessen ἄλλαι ῥητορικαὶ μελέται Bischof
Arethas (Schol. zu Lukian p. 144, Jakobitz IV) den Werken
des Nikostratos und Philostratos gleichwertig erschienen, vor
allen aber seine ἐρωτικαὶ ἐπιστολαὶ πολλὴν τὴν ἐκ τῶν λόγων
ἀποστάζουσαι ἡδονήν 131). Diesen allen schließt sich Phil. mit
die Vergänglichkeit der Rose mahne zum Genuß der flüchtigen Jugend-
blüte (ein Gemeinplatz der Liebespoesie, vgl. z. B. Anth. Pal. 5,73 und 117)
hat in der Ovidischen Festbeschreibung seine Stelle, V. 353 sg. Die
Anthophoren bei Phil. lassen vielleicht die Verrianische Erklärung
des alten Festnamens (Paul. Fest. p. 91) florifertum dietum, quod eo
die spicae feruntur ad sacrarium (Florae, fügt Wissowa hinzu) richtig
erscheinen. Vgl. auch die Gloss. III 9,6 ἀνθοφόρος Flora (= 168,19).
118) Wenn er wirklich Ailians Vorbild war, vgl. H. Reich, de Al-
ciphronis Longique aetate, Diss. Königsberg 1894, p. 39 sqq., doch s.
Rohde, Gr. Roman p. 502 Anm. 35.
119) Christs Zweifel an der Echtheit der Ailianbriefe wegen des
Stils (Gesch. d. gr. Litt.* S. 762) ist unbegründet. Im Schlußsatz des
letzten Briefes bekennt sich der Verfasser nicht als Athener, nur als
Atticist.
120) Undatierbar, aber jedenfalls später Zeit angehörend sind die
beiden von Suidas erwähnten Epistolographen Zonaios (ἐρωτικαὶ und
ἀγρουκυκαὶ)δ und Melesermos (ἕταιρικαί, ἀγροιχικαί u. 8.). — Einen um
Jahrhunderte zurückliegenden Vorläufer hat diese Litteraturgattung in
den ἐρωτικαὶ ἐπιστολαὶ Chrysipps, aus denen die Homilien des Clemens
Romanus (5, 18. frg. 1072 bei Arnim) die auch sonst für Chrys. bezeugte
(vgl. frg. 1071 und 1073/4 Arnim) obscöne Geschichte von Zeus und
Hera anführen, die Chrys. allegorisch auf σπερματιχὸς λόγος und ὕλη
deutete. Daß aber die Briefe nicht etwa bloß philosophischen Inhalts
waren, beweist Diog. 10,3, wo erzählt wird, die Stoiker hätten in ihrem
Haß gegen Epikur diesem 50 lascive (ἀσελγεῖς) Briefe zugeschrieben und
τὰ eig Χρύσιππον ἀναφερόμενα ἐπιστόλια ὡς Ἐπικούρου zusammengestellt.
121) Die Trennung des Lesbonax bei Lukian von dem vom Scho-
liasten genannten, die Rohde (gr. Rom. 8. 341 Anm. 3) befürwortete,
ist wohl nicht gerechtfertigt, vgl. Rud. Müller, de Lesbonacte gram-
matico, Diss. Greifswald 1890, Ὁ. 102 sq.
ee
Die Philostrate. 533
seinen erotischen Briefen an. Wie in Ailians Briefen (vgl. H.
Reich a. a. O. p. 27) werden wir auch in denen Phil.s ein
Werk jüngerer Jahre zu sehen geneigt sein; vielleicht ist es
das älteste der erhaltenen Werke von seiner Hand.
Von diesen erotischen Briefen ist nach Form und Inhalt
wie der Ueberlieferung nach der Rest der Philostratischen
Briefe zu trennen. Es sind nach Kaysers Zählung die Num-
mern 40—45. 48—49. 51—53. 65—73. Sie stellen eine
Sammlung sehr verschiedenartiger Briefe dar, ganz kurzer
Billets wie umfänglicherer Schreiben, die offenbar alle unter dem
Namen Phil. umliefen. Nirgends ist uns aber diese Sammlung
vollständig erhalten, am vollständigsten noch im Laurentianus
LIX 30 saec. XIII (p bei Kayser), der außer Brief 48, 53 und
‘3 sie alle enthält, in welcher Reihenfolge ist aus Kaysers
Angaben nicht ersichtlich. Die gleichen, aber ohne 51—52,
jedoch vermehrt um 48 und 73'??) enthält nach Kayser der
von Konstantinos Laskaris geschriebene Matritensis 63, der
Reihe der ἐρωτιχαί von II vorangestellt, und zwar, da die von
Markos Musuros (fol. 4000) besorgte Aldina der Epistolographi
Graeci von 1499 ein Abdruck des Matritensis sein soll, in der
Reihenfolge: dial. I. 40—44. 65—66. 49. 45. 67. 48. 73.
68—72 (wie sie also bei Boissonade und den älteren Heraus-
gebern der Briefe einander folgen). Schließlich ist ein Teil
der kleinen Sammlung, die Briefe 40—45. 48—49. 51—52
und der in beiden andern Zeugen, x und dem Matritensis,
fehlende Br. 53 in einen Teil der Ueberlieferung I der erotischen
"Briefe, die Gruppe α (Rrr c) bei Kayser eingedrungen. Diese
dreifache Ueberlieferung, deren jeder Zweig uns etwas beson-
deres, den beiden anderen fehlendes, bewahrt hat, weist uns
zurück auf einen Archetypus dieser ergänzenden Sammlung
Philostratischer Briefe.
Schon äußerlich heben sie sich von den ἐρωτικαί deutlich
132) Hier enthalten Kaysers Angaben wieder (p. IV) einen Wider-
spruch; bei φ wird Br. 48 nicht genannt; dieselben Briefe wie ῳ soll
der Matritensis enthalten; aus ihm soll die Aldina ein Abdruck sein;
diese enthält aber Br. 48 (als Nr. 12): Wo steckt da der Fehler? —
Schanz’ Urteil über Kayser als Kritiker, Rhein. Mus. 38, 1883, 8. 305,
findet dadurch leider eine Bestätigung. Eine neue Ausgabe der ge-
samten Philostratischen Werke auf handschr. Grundlage ist heute ein
dringendes Bedürfnis.
᾿ - 35%
594 Karl Münscher,
dadurch ab, daß sie fast sämtlich nach der Ueberlieferung
einen Adressaten mit Namen nennen. Eine Ausnahme davon
macht jener 53. nur in & erhaltene, der in R r die farblose
Ueberschrift γυναικί τινι (daher in den älteren Editionen γυ-
ναικί) trägt”), und der 48., der in der Aldina μειρακίῳ, in
R r ἑταίρῳ τινί überschrieben ist. Beide schließen sich inhalt-
lich den erotischen an; der 53. steht jenem Briefpaar am
nächsten, das von der.entstellenden Wirkung des Zornes handelt
(oben S. 529); der 48. ist eine kurze Klage über die Unzu-
gänglichkeit des Knaben wie etwa der 14. (= 45. in ID.
Auch mehrere der andern Briefchen sind noch erotischen In-
halts. Der Frauenliebe gelten: 40 Bepeviny!?*), gegen das
Schminken; 44 ᾿Αϑηναΐδι, ein witziges Spiel mit Gedanken des
Platonischen Phaidros; 51 KAeoviön, ein “Rosenbrief’ an eine
Schöne, die die erste Jugendblüte schon überschritten hat; 52
Νιχήτῃ, eine kurze γνώμη mit einem Wortspiel über ἐρᾶν und
ὁρᾶν. Während diese trotz der Namen den erotischen völlig
gleichen, versprengte Stücke derselben Art sind, macht der
Rest der kleinen Briefe einen ganz anderen, weit persönlicheren
Eindruck. Mit dem ἔρως beschäftigen sich zwar noch Br. 41
und 43, sie sind aber nicht, wie alle der erotischen Sammlung,
an die Geliebten gerichtet, vielmehr spottet der 41. über einen,
zu Korinth lebenden Athenodoros, weil er ohne persönliche
Kenntnis, nur ἀχοὴν σπάσας einen ionischen Knaben liebe, und
der 43. giebt einem gewissen Aristobulos (so die Aldina, in ἃ
töricht τῷ αὐτῷ überschrieben) die Lehre, es sei σωφρονέστερον
als Liebender Enthaltsamkeit zu üben als überhaupt nicht
zu lieben. Zwei sind kurze Begleitschreiben bei Uebersen-
dung ländlicher Gaben, von besonders guten Erythräischen!”) _
Aepfeln an einen Diodoros (45) und Feigen an einen Nestor (Al-
dina, in α τῷ αὐτῷ, 49)"2%), Drei richten sich an eine und dieselbe
128) In « sind auch die Namen der Adressaten der anderen Briefe
zum Teil verschwunden und durch τῷ αὐτῷ ersetzt, also den hand-
schriftlichen Ueberschriften der erotischen Briefe angeglichen.
124) Nach dem über die Ueberlieferung dieser Briefe gesagten ist der
Name Bepeviny durch die Aldina so gut bezeugt wie die der andern Briefe
durch φ; das gleiche gilt von den Ueberschriften der Briefe 42, 34 und 49.
3 125) Beziehungen der Philostrate zu Erythrae konstatierten wir schon,
s.. 8. 491.
126) Auch diesen beiden kann man erotischen Sinn beilegen, als
Begleitschreiben von Liebesgaben an den geliebten Knaben. So sind
Die Philostrate. 535
Person, einen ’Erixtnros (42, in ἃ ganz verkehrt mit τῷ αὐτῷ
bezeichnet, auch hier der Name in der Aldina, 65 und 69);
alle drei warnen vor dem Ueberschätzen der Gunst des Volks
und zwar des Athenischen; der 69. meint bitter genug, der
Beifallslärm der Athener lasse den Epiktet vergessen, wer er
sei und von wem er abstamme: gewiß ist es ein Sophist, ein
Konkurrent, dem der Verfasser diesen ernsten Zuspruch zu teil
werden läßt. Eine noch härtere Verurteilung erfährt ein Rhetor
Chariton, der da hofft, seine λόγοι würden auch nach seinem
Tode den Griechen im Gedächtnis bleiben, im 66. Briefe;
Schmids ansprechende Vermutung (Pauly-Wissowa III 2170),
Phil.s Worte könnten dem Romanschriftsteller Chariton gelten,
den er ins beginnende III. Jhh. versetzen wollte (verschiedene
Stilprineipien hätten Phil.s hartes Urteil veranlassen können,
Chariton huldigt nämlich nicht der ἀφέλεια) ist durch den
Fund eines Papyrusfragments II. Jhhs. des Chariton-Romans
(vgl. Bursians Jahresbericht Bd. 108 S. 270) widerlegt worden,
der Romanschreiber ist noch älter!?”) und also mit dem bei Phil.
erwähnten nicht identisch. Brief 68 empfiehlt einem alternden
Ktesidemos die Lektüre erotischer Dichter. 67 und 71 sind Em-
pfehlungsschreiben : letzteres empfiehlt einem Π[λεισταρετιανός (so
der Name in 9, in der Aldina Αἱρετιανῷ) in zierlichster Weise
einen erotischen Dichter Κέλσος zu sastfreundlicher Aufnahme,
ersteres einen τραγῳδός (Dichter oder Schauspieler?) Diokleseinem
Philemon. Brief 72 erhebt gegen einen Antoninus den Vorwurf,
sich ein Haus widerrechtlich angeeignet zu haben (wenn ich damit
den Sinn der Worte richtig treffe). Der 70. endlich, ein Antwort-
schreiben an zwei Imbrier, Kleophon und Gaius, mit der Mit-
teilung, daß ihre, nicht genannten, Wünsche teils schon erfüllt
seien, teils baldigst erfüllt werden sollen: ἐγὼ γὰρ Λήμνιος ὧν
sie jedenfalls aufgefaßt worden von dem, der die erotischen dieser
Briefreihe an diein α erhaltenen erotischen Briefe anschloß (Nr. 40—45.
48—49. 51—53); nur der ganz anders geartete 42. ist ihm versehent-
lich mit hineingeraten. — Casanova .(conf. Boissonade p. 62) wollte. in
dem Nestor jenen Epiker wiedererkennen, der eine Ilias λειπογράμματος
ἤτοι ἀστοιχείωτος und Metamorphosen gedichtet hat; das ist eine zwar
nicht unmögliche (der Epiker blühte nach Suidas ἐπὶ Σεβήρου τοῦ βασι-
λέως), aber durch nichts gestützte Vermutung.
᾿ς 5 v. Wilamowitz, die Griech. Litteratur, 1905, 5, 182, setzt Cha-
rıton in die Neronische Zeit.
536 Karl Münscher,
>
πατρίδα ἐμαυτοῦ nat τὴν Ἴμβρον ἡγοῦμαι, συνάπτων εὐνοίᾳ καὶ
τὰς νήσους ἀλλήλαις καὶ ἐμαυτὸν ἀμφοτέραις. Ri
Keine der genannten Personen ist uns sonst bekannt, der
Rhetor Chariton nicht, ebensowenig der Tragöde Diokles!?®) und
der Dichter Celsus. Gerade aber diese Fülle persönlicher
Beziehungen drückt den Briefen den Stempel der Echtheit
auf; sie sind Produkte des Mannes, der im 70. selbst als seine
Heimat Lemnos nennt, also doch wohl Phil.s.. Publiciert frei-
lich wird die Sammlung, wie sie vorliegt, von ihm nicht sein.
Irgend jemand scheint die hier und da unter Phil.s Namen
kursierenden Briefe gesammelt, bez. aus den umlaufenden Briefen
sich diese Sammlung von flores Philostratischen Briefstils an-
gelegt zu haben; denn daß wir es, die Authentie vorausgesetzt,
teilweise nicht mit vollständigen Briefen, sondern mit aus
solchen genommenen Glanzstellen zu tun haben, bedarf wohl
keines Beweises; die an Epiktet gerichteten z. B. sind ja nur
kurze Gnomen, Apophthegmen. N
Für die Authentie dieser Florida sprechen besonders noch
die zwei größeren Stücke, die der Sammler ihnen angeschlossen
hat. Es ist erstens der schon besprochene Brief des Lemniers
Phil. an Aspasios, der aber auch in anderen Hdschrn., nicht
‘nur denen der Briefe, sich findet (vgl. Kayser p. δ), und der
73. an die Kaiserin Julia Domna?!?), den Norden, Antike
Kunstprosa I (1898), S. 380 f. erläutert hat. Er enthält eine
aus dem Geschmack der Zeit am manierierten Stil sich erklärende
Verteidigung des Gorgias. Diese wird geführt durch Auf-
zählung seiner Schüler und Nachahmer. Voran steht der
Gedanke, auch Plato sei nicht — wie manche fälschlich meinten
— den Sophisten abhold gewesen, sondern habe selbst den
Gorgias, Hippias, Protagoras imitiert. Um so weniger dürfe
das mißgünstige Urteil Plutarchs über Gorgias gelten: dieser
Schlußgedanke wird recht sophistisch-höfisch in eine Bitte
128) Bin Diokles τραγῳδός aus dem II. Jhh. v. Chr. in einer del-
phischen Inschrift, Dittenberger?, Sylloge II 691,55; vgl. Pauly-Wis-
sowa, V 793, Nr. 11.
129) ᾿Ιουλίᾳ Σεβαστῇ lautet die Anrede des Briefs; p. 257,21 ὦ βασί-
λεια. Für die litterarischen Interessen der Kaiserin. noch besonders
interessant die Bemerkung p. 257,13 Αἰσχίνης δὲ ὃ ἀπὸ τοῦ Σωχράτους,᾿
ὑπὲρ οὗ πρώην. ἐσπούδαζες ὡς οὐκ ἀφανῶς τοὺς διαλόγους κολάζοντος ARTE.
Ueber dessen Thargeliarede 5. Hirzel, der Dialog I S. 140 Anm. 2.
Die Philostrate. 537
verkleidet, die Kaiserin möge selbst versuchen, den Plutarch 159)
ven seinen verläumderischen Aeußerungen über die Sophisten
und besonders über Gorgias abzubringen; gelinge das nicht, so
wisse sie selbst in ihrer Weisheit (οἵα σοὺ σοφία χαὶ μῆτις
p: 257, 24; vgl. oben S. 477), welcher Name dem Verleumder
gebühre (etwa χαχοήϑης, Norden denkt an ἀβέλτερος). Daß
Plutarch in einer verlorenen Schrift dem Gorgias vorgeworfen
hatte, das echte, einfache Attisch verdorben zu haben, lehrt
das Citat bei Isidor von Pelusium (epist. 2, 42, Migne 78,
484°): gegen die gleiche Schrift richtet sich wohl Phil.s An-
griff. Diese versteckte Beziehung — sie ist zu fein für einen
Fälscher — wahrt dem Briefe seine Echtheit, die zu bezweifeln
man sonst leicht geneigt wäre wegen der zahlreichen wört-
lichen Uebereinstimmungen des Briefes mit den ersten Kapiteln
der Sophistenbioi!?!). Da der Brief noch zu Lebzeiten der
Kaiserin Julia, also vor 217, geschrieben ist, können wir nur
konstatieren, daß Phil. in den 15 und mehr Jahre später ver-
faßten Bioi sich in Gedanken und Worten eng an den früheren
Brief angeschlossen hat oder vielmehr dieselbe Quelle über
die alten Sophisten zweimal benutzt hat.
Das letzte, was Suid. vor seinem abschließenden χαὶ ἄλλα
τινά (dazu würde z. B. die Schrift über den Streit zwischen
Aspasios und dem Lemnier gehören, s. S. 510) von Werken
dieses Phil. nennt, sind ἐπιγράμματα. Ein einziges in der
Anthologia append. Planud. 110 trägt Phil.s Namen, das aber
- in zwiefacher Hinsicht interessant ist. Die 4 Distichen «is εἰ-
χόνα Τηλέφου τετρωμένου sind keine Aufschrift mehr im eigent-
lichen Wortsinne, sondern eine Beschreibung eines Kunstwerkes,
wie solche von Gemälden und Statuen unendlich oft in der
Anthologie sich finden. Auch Phil.s Epigramm gilt einem
Gemälde (wie das bereits Heyne aus dem letzten Distichon
gefolgert hat, vgl. ἃ. Anm. bei Dübner, Anth. Pal. II 1872
180) Selbstverständlich ist an keinen anderen, jüngeren zu denken,
wie das Norden ὃ. 381 Anm. 1 betont.
151) Vgl. zu p. 256, 20/21: v. soph. p. 4,1. p. 256, 31/32: p. 14,19
und 8,25. θ᾽ 257, 3/4: p. 3,2 und 18,25. p. 257,8/9: p. 12, 5/6. p. 257,
18/19: p. 11,30. Zu den an den beiden letzten Stellen als Gorgianisch
angeführten Schemata (ἀποστάσεις und προσβολαί) vgl. die Zusammen-
stellgn. in Ernestis Lexikon technologiae Graec. rhetoricae (Lips. 1795)
5. v. ἀπόστασις,
598 Karl Münscher,
p. 619): wir sehen ihn also in älterer Manier dichterisch be-
handeln, was sein Neffe in modernste Form, in Prosa, umgoß.
Andrerseits ist die Wahl gerade dieses Sagenstoffes nicht
minder bemerkenswert: auch darin berührt er sich mit dem
Lemnier, von dessen ausführlicher, eigentümlicher Behandlung
der Telephossage nach pergamenischer Tradition wir schon
gesprochen haben. In Pergamon ist die Telephossage heimisch:
man ist versucht, mit des Il. Phil. dortigem Aufenthalte im
J. 214 (vgl. S. 481) auch die Entstehung dieses Epigramms
in Verbindung zu bringen.
Erscheint dieser berühmteste Phil. in allen seinen Werken
(auch der v. Ap.; die Dialexis mit philosophischem Anstrich
fällt dabei nicht ins Gewicht) lediglich als σοφιστής, so lehrt
das Schriftenverzeichnis des ältesten der Philostrate uns einen
_ vielseitigen, nicht bloß dem Wortgepränge, auch der Wissen-
schaft dienenden Mann kennen. — Voran stellt Suidas aber
auch bei Phil. I. die Werke, die ihm die Bezeichnung *‘Sophist’
eingetragen haben: ἔγραψεν λόγους πανηγυριχοὺς πλείστους καὶ
λόγους ᾿Ελευσινιαχοὺς δ΄, μελέτας. Wir sehen, es sind die
beiden Arten der Vorträge der damaligen Prunkredner, μελέται
und διαλέξεις, denn zu den letzteren gehören die ᾿Εἰλευσινιαχοὶ
und πανηγυρικοί. Das sind hier und da in den Städten Grie-
chenlands und Asiens gehaltene Festreden, die wir uns in der
Art von Aristides’ πανηγυρικὸς ἐν Κυζίκῳ περὶ τοῦ ναοῦ (or. 27)
und seines — allerdings nur schriftlich übersandten — un-
vollständig erhaltenen πανηγυρικὸς ἐπὶ τῷ ὕδατι τῷ ἐν Llep-
γάμῳ (or. 53) denken mögen. Erstere, die ᾿Βλευσινιακοί, eine
besondere Gruppe von panegyrischen Reden, sind beim Agon
zu Eleusis — Phil. I. war als Sophist, wie Suidas sagt, zu-
nächst in Athen tätig — gehaltene Festreden!??) zu Lob und
‚Preis des Ortes, seiner Gottheiten und der von ihnen den
_ Menschen gespendeten Segnungen, so wie Aristides in seinem
Ἰσϑμικός (or. 46), der an den isthmischen Spielen ($ 23) ge-
halten ist, Poseidon und die lokalen Meergottheiten, deren
Kolossalstatuen Herodes Atticus auf dem Isthmos hatte er-
richten lassen (v. soph. p. 59, 25), sowie die Stadt Korinth
132) Ein besonderes Ereignis, die Zerstörung des Eleusischen Tempels
durch Brand, beklagt der ᾿Ελευσίνιος des Aristides (or. 22 Keil).
Die Philostrate. 539
preist. — Die folgende Gruppe von Titeln zeigt, daß Phil. 1.
wie viele andere Sophisten (z. B. Aristokles, Aristides, Adrianos,
. Hermogenes, Apsines) sich auch mit der Theorie der Redekunst
befaßt hat. Suidas nennt ζητούμενα παρὰ τοῖς ῥήτορσι, etwa
gleich ‘rhetorische Streitfragen’, dann ῥητορικὰς ἀφορμάς, eine
Topik; der Titel begegnet seit dem alten Thrasymachos oft in
der rhetorischen Litteratur (Timaios von Tauromenion soll nach
Suidas συλλογὴν ῥητορικῶν ἀφορμῶν geschrieben haben; Proleg.
in Hermog., Walz IV p. 35, ὃ γέγραπται. .. ᾿Αλεξάνδρῳ τῷ
Νουμηνίου χαὶ Λολλιανῷ περὶ ἀφορμῶν ῥητορικῶν, ein Stück
der Art bei Walz IX 331. vgl. Dionys. de Lys. 15. Lukian.
Ent. διδάσχ. 18). Zur Gruppe der rhetorischen Schriften ge-
hört wahrscheinlich auch das περὶ τοῦ ὀνόματος betitelte Werk.
Suidas’ parenthetische Bemerkung ἔστι δὲ πρὸς τὸν σοφιστὴν
᾿Αντίπατρον benutzten wir bereits (5. 517), um die Lebenszeit
des Phil. I. auf die 2. Hälfte des II. Jhhs. zu fixieren. Die
Polemik gegen Antipater setzt bei diesem eine vorangegangene
Behandlung des gleichen Gegenstandes voraus. Den Titel des
Buches περὲ τοῦ ὀνόματος darf man auffassen im Sinne von
περὶ τῆς ὀνομασίας (Aristot. poet. 6, 18. Dionys. de comp.
verb. 3 p. 9, 13 Rad.) = ἑρμηνείας oder λέξεως; es wird ähn-
liches behandelt haben, wie περὶ συνθέσεως ὀνομάτων von
Dionys. Ä
Die bunte Reihe weiterer Schriften eröffnen bei Suidas
περὶ τραγῳδίας βιβλία γ΄. Darin scheint Phil. I. sich theore-
tisch mit der dramatischen Poesie befaßt zu haben, der Kunst,
die er, wie wir am Schluß des Suidasartikels erfahren, in 43
Tragödien und 14 Komödien selbst gepflegt hat. Diese Nach-
richt erschien samt den wenigen anderen über Tragödien
schreibende Sophisten E. Rohde so unglaublich, daß er die
Tragödien und Komödien ‘eher als irgend eine, schwer genau
zu bezeichnende Gattung prosaischer Erzählung, denn als
eigentlich scenische Dramen verständlich’ fand (Gr. Roman
S. 851 Anm. 1; doch vgl. jetzt die Zusätze der 2. Aufl.). In
Wahrheit sind die Nachrichten, die wir für Dichtung und Vor-
führung von Tragödien und Komödien auch für die Kaiser-
zeit haben, gar nicht so selten. Ein Freund des jüngeren
Plinius, Vergilius Romanus, dichtete Komödien in Nachah-
540 Karl Münscher,
mung Menanders und seiner Zeitgenossen, wie Plautus und
Terenz; er wagte es sogar, eine ad exemplar veteris comoediae
zu verfassen, die Plinius ihn in kleinem Kreise vorlesen hörte
(Plin. epist. 6, 21, 2—5). Ein M. Pomponius M. F. Bassulus
Hadrianischer Zeit berichtet auf seinem Grabstein (Carm. epigr.
97 Bücheler), daß er Menandrische Komödien übertragen und
eigene gedichtet habe. Einen Freigelassenen Hadrians Aristo-
menes nennt Athenaeus 3, 82 p. 115” als ὑποχριτὴς ἀρχαίας
κωμῳδίας. Gellius (20, 4, 1) erwähnt zeitgenössische comoedi
und tragoedi (neben tibicines). Eine Inschrift Antoninischer
Zeit (Ὁ. 1. A. III 120) nennt einen T. Aid. Αὐρήλ. ᾿Απολλώνιος
Tapoeds καὶ ᾿Αϑηναῖος χωμῳδός, der im Agon der seit Ha-
drian zu Athen gefeierten Olympien gesiegt hat. Apuleius
rühmt sich (for. 9 p. 37) seiner poetischen Leistungen apta
virgae, lyrae, socco, cothurno und erwähnt mehrfach das
Auftreten tragischer und komischer Schauspieler (neben den
Mimen z. B. flor. 5 p. 18. 18 p. 83). Mehrere Angaben Phil.s
in den v. soph. sind zu erwähnen: p. 45, 21 eine Anekdote
von einem tragischen Schauspieler, Polemon und dem Kaiser
Antoninus (vgl. p. 52, 16). Pammenes ward an den Pythien
ἐπὶ τραγῳδίᾳ bewundert (p. 62, 12). Der Sophist Isagoras, des
Chrestos Schüler, wird zugleich ὃ τῆς τραγῳδίας ποιητῆς ge-
nannt (p. 95, 1) 138). Ein tragischer Schauspieler, Clemens von
Byzanz, errang den Preis im Pythischen Agon zur Zeit, als
seine Vaterstadt durch Septimius Severus belagert wurde
(p. 115, 26 sqq.). Diese dem II. Jhh. 155) entnommenen Bei-
spiele mögen genügen, um des ältesten Phil. dichterische Tä-
tigkeit als keineswegs auffallend erscheinen zu lassen. Gewiß
188) Ein anderer Isagoras ist der v. Ap. p. 333,19 mit Apollonios
zusammengeführte Θετταλὸς ἀνήρ. Die Identificierung beider, die Welcker,
Griech. Tragödien (Bonn 1841) ΠῚ S. 1321 annahm, verbietet sich durch
die Chronologie.
184) ins II. Jbh. gehört auch der Kyniker Oinomaos, dem Kaiser
Julian or. 7 p. 210D Tragödien zuschreibt; ob das freilich scenische
Dichtungen waren, ist zweifelhaft; vgl. Rohde, Gr. Roman’S. 248
Anm. 1. Dramatischer Dichter kann der C. I. A. III 769 genannte
Qu. Pompeius Capito sein (vgl. Christ* S. 649) ποιητὴν Περγαμηνὸν τὸν
nur ᾿Αϑηναῖον παντὶ μέτρῳ Hal ῥυϑμῷ τὴν μεγαλοφυῇ τῆς ποι( ἡγσεως
ἀρετὴν ἐπιδειξάμενον καιρικαῖς ἀπαγγελίαις (ἃ. h. in Improvisationen, vgl.
unten S. 542); vgl. Dio or. 81,116. — Vielleicht gehört auch der von
Galen. de antidot. 2, 7, tom. XIV Kuehn 'p. 144 erwähnte Tragödien-
dichter Heliodor von Athen ins II. Jhh.
Die Philostrate. 541
waren es rhetorisierende Dramen, wie schon die des Seneca,
die nicht eigentlich aufgeführt, agiert, sondern nur gelesen
oder recitiert wurden. Wir wissen aus Dio (or. 19, 5), daß
durch Recitation auch die alten Dramen, zumeist wohl Euri-
pides und die Menandrische Komödie, vor allem ihre iambi-
schen Teile, damals noch an die Oeffentlichkeit gelangten.
Auch Apuleius braucht, wo er vom Auftreten des comoedus
und tragoedus spricht (flor. 18 p. 83), Ausdrücke, die nur den
Vortrag (sermocinatur, vociferatur), nicht die Aktion betref-
fen, und trennt davon den mimus und histrio. Daß aber ge-
rade Sophisten auch in der Recitation von Tragödien ihren
Ruhm suchten, lehrt uns eine Stelle der vitae soph. 1, 21,5
p. 32, 2 135), die erzählt, wie sehr der Sophist Skopelianos, ein
Vorläufer des Polemo und Herodes, seinen Lehrer Niketes
im Ruhm der μεγαλοφωνία bei der Recitation von Tragödien
zu übertreffen sich gemüht habe. Man darf also die Vermu-
tung wagen, daß Phil. I. seine Dramen selbst zu epideikti-
scher Recitation benutzt hat, — und eine derartige Recitation
dürfte sich, abgesehen von der poetischen Form, nicht eben
allzusehr vom Vortrage gewöhnlicher sophistischer Deklama-
tionen unterschieden haben. Wir brauchen uns nur zu er-
Innern, wie zahlreich die dem Mythos entnommenen Suaso-
rienthemen sind (vgl. Sen. suas. 3. Libanios, tom. IV Reiske
Ῥ. 3. 15. 47. 83), was für uns am deutlichsten in den ‘Vor-
übungen’ für größere Reden zu Tage tritt; in den Ethopoiien
der Progymnasmatiker wimmelt es von mythischen Stoffen
(τίνας ἂν εἴποι λόγους ᾿Ανδρομάχη ἐπὶ “ἄχτορι etc. Hermog.
prog. 9. Aphthon. prog. 11. Libanios tom. IV p. 1009 544.).
Andererseits war Rede und Gegenrede über denselben Stoff
allgemein beliebt; Seneca liefert stets auch die sententiae ex
altera parte; Polemos erhaltene zwei Deklamationen sind solche
Gegenstücke, desgl. Aristides’ Reden über die Sicilische Ex-
186) Daß die Stelle nur vom Vortrag, nicht vom Dichten von Tra-
gödien zu verstehen ist, betont Hirzel, der Dialog II S. 340 Anm. 2
gegen Welcker, Griech. Trag. III S. 1323 (dem noch Christ* S. 649 folgt).
Für das große Interesse, das nicht wenige der Sophisten der Tragödie
entgegenbrachten, zeugt auch das Apophthegma des Nikagoras (v. soph.
Ῥ. 119, 26) pYTepx σοφιστῶν τὴν τραγῳδίαν προσειπόντος. Als Dichter be-
tätigten sich manche, so Skopelianos als Epiker (p. 32,6) mit einer
Γιγαντία, Hippodromos mit lyrischen Nomoi (p. 120, 2).
540 Karl Münscher,
pedition (5. u. 6. nach Keils Zählung), über den Frieden mit
den Lacedämoniern (7. 8.), über das Bündnis mit Theben (9.
10.) und die Λευχτρικοί (11—15), auch Libanios’ Neokles (IV
p. 374) und Themistokles (p. 388). Bei Ausarbeitung der
Progymnasmen schuf man Rede und Gegenrede besonders in
der ἀνασχευή und χατασχευή (vgl. Aphthon. 5 ὅτι οὐχ εἰκότα,
6 ὅτι εἰκότα τὰ χατὰ Δάφνην. Libanios IV p. 1127 u. 1131)
oder im ἐγχώμιον und ψόγος (vgl. Libanios’ ἐγχώμιον ᾿Αχιλ-.
λέως IV p. 931, ψόγος A. p. 962). Der mythologische Stoff
und Rede und Gegenrede — beides verbunden und in poe-
tische Form gekleidet — war die rhetorisierte Tragödie. Wie
beliebt es war, Themen der Schulreden in poetischer Form
zu verarbeiten, hat Leo, de Stati silvis (Göttingen 1892) p. 12
dargetan. Ein interessantes Beispiel der Art führt Leo an,
jene Ethopoiia eines noch nicht 12jährigen Knaben Qu. Sul-
picıus Maximus, mit der er als einem αὐτοσχεδίασμα (χαίριον
nennt es die Inschr., derselbe Ausdruck einmal in den v. soph.
p. 72, 24 in der Aufzählung der Werke des Herodes; vgl.
S. 540 Anm. 134 und W. Schmid, Berl. philol. Wochenschr.
1904 Sp. 1553) beim Kapitolinischen Agon im J. 94 unter
92 griechischen Dichtern 156) aufzutreten wagte und cum ho-
nore discessit: τίσιν ἂν λόγοις χρήσαιτο Ζεὺς ἐπιτιμῶν Ἡλίῳ,
ὅτι τὸ ἅρμα ἔδωχε Φαέϑοντι (Inser. graec. Sic. et Ital. 2012.
vgl. Lukian. deor. dial. 25. Kaibel, Epigr. gr. 618 Anm. Des-
sau, Inser. lat. sel. Il 5177). Versificierte Ethopoiien sind
Dracontius’ Romulea 4 und Anth. lat. 198. (= poet. lat. min. IV
378 p. 322 verba Achillis in parthenone cum tubam Diomedis
audisset), Dracontius’ Romulea 9 ist eine deliberativa Achillis,
an corpus Hectoris vendat, 5 eine controversia de statua viri for-
tis, der wie den prosaischen gleicher Art das fingierte Gesetz und
der ‘Fall’ in Prosa vorangeht. Ein gleichartiges Elaborat des
Dichterlings Octavianus, der wohl dem V. Jhh. angehört,
steht in der Anthologie 21 (= poet. lat. min. IV 211 p. 244).
Die einzige erhaltene Probe dramatischer Poesie aus der Zeit
der zweiten Sophistik ist die Tragödie Medea (Anth. lat. 17
136) Solch einen poetischen Wettkampf erwähnt Aristid. or. 47,42
Ev Σμύρνῃ τὸν τῶν ποιητῶν ἀγῶνα.
ῷ, ee μα
Die Philostrate. 543
— poet. min. IV 207 p. 219), ein Vergilcento. Ihr Verfasser
hat sichs leicht gemacht: wie er seine 3 Chorlieder mit
einem Metron bestritten hat (— = — — = -- , also
dem zweiten Teile des daktylischen Hexameters), hat er als
Dialogvers einfach den Hexameter selbst verwendet, ihn hier
und da mit ‘Halbversen’, wie sie die Aeneis als Vorbild dar-
bot, unterbrechend ; man spürt quandam festinandi voluptatem.
Die Zeit des Machwerks ist das ausgehende II. Jhh., da die
Notiz Tertullians (praeser. 39, — geschrieben 202) Hosidius
Geta Medeam tragoediam ex Vergilio plenissime exsuxit ge-
wiß mit Recht auf das anonym erhaltene Werk bezogen wird
(vgl. Schanz, Gesch. ἃ. Röm. Litteratur, III S. 44).
Suidas läßt in seiner Aufzählung der Werke des Phil. I.
folgen: γυμναστιχόν — über den weiter unten —, dann λιϑο-
γνωμικόν. Der ‘Steinkenner’, das ist nur ein Titel, aber wir
erkennen daraus klar und deutlich den gesunden, wissenschaft-
lichen Sinn des Verfassers. Schon Demokritos (Diels, Frgm.
d. Vors., S. 400 Nr. 165) und Aristoteles (Rose, Arist. Pseudep.
p- 242 sq.) hatten περὶ τῆς λίϑου (den Magnetstein) geschrie-
ben; die vorhandenen Kenntnisse auch in dieser naturbeschrei-
benden Disciplin hat Theophrastos gesammelt und zusammen-
gefaßt 157), dessen Skizze περὶ λίϑων uns erhalten ist (das früher
veröffentlichte Gegenstück war περὶ μετάλλων, Rose a. a. 0.
p- 254 sqq.). Bald jedoch überwog das einseitige Interesse
an den Edelsteinen; bald gab es Anweisungen zu deren Fäl-
schung; wunderbare Kräfte legte man ihnen bei 138); so ent-
. stand die Fülle jener mysteriösen Schwindelbücher, aus denen
Plinius im XXXVI. Buche seiner naturalis historia schöpfte,
die Sotakos, Sudines, Zenothemis, Zachalias und wie sie alle
heißen. Berühmte Namen müssen das zweifelhafte Gut decken:
137) Th. sammelt seine nicht eben reichlichen Nachrichten von
überall her, aus der Erfahrung des praktischen Lebens (8,53 und 59
‚werden die Erfinder zweier Bearbeitungsmethoden genannt) wie aus
Büchern. Nachrichten über Aegyptische Steine liefern ihm ‘Königs-
bücher’ (4, 24. 8,55). Ueber den Tuffstein und seine Anziehungskraft
eitiert er Diokles, (vgl. Wellmann, P.-W. V 802), ob nur eine gelegent-
liche Aeußerung des berühmten Anatomen aus Karystos oder als seinen
Vorgänger in der Behandlung der Steinkunde, bleibt unklar:
188) Die erste Spur solchen Glaubens schon bei Theophrast 4, 24,
wo es vom Smaragd heißt: καὶ πρὸς τὰ ὄμματα ἀγαϑηή, διὸ καὶ τὰ σφρα-
γίδια φοῤοῦσιν ἐξ αὐτῆς ὥστε βλέπειν.
544 ' Karl Münscher,
Demokrits Name wurde wie so vielen anderen Wunderbüchern
auch einem über Steine vorgesetzt; daß solche Bücher als
Magierweisheit, unter den Namen Zoroasters und eines As-
syrerkönigs Oros umliefen, weist wohl auf den orientalischen
Ursprung der ganzen Anschauung vom Zauber der Steine 159).
Frühzeitig setzt auch die poetische Behandlung des Stoffes
ein; als eines der ersten ist da wohl Nikanders auch aus Pli-
nius bekanntes Steingedicht (dessen Titel nicht bekannt ist,
wahrscheinlich Ardu(a)x&) zu nennen (Nicandrea rec. Schneider,
1856, p. 127 sqq.). Nur einer hebt sich aus der Fülle der
von Plinius erwähnten ab: Xenokrates der Ephesier (Plin. nat.
37, 25), des Zenon Sohn (1, 37 ind. auct. ext.), nach der durch
Bücheler hergestellten Interpunktion (Plin. nat. 37, 37 quod
et Xenocrates credidit, qui de his nuperrime scripsit vivitque
adhuc) ein Zeitgenosse des Plinius selbst. Den Titel, Zevo-
χράτους λιϑογνώμων, und ein griechisches Bruchstück verdanken
wir einem von Kardinal Pitra veröffentlichten Scholion zu
Psalm 118, 127 (Analecta sacra spicilegio Solesmensi parata
II 1884 5. 341), das wahrscheinlich auf Origenes’ Psalmen-
kommentar zurückgeht 129). Der Titel wie die erhaltenen Frag-
mente erweisen es als ernst wissenschaftliches Buch, frei vom
Wust des Zauberglaubens, das deshalb Origenes als wissen-
schaftliche Autorität benutzt hat; unter Verwertung seiner Vor-
gänger gab Xenokrates eine genaue Schilderung der Steine
nach Farbe, Größe, Aussehen, Eigenschaften, Fundorten, wo-
189) Ueber diese alle vgl. Susemihls Gesch. ἃ. griech. Litt. in d.
Alexandrinerzeit 1,1891, S. 856 ff. N
140) Bücheler, Rhein. Mus. XL 8. 304ff. hat jenes Scholion aus
Pitras Publikation hervorgezogen und Xenokrates’ Werk gewürdigt. —
Ambrosius in psalm. 118 serm. 16, 41 p. 1438 giebt dieselbe Stelle nach
vollerer Vorlage in Uebersetzg., siehe Pitra, Analecta sacra III (1883)
S. 519. — Die Bibelkommentare werden zur Geschichte der Steinkunde
hier und da herangezogen werden müssen. Ein ganzes Schriftchen eines
Kirchenvaters gehört hierher: des Epiphanios (Bischofs von Konstantia
auf Cypern, { 403), Büchlein de XII gemmis quae erant in veste
Aaronis, ed. Conr. Gesner, Tiguri 1565. (mit lat. Uebersetzung {018
Hierotarantino interprete), danach in den opera Epiphanii ed. Peta-
vius, Par. 1622; ed. nova ab H. Valesio, vol. II (Coloniae 1682) p. 225—232
(eine Epitome daraus p. 233—234); darin Gutes (vielleicht aus Xeno-
krates ?) und Schlechtes nebeneinander gegeben; die Schwindelbücher
nennt er mehrfach μυϑοποιοί (cap. 3. 6 dreimal); das Ganze vielleicht
selbst nur ein Auszug des Originalwerkes des Epiphanios, das Hiero-
nymus in Ezech. 9,28 citiert.
Die Philostrate. 545
nach sich Schätzung und Verwendung richteten. Wie im Titel
wird auch in dem wissenschaftlichen Standpunkte Phil. mit
seinem Λιϑογνωμικός der Nachfolger von Xenokrates’ Awo-
γνώμων sein 1). Auch zu seiner Zeit war es höchst nötig,
gegen die schwindelhafte Zaubersteinkunde, die es großen-
teils nur mit erdichteten Steinen zu tun hatte, Stellung zu
nehmen. Nicht nur ist uns aus dem II. Jhh. n. Chr. wieder
eine dichterische Behandlung des Stoffes bekannt, des uns als
Perihegeten bekannten Dionysios’ Λιϑιαχά 1), in die gleiche
Zeit wird auch jenes fabelhafte Steinbuch des Aegypterkönigs
Nechepso gehören, von dem Galen XII 207 das vierzehnte
Buch eitiert 145); vor allem fällt ins II. Jhh. aber jenes Haupt-
buch, aus dem als letzter Quelle fast alle späteren Bücher
über den Steinzauber zu schöpfen scheinen: das Steinbuch des
Damigeron. Von dessen griechischem Original haben wir
zwar nur dürftige Reste durch den Arzt Aetios (s. VI. 1.2), er-
halten hat sich aber die lateinische, von christlicher Hand
herrührende Bearbeitung des Damigeron de lapidibus (etwa
saec. V.); dies Buch mit seinem vorgesetzten Widmungsbriefe
des Araberkönigs Evax an den Kaiser Tiberius wurde die
Hauptquelle für alle mittelalterlichen Bearbeitungen der Stein-
kunde in griechischer (Psellos), lateinischer (Marbod von Ren-
nes) und arabischer Sprache (Aristoteles de lapidibus) 145). Der
griechische Damigeron, der wahrscheinlich schon Apuleius
11) Abhängigkeit Phil.s von Xenokrates vermutete schon Bücheler
a. ἃ. Ὁ. Er nennt das Philostratische Buch das “λιϑογνωμικόν᾽; die
maskulinische Form ‘der Steinkenner’ empfiehlt sich aber durch die
Gleichung mit λιϑογνώμων;; über die Gleichberechtigung der Verba -yvo-
povetv und -γνωμεῖν und demgemäß der Adj. -γνώμων und -γνωμος
(oder -γνωμικός) s. Lobeck, Phrynichus, 1820, p. 582 sq. Das Wort λιϑογνώ-
μὼν wird noch angeführt aus Julian or. 2 p. 918.
145) In seinem γένος, im Rhein. Mus. 29 (1874) S. 81 veröffentlicht
von Rühl: γέγραπται δὲ αὐτῷ καὶ Λιϑιακὰ..... τὰ δὲ Λιϑικὰ (sic) μᾶλλον
ἀποδέχονται διὰ τὸ τὸν αὐτὸν εἶναι χαρακτῆρα (vgl. die kürzere Fassung
der vita Biogr. gr. ed. Westermann, Braunschweig 1845, p. 69); danach
Eustathios, abgedruckt in Dionysii orbis terrarum descriptio rec. Pas-
sow, Leipzig 1825, p. 3; vgl. auch Suidas 5. v. Διονύσιος Κορίνϑιος.
᾿ Br Da Plinius den Nechepso nicht anführt, gehört dieser wohl ins
"ἢ Diese hat V. Rose nachgewiesen in seinem Aufsatz Damigeron
de lapidibus, Hermes 9 (1875) S. 471. Danach gegeben im Apparat
er, ae des lat. Damigeron in Orphei Lithica rec. Abel, Berlin 1831,
Ρ. 566.
, “#) Ueber diese mittelalterlichen Bücher 5. Rose a. a. O., sowie
Aristot. Pseudep. 8. 255 sq,, Abel in der praef. seiner Ausgabe.
546 Karl Münscher,
(apol. 90) und Tertullian (anim. 57, vgl. auch Arnob. nat.
1,18) bekannt war, ist auch benutzt von der einzig erhaltenen
poetischen Fassung, in den seit Johannes Tzetzes fälschlich
unter Orpheus’ Namen '*%) umlaufenden Ardıxd, die gegen Ende
des IV. Jhhs., als die Kaiser energisch gegen die Reste des
Heidentums vorgingen, von einem Anhänger des alten Glau-
bens noch ohne Nonnianische Technik verfaßt sind 15). —
Das Buch des Damigeron hatte also durchschlagenden Erfolg
gehabt: um so größer erscheint Phil.s Verdienst, daß er unbe-
rührt von solchem Schwindelwesen seinen ΛΔιϑογνωμικός schrieb.
Von den weiteren Titeln Πρωτέα, χύνα ἣ σοφιστήν, Νέρωνα,
ϑεατήν ist der letzte völlig dunkel, die anderen führen uns
wieder auf ein der Sophistik fern liegendes Gebiet: sie be-
weisen philosophische Neigungen des Verfassers.
Πρωτεύς und χύων ἣ ooptorng stehen nebeneinander. Die
Vermutung lag nahe, beide Titel könnten auf eine Persön-
lichkeit zu deuten sein, auf den aus Lukians Zerrbilde sattsam
bekannten Peregrinus Proteus. Dieser Vermutung Raum gebend
wollte Bergk (a. a. Ὁ. 8.183, Anm. 1) die beiden Titel zu einem
vereinen und in dem einen Werk das von Genethlios (Me-
nander) περὶ ἐπιδεικτικῶν p. 346, 18 Sp. unter den Beispielen
paradoxer Enkomien neben Alkidamas’ Lobpreis des Todes und
einem der Armut?!**) genannte anonyme ἐγκώμιον τοῦ Πρωτέως
τοῦ χυνός erkennen. Daß diese Vereinigung beider Titel zu
einem ohne Einführung des Artikels (Πρωτεὺς ὃ χύων ἢ σο-
φιστῆς müßte es lauten) unmöglich und schon deshalb un-
wahrscheinlich ist, hat Hirzel (Dialog II 5. 340 Anm. 1) her-
vorgehoben. Sie verbietet sich aber auch deshalb, weil die
Worte xöwv N) σοφιστής für sich allein einen vortrefflichen
Schriftentitel darstellen ganz in der Art, wie sie Lukianos seinen
Dialogen so häufig zu geben pflegte, sei es, daß beide Teile
des Titels denselben Mann (so Ἰκαρομένιππος ἢ ὑπερνέφελος,
Ἂ
Τίμων ἢ μισάνϑρωπος, ᾿Αλέξανδρος ἢ φευδόμαντις, zwei Eipi-
146) Veranlaßt war dieser Irrtum durch die Nachricht von Orpheus’
Gedicht περὶ λίϑων γλυφῆς ἥτις ᾿Ογδοηκοντάλιϑος ἐπιγράφεται (Suidas 5. v.
᾿Ορφεύς).
᾿ 117) Abel praef. p.2 58αᾳ. 5. auch v. Wilamowitz, die Griech, Littera-
tur, 1905, 5: 217.
148) Unter den Progymnasmen des Libanios finden wir einen Φόγος
πλούτου (IV p. 978) und als Gegenstück einen ψόγος πενίας (p. 981).
Die Philostrate. 547
theta verbunden: ψευδοσοφιστὴς ἤ σολοικιστῆς, Σχύϑης ἢ πρό-
Sevos) oder zwei verschiedene Personen (so die Dialexeistitel
“Hpööotos ἢ ᾿Αετίων, Ζεῦξις ἣ ᾿Αντίοχος, zwei Epitheta ver-
bunden: φιλοψευδής N ἀπιστῶν, auch ἁλιεὺς 7) ἀναβιοῦντες) 14°)
bezeichnen. Zugleich lehren also die Titel Lukians, daß χύων
ἢ σοφιστῆς nicht etwa im Sinne einer disjunktiven Frage zu
‚fassen, sondern daß es nur fraglich ist, ob die beiden Aus-
drücke auf eine oder auf zwei Personen zu beziehen sind.
Beides ist natürlich gleich möglich: wir können uns vorstellen,
daß ein Kyniker mit einem Sophisten in Gegensatz gestellt
wurde, wir können uns ebensogut eine Person in ihrer
doppelten Eigenschaft eines kynischen Philosophen und sophi-
stischen Redners vorgeführt denken; wir brauchen uns nur des
Dio zu erinnern, bei dem beide Bezeichnungen in Wahrheit
‚gleich zutreffend waren. — Getrennt also bleibt der Πρωτεύς
bestehen. Galt er dem alten Meergott, über den auch der
Vater der kynischen Philosophie, Antisthenes, geschrieben hatte
(Diog. L. 6, 1, 17), oder jenem Peregrinus Proteus, den seine
Anhänger bei seinen Lebzeiten nicht bloß über die Meister
seiner Schule, Diogenes und Antisthenes, sogar über Sokrates
erhoben hatten (Lukian. Peregr. 5), der der Zunft der Sophisten
aber verhaßt war, weil er ihr Haupt, Herodes, zu schmähen
gewagt hatte (Phil. v. soph. 2, 1, 13 p. 71, 10 sqq. Lukian. 19)?
Das ist nicht sicher zu entscheiden; der Satz der v. Ap. 1,4
p. 4, 27: ὅστις μὲν δὴ τὴν σοφίαν ὃ Ilpwreüg ἐγένετο, τί ἂν
ἐξηγοίμην τοῖς γε ἀχούουσι τῶν ποιητῶν TE. ist wegen der
ποιηταί sicher keine Anspielung des Sohnes auf die Schrift
‚seines Vaters, kann also für den Inhalt des Proteus nichts
ie,
beweisen !?%). Immerhin läßt der andere Buchtitel (κύων 7]
149) In letzterem Falle steht ἢ ganz im Sinne von χαὶ. — Eine
zweite große Gruppe von Doppei-Titeln Lukians verbindet eine Per-
sonalbezeichnung mit einer sachlichen Bestimmung des Inhalts, z. B.
Νιγρῖνος ἣ περὶ φιλοσόφου ἤϑους, Μένιππος ἣ νεχκυομαντεία u. a.; statt des
Namens mitunter nur ein Epitheton, das die betr. Person charakterisiert:
Φευδολογιστὴς ἢ περὶ τῆς ἀποφράδος κατὰ Τιμάρχου, δὶς κατηγορούμενος ἣ
δικαστήρια, ähnlich auch περὶ παρασίτου ἤτοι ὅτι τέχνη N παρασιτική, und
mit Umstellung der beiden Glieder : χατάπλους ἢ τύραννος, auch συμ-
πόσιον 9 Λαπίϑαι. Weit seltner enthalten beide Teile des Doppeltitels
eine sachliche Bezeichnung, so πεῤὶ τοῦ ἠλέκτρου ἢ τῶν κύκνων, πλοῖον ἢ
εὐχαί, ἀλκυὼν ἣ περὶ μεταμορφώσεως.
. 10) Hirzel a. a. O. hält das nicht für völlig ausgeschlossen.
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. . 36
548 Karl Münscher,
σοφιστής), den Kyniker Proteus als Gegenstand der zweiten
Schrift am wahrscheinlichsten erscheinen. Ob Phil. diesem
Lob oder Tadel spendete, ist schwer zu sagen, in beiden Fällen
aber kann das Werk identisch sein mit jenem παράδοξον ἐγ-
χώμιον, das Menander erwähnt. Chronologisch würde die Be-
ziehung des *Proteus’ auf Peregrinus vorzüglich zur Lebenszeit
des Phil. I. passen, der vor 150 geboren ist: 167 verspottete
Lukian des Peregrinus theatralischen Selbstmord 152).
Die Form des Doppeltitels, die Phil. I. in einem Falle
wählte, konnten wir uns mit Parallelen aus Lukians Schriften
erläutern. Mit dessen Schriftstellerei berührt sich Phil. auch
durch die Verwendung des Dialogs!?”?). — Es ist eine schöne
Entdeckung C. L. Kaysers, daß der ın zwei Handschriften
unter Lukians Schriften stehende kleine Dialog Νέρων 158) wegen
der Gleichheit des Stils zu den Philostratischen Werken zu
zählen, folglich mit dem von Suidas beim I. Phil. erwähnten
Νέρων identisch ist. DBewiesen hat das Kayser in seiner
Specialausgabe der v. soph. (Heidelberg 1838, praef. p. XXXIM),
der er als Appendix den Nero anfügte (p. 123—130 mit dem
die sprachlichen Uebereinstimmungen nachweisenden Kommen-
tare; in seinen Gesamtausgaben, gr. Ausg. p. 337, kl. Ausg.
II p. 220). Seiner Theorie von dem einen Verfasser sämt-
licher Philostratischen Schriften zu Liebe wies Kayser auch
dies Werkchen dem Phil. II. zu: da die Verteilung der Schriften
auf mehrere Verfasser sich als notwendig erwiesen hat, steht
nichts im Wege, den Nero als Werk des ältesten Phil. I. zu
betrachten, dem es Suidas zuschreibt. Mit der immerhin ver-
151) Vgl. Schmid, Bursians Jahresber. 108, 1901, 8. 263. Hirzel
a. a. OÖ. will in des Phil. Proteus ‘eine scheinbare Widerlegung der
Lukianischen Schmähschrift’ sehen, eine nicht allzu wahrscheinliche
Vermutung. i
152) Auf den bei einem Sophisten besonders bemerkenswerten Ein-
Βα Lukians auf den Nero wies bereits Bergk 5. 183 hin; er ist auch
kaum zu leugnen, wenn auch keine satirische Tendenz im Nero steckt
(was Hirzel 11 ὃ. 341 Anm. 1 dagegen einwendete; vgl. Schmid, Atticism.
IV. S. 535. Philol. L 298f.).
158) Der verlängerte Titel Νέρων ἢ περὶ τῆς ὀρυχῆς τοῦ ἰσϑμοῦ, den
Jacobitz, Lukian Ill p. 639, giebt, scheint den Hdschrn. zu fehlen;
Kayser verwendet ihn jedenfalls nicht; auch charakterisiert der Zusatz
den Inhalt des Dialogs nur zum kleinsten Teile. — Die Zuweisung des
Nero an Phil. lehnt ohne jede Begründung ab Hense, Ὁ. Musonii Rufi
reliquiae, 1905, praef. p. XXXII εἰ
Die Philostrate. 549
wunderlichen Gleichheit des Stils sämtlicher Philostrate müssen
wir uns ohnehin abfinden: es ist, wie Kohde (Gött. gel. Anz.
1884, I, S. 38) sagt, in der Familie der Philostrate “eine
ganz bestimmte Art manierierten Sophistenstils erblich gewesen’.
Das geschickt aufgebaute kleine Kunstwerk '’*) trägt von
der Person, die den Gesprächsstoff liefert, den Titel. Ueber
den Kaiser Nero unterhalten sich der Philosoph Musonios und
der Lemnier (p. 222, 13) Menekrates, der im Namen un-
genannter anderer Anwesender das Wort führt. Gehalten
wird das Gespräch am Ufer des am Meere gelegenen Ver-
bannungsortes des Musonios, also des heute 155) wie im Altertum
fast verödeten Felseneilandes Gyara, das allerdings nicht mit
Namen genannt wird 155). In dreifacher Steigerung entwickelt
Musonios das Bild des bösen Tyrannen. Vom Isthmosdurch-
stich, den Nero unternommen hatte, nimmt das Gespräch seinen
Ausgang. Musonios, der dabei mitgearbeitet haben sollte, be-
richtigt die Meinung von der gemeinnützigen Absicht, die man
‘dieser Unternehmung des Kaisers unterzulegen geneigt sei: nur
eitele Ruhmsucht war sein Motiv und ist der Kern von Neros
Wesen. In der Musik suchte er sie zumeist zu befriedigen:
drum zeigt Musonios zu zweit die Nichtigkeit seines musika-
lischen Ruhmes; seine Leistungen sind in Wahrheit erbärmlich
und lächerlich, er erzwingt seine. Siege durch Furcht. Denn
— das ist der dritte Teil der Auseinandersetzungen — der
Kaiser ist ein grausames Scheusal, der seinen wahnsinnigen
Künstlerstolz durch Ermordung eines Tragöden befriedigt und
gegen das Heiligste auf Erden, die Mutter, wie gegen die
Gottheit gleichermaßen gefrevelt hat. Das Maß ist voll: sol-
chen Frevel darf die Gottheit nicht dulden: ein Schiff, festlich
bekränzt, naht dem Strande, und man vernimmt den Jubelruf,
184) Vgl. die feine Analyse bei Hirzel II S. 338f. Schmids wenig
glückliche Behandlung des Nero (Atticism. IV 8. 536f.) leidet an Un-
klarheiten (sein Zweifel über den Ort des Gesprächs, das Mißverstehen
der Erwähnung von Lemnos) und Unrichtigkeiten (der Kyniker Menip-
pos aus Lykien soll der eine Interlokutor sein!).
155) Vgl. L. Ross, Reisen auf den griech. Inseln des Aegäischen
Meeres, I, 1840, S. 5. II 1843, S. 170-172.
156) Ueber den Verbannungsort des Musonios 5. Hense a. a. O. p. XXIX
sqg. Epiktet führt Gyara oft im Munde, im Gegensatz zu Rom und Athen;
es war eben der Ort, wohin sein Lehrer verbannt gewesen war.
36 *
550 Karl Münscher,
daß Nero dahin ist. Menekrates stimmt freudig ein, doch
Musonios wehrt dem lauten Jubel über den Gefallenen.
Nicht der Haß gegen Nero im allgemeinen wird Phil.
diesen Stoff haben wählen lassen, sondern seine Vorliebe für
den tüchtigen Philosophen und seine nützliche Lebensweisheit,
der von Nero mißhandelt worden war. Stoieismus und Kynis-
mus unterschieden sich damals gar wenig; kein Wunder, daß
wir Phil. mit beiden beschäftigt sehen 1564), — Hirzel hat schon
fein bemerkt, durch Einführung des Unterredners als eines
Lemniers habe Phil. in echter Dialogmanier andeuten wollen,
wie er zu seiner Kenntnis über Musonios gelangt sei. Auch
die Wahl des Namens Menekrates war keine unbeabsichtigte.
Wir sahen, daß Phil. III. im Heroikos einen Menekrates an-
führt, der wie die Familie der Philostrate, zum Demos Steiria
gehörte. Dadurch gewinnt auch der Menekrates im Nero
Leben. Die Familien Menekrates und Phil. waren offenbar
schon lange durch Freundschaft wie Demengemeinschaft ver-
bunden. Phil. führt einen Menekrates aus Lemnos als Dialog-
figur neben Musonios ein: damit widmet er den Dialog
seinem Freunde Menekrates oder macht ihm wenigstens ein
freundschaftliches Kompliment. Gewiß war jener ein Genosse
Phil.s bei seinen philosophischen Studien.
Es ist noch die Frage zu erörtern, ob Phil. II. an einer Stelle
der v. Ap. sich auf den erhaltenen Nero bezieht. "Er giebt
mehrfach seiner Bewunderung für Musonios Ausdruck, folgt also
in der Wertschätzung dieses Philosophen seinem Vater. Er
nennt ihn ᾿Απολλωνίου μόνου Öebtepog... ἐπὲ σοφίᾳ (p. 153,31),
er läßt nach Gyara ‘alle Griechen’ reisen, um Musonios zu hören
(p. 271, 31), er überliefert zwischen Musonios und Apollonios
gewechselte Briefe (p. 164, 17 544.), die er jedenfalls der
Sammlung von Apolloniosbriefen, die er auch sonst benutzte,
entnahm; er weiß uns von einem Gespräche des Philosophen
Demetrios mit dem eifrig am Isthmosdurchstiche arbeitenden
Musonios zu erzählen (p. 178, 26 sqq.). An letzterer Stelle
bricht Phil. seine Erzählung plötzlich ab mit den Worten
(p. 179, 1) καὶ ἐάσϑω μοι τὰ Μουσωνίου πλείω ὄντα xal ϑαυ-
1064}. 8. Hirzel ἃ. ἃ. Ο. S. 339, wo auch schon gesagt ist, ‘daß um
den Nero der Schatten des Sokrates schwebt’.
Die Philostrate. 551
μασιώτερα, ὡς μὴ δοκοίην ϑρασύνεσθαι πρὸς τὸν ἀμελῶς αὐτὰ
εἰπόντα. Dieser Satz kann in seiner überlieferten Form nicht
richtig sein. Der Verfasser lehnt ab, weiter von Musonios zu
sprechen, weil schon eine andere Schrift diesen Stoff behandelt.
Nach Schmid, Attieism. IV 5. 537 Anm. 85, rügt Phil. mit
dem ἀμελῶς die Kürze seines eigenen Jugendwerkes, das
Schmid in dem erhaltenen Nero sieht: das ist unmöglich, weil
niemand von ϑρασύνεσθαι reden kann gegenüber einem Werke,
das er geringschätzt. Die gleiche Unmöglichkeit bleibt be-
stehen, wenn man dem betr. Werk einen fremden Verfasser
giebt: es wäre Kühnheit, nicht mit einem unsorgfältig —
ironischer Sinn ist doch ausgeschlossen —, sondern mit einem
sorgfältig geschriebenen Werk konkurrieren zu wollen: es ist
also mit Olearius ἐμμελῶς statt ἀμελῶς herzustellen (Fertig
a. a. Ὁ. p.50 schreibt statt dessen μὴ ἀμελῶς). — Liegt nun
in dem so hergestellten Satze eine Rückbeziehung auf den
Nero, das Werk des Vaters, vor? Hirzel (Dialog II 5. 245
Anm.) hat sie bestritten, auch Schmid (8. 5 Anm.) findet sie
äußerst zweifelhaft (doch vgl. bei ihm 8. 537, wo an der
Beziehung festgehalten ist). Allerdings sind die beiden Ge-
sprächsscenen nicht einander gleich: in der v. Ap. unterhält
sich der Kyniker Demetrios, der aus Seneca und Tacitus be-
kannt ist, der Freund des Thrasea Paetus, mit Musonios, im
Nero dagegen der Lemnier Menekrates; dort spielt die Scene
am Isthmos von Korinth während der Durchstechungsarbeiten,
hier nach deren Abbruch in Gyara. Doch schöpft Flavios Phil.
seine Kenntnis über Musonios — von dem Apolloniosbrief-
wechsel und der allgemein bekannten Tatsache seiner Ver-
bannung nach Gyara abgesehen — lediglich aus dem Dialoge
Nero. Aus ihm kennt er die Legende 157) von der Zwangsarbeit
‘des Musonios beim Isthmosdurchstich; im Dialog ist der Wort-
führer Menekrates von einer Schar andächtiger Zuhörer um-
geben, deshalb erzählt Flavios, man sei scharenweise nach
157) Ueber die geringe Glaubwürdigkeit aller dieser Nachrichten,
die eine legendarische Ueberlieferung über Musonios ausmachen, vgl.
Cobet, Mnemosyne VIII, 1859, p. 137 sq., Zeller, III 1° S. #52 Anm,,
Hirzel, Dialog 11 Ss. 24 Anm. (wo auch von den wechselnden Herkunfts-
angaben — Τύριος, Βαβυλώνιος --- gesprochen wird). — Auf Gyara solite
Musonios eine Quelle entdeckt. haben, v. Ap. p. 272,2, die Roß meint
wiedererkannt zu haben, vgl. Hense a. a. Ὁ. p. XXIX.
552 Karl Münscher,
Gyara zu Musonios gereist. Er hat also eine den Angaben
des Dialoges entsprechende Scene früherer Zeit konstruiert und
dabei als Unterredner dem Musonios einen andern bekannten
Philosophen Neronischer Zeit, den er vielfach mit Apollonios
in Berührung kommen läßt, zur Seite gesetzt; den aus persön-
lichen Gründen von seinem Vater eingeführten Menekrates
konnte er natürlich nicht brauchen bei der Verherrlichung
seines Apollonios.. Somit sehe ich in dem Werke, mit dem
Phil. IL. nicht konkurrieren wollte, eben den erhaltenen Dialog
Nero, seines Vaters Werk.
Es erscheint zunächst auffallend, daß der Sohn seinem
Vater in den Sophistenbioi keine Stelle gegönnt hat. Aber
die Vielseitigkeit des Vaters erklärt wohl das Schweigen des
Sohnes. Der ‘Sophist’ verschwand bei Phil. I. vor seinen viel-
fachen anderweitigen Interessen, und nur den Sophisten gilt das
Werk des Phil. II. Weniger wird man an Bescheidenheit als Motiv
denken: den Ruhm des ‘Lemniers’ zu verbreiten, hat er sich nicht
gescheut, der war aber auch σοφιστής und nichts anderes 155).
Schließlich nennt Suidas bei dem ältesten Phil. noch ein
Buch, den γυμναστικός, von dem im XIX. Jhh. erst nur Frag-
mente auftauchten (Kaysers Ausgabe Philostratei libri de gym-
nastica quae supersunt, Heidelberg 1840), das dann von dem
Griechen Minoides Mynas gefunden, von ihm und Daremberg
(nach einer Abschrift des Mynas) ediert und auf so wenig zu-
verlässiger Grundlage in den neueren Ausgaben weiter gegeben
und nach Möglichkeit gebessert wurde, bis nun vor wenigen
Jahren die Handschrift des Mynas wieder in den Besitz der
Pariser Nationalbibliothek gelangt ist, nach. der wir eine Aus-
gabe Jüthners zu erwarten haben. Als deren Vorläufer hat
er in seiner Abhandlung ‘der Gymnastikos’ des Philostratos
(Wiener Sitzgs.-Ber., phil.-hist. Cl., Bd. 145, 1902, 8. 1—79)
die interessanten Schicksale der Handschrift und die reichen
Ergebnisse für die Textkritik dargelegt 169), -- Die :in ihrer
158) Hinen älteren sophistischen Philosophen Phil. nennen die Bioi
(1,5 p. 6,19), τὸν Αἰγύπτιον, der am Hofe der Kleopatra lebte; ein Epi-
gramm des Krinagoras auf seinen Tod enthält die Anth. Pal. 7, 645
(s. dazu Stadtmüllers Anm.); Plut. Ant. 80. Cato min. 57.
150%) Angezeigt von H. Schenkl, Zeitschr. f. östr. Gymn. XXV, 1904,
5. 312f. Nützlich war die kommentierte Ausg. von C. H. Volckmar,
Die Philostrate. 553
Art einzig dastehende Schrift περὶ γυμναστικῆς (so der Titel
der Hdschr.; vgl. Schol. Plat. polit. p. 333°), deren Inhalt
Suidas ganz richtig mit dem Beisatze: ἔστι δὲ περὶ τῶν Ev ᾽Ολυμ-
πίᾳ ἐπιτελουμένων charakterisiert!°°), erwähnt neben früheren
etliche zeitgenössische Athleten, einen Mandrogenes (p. 272, 27),
.den der Verfasser persönlich kannte (Mavöpoyevous . . . αὐτὸς
ἤχουσα); über den etwas älteren Mys hat er von den πρεσβύ-
τεροι gehört (p. 283,16; vgl. die gleiche Ausdrucksweise in den
v. soph. 8. 473); uns bekannt ist nur der auch im Heroikos
erwähnte (s. S. 497) Phoenikier Helix. Wie Jüthner hervor-
hebt (Festschr. f. Gomperz S. 226), erscheint hier Helix als
weltbekannter Champion, für dessen Training man sich inter-
essiert: also dürfte die Abfassung des Gymnastikos nach jenem
Doppelsiege des Helix bei den Capitolinischen Spielen des
Jahres 219 anzusetzen sein. Damit wird die Autorschaft des
ältesten Phil., der vor der Mitte des II. Jhhs. geboren ist
(s. S. 517), allerdings überaus unwahrscheinlich. Bei Suidas liegt
jedenfalls ein Fehler vor. Zur Lösung der Frage, welchem
Phil. die Schrift zuzuweisen sei, steht uns aber nichts zur
Verfügung als der Sprachgebrauch. Es wurde schon beiläufig
_ erwähnt (S. 496 f.), daß darin der Gymnastikos der Gruppe v.
Ap. und v. soph. näher steht als den Schriften des III. Phil.,
Her. und Imag. Wir werden deshalb den Gymn. dem II. Phil.
zuweisen (vgl. auch oben Z. 8). Man hat beobachtet (Jüthner
a. a. 0. 8. 227, Fertig a. a. O. p. 43), wie nahe die im An-
fange des Gymn. stehende Auseinandersetzung über die τέχναι
sich mit einer gleichartigen in der v. Ap. (8,7 p. 305, 23 544.)
berührt: da haben wir einen gleichen Fall von Selbstwieder-
holung, wie zwischen v. soph. und dem Briefe an Julia Domna
(5. 537); auch hier ist zweimalige Benutzung der gleichen
Quelle das Wahrscheinlichste.e Im übrigen giebt das Buch
über seinen Verfasser wenig Auskunft. Die Erwähnung von
Fl. Philostrati de arte gymnastica libellus, Aurich 1862. Das Progr. des
herzogl. N.Gymn.s Braunschweig 1902, Phil.s Abhandlung über das Turnen
übers. v. Fr. Cunze, verfolgt Schulzwecke. Die Handschrift des Mynas
enthält den Schluß des Heroikos (von Ὁ. 204, 22 πρὸς ἱεροῖς τε an), dann
περὶ γυμναστικῆς und schließlich den Brief des Lemniers über den Brief-
stil (die sog. Dialexis 1).
160). Schriftliche Quellen werden mehrfach erwähnt p. 261,14.
262, 22. 267,27. 285, 18 sqgq.
554 Karl Münscher,
Lemnos (p. 263, 4) ist durch die Sache gegeben; seine Orts-
kenntnis von Athen zeigt der Verfasser durch eine Bemerkung
(p. 290, 26), ohne daß man daraus auf Athen als seinen Wohn-
ort einen sicheren Schluß wagen könnte. Trotzdem wird das
Buch von Phil. nach seinem syrischen Aufenthalt (s. 5. 490)
und zu Athen geschrieben sein und wohl noch vor den v. soph.
Als Phil. es schrieb, stand Helix auf der Höhe seines Ruhmes:
219 hatte dieser schon eine Reihe ruhmreicher Jahre hinter
sich; ist unsere Datierung des Heroikos richtig, so hatte Helix
213 und schon 209 ἀνὴρ Ex παίδων in Olympia gesiegt. Damit
wird sein Geburtsjahr auf die Zeit etwa um 190 zurück-
geschoben. Ueber sein 40. Lebensjahr hinaus werden wir
die Periode seiner höchsten Berühmtheit als Athlet nicht
verlegen wollen, sie lag also im Jahrzehnt 220—230. Im
gleichen Decennium wird auch Phil. seinen Gymn. als Mahn-
ruf zur Regeneration der Athletik und des ganzen verweich-
lichten Zeitalters der Oeffentlichkeit übergeben haben.
Erwiesen sich die Angaben des Suidas schon bei den
Schriftenverzeichnissen der beiden ersten Philostrate nicht als
durchweg richtig, so steckt das des Ill. voller Verwirrung.
Wir haben ihn identificiert mit dem speciell als ‘'Lemnios’ ge-
kennzeichneten Verfasser des Heroikos und der Eikones, weil
Suidas ihm εἰκόνας und Τρωιχόν (= ἫἩρωικόν, 8. 517) zu-
schreibt. Fälschlich sind beide Schriften von Suidas auch
unter denen des II. Phil. genannt: daß Suidas bez. Hesychios
bei dieser ersteren Erwähnung die ältere Bildersammlung
meinten, zeigt der Zusatz εἰκόνας ἣ ἐκφράσεις Ev βιβλίοις δ΄:
in der Tat hat ein Teil der Handschriften des älteren Werkes
4Bücherteilung statt der in der Mehrzahl der Handschriften
und den Ausgaben stehenden Verteilung auf zwei Bücher '°).
Wie in die Liste der. Schriften des Il. Phil. fälschlich solche
des Ill., des Lemniers, hineingerieten, wurde mit dessen Werken
das jüngere Bilderbuch falsch verbunden, wenigstens wenn
unter dem Titel παράφρασιν τῆς Ὁμήρου ἀσπίδος (der auf
161) praef. d. Wiener Ausg. p. VII m. Anm. Die Zweibücherteilung
erscheint als die originale: beide Bücher haben ziemlich gleichen
Umfang I 31, II 34 Bilder. Die Vierbücherteilung läßt I bestehen und
teilt II in 3 kleine Bücher von 10, 16 und ὃ Bildern.
Die Philostrate. 555
Τρωικόν folgt) nichts anderes zu verstehen ist als das längste,
10. Stück der jüngeren Bilderreihe (Πύρρος ἢ Μυσοί), wie
Welcker (in Jacobs’ Ausg. Philostratorum imagines, Leipzig
1825, p. 631) annahm, das für sich allein und unter dem
besonderen Titel kursierte. Ebenso verkehrt ist die Meinung
*einiger’, die Suidas am Schlusse erwähnt, die Sophistenbioi
seien dem III. Phil. zuzuweisen (s. S. 516). Was Suidas sonst
nennt, navadmvaixov (solche wurden auch von Antipater er-
wähnt, 5. 474; Aristide’ nach dem Isokratischen Vorbilde
gearbeiteter Panathenaikos ist das erhaltene Muster der Gattung)
und μελέτας ε΄, zeigt auch diesen Phil. wie seine älteren Ver-
wandten als Sophisten, der die damals üblichen beiden Arten
von Deklamationen pilegte !°?).
Suidas übergeht (bez. konfundiert mit dem 111.) einen IV.
Phil, den wir durch sein Werk kennen, den Verfasser der
jüngeren Bilder. Er folgte darin, wie er selbst in der Ein-
leitung sagt, seinem ὁμώνυμος und μητροπάτωρ nach: Phil. ΠῚ,,
der Lemnier, war im J. 191 geboren, sein Enkel wird schwer-
lich vor den 60er Jahren des Ill. Jbhs. litterarisch tätıg sein;
vielleicht fällt die Abfassung seiner uns erhaltenen Schrift
noch später, nach 274 (5. oben ὃ. 496). Das Buch hat wenig
Erfolg gehabt (s. 5. 495), nur dem Ruhme seines Vorbildes
hat es wohl seine Erhaltung zu verdanken. Der handschrift-
liche Titel Φιλοστράτου νεωτέρου (das war aus den ersten
Zeilen der Einleitung zu entnehmen) εἰκόνων πρῶτον lehrt,
daß von den 2 oder 4 Büchern (auch in der Buchzahl scheint
er seinem Großvater gefolgt zu sein) uns nur ein Teil des
ersten (im 17. Bilde bricht die Hdschr. ab) erhalten ist 195).
162) Ich will noch ausdrücklich hervorheben, daß es völlig un-
möglich ist, unter der Annahme, der von Suidas an dritter Stelle
genannte Phil. sei der Verfasser der jüngeren Bilder (die παράτρασις
τῆς “Ομήρου ἀσπίδος scheint zunächst dafür zu sprechen), die Pluilostrat-
frage zu lösen. Nie und nimmer lassen sich die Angaben des Suidas
über diesen Phil. mit der Tatsache vereinen, daß die jüngeren Bilder
vom Tochtersohn des Verfassers der älteren geschrieben sind. Solange
Der 1" Suidas ausging, blieb die Philostratfrage ein unentwirrbares
ätsel.
163) Zu den fehlenden Bildern dürfte Hero und Leander gehört
haben, falls die von Dilthey de Call. Cyd. p. 59 Anm. ans Licht ge-
zogene Bemerkung des Antonius Volscus in seinem argumentum zu
Ov. epist. XVIlI nicht auf einem Irrtum beruht: Leander abidenus
cum Sestiae herus amore teneretur noctu maris angustias ut Philo-
556 Karl Münscher,
Im Sprachgebrauch (vgl. Schenkl-Reisch p. XVII) wie in der
canzen Anlage des Buches ist der Enkel durchaus Nachahmer
seines Vorfahren. Weil dessen Werk mit einer allgemein ge-
haltenen Einleitung über Malerei beginnt, muß auch er eine
solche abfassen (ταύτης χατ᾽ ἴχνη χωρῆσαι ϑελήσαντες ἀνάγ-
χὴν ἔχομεν πρὸ τῆς ὅλης ἐπιβολῆς καὶ περὶ ζωγραφίας τινὰ δι-
ελϑεῖν), wobei er sich zum Teil wörtlich an seine Vorlage
anschließt (vgl. p. XV). Auch die dialogisierende Einkleidung
am Schlusse des Proömiums will er nachmachen; freilich
schrumpft sie bei ihm auf zwei Sätze zusammen: er wolle die
schönen Bilder mit Darstellungen alter Sagen, auf die er ge-
stoßen sei, nicht mit Stillschweigen übergehen; und damit
seine Schreiberei nicht so gleichmäßig werde, wolle er sich
einen denken, dem er alles darlege; so verwendet er denn
auch hier und da die Anrede ὦ παῖ. Wie nahe sich auch in
der Wahl der einzelnen Sagenstoffe der jüngere mit dem älteren
berührt, haben Schenkl-Reisch (p. XV—XVI) zur Genüge
betont. Man muß sagen, die Mißachtung, der dies Machwerk
eines imitierenden Epigonen anheimgefallen ist, war durchaus
verdient.
Ich fasse zum Schluß kurz zusammen, was wir über die
aus Lemnos stammende, zum athenischen Demos Steiria ge-
hörende Familie der Philostrate ermittelt haben; bez. der ver-
wandtschaftlichen Verhältnisse verweise ich auf den Stammbaum
S. 519.
Phil. L, Sohn des Verus, geb. vor der Mitte des II. Jhhs.,
Sophist in Athen, schreibt gegen Antipatros, der später ἐπι-
_ stolebs des Septimius Severus wurde. Erhalten sein Dialog
Nero.
Fl. Phil. IL, des I. Sohn, geb. um 170, studiert um 190
in Athen bei Proklos, Hippodromos, Antipatros, in Ephesos
bei Damianos, tritt nach 202 in den χύχλος um Julia Domna
ein (also tätig in Rom), begleitet sie nach Britannien (208),
stratus scribit natare ad illam consueverat. Auf die Verwandtschaft
dieses Stoffes mit Phil. II. imag. 1,12 Βόσπορος weist Rohde, Gr. Roman
S. 135 Anm. 3 hin. — Thomas Magister p. 39,7 (Ritschl) eitiert Φιλό-
στρατος ἐν εἰκόσιν: αὐχὴν εὐπαγής, was im Krhaltenen nirgends steht, er
giebt aber auch sonst noch unauffindbare oder falsche Phil.-Citate
(p. 268, 16. 372, 13. — p. 252,5 Philostratos statt Plato citiert).
Die Philostrate. 557
Gallien (212), Kl.-Asien (214/5 in Pergamon und Nikomedeia),
Syrien (216/7 in Antiocheia); aus diesen Jahren erhalten sein
Brief über Gorgias an Julia; ein Jugendwerk wohl die eroti-
schen Briefe. Nach 217 von Tyros aus die Apolloniosvita
_ ediert (Beiname Τύριος). Nach Athen zurückgekehrt (Beiname
᾿Αϑηναῖος), ediert er den Gymnastikos (nach 219), die v. soph.
(nach 229/30, vor 238). 7 unter Philippus Arabs (244—249).
(Lukios) (Fl.) Phil. III. (Beiname Anwveos), Sohn des
Nervianus, eines Sohnes einer Schwester von Phil. I., geb. 191,
Schüler des Hippodromos und seines Schwiegervaters Phil. IL,
tritt 213 in Olympia auf. 214/5 in Pergamon und Nikomedeia,
hier erhält er von Caracalla die Atelie; verfaßt vielleicht
215, sicher vor 219 den Heroikos. Tätig in Rom und Italien
um das Jahr 222, Streit mit Aspasios, erhalten sein Brief
über den ἐπιστολικὸς xapaxınp. Später in Athen neben Nika-
goras, Apsines und Phil. II.; verfaßt die (älteren) Bilder.
Archon 263/4 (Ὁ). 7 in Lemnos.
Phil. IV., Enkel des III. mütterlicherseits, Verfasser der
‘ (jüngeren) Bilder in der 2. Hälfte des III. Jhhs., vielleicht
nach 274.
Antiocheia
Antipatros
Apollonios
Apsines
Aristodemos
Aspasios
Atticus, imagines
Caracalla
Celcus, Dichter
Chariton
Daemonen
Damianos
Damigeron
Damis
διαλέξεις
Diokles
Dionysios, λιϑιακά
Drama im II. Jhh.
Ekphraseis
Epiphanios
Epistolographen
Ethopoiien
Euippe
Floralien
Gordianus
Heliodoros
Helix, Athlet
Hermokrates
Hiatus
Hippodromos
Hosidius Geta
llion
Julia Domna
Lemnos
Lukianos
Maximus v. Aegae
Medea tragoedia
μελέται
Memnonskoloss
Menekrates
Moiragenes
Musonios
Nicomachus
Nikagoras
Nikostratos
νόμος
Orpheus, λιϑιχά
Pergamon
Philiskos
Philostratos Aigyptios
Philostratos I.
Register.
481. 483. 486.
474 ff. 539
485 ff.
489
514.
471 1. 509 ff.
514, 88
aryf. 508 ἢ,
᾿ 588 ἢ.
535
501 ἢ,
416
545 f.
486 ἢ.
581, 117
410 8. 4911.
480
497. 553.
415 ἴ.
511 ἢ
474. 409.
549
505 f.
4177 Εἴ. 488 f.
410. 418 524.
521. 546 ἢ.
486
5421.
520 f.
479, 22 Ὁ
498. 550.
486f.
550 ff.
484, 37
489
495 513
521 ff.
946
505
480
482, 80
902, 158
sl6f. 538H. |
!
᾿Ελευσινιαχοί 538
κύων N σοφιστής ὅ46:.
λιϑογνωμικός 545 ff.
μελέται 538
Νέρων 548 ff.
περὶ τοῦ ὀνόματος 999
πανηγυριχοί 588
Πρωτεύς 546 fl.
rhetorische Schriften 539
περὶ τραγῳδίας 539
Tragödien u. Komödien 539#.
Philostratos IL, 469. 516. 520 ff.
v. Ap. 470. 483 ff.
gegen Aspasios 510
Athenaios 490
Briefe 524 ff.
Brief an Julia Domna- 586“.
Epigramme, eins auf Telephos
537f.
Familie 491
γυμναστικός 552 ff.
Lemnios 470
περὶ νόμου 521f.
v. soph. 469 ff. 472. 491 ff.
Tyrios 482
Philostratos III. 4985 fl. 554 ff.
Alter 500
Brief an Aspasios 510 ft.
Eikones 512 ff. 554
Heroikos 497 ff. 501 ff.
Lemnios 498
μελέται, παναϑ'ηνοϊ κός 959
Philostratos IV. 50 :.
Eikones 495f. 554 ff.
φύσις 521 {ἢ
Plutarchos, gegen Gorgias 597
Progymnasmen 513. 54lf.
Proklos 414
Protesilaos 501 ff.
' Purpurhandel 498, 65
Soterichos 484, 37
Steinkunde 943 ff.
Suidas
8. v. Φιλόστρατος .. 815 ἢ,
Φρόντων ᾿μισηνός 489. 518
Telephos 505 fl. 537 £.
Tyana 484 f.
Tyros 482f.
Theophrastos, περὶ λίϑων 548.
Varro, imagines 514, 88
Xenokrates, λιϑογνῴμων 544
Zeno
UNTERSUCHUNGEN
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Einleitung ’).
Unter den Werken, welche an der handschriftlichen Ueber-
lieferung des Satirikers Lucian teilnehmen, hat neben dem
Roman Lucius s. Asinus vor allem auch die kurze Lebens-
beschreibung des Cynikers Demonax das besondere Interesse
der Gelehrten erregt. Sie nimmt ja nicht nur eine litterarische
Sonderstellung unter seinen Schriften ein, sie ist auch reich
an zeitgeschichtlichen Nachrichten und schien vorzüglich ge-
eignet, eine vermeintliche philosophische Entwicklung Lucians
und seine Stellung zur Philosophie überhaupt verstehen zu
lassen. Aber wie so manche andere Erzeugnisse dieses Mannes
wurde sie bald als unecht verworfen, bald wieder als echt ver-
teidigt. Es stellen sich eben der philologischen Kritik große
Schwierigkeiten entgegen infolge der Mannigfaltigkeit und
Verschiedenheit seiner Werke nach Form und Inhalt, seiner
einzelnen Entwicklungsperioden, seines Anschlusses an die je-
weils studierten klassischen Vorbilder und der doch wieder
freien künstlerischen Verwendung der Sprachmittel. So erklärt
sich wohl das Schwanken im Urteil bei ein und demselben
Forscher ?). Allein in manchen Fällen liegt doch der Grund
für die bezeichnete Erscheinung auch darin, daß man mehr
im allgemeinen über seine Werke urteilte und sie in den
Rahmen einer fortlaufenden Entwicklung des Schriftstellers
einzugliedern suchte, und daß dann je nach dem Einteilungs-
ἢ Ich kann diese Abhandlung nicht beginnen, ohne zuvor meinem
hochverehrten Lehrer, H. Prof. Dr. W. Schmid- Tübingen für die An-
regung zu dieser Arbeit, für das Interesse, womit er sie verfolgte, für
die praktischen Winke und Ratschläge meinen verbindlichsten Dank
auch an dieser Stelle ausgesprochen zu haben.
?) E. Rohde betreffs des Asinus (Ueber Lucians Schrift Λούκιος ἢ
ὄνος. Leipzig 1869. 5. 32 ff. gegenüber Rh. M. XL, 93 ff.) und W, Schmid
bezüglich des Amores (Philol. L, 302 gegenüber Attic. 1,225).
502 K. Funk,
princip, je nach der Betonung der grammatisch-stilistischen
oder ästhetischen oder philosophischen Seite das Urteil über
die einzelnen Schriften ein anderes werden mußte. Wurde
dabei noch größeres Gewicht gelegt auf die mehr subjektiven
Kriterien, wie Erwägungen des guten Geschmacks und vor-
gefaßte Meinungen über seine Haltung in philosophischen
Dingen, während man die sprachliche Untersuchung vernach-
lässigte, so konnte bei der proteusartigen Wandlung der Lucia-
nischen Anschauungen die größte Uneinigkeit im Urteil nicht
ausbleiben. Immerhin macht sich allmählich ein Uebergang
von der radikalen Richtung Bekkers mit 23 unechten Schriften
(Mtsber. d. Berl. Akad. 1851, 360) zu konservativerer Haltung
bemerklich, indem Boldermann (Stud. Luc. 127 ff.) nur 6—8,
Hirzel (Dialog II, 334) gar bloß 5 Werke als unecht bezeichnet.
Will man mithin soweit möglich zu einem festen Resultat ge-
langen, so gibt es keinen anderen Weg, als jede Schrift für
sich allein nach all den genannten Gesichtspunkten auf ihre
Echtheit zu prüfen.
Der erste, der nach dem Vorgang von Gesner?) und
Guttentag*) in längerer Abhandlung, allerdings mehr unter
Voraussetzung der Echtheit im großen und ganzen, die in
Frage stehende Schrift untersuchte, war Schwarz°). Allein
die Ergebnisse seiner Forschung haben nicht die nötige Zu-
stimmung gefunden, und so blieben die bisherigen Ansichten
nach wie vor bestehen. Die Echtheit wurde auch jetzt noch
bezweifelt und geleugnet, so von Bernays°), Rothstein 7),
Schmid®) und Margadant’), während sie andererseits ebenso
3) M. Gesner, De Philopatride. Jenae 1715.
*) 4. Guttentag; De subdito qui inter Lucianeos legi solet dialogo
Toxaride. Berolini 1860.
5) A. Schwarz, Ueber Lukians Demonax, in Ztschr. f. österr. Gym.
1878. Bd. XXIX, S. 561—594.
6) Jak. Bernays, Lucian und die Kyniker. Berlin 1879. 5. 104
Anm. 24.
1 Maximilian Rothstein, Quaestiones Lucianeae. Berolini 1888.
Ss. 32 und 33,1,
8) W. Schmid, Bemerkungen über Lucians Schriften und Leben.
Philoi. 1891. Bd. L, 301. |
9 P. C. Margadant, De Luciano aequalium censore. Hagae-Comi-
tum 1881 8. 88.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactıs. 563
eifrig von Ziegeler!°), Croiset 11), Fritzsche'?) (Fr.) und Cha-
bert13) verteidigt wurde. Was Schwarz erreichte, war nur,
daß noch eine dritte Richtung zu den bisherigen kam, welche
zwar die Biographie im wesentlichen als echt anerkannte, aber
außer in c. 11 die Integrität überhaupt in Frage zog und
Ausscheidungsversuche machte. Am rückhaltslosesten ist ın
dieser Beziehung Wichmann !*) den Ausführungen von Schwarz
beigetreten, mit mehr oder weniger Zurückhaltung Thimme'’°),
Boldermann!‘) und Schulze”). In dem anderen Hauptpunkt
seiner Kritik, welche den Nachweis zum Gegenstande hatte,
daß der Philosoph Demonax bloß eine erdichtete Persönlichkeit
sei und niemals existiert habe, hat Schwarz eigentlich nur an
Wichmann einen Vertreter gefunden.
Bei diesem Tatbestand ist die Aufgabe der. folgenden
Untersuchung von selbst gegeben. Da die Sachlage in unserem
Falle eine getrennte Behandlung der Fragen nach der Echt-
heit und nach der Integrität zuläßt, so soll zunächst die Echt-
heit nach den sprachlichen und sachlichen Gesichtspunkten
geprüft werden, dann wird uns die Frage nach der Integrität
und schließlich die Ansicht von der Ungeschichtlichkeit des
Demonax beschäftigen.
10) E, Ziegeler, Zu Lucian. N. Jahrb. ἢ, Philol. 1881. Bd. CXXIII,
329—335, wandte sich gegen die Aufstellungen von Schwarz.
11) Μ, Croiset, Essay sur la vie et les oeuvres de Lucien. Paris
1882. S. 32,3.
12) Fr. Fritzsche, Lucianus. Rostochii 1882. II, 1,188; II,2, ΧΙ.
13) L. Chabert, L’Atticisme de Lucien. Paris 1897. S. 69. Die
Echtheit setzten voraus W. Passow, Lucian und die Geschichte. Mei-
ningen 1854. S. 4 und Hertzberg, ('=schichte Griechenlands unter der
Herrschaft der Römer. Halle 1868 ii, 247ff.; die Unechtheit da-
gegen hielten aufrecht Zeller, Philosophie der Griechen. III, 1°, 771,1
und Osk. Schmidt, Metapher und Gleichnis in den Schriften Lucians.
Winterthur 1897 S. 9. 19 vgl. Fried. Leo, Die griech.-römische Biogra-
phie. Leipzig 1901. S. 83,2.
14) Zuerst in einer Besprechung Ztschr. f. G. W. 1880, 210f.; dann,
abweisend die Einwendungen Ziegelers gegen die Aufstellungen von
Schwarz im N. Jahrb. f. Philol. 1881, 841 ---49.
15) Ad. Thimme, Quaestionum Lucianearum capita IV. Halis Sax.
1884. 5. 54-58.
16) P, M. Boldermann, Studia Lucianea. Lugd. Bat. 1893. S. 118—122.
17) P. Schulze, Bemerkungen zu Lucians philosophischen Dialogen.
Dessau 1891. S. 7. Auch Jul. Sommerbrodt, Lucianus. Berol. 1893.
II, 1, 342 neigt jetzt zu dieser Ansicht.
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. ΟὟ
564 K. Funk,
I. Untersuchung über die Echtheit.
1. Aeußere Zeugnisse.
Umsonst sehen wir uns nach äußeren Zeugnissen um,
welche die Echtheit der Vita Demonactis außer Zweifel stellen
würden; solche gibt es bei Lucian überhaupt nicht. Keiner
seiner Zeitgenossen, so weit wir ihre Werke noch besitzen,
hat ihn der Erwähnung gewürdigt. Selbst wo man seinen
Namen als selbstverständlich erwarten möchte, in den Sophisten-
biographien des Philostratus, ist er mit keinem Worte genannt,
was um so auffallender ist, als der Verfasser sogar eine ge-
nauere Bekanntschaft mit ihm verrät (Schmid, Att. IV, 535;
einen anderen Fall 5. u... Nun hat freilich Philostratus auch
andere Glieder des Sophistenkreises übergangen (a. a. ©. I, 27),
so daß das Befremdende in etwas abgeschwächt wird, aber bei
der Bedeutung Lucians verlangt dieses offenkundig absichtliche
Schweigen eine Erklärung. Wohl mögen persönliche Gründe
den Philostratus dabei beeinflußt haben, etwa Verstimmung
über die niedrige Einschätzung des von ihm so hoch verherr-
lichten Apollonius von Tyana (vgl. Alex. 5) und sein durchaus
entgegengesetzter religiöser Standpunkt 1 und nicht zum
wenigsten die Nachwirkung der echt aristokratischen Exklu-
sivität des Sophistenkreises (Rohde, Gr. R. 315° Anm.), dazu
mögen dann noch sachliche Momente gekommen sein, wie
sein Uebergang zu dialogischen Arbeiten, welche seinen Haupt-
ruhm begründeten und die rhetorischen Leistungen in den
Hintergrund treten ließen!?), vielleicht auch das immer mehr
abnehmende Verständnis für diese Art von Nachahmung der
alten Klassiker (Rothstein 3. 120 4). Den Hauptausschlag
hat jedenfalls das feindselige Verhalten Lucians gegen die
Sophisten gegeben, wie es sich besonders in Rhetorum Prae-
ceptor ausspricht 3). Daß Philostratus den Lucian in einem
anderen Buche erwähnte, etwa in dem, das über die Feind-
35) Thimme 5. 44, Croiset 5. 389, Ranke, Pollux et Lucianus. Qued-
linburg 1831. S. 15, A. Planck, Quaestiones Lucianeae. Tubing. 1856,
S. 5. An Neid über die schriftstellerische Größe (Sbdt, Ausg. Schr. 1?,
XI) wird nicht wohl zu denken sein.
19) Thimme S. 43 u. Anm. 2, vgl. Ranke a. 2.0;
Ὁ) Vgl. Boldermann ὃ. 13 (auch Westermann, Geschichte der griech.
Beredsamkeit. I, 216).
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 565
schaft seines Vaters mit dem Sophisten Aspasius handelte, ist
eine durch nichts begründete Vermutung Thimmes (S. 43, 3).
Nur soviel kann aus dieser Notiz gefolgert werden, daß Lucian
nicht aus bloßem Haß totgeschwiegen wurde.
Zum erstenmal bringt uns Eunapius, der Fortsetzer des
Philostratus, von Lucian Kunde und bedeutsam genug ist es
derselbe, von dem wir gleichzeitig über das Vorhandensein und:
den Lucianischen Ursprung der Vita Demonactis Kenntnis er-
halten. Insofern hat eigentlich unsere Biographie die beste
äußere Bezeugung von allen Schriften des Satirikers. Freilich
ist der Zeitraum von 200 Jahren, welcher beide Männer trennt,
noch groß genug, um eine Fälschung wenigstens möglich zu
machen, wenn auch Eunapius an der Glaubwürdigkeit der
Handschriften keinen Zweifel äußert.
Die erhaltenen Handschriften geben uns dasselbe Zeugnis.
Das will allerdings nicht viel besagen; denn auch die besten
gehen kaum merklich über das Jahr 1000 zurück und ent-
halten, soweit sie vollständig sind, wohl unsere Vita, aber auch
die zweifellos unechten Schriften Philopatris, Charidem und
das Enkomion des Demosthenes 3). Rothstein (8. 28 ff.) hat
zwar den Versuch gemacht, auf Grund der Handschriften allein
ein Urteil über Echtheit und Unechtheit zu gewinnen. Durch
Beobachtung der Reihenfolge der einzelnen Schriften hat er
nicht bloß die Einteilung der Handschriften in 2 Klassen aufs
neue bestätigt, sondern auch 4 Corpora unterscheiden können
und darunter das Corpus B mit 14 Schriften, welchem als
nr 11 eben unsere Biographie angehört. Und in der Tat ist
in diesem Corpus seine Aufstellung besonders gut begründet.
In derselben Reihenfolge finden sich die 14 Nummern in den
Handschriften: Vindob. B (10. saec. 5. Rothstein δ. 17), Vat.
90 T (11—12. 5860. 5. Vogt S. 4) 35), Vat. 76, Vat. 89, Vat. 88.
Paris. 2954 M (14. saec.R. 8. 15. V.S. 11. 17), Marc. 434 ὦ (12.
saec. R. S. 9. V.S. 29), Mut. O (10. oder 11. saec. R. 5. 10.
Υ. 5. 34) und mit gestörter Ordnung derselben Schriften —
ἢ Nur in Vat. 90 T fehlen Nero, Charidem und Philopatris (vgl.
Rothstein S. 3), in Mut. O Macrobii (a. a. O. 8. 10).
2) P. Vogt, De Luciani pristino ordine libellorum quaestiones.
Marburg 1889.
91 ἢ
- 566 | | Krank,
Nigrinus ausgenommen — in Palat. 174 (14. saec. V. 8. 11).
Wenigstens mit der einen oder anderen Schrift dieses Corpus
B ist die Vita noch verbunden in Vat. 1324 (12. saec. R. 5. 17),
Guelferbyt. F (14. oder 13. [?] saec. V. 5. 26), Florent. ® (in
diesem Teil 14. saec. R. S. 12), Paris. 2650, Paris. 3011 C,
dem lang überschätzten 35) Gorlic. A (15. saec.), Laurent. 57,
28 u und in einem Parisinus, der sich nur aus den Scholien
(ed. Bachmann V. S. 23) rekonstruieren läßt; vereinzelt kommt
sie bloß vor in Vat. 87 X (14. oder 15. ? saec. V. 8.7), Cod.
Upsal., Ambros. 218, Laurent. 32, 13 (14. saec. a. a. Ὁ, 8. 40)
und Cod. Björnstahl Bomb. nr 4 (a. a. O. 8. 32). Allein was
ist damit für die Echtheitskritik erreicht? Was gibt uns das
Recht, mit Rothstein (S. 34) die ersten 10 Schriften des Cor-
pus B als echt und die übrigen 4 als unecht anzusehen und
die Grenze der Echtheit gerade vor der Vita Demonactis zu
ziehen, selbst wenn die folgenden De domo und Patriae enco-
mium zweifelhaft und Macrobii (vgl. Hirschfeld im Hermes
24, 156 ff.) unecht sind? Warum sollte nicht dieser Sammlung
rhetorischer Schriften, wie Nigrinus, so auch eben ‘propter
argumenti similitudinem’ Demonax von Anfang an beigefügt
gewesen sein können? Der Schluß auf Unechtheit wäre nur
dann berechtigt, wenn nach genauer textlicher Untersuchung
jeder einzelnen Schrift sich für die 4 letzten eine ursprünglich
getrennte handschriftliche Ueberlieferung herausgestellt hätte.
Da aber diese Forderung, auf die Rothstein S. 49 selber hin-
weist, bis jetzt noch nicht erfüllt ist, so sieht auch er sich
genötigt; für sein Verfahren innere Gründe anzugeben, wie wir
denn überhaupt bei solchem Sachverhalt nur auf diese uns
verwiesen sehen. |
2. Sprachliche Untersuchung.
| Wie in der Platekritik, so ist auch für Lucian neuerdings
mit vollem Recht die Notwendigkeit der sprachlichen Unter-
suchung stärker betont worden°‘). Wohl stößt auch diese
38) Vgl. Nils Nilen, Annotationes Lucianeae. Hauniae 1889. 8. 1—6.
34) Vgl. Rothstein S. 30,2 und 31 und bes. die Programme von
Joh. Bieder, Cynicus, Hildesheim 1891; Ueber die Echtheit des Luc.
Dialogs De parasito 1890 und der Schrift De saltatione Halle 1894;
dazu Joost, Beobachtungen über den Partikelgebrauch Lucians in der
Festschrift für L. Friedländer. Leipzig. 1895.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 567
Methode auf große Schwierigkeiten, besonders wenn man ein
zu enges Gebiet der Betrachtung unterzieht und die Rücksicht
auf die verschiedenen Litteraturgattungen außer acht läßt, wie
Joost (vgl. S. 166. 174. 175. 177); allein bei richtiger Ausübung
derselben und verbunden mit den anderen Kriterien bildet sie
gerade bei Lucian ein nicht zu verachtendes Hilfsmittel. Denn
er selbst legt großes Gewicht auf den sprachlichen Ausdruck;
gsrammatische Fragen beschäftigen ihn bis ins Alter; der ge-
ringste Vorwurf in dieser Beziehung verletzt ihn auf das
tiefste, man denke nur an die Schrift Pseudologista und Pro
lapsu inter salutandum (Pseudosophistes?). Die künstlerische
Ausbildung der Sprache und die Darstellung geht ihm über alles;
darum ist es auch die Form, deretwegen er bewundert sein
will, und nicht der Inhalt *). Dabei sind hier im Gegensatz
zu anderen Gebieten seine Grundsätze im wesentlichen gleich
geblieben und im Unterschied von manchen seiner Zeitgenossen
verfolgt er hier ein feststehendes Ideal, ebenso fern von dem
Stile der χοινῆ, wie von jenem übertriebenen Atticismus,« auf
den sehr gut als Wahlspruch passen würde das Wort Lucians:
ὅσῳ ἂν ξενίζοιμι, τοσούτῳ σεμνότερος ᾧμην αὐτοῖς ἔσεσθαι
(Gall. 18).
Auf den ersten Blick gehen nun aber doch trotz der
Eigenart der Lucianischen Schreibweise die Kenner seiner
Sprache weit auseinander in ihrem allgemeinen Urteil über
den stilistischen Eindruck unserer Schrift 26). Es kommt das
jedoch daher, daß die einen mehr die grammatische Seite, die
anderen mehr die Art der Komposition in Betracht gezogen
haben. Macht man diese Unterscheidung, dann ist der schein-
bare Widerspruch gelöst und das für die Lucianische Urheber-
schaft günstige Urteil kommt eben auf Rechnung der sprach-
lichen Seite. Dies soll nun zunächst im einzelnen gezeigt
werden.
Leider ist uns dabei ein Hilfsmittel verschlossen, die von
25) Prom, es. 3. Zeux. 1 und 2. Bis. acc. 34. De hist. conser. 46.
Pisc, 22.
36) Bernays S. 104, 24 und Rothstein 8. 32—33 gegenüber Fritzsche .
II, 1,188 und Schwarz S. 563, der nur „wenige zweifelhafte Ausdrücke
und ein paar auffallende Fügungen“ findet, ohne sie aber namhaft zu
machen.
δ08 ᾿ K. Funk,
Photius (Cod. 128 S. 96 B.) hochgerühmte Rhythmik der
Sprache Lucians. Fr. III, 2, LXXXII ff. spricht allerdings da-
von; er nennt Gallus und Cataplus als die vollendetsten Werke
der Art, während Nigrinus noch nicht so fein ausgearbeitet
sei (S. LXXVI und LXXX), ja er gibt seinen Rhythmen den
Vorzug vor denen eines Isokrates und Thrasymachus (S. LXXV]),
aber er sagt nichts von der Beschaffenheit derselben, wie er
es bei den eben genannten tut. Offenbar war eine gewisse
Regelmäßigkeit nicht nachzuweisen, ohne die wir für unseren
Zweck mit dieser Bemerkung nichts anfangen können, ganz
abgesehen davon, daß die Beobachtung nur auf einer Unter-
suchung der Dialoge beruht, die so wie so eine Mischform von
Poesie und Prosa darstellen. |
So sind wir also zunächst auf die Eigentümlichkeiten be-
schränkt, welche in Laut- und Flexionslehre, in Syntax, Wort-
stellung und Wortwahl zu Tage treten. Ich verhehle mir
dabei nicht, daß eine Reihe von Erscheinungen auch bei an-
deren Schriftstellern sich finden. Aber es ist Gewinn genug,
wenn unsere Zusammenstellung den Nachweis liefert, daß der
Sprachcharakter unserer Schrift von dem Lucians nicht wesent-
lich abweicht.
Lautlehre: Gemeinsam der Vita und den Werken Lu-
cians ist der Gebrauch von jonischen Formen neben den atti-
schen, so ἐς c. 5 und nach den besten Handschriften auch
ὁ. 42 und 67 (III, 18) 37); ξυνεπολιτεύετο c. 5.38), συνεγίνωσχε
ὁ. 7, γίνομαι c. 63, ἀναγινώσκουσι c. 67 (1V, 579). Desgleichen
wird streng von ihm eingehalten der Gebrauch der unkontra-
hierten Formen in der Deklination der Sigmastämme, wie
Ἡρακλέα c. 1, Σινωπέα c. 52%) und bei λουόμενος c. 42. Ge-
rade im letzteren Falle hat Lucian offensichtig die Kontraktion
als fehlerhaft verpönt, indem er Lex. 2 diesen selbst sie ge-
brauchen 1äßt°°), und das im Unterschied von Aelian (III, 42),
2”) Wo im weiteren Verlauf nur Band und Seitenzahl angegeben
wird, ist immer Schmid, Der Atticismus in seinen Hauptvertretern.
Stuttgart 1857—1896. I—IV gemeint.
28) ξὺν haben alle Codd. außer 31; ein Grund zur Aenderung liegt
nicht vor, wenn es auch weit seltener ist. Vgl. Ill, 17; Chabert S. 88. 106.
», Vgl. 1V,18. K. Dürr, Sprachliche Untersuchung zu den Dia-
lexeis des Maximus von Tyrus ım Philol. Suppl. VII, 4 S. 10.
80) Damit fällt der Verbesserungsvorschlag Cobets, Var. lect. 8. 84,
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 569
der auch den Akkusativ der Sigmastämme immer kontrahiert
(III, 21. IV, 582). Dies tut Lucian nur regelmäßig in Formen,
wie χρυσοῦν c. 17°!) und bei dem eingeschobenen οἶμαι (I, 127).
Die Nebenformen τῷ c. 7 und ὅτῳ c. 13 und 17 sind häufig,
die Krasis in ϑάτερον c. 11 und selbst in ϑατέρῳ c. 1 ist fast
die Regel (I, 227). Die Schreibung ὀδμὴ c. 66 kommt bei
den Attikern nur vereinzelt vor (1,207, 340; IV, 209) und so
gebrauchen auch die strengen Atticisten, Aelian (III, 143) und
Philostratus (IV, 209) nur ὀσμή. Lucian hat beide Formen:
ὀσμὴ Fug. 1. Ver. hist. II, 5. 29; ὀδμὴ dagegen Scyth. 2. Cyn.
17. Dea Syr. 30. Hier ist diese Schreibweise noch besonders
leicht zu erklären, weil wir es mit einem Ausspruch des De-
monax zu tun haben, dem offenbar das Kolorit der Umgangs-
sprache gewahrt werden soll, ein Umstand, auf den bereits
Fr., De Attic. Spec. II, 11 aufmerksam gemacht hat. Die Un-
beständigkeit, mit der oo und ττ, μέλισσα c. 52 und πάτταλος
ὁ. 38 abwechselt, ist auch anderen Schriften gemeinsam (III,
15). Musc. enc. 3 zeigt μέλιττα und zwar trotz der Klage
des ‘0° gegen die Uebergriffe des “τ᾽ gerade in diesen beiden
Wörtern nach Jud. voc. 8. 9.
Flexion: Hier treten dieselben Uebereinstimmungen zu
Tage. Der Gewohnheit Lucians entsprechend wird c. 66 der
Nom. Plur. von ὄρνις auf --εα gebildet, während dagegen
Philostratus nur einmal ὄρνεα (Ap. 231, 14 vgl. IV, 22) und
Aelian nur einigemal (IIl, 36) ὀρνέων schreibt ??). Die Dual-
form des Artikels der Feminine, die Aelian ganz vermeidet
(III, 48), lautet immer ταῖν (c. 11 ταῖν χεροῖν). Die 2. Pers.
Ind. Praes. Med. geht bei Lucian für die Regel auf —y, nicht
auf ---εἰ aus, so auch bier ἀποχρίνῃ c. 26, ἡγῇ c. 27. Die Form
περαίνει c. 15 bildet bei seinem Schwanken keine Gegeninstanz.
Hier ist sie besonders am Platz, weil die Entwicklung nach
—e geht (III, 30), also in der Umgangssprache sicher so ge-
x #1) F. V. Fritzsche, De Atticismo et orthographia Luciani. 1828.
Pe; 11.
32) Der der χοινὴ angehörende Sing. ὄρνεον kommt nur einmal
bei Lucian Jud. νος. 8. vor, sonst steht ὄρνις Lex. 6. De merc. cond. 17.
᾿ς Conv. 43. Ausnahmen vom Plur. ὄρνεα sind nur ὄρνις als Nom. Ep.
Sat. 35 und als Acc. 23, De merc, cond. 13 öpvidwv in der sprichwört-
lichen Redensart ὀρνίϑων γάλα ἀμέλγειν und Conv. 43 ὄρνισιν.
570 AK
sprochen wurde°®). Beachtenswert ist es sodann, daß in dem
einzig möglichen Fall die von Lucian bevorzugte (III, 31, vgl.
Bieler, de paras. 5. 8. 9) äolische Endung des Opt. Aor. I. Act.
ὀνομάσειε c. 25 sich findet, die z. B. Maximus von Tyrus (Dürr
S. 13) nur zweimal hat. Das Perf. Pass. λέλεγμαι c. 12 von
λέγω — sagen hat nichts Auffallendes an sich. Es wird
manchmal, wie Apol. 2. 14. Prom. es 3 unmittelbar neben
der regelmäßigen Form verwendet.
Syntax: In der Behandlung derselben erscheinen manche
Eigentümlichkeiten Lucians, so der mit Vorliebe und mannig-
faltig gebrauchte Acc. der Beziehung®*) c. 3. 50. 51. 553 und
der häufig zu Modalbezeichnungen und Adverbialumschreibungen
benützte Acc. Neutr. eines Adjektivs (I, 234): μάλα. ἡδὺ c. 13,
τὰ πολλὰ c. 21, τὸ ὅλον c. 4 und τὰ τελευταῖα c. 11 nicht in
der Bedeutung denique zusammenfassend, sondern postremo,
wie sonst immer (Mesnil S. 48. 49). Für die äußerst beliebte
Umschreibung einer Attributivkonstruktion durch Substantivie-
rung des Adjektivs und Gen. part. (1,235. IV, 608) finden wir
Beispiele in c. 2 (τὰ ἀρχαῖα τῶν παραδειγμάτων) c. 6. 12. 39;
ebenso für den Gen. part. ohne εἷς oder τὶς (Sbdt., Ausgew.
Schr. zu Som. 9; IV, 608) in c. 3 (οὐ τῶν ἀφανῶν) c. 23. 69.
Dahin gehört auch die von Guttentag S. 46 erwähnte Gewohn-
heit Lucians gegen den Gebrauch der meisten Schriftsteller
den Gen. αὐτῶν beizufügen, wie c. 8. 9. 11 u. 8.5). |
Der Artikel wird gern gesetzt zu Zeitbestimmungen z.B.
τὸ ἀπ᾽ ἐχείνου c. 11 und steht trotz der sonst überhand neh-
menden Lässigkeit des Gebrauchs (III, 64. IV, 614. Dürr 5. 28)
regelrecht bei τοιοῦτος und οὗτος. Doch ist das Fehlen nach
οὗτος c. 11 nicht ganz ohne Beispiel (De salt. 32. Per. 19),
was gegen Chaberts Verwunderung (5. 174) über Dea Syr. in
dieser Beziehung zu betonen ist.
33) Das bessere Verständnis des Wortspiels nötigt nicht zu περαίνει,
wie Cobet 8. 39 meint. Dasselbe wäre bei richtiger Auffassung von
nepaivy gerade so möglich; denn korrekt müßte es ja doch περαίνεις
oder περαίνεται heilen nach Philops. 9 und δυο. 5, wenn τὸ ἐρώτημα.
ergänzt werden soll. Damit fällt der Grund für Cobet überall —eı zu
korrigieren, wie man mit Schwidop, Observationes Luc. Königsberg
1848—70. Spec. I, 13 Anm. nicht überall —y aufdrängen darf.
84) Baar, Wien. Stud. VIII, 63; vgl. IV, 609.
38) Für ἰσχύος ὑπερβολή s. Chabert 8. 174.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 571
Nicht vereinzelt findet sich der Gebrauch von ξαυτοῦ c. 17
statt σεαυτοῦ 5). Wie die Attieisten überhaupt gerne Adjek-
tiven und Adverbien ein tis ohne besondere Bedeutung an-
hängen (1, 293), so erscheint es auch hier an Adjektiven c. 14.
50. 63 und an einem Adverb c. 5 οὐ πάνυ τι (1, 293 vgl. 137.
II, 157. ILL, 68. Dürr S. 32).
In der Tempusverwendung wird zur Zeit des Attieismus
durchaus nicht mehr die klassische Strenge gehandhabt. So
dürfen uns die gegen die Regel gebrauchten Imperat. Praes..
c. 23. 48. 66 nicht berühren und der Tempuswechsel in c. 1
ἔμελλε μηδὲ ἔσεσϑαι, ἀλλὰ ἐχφαίνειν ist gegen Cobets Korrektur
S. 100 in ἐχφανεῖν (Fr. und Sbdt.) beizubehalten 57), ebenso auch
in 6. 25 ἐνδοιάσαντος χαὶ ἀποροῦντος. Die von Guttentag S. 41
(vgl. I, 96. 240) gekennzeichnete Vorliebe Lucians für das Perf.
und Plusquamperf. zeigt sich hier in c. 4. 17. 40. 53. 58.
Dahin rechne ich auch das beanstandete Tempus 8). in c. 38
πῶς σοι μεμαχῆσϑαι ἔδοξα.
Im Gebrauch der Modi gilt das Gleiche. Der Opt. über-
wiegt den Konj. im allgemeinen schon so sehr, daß selbst
nach einem Präs. im Hauptsatze der abhängige Satz, der unter
Umständen durch eine vorangestellte Wendung wie ἀμφοῖν
‚Evexa c. 2 ausdrücklich eingeleitet werden kann 39), mit dem
Verbum im Opt. folgt*°); manchmal tritt auch der Indic. Fut.
(ec. 20 εἰ χατανοήσεις, εὕροις ἄν) stellvertretend für den Con).
und Opt. Aor. ein (vgl. Chabert 5. 190). Regelmäßig ist oö-
τως ὥστε c. 44 mit Indic. Praet. verbunden (a. a. O. S. 189),
aber auch für die Konstruktion von ὥστε mit Inf. statt ὡς
mit Inf. ὁ. 11 und 63 fehlt es nicht an Belegen (Sbdt. zu
86) ], 297. "ὃ Zu den hier aufgeführten Beispielen käme noch Ver.
hist. 1,6. Apol. 2. In Pseudosoph. 4 ist vielleicht eben dieser Gebrauch
getadelt. Vol. Chabert 8. 107. Dürr S. 29.
#7) Ein ähnlicher Fall ist erwähnt I, 96, abgesehen davon, daß μέλλω
sich öfter, Herm. 43. Pro lapsu 9. Jup. trag. 45 (vgl. III, 72. 138.
IV, 195) mit Inf. Praes. findet.
#8) 0, Spath, Analecta critica ad Lucianum. Freising 1896 hält
nur μάχεσθαι ἔδοξα für richtig.
39) Heller, Die Absichtssätze bei Lucian in den Symbola Joachim.
1880 8. 313.
40) Heller S. 307 und 308 erklärt den Opt. als Modus der Or. obl.
wegen des vorausgehenden Inf. Die Begründung desselben in c. 5 aus
der koncessiven Bedeutung des Participialsatzes (5. 811 und 312) ist
überflüssig, da das Part. nach dem vorausgehenden ἐῴκει ein Praet. ist.
572 K. Funk,
Char. 23. Tim. 6 vgl. Ill, 85. IV, 622). Das durchaus un-
klassische οἴομαι ὅτι ὁ. 24 ist durch die Verbindung mit ἥδο-
μαι entschuldigt; findet sich indes oft genug (1, 242. vgl. IV,
83. 620).
Von den beiden Negationen werden οὐ und μὴ ohne seen
Unterschied gesetzt, nicht einmal der Hiatus ist entscheidend
für den Gebrauch der einen oder anderen Form (1, 245. Mesnil
S. 41 ff.). Doch ist μὴ bedeutend im Uebergewicht; es findet
sich auch hier im infinitiven Aussagesatz c. 1*'). 25, und nach
ὅτι c. 24. 58, wo man οὐ erwartet; dagegen ist οὐ richtig
verwendet.
Die reinen Adv. werden von Lucian oft als Verstärkungen
des Positiv angewandt, so hier χομιδῇ c. 28. 40 (vgl. Shdt,
Ausg. Schr. zu De hist. conser. 8. Gall. 2). Das gleiche Ver-
hältnis zeigt der Gebrauch von μάλα c. 11. 13 und von dem
fast um das Doppelte häufigeren πάνυ c. 18. 26. 27. 39 (1,275
und 282); umgekehrt zieht Aelian μάλα vor (1,125). Mit
diesem πάνυ wird besonders gern von Lucian, z. B. Apol. 5.
Philops. 5. Vit. auct. 22. Ic. 2. Herm. 11, nach Xenophons
Vorbild ein Eigenname in elliptischer Weise auch c. 24 ver-
bunden. Als Steigerung des Komparativs dient παρὰ πολύ,
wie ὁ. 6; dagegen findet sich die Lucian und Dio Ohrysostomus
eigentümliche Verstärkung durch μᾶλλον und πάνυ (Chabert,
S. 175) in der Vita nicht. Andererseits erscheint von μόνος
fast überall die adjektivische Form, wo meistens das Adverb
gesetzt werden könnte und müßte, so c. 2 (πρὸς τὰ ἀρχαῖα
μόνα τῶν παραδειγμάτων ; ο. 10 sind beide Auffassung möglich)*?).
Der mit der Präposition Eri gebildete Ausdruck Ent πολὺ
kommt vor = magnopere c. 67 und in der Lucian noch ge-
läufigeren Bedeutung = diu c. 25. 54 (1, 399. Mesnil S. 36.
49) 45), ähnlich Ent μήκιστον c. 1 (vgl. Anach. 26. 27. 38. Dial.
mort. VI,2 u. a.). Die Verbindung προελϑὼν eis αὐτοὺς c. 57
statt παρὰ steht nicht allein und ist gerade vor folgendem
41) Vgl. De salt. 20.
12) Guttentag S. 44. 45 u. C. Knaut, De Luciani asini auctore.
Leipzig 1868. 5. 36.
45) Auch bei Arrian und Philostratus ist ἐπὶ πολὺ beliebt (IV, 454)
nicht aber bei Maximus (Dürr 8. 51).
Lo
,“μ“ ὦ χ “ΠΥ “
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 573
Pron. grammatisch. richtig‘'). Besonders hervorzuheben ist
noch die Präposition ἄχρι πρὸς ὁ. 67. Sie kommt auch bei
anderen Schriftstellern des atticistischen Zeitalters vor, so bei
Aristides 2mal (II, 91), Polemo 1mal, Dio Chrysostomus 3mal
. (IV, 626), bei Arrian nur 1mal μέχρι πρὸς Peripl. 1. 6. 11 45).
Das ist im Verhältnis zu dem häufigen Gebrauch bei Lucian
(1,397) so selten, daß man sie zu den spezifisch Lucianischen
Eigentümlichkeiten rechnen darf. Um so beachtenswerter ist
für die Echtheitskritik, daß die einzige Stelle, wo zu ihrer
Verwendung Gelegenheit geboten ist, gerade diese Präposition
aufweist.
Am meisten charakteristisch und am schwersten nach-
zuahmen ist endlich die Verwendung der Konjunktionen. Dar-
auf dürfte besonders bei den späteren Schriftstellern Gewicht
zu legen sein, weil diese mit dem Abkommen des Verständ-
nisses für den Periodenbau bis zu einem gewissen Grade durch
Partikeln die alte Kohäsionskraft ersetzen mußten, welche in
der festgefügten Periode die einzelnen Teile zusammenhielt.
Aber auch hier bietet unsere Schrift keine Schwierigkeiten.
Ich führe im folgenden die hauptsächlichsten auf:
ἂν pleonastisch c. 10 2mal; Beispiele Mesnil S. 5 35).
ἀλλὰ γὰρ c. 3; häufig vgl. 1, 433. III, 329.
ἀλλὰ — Ye c. 3. 50 und y& ce. 2. 10; im Verhältnis zu manchen
Schriften etwas selten; doch kommt die Vita noch vor Per. Ver. hist.
und As. 3. Joost S. 181? ).
γοῦν ο. 7. 26. 48; sehr beliebt 5. Bieler, De paras. S. 20, an allen
3 Stellen ist es normal gebraucht (nicht gleich δ᾽ οὖν und οὖν vgl. Gut-
tentag ὃ. 46) und am richtigen Platze (I, 428).
en Ὁ: 8.509).
ες χαὶ μὴν c. 20. 29. 66; es verteilt sich so ziemlich gleichmäßig
auf alle Schriften, ohne in einer echten Schrift, wie hier, allzuhäufig
zu sein. S. Joost S. 171 (I, 427. Thimme 5. 9. Bieler ὃ. 20).
καὶ μὴν not c. 2. 26. 29. 54. 56. 63; in dieser Beziehung fällt
die Vita auf. Die Partikel findet sich im ganzen nur 33 mal (I, 427),
44 Mesnil S. 36. Krüger, Gr. Gramm. 68, 21, 3. ᾿
*) Vgl. Mücke, Zu Arrians und Epiktets Sprachgebrauch. Nord-
hausen 1887. S. 19.
‘ 40) Heller 3. 205 sucht die Erscheinung psychologisch zu begründen,
während Sbdt. 11,1, 821 zu Tyran. 3 doch etwas zu äul:erlich nur das
Streben darin erblickt, durch die Zahl die Kraft der Partikeln zu steigern,
#7) Besonders gern steht es nach dem Artikel wie c. 2. 3. 50 und
ἔθ Partie, um einen kausalen Sinn zu bezeichnen c. 10. 5. Joost
Ma Da
48). c. 50 schreibt Sbdt δὲ trotz der Ueberlieferung δὴ in AQAT
Mut; beim Imper. stelt δὴ außer den bei Tbinnme 5. 9 genannten
Stellen noch Conv. 18. Zeux. 7. Nav. 36. Paras. 4. 20. 52.
574 | K. Funk,
in den echten Schriften höchstens je 1—2mal mit Ausnahme von De
hist. conser. mit 6, Ver. hist. mit 9, As. mit 7 Fällen. S. Joost S. 173
„176. Vielleicht ist die Häufigkeit durch den ruhigen Ton der Erzäh-
lung in diesen Schriften veranlaßt. Der Wechsel von καὶ μὴν und καὶ
μὴν καὶ hat nichts auf sich, er hat nicht nur im le, statt, wie Thimme
S. 9 angibt, sondern auch in Eun. 3 und 10. Nav. 44 und 42. Musc.
enc. 1 und 2. 5. Anach. 14. 16 und 27. 29. Paras. 1.2.2.8. 8. 9. 10
etc. und 28. 59.
καί ποὺ καὶ c. 9; vgl. De mere. cond. 16. 17. οὐ ππσ.-.
De luctu 12.
χᾷτα c. 35; von Lucian zwar getadelt Lex. 21 und Rhet. praec. 16,
aber doch gebraucht vgl. I, 264.
μέντοι ὁ. 33. 41. 42. 49. 67. 67; ganz gewöhnlich 5. I, 427,
ον ον Tee 11. 11. 16. 26. 28. 28. 29.
37. 48, 50. 50. 51. 56. 59. 62. 63; äußerst häufig, oft 3mal in einem
cap., so Som. 1. 7. Char. 16. 19. Nigr. 8. 9 u. a.
nzvohne folgendesdÖ: c.11. 67; auch wat — δὲ c. 4 ist nicht
ohne Beispiel vgl. De salt. 13; Knaut 3. 39. ἀλλὰ entspricht μὲν in
c. 3 2mal.
οὗτοι μέντοι ohne: c. 67 dient zur Hervorhebung s. Gut-
tentag S. 60.
μὲν γὰρ c. 11. 50. 59. 67, nicht selten vgl. Bieler, a. a. O. 8. 20.
οὐκοῦν c. ὅδ vgl. 1, 427.
od μὴν — AAA& καὶ c.3 kommt Charid. 15 ausgenommen nur
noch 6 mal in unbestritten echten Schriften vor.
od μὴν — γὲ c. 4; nur in unzweifelhaft echten Schriften und zwar,
wie hier, bloß einmal. 5, Joost 5. 173 vgl. I, 427. Bieler, a. a.0. S. 11.
oöv c. 1. 14. 17. 24. 52. 66.
τοιγαροῦν c. 11; meist wie hier an erster Stelle vgl. I, 428.
‚toivovc. 86; sehr gewöhnlich und nirgends bei Lucian an erster
Stelle des Satzes, (1, so auch hier.
15 — nel co 1980 rl 63.
τὲ — τὲ ο. 11. 59.
οὐ μὰ Δία c. 3; vgl. I, 421.
ὡς = ἵνα c.2.5; vgl. Heller S. 295. Chabert S. 167 und I, 237, 13.
Das seltene ἵνα kommt hier überhaupt nicht vor. Vgl. dagegen Maxi-
mus, Dürr 5. 40.
ὡς — ὅτι c. 12; ὅτι findet sich selbst 10 mal, ὁ. 4. 8. 11. 11. 14.
15. 16. 24. 29. 58.
oc Ξε. ὥστε c. 6. 10. 28.
In verschiedenen Bedeutungen steht ὡς beim Part.: c. 31 final;
c. 8. 23. 37. 10 objektiv begründend; c. 16, 24. 42 subjektiv begrün-
dend; ferner steht es bei Adj. c. 12. 37, bei Subst. c. 61. 26.
ὥστε = ut econsecutivum c. I 44. 63; etwas selten, da der
alternde Lucian im Gegensatz zu seinen jüngeren Jahren zwar nicht
ausschließlich, aber doch fast nur ὥστε gebraucht. Vgl. P. Schulze,
N. Jahrbb. 1891, 827 und IV, 87.
ὥστε = quare c.4; nicht selten nach Knaut $. 38, Shdt.. Ausg.
Schr. III2, 154.
καίτοι 6. 11. 11, das eine Mal den Hauptsatz, das andere Mal
den Nebensatz einleitend; Beispiele für beides bei Mesnil 8. 58.
Wortstellung und Satzgefüge ist durchaus ungekünstelt
und einfach und entspricht ganz dem Lucianischen Geschmack.
Nirgends zeigt sich jene Verrenkung in der Wortstellung, wie
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 575
in dem unechten Charidemus #9), Der Hiatus wird gleichfalls
nicht ängstlich vermieden, nicht einmal im schlimmsten Fall,
wo ein kurzer nicht elidierbarer Vokal, welcher das Wort
schließt, mit einem folgenden kurzen zusammenstößt. Er fehlt
nur in den unechten Schriften Charid. Halc. Demosth. enc.
(Schmid, Philol. 50, 302). Ebenso wird auch nur einigemal
die rhetorische Stellung des Verbums zwischen dem Adj. und
dem dazu gehörigen Subst. angewendet, wie c. 11 (τραχυτέρῳ
ἐχρήσατο τῷ προοιμίῳ und ταύτην ἔφη ἔχειν αἰτίαν) und 16
vgl. Bis acc. 1. Herkunfts- und Standesbezeichnungen folgen
dem Namen in attischer Weise c. 1 (Δημώναχτα τὸν φιλόσοφον)
ὁ. 3 (Τιμοχράτει τῷ Ἡραχλεώτῃ) c. 29. 30. 31. 44. 54. 56;
nur ὁ. 1 (τὸν Βοιώτιον Σώστρατον) tritt eine andere Stellung
‚ ein, welche indes gleichfalls belegbar ist (1, 419. vgl. 101).
Mit den Attieisten und Lucian gemeinsam°°) hat unsere .
Schrift gerne die prädikative Stellung des Adj., so daß dieses
voransteht, während das Subst. mit dem Artikel folgt c. 4. 8.
23. 31. 38. 51. Diese ist bei Lucian, mit nur wenigen Aus-
nahmen in zweifelhaften Schriften, nach Bieler Cynicus S. 10,
die Regel, wenn das substantivierte Neutr. mit einem Gen.
part. verbunden ist, so auch hier c. 2 (τὰ ἀρχαῖα τῶν παρα-
δειγμάτων). 6. 12. 39.
Die einzelnen Sätze werden übereinstimmend meist ko-
ordiniert. Parataxe statt Hypotaxe selbst in Fälien wie c. 3
und 16 ist so wenig als die Wiederaufnahme eines Satzes mit
χαὶ τοῦτο (c. 50 und 63) etwas Seltenes°'). Dafür steht oft
auch (vgl. c. 63) das verblaßte Wort πρᾶγμα (Guttentag S. 53).
Sehr gerne aber fügt Lucian einem voraufgeschickten Ge-
danken noch nachträglich mit Unterbrechung des Satzes eine
nähere Bestimmung hinzu, welche zum Verständnis durchaus
notwendig ist, offenbar mit der Absicht, den nachlässigen Fluß
der Sprache des täglichen Lebens nachzubilden (a. a. ©. S. 38).
Beispiele dafür finden sich in c. 31. 54. 25. 14 und 44. Von
den Redefiguren ist die eigentliche Antithese selten, in der
49) Ziegeler, Studien zu Lucian. Hammeln, 1879 S. 4.
»0) ΤΥ 613. Dürr S. 29. Guttentag S. 45. Bieler, De paras. 8. 19
Knant ὃ. 36. So steht auch das Pron. voran 6. 41. 44. 47. 56.
51) ], 239. Bieler, De paras. S. 9.
576 K, Funk;
Regel stellt er nur der Position eines Gedankens die Negation
entgegen (vgl. De merc. cond. 1). Die Anaphora ist häufiger
nur in rhethorischen Schriften (für die παλιλλογία in c. 1 εἶδον
χαὶ ἰδὼν ἐθαύμασα vgl. Herm. 49). Oft erscheint nur die
Litotes, so auch ο. 1. 1. 3. 4. 4. 11. 14: 25. 44. 49. 66 (1, 415).
Die Gewohnheit Lucians, einen Gedanken nicht nur nach
Dios Art?”) durch 2, sondern durch mehrere synonyme Aus-
drücke wiederzugeben ὅ5), zeigt sich in der Vita in folgenden
Fällen: c. 3 ὀρϑῷ al ὑγιεῖ nal ἀνεπιλήπτῳ βίῳ χρώμενος -—
ὁ. 9 ϑαυμάζοιτο Aal ἀποβλέποτο und ὁμοδίαιτος ἅπασιν ὧν Nail
πεζὸς χαὶ οὐδ᾽ ἐπ᾽ ὀλίγον τύφῳ χάτοχος συνῆν καὶ ξυνεπολιτεύετο
— 6. 9 ὃ τρόπος πρᾶος χαὶ ἥμερος nal φαιδρός ; ähnliche Häu-
fungen c. 6 παντοίους. .. χαὶ χοσμιωτέρους χαὶ φαιδροτέρους
χαὶ πρὸς τὸ μέλλον εὐέλπιδας c. 11 πράους χαὶ ἵλεως —
ὁ. 12 ἀγεννὲς χαὶ γυναικεῖον καὶ φιλοσοφίᾳ ἥκιστα πρέπον.
Die Untersuchung über die Wortwahl endlich ergibt fol-
gendes Bild:
Spezifisch Platonische Wörter und Ausdrücke 554)
aus Pl. u. a., aber nicht Xenophon und Comici 1455)
aus Pl. und Xen. mit Ausschluß der Com. 16
aus Pl., Xen. und Com. 2
aus Pl. und Xen. allein
aus Pl. und Com.
. aus Xen. und Com.
aus Xen. allein
aus Xen. u.a. mit Auschluß Pl. und Com.
aus Com. allein
aus der neuen Komödie
aus der übrigen Poesie τς
Dazu kommen aus Thuc. 3, Demosth. 2, Aeschin. 1, aus den
Trag. u. a. 1, aus der attischen Prosa 7 Wörter; dagegen sind
nicht vertreten Hdt und die Jonier.
Diese Zusammenstellung zeigt deutlich genug, daß die
Hauptquelle für die gewählten attischen Ausdrücke Pl., Xen.
oa ἀμ δ᾽ α
5) Math. Graf, In Dionis Prusaensis orationes ab J. de Arnim
editas (Vol. I) coniecturae et explanationes.. Monachii 1896. 8. 22.
53) Guttentag S. 36.
54) 1. 141 ff. vgl. mit 299 ff.
56) 1, 106 ff.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 577
und die Komödie, sowohl die alte als die neuere und wohl
auch die mittlere ist, während die übrigen Autoren der älteren
Zeit eine untergeordnete Rolle spielen. Das stimmt denn auch
völlig überein mit dem Bilde, welches uns die eingehende Un-
tersuchung Schmids in dieser Beziehung von der Art Lucians
gegeben hat (I, 401), wie ja schon der von dem Schriftsteller
selbst vorgeschriebene Bildungsgang für den jungen Redner
(Lex. 22. Rhet. praec. 9) erwarten ließ.
Zu den besonderen Eigentümlichkeiten des Lucianischen
Stils gehört es auch, daß es fast in keiner Schrift an ἅπαξ
λεγόμενα fehlt. Die Vita weist 6 Beispiele auf: συναπειλέω
c. 15, ein Kompositum, das nach Thes. Gr. s. v. nur Schol.
Hom. A, 452 und Eustath. p. 67, 3 vorkommt. Statt Spw-
παχίζωῳ c. 50 gebraucht Lucian gewöhnlich, De merc. cond.
33. Rhet. praec. 23 etc. und unmittelbar vorher in c. 50 un-
serer Vita πιττοῦν (vgl. 1, 152). Von der Wurzel des seltenen
und offenbar dichterischen σόλοιχος c. 40 (vgl. Thes. Gr.
s. v.) benützt Lucian nur σολοικίζω Rhet. praec. 23. De merc.
cond. 35. Pseudosoph. 1, σολοικισμὸς Nigr. 31 und σολοικία
De salt. 27. 80. Die Verbindung ὑπεράνω γίγνεσϑιαι ο. 8
ist sonst häufiger gebraucht worden (Thes. Gr. s. v.). Statt
χαταμίγνυμι cc. 5 verwendet Lucian sonst das Doppelkom-
positum ἐγχαταμίγνυμι Alex. 13: Anach. 14. Philops. 4. De
hist. conser. 13 u. a. Εὐαπάτητος c. 12 hat wenigstens an
dem gleichfalls vereinzelten εὐεξαπάτητος Ic. 30 eine Parallele;
xuv&w ὁ. 21 steht in der Gräcität m. W. ganz allein. Lucian
kennt dafür nur χυνίζω Per. 43. Im Verhältnis sind das aller-
dings viele Fälle, da ihnen im umfangreichen Herm. nur 7
entsprechen (Chabert S. 126 ff.). Allein das hellnische öpw-
παχίζω, εὐαπάτητος und χυνάω 5%) lassen sich begreifen; sie
sind ja einem Ausspruch des Demonax entnommen, und so-
dann ist Chabert in der Aufzählung nichts weniger als voll-
ständig, wie er auch hier nur die beiden erstgenannten Beispiele
aufführt.
Nach dem Bisherigen weicht also die Vita in sprachlicher
56) Abgesehen davon daß ἀπολογισμὸς nicht Dem. 33, sondern Dem.
enc. 33 sich findet, kann ich nicht einsehen, wie nach Chabert S$. 136 ff.
. Ἀυνάω und gar ἐμπιστεύομαι in neuer Bedeutung gebraucht sein sollen.
578 K. Funk,
Hinsicht von Lucians Art nicht ab, ja da und dort treten uns
spezifisch Lucianische Eigentümlichkeiten entgegen; allein es
finden sich doch auch Erscheinungen, die wir bei ihm seltener
treffen. Dahin gehört die Bildung des Acc. auf —r bei den
Personennamen mit der Endung —ns c. 24. 33. 56. 627),
während bei Lucian die auf —nv vorwiegend ist (IV, 582.
Chabert ὃ. 104). Σφόδρα c. 12 wird nur bei Dio Chrys. häu-
figer verwendet; Lucian hat es nur 38mal und davon 11mal
in As. und Am. (1, 292); noch seltener findet sich αὐτίκα μά-
λα c. 15 (I, 292. 275); ὡς τὸ πολὺ c.20 gar nur Herm. 28.
33. 34 und De cal. 12 und ἀληϑῶς ohne vorangestelltes ®s
hat nur an Dial. mer. XI, 4 ein Beispiel. In der Bedeutung
„bei sich, für sich etwas thun“ erscheint gewöhnlich eine Ver-
bindung mit χατὰ oder πρὸς ὁ. Acc., Ent c. Gen. wie c. 36 Er’
ἐμαυτοῦ, ist nur 4mal belegt (Bieler, De Paras. S. 8); πρὸ
ὥρας ὅ8) c. 24 kommt bloß noch De lucetu 13 vor (vgl. Jup.
trag. 47 πρὸ τοῦ χαιροῦ). Die Seltenheit von ἄν te — ἄν τε
Cat. 14 gegenüber Dem. 11 und 59 (ἐάν te Paras. 25) ist
wohl nur Zufall, da εἴ te — εἴ te häufiger ist. Für χαὶ μέν-
τοι χαὶ c.46 weiß Bieler a. a. O. 5. 12 nur noch 5 Stellen
namhaft zu machen. Die Verbindung ὥστε ἐπεὶ χαὶ c. 4 zeigt
in derselben Stellung nur noch Jup. trag. 51°”); ebenso ist
τὲ ἅμα καὶ c. 12 nur in Macr. und De Dea Syr. häufiger, in den
echten Schriften steht es 8&—10mal nach Bieler, De Salt. 5. 17.
Selten gebraucht werden einzelne Wörter, wie δηχτικὸς c. 50
(Niger. 37), ῥαστώνη c.5 (De mere. cond. 3. Charid.l.
Dem. enc. 22), χάτοχος (De hist. conser. 8), στίχοι 55) c. 60
(Ver. hist. I, 24. Alex. 36. De luctu 24. Char. 4). Statt ἕνα
57) So lesen wenigstens die besten Handschriften B2ET® Mut; AKF
dagegen haben die von Xenophon beliebte Form, die c. 56 auch B
aufweist.
8) Arrian hat es allein Diss. Epict. IV, 8,38 2 mal.
59) Die Zwischenstellung von χαὶ (Fr. und Shdt.) ist also nicht ge-
rechtfertigt.
60) Mit Unrecht hat K. G. P. Schwartz in Mnemos. XIV. N. 8. 214 °
(1886) an der Bezeichnung στίχοι für die homerischen Gedichte Anstoß
genommen, weil dafür sonst ἔπη oder ποιήματα stehe und das Citat
regelrecht mit τὸ oder τὰ “Ὁμήρου (Pseudol. 27. Fug. 30. Char. 7) ein-
geleitet werde, während στίχος nur von einzelnen Versen gebraucht
werde. Der Sinn ist ja eben der: von den einzelnen Versen aus Homer,
die ihm zusagten, führte er diesen einen am meisten im Munde.
-
ee EEE
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 579
Kuvıxdv c. 48 (vgl. Per. 15) wird für die Regel εἷς mit Gen.
part. verbunden, andernfalls wird τὶς beigefügt (Ic. 2. Philops.
12. Cat. 3 u. a.). So beliebt den Atticisten die Wendung οὐ
χεῖρον ist, bei Lucian erscheint sie außer hier c. 14 und 44
nur noch 5mal (I, 120. 238); auch οὖχκ ἔστιν ὅστις οὐ c. 10
und 67 findet sich sonst nur etwa in 2 Schriften einmal (Bie-
ler, De Paras. 5. 19); dagegen ist ἔχω mit Inf. c. 2 und 25
‚wenigstens in manchen Schriften, wie Herm. und Abdic. häu-
figer (a. a. O.).
Vereinzelt steht das mediale Partic. φάμενος c. 33. 66;
das Med. fand übrigens Verwendung in ἔφησϑα Herm. 3. 6.
9. 19. 61. Je. 2 (vgl. IV, 599. f. Aelian III, 44 f.). Aehnlich ver-
hält es sich mit der Verbindung ὅσα eis ο. 3 — soweit darauf
ankommt. Lucian kennt nur ὅσον εἰς Jud. voc. 12. Per. 35
und ὅσα γε Tim. 52, während die attieistische Pluralform (IV,
71) ὅσα εἰς für Aelian belegt ist (III, 143).
Es fehlt sogar nicht an sprachlichen Eigentümlichkeiten,
welche ich bei Lucian nicht nachzuweisen vermag. Dahin ge-
hört der Gebrauch des Aor. Pass. von ἀποχρίνεσθαι — ant-
worten ὁ. 26°). Selten ist ohnedies schon das Praes. von
σχέπτεσθϑαι bei den Attikern (I, 135), die Konstruktion mit
abhängigem Inf. c. 57 ist ohne Beispiel; Char. 2 ist es mit
ὡς verbunden. Das Verbum χαταδαίω, wie die davon gebil-
dete Form καταδασϑῆναι c. 35 kommt nur hier vor °?). Schwer-
fällig ist sodann die Verbindung x&T& τὸ χοινὸν συντρέχειν
τοῖς ἄλλοις τῷ πάϑει αὐτοῦ c. 24. Nur mit einem Dativ
und zwar einem solchen der Sache kommt συντρέχειν Dial.
mer. X, 4 vor und Zeux. 2 hat nur einen Dativ der Person
(ὅτι μὴ συνήϑως μηδὲ κατὰ τὸ χοινὸν βαδίζοι τοῖς ἄλλοις).
Immerhin ist es bezeichnend, daß an unserem Orte dieselbe Stel-
61) Gegen eine durch das unmittelbar voraufgehende ἐρωτηϑέντι
veranlaßte Verschreibung (Fr., De Attic. Spec. II, 12, K. G. P. Schwartz
S. 213) spricht außer der Ueberlieferung der Handschriften die Tatsache,
daß ähnliche Formen (vgl. ἠρνησάμην statt ἠρνήϑην Mesnil S. 5) nach
Pseudosoph. 5 und Polyb. (I, 231) vorkamen.
62) Cobet S. 80 schlägt καταδεσϑῆναι vor in Anlehnung an Hesiod 7
rpoxotedettu.. Aber nur die Handschrift ® hat an unserer Stelle zwei
e darüber geschrieben und zwar erst von 2. Hand. Die Form ist indes
nicht so ungriechisch, wie Cobet meint; es ist eine regelmäßige Bil-
dung von χαταδαίω und dann nur einer jenen starken Ausdrücke, wie
sie die Umgangssprache liebt (f. Aelian s. III, 204).
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 38
980 K: Funk,
lung beliebt wird wie Zeux. 2. Endlich kennt Lucian nur τὸ
παράπαν oder παντάπασιν, nie aber τὸ παντάπασιν c.1. Ob
hier aber nicht die Handschrift A mit τὸ παράπαν recht hat?
Einige andere Erscheinungen Lucianischer Eigenart treten
nun freilich in unserer Vita nicht zu Tage. Es wird nur βού-
λομαᾶι ὁ. 12. 44 gebraucht und als Präposition beim Passiv nur
ὑπό, nicht wie sonst im Wechsel mit ϑέλω, ἐθέλω bezw. πρὸς
c. Gen., welch letzteres den ersten Schriften (Phal. I, 13) ebenso
angehört wie den letzten (Alex. 2 und Pro lapsu 5). Es fehlen
ferner die sonst häufigen Wendungen οὐχ οἶδα ὅτι, ὅπως, εἰ,
ὡς, ὅς, εὖ οἶδ᾽ ὅπως %.T.A., τὸ μέγιστον, τὸ παραδοξότατον U. ἃ.:
εἰρήσεταὶ γάρ, ἠρέμα, παρέργως, ὁδοῦ πάρεργον, ὡς τὸ εἰχός,
ἀτεχνῶς, πέρα τοῦ μετρίου, εὖ ποιῶν = wohlweislich; vielleicht
liegt der Grund dafür in dem objektiven Charakter der Schrift.
Es fehlen die Satzverbindungen τοῦτο μὲν --- τοῦτο δὲ und be-
sonders μᾶλλον δέ, wofür sich nun allerdings das gleich häufige
χαὶ μάλιστα c. 1. 12. 67 findet. Es fehlen endlich die Par-
tikeln ἀμέλει, ἄρτι, δηλαδή; vor allem πλὴν ἀλλά. Gerade aus
letzterer Tatsache will Joost eine nicht unwesentliche Ver-
größerung der Zweifel an der Echtheit der Vita Dem. und
anderer Schriften entnehmen. Er muß aber selbst gestehen,
daß man diese Verbindung außer in den rhetorischen Produkten
seiner Jugend und seines Alters auch in den zweifellos echten
Schriften Som. Nigr. Dial. mar. Vit. auct. Eun. Fug. ver-
mißt (S. 168. 169). Ebenso ist seine andere Bemerkung, daß
sich die Häufigkeit des Gebrauches von πλὴν ἀλλὰ nach der.
von μὴν richte (8.175), nicht ohne Ausnahme. Er kann Philo-
'pseudes mit seinem einzigen πλὴν ἀλλὰ nur durch die Begrün-
dung halten, „die Schrift trage keinen ausgesprochenen dia-
logischen Charakter an sich, sondern halte sich mehr in den
Grenzen des Berichtes über geführte Gespräche“ (5. 171). Da-
mit ist natürlich auch unsere Vita gerettet und die oben aus-
gesprochene Forderung, die Schriftgattungen bei solchen Un-
tersuchungen auseinanderzuhalten, unwillkürlich bestätigt. Uebri-
sens haben kein πλὴν ἀλλὰ bei allerdings mässigem Gebrauch
von μὴν auch Cron. Dial. mer. De merc. cond. (5. 175) und
in ähnlicher Weise steht es auch mit Dial. mar. Vit. auct.
πὰρ. Eun. Nigr. (8. 171 ff.). Wegen des Gebrauchs von ὥσπερ,
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 581
das sonst mit χαϑάπερ wechselt, die Schrift zu verdächtigen
(5. 182), ist wohl ein Versehen, da jenes sich nur ein einzig-
mal c. 19 findet. Das Fehlen von ἄλλως hat Thimme 5. 9 be-
gründet‘?), das von μεταξύ, sei es nun absolut oder mit Par-
ticip, ist das Charakteristikum der Schriften des Alters (Joost
S. 166. 167). Jedenfalls dürfen wir nicht überall alles suchen;
in- unserem Fall verbietet das schon der geringe Umfang. An-
deres hat wieder in der Abfassungszeit, in der litterarischen
Gattung, in dem objektiven Charakter der Vita seinen Grund.
Wenn man alles in allem betrachtet und die Schrift zu-
sammenhält mit anderen, die Lucians Namen tragen und gleich-
falls nach der sprachlichen Seite untersucht worden sind, so
wird man den Eindruck gewinnen, daß sie bei weitem nicht
die Schwierigkeiten bietet, wie etwa nur der gleich umfang-
reiche Cynicus. Gerade die dort von Bieler, Cyn. S. 11 ge-
tadelte Konstruktion von αἰτιᾶσϑαι und δυσχεραίνειν kommt
hier c. 24 und 8 nicht vor.
| Das Folgende wird uns nun aber einen Schritt weiter
führen. Wir finden nämlich in der fraglichen Vita verschie-
dene Ausdrücke verwendet, welche sich bei Lucian unstreitig
einer gewissen Beliebtheit erfreuen °*), so z. B. ἀΐίσσω ἐπί τι
und zwar immer in der Aoristform, wie c. 4, ἄκρως c. 1, öfter
adjektivisch mit Substantiven verbunden Nav. 44. De hist,
conscr. 15. Vit. auct. 2. Dial. mort. XX, 5. vgl. lup. trag.
26, ἄμοιρος c. 1. 25. Rhet. praec. 17. Conv. 22. Hipp. 7,
ἀναφέρῤω εἷς τι ο. 1. Conv. 34. Per. 4, ἀποδειλιᾶν c. 42.
Dial. mort. X, 8. Nav. 35. Per. 26, ἐν γέλωτι totLelohe:
6. 12. De hist. conser. 32. Nav. 15, ἐνδοιάζω c. 25, ἐπι-
χεχλασμένος c. 12. Adv.ind. 23, διαχεχλασμένος ο. 18.
De merc. cond. 33 vgl. Anach. 7, εὔστοχος ce. 12. 39. Nigr.
35. 36. Conv. 12. Gall. 6. Adv. ind. 15. Tox. 11, vgl. Gutten-
tag 8. 52, κόσμιος c. 6 gern von Philosophen gebraucht =
verständig, so Bis acc. 17 Conv. 5. 7. 34. Tim. 54. Herm. 19
63) Außer den hier genannten Stellen kommt es noch vor Conv. 16.
Iup. trag. 25. 26. 30. 32. 38. Anach. 16. 20. 29. 32. lup. conf. 1. 7. 14,
Alex. 49. Hipp. 2. Dips. 6. Hdt. 6. Phal. I, 12. Cauc. 4. 6. 8. 16.
6%, Im fi. werden nur die Stellen angeführt, welche nicht im Index
der Lucianausgabe von Jakobitz verzeichnet sind.
38*
982 Ki Paaink;
υ.8.. λαμβάνεσϑαι τινὸς ὁ. 41. Nav. 11. 14; Demere.
cond. 24. Fug. 18 u. ὅ., ὀλιγοχρόνιος c.8. Nigr. 17 ©),
δρμᾶν πρός τι ὁ. 8. Som. 17. Conv. 5. öfter ἐπί τι Herm.
16. 28, 84, Fug. 13, οὐκ ἀπῳδὰ c. 1. Rhet.'praec. 16. De
salt. 46, οὐδὲν δγιὲ ς (λέγειν) c. 17. Apol. 10, Jup. trag.
41, παντοῖον γίγνεσθαι 6. 6. Eun.11. Pro-lapsu 1.
παρομαρτεῖν c.49. Gall. 9, πατάσσω c. 16. Dial. mort.
XXIL, 1. Conv. 44. Bis acc. 24. Philops. 24, πειρᾶσϑαί τινὸς
c. 14. Herm. 27. 84. Gall. 15. 21. 24.; Anach. 27. 29. 34.
37. Philops. 38. Eun. ὃ, τὰ πλήϑη c. 11 vgl. 1, 285, σχυ-
ϑρωπὸς c. 6. Pisc. 37. Fug. 18. Gall. 11. Anach. 23, διὰ
στόματος (μνήμης) ἔχειν, (εἶναι) 0.56: 2. Cat.9 vgl.
Anach. 35, σύντροφος c. 4 immer mit einem Dativ, so De
salt. 1. Musc. enec. 4. De merc. cond. 23, τῦφος 6. ὅ vol.
Bieler, Cyn. 8. 17. in derselben Bedeutung 15mal, ὕπαι:
%pos ὁ. 1. Iup. trag. 1656). Dmepop&v:tıvog ce. 3. Pise.
46, φιλανϑιρωπίαὰ c. 11. Jc. 27. Tup. trag. 21, χλευάζειν
c. 12. Jup. trag. 30. Anach. 13, χλευασμὸς c. 39. An-
dere, seltenere Wörter sind wenigstens belegbar, wie ἀόργητος
ὁ. 91. Herm. 12, προσχρούειν c. 11, ὁμότεχνος ὁ. 23. Gall. 1.
ὑπέργηρως c. 63, ἐμπιστεύομαι ο. 51.
Daneben treten gewisse Wortverbindungen auf, welche
unserer Schrift mit denen Lucians gemeinsam sind, und welche
durch ihr häufigeres Vorkommen zeigen, wie geläufig sie ihm
sind. So haben wir: ϑαυμάζεσϑαι nal ἀποβλέπε-
σϑαι ὁ. ὅ und Rhet. praec. 1. Per. 20, χεχραγὼς N ὕπερ-
διατεινόμένος ὁ. 7 und Eun. 2. (ὑπερδιατείνεσθϑαι Je. 7
Herm. 27. Bis acc. 11. βοᾶν χαὶ διατείνεσθαι. Philops. 6.
Jup. trag. 16), πρᾶος καὶ ἥμερος c.9 und Pisc. 24. Per.
18. Phal. 1, 3, ἐλευϑερία καὶ παρρησία c.3 und Pise:
17. Per. 18. Dial. mort. XI, 3. Char. 13 vgl. Apophr. 1
(eine den Philosophen dieses Jahrhunderts teure Formel), εὖ -
ϑὺς ἐν ἀρχῇ c. 11 und De hist. consc. 17. Herm. 16. Pro
lapsu 5. 6. Alex. 38, auch ἐξ ἀρχῆς εὐθὺς ist häufig, PrAo-
σοφίᾳ ἥκιστα προσήκων c. 12 und De hist. conser. 17,
65) "Enoipeoda in demselben c. ὃ steht in gleichem Sinn De merc.
cond. 9. |
°%) Daneben ist auch ὑπαίϑριος vertreten, vgl. Fr. II, 1, 190.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis.. 583
De salt. 2, ὁδ ᾧ βαδίζων (εὗρε) c. 17 und Tim. 5. Herm.
1. 86. De merc. cond. 25, während Maximus von Tyrus (Dürr
S. 19) und Philostratus (IV, 142) ὁδὸν βαδίζειν verbindet, pet-
ράκιον ὡραῖον c. 18 und Per. 9. 43. Nav. 2.19. Alex. 5.
Hdt. 5 u. a. Die Gewohnheit, Personennamen nicht in histo-
rischer Reihenfolge aufzuzählen und die Eintönigkeit durch
Umstellung und ein eingeschaltetes πρὸ αὐτοῦ zu vermeiden,
findet außer Philops. 2. Scyth. 1. Iup. conf. 16. Hipp 2 auch
in c. 3 ein Beispiel, und die Wendung desselben Kapitels 3
οὐχ ᾿Αγαϑοβούλου μὰ Δί᾽ οὐδὲ Δημητρίου hat einen genauen
Beleg in Apol. 1 (οὐχ ὑπὲρ “Ἑλένης μὰ Δί᾽ οὐδ᾽ ὑπὲρ τῶν ἐν
᾿Ιλίῳ γενομένων) 57).
Die Uebereinstimmungen gehen aber noch weiter. Es
fehlt nicht an eigentlichen Parallelstellen, die ich zum Ver-
gleiche neben einander setze:
Dem. 2: πρὸς ἀρχαῖα μόνα Ριβο. 80: ἀποβλέπων ἐς τοὺς
τῶν παραδειγμάτων σφᾶς αὐτοὺς κανόνας, οὗς προτεϑείχατε, πρὸς
ῥυϑμίζειν 55), ἀλλὰ κἀκ τοῦ ἣμε- τούτους ῥυϑιμίζοι xal ἀπευϑύνοι
τέρου βίου κανόνα προτίϑεσϑαι. τὸν ἑαυτοῦ βίον, ὅπερ νὴ Δία
Annan '
τῶν χαϑ᾽ ἧἡμᾶς αὐτοὺς ὀλίγοι
ποιοῦσιν, vgl. mit 1μ6χ. 29: ζηλοῦν
ὲ , τὰ ἀρχαῖα τῶν παραδειγ-
Dem. 3: ὑπ᾽ οἰκείας πρὸς τὰ Som. 10 : τῷ τῶν χαλῶν ἔρωτι,
χαλὰ δρμῆς 59) καὶ ἐμφύτουπρος τῇ πρὸς τὰ σεμνότατα, ὁρμῇ
61) Fr. Kersten, De Ellipseos usu Lucianeo. Kiel 1889 S.42 nimmt
Dem. 3 eine Ellipse an, welche mit Hinblick auf Apol. 1 nicht nur
unnötig ist, sondern geradezu den Sinn verkehrt. Er sagt nämlich,
der Sinn sei ohne Zweifel „non solus Agathobulus nec Demetrius nec
ceteri soli Demonactem impulerunt, sed omnes illi. Itaque certe et
Agathobulus et ceteri impulerunt“; es sei also μόνον (solus ἢ zu ergän-
zen. Allein das ἀλλὰ braucht nicht ergänzt zu werden, es steht ja da,
und damit, wie durch den ganzen Zusammenhang und durch diese
Parallele, ist dieses μόνον ausgeschlossen. Wenn er dann noch Iud.
voc. 3 (1, 84), eine Stelle, die ich übrigens nicht finden kann, ein μόνον
ergänzen will, wofür auch λέγω eingesetzt werden könne, notio quae
idem valeat(!), also od λέγω ᾿Αγαϑοβούλου x. τ. A, so widerspricht er
‚sich selbst und läßt damit gerade den getadelten Sinn zu.
68) Conv. 34 ῥυϑμίζειν τὸν βίον πρὸς τὰ βέλτια; ῥυθμίζειν gerne ge-
braucht, so Pisc. 12. Anach. 22. De salt. 6. De merc. cond. 30.
69) Anach. 37. ὁρμὴ ἐς τοὺς χινδύνους,
984
φιλοσοφίαν ἔρωτος 72).
Dem. 4: ἀπῆλϑε τοῦ βίου πολὺν
ὑπὲρ αὑτοῦ λόγον τοῖς ἀρίστοις
τῶν “Ἑλλήνων καταλιπών 7:).
Dem. ὅ : φιλοσοφίας εἶδος 73)
οὐχ ἕν ἀποτεμόμενος.
Dem. 6: ὡς τοὺς προσομιλή-
σαντας ἀπιέναι ... χοσμιωτέρους
παρὰ πολὺ καὶ φαιδροτέρους.
Dem. 12: τίνα δὲ καὶ ἐφόδια
ἔχων Ex παιδιᾶς εἰς φιλοσοφίαν
ἥκεις 75).
Dem. 44: ἐπίγραμμα. -..
χεχέλευχεν ἐπιγραφῆναι αὐτοῦ
᾿ τῇ στήλῃ... od χεῖρον δὲ καὶ
K, Funk,
vgl. mit Nigr. 27: ἢ πρὸς τὸ
χαλὸν Spur und Philops. 2.
ἔμφυτος ἔρως πρὸς τὸ ψεῦδος.
Dial. mort. XXIV, 3: λόγον
τοῖς ἀρίστοις περὲ αὑτοῦ χατα-
λέλοιπεν..
Hipp. 3: τῶν ἄλλων ἕχαστος
ἕν τι τῆς ἐπιστήμης ἔργον ἀπο-
τεμόμενος.
Nigr. 13: χατὰ μικρὸν παρὰ
πολὺ βελτίων ἀπῆλϑε δημοσίᾳ
πεπαιδευμένος vol. De salt. 79:
λύπῃ ἐχόμενος ἐξέρχεται τοῦ
ϑεάτρου φαιδρότερος.
Rhet. praec. 15: λέξω δὲ πρῶ-
τον μέν, ὁπόσα χρὴ αὐτόν σε
οἴχοϑεν ἔχοντα ἥκειν ἐφόδια
πρὸς τὴν πορείαν vgl. Fug. 13:
ἐφόδια πρὸς φιλοσοφίαν.
Dips. 6: γεγράφϑαι δὲ πρὸς
5
τοὐπίγραμμα. .. οὗ χεῖρον δὲ
καὶ αὐτὸ εἰπεῖν.
αὐτὸ εἰπεῖν 7 "᾿
Dem. 41: χύψας αὐτοῦ πρὸς
τὸ οὖς ἔφη 75).
Nec. 21: προσχύψας πρὸς
τὸ οὖς φησιν.
10) ΝΊρΥ. Prooem. ὃ πρὸς τοὺς λόγους ἔρως und Alex. 6]. ὃ πρὸς ἀλή-
ὕϑειαν ἔρως.
11 Nigr. 12. ἣν αὐτὸς ἐκ τοῦ βίου ἀπέλϑ' Ὡς, οὔποτε παύσῃ
συνὼν τοῖς πεπαιδευμένοις καὶ προσομιλῶν τοῖς ἀρίστοις.
Vgl. Gall.
6. Boissonnade zu Eunap. V.S. Ip. 1%.
2) Εἶδος φιλοσοφίας Herm. 15. Pisc. 15. Vit. auct. 4.
78) Per. 16. ἱκανὰ ἐφόδια τοὺς Χριστιανοὺς ἔχω ν.
34. δύο ταῦτα χορυφαιότατο οἵκοϑεν ἔχοντα ἥνχειν.
Hist. conser.
Damit fällt
die Konjektur Bekkers ἐκ Παφίας (Sitzgsber. ἃ. B. A. 1851, 361). Das
ἐκ παίδων sc. ἐκ παιδείας, wie wohl zu lesen ist nach Anach. 18, gehört
natürlich zu ἐφόδια ἔχων.
14) Positiv gewendet ἄμεινον de...
‚in Alex. 48.
16) Vgl. Dial. mer. III, 2. Der Ausdruck ist echt platonisch (Buthy-
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis.
Dem. 63: παριόντι ὑπεξανίσ-
τασϑα: τοὺς ἄρχοντας ἐς
AAN
ἐνοικούντων ϑεοῦ τινα ἐπιφάνειαν
ἡγουμένων τὸ πρᾶγμα υπᾶ ο.
11 : διετέλουν ὥς τινα τῶν χρειτ-
585
Conv. 7: xai ἐπεὶ tape
ὑπεξανίσταντο πάντες καὶ ἐδε-
ξιοῦντο ὥς τινα τῶν χρειττόνων
χαὶ ὅλως
πρᾶγμα ἣν,
ϑεοῦ ἐπιδημία τὸ
arnınnnnnnn
Ἴων ὁ ϑαυμαστὸς
τόνων προσβλέποντες Τ5).
Dem. 67: οὗτοι μέντοι ὑπο-
δύντες ἐχόμιζον αὐτὸν ἄχρι πρὸς
συμπαρών.
Char. 10: τὴν μητέρα ὑπο-
δύντες εἵλκυσαν ἐπὶ τῆς ἀπήνης
τὸν τάφον 77).
Dem. 67:- Ταῦτα ὀλίγα πάνυ
Ex πολλῶν ἀπεμνημόνευσα χαὶ
ἄχρι πρὸς τὸ ἱερόν.
Alex. 67:
πολλῶν δείγματος ἕνεχα γράψαι
ταῦτα ὀλίγα ἐκ
ἠξίωσα.
ἔστιν λογίζεσθαι 78).
Ich enthalte mich vorderhand noch eines Urteils über diese
Parallelen; andere wichtigere werden noch im folgenden zu
besprechen sein 7). Angeführt sei aber noch eine Eigenart
stilistischer Natur, in der gleichfalls der Verfasser der Vita
mit Lucian übereinstimmt. :Es pflegen nämlich die späteren
Schriftsteller ihre Prosawerke durch eingestreute Citate und
sprichwörtliche Redensarten zu beleben, und das ist für Lucian
so charakteristisch, daß nur Jud. voc., Dial. deor., Hdt., Har-
mon., Tyran., Abdie., Phal. I, Anach. und De electro 89) davon
eine Ausnahme machen, und daß die Fälscher, so besonders
der Verfasser des Philopatris, gerade diese Seite seines Stiles
dem. 275 E προσχύψας μοι σμικρὸν πρὸς τὸ οὖς). Ueber den sprichwört-
lichen Gebrauch vgl. Th, W. Rein, Sprichwörter und sprichwörtliche
Redensarten bei Lucian. Tübingen 1894. 8. 39.
76) Alex.9. ὥσπερ τινὰ τῶν ἐπουρανίων προσβλέποντες.
1 Nav. 19. οἵ δελφῖνες αὐτὸ ὑποδύντες ἐξοίσουσιν ἐπὶ τὴν γῆν.
18. De salt. 40. ταῦτα τὰ ᾿Αϑηναίων ὀλίγα πάνυ δείγματος
ἕνεκα EX πολλῶν τῶν παραλελειμένων διῆλθον. 61. 85. vgl. Pro imag.
21. Tox. 35. 62. Adv. ind. 4. Conv. 26. Dreimal findet sich übrigens
diese kürzere Form antithetischer Natur auch bei Aelian (III, 312).
19) Was mehr auf zufälliger Uebereinstimmung beruht, ist von
keiner Bedeutung, wie c. 10 τὴν τῆς ϑεραπείας. ἐλπίδα —= De salt. 4;
e. 11 τραχύτερον ἢ χατὰ τὴν ἑαυτοῦ προαίρεσιν —= De hist. conser. 16;
e ER γραμματεῖον προτιϑεὶς ἠξίου — Per. 16; c. 20; παυσομένων τῶν
ἀνιαρῶν καὶ τῶν ἡδέων — Char. 18. Per. 41. Nav. 41. De luctu 1; ec. 67
ἔϑαψαν αὐτὸν δημοσίᾳ μεγαλοπρεπῶς — De hist. conser. 26.
56) Brambs, Citate und Reminiscenzen aus Dichtern und einigen
späteren Schriftstellern bei Lucian. Eichstätt 1888. S. 4.
586 K. Funk,
übertrieben haben. An solchen sprichwörtlichen Redensarten
finden wir nun in die Erzählung mitverflochten ἀνίπτοις γε,
ποσὶ ὁ. 4 — Rhet. praec. 14. Pseudol. 4 81), ferner das häufige
und in verschiedenen Bedeutungen verwendete ἄχρῳ τῷ dax-
τύλῳ ὁ. 4 83), dann μετὰ Χαρίτων χαὶ ᾿Αφροδίτης αὐτῆς c. 10 Γ᾿
und endlich χάριτος ᾿Αττικῆς μεσταὶ συνουσίαι c. θ 8). Dazu
kann noch gerechnet werden c. 12 ἀπὸ πώγωνος χρίνεσϑαι τοὺς
φιλοσόφους 8ὅ,. Für die Gewohnheit Dichter zu eitieren finden
wir wenigstens einen Beleg in c. 10 τὴν πειϑὼ τοῖς χείλεσιν
ἐπικαϑῆσϑαι. Das Citat stammt aus Eupolis (Demoi frag. 6, 5),
der für Lucian ὃ χωμικὸς zu sein scheint 8). Ein Stück davon
findet sich Nigr. 7 und eine Nachbildung Seytha 11. Diese
Citate haben nicht nur das an sich, daß sie Lucian sehr ge-
läufig sind; sie werden auch mit den bei ihm üblichen For-
meln eingeführt. So steht χατὰ τὴν παροιμίαν c. 4 auch Adv.
ind. 28; τὸ τοῦ λόγου c. 4 findet sich nicht weniger als 13mal
und τὸ χωμικὸν hat seine Analogien in Herm. 86. Apol. 14.
De salt. 80 (vgl. Rein 5. 2). Es werden also die oben ange-
führten Uebereinstimmungen vermehrt und verstärkt zugleich.
Umgekehrt ist freilich zu konstatieren, daß unsere Vita,
81) δία S. 41 gibt die Erklärung des Wortes, das Joost, De Lu-
ciano φιλομήρῳ. Lötzen 1883. S. 12 mit Unrecht auf Homer Z, 266
ἀνίπτοις χερσὶν zurückführt.
85) In dieser Bedeutung häufig 5. Rein 5. 36. Daß bei Zenobius
(Schneidewin, Corp. Paroemiogr., Goettingen 1839 8. 24. Cent. I, 61.
vgl. auch Diogenian II, 5 Cent. I, 29 und Arsenius 8. 37 Walz) das
Sprichwort in der Fassung unserer Stelle eitiert wird, will nichts be-
sagen. Die Vulgärhandschriften haben eine weitgehende Interpolation
erfahren (O, Crusius, Die griech. Parömiogr. Philologenversammlung
1884. S. 228), und nur Thomas Magister und die letzten Parömiogr.
haben Sprichwörter aus Lucian genommen, die regelmäßig in Athous
und Laurentianus fehlen (Ὁ. Crusius, Analecta eritiea ad Parömiogr.
Graec. S. 102 vgl. Rothstein ὃ. 89).
3) Rein S. 10. Dazu kommt noch Hipp. 7.
81) Rein 5. 96. Genau entspricht die von ihm übersehene Stelle in
Zeux. 2, vgl. De merc. cond. 35.
88) Rein S. 35. Daß auch Dem. 28 ein Sprichwort gewesen ist,
das nur Ps. Diogenian VII, 95 mit zwei Gliedern vorkommt, ist nicht
unmöglich, aber dieselbe Anschauung für ec. 7 (Rein 5. 63) äußerst
unwahrscheinlich, und zwar schon deswegen, weil Lucian selbst nie
Gebrauch davon macht.
86) P. Schulze, Quae ratio intercedat inter Lucianum et οι
Graecorum poötas. Berl. 1888, 5, 10. Nebenbei sei bemerkt, daß
außer Am. 48.49, wo Kallimachus ausdrücklich genannt wird, den
bezüglichen Anspielungen noch Tim. 6 vgl. Deor. conc. 6 auf Hymnus
I, 6—9 zugefügt werden dürfte.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 587
wie wenig andere Schriften (De sacrif. De luctu. Hipp. vgl.
OÖ. Schmidt S. 7), arm ist an Methaphern und Gleichnissen.
Von ausgeführten Vergleichen kann nur ein einziger, bei Lu-
cian nicht gerade seltener Tropus genannt werden, welcher
der ärztlichen Praxis entnommen ist (c. 7 vgl. a.a. Ὁ. 8. 92).
Außerdem lassen sich nur noch 2 Fälle von Uebertragungen
namhaft machen, welche er sonst nicht gebraucht, und zwar
aus dem Münzwesen der nachklassische (I, 370) und darum
von Lucian durch παρακόπτειν ersetzte 87), aber specifisch cy-
nische Ausdruck παραχαράττειν c. 5 und aus der Staatsverwal-
tung πρυτανεύειν c.9. Das Bild vom ἀγὼν in c. 63, auf das
Leben angewandt, ist den Griechen zu geläufig, um hier mit-
zuzählen. Der Gebrauch der übertragenen Bedeutung von πρό-
Batov als Symbol der Dummheit (vgl. Asin. 33. Herm. 73.
Alex. 15), die auch in c. 41 durchschimmert, gehört einem
Ausspruch des Demonax an.
Nach diesen Ausführungen ist irgend ein Abhängigkeits-
verhältnis zwischen unserer Vita und Lucian zweifellos. Das
wird nun niemand im Ernst behaupten wollen, daß beide,
Lucian und der Verfasser der Biographie, ein gemeinsames
Vorbild benutzt und nachgeahmt hätten. Denn eben das syn-
kretistische Verfahren, das sich bei beiden kundgibt, ist es ja,
was Lucian in ganz besonderem Maße und vielfach im Gegen-
satz zu seinen Zeitgenossen eigen ist, und dessen Erfindung er
für sich in Anspruch nimmt; und es fällt niemand ein, daran
zu zweifeln. Ist dem so, dann ist auch die andere Möglichkeit
ausgeschlossen, daß Lucian von dem Verfasser der Biographie
abhängig wäre. Dem widerspricht ja schon die Zeit der Ab-
fassung, welche, wie wir später sehen werden, nicht vor das
Jahr 170 gesetzt werden kann. Da war aber bereits eine
Reihe von Schriften Lucians erschienen, die nicht nur dieselbe
Sprache, sondern auch dieselben Parallelen aufzeigen. Es sind
mithin nur noch 2 Fälle denkbar, entweder den Verfasser der
Vita von Lucian abhängig zu machen oder diesen selbst Ur-
beber sein zu lassen. |
Gegen die erste Möglichkeit erheben sich aber gewichtige
Bedenken. Wir wissen nämlich nichts davon, daß Lucian noch
ο΄ 588) Schmidt $. 94. Ä
588 E.Funk,
in der Blütezeit der zweiten Sophistik wie den meisten anderen
Sophisten die Ehre widerfahren wäre, zum stilistischen Vor-
bild erhoben zu werden, wie ja überhaupt Eklektiker nicht
leicht nachzuahmen sind und keine Schule zu machen pflegen °°).
Der eine Alkiphron macht vielleicht, allerdings mehr in sach-
licher Beziehung, eine Ausnahme davon. Außerdem erweckt
die Schrift durchweg den Eindruck — und daran ist nie ge-
zweifelt worden —, daß sie gleichzeitig mit den Ereignissen,
welche sie schildert, oder nicht viel später entstanden ist. Und
abgesehen von all dem, welch ein feiner Beobachter Luciani-
scher Gewohnheiten, welch ein gewandter Nachahmer müßte
der Verfasser gewesen sein! Er hätte es fertig gebracht, einen
Schriftsteller zu kopieren, ohne sich irgendwie zu verraten!
Denn die paar Besonderheiten können nicht sonderlich ins Ge-
wicht fallen; man wird schwerlich eine echte Schrift Lucians
finden, die nicht Beispiele in dieser Beziehung bietet. Man
denke nur an die Untersuchungen über Toxaris und De Para-
sıto von Guttentag und Bieler! Die unzweifelhaft unechten
Dialoge Charidem und Philopatris tragen da schon ein anderes
Gepräge. Es ist eben nicht Gewohnheit der Nachahmer, die
entdeckten Eigentümlichkeiten ihres Vorbildes mit Diskretion
zu gebrauchen. Vorteilhaft sticht davon die Vita Demonactis
ab. Ein Blick auf die Parallelstellen zeigt das deutlich. Auf-
fallend genug sind sie nicht einer einzigen, sondern mehreren
Schriften Lucians entnommen, und auch da haben wir kein
sklavisches Ausschreiben. Es wird nicht einfach eine Stelle
ausgehoben, sondern verschiedene aus verschiedenen Schriften
werden zusammengearbeitet mit freier Verfügung und voll-
ständiger Unterordnung des wörtlichen Ausdrucks unter den
Gedankeninhalt. So werden wir also unwillkürlich auf Lucian
selbst hingewiesen °°).
Dagegen streiten nicht die verhältnismäßig vielen Wieder-
holungen. Derartiges darf man bei Lucian nicht schwer neh-
men. Sein Atticismus ist in enge Grenzen eingeschlossen. Be-
8) 1]. 311. Rohde, Gr. R. S. 326.
89) Wäre Thimmes Beobachtung 5. 10 richtig, daß die Rhetoren
“Ῥωμαῖοι im Gegensatz zu den Historikern dieser Periode ohne Artikel
schreiben, so stimmte dieser Gebrauch in c. 18 und 40 mit unserem
Schlusse überein.
‘Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 589
stimmte Gedanken werden auch immer mit einem bestinmten,
nicht selten mit dem gleichen sprachlichen Ausdruck wieder-
gegeben. Davon bot die obige Zusammenstellung Beispiele
genug °°). So wird man also in diesen Wiederholungen eher
ein Zeichen mehr für die Echtheit erkennen dürfen 51). Der
Rhetor war eben gewohnt, des öfteren bald da, bald dort seine
Arbeiten öffentlich vorzulesen, und da war es klar, daß bei
solchen öfteren Wiederholungen die einzelnen Ausdrücke und
Wendungen mehr im Gedächtnis haften blieben und in ihrer
Verbindung ein gewisses festes Gepräge bekamen. Bot sich
nun dem Schriftsteller eine passende Gelegenheit, so war es
nicht zu vermeiden, daß sie ihm unmerklich in die Feder
kamen.
3. Sachliche Untersuchung.
Die sprachliche Untersuchung der in Frage stehenden
Schrift dürfte nicht nur die handschriftliche Ueberlieferung
begreiflich gemacht, sondern auch ihre Glaubwürdigkeit ver-
stärkt und bestätigt haben. Indes muß nicht dennoch aus
sachlichen Gründen die Urheberschaft Lucians bestritten wer-
den? Bernays glaubte dies tun zu können auf Grund der Stel-
lung Lucians zur cynischen Schule. Von der Voraussetzung
ausgehend, daß Lucian mit der Schrift Vit. auct. zum offenen
und feindseligen Angriff gegen die Cyniker übergegangen sei,
so daß ihm von da an der echte Cynismus noch unleidlicher
gewesen als der erheuchelte (a. a. O. 8. 42), fand er natürlich
für die Biographie eines Demonax nach Vit. auct. keinen Platz
mehr, und da sie vorher nicht eingeschaltet werden konnte,
so war ihr Urteil gesprochen. Allein wir haben einmal in
Demonax keinen Cyniker von der strengen Observanz vor uns,
sondern, was ihm ja eben zum Vorwurf gemacht wird (vgl.
Dem. 21), einen Eklektiker, der nur stark zur cynischen Rich-
tung hinüberneigt, Sodann darf man Lucians Aeußerungen
50) In diesem Sinn sind die perangusti fines (Fritzsche II, 2, LXX VIII)
zu verstehen, ein Urteil, das Schmidt S. 5 mit Unrecht so „unbegreif-
lich“ findet.
91) Aus diesem Grund ist die Polemik Bielers, De paras. S. 22 und
3 Anm. 3 gegen Guttentag vollauf gerechtfertigt.
590 K. Funk,
über seine philosophischen Neigungen nicht allzu buchstäblich
nehmen, wie das außer Bernays noch Fr. 1], 2, XXIV und
bes. XXVI, 1 in einer durchaus unberechtigten Stellungnahme
gegen die richtigen Bemerkungen von Chlebus 8. 35 getan
hat. So wenig der Satiriker selbst jemals eigentlicher Plato-
niker oder Skeptiker oder Epikureer war, so wenig ist er, wie
Vahlen ??) gegenüber Bernays überzeugend nachgewiesen hat,
jemals Cyniker oder ausgesprochener Feind gerade der cyni-
schen Sekte gewesen. Er hat zu den philosophischen Rich-
tungen seiner Zeit eine viel zu selbständige Stellung einge-
nommen, und so stellt auch die Sympathie des alternden Schrift-
stellers für die epikureische Weltanschauung der Abfassung
einer Demonaxbiographie kein Hindernis entgegen. Das muß
allerdings zugegeben werden, gerade die schärfsten Angriffe
sind gegen einzelne Vertreter der cynischen Schule gerichtet.
Aber ich möchte darin eigentlich nicht so sehr einen Beweis
für seine Antipathie an sich, als für das Gegenteil sehen. Wie
schon Diogenes ein Gegner der ersten Sophistik war 35), so wa-
ren auch in der zweiten Sophistik wiederum die Cyniker die
geschworenen Feinde dieser Künsteleien (I, 72. 73). An ihnen
fand also Lucian willkommene Bundesgenossen in seinem ei-
genen Kampfe gegen die Sophisten, und war dann sein Äerger
nicht begreiflich, wenn er unter ihnen so viele schlechte Ele-
mente sehen mußte, welche der Ehre dieser philosophischen
Richtung Eintrag taten? So stellt z. B. in Fug. die Beschwerde
führende Philosophie die Sache so dar, daß nur das Erschei-
nen der ÖOyniker ihr längeres Verweilen auf Erden veranlaßt
habe (c. 11), daß diese nun allerdings die allerschlimmsten
sejen (c. 16), und so die Philosophie überhaupt bei den Laien
in Mißkredit komme (6. 21). In Bis acc. 33 ferner nimmt er
gar keinen Anstand, offen zu sagen, was er dem χυνισμὸς ver-
‘ danke, und er bleibt bei der Vit. auct nicht stehen. Diese
ist ihm nur ein Vorspiel zu einer Hauptaktion; fürchtet ja
%) Vahlen, Index lectionum universitatis Berol. 1882/83 5. 4;
vgl. Schmid, Phil. 50, 311; Bruns, Lucians philosophische Satiren im
Rh. M. 43, 86 ff.; Rohde, Gr. Rom 3. 191?; Croiset ὃ. 808, und 103
und neuerdings K. Prächter, Arch. f. Philosophie XI (1898) 8. 505.
2) BE. Weber, De Dione‘ Chrysostomo Cynicorum sectatore in Leip.
Stud. X (1887), 233. ὍΝ
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 591
doch der Käufer des βίος llovrıxös sofort, wegen Menschen-
raubs verklagt zu werden (x«l προσχαλέσηταί σε ἐς τὸν "Ἄρειον
πάγον ο. 7). Das geschieht nun auf dem genannten Schau-
platz in der Palinodie Pisc. Da wird aber der am meisten
mitgenommene Diogenes ausdrücklich in die Ehrenerklärung
mit einbezogen (Vahlen S. 8 ff.), und genau zwischen den gü-
‚ten und schlechten Parteigängern unterschieden. Ja er be-
zeichnet es hier geradezu als seine Lebensaufgabe, nicht nur
die Heuchler zu entlarven, sondern auch die echten Philoso-
phen mit dem Ruhmeskranz zu schmücken (Pisc. 46. 52). Er
fügt zwar hinzu, es werde wohl weniger Kränze, aber vieler.
Kauterien bedürfen; das schließt indes mindestens nicht aus —
wenn es nicht mehr besagen sollte —, daß er nicht sein Wort
eingelöst hat 55) und, nachdem er das eine redlich besorgt,
auch an die Aufgabe herangetreten wäre, das Lebensbild eines
wahren Philosophen zu zeichnen, zumal da er nirgends leugnet;
daß es auch solche noch gebe.
Was könnten und müßten wir nun in einer derartigen
Lebensbeschreibung erwarten? Die ganze Naturanlage Lucians,
die ihn nie unparteisch die Erscheinungen seiner Zeit betrachten
ließ, die Reizbarkeit seines Urteils, mit dem er alles nach den
Grundsätzen des praktischen Verstandes und des guten Ge-
schmackes maß, legen von vornherein die Vermutung nahe,
daß sein Idealphilosoph in seinem Entwicklungsgange, seiner
Stellung zu den Zeitgenossen und den zeitgenössischen Ge-
wohnheiten und Bestrebungen von den von ihm selbst gestellten
Anforderungen nicht abgehen werde. Das Verhältnis des posi-
tiven Teils der Schrift De hist. conser. zu den voraufgehenden
negativen Ausführungen, sowie dessen sprachliche Berührungen
mit diesen (vgl. Passow. S. 15 und 8) lassen nicht zweifeln,
daß auch hier sachliche Anklänge und Uebereinstimmungen
sich finden werden, und daß wir wohl kaum mehr darin suchen
dürfen als eine Uebertragung des anderwärts negativ Aus-
gesprochenen in die Position. Das wurde denn auch auf das
bestimmteste ausgesprochen 5), und Schwarz (5. 592 ---94) hat
34) Bruns 5. 175 sieht hierin ein Zeugnis, das bei Beurteilung des
Demonax wohl zu beachten sei.
Ὁ A. Jenni, Beiträge zum Verständnis der Schriften Lucians.
Frauenfeld 1876. S. 10.
ὅ02 K. Funk,
[9]
dies für mehrere Züge durch Vergleichung der Vita mit Fug.
12—21 festgelegt. Sein Fehler war nur der, daß er bloß hier
solche Uebereinstimmungen zu finden meinte; sie zu vervoll-
ständigen aus anderen Schriften soll jetzt unsere Aufgabe sein.
Das Ziel aller Philosophie, die εὐδαιμονία, legen die Cy-
niker in die größtmögliche Bedürfnislosigkeit. Das μηδενὸς
ἄλλου προσδεᾶ εἶναι kennzeichnet den wahren Philosophen
und ist zugleich die Grundvoraussetzung für die echte und
vielgerühmte ἐλευϑερία χαὶ παρρησία. Durch solche Bestim-
mung des Weges zur Glückseligkeit ist das Schwergewicht
in der cynischen Schule vor allem auf das Gebiet der Praxis
gelegt. Der Maßstab also für die Beurteilung eines Cynikers
ist die Uebereinstimmung zwischen Lehre und Leben, und dies
ist auch das Kriterium, welches Lucian bei der so überaus
schwierigen Brandmarkung der äußerlich nicht unterscheidbaren
(Herm. 18), oft im Vergleich mit den wahren Philosophen
weit echter erscheinenden (Pisc. 42), aalglatten und einer
Prüfung ausweichenden (Fug. 15) Vertreter des Cynismus einzig
und allein in Anwendung bringt. Auf diesem Motiv beruht
überhaupt Pisc. und Fug., und an zahlreichen Stellen z. B.
Ic. 30. 31. Bis acc. 21. Paras. 43. 52. Per. 42. 8. Eun. Ὁ.
Fug. 19. Pisc. 35. 45 und bes. 31 wird den unwürdigen Ele-
menten nichts anderes zum Vorwurf gemacht als der grelle
Widerspruch zwischen Reden und Handeln. Er gebraucht
sogar dieses Beweismittel so oft und so gerne, daß er sich
selbst einmal veranlaßt sieht, eine besondere Schrift zu ver-
fassen, nur um der Anwendung dieses Grundsatzes auf sein
eigenes Leben zu entgehen und sich gegen die Anschuldigung
der höchsten Inkonsequenz zu verwahren (vgl. Apol. 1 πολλὴ
n διαφωνία τοῦ νῦν βίου πρὸς To σύγγραμμο).
Was wir so voraussetzen müssen, das trifft auch wirklich
für die Biographie des Demonax zu. Die Uebereinstimmung
von Theorie und Praxis wird im Anfang aufs nachdrücklichste
betont mit den Worten ἀνεπιλήπτῳ βίῳ χρώμενος χαὲ τοῖς
ἀχούουσι παράδειγμα παρέχων τὴν ἑαυτοῦ γνώμην χαὶ τὴν ἐν
φιλοσοφίᾳ ἀλήϑειαν c. 3; im weiteren Verlauf wird sie durch
verschiedene Zeugnisse belegt. Wie sich Demonax stets in
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 593
᾿ς UVebereinstimmnng mit seiner Lehre setzt (c. 4), so beurteilt
_ er auch andere darnach (c. 48. 56).
Für ıhn ist übrigens die Konsequenz schon durch die
äußeren Verhältnisse von Jugend an sicher gestellt. In scharfem
Gegensatz zu Fug. 12 (μιαρὸν γάρ τι τὸ φῦλον Avdpunwv κχαὲ
ὡς τὸ πολὺ δουλικὸν οὐ ξυγγενόμενον ἡμῖν ἐκ παί-
Swv ὑπ᾽ ἀσχολίας) steht das Verhalten des Demonax, der da
Ex παίδων εὐθὺς χεχινημένος c.3 sich der Philosophie
weiht. Es ist eben nicht die Not des Lebens, die ihn in die
Reihen der Cyniker treibt, im Gegenteil, er ist οὐ τῶν ἀφανῶν,
ὅσα εἰς χτῆσιν nal πολιτικὸν ἀξίωμα c. 3. Er hätte eine be-
deutende Rolle im Staate oder unter den Sophisten (vgl. Rohde,
Gr. R. 2985, 4) spielen können, aber er verzichtete freiwillig
auf seinen Besitz und sein Ansehen, und mit einer gewissen
Absichtlichkeit ist diese Tat in c. 3 zweimal ausgesprochen.
Wie ganz anders wird dem gegenüber Peregrinus geschildert!
Auch dieser verzichtete ja zu Gunsten seiner Mitbürger auf
sein Vermögen. Aber zunächst beeinträchtigt Lucian das
Rühmliche der Handlungsweise durch die Bemerkung, daß
das Vermögen gar nicht 5000, sondern nur 15 Talente be-
tragen habe. Dann ist ihm daran gelegen, selbst diesen kleinen
Verzicht möglichst unfreiwillig erscheinen zu lassen; Peregrinus
habe nämlich nicht anders einer Anklage wegen Vatermords
entgehen können und darum habe er gleich nach Abwendung
der Gefahr alles wieder rückgängig machen wollen (vgl. Per.
14. 15).
Auch auf geistigem Gebiete betätigt Demonax das μηδενὸς
ἄλλου προσδεᾶ εἶναι. Ohne äußeren Antrieb, aus reiner Liebe
zur Wahrheit kam er zur Philosophie (ἐξ ἐμφύτου πρὸς φιλο-
σοφίαν ἔρωτος c. 3), aber nicht ohne Vorbildung (c. 4), wie so
manche anderen Oyniker (vgl. Fug. 13). Er genoß durchweg die
Bildung der Vornehmen (vgl. Anach. 21). Trotz der allgemeinen
Vorliebe der Cyniker für die Dichterlektüre als Erziehungsmittel 56)
dürfte es aber nicht unwichtig sein, daß er den Dichtern ein
gründliches Studium widmete (c. 4) und mit einem Dichterwort
. auf den Lippen aus diesem Leben scheidet (c. 63); denn gerade
»%) Nach Diog. Laert. VI, 31 leitete Diogenes so den Unterricht
bei dem Sohne des Xeniades ein,
594 K. Funk,
auf die Lektüre der Dichter hat Lucian besonders viel gehalten.
Wenn er alles verspottet, die Dichter sind davon ausgenommen,
und wo es scheinbar geschieht (Hes. 5. Ver. hist. II, 20),
trifft sein Spott nur die alexandrinischen Kritiker mit ihrer
Gelehrsamkeit. Die Poesie war Demonax ebenso wie Lucian
eine Vorschule für die Rhetorik (c. 4).”), und diese verband
er in gleicher Weise mit der Philosophie (a. a. O.). So steht
er zum Teil auf dem Standpunkt der Popularphilosophie nach
Art Dios und wohl auch Favorins; denn was er an diesem
auszusetzen hat, ist eigentlich nicht die Verbindung von Rhe-
torik und Philosophie 58), sondern nur τὸ ne τῶν
μελῶν (c. 12).
Daneben vernachlässigte er aber εἰδὴ die körperliche Aus-
bildung, das διαπονεῖν χαὶ γυμνάζειν τὸ σῶμα (c. 4 vgl. Weber
Ὁ. 136 ff.), was ganz im: Sinne Lucians ist. In Anach. nimmt
er ja eigens die gymnastischen Uebungen in Schutz, und an
Nigrinus weiß er nicht genug τῶν γυμνασίων τὸ σύμμετρον
(Nigr. 26) zu loben. Nur für einseitige Leibesübung hat er
keinen Sinn, dagegen eifert er Hdt. 8. Dial. mort. X und
Char. 8 in echt cynischer Weise”). Diesen ganz und gar
cynischen Standpunkt teilt Demonax und trifft auch darin mit
ihm zusammen, daß er in derselben feinen Weise die Erziehungs-
methode der Lacedämonier (c. 46 vgl. Anach. 38. 39) und der
von Nigrin (Nigr. 27 vgl. Ic. 16) getadelten Philosophen v ver-
urteilt.
Geht indes auch Demonax seine eigenen Wege, so ist er
doch nicht unbekannt mit den wissenschaftlichen Größen der
damaligen Zeit und ihren Lehrmeinungen (c. 3). Sollte esnun
bloßer Zufall sein, wenn gerade diejenigen ausdrücklich erwähnt
werden, welche vor Lucians kritischem Auge Gnade finden,
und wenn neben bekannteren, von ihm mit Auszeichnung ge-
nannten Namen wie Epiktet (ϑαυμαστὸς γέρων Adv. ind. 13
vgl. Per. 18) und Demetrius (Adv. ind. 19. De salt. 69) auch
sonst unbekanntere genannt werden, die aber eben bei ihm
»”) 8. Lex. 22. Fast alle Cyniker waren in der Beredsamkeit be-
rühmt, vgl. Weber 5. 198 ff., 209 ff.; Diog. Laert. VI, 75 wird ausdrück-
lich die ϑαυμαστὴ πειϑὼ des "Diogenes hervorgehoben.
98) Vgl. dagegen Schmid, Att. I, 187,
89) Vgl. Heinze, Anacharsis. Philol. 5; 398 ff.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 595
sich eines gewissen Ansehens erfreuen? Es sind das Timo-
krates und Agathobulus; Schüler des ersteren sind die ouv-
αγωνισταὶ gegen Alexander von Abonuteichos (Alex. 57 vgl. De
salt. 69), bei letzterem lernt Peregrinus τὴν θαυμαστὴν ἄσκησιν
(Per. 17). Dabei ist zu beachten, daß Demonax allerdings
ihre Lehrvorträge hört, aber ohne sein eigenes Urteil ihrer
Auktorität gefangen zu geben. Nicht wie Hermotimus fängt
er gleich an auf die Worte des Lehrers zu schwören; er stu-
diert entsprechend den Lucianischen Vorschriften die einzelnen
philosophischen Systeme und bildet sich seine eigene Philo-
sophie 10°).
Und welcher Art ist nun diese? Stimmt sie mit den
sonstigen philosophischen Neigungen Lucians überein? Demo-
nax selbst nennt in der Antwort auf die Frage, welcher von
den Philosophen ihm am meisten zusage, Sokrates, Diogenes
und Aristipp (c. 62). Den Sokrates wertet er am höchsten
durch den bedeutsamen Ausdruck σέβω (vgl. Vahlen 8. 14
Anm.). Auch Lucian erwähnt ihn nicht nur wiederholt mit
aller Ehrfurcht, er weiß auch die Uebertreibungen des Thea-
genes in seiner Lobrede auf Peregrinus nicht treffender zu
kennzeichnen als dadurch, daß jener den Peregrinus nicht mit
Diogenes, nicht mit dessen Meister Antisthenes, ja nicht ein-
mal mit Sokrates, sondern bloß mit Zeus vergleichbar hielt
(Per. 5). So sehr jedoch Demonax den Sokrates nachahmt,
eines eignet er sich bezeichnenderweise nicht an, die echt
sokratische Ironie. Da geht wieder sein Geschmack mit Lucian
zusammen, der zwar die Ironie benutzt, aber in ganz anderer
Weise als Sokrates, nicht zur Belehrung, sondern zur Unter-
haltung 191). Bei ihm ist sie daher nie mißverständlich, wäh-
rend Sokrates nicht ohne einen diesbezüglichen Tadel wegkommt
(Dial. mort. XX, 5). Man wird also auch nicht fehl gehen,
in Paras. eine Parodie der sokratischen Methode zu vermuten
(vgl. I, 219 und Anm. 5).
Für die Regel tritt bei Lucian an die Stelle der feinen
100) Dem. 3 vgl. mit Herm. 30. 46. 48. Daß die Dem. 4 aufge-
stellte Tatsache nach Herm. 48. 49 eigentlich unmöglich ist, hat keine
Bedeutung.
101) Vgl. Zeller, Philosophie II, 22, 88 und Chabert 5. 211.
Philologus, Supplementband X, viertes Heft 39
596 K. Funk,
sokratischen Ironie der Scherz der Komödie (Bis acc. 33. 34),
und dementsprechend neigte auch Demonax mehr dem derberen
Humor des Diogenes zu. Diesen ahmte er außerdem im
Aeußeren nach (c. 5). Es spottet zwar der Satiriker über die
cynische Tracht bis zum Ueberdruß oft, aber an manchen
Orten klingt es doch wie eine Art Zugeständnis durch. Denn
abgesehen davon, daß er Menipp (Dial. mort. I, 1; X, 2;
XX, 1, 3), Diogenes (Vit. auct. 7. 8) und den Cyniskus (Cat. 14)
in solcher Ausstattung auftreten läßt, legt er Hermes in Bis
acc. 8 die bedeutsamen Worte in den Mund: αἰδοὶ τοῦ σχήματος
μετριώτερα διαμαρτάνουσιν 1953. Was er verurteilt, sind die
Auswüchse, welche nur den Zweck haben aufzufallen, und
diese tadelt Demonax ebenso unbarmherzig (c. 19. 48).
So war also Demonax im wesentlichen ein Cyniker, aber
es ist wohl zu bemerken, gerade von der Richtung, welche
am meisten Lucians Beifall hatte. Von den verschiedenen
Schattierungen des Cynismus 195) gefiel ihm nämlich diejenige
besonders, welche der cyrenaischen Weltanschauung sich näherte
und sie in sich verschmolz. Zu ihr bekannte sich ja Menipp
mit seinem aristippischen (Diog. Laert. Il, 60) Grundsatz τὸ
προσπεσὸν εὖ διατίϑεσθαι (Ic. 31) oder τὸ παρὸν εὖ ϑέμενος
παραδραμεῖν γελῶντα τὰ πολλὰ (Nec. 21 vgl. Dial. mort. X, 10
und Dem. 21), also derjenige, welchen er als höchstes und
_ unübertreffliches Ideal eines wahren Cynikers selbst über Dio-
genes stellt und in seiner schriftstellerischen Tätigkeit sich
zum Vorbild nimmt. Daraus erklärt sich nicht nur eine ge-
wisse Bevorzugung einerseits der cynischen, andererseits der
epikureischen Philosophie und die Hochschätzung des Demokrit
(Philops. 32. Per. 45. Alex. 17), sondern auch die Tatsache,
daß der Cyniker in Iup. conf. bes. ὁ. 6 und 9 stark epikureisch _
gefärbt ist, und daß der Epikureer Damis in Jup. trag. Worte
102) Auch das dürfte beachtenswert sein, daß er das Tragen der
Bautnpia im Gegensatz zu Diog. Laert. VI, 22, 23 nicht auf Dio-
genes, sondern auf Antisthenes zurückführt (Dial. mort.
XI, 3), wie Hyperides, der deshalb von Demonax verspottet wird, sich
als Nachahmer des Antisthenes bezeichnet (Dem. 48).
103) Bis acc. 33 unterscheidet er selbst zwischen Menipp und Cy-
nismus; aus Fug. 17 weist Dümmler, Akademika 243,1 Quellen ver-
schiedener cynischer Tendenzen nach vgl. Hirzel II, 191, 1; 321; 222#f.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. _ 597
redet, die ein Epikureer nicht sagen durfte!%%). Es ist darum
gewiß von großer Wichtigkeit, daß Demonax neben den besten
Philosophen auch Aristipp nennt, den Lucian feiert und mit
Epikur zusammen zu den δόχιμοι φιλόσοφοι rechnet'!”?), und
daß er echt menippeisch zwischen Cyniker und Cyniker unter-
scheidet!°%). Ja er steht nicht an, den Thersites als χυνικόν τινα
δημήγορον c. 61 — Lucian bezeichnet ihn Adv. ind. 7 als
δημηγορῶν — zu loben, indem er offenbar damit sagen wollte,
die Cyniker seiner Zeit täten besser, nicht den Herakles als
ihr Vorbild und ihren Heros auszugeben, sondern Thersites,
jenen homerischen Schwätzer und jenes einzigartige Musterbild
eines schimpfenden, frechen Demagogen. Diesen Vergleich
finden wir in Fug. 30 verwendet. Gerade Herakles ist es hier,
der mit Hermes zur Aussonderung der schlechten Cyniker aus-
gesandt wird und so gegen ihr Gebahren protestiert; die Ver-
gleichung aber mit Thersites, durch welche einer der Ent-
laufenen seinen Herrn treffen will, wird auf diesen selbst
zurückgewendet.
Demonax ist keine Thersitesnatur, er ist keiner von jenen
polternden Cynikern, ihm kommt nicht das falsche, oft gerügte
Prädikat eines σχυϑρωπὸς zu (vgl. Vit. auct. 7. Pisc. 37). In
dieser Hinsicht wird er deutlich als ihr Gegenbild gezeichnet.
So kann man nicht wohl verkennen, daß der Schilderung des
Cynikers in Ic. 31 διατεινόμενος χαὶ βοῶν xal κατηγορῶν
τῶν ἀλλῶν genau Dem. 7 οὐδεπώποτε γοῦν ὥφϑη χεχραγὼς
ἢ ὑπερδιατεινόμενος ἢ ἀγανακτῶν οὐδ᾽ εἰ ἐπιτιμᾶν τῳ δέοι
σοσθηϊ ογβύθη! 107), Das ganze Wesen dieses Idealphilosophen
104) Vgl. Bernays S. 47; Bruns Rh. M. 43, 175 und 393 ff.
105) Ver. hist. Il. 18 vgl. Nec. 13. Paras. 33. Wenn Aristipp frei-
lich Dial. mort. XX, 4 und Bis acc. 23 hart mitgenommen wird, so
teilt er damit nur das Schicksal des Diogenes und Sokrates. Daß er
trotzdem Lucians Geschmäck zugesagt hat, dürfte schon aus dem |ie-
benswürdigen und angenehmen Wesen Aristipps, fern von Eitelkeit
und Großtuerei, und namentlich aus seiner Lebhaftigkeit und Liebe
zum Scherze sich erklären. Vgl. Zeller II, 1", 266—67; Hirzel 1,
135,8... N.
106) Vgl. Hirzel 11, 319,5 gegenüber E. Wildenow, De Menippo
Cynico Hal. Sax. 1881. 8. 23.
107) Interessant ist auch Vit. auct. 10 ἱταμὸν χρὴ εἶναι καὶ ϑρασὺν
. χαὶ λοιδορεῖσθαι πᾶσιν ἐξ ἴσης χαὶ βασιλεῦσι χαὶ ἰδιώταις οὕτως γὰρ ἄπο-
βλέφονταί σε χαὶ ἀνδρεῖον ὑπολήφονται zusammengehalten mit Dem. 5
οὗ παραχαράττων τὰ εἰς δίαιταν, ὡς ϑαυμάζοιτο καὶ ἀποβλέποιτο, ἄλλ᾽
ἅπασιν ὁμοδίαιτος ὧν x. τ. λ. vgl. Fug. 14.
99.
998 K. Funk,
ist heiter (c. 9. 65), wie das des Menipp (Dial. mort. I, 1;
X, 8), Diogenes (Nec. 18) und des Lucian selbst (Eun. 1 ἀεὶ
μὲν γὰρ φαιδρὸς ὧν τυγχάνεις, ὦ Λυχῖνε (vgl. Herm. 51. 53).
Sein Benehmen und seine Gespräche verraten die Künstlernatur,
sie atmen attische Grazie (c. 6. 10), und er versäumt nicht
bei seinen Reden auf den sprachlichen Ausdruck zu achten,
was bei Lucian außerordentlich viel gilt, während dagegen in
jener karrikierenden Charakteristik Vit. auct. 10 Diogenes die
Anweisung erteilt: βάρβαρος δὲ ἣ φωνὴ ἔστω xal ἀπηχὲς τὸ
φϑέγμα χαὶ ἀτεχνῶς ὅμοιον χυνὲ. .. nal ὅλως ϑηριώδη καὶ
ἄγρια τὰ πάντα.
Seine feine Art zeigt sich vor allem im Umgang mit
anderen. Recht schlagend tritt wiederum der Mahnung des
Diogenes Vit. auct. 10 δίωχε δὲ τὰ πολυανϑρωπότατα τῶν
χωρίων Aal ἐν αὐτοῖς τούτοις μόνος χαὶ ἀχοινώνητος εἶναι ϑέλε
μὴ φίλον, μὴ ξένον προσιέμενος - χατάλυσις γὰρ τὰ τοιαῦτα τῆς
ἀρχῆς die edle Freundschaft des Demonax entgegen φίλος μὲν
ἦν ἅπασι nal οὐχ ἔστιν, ὅντινα οὐκ οἰκεῖον ἐνόμιζεν, ἄνϑρωπόν
γε ὄντα c. 10, und bezeichnenderweise ruft der Käufer des
Bios Hovurös am Schlusse dem Diogenes zu: "Anaye' μιαρὰ.
γὰρ χαὶ οὖκ ἀνθρώπινα λέγεις, denn das οὐκ ἀνϑρωπίζειν ist
eben der Vorwurf des Demonax gegenüber Peregrinus (Dem. 21).
In bestimmter Weise wird ferner seine Milde und Leut-
seligkeit hervorgehoben und zwar im allgemeinen mit ähnlichen
Worten, wie uns Lucian seinen Freund Celsus zeichnet ᾽98).
Ferne steht er jenen, welche nur schöne Worte über die
Freundschaft haben, in der Not aber versagen und einen ihren
Worten entgegengesetzten Standpunkt einnehmen (Pisc. 35),
fern auch jenen, welche sich um alles Mögliche und Un-
mögliche kümmern, aber von der Pflege eines kranken Freundes
und Bekannten nichts wissen wollen (lc. 31 vgl. c. 30); er
macht sich ihnen nützlich, ist ihnen zu allem Guten behilflich
(Dem. 8) wie Nigrinus (c. 26) und zeigt aufrichtige Teilnahme
an ihrer Krankheit und an ihrem Tod (c. 10). Selbst wo er
108) Vgl. Dem. 1. 3 mit Alex. 61: ὃν ἐγὼ πάντων μάλιστα
ϑαυμάσας ἔχων ἐπί τε σοφίᾳ χαὶ τῷ πρὸς ἀλήϑειαν ἔρωτι
καὶ τρόπου πραότητι χαὶ ἐπιεικείᾳ καὶ γαλήνῃ βίου καὶ δεξιότητι
πρὸς τοὺς συνόντας.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 509
tadeln muß, tut er es mit Nachsicht, ohne Zorn und ohne zu
poltern wie die andern, die τῶν ἄλλων κατηγοροῦσι χαὶ λόγους
τινὰς πικροὺς συμφορήσαντες χαὶ λοιδορίας τινὰς ἐκμεμελετηκότες
ἐπιτιμῶσι xal ὀνειδίζουσι τοῖς πλησίον (Ic. 30). Diese Grund-
stimmung bewährt sich auch in dem Mitleid mit den Schmerzen
seiner Nebenmenschen (c. 46. 57). Wenn man gleich auf
griechischer Seite gegenüber den Gladiatorenkämpfen größten-
teils 99) eine ablehnende Haltung einnahm, so ist es doch nicht
unwichtig, daß Demonax und Lucian in der Verurteilung der-
selben übereinstimmen. Freilich sind die uns so selbstverständ-
lich erscheinenden Gefühle des Mitleids in Anach. 37 nicht so
stark betont wie Dem. 57, dennoch tritt der Abscheu über das
unmenschliche Schauspiel in den Ausdrücken ἄπαγε" ϑηριῶδες
γὰρ nal δεινῶς σχα!ὸν χαὶ προσέτι γε ἀλυσιτελὲς zur Genüge
hervor.
Endlich ist Demonax kein Thersites im Verhältnis zum
Staate und zu den römischen Beamten. Friedliebend wie er
ist, fordert er das Volk auf, dem Staat das Pflichtmäßige zu
leisten (c. 10); deshalb braucht man ihn aber nicht gleich
zum Ideal eines guten Staatsbürgers zu machen (Jakob, Cha-
rakteristik Lucians S. 21). Aus Patriotismus, der damals nicht
aufkommen konnte (Passow S. 18), geschah es wohl nicht, es
ist nur das passive Sichergeben in die Notwendigkeit, wie der
Cyniker überhaupt aus Klugheit der höheren Gewalt weicht.
Jedenfalls steht aber mit diesem Zuge Demonax wiederum im
Gegensatz zu Peregrinus, der um jeden Preis ein politischer
Märtyrer werden will (Per. 18. 19. vgl. 14). Doch wahrt er
sich immer noch so viel Freiheit, um, wo es ihm nötig erscheint,
mit scharfer Kritik einzusetzen (c. 30. 50). Dabei hält der
Verfasser der Vita überhaupt dieselbe Gewohnheit ein, wie sie
Lucians Werke aufweisen, daß bald die Namen der Getadelten
genannt, bald mit feinem Takte verschwiegen sind '!°).
Befremdlich erschien von jeher an Lucian die völlige
109) Vgl. Friedländer, Die Gladiatorenkämpfe Rh. M. X, 576. 577,
578, 3. Libanius de vita sua 3 steht mit seiner Bewunderung fast allein,
da Favorinus den Stoff (Philostr. V S. II, 11,1ff.) wohl mehr aus
Neigung zur epideiktischen Behandlung verrufener Themate aufgriff.
| 110) Genannt sind sie c. 12. 13. 19. 21. 24. 25 29. 30. 31. 40. 44.
54. 55. 56; verschwiegen 14. 18. 36. 38. 41. 48. 50. 51.
600 K. Funk,
Gleichgiltigkeit gegen philosophische Dogmen, da ja bei jedem
philosophischen System, selbst bei dem der Cyniker gewisse
dogmatische Voraussetzungen nötig sind, um den das Leben
regelnden Vorschriften Begründung und Bedeutung zu geben.
Nur wer Theorie und Praxis verbindet, verdient seinen Beifall;
die Theoretiker sind nur σοφισταί, niemals σοφοί (Hipp. 1. 2
vgl. Eun. 5. 6). Ja er steht nicht an, das theoretische Wissen
geradezu als hinderlich für ein tugendhaftes Leben zu erklären
(Conv. 34. vgl. Herm. 81—82. Nec. 21), die ἰδιῶται sind da
den gewöhnlichen Berufsphilosophen weit überlegen, und der
wahre Philosoph unterscheidet sich von ihnen nur durch eine
tiefere und richtigere Betrachtung des Irdischen (vgl. Nav. 40;
De luctu 2). Kein Wunder also, wenn die ethischen Vor-
schriften und das Handeln darnach bei ihm alles gelten. Genau
dasselbe Bild gibt uns die Lebensbeschreibung des Demonax.
Sie ist ebenso leer an großen Ideen, welche das Herz er-
heben und zum Guten begeistern und damals im Stoicismus
einen so beredten Sprecher fanden ; diese werden ebenso nur
nebenbei erwähnt wie in den echten Schriften Lucians. Das
Negative, die Kritik am Bestehenden , das ist der Grundton.
Echt cynisch '!!) wird von beiden Naturwissenschaft und Dia-
lektik verworfen. Die Wünsche, welche Nav. 44 geäußert
werden, über die Natur der Sterne, des Mondes und der Sonne
etwas zu erfahren und εἴ τινες ἀντίποδες ἡμῖν οἰχοῦσι τὸ
νότιον τῆς γῆς ἡμίτομον ἔχοντες, erscheinen Demonax nicht
weniger chimärisch und unnütz, wie aus der Antwort hervor-
geht, welche er in derselben Sache einem neugierigen Frager
gibt (c. 22). |
Oft genug redet sodann Lucian von der Dialektik mit
ihren schlauen, überraschenden und verfänglichen Fragen und
Antworten, die den Gegner in ein künstliches Labyrinth ver-
wickeln (Fug. 10)'"'?). Wie Demonax c. 28, so macht auch
er sich lustig über solche, die nicht klar, sondern höchst rätsel-
haft sich ausdrücken und auf vorgelegte Fragen äußerst ver-
111) Vgl. Diog. Laert. VI, 106: ἀρέσκει αὐτοῖς τὸν λογικὸν καὶ τὸν
φυσικὸν τόπον περιαιρεῖν, μόνῳ δὲ παρέχειν τῷ ἡϑικῷ vgl. Ic. 4—10. 80.
Dial. mort. 1,38. Nee. 6. 21.
112) Vgl. Pisc. 41. Herm. 7. 9. Dial. mort. , 1. X, 8 Conv. 3.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 601
worrene Antworten geben (Iup. trag. 27): Wenn jener seinen
Gegnern gegenüber die Dialektik je verwendet, so ist seine
Absicht dabei, sie auf den rechten Gebrauch hinzuweisen. So
nimmt er einmal c. 29 Gelegenheit, auf dialektischem Wege
die Sinnlosigkeit des von den Atticisten gerne gebrauchten
(II, 186), sogar auf Inschriften vorkommenden (IV, 659, 62)
Ausdrucks πρῶτος χαὶ μόνος zu beleuchten. Auffallend genug
ist nun, daß von da an mit einem Schlage die gerügte Ver-
bindung aus der Litteratur verschwindet. Bereits Aelian und
Philostratus gebrauchen sie nicht mehr. Gewiß hat der beste
Kenner der atticistischen Bewegung a. a. Ὁ. Recht, wenn er
diese Tatsache mit dem Spott des Demonax in Verbindung
bringt und darin ein Beweismoment für die Abfassungszeit der
Schrift findet. Für uns aber ist der Umstand von besonderer
Bedeutung, daß auch Lucian geflissentlich diesen Ausdruck
meidet, ihn Rhet. Praec. 15 umschreibt und sich nur ein
einzigesmal Zeux. 2 — aber nur in einer durchaus ironisch
gefärbten Stelle — der ähnlichen Phrase eis καὶ μόνος bedient.
Der einzige positive Gedanke, der zwar durchaus nichts
Neues und den anderen philosophischen Systemen keineswegs
fremd ist, der aber wegen seiner einzigartigen Betonung doch
etwas für Lucian Charakteristisches bezeichnet, ist der Gedanke
an den Tod und die Vergänglichkeit alles Irdischen und die
dadurch bedingte Beurteilung des Lebens und der Lebensgüter.
Dieser Gedanke kehrt in einer Reihe von Schriften wieder und
bildet geradezu das Grundthema in Dial. mort., Char., Nec.,
Cat. und Nav. Er ist auch das einzige Leitmotiv in der
Philosophie des Demonax, ausgesprochen in seinem Lieblings-
vers aus Homer I, 320 (c. 60). Bezeichnenderweise finden
wir denselben Vers mit einer leichten Parodie in Char. 22113)
und zwar an einer Stelle, die am meisten eschatologisch ge-
färbt ist. Mit der Erinnerung an die Vergänglichkeit alles
Irdischen hilft er seinen Freunden Glück und Unglück ertragen.
Ich setze die Stelle wegen des Nachfolgenden hieher; es heißt
113) Er heißt: χάτϑαν᾽ ὁμῶς ὅ τ᾽ ἄτυμβος ἀνὴρ ὅ τ᾽ ἔλλαχε τύμβου,
was Joost, De Luciano φιλομήρῳ 8. 14 entgangen ist. Entsprechend der
sonstigen Gewohnheit Lucians, von der er nur einigemal Alex. 57. De
hist. conser. 57 Muse. enc. 5. Ps. Luc. Charidem 4 abgeht, ist Homer ohne
ein Epitheton genannt. .
602 K, Funk,
da c. 8: τοὺς μὲν EÜTUXELV δοκοῦντας αὐτῶν ὑπεμίμνησκεν
ὡς Em’ ὀλιγοχρονίοις τοῖς δοχοῦσιν ἀγαϑοῖς ἐπαιρο-
μένους, τοὺς δὲ ἢ πενίαν ὀδυρομένους 7) φυγὴν δυσχεραίνοντας
ἢ γῆρας ἢ νόσον αἰτιωμένους σὺν γέλωτι παρεμυϑεῖτο οὐχ
δρῶντας, ὅτι μετὰ μικρὸν αὐτοῖς παύσεται μὲν τὰ ἀνιῶντα,
λήϑη δέ τις ἀγαϑῶν χαὶ καχῶν... καταλήψεται. Damit
stimmt ja vollauf überein, was Nigrinus sagt c. 26: τούτων
(sc. ἀγρῶν) μὲν φύσει οὐδενός ἐσμεν κύριοι, νόμῳ δὲ καὶ δια-
δοχῇ τὴν χρῆσιν αὐτῶν εἰς ἀόριστον παραλαμβάνοντες ὀλιΥ ο-
χρόνιοι δεσπόται νομιζόμεϑ'α115), und was in Nec. 12
von Minos erzählt wird: xal μάλιστα ἐχείνων ἥπτετο (vgl.
Dem. 7) τῶν ἐπὶ πλούτοις τε xal ἀρχαῖς τετυφωμένων
χαὶ μονονουχὶ καὶ προσχυνεῖσϑαι περιμενόντων, τὴν τε ὀλιγο-
χρόνιον ἀλαζόνειαν αὐτῶν χαὶ ὑπεροψίαν μυσαττόμενος
χαὶ ὅτι μὴ ἐμέμνηντο ϑνητοί τε ὄντες χαὶ ϑνητῶν
ἀγαϑῶν τετυχηχότες. Aber über zwei Gemütsbewegungen
muß der Mensch Herr zu werden suchen, wenn er zur Ruhe
und Freiheit gelangen will, es sind Furcht und Hoffnung. Oft
genug weist der Satiriker auf sie hin. Gerade sie werden
Char. 13 weiter ausgeführt, während eine Reihe anderer lästiger
Hausgenossen des Menschen nur mit dem Namen genannt
werden. Freiheit von ihnen wird vor allem von dem Ge-
schichtschreiber verlangt, soll er ἐλεύϑερος τὴν γνώμην sein'!?).
Ganz nahestehend in der Ausdrucksweise findetsich dieser stoisch-
cynische Topos ’!%) in Alex. 8 verglichen mit ὁ. 20. Hier
werden ausdrücklich die genannten 2 Triebkräfte als Grund
angegeben für die Sucht der Menschen, die Zukunft vorher-
zuwissen und für ihren schnellbereiten Glauben an Prophezei-
ungen und Orakel (ῥᾳδίως κατενόησαν τὸν τῶν ἀνθρώπων βίον
ὑπὸ δυοῖν τούτοιν μεγίστοιν τυραννουμένων, ἐλπίδος χαὶ φόβου).
Die Folgerung daraus ist die an unserer Stelle ausgesprochene
Anschauung. Wer aber von Furcht und Hoffnung frei ist,
der kommt mit Menipp (Dial. mort. XXVI, 2) und Demonax
114) Vgl. Nigr. 4 προήχϑη γὰρ. . - χαταγελάσαι τῶν δημοσέᾳ vo-
pıßopesvov ἀγαϑ ὥν, τέως δὲ χἀμοὶ δοκοῦσιν.
115) De hist. conser. 38 χαὶ μήτε φοβείσϑω μηδένα μνήτε ἐλπιζέτω μη-
δὲν vgl. c. 14 und 16.
116) Darin besteht auch für Diogenes die 7dov nach Dio. Chr. or.
VIII, p. 132 ff., ähnlich or. XLIX, 9 f. vgl. Ersch und Gruber I Sect. 25,
43 und Zeller III, 2°, 61 für die Skeptiker. |
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 603
(c. 25) zu dem Schluß, daß nichts für ἀφόρητον anzusehen ist,
was immer an Schicksalsschlägen über ihn kommen mag.
Gegen Ehren und irdische Güter ist er gleichgiltig. Sie be-
deuten ihm schon während des Lebens nichts und natürlich
erst recht nichts nach dem Tode. Was nützen sie, diese hoch-
ragenden Leichenhügel, die Säulen, die schön gearbeiteten
Pyramiden, die Bilder und Tempel und Inschriften, die gunst-
buhlende Menschen einem Toten errichten? All das zerfällt
allmählich und verschwindet, ohne daß einer sich darum küm-
mert. Und hätten diese Dinge auch noch so lange Bestand,
welchen Genuß könnten sie dem gewähren, der überhaupt alle
Empfindung verloren hat? (vgl. Nav. 40. De luctu 22. Nec. 17).
Wenn nun auch zunächst der Spott in Dem. 44 dem schlechten
Dichter gilt, so wird doch damit die Sucht 117) gegeißelt, sich
durch Epigramme zu verewigen. Will es nun nicht viel be-
deuten, daß der Inhalt unseres Epigrammes dem Worte ähnelt,
mit dem Lucian den Peregrinus ins Feuer springen läßt (c. 39
ἔλιπον yäv,. βαίνω δ᾽ ἐς "Ολυμπον)ὴ 118), jedenfalls ist mit der
Ablehnung einer Denkmalsetzung in Olympia die wahre Mei-
nung des Demonax unzweideutig ausgesprochen (c. 58) und‘
vielleicht nicht ohne Absicht dies und die einfache Bekränzung
des Steins, auf dem er auszuruhen pflegte, als Gegenstück zu
Peregrinus und seiner Art dargestellt!!?). Gegenüber dem
Begräbnis selbst trägt er dieselbe Gleichgiltigkeit zur Schau
(c. 66), die an Menipp gerühmt wird. (Dial. mort. X, 13 vgl.
RAW L9)2R9),
Aber alle diese Todesgedanken können seinen heitern Sinn
nicht stören. Der Tod ist kein Unglück, das man fürchten
muß. Nach unserem Empfinden möchten wir nun vermuten,
117) Aeußerst charakteristisch sind dafür die vielen Epigramme des
Herodes Attikus auf seine geliebten Toten vgl. Hertzberg II, 599, 72
und Groag Ὁ. Pauly s. v. Claudius Atticus III, 2°, 2677 £.
118) Vgl. Crusius, Ein Tragikerfragment. Philol. (1895) 54, 576.
119) Lucian befürchtete Per. 41, daß schnell aufgestellt würden ei-
χόνες πολλαὶ παρά τε τῶν Ἠλείων αὐτῶν, παρά τε τῶν ἄλλων "EANY-
νων, οἷς καὶ ἐπεσταλχκέναι ἔλεγον. Das ist auch wirklich eingetroffen
(vgl. Bernays ὃ. 10). Ueber die Unsitte der Denkmalsetzung vgl. Dio
Chrys. Or. XXXI, 386 und Friedländer III, 166 ft.
120) Vgl. Diog. L. VI, 52. 79 und Stob. flor. 123, 11 (= Mein. IV,
126), Weber 8. 172. Ueber Chrysipp und Zeno 5. Zeller Il, 12, 227.
III, 1°, 281, 2.
604 K. Funk,
daß zum Beweise dessen die Unsterblichkeit und die erfolgende
Ausgleichung im jenseitigen Leben des öfteren betont würde.
Allein es wird ausdrücklich gesagt, daß es mit Lust und
Schmerz nach dem Tode überhaupt aus sei (c. 8), und die
Antwort auf die Frage, ob die Seele unsterblich sei (c. 32),
fällt so aus, daß man das ὡς πάντα wohl am besten mit einer
Stelle Epiktets erklären wird, welche die Unsterblichkeit im
Sinne einer persönlichen Fortdauer ausschließt1?)). Damit
harmoniert Demonax wieder mit Lucian, der sich mehr als
einmal über den Unsterblichkeitsglauben lustig macht!??). Dem
widerspricht auch Dem. ὃ λήϑη δέ τις ἀγαϑῶν καὶ κακῶν nal
ἐλευϑερία μακρὰ πάντας ἐν ὀλίγῳ καταλήψεται so wenig,
daß wir es vielmehr hier mit einer echt lucianischen An-
schauung zu tun haben, was sogar Wichmann S. 845 be-
hauptet, freilich ohne Beweis. Das Glück des Toten wird
nicht nur in De luctu ausführlich geschildert, der Cyniskus
legt in Iup. conf. 7 (vgl. De luctu 16 und Dial. mort. XXVI, 2)
gerade von diesem Standpunkte aus Verwahrung ein gegen
den höheren Vorrang und das größere Glück der Götter, indem
er ausführt: τοῦτό ve μαχρῷ χεῖρόν ἐστιν, εἴ γε τοὺς μὲν χἂν
ὃ ϑάνατος ἐς ἐλευϑ'ερίαν ἀφείλετο, ὑμῖν δὲ ἐς ἄπειρον Ex-
πίπτει τὸ πρᾶγμα nal ἀΐδιος ἣ δουλεία γίγνεται ὑπὸ μα χρῷ τῷ
λίνῳ στρεφομένη. |
Der Tod führt also zur Freiheit, dem höchsten Gute !?);
es ist mithin nur Betätigung der Freiheit, selbst in den Tod
zu gehen, wie es Demonax (c. 65) macht. Folgerichtig wird
darum die ἐξαγωγὴ von Lucian nirgends verurteilt, auch bei
Peregrinus nicht; was ihm hier mißfällt und seinen Widerstand
herausfordert, ist einzig und allein die auffällige und feierliche
Art, mit der er sich in Olympia bei einer Festversammlung
121) Diss, III, 13, 14 heißt es: Die Elemente lösen sich in ihre Teile
auf, εἰς οὐδὲν δεινόν: ἀλλ᾽ ὅϑεν ἐγένου εἰς τὰ φίλα χαὶ συγγενῆ, εἰς τὰ
στοιχεῖα " ὅσον ἦν ἐν σοὶ πυρός, εἰς πῦρ ἄπεισιν ὅσον ἦν γηδίου, εἰς γήδιον "
ὅσον πνευματίου, εἰς πνευμάτιον ᾿ ὅσον ὑδατίου, eig ὑδάτιον. Die Stelle ist
wie die andern (II, 5, 13. III, 24, 94) klar genug. Vgl. Bonhöffer, Epiktet
und die Stoa. Stuttgart 1890 S. 65 gegenüber Zeller III, 1°, 746, 3.
122) Dial. mort, X, 10. Per. 13. Muse. enc. 7. Philops. 24. 29. 32
und Bis. acc. 34 beklagt sich der Dialog, daß er nicht mehr über die
Unsterblichkeit spintisieren dürfe. '
123) Hes.5. De merc. cond. 7 und 8 und Pisc. 17 ist unter den beiden
Dienerinnen εὐνοϊκωτάτω μοι ὄντε, außer der παρρησία auch die ἐλευϑερία.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 605
verbrennen will (Per. 21). An verschiedenen Orten dagegen
führt er die Todesfreudigkeit des Diogenes und Menipp mit
Beifall an und hebt rühmend hervor, daß sie freiwillig mit
Lachen und Scherzen aus dem Leben gegangen seien 122), wäh-
rend er es nicht unterlassen kann, den Sokrates zu behelligen
und seinen äußerlich unfreiwilligen Tod auch zu einem inner-
lich unfreiwilligen zu stempeln (Dial. mort. XXI, 1).
So sehen wir also alle Lucian sympathischen Züge an den
Philosophen der damaligen Zeit in der Biographie des Demonax
zusammengetragen und vielfach aus den verzogenen und ver-
zerrten Linien seiner Streitschriften heraus das Bild eines
Idealphilosophen nach seiner Anschauungsweise gezeichnet.
Nirgends finden wir in dem Porträt einen Strich, der diesem
Ideal widerspräche, nirgends ein Mehr, das darüber hinaus-
ginge. Diese Wahrnehmung und die Fassung der Einleitungs-
kapitel konnten daher die Vermutung nahe legen, daß die
Lebensbeschreibung vielleicht eine cynische Erwiderung auf
die Lucianischen Angriffe sei!?). Allein dieser Möglichkeit,
die an und für sich nicht bestritten werden kann, aber auch
nicht weiter bestärkt wurde, stand von vornherein die Mög-
lichkeit des Gegenteils entgegen 155). Dazu kommt, daß sich
Inhalt und Ausführung der Schrift aus der oben angedeuteten
Art und Anlage Lucians leicht erklären lassen. Bezüglich der
Einleitungskapitel aber war er zu der Bemerkung genötigt,
daß seine Zeit doch nicht so arm sei an denkwürdigen Persön-
lichkeiten, und daß demnach auch sie Muster und Vorbilder
bieten könne, nicht bloß die klassische Vergangenheit. Es
ging ihm da, wie so manchen anderen Schriftstellern 157), die
unzufrieden mit der Gegenwart immer nur die vergangenen
Zeiten bewundern und in ihnen alles groß und erhaben finden,
und die nun in die Lage kommen, auch an den zeitgenössischen
Verhältnissen etwas Rühmendes nennen zu müssen. Die ἀρ-
χαῖοι haben sonst immer seine volle Anerkennung. Ihre Nach-
1.4) Dial. mort. X, 11. Πῶς ὃς ἔσπευσα ἐπὶ τὸν ϑάνατον μνηδενὸς κα-
λέσαντος; XXI, 2 μὴ ἀναγκαζόμενοι μηδ᾽ ὠϑούμενοι, ἀλλ᾽ ἐθϑελούσιοι, γελῶν-
τες, οἰμώζειν παραγγείλαντες ἅπασιν. Vgl. XXI, 2, XXVIL 9. Cat. 6.
125) Schmid, Philol. 50, 301, 3.
126) Schmid verweist selbst zu diesem Zweck auf Pisc. 37.
15) Vgl. Taeitus Annal. 3,55 Non omnia apud priores meliora, sed
nostra quoque aetas laudis et artium imitanda posteris tulit.
606 K. Funk,
ahmung empfiehlt er Rhet. praec. 9 im Gegensatz zu c. 17,
wo sein Gegner τοὺς τῶν ὀλίγων πρὸ ἡμῶν λόγους zum Studium
anpreist (vgl. De hist. conser. 34. Adv. ind. 17). Wollte er
nach den zahlreichen heftigen Angriffen gegen die Philosophen
seiner Zeit, insbesondere gegen die Cyniker, einen Zeitgenossen
lobend hervorheben, so mußte er in der Einleitung auf das
Vorausgegangene Rücksicht nehmen. Positiv scheint mir gegen
die Vermutung Schmids zu sprechen, daß die gegnerische
Tendenz sonst nicht hervortritt. Die Lebensbeschreibung ist
durchaus objektiv gehalten, was um so unbegreiflicher ist, wenn
man sich die Lucianischen Angriffe gegen die Cyniker, wie sie
in einer Reihe von Auslassungen erfolgten, vergegenwärtigt.
Endlich wäre es wohl mit dem Charakter einer Gegenschrift
unvereinbar, daß gerade der Vertreter derjenigen Richtung
gefeiert würde, die bei Lucian in der Verherrlichung des Menipp
die höchste Billigung findet, während zugleich die von ihm so
oft gerügten Cyniker anderer Richtungen denselben Tadel er-
fahren würden, und namentlich Peregrinus, der gewiß nicht
nach Lucian allein gemessen werden darf — man denke nur
an Gellius, N. A. 12, 11. 8, 3 —, im großen und ganzen
dieselbe Beurteilung zu teil würde (c. 21). Hier wäre der
Punkt gewesen, nicht in sein Urteil einzustimmen, sondern zu .
seiner berühmten Schrift Stellung zu nehmen. Umgekehrt
aber lag für Lucian, wenn er der Verfasser ist, keine Ver-
anlassung vor, da seine eigene Schrift über des Peregrinus
Lebensende zu erwähnen, wie Bernays S. 105, 24 meint; daß
nicht einmal der Verbrennung gedacht wird, welche das οὐχ
ἀνϑρωπίζειν des Peregrinus glänzend bestätigte, darf gewiß bei
der sonstigen Bekanntschaft des Verfassers der Vita mit den
Werken Lucians als ein untrügliches Zeichen der Echtheit
aufgefaßt werden. Ein Fälscher hätte sich sicher diese doppelte
Gelegenheit, seine Kenntnisse anzubringen, nicht entgehen
lassen.
Durchaus unhaltbar ist die Vermutung von Margadant
S. 88, welcher die Vita das Werk eines Schulmeisters sein
‚läßt, weil der Verfasser es als Zweck seiner Schrift bezeichne,
der Jugend damit ein Vorbild zu geben. Abgesehen von der
Tatsache, daß in den Kreisen der zweiten Sophistik nicht mehr
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 607
das geschichtliche Geschehnis an sich, sondern dessen Ver-
wendung zu einem bestimmten Zweck, zur Belehrung und
Unterhaltung, die Hauptsache ist!?®), eine Anschauung, die
auch bei Lucian durchschlägt, gibt dieser selbst noch bei
anderen Gelegenheiten (Alex. 1. 2 und 61) ausdrücklich den
Zweck an und einmal in einer προλαλία genau denselben, wie
hier. Es heißt nämlich Som. 18: καὶ τοίνυν κἀγὼ τοῦτον τὸν
ὄνειρον ὑμῖν διηγησάμην ἐκείνου ἕνεκα, ὅπως οἵ νέοι πρὸς
τὰ βελτίω τρέπωνται nal παιδείας ἔχωνται... ἱκανὸν ἑαυτῷ
παράδειγμα ἐμὲ προστησάμενοι. Wir werden also wiederum auf
Lucian selbst als den Verfasser zurückgewiesen.
Daß wir mit diesem Schlusse nicht zu weit gehen, mögen
die folgenden sachlichen und wörtlichen Uebereinstimmungen
mit den. Apophthegmata zeigen, die wir bis jetzt außer acht
gelassen haben. Schwarz hat nur nebenbei und im Vorüber-
gehen auf einige hingewiesen 1535), die indessen noch vermehrt
werden können. Da sie für den Echtheitsbeweis nicht wenig
von Belang sind, empfiehlt es sich, sie im einzelnen zu be-
handeln.
Zu dem Interessantesten gehört da der Vergleich von
Dem. 13. 12 mit Eun. In dieser Schrift handelt es sich um
die Wiederbesetzung einer Professur der peripatetischen Schule
an der Universität Athen. Zwei Bewerber treten auf, Diokles
und Bagoas, welche sich gegenseitig auszustechen suchen. Da
sie in ihrem wissenschaftlichen Können einander gleichstehen,
‘soll der bessere Lebenswandel entscheiden. Aber auch hiedurch
kommt die Sache nicht zum Austrag; einer sucht den andern
durch Beschimpfungen und Verleumdungen zu verdächtigen.
Zuletzt wirft Diokles dem Bagoas vor, daß er als Eunuch
überhaupt unfähig sei, die Würde der Philosophie recht zu
. vertreten, und überschüttet ihn wegen seiner körperlichen Un-
vollständigkeit mit seinem Spotte. Der Zielpunkt desselben
kann nicht zweifelhaft sein. Diokles verlangt nämlich als
Befähigungsnachweis für einen Philosophen σχῆμα καὶ σώματος
128) Das schlagendste Beispiel ist Aelian. Vgl. Passow S. 3.
139) 8. 573, 2. Bestätigung findet er für Dem. 12 in Eun. 7; für
c. 13 in Eun. 12. Cyn. 14 — c. 24. 25 und vielleicht auch 33 in De
luetu — c. 26 in Rhet, praec. 17 — c. 34 in Fug. 8. — c. 50 in Ἢ
28. Fug. 88. Cyn. 14. De salt. 5. Rhet. praec. 29,
68 . K. Funk,
εὐμορίαν καὶ τὸ μέγιστον πώγωνα βαϑὺν .... καὶ τοῖς προσ-
ιοῦσι χαὶ pavdaverv βουλομένοις ἀξιόπιστον καὶ πρέποντα ταῖς
μυρίαις, ἃς χρὴ παρὰ βασιλέως ἀποφέρεσϑαι (c. 8) und bald
darauf wird ausdrücklich gesagt ἐπεὶ χαὶ εἰς τὸ ἀγένειον
μάλιστα ἐσχώφϑ'η (c. 9), worauf Bagoas mit einem Witz-
worte erwidert, χαριέντως τοῦτο, ὡς γοῦν Wero, προσέρριψεν "
εἰ γὰρ ἀπὸ πώγωνος, ἔφη, βαϑέος χρίνεσθαι δέοι τοὺς φιλοσο-
φοῦντας, τὸν τράγον ἂν δικαιότερον προχριϑῆναι πάντων 130),
Unwillkürlich denkt man dabei an den Spott des Demonax
gegenüber Favorinus. Und wirklich wird dieser von Bagoas
zu seiner Verteidigung angerufen; Diokles aber läßt die Be-
zugnahme nicht gelten, er möchte ihn gerade so von der
Philosophie ausgeschlossen wissen trotz all seines Ruhns (e. 7),
weil er in derselben Sache und offenbar am meisten wegen
seiner Bartlosigkeit angegriffen nicht mit dem nötigen Ansehen
habe auftreten können, xal τινας nal αὐτὸς ἀπεμνημόνευσε λό-
γους, χαὶ πρὸς Exelvov ὑπό τε Στωϊκῶν καὶ Κυνιχῶν μά-
λιστα εἰρημένους πρὸς γελοιότερον ἐπὶ τῷ ἀτελεῖ τοῦ σώματος
(ec. 7). Es sind hier nun freilich die Stoiker mitgenannt, aber
Demonax ist mindestens unter den Cynikern miteingeschlossen,
wenn man auch nicht das μάλιστα wegen seiner Stellung auf
die Oyniker allein beziehen und schließen darf, ‘entweder liege
ein Irrtum vor oder es sei unter den Stoikern und Cynikern
eben kein anderer als Demonax zu verstehen’ 13). Daß Favorin
besonders den Cynikern nicht grün war, geht aus dem Tadel
bei Gellius N. A. XIX, 6 (vgl. Hirzel II, 120. 120, 3. 121).
Deshalb darf man wohl vermuten, daß Demonax mit seinen
Scherzreden doch eine bedeutende Rolle gespielt hat, und daß
derselbe Grund, aus dem nachher ein Name absichtlich ver-
schwiegen wird (c. 10), auch hier zu einer Verdunkelung der
Tatsachen geführt hat. Denn die ganze Art, mit der jener.
unbekannte Dritte eine Anklage des Bagoas wegen vollendeten
Ehebruchs bekannt macht, die nur deshalb nicht die Ver-
urteilung im Gefolge hatte, weil sich Bagoas für einen Eu-
nuchen ausgab (c. 10), und die Art, mit der er ihn so in ein
180) Vgl. Gall. 10. ὃ γοῦν πώγων μάλα τραγικὸς ἦν ἐς ὑπερβολὴν
χουριῶν.
181) Ziegeler 334, 4.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 609
Dilemma versetzte, von dem er kein Glied bejahen oder ver-
neinen konnte, ohne sich eine Blöße zu geben, entspricht so
sehr der Weise des Demonax, daß wir am ehesten in diesem
Unbekannten ihn selbst erkennen möchten. Dasselbe legt uns
noch eine andere Bemerkung Lucians nahe. Was sollen die
Worte χαριέντως ὡς γοῦν ᾧετο, mit denen er das Witzwort
des Bagoas einleitet, welches genau denselben Vordersatz hat,
wie das des Demonax, nämlich εἰ ἀπὸ τοῦ πώγωνος (ἀξιοῖς)
δέοι χρίνεσϑαι τοὺς φιλοσοφοῦντας (c. 9 und Dem. 13)? Klingen
sie nicht wie eine Kritik, zu deren Maßstab gerade der humo-
ristische Ausspruch des Demonax genommen ist? Er stand
ja auf dem Standpunkte des Bagoas, daß nicht das körperliche,
sondern das geistige Vermögen entscheidend sei (c. 5 und 9),
aber seine Bemerkung war in seinem Falle viel feiner, indem
er unvermerkt den Favorinus, der für seine Person allmählich
Achtung bekam, nach rein äußerlichen Gesichtspunkten bei
der Kritik verfahren läßt und dadurch die Aeußerlichkeit seines
Philosophierens überhaupt brandmarkt.
Der Zusammenhang wird noch unverkennbarer, wenn man
‚vollends den Vorschlag erwägt, Bagoas solle für seine Befähi-
sung zur Uebernahme des philosophischen Lehramtes den
'Tatbeweis erbringen, nämlich εἰ δύναιτο φιλοσοφεῖν τά γε πρὸς
τῶν ὄρχεων 1533). Das sind dieselben ἐφόδια πρὸς φιλοσοφίαν,
deren Mangel auch an Favorinus!??) ausgesetzt wird. So ent-
halten die kurzen Apophthegmata ein Motiv, das in Eun.
weiter ausgesponnen ist.
In ähnlicher Weise erscheint Dial. mort. XXI, 1 verglichen
mit Dem. 45 15). Die Anzeichen des Alters, die sich an seinen
Beinen bemerkbar machen, erklärt Demonax mit den Worten:
132) Vgl. Fug. 18 ἀπάγουσι γυναῖκας, ὡς φιλοσοφοῖεν δὴ nal αὐταί.
133) Der Spott erklärt sich aus der Nachricht, daß Favorinus περὶ
Σωχράτους Kal τῆς κατ᾽ αὐτὸν ἐρωτικῆς τέχνης schrieb (Suidas 5. v.), wie
er denn auch Sokrates in seiner Art, mit den Leuten zu verkehren,
nachahmte (Gell. N. A. 4,1 bes. 19 vgl. Hirzel II, 122). Die Ueberein-
stimmungen mit Rhet. praec. 11 und 15, bes. aber die der Schilderung
Rhet. praec. 23 mit denen bei Philostr. V.S. II, 8,26 ff. und Apuleius
Physiognomia bei Rose, Anecd. Gr. et Gr. lat. I, 71 über die impatienta
libidinum zeigen das Typenhafte der Zeichnung in Rhet. praec., so daß ΄
wir keine bestimmte Person suchen dürfen. Vgl. Rohde, Gr. R. 316°, 2.
Croiset 5. 261.
134) Fr. III, 2, 44 vergleicht beide Stellen mit einander.
610 ERNEST
Χάρων με Edaxev12). Zu einer kleinen Szene erweitert finden
wir dasselbe Bild in dem angegebenen Totengespräche. Auf
' die Frage des Menipp an den Öerberus, wie eigentlich Sokrates
in die Unterwelt herabgestiegen sei, antwortet dieser, zunächst
sei er ganz unerschrocken gewesen, aber als er auf einmal die
dicke Finsternis gesehen und schon mit dem Kopfe innerhalb
des Schlundes gewesen sei, da habe er gezögert, allein χἀγὼ
ἔτι διαμέλλοντα αὐτὸν δακὼν τῷ AWvelw κατέσπασα τοῦ ποδός 13°).
Es wollen natürlich für Demonax diese Anzeichen nichts an-
deres sagen, als daß auch er allmählich nicht mehr zaudern
dürfe, aus dem Leben zu gehen, und das μειδιάσας könnte
noch eine Spitze gegen das Verhalten des Sokrates haben, von
dem unmittelbar weitergefahren wird: ὥσπερ τὰ βρέφη ἐχώκχυε
χαὶ τὰ ἑαυτοῦ παιδία ὠδύρετο Aal παντοῖος ἐγίνετο.
Noch überraschender ist in dieser Beziehung Dem. 37.
In echt cynischer Weise 157) nimmt Lucian, wo er kann, Stel-
lung gegen die Wahrsagerkunst und das Orakelwesen. Die
Wahrsager alle sind für ihn Schwindler, wer sie immer sein
mögen. An Alexander (c. 8.15 vgl. Per. 28ff.) brauchen wir
gar nicht zu denken. Auch Trophonius ist ihm Dial. mort.
ΠῚ, 2 ein Toter, wie die andern alle, von denen er sich nur
durch seine Gaukeleien unterscheidet, und selbst Apollo hat
oft genug den bittersten Spott zu fühlen (Τρ. trag. 20. 28.
31. 43. Hes. 7. ὃ u. a.) Diesen Standpunkt teilt auch De-
monax. In einem Dilemma rückt er einem Wahrsager das
Widersinnige seiner Handlungsweise vor, indem er ausführt:
οὐχ᾽ ὁρῶ, ἐφ᾽ ὅτῳ τὸν μισϑὸν ἀπαιτεῖς " ei μὲν γὰρ ὡς ἀπαλλάξαι
τι δυνάμενος τῶν ἐπιχεχλωσμένων, ὀλίγον αἰτεῖς, ὁπόσον ἂν αἰ-
τῇς, εἰ δὲ ὡς δέδοχται τῷ ϑεῷ πάντα ἔσται, τί σου δύναται
N) μαντικῇ; das zweite Glied dieses Beweises bildet nun großen-
teils den Gegenstand von Jup. conf. Der Cyniscus bannt den
Juppiter von Anfang auf dem Standpunkt fest, daß die ei-
188) Das Wort Χάρων mag in diesem Zusammenhang auffallen, aber
zu der Konjektur des Solanus (K£pßepog) ist kein Grund. Vgl. Fr. U, 2
zu diesem c. 45.
136) Nigr. 37 redet er von einem δηχτικὸν φάρμαχον. Vgl. zur Si-
tuation Plat. Phaed. 117 Εἰ διαλιπὼν χρόνον ἐπεσχόπει τοὺς πόδας nal τὰ
σχέλη χἄπειτα σφόδρα πιέσας αὐτοῦ τὸν πόδα %.T. A.
ὸ 181) Vgl. über den Standpunkt des Diogenes Diog. L. VI, 48. 48.
es. 24.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 611
μαρμένη und die Μοῖραι die Herrschaft haben, und daß also,
was öfter wiederholt wird!??), οὐ δυνατὸν ἀπαλλάξαι τι
Kal μετατρέψαι τῶν ἐξ ἀρχῆς δοξάντων (c. 11), und Juppiter
gibt zu, daß ἕκαστον ἐπιχκεχλωσμένην (vgl. Jup. trag. 25)
ἔχει τὴν ἀπόβάσιν (c. 1). Zuletzt wird die Beweisführung ge-
schlossen mit den Worten: To μὲν ὅλον ἄχρηστον, ὦ Ζεῦ,
προειδέναι τὰ μέλλοντα, οἷς γε τὸ φυλάξασϑαι αὐτὰ πάντα ἀδύ-
γατον (c. 12. vgl. ο. 13), und als letzte Folgerung wird daraus
der Satz gezogen, ὥστε οὐχ δρῶ, Av” ὅτου ἀπαιτεῖτε τὸν μισϑὸν
ent τῇ μαντικῇ 59).
Diesen äußerst charakteristischen Vergleichungspunkten
lassen sich noch einige andere nicht minder bemerkenswerte
anreihen. Man vergleiche c. 25 und 26 mit der Schrift De
luetu. In seiner Monodie über den Tod seines jugendlichen
Sohnes hebt der Vater an: Texvov ἥδιστον, οἴχῃ μοι xai TE-
ϑνηχας ra πρὸ ὥρας ἀνηρπάσϑης (c. 13); ebenso wird die
Erzählung von der Trauer des Herodes Attikus um Polydeukes
mit den Worten eingeleitet: ἐπένϑει τὸν LloAuösbanv πρὸ ὥρας
ἀποθανόντα. Und wenn dann die ganze Ausführung in den
Schlußsatz zusammengefaßt wird: Ταῦτα χαὶ πολὺ γελοι-
ὁτερα τούτων εὕροι τις ἂν ἐπιτηρῶν ἐν τοῖς πένϑεσι γιγνόμενα
(c. 24) und das alles, ὡς ἀφόρητον ἡγοῦνται τὰ συμ-
βαίνοντα 40), so wird man die Aehnlichkeit mit dem Aus-
spruch des Demonax nicht verkennen: ὦ yeAote, μόνος ἀφό-
ρητα πάσχειν νομίζεις.
Mit der Trauer des Herodes hängt noch c. 33 zusammen,
wo sich Demonax so darüber ausspricht: ἀληϑεύειν τὸν
Πλάτωνα panevov, od μίαν ἡμᾶς ψυχὴν ἔχειν, οὐ
188) 0, 5: οὐδὲν ἂν dm’ οὐδενὸς ἀλλαγείη τῶν ἅπαξ δοξάντων. ὁ. 7: οὖ-
δαμῶς δυνατὸν ἀλλάττειν ταῦτα χαὶ ἀνακλώϑειν. c. 1: ἄφυχτα ὁπόσα ἂν
αὗται ἐπινήσωσι γεινομένῳ ἑκάστῳ.
189) GC, 13. In diesem Punkte für Lucian eine Abhängigkeit von Oe-
nomaus von Gadara anzunehmen mit Bruns Rh. M. 44, 382, ist also
wohl keine Ursache vorhanden.
140) Ο, 1. 16. Man möchte versucht sein, bei solchem Gleichlaut
den Anlaß der Schrift De luctu in der übermäßigen und auffälligen
Trauer des Herodes zu sehen — selbst die römischen Statthalter nahmen
Anstof5 (Philostr. V. S. 66, 31) und den σπουδογέλοιοι war er ein Gegen-
stand des Spottes (Philostr. V.S. 64, 20 ff.) —, allein wir haben hier
einen cynischen Topos vor uns, der auch sonst viel behandelt wurde
an. N. Jahrbb. Suppl. XVIII, 297 £., Prächter, Philol. LVII,
504 ff.).
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 40
612 K. Funk,
γὰρ εἶναι τῆς αὐτῆς ψυχῆς Ῥγίλλαν καὶ Πολυδεύκην ὡς ζῶντας
ἑστιᾶν χαὶ τὰ τοιαῦτα μελετᾶν. Die Wendung des ersten Satz-
gliedes treffen wir auch in De salt. Es ist hier die Rede von
den hohen Anforderungen, welche an einen Pantomimen ge-
stellt werden, und von seiner großen Kunstfertigkeit, welche
selbst nüchterne Leute, wie Lesbonax und Timokrates, in
Staunen und in Bewunderung gesetzt habe, und im Tone der
Begeisterung ‘wird dann fortgefahren: εἰ δ᾽ ἔστιν ἀληϑ'ῆ, ἃ
περὶ ψυχῆς ὁ ]λάτων λέγει, τὰ τρία μέρη αὐτῆς ἐπιδείκνυσι
χ. τ. A. (c. 70). Das ist um so bedeutsamer, als kurz zuvor
das Wort eines Barbaren angeführt wird, der dem Künstler
zurief: ᾿᾿Πλελήϑεις, ὦ βέλτιστε, ἔφη, σῶμα μὲν τοῦτο ἕν, πολλὰς
δὲ τὰς ψυχὰς ἔχων 1:ἢ.
Es ist bereits oben bemerkt worden, daß Demonax be-
züglich des übertriebenen Atticismus dasselbe Urteil hatte wie
Lucian selbst; das zeigt deutlich die wörtliche Parallele in
Lex. mit Dem. 26. In ersterer Schrift wird die Torheit eines
Hyperatticisten hübsch durch Vorführung seines eigenen Werkes
gebrandmarkt. Die erste Kritik, die Lycinus darüber äußert,
ist herzliches Lachen (c. 16). Dann bedauert er ihn wegen
seiner Geschmackesverirrung; damit könne er wohl auf Un-
gebildete einigen Eindruck machen, aber Gebildete hätten für
ein derartiges Unterfangen nur Mitleid, und er meint dann:
Δοχεῖς δέ μοι μῆτε φίλον τινὰ ἣ olmelov ἢ εὔνουν ἔχειν wiTE
ἀνδρὶ ἐλευϑέρῳ πώποτε χαὶ παρρησίαν ἄγοντι ἐντετυ-
χηχέναι, ὃς TAANDES εἰπὼν ἔπαυσεν ἄν σε ὑδέρῳ μὲν ἐχόμενον
χ. τ. λ. (c. 17). Wer sollte hier nicht eine Anspielung auf Demonax
finden (ὅλον παραδοὺς ἑαυτὸν ἐλευϑερίᾳ καὶ παρρησίᾳ c.3)? Daß
141). G, 66. Diese Uebereinstimmung und die echt Lucianische Zu-
rückhaltung, welche sich vor allem gegenüber der Psychologie Platos
kundgibt, dürfte für die Lösung der Echtheitsfrage von De salt. nicht
ohne Bedeutung sein. Man könnte allerdings außer den von Bieler
geäußerten Bedenken noch anführen, daß Lucian selbst sonst Singen
und Tanzen als eine Wirkung der Trunkenheit bezeichnet (Nigr. 25 und
Tim. 55), und daß der 69 gelobte Ausdruck χειρόσοφος für Pantomime
in Rhet. praec. ὁ. 17 getadelt wird. Die Bemerkung des Athen. XIV,
629 (καλεῖται δέ τις nal ἄλλη ὄρχησις κόσμου ἐχκπύρωσις, ἧς μνης-
μονεύει Μένιππος ὃ Κυνιχὸς ἐν τῷ Συμποσίῳ) ist zwar zu kurz,
um eine Vermutung zuzulassen. Aber man fragt sich vergebens, wer
dann die Schrift verfaßt habe, da ja doch das Thema zum Repertoire
der Sophisten gehört zu haben scheint (vgl. Libanius πρὸς ᾿Αριστείδην
ὑπὲρ τῶν ὀρχηστῶν). ἱ
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 613
wir mit dieser Vermutung nicht irren, das beweist schlagend
die Aeußerung des Lycinus: ἡμᾶς τοὺς νῦν προςομιλοῦν-
τας χαταλιπὼν πρὸ χιλίων ἐτῶν ἡμῖν διαλέγεται διαστρέφων
τὴν γλῶτταν χαὶ ταυτὲ τὰ ἀλλόχοτα συντιϑεὶς... ὡς δή τι
μέγα ὄν, εἴ τις ξενίζοι 1453. Genau dasselbe sagt Demonax:
ἜἜγὼ μέν σε, ὦ ἑταῖρε, νῦν ἡρώτησα, σὺ δέ μοι ὡς ἐ π᾿ ᾽Α γα-
μέμνονος ἀπολχρίνῃ.
Dem Gesagten füge ich noch an den mit Dem. 16 zu-
sammenfallenden Spott des Nigrinus über einen Reichen wegen
der Buntfarbigkeit seines Gewandes 135), und dieselbe Strafe für
einen schlechten Oyniker in Dem. und Fug. 152).
So viele sachliche und wörtliche Uebereinstimmungen
drängen uns wieder zu demselben Schluß, den wir schon ein-
mal machen mußten, und zwar mit unabweisbarer Notwendig-
keit. Wir haben auch auf dem sachlichen Gebiete eine Ab-
hängigkeit von der Art gefunden, die uns einfach an einen
Nachahmer zu denken verbietet. Oder ist es wahrscheinlich,
daß sich ein solcher so gar nicht verraten hätte, daß er viel-
mehr in der prägnantesten Kürze genau das Lucianische Ideal
eines wahren Philosophen gezeichnet hätte, ohne auch nur
einen Strich dazu zu tun? Sollte er im stande gewesen sein,
einen durch eine ganze Schrift durchgeführten Gedanken in
eine so kurze und so zugespitzte Fassung zu bringen und
einen allgemein ausgesprochenen Satz so individuell zu prägen ὃ
Und wenn er die Quelle Lucians in den Apophthegmata ent-
deckt kätte, sollte er es über sich gebracht haben, nichts von
dieser Abhängigkeit anzudeuten, wiewohl er Lucian schon
wegen der Auswahl genau gekannt haben müßte? Das alles
142) Lex. 20. Vgl. De hist. conser. 44. Hier warnt Lucian auch
den Geschichtsschreiber, ἀπόρρητα καὶ ἔξω πάτου ὀνόματα zu gebrauchen,
ἀλλ᾽ ὃς μὲν τοὺς πολλοὺς συνεῖναι, τοὺς δὲ πεπαιδευμένους ἐπαι-
γέσαι.
148) Nigr. 13 wird von den Athenern erzählt, wie sie τὴν ἐσθῆτα
τὴν ποικίλην χαὶ τὰς πορφυρίδας Exeivag ἀπέδυσαν (πλουσίῳ τινὶ)
αὐτὸν ἀστείως πάνυ τὸ ἀν ϑ ηρὸν ἐπισκώπτοντες τῶν χρωμάτων. Vgl.
Dem. 16. ὅτι ἐσθῆτα ἄνϑιν ἡ ν ἀμπεχόμενος Ὀλυμπιονίκης ὥν. Schon
Ellissen, zur Geschichte Athens, in den Göttinger Studien 1847, II Abt.
S. 875 hat die Aehnlichkeit beider Stellen bemerkt.
144) Fug. 33. Der Aergste unter ihnen, Kantharus, wird τοῖς nırıw-
τοῖς übergeben, ἀποδυσάμενός γε πρότερον τὴν λεοντῆν, ὥς γνωσϑῇς ὄνος ὦν.
Vgl. Dial. mort. X, ὃ und die S. 607, 129 zu c. 50 angegebenen Stellen.
40 *
614 K. Funk,
wird nur verständlich, wenn wir den Voraussetzungen der
Schrift glauben. So selbständig in Form und Inhalt kann
nicht ein Fremder, sondern nur Lucian selbst gegenüber seinen
eigenen Schriften sein, und wenn es uns nicht überliefert wäre,
dann würden wir und müßten wir annehmen, daß Lucian die
Vita Demonactis geschrieben hat.
Dazu paßt denn auch die Abfassungszeit. Die Darstellung
eines Cynikers als Idealphilosophen !*°), die starke Betonung
der Moral 146), die milde, abgetönte Art im Umgang, vor allem
das Interesse für die neuerwachten atticistischen Bestrebungen
weisen der Schrift ihre Stelle im zweiten Jahrhundert n. Chr.
an. In diesen Rahmen fügen sich auch alle Persönlichkeiten
ein, die zahlreich genug vorkommen, so daß selbst die Bestreiter
der Echtheit die zeitgenössische Abfassung für eine ausgemachte
Sache halten!*). Nur damals konnten manche Aussprüche
des Demonax die Beachtung des Schriftstellers finden, wie
andere nur in der Zeit, wo die angegriffenen Personen noch
bekannt waren, die beabsichtigte Wirkung bei den Lesern
hervorzubringen vermochten. Leider läßt sich die Lebenszeit
des Demonax nicht genau bestimmen, weder sein Geburts-
noch sein Todestag steht fest. Ebenso geben uns die Angaben
über seinen Umgang mit den ὁ. 3 genannten Männern und
über die Dauer des Verkehrs mit Lucian keinen genauen An-
haltspunkt. Die Angabe Lucians, daß er mit Demonax Ent!
μήκιστον verkehrt habe, ist zu relativ, um mit Fr. II, 1, 189
gerade einen Zeitraum von 10 Jahren ἃ. ἢ. 165—175 mit
einiger Sicherheit zu erschließen. Dagegen weisen die Er-
wägungen des genannten Punktes zusammen mit der Wahr-
nehmung, daß nichts die Zeit des Commodus verrät, seinen
Tod wenigstens noch in die Regierungszeit Mark Aurels. Der
15) Von Zeno heißt es zwar schon Diog. L. VII, 121: χυνιεῖν τε
αὐτὸν 86. τὸν σοφόν" εἶναι γὰρ τὸν χυνισμὸν σύντομον ἐπ᾽ ἀρετὴν δδόν, ὡς
᾿Απολλόδωρος ἐν τῇ ἠἡϑικῇ. Vogl. Zeller III, 158, 230,2; aber in dem von
Epiktet Diss. III, 22 gezeichneten Bilde des Idealphilosophen erscheint
dieselbe Anschauung wieder, wiewohl er Stoiker war.
146) Das zweite Jahrhundert ist das Jahrhundert der Moral; das
beweisen Männer wie Musonius (Zeller III, 1°, 733 ff.), Epiktet \S. 739 ff.)
Mark Aurel (S. 756 ff.) zur Genüge.
141) Bernays 105. Anm. 24. Vgl. Fr. Leo, Die griechisch-römische
Biographie. 1900 S. 83.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 615
Tod kann indessen nach den letzten datierbaren Aussprüchen
nicht vor dem Jahre 170 erfolgt sein 148).
Die Abfassungszeit der Vita Demonactis läßt sich aber
trotzdem noch genauer bestimmen. Es ist nämlich eine Ge-
wohnheit Lucians — und ihm gehört ja die Schrift zu —,
hervorragende Personen bei Lebzeiten nie mit Namen in seinen
Werken zu nennen, selbst nicht in dem Falle, wo er etwas an
ihnen zu loben hat. So erwähnt er Herodes Attikus Per. 19
nicht, sollte er seinen Namen nicht viel eher an unserer Stelle
verschwiegen haben, wenn er noch gelebt hätte? Wir dürfen
also die Entstehungszeit der Schrift nicht über das Todesjahr
des Herodes, nämlich 177 14°) hinaufrücken.
Dasselbe Beweismittel wurde auch gegenüber c. 30 an-
gewendet, wo der Konsul Cethegus genannt ist. Da nämlich
unter den Salii Palatini, die patrimi et matrimi sein mußten,
ein Cethegus erwähnt wird, und da dieser im Jahr 180 ohne
Angabe irgend eines Grundes ausscheidet, so vermutete Wad-
dington a. a. O., das komme wie sonst daher, daß durch den
Tod eines der beiden Eltern die Ausscheidung aus dem Priester-
kollegium bedingt worden sei; es könne also wohl in diesem
Jahre der in ec. 30 genannte Vater des Cethegus gestorben
und also die Vita in den ersten Jahren des Commodus
verfaßt sein. Ich lege kein Gewicht darauf, daß 180 ebenso
gut die Mutter gestorben sein kann, während der Vater noch
lebte. Der ganze Schluß ruht überhaupt auf einer falschen
Voraussetzung. Die Bedingung für die Salii, daß sie patrimi
1418) 0, 30. Nach W. H. Waddington, Fastes des provinces Asiatiques
de l’empire Romain. Paris 1872 I, 234 war M. Cornelius Cethegus im
Jahre 170 consul ordinarius, Da nun der Titel ὑπατικὸς nur kaiser-
lichen Legaten zukam, welche schon das Konsulat hinter sich hatten
(S. 193), so spielte die Angelegenheit wohl in dem Prokonsulatsjahr
170—171. In die Zeit von 171—175 wird auch der c. 24. 33 erwähnte
Tod des Pollux gelegt (Bl. f. bayr. Gym. [1597] 33, 671).
149) Das Datum ist nicht ganz sicher. Die letzte Nachricht ist ein
Brief Mark Aurels an Herodes wegen Aufnahme in die Eleusinien aus
dem Jahr 175 (Philostr. V.S. II, 70,5 ff.). Wegen Nichterwähnung der
Aufnahme bei Philostr. braucht man aber nicht mit G. Fuelles, De
Herodis Attiei vita Bonn 1864. 8. 25. 26 (vgl. Clinton, Fast. Rom. I, 173.
Zeller III, 1°, 771) seinen Tod in den Anfang des Jahres 176 zu ver-
legen. Dem verworrenen Bericht des Philostr. steht Dio Cass. LXXI, 29
entgegen mit der Nachricht von der Neuordnung der athenischen Uni-
versität, so daß er erst Ende 176 (Bl. f. Bayr. Gym. [1897] 33, 671)
616 K. Funk,
et matrimi sein mußten, galt bloß für ihren Eintritt; dann
blieben sie lebenslänglich in ihrem Kollegium 159), wofern sie
nicht ein mit dieser Würde unvereinbares Amt übernahmen ?°).
Es läßt sich also aus dieser Notiz für unsern Zweck nichts
weiter vermuten, so wenig als wir natürlich aus dem Umstande,
daß sich keine Anspielung auf die Regierung des Commodus
findet, das entnehmen dürften, daß die Vita mindestens in den
ersten Jahren des Commodus verfaßt seı!?). |
Dagegen läßt sich dasselbe Argument vielleicht auf c. 31
anwenden und sich dadurch ein terminus ante quem gewinnen.
Hier ist der Name des Kaisers, zu dessen Erziehung Apollonius
nach Rom geht, verschwiegen. Nun wissen wir, daß Apollonius
der Lehrer Mark Aurels und seines Adoptirbruders Lucius
Verus gewesen ist!??). Dieser ohnehin schon 169 gestorben
kann mit dem Titel ὃ βασιλεὺς nicht gemeint sein. Die Lebens-
beschreibung müßte mithin noch vor dem Tode M. Aurels 180
ausgegeben sein und die Abfassung wäre zwischen 177—179
anzusetzen. Diese Vermutung hat insofern eine Stütze, als wir
in dem Nennen und Verschweigen des Namen M. Aurels
System annehmen müssen 1). Denn während er Eun. 3 und
selbst Apol. 9 geflissentlich ausgelassen wird, erscheint er auf
einmal Alex. 48.
In dieser Zeit des alternden Lucian ist auch sonst die
Abfassung durchaus wahrscheinlich. Die gereizte Stimmung
macht einer ruhigeren Platz; die Angriffe auf die Modetorheiten
werden gemäßigter 155). An Stelle der beißenden Satire treten
oder wahrscheinlicher 177 (Fr. a. a. Ο. Schmid, Philol. 50, 316. Bolder-
mann ὃ. 117) gestorben ist. Buresch, Triopeion, Herodes, Regilla im
Rh. M. 44, 504 hält noch 178 für möglich.
. seh Joach. Marquardt, Römische Staatsverwaltung. Leipzig 1885.
Fo. 251) Der Austritt aus dem Kollegium erfolgte übrigens nicht immer
bei Uebernahme der Prätur oder des Konsulats. A. a. O. III, 429, 1.
152) Vgl. Waddingtona.a.0. Wirkönnen daraus höchenst entnehmen,
daß Demonax damals nicht mehr lebte. Die Nachricht in ce. 30 korri-
giert auch die Ansicht Friedländers II, 253 vgl. Hertzberg 247,50 und
249, 64, wonach Demonax schon unter Vespasian einmal aufgetreten sei.
153) ])je Belegstellen bei Hertzberg S. 367.
154) Von den römischen Kaisern wird außerdem nur Augustus ge-
nannt Pro lapsu c. 18 und Nero De salt. 63 und 64, während Per. 18
der Name (offenbar Antonius Pius) verschwiegen wird.
155) K. Fried. Hermann, Zur Charakteristik Lucians und seiner
Schriften in den ges. Abh. und Beitr. Göttingen, 1849 8. 220.
nr ὐδΝΝννμνυκυννννον
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 617
Werke mehr erzählenden Charakters, wenn auch der satirische
Zug nicht verschwindet!°°). Da also, in den ersten Jahren
seines Aufenthaltes in Aegypten, fern von Athen, wird die
Erinnerung wach an die Erlebnisse daselbst, an den bedeutenden
Einfluß, den besonders der Philosoph Demonax auf ihn aus-
geübt hat; es drängt ihn zum Andenken an die hochgefeierte
Stadt, diesem Mann ein Denkmal zu setzen, wie er einst in
jungen Jahren unter dem ersten Eindruck athenischer Geistes-
herrlichkeit Nigr. geschrieben hat. Und vielleicht dürfen wir
nicht mit Unrecht in der starken Betonung der politischen und
friedenerhaltenden Tätigkeit des Demonax nichts anderes sehen,
als eine neue Andeutung eben der Zeitverhältnisse, wo er selbst
so eifrig dem Wirken zum Wohle der Mitbürger das Wort
redete (Apol. 11. 12, 14).
ll. Untersuchung über die Integrität.
4. Die Hypothese von der christlichen
Ueberarbeitung.
Einen Haupteinwand stilistischer Natur haben wir bisher
außer acht gelassen. Jedem aufmerksamen Leser Lucians muß
an der Vita auffallen eine gewisse Ordnungslosigkeit in der
Erzählung, verbunden bald mit einem knappen Zusammen-
drängen mehrerer Notizen, bald wieder mit einer geschwätzigen
Breite, wie c. 3 und 4, vor allem aber die nach unserem Urteil
ganz unkünstlerische Art, mit der sich ohne jede gegenseitige
Verbindung zwischen c. 11—63 eine lose Zusammenstellung
von witzigen Einfällen und Aussprüchen des Demonax ein-
schiebt. Wie kann, so fragt man, ein Schriftsteller von dem
156) Vgl. Croiset S. 79 und 80. Uebrigens verlegt Croiset die Ab-
fassung der Ver. hist. in eine frühere Zeit, wo bei Erwähnung des
Namens Lucian noch nicht gleich der Gedanke an seine humoristische
Schriftstellerei bei den Lesern erweckt worden sei (S. 59); ebenso Baar,
Lucianea. Görz 1884 S. 11 wegen einer Berührung mit De hist. conser. 1.
618 K. Funk,
feinen Geschmacke Lucians etwas Derartiges geschrieben haben,
nachdem er doch in De hist. conser. und Rhet. praec. — von
Alex. und Peregr. ganz zu schweigen — gezeigt hat, wie gut
er es versteht, ein zerstreutes Material zu einer kräftigen Ge-
samtcharakteristik zu verarbeiten? Dazu hat unter seinen
zahlreichen Schriften nur der äußerst zweifelhafte Pseudo-
sophista eine ähnliche Anlage!5”). Kein Wunder also, wenn
man nicht mit Jakob 8. 21 die Biographie ‘musterhaft’ finden
konnte, sondern eine ‘stümperhafte Charakteristik’!%) darin
erblicken wollte und damit die Unechtheit aussprach. Wie ist
nun diese auffallende Erscheinung zu erklären?
Schwarz hat erstmals auf die genannten Mängel im ein-
zelnen hingewiesen und unter Voraussetzung der Echtheit kam
er S. 594 zu dem Schlusse, daß wir in der Vita ‘eine in ihrer
Tendenz philosophische, in ihrer Form aber durch eine fremde,
wahrscheinlich christliche Hand korrumpierte Schrift Lucians’
haben. So sehr er betont, daß sich ihm diese Folgerung
gleichzeitig mit der Erkenntnis von der Verderbnis der kranken
Stellen aufgedrängt habe, mehr als eine Vermutung ist es nicht,
die er trotz aller gegenteiligen Erklärungen (S. 574) ebenso
wie Wichmann Ὁ. 849 bedurfte, um für die Interpolationen
und Umstellungen einen leitenden Zweck zu haben.
Ich kann mich hier kurz fassen. Man hat ja bei Lucian
nirgends eine christliche Tendenz 155) oder eine christliche Inter-
polation 159) mit Sicherheit nachweisen können. Nicht einmal
Nec. 14 μετέμελε τῶν τετολμημένων πᾶσι ist notwendig so
anzusehen 161); um wie viel unwahrscheinlicher wird es erst
sein, daß die Christen einen Mann, der in Per. ein so schiefes
Bild von ihnen entworfen hatte, irgendwie noch für geeignet
hielten, ihn eine Lanze für die christliche Sache brechen zu
lassen? Was man schon vor Suidas Zeiten unter semem Namen
157) Schmid, Philol. 50, 300 ἢ. |
158) Sommerbrodt, Ausg. Schr. I?, XVII; Rothstein 8. 33,1 legt
wieder gegen ihn Verwahrung ein.
159%) Vgl. Schmid, Philol. 50, 315 bezüglich As.
160) Thimme ὃ. 33 zu Apophr. 8. 2
161) Vgl. dagegen Wassmannsdorf, Luciani seripta ea, quae ad
Menippum spectant, inter se comparantur et diiudicantur Jenae 1874,
S. 38. Roderich, De Luciano philosopho 1880 (vgl. J.B. ἃ, phil. Vereins
z. Berlin [Z. f. G. w.] 1880, 204) steht mit seiner Annahme von christ-
lichen Anklängen und Karikaturen vollständig allein.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 619
in Umlauf setzen zu können glaubte, zeigt Philopatris. Man
hat überhaupt die Dienste weit überschätzt, die Lucian dem
aufblühenden Christentum geleistet haben soll (vgl. Croiset
5. 234 ff.).
Außerdem läßt sich nicht einsehen, was für ein Grund
die christliche Unterstellung veranlaßt hätte. Die Heranziehung
der gefälschten kaiserlichen Rescripte ist durchaus unzutreffend.
Sollte aber bloß die Wahrheit von der anima naturaliter chri-
stiana erwiesen werden, lag es dann für den christlichen
Fälscher nicht näher, Männer wie Seneka und Epiktet sich
zum Vorwurf zu nehmen, die weit bekannter, also einflußreicher
waren als unser Demonax und dazu noch den christlichen An-
schauungen ungleich näher standen? Allein diese Tendenz
tritt nirgends zu tage, die uneingeschränkte Bewunderung von‘
Anfang bis Schluß, ohne daß die heidnischen Züge in c. 8. 32
und 63 ausgemerzt wären oder getadelt würden, beweisen ge-
rade das Gegenteil. So ist also die Hypothese schon innerlich
unwahrscheinlich. Wenn ich trotzdem auf einige der namhaft
gemachten Stellen eingehe, so geschieht es nur deshalb, um
den bisherigen Beweisgang zu verstärken und die Stellen in
der überlieferten Form als echt zu retten. DBetreffs des
bereits besprochenen c. 8 braucht es keiner Beifügung mehr.
Die Zusammenstellung von μαχρὰ ἐλευϑερία 165) und λήϑη δέ
τις ἀγαϑῶν χαὶ χαχῶν πάντας χαταλήψεται gewährleistet die
Ursprünglichkeit. Ebenso waren mindestens die Vorbedingungen
für die scharfe Unterscheidung von Fehler und Fehlendem c. 7,
eine der wenigen Aeußerungen ernster Art von Demonax, schon
im Stoicismus 1°?) gegeben. Geradezu cynischen Anschauungen
und Gewohnheiten entspricht die Charakteristik des Philosophen
als des öffentlichen Friedenstifters und — wenn ich so sagen
darf — die rühmende Schilderung seiner Tätigkeit in der
Hauspastoration c. 9 und 64. Musonius und Dio Chrisosto-
mus!6*) üben dasselbe und fast mit den gleichen Worten wird
es dem Krates nachgesagt, dessen leider verloren gegangene
162) Vgl, Zeller III, 1°, 204 und 710 über diesen Gedanken bei Seneka.
163) Arrian, Epieteti Diss. I, 18, 3: χαλεπαίνειν οὖν δεῖ αὐτοῖς (Sc.
χλέπταις χαὶ λωποδύταις) ἣ ἐλεεῖν αὐτούς; Marc. Aurel. VII, 22. Vgl. Vit.
auct. 9. Dem. 16.
164) Tacitus, Hist, III, 81; Philostr. V.S. IIS.83f.
620 K. Funk,
Biographie vielleicht sonst noch manche interessante Aufschlüsse
geben könnte!°5). Damit fällt zugleich der Anstoß, den man
an dem großen Freundschaftsbedürfnisse des Demonax ge-
nommen hat (vgl. Schwarz S. 574). Ein tatsächlicher Wider-
spruch mit dem feierlich ausgesprochenen Grundsatz μηδενὸς
ἄλλου προσδεᾶ εἶναι liegt wohl vor, aber in gleiche Verlegen-
heit kam auch das stoische System und Seneka nimmt an
verschiedenen Orten Anlaß, den Widerspruch wenigstens schein-
bar zu lösen‘). Die Lehre von der allgemeinen Menschen-
liebe trat eben so stark in der Stoa hervor (vgl. Zeller III, 1?,
288) und war so sehr in den politischen und socialen Ver-
hältnissen der damaligen Zeit begründet 1%”), daß es geradezu
verwunderlich wäre, wenn selbst ein eynischer Philosoph nicht
über die negative Auffassung vom Kosmopolitismus im Sinne
der Unabhängigkeit von Heimat und Vaterland hinaus "zur
positiven Anschauung von der wesentlichen Zusammengehörig-
keit aller Menschen fortgeschritten wäre.
Besonders wendet sich Schwarz 8.576 f. gegen die Fassung
von c. 11, ohne indes in Abrede zu ziehen, daß die beiden
365) Bruchstücke bei Apuleius Florid. IV, 22 und II, 12 dsgl. bei
Julian, Or. VI, 201 und 200 zeigen im Inhalt mit Dem. 9 und 63 Aehn-
lichkeit. Ich stelle die beiden Stellen neben einander;
Apuleius: Crates ille, Diogenis
sectator, ut lar familiarıs apud ho-
mines aetatis suae Athenis cultus
est. Nulla domus ei unguam clausa
erat; nec erat patris familias tam
absconditum secretum, quin eo
tempestive Crates intervenerit, %-
tium omnium et iwurgiorum inter
propinquos disceptator atque arbiter.
Des Weiteren folgt ein Vergleich
mit Herakles.
Vergleicht man diese Stellen
1, 6 (II, 766, 30 Dübner): Κράτητα
Julian II, 200: ’Eni τούτου φασὶ
τοὺς Ἕλληνας ἐπιγράφειν τοῖς ξαυ-
τῶν οἴχοις ἐπὶ τῶν προπυλαίων " Eioo-
dos Κράτητι ᾽᾿λγαϑῷ Δαίμονι und
VII, 201: ἐπορεύετο δὲ ἐπὶ τὰς
τῶν φίλων &Eotiag, ἄχλητος,
χεχλημένος, διαλλάσσων τοὺς
οἰκειοτάτους ἀλλήλοις, εἴ-
ποτε στασιάζοντας αἴσϑοιτο.
ἐπετίμα δὲ οὐ μετὰ munplag, ἀλλὰ
μετὰ χάριτος, οὐχ ἵνα συχοφαντεῖν
δοχῇ τοὺς σωφρονισϑέντας.
mit den bei Plut. Quaest. Conv. II,
δὲ τὸν φιλόσοφον εἰς πᾶσαν οἰκίαν εἰ-
σιόντα μετὰ τιμῆς καὶ φιλοφροσύνης δεχομένων ϑυρεπανοίκτην ἐκάλουν (vgl.
Diog. L. VI, 86) und erwägt man die ausdrückliche Angabe des Namens
‘Plutarch’ bei Julian VI, 200, sowie die sonstige Abhängigkeit des
Apuleius von Plutarch (Christ, Gr. L.G. 6613), so ist eine Biographie
des Plutarch über Krates vorauszusetzen, deren Fragmente wir hier. vo
uns haben.
166) Vgl. Zeller III, 1°, 290 £.; II, 1?, 238 und Joel, Der Xenophon-
tische Sokrates. Berlin 1891 II, 2, 993 und bes. 1011 ff.
167) Zeller III, 1°, 721 ff.; 280, 2. Bezeichnend genug ist auch der
specifische Ausdruck ἀδελφὸς Per. 13 (vgl. Arrian, Epiet. Diss. II,
22, 54:1, 18, 3) durch den allgemeineren ἄνθρωπος ersetzt. Für den
gleichen Satzanschluß 5, Herm. 67.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis, 621
Aussprüche für sich allein dem Demonax zugehören. Beide
Antworten entsprechen ja nur dem cynischen Standpunkt !°®).
Die erste Aeußerung, welche sich mit dem Unwert der Opfer
befaßt, da doch die Menschen den Göttern nichts geben
könnten, was sie nicht schon besäßen, findet eine Stütze in
c. 27 und trifft mit den anderwärts ausgesprochenen religiösen
Anschauungen Lucians (De sacrif. 1. Jup. trag. 20 Char. 12)
zusammen. Bezüglich seiner Stellung zu den Mysterien ist
allerdings nicht genügend Klarheit vorhanden. Daß er ein-
geweiht war, will Planck S. 10 und Fr. II, 2, 14 annehmen.
Allein er bezeichnet sich ja Pisc. 19 als Barbaren, und Scyth. 8
sagt er nicht ohne kritische Nebenbemerkung, daß Anacharsis
μόνος τῶν βαρβάρων (vgl. Dem. 34) ἐμυήϑη 169). Die dafür in
Anspruch genommenen Stellen De salt. 15 und Nav. 11 be-
weisen nichts. Die erste Stelle ἄξιον τὰ μὲν ὄργια σιωπᾶν τῶν
ἀμυήτων ἕνεκα kann als rhetorische Phrase aufgefaßt werden,
und an der letzteren Stelle spielt er nur mit der Aehnlichkeit
der Einweihung in die Mysterien und der Vermählungsfeier.
So oft er sonst von den Mysterien spricht und dem Verbot des
ἐξαγορεύειν (Nav. 11. Pisc. 33. Nec. 2. Adv. ind. 25), wie von
den Eumolpiden (Anach. 34. Fug. 8. Alex. 39), nirgends spricht
er klar von seiner Einweihung und verrät selbst in der Nach-
bildung der Mysterien in Alex. 37—40 nicht mehr Kenntnisse,
als man gemeiniglich hatte. Immerhin mag auffallen, daß er
Cat. 22 den Cyniskus τὴν γνώμην φιλώσοφον (c. 23) eingeweiht
sein läßt. Es ist indessen nicht zu übersehen, daß nicht die
Mysterien, sondern die Philosophie ihn zu einem so tadellosen
Leben angeleitet haben, daß er straflos ausgeht (c. 24 vgl. 25).
Doch es ist ja nicht der Inhalt, sondern nur die Form
beanstandet worden. Es soll eine christliche Ueberarbeitung
stattgefunden haben, weil nur so die Erklärung der abstoßenden
Nachbildung der sokratischen Anklage der Schlüssel zu der
mit c. 68 in Widerspruch stehenden Erzählung’ gewonnen
werden könne (Schwarz ὃ. 576 vgl. 568). Der letzte Punkt
bedarf keine Widerlegung (vgl. nur c. 16). Vergebens fragt
man sich, was eigentlich an der Nachbildung des sokratischen
168) Diog. L. VI, 73; Jul. Or. VI, 199 vgl. Bernays 8. 31.
169) Vgl. Schoemann, Gr. Altertümer. Berlin 1873. II, 384.
622 K. Funk,
Schicksals abgeschmackt und deshalb mit Lucian unvereinbar
sein soll. Die Parallele Christus-Sokrates war freilich bei
den griechischen Kirchenvätern nichts Ungewöhnliches!”0), aber
_ ein Vergleich anderer Personen mit Sokrates war eigentlich im
Munde eines Heiden weitehezu erwarten. In richtigem Gefühl weist
deshalb Schwarz S. 568, 1 die für ihn günstige Stelle Per. 12
trotz des historisch klingenden ὠνομάζετο 111) zurück. Die Ver-
gleichung mit Sokrates war damals heidnischerseits gang und
gäbe. So ließ sich Dio Chrysostomus, vor Gericht gestellt,
die Gelegenheit nicht entgehen, in sokratischer Manier eine
Apologie zu halten (vgl. Hirzel II, 89, 2 nach Or. 14, 191 fR).
Aehnliches wissen wir von Favorinus!”?). Und wenn nun
Schwarz den Schluß des 11. Kapitels für den echten Anfang
der Verteidigungsrede des Demonax hält, und wenn er — was
nach dem Ausgeführten durchaus wahrscheinlich ist — zugibt,
daß der Angeklagte im weiteren Verlauf auf die Analogie mit
Sokrates hingewiesen habe, wovon das πρότερον gleichsam noch ᾿
der Rest sei (5. 569), warum sollte dann derselbe Vergleich
ein paar Zeilen weiter oben sofort abgeschmackt sein und
nicht schon von dem ursprünglichen Verfasser der Biographie
in die geschichtliche Darstellung verwoben worden sein? Warum
sollte es nicht Lucian selbst getan haben ? So wenig schmeichel-
haft er sich sonst über die Lebensführung des Sokrates äußert 175),
wo eine Gelegenheit sich bietet, auf die äußeren Lebensschicksale
hinzuweisen, da erscheint auch wirklich wie hier Sokrates und
ganz typisch mit ihm seine Ankläger Anytus und Meletus!”?).
Daß sogar eine solche Scene ganz im Geschmack Lucians war,
170) Ad. Harnack, Ueber Sokrates und die alte Kirche. Giessen 1901.
S.5—16. Ueber den damaligen Sokrates- und Platokult vgl. Hertzberg
II, 246.
111) Vgl. Planck, Stud. und Krit. 8. 869. Vgl. ο. 37,
172) Philostr., V. 8. 9, 82 Τὰν behandelte ihn auch in seinen Denk-
würdigkeiten s. Köpke, Ueber die Gattung der Apomnemoneumata
S. 23. 24.
173) Er wirft ihm in Uebereinstimmung mit den Cynikern und der
Komödie Schwatzhaftigkeit vor Vit. auct. 15. Nec. 18. Dial. mort. XX, 4.
Ver. hist. II, 7 — Todesfurcht Dial. mort. XXI, 1 — Knabenliebe Vit.
auct. 15. Ver. hist. I, 17. 19. Per. 43. Amor. 59.54. Eun. 9. — Feig-
heit Ver. hist. II, 23. Paras. 43. Er spricht aber auch von seinem
Ruhme Som. 12 und ihm zur Ehre Per. 5. 12. 37 u. a.
114) Pisc. 10. Bis acc. 5; nur Anytus Fug. 3 und nur Meletus Jup.
conf. 16. Auf Sokrates’ ungerechten Tod wird angespielt Jup. trag. 48.
Per. 37. Paras. 57.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 623
bezeugt seine große Vorliebe für Gerichtsscenen überhaupt!”°).
Da nun die Einheitlichkeit von c. 11 nicht geleugnet wird,
und durch Herausschälung der beiden Aussprüche aus ihrer
Fassung die Zahl der Apophthegmata in knapper Form, ohne
Aufputz und Einleitung, unnötig vermehrt würde, so ist der
Zweifel an der Ursprünglichkeit des Kapitels unbegründet. Im
Gegenteil wird man darin einige weitere Anzeichen für die
Echtheit der Schrift finden können.
Eine christliche Ueberarbeitung läßt sich also keineswegs
erweisen. Dagegen vermag auch die Aeußerung des Demonax
in c. 51, die Schwarz eigentümlicherweise entgangen ist, nicht
zu streiten, wiewohl sie früher (Planck S. 900) als Nachbildung
von Jac. 1, 19 verdächtigt worden ist. Interessant aber ist,
daß in dem einzigen Florilegium einer Pariser Handschrift !7°),
welche Apophthegmata aus unserer Vita enthält, gerade c. 51
und 29 mit zwischen geschobenem Jac. 1, 19 ohne Lemmata
aufgeführt werden.
2. Interpolationen und Lücken.
Ein anderer Grund, die Ueberarbeitung aufrecht zu er-
halten und zu erklären, schien sich aus der Betrachtung des
1. Kapitels zu ergeben. Mit Ausnahme von Fr. III, 2, XXVILf.
und Croiset S. 80 bestand fast allgemein die Annahme, daß
die Abfassung der Lebensbeschreibung des Sostratus-Agathion
mit der ganzen Art Lucians unvereinbar sei. Man glaubte
daher, die Ueberarbeitung irgend wie mit der Eingliederung
dieser Schrift in unsere Vita in Verbindung bringen zu können.
Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Urheberschaft Lucians
für die Biographie des Sostratus wird uns nachher noch eigens
beschäftigen; hier kommt es mir zunächst nur darauf an, ob
die anerkannten Mängel sich aus der Parallelstellung der Vita
Sostrati mit der des Demonax erklären lassen.
Thimme 5. 58 sprach die Vermutung aus, es habe 2
Schriften über Demonax gegeben, eine von Lucian, eine andere
175), Darauf beruhen Pisc. und Bis ace.; vgl. Tim. 50 und Anach. 17.
176) Cod. reg. 2991 A. p. 361ff. bei Boisonnade, Anecd. Gr. Paris
1829. III, 466 £. Γνωμικά τινα, |
624 K. Funk,
von einem Zeitgenossen, der zugleich auch über Sostratus ge-
schrieben habe; ein Späterer habe nun die beiden Biographien
von Demonax zusammengearbeitet. Allein mag auch die Ein-
leitung ihre Fassung dem Bestreben verdanken, die Vita So-
strati zu retten, nirgends tritt eine Spur zweier Quellen hervor.
- Die Worte ταῦτα ὀλίγα πάνυ Ex πολλῶν verraten durchaus
nichts davon (a. a. Ὁ. 5. 58, 1). Sie sind, wie oben gezeigt,
eine echt Lucianische Formel, die beim Abschluß einer Ge-
dankenreihe oder eines Buches gern wiederkehrt. Dabei wäre
es — ganz abgesehen von dem durchweg einheitlichen Eindruck
der Schrift — gewiß sehr verwunderlich, wenn trotz Benützung
einer anderen Quelle genau das Bild eines Idealphilosophen
nach Lucians Denkart herauskommen würde, und wenn selbst
in der Auswahl der Apophthegmata sich kein anderes System
zeigte.
Noch weniger vermag die Unterschiebung der Vita Sostrati
allein eine Ueberarbeitung zu begründen. Zugestandnermaßen
sind die 2 ersten Kapitel richtig und logisch gegliedert und
bilden ein einheitliches Ganzes und das erste Kapitel stimmt
trefflich zur Fortsetzung!’”).. Warum sollte nun ein so ge-
wandter Fälscher die Ordnung gestört haben? Denn nur darum
kann es sich handeln, da die beanstandeten Stellen in c. 3 und
4, m 8—10 sogar nach dem Urteil von Schwarz 8. 567,
Thimme 8. 56f. und Wichmann $. 843 f. Lucianischen Cha-
rakter an sich tragen. Einem Excerptor aber die Schuld zu
geben an dem gegenwärtigen Zustand der Schrift geht wohl
deshalb nicht an, weil Eunapius in Prooem. V.S. sie bereits
als ein βιβλίον ἐλάχιστον bezeichnet und gerade an den frag-
lichen Stellen eine merkwürdige Breite zu Tage tritt.
So sehr man freilich wünschen möchte, daß die Erzählung,
ausgehend von dem jugendlichen Drange des Demonax nach
Wissenschaft und Erkenntnis, uns zuerst die Vorbereitung auf -
das philosophische Studium, dann dieses selbst vorführen würde
und schließlich uns den Philosophen in der Mittagshöhe seiner
Vollendung, in seiner Wirksamkeit, in seinen Beziehungen zu
den Zeitgenossen, in seinem Sterben und seinem Nachruhm
zeigen würde, es ist sicherlich mißlich, sich einfach eine Dis-
111) Vgl. Schwarz ὃ. 566 und Schmid, Philol. 50, 301.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 625
position zurecht zu machen und alles wegzuschneiden, was
nicht in dieses Prokrustesbett passen will. Wie subjektiv der-
artige Entscheidungen ausfallen, spricht sich zur Genüge in
der großen Meinungsverschiedenheit der einzelnen Kritiker
aus!’®). Bezeichnend genug ist dabei, daß 'Thimme 8. 56
eben die Stelle (vgl. Alex. 57) non sine veritatis. specie von
Lucian geschrieben läßt, von der Wichmann $. 649 sagt, von
den für die Biographie des Demonax von ihm aufgestellten
Interpolationen sei ihm keine so unumstößlich, wie die Worte
c. 3 ἀλλὰ πᾶσι μὲν τούτοις... χεχοσμημένῳ, weil sie sich bei
-der oberflächlichsten Lektüre als eine Parenthese zu erkennen
geben. Jedenfalls dient es nicht zur Empfehlung der Auf-
stellungen Wichmanns, wenn er auch in anderen Schriften aus
recht zweifelhaften Gründen Umstellungen oder Ausscheidungen
zum Teil bloß wegen eines Uebermaßes von Schmutzigkeit
macht!’?). Das erstere beweist nur, daß man bei Lucian be-
züglich der Disposition nicht immer den strengsten Maßstab
anlegen darf; selbst den etwas äußerlichen Anschluß von c. 10
mit μόνον ἡνία an φαιδρὸς wird man nicht gerade unmöglich
finden. Da es sich in dem schildernden Teil c. 1—11 und
63-67 fast einzig um Umstellungen handelt, so halte ich es
für unnötig auf die einzelnen Vorschläge einzugehen. Die
ganze Methode ist zu subjektiv und zu gewaltsam, um wahr
zu sein. |
178) Während Schwarz S. 566 in c. 3 διετέλεσε χρώμενος. .. ἀλήϑειαν
ausschaltet, will Wichmann S. 842 ff. auch noch ἀλλὰ πᾶσι μὲν συνεγέ-
vero „.. παραχληϑεὶς und schon von ὑπερεῖδε μὲν... ἀλήϑειαν streichen.
Thimme S. 56 findet nur die Annahme Wichmanns unmöglich, weil so
2mal der Satz mit od μὴν anfange, was indes kein Hindernis ist (vgl.
Pro lapsu 2), so wenig als 4mal ἀλλά (vgl. Per. δ). Ebenso nimmt
Schwarz S. 566 an c. 4 Anstoß wegen der vielen Notizen, Wichmann
S. 844 will nur ὥστε... χαταλιπὼν streichen, Thimme ὃ. 56. 57 auch
noch χαὶ τὰς ἐν φιλοσοφίᾳ... ἠπίστατο. Desgleichen findet Schwarz
S. 568 in c. 9 und 10 vieles Anstößige. Thimme möchte nur c. 10
nal πάντα μετὰ Χαρίτων, . . ἐπικαϑῆσθαι mit c. 9 ἔπεισε μέτρια χ. τ. λ.
verbunden wissen. Wichmann S. 845 streicht ὁ. 8 und 9, gesteht aber,
daß ihm die Entscheidung schwer falle, und daß, wenn man an dem
Anfang von c. 8 keinen Anstoß nehme, über c. 8 und 9 nicht zu
streiten sei.
179) Ὁ. Wichmann, Lucian als Schulschriftsteller. Eberswalde 1887.
Interpolationen nimmt er an in Gall. S. 10, Rhet. praec. 8. 28,1 Um-
stellungen in De hist. conscr. S. 30,1. Warum er in unserem Fall παρε-
δίδου mit Ausrufezeichen versieht, ist mir nicht klar, da es gar nicht -
vorkommt. Vgl. auch die anfechtbare Uebersetzung 5. 844.
626 K. Funk,
Dasselbe gilt von der aprioristischen Art, mit der Schwarz
S. 572 gegen die Apophthegmata vorgeht. Weil ihm etwa
10—15 Aussprüche genügend erscheinen, will er alle übrigen
als unecht verwerfen. Daß man an der großen Zahl derselben
Anstof nimmt, ist ja begreiflich. Dazu bietet die lose An-
einanderreihung, die mit der Einleitung βούλομαι δὲ ἔνια παρα-
θέσθαι für einige mindestens von selbst gegeben ist, die
günstigste Gelegenheit zu Interpolationen. Aber welches Kri-
terium vermöchte uns da sicher zu leiten? Schulze $. 7 macht
eigens darauf aufmerksam, daß die aufgeführten Aussprüche in
anderen Spruchsammlungen nicht wiederkehren, was sich außer
3 Fällen (s. 5. 623 und weiter unten) bestätigt, und daß weder
die handschriftliche Ueberlieferung noch die Worte Lucians
c. 12 ἔνια παραϑέσϑαι τῶν λελεγμένων und c. 67 ταῦτα ὀλίγα
πάνυ ἐν πολλῶν einen festen Anhaltspunkt gewähren, wie viel
zu streichen sei. Allein darf man nicht mit Schwarz 8. 573
eine Spur der Ueberarbeitung in c. 14 entdecken, weil der
Σιδώνιος σοφιστὴς 159) nicht mit Namen genannt ist und für die
Verschweigung des Namens sich kein Grund finden läßt, da
er ja durch diesen Beisatz genügend gekennzeichnet ist?
Das letztere ist nicht zu leugnen. Uebrigens ist das gleiche
der Fall in Eun. 7 und doch wird der Name des Favorinus
nicht genannt. Es scheint der Betroffene eben trotzdem so für
ferner Stehende mehr geschützt zu sein. Es ist aber auch das
wohl möglich, daß hier einmal ausnahmsweise die Sophisten-
180) Unter dem Σιδώνιος σοφιστὴς ist gewiß nicht an Hadrian von
Tyrus (Ranke S. 36 vgl. dagegen Guttentag S. 87), sondern nur an
Maximus von Tyrus zu denken. Dessen Grundanschauung war
zwar platonisch, aber er eignete sich auch peripatetische, stoische und
neupythagoräische Lehrsätze an; nur von Epikur und den Atheisten
will er nichts wissen (vgl. Bergk, Gr. Lg. IV, 551 und Anm. 45; Dürr
S. 4). So rühmt sich auch der sidonische Sophist mit Ausnahme Epi-
kurs in allen philosophischen Systemen zu Hause zu sein. Besonders
große Bewunderung hatte der Tyrier für Pythagoras; Artemidor
redet gegen seine sonstige Gewohnheit am Schlusse des 2. Buches nach
einigen Kapiteln über dieZahlenmystik einen Cassius Maximus
an, der zweifellos mit Maximus von Tyrus identisch ist (vgl. Dürr 8.4).
Wenn er statt Tyrier Sidonier genannt wird, so verweise ich auf die
vielen geographischen Irrtümer bei Lucian (vgl. De hist. conser. 12,
Passow 5. 22. Jakob S. 118—140. Dahlmann, Forschungen I, 1, 26 ff.).
Diese waren auch sonst bes. bei phönicischen Städten häufig (vgl. Diog.
L. VI, 99 und 95 über die Geburtsstadt Menipps; Suidas s. v. Zenon;
die Angaben über Euphrates bei Zeller III, 2°, 690). Damit dürfte das
Bedenken in der 2. Aufl. v. Rohdes Gr. Rom. 321,4 erledigt sein.
ER
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 627
mode durchbricht, eine litterarısch bekannte Persönlichkeit nur
mit dem Heimatsnamen zu bezeichnen 51). Immerhin lag für
den späteren Redaktor gar kein Grund vor, den Namen zu
unterschlagen; er hat es auch sonst nicht getan und eine
Interpolation ist nicht anzunehmen.
Schwarz ‚findet es deshalb für gut, noch ein anderes Kri-
terium ins Feld zu führen. Nur die Aussprüche seien als echt
anzusehen, welche entweder zur Beleuchtung des Charakters
des Demonax vorzüglich geeignet seien oder den Lucianischen
Anschauungen so entsprechen, daß sie wie Refrains aus anderen
Schriften klingen. Das gelte nur für c. 11. 12. 13. 20. 21.
24. 25. 28. 32. 34. 57. 48. 50. 56. 61 und mit mehr oder
_ weniger Wahrscheinlichkeit für c. 18. 26. 30. 33. 55. 62.
Allein es läßt sich das Gepräge der Echtheit strikte auch für
c. 16. 26. 30. 33. 44. 45 nachweisen, und außerdem gibt zu
solchem Vorgehen die Einleitung kein Recht, nach der nur
ἔνια τῶν. εὐστόχως TE ἅμα nal ἀστείως ὑπ᾽ αὐτοῦ
λελεγμένων erwähnt werden sollen.
Ebenso wenig dürfen Anklänge an anderweitig überlieferte
Witzworte allzu sehr betont werden. Es ist sogar durchaus
keine seltene Erscheinung, daß ein geistreiches Wort sich ge-
rettet hat und nun irgend einer bekannten Persönlichkeit. zuge-
schrieben wird, oder daß ein- und dasselbe Wort mehreren Per-
sonen zugeeignet wird 183). Wie vorsichtig man da sein muß,
‚zeigt am besten Schwarz selber, indem er auf Grund einer
Uebereinstimmung von Gellius N. A. I, 10 mit Dem. 26 und
einer Aehnlichkeit[!] der Antwort des Gorgias bei Aelian V.
H. II, 35 mit c. 45 diese zwei Aussprüche verwirft. Beide
tragen unzweifelhaft den Stempel: der Lucianischen Anschau-
ungen und stimmen mit Lex. 20 bzw. Dial. mort. XXI, 1
fast wörtlich zusammen. Was er sonst noch vorbringt an
Aehnlichkeiten, ist zu unbedeutend. Besser als der Ausspruch
Zenons bei Stob. Flor. 46, 19 stimmt mit c. 51 Jac. 1, 19
181) Vgl. Schmid III, 305. IV, 496. Eunap. V.S. p. 88 Boiss: Genau
so wird Tox. 27 ein: Ῥόδιος σοφιστής genannt, ohne daß; wir ihn: näher
bezeichnen könnten; jedenfalls ist es nicht Agathobulos (vgl. Guttentag
S. 87)
᾿ 182) Vgl. Cicero,: Or. pro’ Cn. Plancio 14, 35. Andere Beispiele bei
Köpke 8..13. 10 und Dümmler, Antisthenika S. 69. 71.
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 41
628 K. Funk,
und bei c. 14 = Gell. I, 2 liegt die Pointe in der Kürze, bei
c. 18 —= Stob. Flor. 4, 85 sogar in einem anderen Vergleichungs-
punkt. Dagegen lassen sich für c. 36 188), 41 19%), 49.185), 66 186)
und selbst für 4 ὅ 157) ausgesprochene Parallelen angeben, wo-
mit aber nach dem Gesagten keineswegs deren Ausscheidung
gefolgert werden soll.
Am allerwenigsten dürfen wir aber nach unserem Ge-
schmack über die Güte eines Witzes urteilen 188. Um billig
183) Diog. L. VII, 174: Πρὸς δὲ τὸν μονήρη nal ξαυτῷ λαλοῦντα, οὐ
φαύλῳ, ἔφη (Kleanthes), ἀνθρώπῳ λαλεῖς und Seneca Epist. 10,1: Crates,
cum vidisset adulescentulum secreto ambulantem interrogavit, quid illic
solus faceret? Mecum, inquit, loquor; cui Crates: Cave, inquit, rogo
et diligenter attende, ne cum homine malo loquaris.
184) Sternbach, De Gnomologio Vatic. ined. Wien. Stud. X, 40, 177:
Ὃ αὐτὸς (Diogenes) κατανοήσας μειράκιον ἐπὶ τῇ πολυτελείᾳ τῆς χλαμύδος
σεμνυνόμενον, οὐ παύσῃ, ἔφη, μειράκιον ἐπὶ προβάτου σεμνυνόμενον ἀρετῇ ; —
dem Aristoteles zugewiesen Anton. II, 74 p. 141,17 ff. Max. 84 p. 624,
25 ff.; Gnomica Basil. 50 p. 151; Gnom. cod. Pal. 122f. 142° n. 32; cod.
Paris. 2720 ἔν, 15" (od. 1773. 230”) n. 4 bei Studemund (Index lect. in
univers. litter. Vratislav. 1887 n. 17) p. 4; Arsen. Ὁ. 120, 19 ff. und vgl.
die Worte des Sotades bei δον. Flor. 22, 26; ein ähnliches Witzwort
bei Diog. L. VI, 2,45. Vgl. auch Luc. Alex. 15 μόνῃ τῇ μορφῇ μὴ οὐχὶ
πρόβατα εἶναι διαφερόντων für πρόβατον in diesem Sinne.
185, Sternbach XI, 62, 402: Λάμων παλαίων τὸν ἀνταγωνιστὴν ἔδακε "
τοῦ δὲ εἰπόντος" δάκχνεις ὡς γυνή, εἶπεν ' οὐχί, ἀλλ᾽ ὡς λέων — Cod. Vat.
Gr. 1144, f. 231. Mit wenig anderen Worten Plut. Vit. Aleib. II, 3
p. 192 C. vol. I, p. 230, 13 ff. und von demselben auch in seinen Apo-
phthegmata (p. 186D n. 1 vol. I, 223 und 289) — Maxim. 4 im cod. Vat.
Gr. 739 ἢ. 19, Arsen. p. 128,5 ff. Vgl. übrigens Fab. Aesopi 234 p. 118 Η.
185} Ῥίορ. L. VI, 2, 52: Τοῦ δὲ εἰπόντος, ἜΔλν οὖν ἀποθάνῃς τίς σε ἐξ-
olosı; ἔφη᾽ Ὁ χρήζων τῆς οἰκίας —= Sternbach X, 48, 200. Nach Diels
S. 201 auch in der Wiener Apophth.sammlung. Auch die weitere
Aeußerung: at μὴν οὐδὲν ἄτοπον. εἰ μέλλω ai ἀποθανὼν ζῴοις τισὶ
χρήσιμος ἔσεσθϑαι hat ihre Parallele in Diog. L. VI, 2, 79: ἔνιοι
δέ φασι τελευτῶντα αὐτὸν nal ἐντείλασθαι ἄταφον ῥῖψαι, ὡς πᾶν ϑηρίον αὐτοῦ
μετάσχοι εν οὗ δὲ εἰς τὸν ᾿Ελισσὸν ἐμβαλεῖν, ἵνα τοῖς ἀδελφοῖς xp Y9t-
μος γένηται. Nimmt man dazu den ähnlichen Ausspruch in Dem.
c. 35, so sieht man nicht ein, warum wegen der Unsicherheit der Les-
art ᾿Ελισσὸν unter den ἀδελφοὶ gerade unsere gewöhnlichen Haustiere
zu verstehen sind, wie Göttling, Ges. Abh. I, 271 will (vgl. Seneca Epist.
92, 35).
181) Diog. L. VI, 2, 79 erwähnt ein Epigramm auf Diogenes mit
demselben Gedanken: Διόγενες, ἄγε, λέγε, τίς ἔλαβέ σε μόρος, eig ᾿Αἴδαο;
ἔλαβέ με κυνὸς ἄγριον ὀδάξ.
Anklänge finden sich noch für c. 11 bei Clemens Protrept. p. 64
Potter vgl. Bernays S. 30, wornach Antisthenes sagte: od τρέφω τὴν
μητέρα τῶν ϑεῶν, ἣν οἵ ϑεοὶ τρέφουσιν.
Ebenso kann mit c. 52 Diog. L. VI, 2, 56 verglichen werden: ’Epw-
τηϑεὶς el σοφοὶ πλακοῦντα ἐσϑίουσι; Πάντ᾽, εἶπεν, ὡς καὶ οἵ λοιποὶ γύρο:
ποι. Vgl. Sternbach X, 44. Cod. Vat. Gr. 151£. 241" n. 1.
188) Brucker, Hist. crit. philosophiae. Lipsae 1742. II, 514 steht mit
seinem Urteil über die Apophthegmata als ‘digna, iucunditatem atque
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis.. 699
zu sein und alle die feinen Beziehungen zu erkennen, müßten
wir die ganze Individualität eines Volkes verstehen, seine Er-
ziehung, seine Anschauungsweise samt dem Reichtum der
lebendigen Sprache haben. Das Nachempfinden wird uns
schwer. Schon die Bonmots fremder moderner Sprachen muten
uns ganz eigen an, um wie viel ferner mag uns die Antike
sein139)? Gerade für die etwas frostig erscheinenden Wort-
spiele in c. 19. 47. 54 begegnen uns Beispiele bei Lucian selbst
Fug. 31. 32. Pisc. 45. 51 (vgl. Diog. L. VI, 2, 21) und die
zweimalige Erwähnung von c. 47 bei Suidas 5. v. ᾿Αχρίσια und
Δανάη bezeugt uns eine gewisse Vorliebe dafür. Auch gegen
die dialektischen Witze in c. 29 und 59 spricht durchaus
nichts; im letzteren Fall haben wir sogar einen echt cynischen
Topos (vgl. Weber S. 99 ἢ). Wir sind demnach zu dem
Schlusse berechtigt, daß unsere Biographie in der Hauptsache
so abgefaßt worden sei, wie sie uns überliefert ist, und daß
deshalb nur einige leichte Aenderungen vorgenommen werden
dürfen, was zum größten Teil geschehen ist !?°).
"Zum Schlusse harrt noch die Frage betreffs der Lücke in
ὁ. 11, welche Fr. II, 1,195 ff. ΠῚ, 2, XXVI zuerst angenommen
hat. Mit dem ersten Satz der Apologie des Demonax bricht
die Erzählung jäh ab; unvermittelt schließen sich daran die
Apophthegmata. Im Gegensatz zu der oben berührten Ansicht,
das c. 11 sei in seiner Fassung aus dem Anfang der Verteidi-
gungsrede geflossen, wäre man eher versucht, diese Einleitungs-
worte als unterschoben zu betrachten, zumal da sie sich leicht
aus dem zuvor gegebenen Material herstellen ließen, und der
Anschluß an c. 12 vielleicht besser und ungezwungener wäre.
Zudem kehren die wenige Zeilen weiter oben gebrauchten ein-
leitenden Worte χαίτοι ἐν ἀρχῇ auch hier wieder. Man wird
aber trotzdem die Stelle nicht fallen lassen dürfen; denn nach-
utilitatem allatura non exiguam fast ganz allein. Fr. III, 2, XXV ent-
gegen II, 1, 214 hält sie mit Sbdt. II, 2, 342 für eines Philosophen nicht
recht würdig. Planck, Progr. S. 34 findet sie frostig und ohne attisches
Salz c. 12 (sic!) 15. 19. 22. 23.
189) Zum Beweise sei ein bei Seneca, Epist. 91, 19 von dem Cyniker
Demetrius erzählter Witz angeführt: eodem loco sibi esse voces imperi-
torum quo ventre redditos crepitus. Quid enim, inquit, mea refert,
sursum isti an deorsum sonent. Dieses Wort zeichnet Seneka mit dem
Prädikat eleganter aus. Das ist zu erwägen bei c. 39. 44. 46. 52.
190) Vgl. Rothstein S. 31 und Schmid, Philol. 50, 301.
41°
.630 K. Funk,
dem einmal in den Worten τὰ μὲν ἐμμελῶς, τὰ δὲ χαὲ τραχύ-
τερον ἢ κατὰ τὴν ἑαυτοῦ προαίρεσιν die ganze Verteidigungsrede
in Kürze charakterisiert war und für die erste Art zwei Bei-
spiele angeführt waren, erwartet man auch für das τραχύτερον
mindestens einen Beleg. Fand sich derselbe gleich in einer
knappen Einleitung und konnte Lucian damit zeigen, wie
Demonax entgegen der sonstigen Gewohnheit der Redner !9)
in mediam rem geht, so war das vielleicht um so günstiger.
Freilich ist die Stelle etwas dunkel; aber die Beziehung auf
Sokrates, die in χἀμὲ und τὸ μὲν γὰρ πρότερον unzweideutig
vorliegt, ist für den Leser durch das Vorausgeschickte erleichtert.
Die bezüglichen Worte des Demonax konnten darum ausgelassen
werden. Viel wird kaum verderbt oder ausgefallen sein.
Gewiß würden wir gerne ?/; der Aussprüche hergeben,
wenn wir dafür nähere Angaben über des Demonax Reisen, sein
Bekanntwerden in Griechenland, sein engeres Freundschafts-
verhältnis mit Lucian, seine schriftstellerische Tätigkeit, den
näheren Inhalt und die Verbreitung seiner Lehren, besonders
weil er Eklektiker war, eintauschen könnten 12). Allein all
das würde sich nur wie ein Keil zwischen c. 11 und 12 ein-
schieben. Durch den in c. 11 näher ausgeführten Einzelfall,
in welchem Demonax die Art seiner πειϑὼ zeigte, ist bereits
sachlich auf das Folgende übergeleitet, wie auch die von
Fr. (vgl. III, 2, XXVI) vorgeschlagene Verbindungsformel das
Vorausgehen einiger Aussprüche eigentlich voraussetzt. Wenn
also irgendwo, so war hier die günstige Gelegenheit, zur Auf-
zählung der Apophthegmata überzugehen. Da nun hier auch
nach Fr. die einzige Möglichkeit zur Annahme einer Lücke
gefunden werden konnte, da ferner der abrupte Uebergang in
Alex. 43 und De hist. conser. 12 einigermaßen eine Analogie
bietet, so. werden wir eben auf die Ausführung des Vermißten
einfach verzichten müssen. Daß das Erwähnte unseren An-
forderungen nicht genügt, beweist nichts. Es liegt zum großen
Teil der Grund in der oben gekennzeichneten Anlage Lucians, nur
das Negative hervorzuheben, das Positive aber kurz und knapp
abzutun. Anderes kommt auf Rechnung der biographischen:
ὲ 191) Vgl. bes. Tim. 87. Nigr. 10; Bis. acc. 33 und Philostr. V.S.
. 44, 25.
192) Vgl. Fr. a. a. Ὁ. Jenni 5, 6—8. Schwarz 5. 564.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 631
Darstellung überhaupt, welche nicht die Schilderung der Er-
eignisse in ihrer pragmatischen Verbindung, in ihrer Wichtig-
keit für Mit- und Nachwelt zum Ziele hat, sondern mehr in
ihrer Bedeutsamkeit für den Verfasser selbst sie würdigt, so
daß die größten Ereignisse zu leichten Anekdoten und kleinen
Erzählungen werden können !”). Daher mag es auch kommen,
daß trotz des Gebrauchs von xal ποὺ χαὶ für einzelne Fälle
von dem Aufstand und seiner Beilegung nicht die Rede ist.
Anderes wird sich im weiteren Verlaufe noch erklären.
3. Erklärung für die Komposition der Schrift.
Nach den voraufgegangenen Ausführungen kehrt mit er-
neuter Stärke die Frage wieder, wie die Anlage der Vita
Demonactis, welche sichtlich der von Lucian selbst aufgestellten
und sonst beobachteten Forderung der ἁρμονία ἢ τέχνη ἡἣ ἐφ᾽
ἅπασιν (Zeux. 2) zuwiderlaufe, mit seiner Urheberschaft sich
vereinigen lasse. Dürfen uns auch gewisse Wiederholungen
von Wörtern und Wortverbindungen !”*) nicht auffallen —
diese Nachlässigkeit, wie die andere in der Disponierung des
Stoffes stimmt gut zusammen mit der ganzen Art und Absicht
des Schriftstellers in unserer Vita!?) —, es bleiben der Be-
denken immer noch genug, und es liegt mir durchaus ferne,
die ganze Schuld an den ausgesetzten Mängeln bloß dem
alternden Lucian zuzuschreiben 1%).
193) Vgl. Köpke, Hypomn. Berol. 1842. 1, 3.
194) Vgl. c. 2 πρὸς φιλοσοφίαν δρῶντες — c. 3 πρὸς φιλοσοφίαν Öp-
μῶντες und πρὸς τὰ καλὰ δρμὴ καὶ πρὸς φιλοσοφίαν ἔρως — C. ὃ πάντων
τούτων und ἅπασι τούτοις --- cc. 3. 8 βίῳ χρώμενος --- cc. 3. 11 ἐλευϑερία
χαὶ παρρησία — cc. 4. 5 οὖκ ἐπ’ ὀλίγον und οὐδ᾽ ἐπ᾽ ὀλίγον — cc. 4. 65
ἀπῆλϑε τοῦ βίου — cc. 6. 7 ἐπιτιμήσεων und ἐπιτιμᾶν --- C. ὃ μετὰ μιχρὸν
und ἐν ὀλίγῳ — ce. 9. 10 ἐμμελῶς — cc. 12. 18 προσελϑὼν ἠρώτα —
c. 11 xoitor ἐν ἀρχῇ 2mal — cc. 14. 15 εὐπάρυφος — cc. 15. 17. 18
ὡραῖος — cc. 16. 17. 18 je eingeleitet mit ἐπεὶ δέ — cc. 12. 39 εὐστόχως
— cc. 29. 41 μέγα φρονεῖν --- cc. 33. 36 μελετᾶν — cc. 12. 18 δια- und
ἐπιχεχλασμένος. Genau so finden sich eine Reihe wörtlicher Wieder-
holungen in De hist. conser. S. Passow 8. 15 ff. vgl. auch Fried. Hof-
mann, Kritische Untersuchungen zu Lucian. Nürnberg 1894. 8.45. Auch
in anderen Schriften treten solche Wiederholungen hervor, so Rhet.
praec. 11 προσελθὼν 2mal, Ic. 18 μέγα φρονεῖν 2mal, De hist, conser.
34. 35 ἀποφαίνειν 5mal, Dial. mort. VII,2 in einem und demselben Satze
ἔχω 2mal u.s. w. Darnach ist Ziegeler Charidemus 3. 4 einigermaßen
zu berichtigen.
195) Vgl. Rothstein S. 33, 1; Croiset 5. 81.
196) Vgl. Schwarz S. 564.
632 Na Hola K. Funk,
Allein von welchen Schriften aus hat man sich denn ein
Bild entworfen von Lucianischer Ordnung und seiner Art der
Komposition? Sind es nicht vorzugsweise Dialoge und pole-
mische Werke, welche schon an und für sich durch ihren
Zweck und durch die Notwendigkeit der Beweisführung einen
strengeren Bau erfordern? Man thut deshalb recht, den Dialog
Pseudosoph. mit den anderen Dialogen zu vergleichen und ihn
wegen seiner mit unserer Vita analogen Komposition :zu ver-
dächtigen. Daß man ihn trotzdem zu halten sucht 157), will
ich mir nicht zu nutze machen. Aber was man von einem
Dialog fordern muß, darf man das auch auf eine Schrift .
anwenden, die sich ausdrücklich als ein ἀπομνημόνευμα (c. 67)
bezeichnet? Haben wir ein Recht, einfach die Verbindung und
Ordnung nicht Lucianisch zu nennen !®), obwohl uns sonst Lu-
cian kein Werk derselben litterarischen Gattung zum Vergleiche
hinterlassen hat? Es ist ja eine bekannte Thatsache, daß im
Altertum die verschiedenen Stilarten streng abgegrenzt waren,
und daß die Forderungen der litterarischen Gattung unter
Darangabe der Einheit des persönlichen Stiles anerkannt werden
müssen!®). Darum gibt es nur einen Weg zur richtigen Wür-
digung der Schrift, nämlich sie an den sonst geltenden stilisti-
schen Regeln zu messen. |
Schon der unbestimmte Name ἀπομνημονεύματα (= was
man aus dem Gedächtnis niederschreibt) läßt unsere Ansprüche
in Bezug auf Ordnung nicht allzu weit gehen”). Das be-
stätigen denn auch die Memorabilien Xenophons, und es ist
gewiß nicht zufällig, daß diesem Werke genau dasselbe Schick-
sal zu teil wurde, wie der Lebensbeschreibung des Demonax "ἢ.
Man kann von vornherein vermuten, daß die Ordnungslosigkeit, die
197) A. Baar, Lucians Dialog Der Pseudosophist. Görz 1883. 8. 9.
198) Schwarz ὃ. 567.
199) Wilamowitz, Asianismus und Atticismus im Hermes XXXV, 26 f.
sagt ausdrücklich, daß der Gegensatz innerhalb der Werke des Plutarch
und Lucian nicht in einer stilistischen Entwicklung der Person, son-
dern in der verschiedenen Gattung liege. Vgl. Schmid, Philol. 50, 303,
4; 314. ἡ
200) Vgl. Hirzel I, 146. Α
201) Vgl. Krohn, Sokrates und Xenophon S. 83—151, Schenkl, Ber.
der Wien. Akad. 1880, 119ff. 124 u.s. w.; dagegen Joel, Der echte
und der xenophontische Sokrates. I Einleitung, Birt, De Xenophontis
commentariorum compositione.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 633
immer mehr den Stil der Zeit kennzeichnet 393), in diesem Jahr-
hundert der Nachahmung der klassischen Größen nach dem
Vorbilde Xenophons geradezu zum Stilprincip für Denkwürdig-
keiten gehörte. In der Tat ist durch den Rhetor Aristides
verbürgt, daß Mangel an Ordnung mit das Wesen von ἄπο-
μνημονεύματα ausmache?°). Daß auch Lucian sich an diese
Regel gehalten hat, bezeugt Nigr., eine Schrift, die trotz dia-
logischer Form eine Art ἀπομνημόνευμα darstellt 399, Hier
gesteht er ausdrücklich, daß er ἀτάχτως συνείρων (c. 8) erzähle.
Damit dürften die gegen cc. 1—11 und 63—67 vorgebrachten
Bedenken ihre Lösung gefunden haben, da die Ordnung ja in
den allgemeinen Umrissen zugestanden ist und vollauf dem
sonst üblichen Schema entspricht (Leo 5. 83).
Aber was sollen die Apophthegmata in ihrer Masse, ihrer
unvermittelten, unkünstlerischen Zusammenstellung? Ich gehe
zunächst von der Schreibweise Lucians selbst aus. Weder
Beweise noch Abstraktionen sind seine Sache 395. Was man
in seinen Werken trifft, ist die leichte, anekdotenhafte Erzäh-
lung, die meist stark ironische Färbung trägt. So besteht in
Adv. ind. der Hauptbeweis gegen den Angefeindeten in der
Erzählung einer Reihe von Geschichten, die sich unmittelbar
an einander anschließen, aber doch nicht in einem strengen
Zusammenhang stehen; so wird in Tox. die Gedankenkette
durch eine Beispielsammlung ersetzt und auch in anderen
Schriften gibt sich dieselbe Vorliebe für Anekdoten kund ?%).
Wir werden sie also erst recht in einer Lebensbeschreibung
finden müssen; denn sie gehören zum Wesen der Biographie.
Auch Xen. Mem. enthalten viel des Anekdotenhaften 397), und
so geschah es sogar, daß dieselben in späterer Zeit geradezu
202) Ein hervorstechendes Beispiel dafür ist Aelian 5. III, 7. Vgl.
auch III, 8 und I, 190. |
203) ]], 13, 28 = 554, 27 Spengel. Vgl. Hirzel I, 146,1. Daß auch in
unserer Schrift das xenophontische Stilprincip nachwirkt, scheint
mir der Hinweis auf die Anklage des Sokrates zu bestätigen (c. 11).
204) Hirzel II, 292, vgl. namentlich Nigr. cc. 2ff. 18. 26.
205) Vgl. Croiset 5. 184. 231. 312. 318. Die Lucianische Gedanken-
entwicklung ist hier S. 309 ff. hübsch analysiert an Pisc. 31—33.
206) Vgl. De salt. 76 ff.; Pro lapsu 2—7; De merc. cond. 33. 34.
207) Köpke, Ueber die Gattung der Apomnemoneumata in der griech.
Litteratur S. 8.
634 K. Funk,
Apophthegmata genannt wurden ?®). Und wenn nun in ihnen
mit Berichten über Sokrates Tun und Lassen solche über seine
Gespräche wechseln, ja wenn diese den Hauptraum einnehmen,
eben weil in ihnen die Haupteigentümlichkeit des Sokrates am
meisten zu Tage trat, sollte nicht in der Biographie eines
Cynikers auch das den Hauptraum einnehmen, was für diesen
bezeichnend ist? Und das ist nichts anderes als die Chrie.
Charakteristisch für diese Art zu philosophieren ist eine Er-
zählung von Diogenes, welche uns Diog. L. V, 18 überliefert.
Es heißt da: Διογένους ἰσχάδα αὐτῷ διδόντος νοήσας, ötı, εἰ
μὴ λάβῃ, χρείαν εἴη μεμελετηκώς, λαβών, ἔφη, Διογένην μετὰ
τῆς χρείας nal τὴν ἰσχάδα ἀπολωλεχέναι. Die Cyniker wurden
wie die Lacedämonier als die βραχυλόγοι τε χαὶ ἀποφϑεγματικοὶ
bezeichnet 399): bei ihnen und den ihnen verwandten Schulen
der Cyrenaiker und Stoiker war die Chrie zu Hause, und in
ihren Schriftverzeichnissen werden eigene Chriensammlungen
erwähnt 51). Was wir jetzt voraussetzen müssen, und was uns
außerdem die enge Verwandtschaft zwischen ἀπομνημόνευμα
und χρεία in der rhetorischen Terminologie nahe legt”''), ist
uns obendrein eigens bezeugt, nämlich daß nicht bloß Plautus
und die attische Komödie voll von Witzreden waren, sondern
auch die Lebensbeschreibungen der Sokratiker eine Fülle
von Apophthegmata enthielten ?'?). Sie gehörten überhaupt in
die Biographie eines als witzig bekannten Mannes?"?). Ein
klassisches Beispiel haben wir heute noch an der Biographie
208) Schol. zu Aristides ὑπὲρ τῶν τεττάρων p. 289, 20 (III, 718 Din-
dorf). Vgl. Köpke S. 5 und Hirzel 1, 149.
209) Plut. Vit. Lye. c. 19; vgl. Weber S. 261.
210) So von Bion (Diog. L. IV,47), Metrokles (VI, 33), Zeno (VII, 4),
Persäus (VII,36), Aristo (VII, 163) und Kleanthes (VII, 175). ;
211) Hermogenes definiert progymn. 3 die χρεία ausdrücklich als
ἀπομνημόνευμα λόγου τινος ἢ πράξεως 7) συναμφοτέρου ' διαφέρει δὲ χρεία
ἀπομνημονεύματος μάλιστα τῷ μέτρῳ τὰ μὲν γὰρ ἀπομνημονεύματα Kal διὰ
μακχροτέρων ἂν γένοιτο, τὴν δὲ χρείαν σύντομον εἶναι δεῖ (I, 19 Walz). Vgl.
Theon 5 (201 W.); Aphthon. 3 (62 W.). |
212) Cic. De off. I, 29: Quo genere (scil. faceto) non modo Plautus
noster et Atticorum comoedia, sed etiam philosophorum Socraticorum
libri referti sunt; multaque multorum facete dieta; ut ea, quae a sene
Catone collecta sunt, quae vocamus ἀποφϑέγματα. Vgl. C. Schmidt, De
Apophthegm., quae sub Plutarchi nomine feruntur, collectionibus. Greifs-
wald 1879. 5. 4, vgl. bes. Anm. 8; Köpke 8. 5. 11. 12; Dümmler 5. 70.
71. Val. Rose, Aristoteles Pseudoepigraphus. Lips. 1863. S. 611. 612.
213) Vgl. Leo S. 164.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 635
des Diogenes bei Diog. L. Darnach darf uns das Mißverhältnis
zwischen dem erzählenden Teil mit 16 Kapiteln und dem apoph-
thegmatischen mit 52 nicht sehr wunder nehmen, ganz abge-
sehen davon, daß die letzteren Kapitel meist nur sehr geringen
Umfang haben. Daß aber solche Sammlungen von Witzworten
bei den Griechen beliebt waren, das zeigen eben die Schriften-
kataloge und die Nachricht, es habe der Komiker Machon
derartige Anekdoten in jambische Senare umgesetzt und unter
das Publikum gebracht ?'*). Sollte nicht auch Lucian, der sonst
so sehr mit der cynischen Litteratur sich beschäftigte und dabei
auch dem Geschmack des Publikums huldigte 515), hier entgegen-
gekommen sein, in jener Zeit, wo man wieder am Individuum
mehr Interesse nahm ?
Damit kommen wir auf einen weiteren Punkt. Man
könnte doch erwarten, daß die betreffenden Aussprüche des
Demonax in die Charakteristik als Beleg mitverwoben wären,
oder daß wenigstens in der Anordnung derselben ein System
eingehalten und die zur Zeichnung der einzelnen Charakterzüge
dienlichen in Zusammenhang gebracht wären *%). &Öo aber
folgen die einzelnen Apophthegmata in bunter Reihenfolge.
Nicht einmal die auf dieselbe Person oder Sache bezüglichen
stehen bei einander “1 und die Verbindungen sind stilistisch
äußerst eintönig. Stereotyp kehren die Wendungen wieder
ἐρομένου δέ τινος, ἄλλῳ δὲ ἐρομένῳ, ἐρωτηϑεὶς δέ, ἰδὼν δὲ
u. s. w., wofern nicht ein Eigenname Περεγρίνου δὲ, ἐπεὶ δὲ
“Hpwöngs u. 5. w. den betreffenden Abschnitt einleitet. Dem
gegenüber sind allerdings sonst bei Lucian die Anekdoten kleine
Kabinettstückchen. Man kann es deshalb begreifen, wenn man
zunächst an einen tendenziösen Ueberarbeiter denken möchte 38).
Ich glaube zwar nicht, daß Lucian in unserem Falle das
βραχέως ἑρμηνεύειν zeigen wollte?!?), aber sieht man auch von
214) Athen. XIII, 577ff. Vgl. Köpke 8. 14.
215) Man denke nur an As. Vgl. Schmid, Philol. 50, 315.
>16) Schwarz S. 564; Schmid, Philol. 50, 300.
217) Das gilt besonders von denen über Herodes in den cc. 24. 25. 88.
518) Schulze S.7. Die Vermahnung Artemidors an die Leser seiner
Symbolik der Träume (II,70) läßt auf eine derartige häufige Unsitte
schließen.
219) Philostr. V.S. 27,8. Arnim (Wien. Stud. 1900 5. 168) wendet
es zur Erklärung des As. an. |
696 K. Funk,
der ermüdenden Aufzählung des ganzen Repertoire, über das
ein Pantomime zu verfügen hat, in De salt. 37—61 ab, wie
gleichmäßig werden doch auch im polemischen Teil von De
hist. conser. die verschiedenen Erzählungen eingeführt 330)!
Zudem kennen wir die Formen für die Chrien ganz genau und
diese sind keine anderen als die hier gebotenen 55). Von aus-
schlaggebender Bedeutung aber ist, daß bei Athen. VI,248D.
XII, 583, F. 585 A. ff. aus den Denkwürdigkeiten des Lynkeus
einmal 3 und an einer anderen Stelle sogar 11 Witzworte
und aus denen des Aristodemus eine ganze Reihe überliefert
werden, welche in derselben losen Weise an einander gefügt
sind. Sicherlich hat Köpke 8. 14 recht, wenn er sagt: ‘In
Bezug auf den Stil beider Sammler läßt sich mit Recht wohl
nur so viel sagen, daß die Lust, durch das Schlagwort selbst
zu wirken und zu reizen, eine künstlerische Gruppierung und
Behandlung des Stoffes nicht zuließ.” Nehmen wir noch hinzu,
daß Diog. L. gerade in den Biographien der Philosophen,
welche in Chrien stark waren, wie Aristipp (II, 8), Bion (IV,
7), Diogenes (VI, 2) und Zeno (VII, 1), dieselbe Art der
Komposition beobachtet, daß von der Art unserer Vita das
meiste von dem gewesen sein mag, was dem Diogenes von
biographischer Litteratur der eigenen Zeit außer den Sammel-
büchern erreichbar war, und daß selbst Dio Chrys. (Or. IV— VI.
VIIHI—X vgl. Weber S. 84) dieselbe Schablone auf die Dio-
genesreden anwendet, so werden wir nicht fehl gehen, darin.
220) ο, 14 εἷς μέν τις αὐτῶν c. 15 ἕτερος δέ c. 16 ἄλλος δέ τις c. 17
εἰ δεῖ χαὶ σοφοῦ ἀνδρὸς μνησθῆναι c. 18 χαὶ μὴν οὐδ᾽ ἐχείνου ὅσιον Amo-
μνημονῆσαι c. 19 ἄλλος τις ἀοίδιμος c. 21 χαὶ μὴν κἀκεῖνο λεκτέον c. 23
χαὶ μὴν χαὶ ἄλλους ἴδοις ἄν c. 24 καίτοι ταῦτα φορητὰ πάντα ὁ. 25 νὴ
Δία χἀχεῖνο κομιδῇ πιϑανόν c. 28 ἐγὼ γοῦν ἤχουσά τινος c. 29 ἄλλος μάλα
χαὶ οὗτος γελοῖος c. 80 εἷς δέ τις βέλτιστος c. 81 ἤδη δ᾽ ἐγώ τινος ἤκουσα
c. 82 χαὶ γὰρ αὖ χαὶ αὗται παγγέλοιοι. Dabei ist eigentlich ein fester
Plan in der Aufzählung der einzelnen Episoden nicht zu erkennen.
Auch Knaut 5. 39 machte auf immer wiederkehrende Formeln zur
Fortsetzung der Erzählung aufmerksam und Rohde, Lucius 8. 34 sprach
Lucian ein eigentliches Erzählertalent ab (vgl. den erzählenden Teil
des Per. 10—42 mit seinen 12 εἶτα).
221) Quint. 1,9, 4. Chriarum plura genera traduntur, unum simile
sententiae, quod est positum in voce simpliei: dixit ille aut dicere
solebat. Alterum quod est in respondendo: interrogatus ille vel cum.
hoc ei dietum esset, respondit. Tertium huic non dissimile: cum quis
non dixisset aliquid, sed fecisset. Dieselbe Formel zeigt im Griechischen
Diog. L. Vgl. Dümmler S. 71. Rose S. 606.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 637
ein Stilprincip für die Denkwürdigkeiten besonders der Ver-
treter cynischer Richtung seit alter Zeit zu erblicken. Ist dem
so, dann dürfen wir an der Wahl gerade dieser biographischen
Form keinen Anstoß nehmen. Daß Lucian zur Verherrlichung
eines Zeitgenossen auch andere Formen zu Gebote standen, ist
nicht zu leugnen; daß ihm aber an und für sich die rhetori-
sierte Form der grammatischen Vita, wie sie besonders Philostr.
vertritt, näher gelegen und entsprechender gewesen wäre (Leo
S. 84 und bes. 3. 83, 2), möchte ich von vornherein bei dem
doch in manchen Punkten anders gearteten Geschmacke Lucians
nicht annehmen.
Wurde nun auch billigerweise der Mangel an positiven
Lehren in der Darstellung durch das ersetzt, worin die Cyniker
and auch Demonax ihre Ehre suchten, so bedarf der Umstand
noch des näheren Aufschlusses, warum trotz des angekündigten
Zweckes, den sittlich bedeutsamsten Mann der Zeit vorzuführen
und damit der Jugend ein nachahmenswertes Beispiel vor
Augen zu stellen, und trotz des Vorhandenseins ernster Apo-
phthegmata von Demonax die meisten der erwähnten zu den
γελοῖα gehören, worauf mit Recht Fr. II, 1, 195; ΠῚ. 2, XXV
und Schmid, Philol. 50, 301 darauf hingewiesen haben. Es
ist nicht unmöglich, daß eine bereits existierende Sammlung
ernster Aussprüche bei der Auswahl maßgebend war, wiewohl
man bei diesem Grunde allein immer noch eine diesbezügliche
Bemerkung erwarten möchte (Fr. III, 2, XII). Aber ein Ver-
gleich mit dem bei Athen. und Diog. L. Ueberlieferten zeigt
deutlich, was für einen Geschmack und Inhalt wir in derartigen
Apophthegmata zu suchen haben. Dasselbe läßt uns auch der
Charakter des Verfassers selbst erwarten, wie er sich in der
teilweisen Verwertung einzelner Aussprüche in anderen Schriften
und in seiner größeren Neigung zu Scherz und Heiterkeit als
zu ernstem Nachdenken und in der sonstigen durchgängigen
Uebereinstimmung des Demonax mit seinem Philosophenideal
überhaupt ausspricht. |
Zum Lobe unserer Vita muß aber gesagt werden, daß sie
trotzdem nicht so ganz unkünstlerisch nach dem hergebrachten
Schema komponiert ist. Die längere, wenn gleich nicht voll-
ständige Charakteristik des Philosophen am Anfang ist geeignet,
638 K. Funk,
die losen Apophthegmata, den Hauptkern der Biographie, in
das rechte Licht zu setzen. Ganz allmählich findet der Ueber-
gang zu der katalogartigen Aufzählung statt, indem zuvor drei
Aussprüche in weiterer Ausführung der begleitenden Umstände
gegeben werden, und ähnlich sind wieder am Schluß Apo-
phthegmata in die erzählende Partie eingefügt. Dadurch unter-
scheidet sich die Biographie vorteilhaft von den oben berührten
kompilierten des Diog. L. (vgl. Leo S. 49 ff.), aber noch viel
mehr von dem Dialog Pseudosoph. Die ganze Einlage mit
den von Sokrates von Mopsus gerügten Sprachfehlern ist
für den Gang des Dialogs von so wenig Bedeutung, daß sie
wie eine große Glosse (Chabert S. 162 ff.) oder wohl eher wie
eine schlecht gelungene Uebertragung eines anderwärts gelten-
den Stilprincips auf den Dialog aussieht.
Die Schrift unterscheidet sich aber auch von den anderen
Werken Lucians durch ihre natürliche und ungesuchte Nach-
lässıgkeit im Ausdruck, durch ihre einfache und objektive Art
᾿ς zu erzählen und zu bewundern. Nur an wenigen Stellen tritt
die Person des Verfassers hervor???). Selbst solche Gegen-
‚stände, bei deren Behandlung Lucian sonst wortreich zu sein
pflegt und seinen gegensätzlichen Standpunkt scharf zum Aus-
druck bringt, wie beim Stolz der Philosophen und ihren
Zänkereien, beim Aberglauben und anderen Dingen, sind hier
ganz kurz behandelt. Man hat diesen Vorzug schon zu einem
Beweis für die Unechtheit machen wollen 558). Es wäre jedoch
die objektive Haltung für einen Fälscher noch unverständlicher,
da wir die genaue Bezugnahme auf Lucian nicht ableugnen
könnten. Tatsächlich ist auch die Vita nur der Form nach
objektiv, und das ist nicht so unbegreiflich. Es fehlte ja
nicht an entsprechenden Vorbildern für diese Litteraturgattung,
und Lucian hat damit nur die von ihm selbst aufgestellten
222) cc. 1.59. 67 und zwar im Sing., wie sich Lucian mit Ausnahme
weniger Fälle immer bezeichnet; den Plural setzt er nur Rhet. praec. 3.
Blectr. 6. Er redet nur als Schriftsteller den Leser an; mithandelnd
erscheint er nicht, wie auch Xen. nur einmal Mem. I, 3, 8 so auftritt
und das in der 3. Person. Auch dieser Umstand läßt annehmen, daß
Lucian nicht von sich geredet habe. Dadurch wären zudem ὑπομνήματα
aus den ἀπομνημονεύματα geworden. . Vgl. Köpke 8. 7.
223) Rothstein S. 33, nachdem bereits Planck 5, 34 Progr. darauf
hingewiesen und den Grund dafür in dem Alter des Schriftstellers
suchte.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis.. 639
Forderungen für die Geschichtsschreibung eingehalten 353). Der
Sache nach ist die Biographie so wenig objektiv, wie seine
anderen Schriften auch. Was für diese gilt, daß sogar da,
wo einmal Lucian nicht direkt auftritt, hinter den verschieden-
' artigsten Masken sich leicht seine Züge erkennen lassen, und
daß man kaum sagen könne, Lucian trete in verschiedenen
Rollen auf, weil es vielmehr sei, als ob jene Person den Lucian
spielte 355), das gilt auch hier. Unter der Hand ist aus De-
monax ein anderer Lucian geworden.
4. Sostratus.
Unter den Hauptbedenken gegen die Echtheit der Vita
Demonactis ist immer der Umstand genannt worden, daß ihr
Verfasser zugleich auch der Urheber einer Vita Sostrati sein
will, deren Inhalt man nicht mit Lucians Charakter zusammen-
reimen zu können glaubte. So einfach ist die Sache nun frei-
lich nicht, daß, wie Fr. Index lect. univ. Rostock 1879/80
S. 3 meint, der Verfasser des 1. Kapitels auch der beider
Bücher sein müsse, möge es nun Lucian oder ein anderer sein.
Die Möglichkeit ist noch nicht ausgeschlossen, daß die Schrift
unterschoben ist. Ich gestehe aber, daß es mir nicht recht
erklärlich wäre, wie man einem so bekannten Schriftsteller,
wie Lucian seit Erscheinen seiner Werke war, die Autorschaft
einer ihn gar nichts angehenden Biographie in dieser Weise
zugewiesen hätte 55. Selbst bei dem Vorschlag Boldermanns
(5. 121) kann man sich die Gegeninstanzen nicht verhehlen.
Will man nämlich die beiden Prädikate σώματος ἀρετὴν
ὑπερφυᾶ χαὶ γνώμην ἄχρως φιλόσοφον allein auf Demonax be-
ziehen, so verlangt die Parallelstellung von Körpertüchtigkeit
und. Geistesstärke ihre Beweise. Für ersteres sucht man: sie
umsonst; nicht einmal die Apophthegmata enthalten eine An-
deutung und die kurze Bemerkung in c. 4, die eigentlich in
der Lebensbeschreibung eines Cynikers selbstverständlich ist,
"ἢ De hist. conser. 8. 7—27. 50—59. Bieler De salt. 5, 12 ff. hatte
kein Recht, diese Grundsätze auf diese Schrift anzuwenden, da Lucian
zwischen τὰ ἱστορίας καὶ τὰ ποιητικῆς (6. 8). unterscheidet.
555) Rohde, Lucius S. 32. Vgl. auch Planck, Stud. und Κυϊξ. 3. 829
über die matte Einführung. des Peregrinus, die aber mit Fug. und: Adv.
ind. übereinstimmt (S. 842 £f.).
228) Vgl. Schmid, Philol. 50, 301.
640 | K. Funk,
vermag den Ausdruck ὑπερφυήῆς, selbst wenn er hyperbolisch
aufzufassen wäre, nicht zu rechtfertigen. Sieht man aber
σώματος ἀρετὴν ὑπερφυᾶ als Interpolation des Fälschers an, so
bleibt doch in der ganz kurzen und wenig auffallenden Be-
merkung in c. 4 χαὶ τὸ σῶμα δὲ ἐγεγύμναστο zu wenig An-
knüpfungsmöglichkeit. |
Daß ferner die Vita Sostrati außerhalb der drei Arten
von Schriften Lucians, nämlich λαλιαί, διάλογοι und ἐπιστολαὶ
fallen würde, ist von keiner Bedeutung, da Thimme 5. 55
eigentümlich genug die μελέται gar nicht als eigene Art er-
wähnt und von seinem eigenen Gesetz Ver. hist. ausnehmen
muß 55. Ebenso wenig lag in der Einleitung eine Notwendig-
keit vor, den Sostratus λῃστὰς ἀναιρῶν von dem sonst erwähnten
λῃστής zu unterscheiden (Thimme S. 55. 56). Das konnte ja
in der Vita selbst geschehen sein und war an unserer Stelle
durch den Beisatz ‘Herakles’ zur Genüge getan; in dem später
verfaßten Alex. aber, wo ein Sostratus λῃστὴς erwähnt wird
im Verein mit anderen bekannten Räubernamen, machte die
sprichwörtliche Wendung die Unterscheidung unnötig ?®).
Man hat weiterhin eingewendet, daß Lucian in keinem
Buche von einem anderen ausdrücklich spreche mit Ausnahme
von Apol. 3, wozu er aber durch die vorangegangene Schrift
De merc. cond. mit ihrem gegensätzlichen Standpunkt genötigt
gewesen sei (Thimme 5. 55). Indes einigemal wenigstens ist
eine derartige Beziehung auf frühere Schriften, soweit es die
Dialogform zuläßt, gar nicht zu verkennen, so bei Imag. und
Pro imag,, Vit. auct. und Pise., Per. und Fug.. und die paar-
weise Gruppierung läßt sich für mehrere nachweisen ??®). Dazu
kommt noch, daß Lucian das Kunstmittel der σύγκχρισις gerne
anwendet 3350), und daß die Verbindung zweier Lebensbeschrei-
bungen auf eine die schöne Litteratur im weitesten Sinn seit
227) Vgl. N. Jahrb, f. Philol. 1888 S. 566. ;
228) Vgl. Rein 8. 77. Fälschlich hält er den Alex. 4 und Dial. mort.
XXX genannten Sostratus mit dem unsrigen für identisch.
229) Vgl. Bernays 8. 52; Rothstein S. 117 ff.; Croiset 8.26 ff. A. Baar,
Lucians Dialog der Pseudosophista. 8. 26 ff. redet sogar von Trilogien
(Iup. conf. trag. Deor. concil. und Saturn. Cronos. Epist. saturn.).
230) Q. Hense, Die Synkrisis in der antiken Litteratur. Freiburger
Prorektoratsrede. 1893. S. 30. 39. | ἣν
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 641
Isokrates und Aristoteles durchdringende Strömung zurückgeht,
und daß diese dyadische Form in Plutarch einen glänzenden
Vertreter gefunden hat (vgl. Leo S. 152), wenn sie auch nicht
nach der Annahme von Christ (Gr. L.G. 652° ff.) fast stehende
Sitte der alten Biographen gewesen ist. Bei der Berührung
aber, welche wir oben zwischen einer Plutarchischen Vita des
Krates und der unsrigen festgestellt haben, ist ein derartiger
Einfluß Plutarchs auf Lucian sehr wahrscheinlich. Frei-
lich ist jetzt für uns die Schrift über Sostratus trotz ihrer
engen Verbindung mit der über Demonax spurlos verschollen 55).
Allein was beweist das gegen die Echtheit, da ja auch unechte
Schriften sich unter :Lucians Namen gerettet haben und nach
Bis acc. 32 zu schließen nicht bloß ‘Skizzen von ephemerem
Los’ (Schwarz a. a. OÖ. Anm. 4), sondern auch wirkliche μελέται
(τυράννων χατηγορίαι nal ἀριστέων ἔπαινοι Bis acc. 32) von
dem Feinde jeglicher Improvisation verloren gegangen sind.
Diese Bedenken wollen also nicht viel besagen. Sie sollten
auch zunächst nur den Haupteinwand verstärken, der aus dem
vermutlichen Inhalt der Vita genommen ist. Man hat nämlich
schon lange die Identität des hier genannten Sostratus-Herakles
mit dem von Philostr. ausführlich geschilderten Agathion-
Herakles behauptet 3383). Daß dem so ist, steht außer Zweifel.
Denn was Plut. an einer bisher wenig beachteten Stelle Quaest.
Symp. IV, 1, 1 von einem gewissen Sosastros erzählt, nämlich
Σώσαστρος, ὅν φασι μήτε ποτῷ χρησάμενον ἄλλῳ μήτ᾽ ἐδέσματι
πλὴν N γάλαχτος διαβιῶσαι. πάντα τὸν βίον 355),
das entspricht genau dem Berichte des Philostr. V. 8. 5. 61,
21 f. von dem ᾿Αγαϑίων γαλαχτοφαγῶν τὸν πλείω
τοῦ χρόνου. Der Name Sosastros, der in allen Hand-
‘schriften und auffallenderweise auch für Dem. 1 in Handschrift
A überliefert ist, darf uns nicht stören. Derselbe findet sich
231) Dies wenden Schwarz ὃ. 565 und Bernays ὃ. 104, 24 ein.
232) Schmid, Philol. 50, 300. Vgl. Preller, R. Encyel. IV, 1178.
Rohde, Gr. Rom. 357, 12 sieht darin 2 verschiedene Persönlichkeiten.
23) Wenn Athen. II p. 44C von Philinus, der eben bei Plutarch
sich auf den Vorgang des Sostratus beruft, schreibt: ᾿Αριστοτέλης δ᾽ ἢ
Θεόφραστος Φιλῖνόν τινα ἱστορεῖ μι ἦτε ποτῷ χρἠσασϑαίποτε μήτε
ἐδέσματι ἄλλῳ N μόνῳ γάλακτι πάντα τὸν βίον, so ist die
Herkunft der Stelle klar; die Gewährsmänner hat Athen. falsch ange-
gegeben. ' |
642 K. Funk,
nirgends, weshalb denn auch Xylander Σώστρατος geschrieben
hat. Ebenso wenig bietet der Name Agathion Schwierigkeit.
Philostr. V. 8. 61, 27 ff. sagt eigens, daß die Böotier
ihm denselben beigelegt haben. Der Widerspruch zwischen
πάντα τὸν βίον und τὸν πλείω τοῦ βίου klärt sich aus der
Weiterführung bei Plut.: ἀλλ᾽ ἐχείνῳ μὲν ἐκ μεταβολῆς
ἀρχὴν γενέσϑαι τῆς τοιαύτης Ötatıng εὐ δ,
τὸν δὲ ἡμέτερον ἀντιστρόφως τῷ ᾿Αχιλλεῖ τρέφων ὃ Χείρων οὗτος
(sc. Φιλῖνος), εὐθὺς ἀπὸ τῆς γενέσεως ἀναιμάτοις καὶ ἀψύχοις
τροφαῖς χ. τ. Δ. Auch sonst stimmen die Zeitverhältnisse. So-
stratus, wie der Quaest. Symp. VIIL, 4 und IX, 14 erwähnte
Herodes Attikus waren wohl damals noch jung.
Wenn wir nun aber den Exkurs des Philostratus über Aga-
thion lesen, welch eigentümliches Bild erhalten wir da auf
Grund eines Briefes des Herodes Attikus an Julian! Dieser
Mann mit seiner ungeheuren Körperkraft und Körpergröße,
mit seiner Meinung, vom Heros Marathon abzustammen, mit
seinem Weiberhasse und seiner Geringschätzung jeglicher Kunst,
sollte von Lucian zusammen mit seinem Idealphilosophen De-
monax der biographischen Darstellung gewürdigt worden sein?
Man muß Lucian niedrig einschätzen, wenn man mit Ziegeler
8. 329 sofort annehmen will, „eine derartige Kuriosität habe
völlig genügt, um die Feder des stoffhungerigen Journalisten
in Bewegung zu setzen“, eher dürfte das Urteil Schmids (Phil.
50, 300) Geltung haben, daß dieser Sostratus „für Lucian weder
Abgeschmacktheit genug, um Stoff zu einer Satire, noch psy-
chologische Merkwürdigkeit genug, um Stoff zu einer ernst-
haften Biographie zu liefern, an sich haben konnte.“
Gewiß haben wir nun wegen der Parallelsetzung mit
Demonax keine Satire unter der Vita zu verstehen, aber wir
brauchen auch keine schrankenlose Bewunderung (Bernays
S. 104, 24) darin zu suchen. Die Worte c. 1 xal μάλιστα
zeigen deutlich, auf wessen Seite die größere Sympathie Lucians
liegt, und wie Sostratus einigermaßen die Folie bilden muß,
damit sich Demonax, weil vielseitiger, um so glänzender abhebe.
Und weiter muß denn unser Sostratus wirklich der Schil-
derung des Philostratus genau entsprochen haben? Die
Wüunderdinge, die dieser sonst (z. B. V.S. 54, 16 ff.; 100, 15;
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 643
46, 19; 75, 10; 111, 24) von den Sophisten zu erzählen weiß,
die Mystifikationen, die er an Apollonius von Tyana vornimmt,
erwecken nicht allzu große Glaubwürdigkeit. Gerade die ver-
worrene Darstellung in der Vita des Herodes und dieser lange
Exkurs über Sostratus, der in gar keinem Verhältnis steht zu
der geringen Bedeutung, welche die Episode für das Leben
des Herodes hatte, sprechen deutlich genug, wie sehr er die
Sucht des ganzen Zeitalters teilte, durch Erzählung von Selt-
samkeiten und Wundern Effekt zu machen. Der Zweifel an
der Glaubwürdigkeit wird nicht vermindert durch die Tatsache,
daß der Bericht auf einem Brief des Herodes an Julian ruht.
Dieser Sophist, so leicht erregbar und so heftig, ist ganz gewiß
auch seinerseits nicht Einflüssen fremd geblieben, wie sie aus
jener Zeit so bekannt und in Philops. so trefflich uns vor-
geführt sind. Das c. 25 unserer Schrift, wornach er an Toten-
beschwörungen zu glauben scheint, ist der Ansicht von einer
historisch nüchternen Auffassung solcher Dinge nicht günstig.
_ Wenn auch ein Teil der Mystifikation des Sostratus auf die
Böotier selbst zurückgeht (V. S. 61, 14 vgl. Dem. 1.), jeden-
falls war Herodes nicht der Mann, diesem Glauben entgegen-
zutreten. Im Gegenteil, wenn er nach Philostr. S. 63, 5 aus
dem feinen Geruchsinn des Agathion auf eine δαιμονία φύσις
schließt, ist anzunehmen, daß er selbst noch seinen Teil dazu
beigetragen hat, um den Zeitgenossen die angeblich eigene
Aussage des Sostratus über seine Eltern (S. 61, 15 ff.)
glaubhaft zu machen. Das Heroenbedürfnis, das beide in
gleichem Maße teilen, hat sie schon in dem körperlich an-
dere Menschen überragenden Sostratus einen ἥρως ἐπιφανὴς
erblicken lassen (vgl. Schmid IV, 572). Für Herodes Attikus
diente es aber außerdem noch zur eigenen 'Verherrlichung,
diesen Gewaltigen zum Landsmann zu haben und ihn mit dem
Heros Marathon in Verbindung gebracht zu sehen, ihn, den
er offenkundig allein für fähig hielt, das Werk zu vollbringen,
von dem er einzig die Rettung seines Nachruhmes erwartete,
nämlich die Durchstechung des Isthmus zu Korinth 555). Wir
382 8. 60,23 ff. Der Anschluß des ὁ. 7 mit c. 6 ist dem Sinn nach
‚mindestens in der Weise zu finden, wie Fr. III, 2, XXX VIIL ff. vorschlägt.
Auch in dem sicher Philostratischen Dialog Neron (Schmid IV, 535 und
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 42
θ44 K. Funk,
werden also den vermeintlichen Inhalt der Biographie nicht so
scharf gegen ihre Echtheit ins Feld führen. Schon die reser-
vierte Haltung gegenüber dem Beinamen des Sostratus, ‘He-
rakles’, in dem zusammenfassenden Einleitungskapitel ist be-
zeichnend für den Charakter des Verfassers. Er unterscheidet
ausdrücklich sein Urteil von dem der Hellenen (ὃν οἱ “λληνες
Ἡραχλέα ἐχάλουν χαὶ ᾧοντο εἶναι) und nur wegen seiner ἔργα
οὖκ ἀπῳδὰ τοῦ ὀνόματος will er ihm den damals viel ge-
brauchten??) Ehrentitel geben. So legt sich die Vermutung
nahe, daß er eben den übertriebenen Anschauungen der Hel-
lenen entgegengetreten ist und vielleicht wie in der Vita De-
monactis auch irgendwie gegen Herodes und seine Auffassung
Stellung genommen hat, was er um so eher tun konnte, als
Herodes zur Zeit der Abfassung tot war und also keine Rück-
sicht genommen zu werden brauchte.
Außerdem fehlt es aber selbst in der Erzählung des Philostr.
nicht ganz an Zügen, die Lucian sympathisch sein konnten, so
sein Urteil über die Mythologie (S. 62, 8ff.) und über seine
eigene Unsterblichkeit (ϑνητοῦ μαχροημερώτερος. 8. 61, 20),
namentlich aber sein urwüchsiges Wesen und seine gemein-
nützige Tätigkeit (5. 61, 28. 62, 23). Dasselbe nämlich, was
die kurze Inhaltsangabe noch einmal ausdrücklich hervorhebt,
wird voll des Lobes von Herakles und Theseus erwähnt. So
. heißt es Iup. trag. 21, wenn nicht zuweilen Theseus die Uebel-
täter abgetan hätte, wegen Zeus und seiner Vorsehung hätten
Skiron, Pityokamptes und Kerkyon und wie sie alle hießen,
noch lange ihr Unwesen treiben können, und ebenso wäre es
mit den Ungeheuern, wenn nicht Eurystheus den Herakles,
einen Zpyatındv ἄνθρωπον Aal πρόϑυμον ἐς τοὺς πόνους ZU
deren Vernichtung ausgesandt hätte. Sollte also der Verfasser
der Vita Demonactis nicht auch dem Sostratus seinen Beifall
haben schenken können, der den Herakles und Theseus in sich
verband und beides, wilde Tiere und lästige Räuber, ünd
537) ist von dem Gemeinplatz der Sophisten betrefis der Isthmusdurch-
stechung c. 3 die Rede und gesagt, daß sie τὰ Ἡρακλέους ὕπερ-
βάλλεσϑαι πάντα heiße. Vielleicht liegt darin unter anderem eine
Erklärung für den langen Exkurs bei Philostr. S. 60—62.
2386) Namentlich wurde er gerne ausgezeichneten Jünglingen im
2. Jahrhundert gegeben, wie wir inschriftlich wissen. Vgl. K. Keil,
Attische Inschriften im Phil. 28, 255. ' |
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 645
φιλανθρωπίας (Iup. trag. 21 und Dem. 11) aus dem Wege
räumte? Gerade dadurch unterschied sich Sostratus von so
manchen Philosophen, besonders so manchen Cynikern gewöhn-
lichen Schlags, daß er sich den Titel Herakles nicht selbst
beilegte, sondern daß dieser, wie dem Demonax die Popularität,
von selbst zufiel, und daß er demselben im Gegensatz zu jenen
Worthelden durch praktische Betätigung des Heraklesberufes
alle Ehre machte. Wiederholt muß Lucian deren gelehrten Müßig-
gang tadeln, und wenn sie trotzdem sich als Nachahmer ihres
Ideals und Patrons, des Herakles, ausgeben wollten, so kämpft
er mit allen Mitteln, mit Spott und Hohn, gegen eine der-
artige Nachäffung 555), Ja er läßt sogar Fug. 23 den Herakles
selber gegen die Pseudocyniker ausziehen zum deutlichen Zei-
chen, daß sie nicht von seiner Art sind??), Die echt cyni-
schen Anschauungen, welche Sostratus nach der Ueberlieferung
bei Philostr. S. 62, 17 ff. über die Kunst der Athleten äußert,
machen die Annahme nicht unwahrscheinlich, daß auch sonst
seine Lebensansichten cynische Färbung an sich trugen; die
Aeußerungen über die Mythologie werden ja eigens als φιλο-
σοφεῖν bezeichnet (ὃ. 62, 16). Konnte da nicht Lucian in seiner
Biographie neben der Absicht, dieses Bild strotzender Kraft
einem verweichlichten Geschlecht???®), namentlich ceynischen
Jammergestalten (vgl. Conv. 19) entgegenzustellen, zugleich
den Zweck verbinden, einen wahren und echten Heraklesnach-
ahmer nach seinem Sinne zu zeichnen? Die Einleitung läßt
es vermuten, und damit wäre ein neuer Anschluß an die Vita
Demonaetis gewonnen. Sähen wir hier ein Sokrates-Diogenes- Ὁ
ideal verwirklicht, so dürften wir in der Lebensbeschreibung
des Sostratus das Ideal eines Heraklesnachahmers finden, der
nicht bloß wegen der Keule diesem glich, sondern auch diese
in der rechten Weise zu führen wußte (vgl. Vit. auct. 8).
236) Per. 21. 24. 25.33 und Conv. 13. Vgl. ebd. 16, wo abgeschmackt
genug der Vergleich mit Herakles sogar auf die Braut des Eukritus
übertragen wird.
237) Die cynische Maske trägt Herakles auch Bis acc. 20 und Iup.
trag. 22; für Dio 5. Dümmler, Antisthenika S. 73.
28) Man denke an den Cyniker Antiochus nach Dio Cassius 77, 19,
Dabei kann Lucian auch über das in jenen Gegenden weit verbreitete
Räuberunwesen länger gehandelt haben, worauf Fr. III, 2, XLV hinwies
Hertzberg S. 386, 81 ο. Vgl. Cat, 6. Hermot. 22. Dial. mort. XXVII,
2. Nav. 28, As.
425
646 Κι Funk,
Ich sehe an diesem Orte noch ab von einer möglichen Be-
kanntschaft des Philostratos mit unsern beiden Biographien.
Ich möchte aber noch auf einen anderen Punkt hinweisen. In
den Deklamationen und Kontroversien der Rhetoren damaliger
Zeit erscheinen ganz stereotyp die Figuren der Räuber und
zwar auch die der edlen, menschenfreundlichen Räuber 333).
Dieser staunenden Scheu vor urwüchsiger Kraft, welche die
gesamte noch fortlebende Räuberromantik gezeitigt hat, -ist
auch der edle Arrian erlegen, und Lucian ist es gerade, der
uns Alex. 2 von dem Vorhandensein der Arrianischen Räuber-
biographie Tilliborus benachrichtigt. Von dieser Tatsache aus
wage ich nun eine Vermutung. Wer nämlich die bekannte
Schilderung liest, welche Epiktet von dem Cyniker von Gottes
Gnaden entwirft, der kann bei einem auch nur oberflächlichen
Vergleiche die gemeinsamen Züge mit der Vita Demonactis
nicht verkennen — ich werde das zum Schluß noch im ein-
zelnen ausführen —, und es scheint, als habe Lucijan zeigen
wollen, wie die dort ausgesprochenen Grundsätze von Demonax
durch die Tat verwirklicht wurden. Man darf nun freilich
die Bekämpfung, welche Arrian gegenüber bekannte Auffassung
von Alexander dem Großen und von seinem Charakter richtet,
nicht mit Nissen (Rh. M. 43, 236. 240) auf die entsprechen-
den Ausführungen Lucians in den Dial. mort. allein be-
ziehen. Derartige Rücksichtnahmen gegenüber cynischen An-
schauungen finden wir ebenso bei seinen Vorgängern, Diodor
und Strabo?*°). Aber in unserer Biographie tritt doch das.
Bestreben hervor, ein Seitenstück zu Epiktet zu schaffen, das
den Vorzug der größeren Konsequenz für sich hat. Das scheint
mir die Einleitung c. 3 zu besagen, wo auf der einen Seite
die nähere Beziehung zu Epiktet gekennzeichnet, auf der an-
deren aber doch die Selbständigkeit des Demonax scharf her-
vorgehoben ist, gleich als wollte Lucian seine eigene Selbstän-
digkeit wahren; besonders aber -scheint es mir aus der Erzäh-
lung c. 55 hervorzugehen, wo wir beide einander gegenüber
sehen. Da muß Demonax erst den Epiktet darauf aufmerksam
machen, daß er mit Aufforderung zum Heiraten sein eigenes
239) Rohde, Gr. Rom. S. 357° und Anm.
240) Vgl. Prächter, Archiv f. Philos. (1898) ΧΙ, 512.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 647
Princip verleugnet. Es dünkt mir deshalb nicht unmöglich,
daß Lucian, wie zu Demonax durch die Dissertationes, so zu
Sostratus durch die Räuberbiographie Tilliborus angeregt
. worden ist. Dabei war Lucian innmerhin konsequenter in der
Gesinnung, indem er mit dem Bilde eines geistigen Wohltäters
der Menschheit das eines leiblichen verband, während Arrian
zwei sich widersprechende Schriften verfaßte. Gesinnungs-
tüchtigkeit aber und Konsequenz gilt Lucian so viel, daß er
sich sogar für die Abfassung des Alex. mit dem schlimmen
: Vorgang Arrians entschuldigt.
Das Gesagte dürfte zu dem Schlusse genügen, daß die
Abfassung einer Vita Sostrati, wenn auch auf den ersten Blick
auffallend, doch bei näherem Zusehen sich mindestens als nicht .
unmöglich herausgestellt hat, zumal da das erste Kapitel des
uns vorliegenden Demonax trefflich zu der Fortsetzung stimmt.
IH.
Die historische Existenz des Demonax.
1. Beurteilung der erhobenen Einwände.
Die Ausführungen von Schwarz über den unhistorischen
Demonax haben zwar am wenigsten Anklang gefunden. Selbst
Wichmann 8. 849 redet von einer ‘Hypothese, die an: anderen
Ergebnissen der Forschung ihre Probe zu bestehen habe’, und
'Thimme $. 44—52 hat sie bereits auf Grund der erhaltenen
Fragmente eingehend und entsprechend gewürdigt?*). Dennoch
dürfte es nicht überflüssig sein, unter Verstärkung der Gegen-
gründe der Frage nochmals näher zu treten. Ihre Beantwor-
tung ist ja nicht bloß bedeutsam für die Zweckangabe der
Vita, sie hat auch ihren besonderen Wert für die Bestimmung
des Grades der Glaubwürdigkeit, welche wir Lucian und seinem
Berichte beimessen dürfen.
’
341) Um so mehr hat es mich gewundert, daß A. Baar, Lucians
Dialog der Pseudosophist. S. 7, 7 zweifelt, ob Demonax nicht auch wie
Sokrates von Mopsus und Nigrinus eine Fiktion sei.
648 K. Funk,
Bei Demonax wiederholt sich das Schicksal Lucians. Kein
annähernd gleichzeitiger Schriftsteller, der über Athen und die
athenische Philosophie handelt, nennt seinen Namen, und doch
muß er nach der Schilderung in ce. 57. 63. 64. 67 eine be-
kannte Persönlichkeit gewesen sein und eine gar nicht unbe-
deutende Rolle gespielt haben. Das schon erwähnte Zeugnis
bei Eunapius ruht vollständig auf Lucian und verrät keine
anderweitige Kenntnis von Demonax. Daß auch hier Philostr.
versagt, hat man besonders auffallend und gewichtig gefun-
den °*?). Allein was wüßten wir denn von Maximus von Tyrus,
was, außer dem Namen, von Lesbonax und Nikostratus, wenn
wir allein auf Philostratos angewiesen wären? Und wenn wir
diesen einen Philostratos nicht hätten, was wären uns Niketes,
Kollianus, Hippodromus und Skopelianus®? Was war für uns
denn bis vor kurzem der gewiß nicht so unbedeutende Thea-
genes, der Begleiter des Peregrinus, bis endlich ' Bernays
(5. 13 ff.) die Identität mit dem bei Galenus, Method. medendi
13, 15 vol. 10 p. 909 (Kühn) erwähnten entdeckt hat? So ist
der Cyniker Teles im gesamten Altertum gänzlich verschollen;
erst Ioh. Stob. hat einige umfängliche Stücke, teils mit Nen-
nung der Schriften, teils bloß als ἐκ τῶν Τέλητος ἐπιτομὴ er-
halten?*). Ebensowenig wissen wir, wann die bei Photius
unter den Quellen des Stobaeus genannten Oyniker Hegesianax,
Polyzelus, Xanthippus und Theomnestus auch nur gelebt
haben °*). Warum also den Mangel an Nachrichten über De-
monax so auffallend finden! Das Fehlen derselben ist erklär-
lich. Demonax hatte als cynischer Eklektiker keine Schüler
im eigentlichen Sinne, die das Andenken und den Ruhm ihres
Meisters fortpflanzten, und dann sind wir von Theagenes bzw.
Oenomaus von Gadara bis Julian, also 1!/s Jahrhunderte, über
den Cynismus nicht unterrichtet.
Man wird freilich, was Philostratos anlangt, den Grund
noch nicht für genügend halten, daß er keine Philosophen-,
sondern Sophistenleben geschrieben habe, und deshalb auch
242) Schwarz S. 585; Thimme 8. 43 ff. ᾿
248) Wilamowitz-Möllendorf, Philol. Untersuchungen. Berlin 1881,
IV. Exkurs 8, 292, Vgl. Hirzel 1, 367 ff.
24) Vgl. Zeller ἘΠ 769,'0.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 649
den Nigrinus nicht nenne ?*). So gut er einen längeren Ex-
kurs in der Vita des Herodes Attikus über Sostratus einschalten
konnte, hätte er bei passender Gelegenheit auch Demonax
' einige Zeilen widmen können. Möglich, daß dessen völlige
Uebereinstimmung mit’ Lucian die Nichterwähnung mitver-
schuldet hat?*). Ganz ohne Kenntnis von ihm scheint er
nämlich nicht gewesen zu sein. Kurz nach der Erwähnung
des Herakles-Agathion geht Philostratos zu der übermäßigen
Trauer des Herodes über und führt da in längerer Schilderung
einen Philosophen Lucius ein. Er gibt ihm das Lob eines
weisen Ratgebers des Herodes, rühmt neben der Tatsache, daß
er mit Musonius philosophiert habe, besonders das Schlagfertige
seiner Antworten (edoxönwg εἶχε τῶν ἀποχρίσεων xal
τὸ ἐπίχαρι σὺν καιρῷ ἐπετήδευεν 5. 64, 20ff. vgl. Dem. 39.
12 und 10) und bezeichnenderweise schließt er an das Witz-
wort über Herodes (S. 65, ff.) noch ein anderes, nicht damit
zusammenhängendes an mit der Bemerkung: ἀπόχρη ai τὰ
εἰρημένα δεῖξαι τὴν ἰδέαν, ἣν ἐφιλοσόφει Λούκιος, ἱκανὰ γάρ που
ταῦτα δηλῶσαι τὸν ἄνδρα (5. 65, 24 Ε΄, vgl. Dem. 67 Schluß).
Wenn man nun bemerkt, wie Lucius so die Stelle des Demonax
vertritt, und wie Philostratos eigens berichtet, Herodes habe
seine Trauer gemäßigt, ὡς μὴ ἄϑυρμα γένοιτο ἀνδρῶν σπουδαίων
(S. 65, 12 ff.), so scheint das anzudeuten, daß doch der ἄνδρες
σπουδαῖοι, zu denen auch Demonax gerechnet werden muß,
mehrere waren, daß er sie also wohl auch kannte. Es dürfte dar-
um Philostratos unsere beiden Biographien gekannt haben. Nur
. suchte er sie in irgend einer Weise zu überbieten und zu ver-
hüllen, womit vielleicht auch die Nennung des Sostratus nur
mit seinem Beinamen zusammenhängen mag. Jedenfalls ist
für uns durch die Verbindung der Lebensbeschreibung des
Demonax mit der des historischen Sostratus unmittelbar die
Geschichtlichkeit des ersteren sicher gestellt.
Dazu kommt noch verstärkend die Nennung des Demonax
in der Florilegienlitteratur. Es handelt sich nicht mehr bloß
um 4 Stellen, wie zur Zeit von Schwarz (5. 585), sein Name
erscheint an ungefähr 30. So leicht Verschreibungen in den
245) Planck, Progr. S. 34.
246) Vgl. Fr. III,2, XXVI; Thimme ἢ. 42.
650 K. Funk,
Florilegien vorkommen 3“, so leicht der Name Demonax mit
dem des Demokrit und Demokrates verwechselt werden mag,
so häufig die Lemmate verschoben sind, und so unsicher die
Authenticität jedes einzelnen Ausspruchs ist, wie sich noch
zeigen wird, methodischerweise kann man nicht an allen Stellen
Verschreibungen annehmen. Mit Recht protestiert Wachsmuth
a. a. Ο. 5. 125 gegen eine durchgängige Korrektur von Phi-
listion in Philemon. Da also ein Demonax in der Florilegien-
litteratur vorkommt, da seine Aussprüche, besonders frag. II.
IV. XVI. XVII cynische Färbung haben (vgl. Fr. III, 2,
XVff.), und dieser Name verhältnismäßig selten ist, kann die
Identität mit dem unsrigen nicht wohl bezweifelt werden. Be-
deutsam ist dabei, daß die Aussprüche nicht aus Lucian ge-
nommen sind. Es fehlt zwar nicht an Dicta, welche wegen
ihres ernsten, ethischen Charakters in ein Florilegium paßten
(vgl. c. 20. 25. 27. 32. 34. 37. 51. 57—60. 62), aber außer
dem oben besprochenen Falle findet sich kein Beispiel mehr.
Schwarz selbst muß das Auffallende zugeben, daß Stobäus in
seinem ganzen Florilegium von Lucian keine Notiz nimmt. Es
heißt nun doch eine Hypothese durch eine andere stützen,
wenn er den Schluß auch umdrehen zu können glaubt und
behauptet, die Erwähnung von Aussprüchen des Demonax im
5. und 8. Jahrhundert beweise nur, daß damals die Schrift
‘Demonax’ schon in ihrer gegenwärtigen Gestalt als eine Samm-
lung von dicta memorabilia existiert und Demonax als witziger
Philosoph gegolten habe, in dessen Schuhe dann manche der-
artige Aussprüche von unbekanntem Ursprung geschoben wurden
(S. 586). Es ließe sich die Vermutung nur durch die An-
nahme retten, es seien die anderwärts überlieferten Dieta aus
der in c. 11 angenommenen Lücke geflossen, was aber bei ihrer
größeren Zahl Fr. (II, 1, 188 und III, 2, XI, XXV) selbst
später aufgegeben hat.
Ebenso wenig Anhaltspunkte bietet für die Hypothese der
Inhalt der Schrift. Gewiß kann ein Satiriker öfters in die
Lage kommen, fingierte Personen mit seinen Anschauungen -
auftreten zu lassen, um sich Verfolgungen und Angriffen zu
247) Vgl. Wachsmuth, Stud. z. d. gr. Florilegien. Berlin 1882. 8.161,
vgl. 108. Rose 5. 612.
Untersuchungen über .die Lucianische Vita Demonactis. 651
entziehen, und zweifellos hat auch Lucian von dieser schrift-
stellerischen Gewohnheit Gebrauch gemacht, wenn es gleich
im einzelnen nicht genau festgestellt werden kann 338). Aber
daß eine Schrift mit weit ausgeprägterer historischer Phy-
siognomie, als Alex. und Per., eine Biographie im eigentlichen
Sinne, nur den Anspruch der Geschichtlichkeit erheben
sollte, ohne wirklich geschichtlich zu sein, das kann doch im
Ernste niemand behaupten. Als eine Art historischen Roman
mit dem Pseudonym Demonax°*’) könnte man ja schließlich
die Vita noch begreifen und man verstünde, wie der Schrift-
steller den Helden seiner Erzählung derart in die zeitgenössi-
schen Verhältnisse hineinstellen und ihn im Verkehr. mit
wirklich geschichtlichen Männern aufzeigen konnte. Aber
woher nehmen wir das Recht zu solcher Annahme?
Die geltend gemachten zeitlichen und örtlichen Bedenken,
welche den Punkt betreffen, daß Demonax unmöglich als
Schüler mit den c. 3 genannten Philosophen verkehrt haben
könne, sind längst widerlegt 559), Außerdem erheben sich keine
nennenswerten geschichtlichen Schwierigkeiten. So hat es
nichts zu bedeuten, wenn einmal Porphyr. Vit. Plot. 20 gegen
248) So wird Nigrinus für historisch gehalten von Hofmann S. 41
Hirzel I, 292, Zeller III, 1°, 803, Croiset ὅ. 10. 43, dagegen für fiktiv
von Thimme ὃ. 29, Wichmann, Progr. S. 18, Boldermann S. 65; ebenso
ist es mit Demetrius von Sunium in Tox. 27 (Fabric. Bibl. Gr. III, 515
und R.E. III, 937 gegen Guttentag S. 86). Den Adressaten des Per.,
. Kronius, hält Bernays S. 3 vgl. Richard S. 23 für historisch; die übrigen
Personen werden meist als fiktiv angesehen.
249) Polemo hätte z. B. verschiedene übereinstimmende Züge: an-
gesehene Abstammung (Philostr. V. S. 42, 16 = Dem. 3), dieselbe Stellung
zu seinem gewöhnlichen Aufenthaltsort (Smyrna), Frieden stiften (V. 8.
42, 32 ff. = Dem. c. 9. 64), Zurechtweisung der Fehlenden (V. 8.43, 12 ff. =
Dem. 8. 10), Feindschaft mit Favorin (V.S. 47, 12 ff. = Dem. 12, 13),
Bekanntschaft mit Timokrates (V. S. 46, 22 ff. = Dem. 3) und Herodes
(V.S. 47, 19 ff. —= 24. 25. 33), Schlagfertigkeit (V.S. 50, 31 ff.) und Hunger-
tod (V.S. 54, 15ff. = Dem. 67). Allein trotz der Bedeutung des Worts
Δημῶναξ und des von Hat. IV, 161, 162 erwähnten gleichnamigen Frie-
densstifters ist nicht daran zu denken. Polemo ist durchaus Rhetor
und zwar vor allem Improvisator (V.S. 47,23 vgl. dagegen Rhet. praec.
18. 20. 17. Lex. 23), dazu verschmäht er den Reichtum nicht (V.S. 44,
8 ἢ) und war voll τῦφος (V.S. 45,16; 44, 26; 45, 32 ff.).
250) Ziegler ὃ. 335 und Thimme S. 53. Der Schluß des letzteren
aus der Bedeutung von συγγίγνεσθαι ist unrichtig; denn das Wort wird
gerade im Sinne der Schülerschaft gebraucht, vgl. Plat. Phaed. 61 D;
Xenoph. An. 2,6, 17. Wichmann hätte sich S. 848 gar nicht damit be-
fassen müssen, da er die fraglichen Worte streicht (S. 842. 849).
652 K. Funk,
Dem. 56 Herminus als Stoiker statt als Peripatetiker bezeichnet
wird, was er auch unstreitig ist (Zeller III, 13, 778,1. 788, 2).
Aehnlich verhält es sich mit dem oben berührten Widerspruch
Dem. 55 = Arrian, Diss. Epiet. III, 22, 67 betreffs der Stel-
lung Epiktets zur Ehefrage. Entweder haben wir in unserem
Fall nur eine Versuchungsfrage von seiten Epiktets zu sehen
oder wohl wahrscheinlicher eine jener Inkonsequenzen, die wir
überhaupt in der stoischen Behandlung dieses Punktes wahr-
nehmen ®!). Es weiß ja auch Epiktet die Gegeninstanz, daß
nämlich Krates verheiratet gewesen, nur durch die eigentüm-
lichen Umstände zu rechtfertigen, deren Nichtvorhandensein
zugleich in der Antwort des Demonax ausgesprochen wird.
Weit beachtenswerter ist die Nachricht in c. 57. Historisch
“richtig ist daran, daß Korinth in der Einführung der Gladia-
torenkämpfe Athen voranging und in der Begeisterung dafür,
wie die erhaltenen Spuren eines Amphitheaters zeigen ???). Aber
die Zeit der EinführungÄfällt schon vor die Geburt des De-
monax. In seiner Rhodiaca°°®) erzählt uns bereits Dio Chrys.:
᾿Αϑηναῖοι δὲ ἐν τῷ ϑεάτρῳ ϑεῶνται τὴν χαλὴν ταύτην ϑέαν
ὑπ᾽ αὐτὴν τὴν ἀχρόπολιν....,) τὰ περὶ τοὺς μονομάχους
οὕτω σφόδρα ἐζηλώκασι Κορινϑίου ς 354), μᾶλλον δ᾽
ὑπερβεβλήχασι τῇ. καχοδαιμονίῳ κἀκείνους καὶ τοὺς ἄλλους, und
dann spricht er von einem Philosophen γένει Ῥωμαίων οὐδενὸς
ὕστερον, welcher den Athenern ernstlich davon abgeraten, aber
solchen Widerstand erregt habe, daß er Athen verlassen mußte.
Dasselbe wird von Philostr. mit sichtlicher Nachbildung unserer
Stelle aus dem Leben des Apollonius von Tyana berichtet ?°°).
Wie es sich mit der Wahrhaftigkeit dieser Aussage verhalten
mag”?°), jedenfalls kann trotz der fast wörtlichen Ueberein-
351) Bonhöffer S. 299. 300. Vgl. Zeller III, 2°, 752, 4.
>52) Friedländer II, 252. Hertzberg II, 253, 83.
253) Or. XXXI, 5, 385. 386 Dind. Auffallen mag, daß, wie in Dem.
die 5 beanstandeten Kapitel unmittelbar sich folgen, so auch c. 57
und 58 inhaltlich dieselbe Reihenfolge bei Dio zeigen.
254) Dem. 57: ᾿Αϑηναίων σχεπτομένων κατὰ ζῆλον τὸν πρὸς Kopıv-
ϑίους χαταστήσεσϑαι. ϑέαν μονομάχων.
255) ΤΥ͂, 22: ἐσπουδάζετο ταῦτα ἐχεῖ μᾶλλον ἣ ἐν Κορίνϑ'ῳ νῦν.
366) Ellissen, Zur Geschichte Athens in Göttinger Studien 1847. II,
799 meint, die Strafpredigt des Apollonius sei von Wirkung gewesen;
Friedländer II, 253 und Hertzberg II, 76, 45 halten mit Recht die Stelle
für erdichtet. Der Philosoph wird kein anderer als Musonius Rufus
sein; vgl. Arnim, Dio von Prusa. Berlin 1898. S. 216.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 653
stimmung unter dem Philosophen nicht Demonax gemeint sein,
wenn die Rede Dios auch nicht im Jahre 70, sondern nach
Arnims wahrscheinlichem Nachweis (S. 214—218) erst in den
Jahren 79—82 verfaßt wäre. Es enthält also das c. 57 außer
der sprachlichen Schwierigkeit von σχέπτεσθαι mit Inf. noch
eine geschichtliche Unrichtigkeit. Dennoch möchte ich die
Echtheit der Stelle wegen der übereinstimmenden Anschauung
Lucians betreffs der Gladiatorenkämpfe und des einigemal (Tim.
42. Bis acc. 21) genannten ’EAeov βωμὸς nicht verdächtigen
und darin eher eine Verwechslung erblicken, wie sie in solchen
Fällen nicht selten ist.
Außerdem tritt in der ganzen Lebensbeschreibung nichts
so Außerordentliches hervor, daß die Annahme von der Un-
geschichtlichkeit des Demonax gerechtfertigt wäre. Wer würde
vollends bei der Fassung, die Schwarz der Lucianischen Schrift
gibt, darauf gekommen sein? Mit eigenartiger Begriffsver-
wirrung beruft er sich 5. 569 auf die historische Unwahr-
scheinlichkeit der Scene in c. 11, um deshalb die Verteidigung
des Demonax aus dem einkleidenden Rahmen herausnehmen
zu können, während er doch dazu kein Recht hatte, da er
' überhaupt den historischen Charakter leugnet. Aber ist denn
wirklich eine religiöse Anklage in jener Zeit so durchaus un-
wahrscheinlich? Daß die heidnische Religion damals ihre
Kraft noch nicht verloren hatte, zeigen die Ausführungen
_ Friedländers 357) deutlich. Ja man wird gerade das 2. nach-
christliche Jahrhundert als das religiöseste bezeichnen dürfen.
Lucian, hier ganz gewiß ein untrüglicher Zeuge, faßt Tup.
trag. 58 das Endresultat der Unterredung in die Worte ζὰ-
sammen, trotz allen gegenteiligen Beweisen werden die meisten
Griechen, der große Haufe nämlich, und von den Barbaren
alle ihre religiöse Ueberzeugung beibehalten, und nach Philops. 3
erscheint jeder als&oeßis χαὶ ἀνόητος, der die aufgelegtesten Mythen
lächerlich findet, das sind Angaben, gegen welche Tim. 4 nicht
zu streiten vermag. So stand es damals aber nicht bloß beim
Volk, das immer den freisinnigen und religionsfeindlichen An-
>57) III, 443—493. 529. 617ff.; nur gegen die Schlußfolgerung aus
der Theokrasie wendet sich mit Recht O. Schmidt, Lucians Satiren
gegen den Glauben seiner Zeit. Solothurn 1900. S. 19.
654 K. Funk,
schauungen einer kleinen Minderheit ferne steht, so war es
damals auch bei dem größten Teil der Vornehmen und Ge-
bildeten. Die Kaiser selbst bemühten sich seit Hadrian um
die Wiedererneuerung des religiösen Lebens und der alten
Kultformen 358. Die Mysterien, namentlich die Eleusinien,
gewannen ihre alte Bedeutung wieder. Die Kaiser gingen mit
ihrem Beispiel voran und ließen sich einweihen, so Hadrian
und Mark Aurel?®°), und in Athen gab es wohl wenige, welche
sich nicht der Segnungen derselben versicherten ?°°). Wie oft
spricht sodann Lucian von diesen Geheimkulten! Ihre Nach-
bildung in dem Schwindelkult Alexanders von Abonuteichos
spricht genug für ihre Popularität. Ebenso trägt die Litteratur,
vor allem die griechische, recht eigentlich den Stempel dieser
Wiedererweckung des religiösen Lebens. Mit Ausnahme Lucians
steht unter den griechischen Schriftstellern nur Galenus dem
Volksglauben ganz fern; viel näher steht schon Dio von Prusa.
Alle übrigen stehen auf dem Boden eines positiven Götter-
glaubens, wie verschieden er sich auch in der Auffassung jedes
einzelnen gestalten mag?®!). Derjenige Staat aber, der seit
altem als der am meisten religiöse galt und die Hochburg des
Heidentums am längsten blieb, war kein anderer als Athen "55.
Freilich duldete man die verschiedensten und vom Volks-
glauben am weitesten sich lossagenden Spekulationen. Man
war von den Philosophen viel gewohnt (vgl. Tim. 4) und die
Komödie nutzte die weitgehende Toleranz aus. Aber eines
wagte man doch nicht so leicht anzutasten, eines, auf das sich
auch die Staatsgesetze bezogen, und das war der Kultus (Schoe-
mann II, 158—162). Trotz ihrer metaphysischen Ueberzeu-
gungen war Plato ebenso wie Aristoteles der Kult der ange-
stammten Götter Herzenssache. Epikur, Chrysipp und die
Skeptiker haben sich wohl gehütet, in unbedingten Gegensatz
zum Kultus zu treten; sie wollten sich den Götterglauben und
die hergebrachte Götterverehrung um der Gewohnheit willen
25) $. Hertzberg II, 477. Schmid IV, 572, 21. 573. Vgl. Deor.
conc. 12. 6.
259) Lobeck, Aglaoph. S. 20 f. 38. Vgl. Friedländer II, 45. III, 437.
260) Schoemann, Gr. Altertümer II, 395. -
261) Friedländer III, 435 f. 497,
262) Ellissen 5. 792. 803. Hertzberg ὃ. 484. 516. ΄
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis, 655
gefallen lassen 358). Und auch die Cyniker entzogen sich dem
nicht (Cat. 22. Vgl. Hirzel II, 191, 1) 3988). Es stimmt somit
vollauf mit c. 11 überein, wenn es nach c. 34 geradezu als
Wagnis (ἐτόλμησε!) galt, die Athener auf die Herkunft der
Eleusinien und den damit in Widerspruch stehenden Ausschluß
der Barbaren von denselben aufmerksam zu machen.
Nehmen wir nun hinzu, daß die Anklage nicht von den
staatlichen Behörden ausging, sondern, wie der Vergleich mit
Sokrates zeigt, von persönlichen Feinden, welche nur die Reli-
gion zum Vorwand nahmen, daß Demonax bei seiner Tätigkeit
sich manche zu Feinden machen mußte und auch wirklich
gemacht hat (c. 11), was ist dann so unwahrscheinlich an der
Erzählung? Was vermag nicht Haß und Neid alles auszu-
richten, wenn sie sich auf dem religiösen Gebiete zeigen? Zenon
von Sidon konnte sogar die Hinrichtung des Stoikers Theoti-
mus oder Diotimus bewirken nur auf Grund der Anschuldigung,
daß er dem Epikur 50 gottlose Briefe unterschoben habe. Und
ist nicht Lucian selbst, der Iup. trag. 44 gerade den Kultus
nicht angreifen läßt und Philops. 10 sich gegen den Vorwurf
des Atheismus wehrt, ist er nicht selbst Alex. 45 das schönste
Beispiel dafür, wie leicht eine fanatische Menge gegen einen
_ Freidenkenden aufgebracht werden konnte, so daß nur das
Eingreifen eines angesehenen Mannes den Beschuldigten vom
Tode erretten kann? Wenn Lucian sonst durch seine Schriften
sich keine Verfolgung zugezogen hat, so liegt der Grund nicht
etwa darin, daß er seine Arbeiten auf einen engen Kreis von
Gleichgesinnten beschränkt hat (Jenni S. 14), sondern in ihrem
Charakter selbst 595), Man muß allerdings gestehen, daß Stei-
nigen und Gesteinigtwerden bei Lucian eine gar zu große Rolle
spielt (Per. 15. 19. 20. Alex. 25. 45. Anach. 39. Pisc. 10 u. a.),
und daf die rasche Sinnesänderung des Volkes, wie anderwärts
263, Wilamowitz S. 308 ff.; Zeller III, 238, 61, 2; III, 1°, 437. Vgl.
Iup. trag. 44.
264), Das Nichtopfern war der Hauptanklagepunkt gegen die Christen,
Daß mit ihnen die Sache des Demonax irgendwie in Beziehung gebracht
worden sei (Fr. II, 1, 195), hat in der Schrift keinen Anhaltspunkt,
wenn auch Uebergänge vom Cynismus zum Christentum stattfanden
(Peregrinus). Vgl. Ellissen 876; dagegen Harnack, R.E. der prot. Theol.
s. v. Lucian. S. 661.
265) Vgl. Hirzel II, 295. Croiset S. 200. Schmidt S. 12.
756 K. Funk,
(Nigr. de salt. Herm. u. s.) die schnellen, auch in der Ko-
mödie üblichen Bekehrungen ganz nach seiner Art sind. Wir
haben jedoch dafür in einer Nachricht des Philostratos V.S.
39, 2ff. einen ähnlichen Fall verzeichnet. Darnach brachte
der Cyniker Pankrates die aufständischen Athener mit
einem einzigen Witzwort zur Vernunft und entriß so
einen bedrohten Brothändler dem sicheren Tode durch Steini-
gung 366).
In der Hauptsache dürfte also die Erzählung aufrecht
erhalten werden können. Immerhin müssen wir bedenken, daß
der Verfasser auch nach seiner Bekehrung zur Philosophie ein
Rhetor geblieben ist (vgl. Bacch. und Herc.), und daß die nahe
Verwandtschaft der litterarischen Gattungen, Biographie und
Enkomion, es mit sich bringt”), wenn er dann und wann
den Mund etwas zu voll nimmt und einigemal Dingen größere
Bedeutung beilegt, als sie an und für sich gehabt haben. Die
sonstigen Uebertreibungen in der Polemik, die Annäherung
des Bildes an Diogenes (vgl. Diog. L. VI, 78 und Zeller II, 1?,
153), typisch wiederkehrende Züge in der Zeichnung der Cy-
niker?%®) machen auch in der Idealisierung einige Uebertrei-
bungen wahrscheinlich (vgl. Planck $. 827), wie in c. 9. 10.
63. 67.
Diesen Punkt müssen wir bei der Beurteilung des Haupt-
einwandes gegen die Geschichtlichkeit des Demonax ganz be-
sonders im Auge behalten. ‘In allen Schriften Lucians’, sagt
man, ‘die von Philosophie oder Philosophen handeln, von Nigr.
und Herm. bis zur .Apol., finde sich die Erklärung, daß nie
ein Philosoph den Zustand eines perfekten Weisen errungen
habe, oder daß er überhaupt erreichbar sei’ (Schwarz 8. 584;
Wichmann 5. 848), wenn er also das Leben eines solchen
geschrieben habe, so könne die Persönlichkeit nur eine Fiktion
sein. Diese Beweisführung beruht jedoch auf einer Verkennung
266) Vgl. Dio Chr. XLVI, 9. Aufstände scheinen in Athen nichts
Seltenes gewesen zu sein (Plut. Quaest. Symp. XIII, 3), nur sind wir
darüber schlecht unterrichtet (vgl. Ellissen S. 798).
267) Hirzel II, 285. Leo ὃ. 90 ff. Bezeichnend ist darum, daß auch
᾿ vw Mem, Unhistorisches gefunden wurde (Schenkl 8. 80; Hirzel
268) E, Wassmannsdorf, Luciani scripta ea, quae ad Menippum
spectant, inter se comparantur et diiudicantur. Jenae 1874. 85. 19—22.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. >
der philosophischen Anschauungen Lucians. Der Dialog Herm.
endigt nicht mit dem vollsten und ausgesprochensten Skepti-
cismus, wie es eigentlich der ganzen Entwicklung entsprechen
würde (vgl. Croiset S. 106—113). Aus der Kritik aller Philo-
sophenschulen (Herm. 84) folgt nur, daß der Satiriker eine
annehmbare Lösung des Lebensrätsels auf dem Wege theore-
tischer Spekulation für unmöglich hielt. Deshalb mußte er
konsequent alle Schulen mit dogmatischen Systemen als un-
brauchbar ausschließen. Ein solches Hindernis bot aber die
.eynische Richtung nicht; daraus erklärt sich seine Sympathie
für dieselbe. Freilich eine Stelle steht uns im Wege. Im
Schlußkapitel (c. 15) der Apol. meint Lucian, man dürfe von
. ihm nicht die strenge Konsequenz verlangen, die er sonst von
den Philosophen bezüglich der Uebereinstimmung von
Wort und Tat gefordert habe. Er sei nur einer aus dem
großen Haufen, kein σοφός, und skeptisch fügt er bei εἰ δή
᾿ τις nal ἄλλος ἐστί mov σοφός. Bezeichnend weist er für die
Beurteilung seiner Person auf seine Rhetorentätigkeit
hin, die ihm einigen Beifall eingebracht habe, aber, schließt
er bedeutungsvoll an, πρὸς τὴν ἄχραν ἐκείνην τῶν κορυφαίων
ἀρετὴν οὐ πάνυ γεγυμνασμένος χαὶ μὰ Al οὐδ᾽ ἐπὶ τούτῳ
ἀνιᾶσϑαί μοι ἄξιον, ὅτι μηδὲ ἄλλῳ ἐγὼ γοῦν ἐντετύ-
χηχαὰα τὴν τοῦ σοφοῦ ὑπόσχεσιν ἀναπληροῦντι.
Allein was folgt daraus, wenn gleichwohl Demonax gelobt
wird als das Beispiel eines vortrefflichen Charakters und eines
wahrhaften Weisen (Dem. 1. 3)? ‘Hat es Lucian mit der
Wahrheit immer so genau genommen, wo er sich entschuldigen
muß? Die Angaben über das Verlassen des Rhetorenberufes
(Bis acc. 32. Rhet. praec. 26), die Aeußerung in Pisc. 29—32,
daß er immer ein Bewunderer der alten Philosophen gewesen
sei, sprechen nicht dafür. In letzterem Falle wird mit c. 23
und 26 jedenfalls auf vorausgegangene angreifende Schriften
hingewiesen, und das war nicht nur Vit. auct., sondern auch
Dial. mort. und vielleicht noch Ic. und Nee. 399).
260%) Eine nach Pisc. stattgefundene Redaktion von Vit. Auct, wegen
des Widerspruchs von Vit. Auct. 8. 9 und 10. 11, die auch auf Herm.
8—13. 52. 80—83 ausgedehnt werden soll, halte ich gegen Boldermann
S. 861, für unwahrscheinlich.
658 K. Funk,
Dürfen wir übrigens diese Stelle pressen, warum nicht
auch die anderen, die das Gegenteil davon aussagen und weit
zahlreicher sind? Ich sehe dabei ab von Ic. 4—9, wo ohne
‚Unterschied der Philosophen einfach gegen alle dogmatischen
Systeme, wie überhaupt gegen die ἐγχύχλια μαϑήματα gekämpft
wird, ebenso von Bis acc. 7. 8, wo noch 3 Klassen von Philo-
sophen erscheinen, einige Schufte, eine große Menge Halb-
philosophen und der Rest solche, bei welchen die Philosophie
wie eine gute Farbe bis auf den Grund gedrungen ist und
alle Schattierungen ausgetilgt hat. Wichtig ist ein Vergleich
zwischen Pisc. und Fug. In beiden Schriften wird die Existenz
wahrer Philosophen zugegeben, wenngleich diese nur noch
ὀλίγοι (Pisc. 30. 40. 42. 46. 47. 37) und sogar πάνυ ὀλίγοι
(Pisc. 20. Fug. 4. 24. vgl. Char. 21) sind. Aber während in
Pisc. der Schauplatz der Handlung noch Athen und der Areo-
pag ist, wird mit Fug. die Scene verlegt und der Scenen-
wechsel eigens begründet. Auf die Frage des Hermes an die
Philosophie: ποίαν δὲ χρὴ τραπέσϑαι, ὦ φιλοσοφία; σὺ γὰρ
οἶσϑα, ὅπου εἰσίν. ἢ πρόδηλον ὅτι ἐν τῇ Ἑλλάδι;
erwidert diese: οὐδαμῶς, ἢ πάνυ ὀλίγοι, ὅσοι ὀρϑῶς
φιλοσοφοῦσιν, ὦ Ἑρμῆ. οὗτοι δὲ οὐδὲν ᾿Αττικῆς πενίας
δέονται, ἀλλ᾽ ἔνϑα πολὺς χρυσὸς ἢ ἄργυρος ὀρύττεται, ἐχεῖ
ποὺ ζητητέοι εἰσὶν ἡμῖν (ec. 24). Sollte diese Aeußerung nicht
mit Rücksicht auf die Freunde gemacht sein, die Lucian in-
zwischen unter den athenischen Philosophen kennen gelernt
hatte 579), nicht vor allem mit Rücksicht auf einige Oyniker,
da es sich ja nur um diese handelt (ὁ. 4. 16)? Oder sollte
wirklich die Steigerung, die er in Apol. bis zur vollständigen
Verneinung fortführt, überhaupt je einen rechten Philosophen
getroffen zu haben, von größerem Werte sein, wiewohl er in
eigener Angelegenheit spricht? Wie wurde doch das Wort
ἄπολις in De hist. conser. 41 mißverstanden (vgl. Croiset
S. 249 ff.)!
Endlich wissen wir, daß Menipp jederzeit seine Sympathien
in besonderem Maße hat. Warum sollte damals, in der Zeit
des Wiedererwachens des Cynismus, eine Menipp ähnliche Er-
scheinung unmöglich gewesen sein? Macht nicht die Wahl
270, S, Fr, zu der Stelle. Bruns, Rh. M. 43, 184. Croiset 5. 85.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 659
und Neubelebung der Menippeischen Litteraturgattung durch
Lucian eine derartige Erscheinung äußerst wahrscheinlich ?
Daß er aber Demonax sonst nicht erwähnt, hat wohl denselben
Grund, aus dem er überhaupt keinen” Lebenden zum Beweise
seiner Anschauungen namentlich anführt. Ein vernünftiger
Grund, an der historischen Existenz des Demonax zu zweifeln,
dürfte also nicht bestehen. Die nähere Betrachtung der Frag-
mente wird das noch besser zeigen.
2. Die Fragmente.
Große Schwierigkeiten bereitet die Aufgabe, dem Philo-
sophen Demonax aus der zerstreuten und äußerst unsicheren
Ueberlieferung der Florilegienlitteratur heraus sein Eigentum
wieder zurückzugeben. Es stehen uns bis jetzt wenigstens
genügende Hilfsmittel nicht zu Gebote, namentlich keine kri-
tische Ausgabe des sog. Maximus, der wichtigsten Quelle, wie
auch des Antonius. Die von Wachsmuth so genannte Melissa
Augustana ist noch unpubliciert, und von den zahllosen klei-
neren Florilegien, die in griechischen Handschriften enthalten
sind, ist bis jetzt erst die Minderzahl veröffentlicht. An ein
abschließendes Urteil ist also nicht zu denken. Ich beschränke
mich daher, im folgenden das Material so weit möglich zu
bieten und die Frage nach der Echtheit zu entscheiden. Ich
halte mich an die von Fr. III, 2, XIV £. eingeführte Zählung.
I. Θνητοὶ γεγῶτες μὴ Yppoveid” ὑπὲρ ϑεούς. |
Stob. Flor. 22, 16: III, 587, 2 (Hense). Mit dem Lemma Aypovax-
τος SMA; δημόναχτος MdFr. p. 145 vgl. Menand. monost. 243 (ϑνητὸς
πεφυκὼς μὴ φρονῇς ὑπέρϑεα) ; Boisson. Anecd. I, 155, 9 unter den Sprüchen
Menanders (ϑνητὸς γεγονὼς ἄνθρωπος μὴ φρόνει: μέγα).
II. Κόλαζε χρίνων, ἀλλὰ μὴ ϑυμούμενος.
Anton. II, 53 p. 121, 44 (Migne [M.] 136, 113, 3 D) Δημοχρίτου (Rib.);
Δημώναχτος (nach Boisson. I, 118, 11. Anm. 5 im Cod. 1168 p. 104) 3:1);
Maxim. 19 p. 595, 2 (M. 91, 844 A). Δημώνακτος (auch cod. Neap.) und
nach der Anmerkung bei M. andere Anpoxper.; Mel. August. c. 34 n. 17.
Δημώναχκτος; Gnomol. Georgid. Boiss. I, 118, 11 Δημώναχκτος; Menand.
monost. 576; Barrocian. n. 219 mit Hinzufügung der Worte πραότητι,
μᾶλλον vor χρίνων unter den Sprüchen des Demokrit, Isokrates und
Epiktet (Wachsmuth, Stud. 5. 141); Democrit.-Epict. S. 206 n. 255
(Wachsm.).
21) Nach Boisson. steht bei Antonius kein Autorname.
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 48
660 K. Funk,
- II. Δημῶναξ ἐρωτηϑεὶς πότε ἤρξατο φιλοσοφεῖν " ὅτε χατα-
γιγνώσχειν, ἔφη, ἐμαυτοῦ ἠρξάμην.
Stob. Flor. 21, 8 (III, 557, 15 H.) Δημώναχτος Α΄, corr. A® ohne
Lemma S. Br., mit Lemma Δημωνάκτου Μ. Α. richtiger Δημώνακτος Gaisf.
und Mein. 575). '
IV. ᾿Εξεταζόντων τινῶν, εἰ ὃ κόσμος ἔμψυχος nal αὖϑις, ei
σφαιροειδής" ὑμεῖς ἔφη, περὲ τοῦ χόσμου πολυπραγμονεῖτε, περὶ
δὲ τῆς ἑαυτῶν ἀχοσμίας οὐ φροντίζετε.
Stob. ἘΠ]. Phys. et Eth. 1|,1,11 (II, 5,10 Η.). Das Lemma haben
EPL im Text (δημόναχκτος EP), Δημῶναξ ließ EPL aus, fügte aber Heeren
bei (II, 5, 11); Max. 21 p. 600, 36 (M. 853 B ohne neues Lemma nach
Fr. XXVII Anpövaxt.); Anton. 11, 76 p. 143, 24 (M. 1192 B); Demonactis
(Rib.); Arsen. S. 191, 4 (Walz) Δημώνακτος.
V. Εἰσί τινες, οὗ τὸν παρόντα μὲν βίον οὐ ζῶσιν, ἀλλὰ
παρασχευάζονται πολλῇ σπουδῇ, ὡς ἕτερόν τινα βίον βιωσόμενοι,
οὗ τὸν παρόντα" χαὶ ἐν τούτῳ παραλειπόμενος ὃ χρόνος οἴχεται.
Stob. Flor. 16, 19 (= 16, 20. III, 485, 4 Η.). Mit dem Lemma ’Av-
τιφῶντος S (nach 16, 18 Mein.), M (nach 16, 16 Mein.), ohne Lemma A
(nach 16, 16 Mein.), Mac. Chrys. (nach 16, 15 Mein.); kommt auch vor
corp. Par. 351 Elt. τοῦ αὐτοῦ, ἃ. ἢ. Anpövaxtog ἀποφϑέγματα; Max. 12,
572 (M. 801 A) ?7?) Δημώνακχτ... |
VI. Οἱ ἀπαίδευτοι χαϑάπερ οἱ ἁλιευόμενοι ἰχϑύες ἑλκχόμενοι
σιγῶσιν. |
Max. 17, 585 (M. 824 D) Δημώναχτ.; Arsenius 191, 3; Joh. Dam.
Parall. ex cod. MS Flor. IV, 226, 137 (Mein. Appendix) Δημώνακχτος.
VI. Τὰς μὲν πόλεις ἀναϑήμασι, τὰς δέ ψυχὰς μαϑήμασι
δεῖ χοσμεῖν.
Stob. Flor. II, 31, 53 (II, 210, 15—17 H.) Anpwvaxtog, Yıbalov al
Σωχράτους; Δημόναχτος nur in L; Flor. Laur. II, 13 p. 196, 13 (Mein.)
Δημώνακτος, Ὑφαίου καὶ Σωχράτους; Max. 17 p. 585, 89 (M. 824 C) Ay-
poxpirov; Anton. I, 50 p. 56, 23 (M. 936 A) Democriti; Mel. Aug. c. 38
ἢ. 16 Δημοχρίτου; Demoecr.-Epict. S. 169 n. 18 (Wachsm.) 312); Pal. 18 275),
Bar. 21. Mon. 17. Leid 20. Vgl. Iambl. protr. c. 2 p. 20 Kiessl.
VIII. Ἢ τῶν περιστάσεων ἀνάγχη τοὺς μὲν φίλους δοχιμάζει,
τοὺς δὲ ἐχϑροὺς ἐλέγχει.
Anton. I, 24 p. 29, 19 (M. 852 A); Max. 6 p. 192, 17; Mel. Aug. ce. 11
n. 69; Gnomica Basil. 187 ἢ. 265 und Cod. Voss. n. 68 fol. 497 n. 236
unter den Epiktetgnomen; Democr.-Epict. S. 192, n. 155. (Wachsm.);
Apost. XII, 87 Ὁ ed. Gott. Δημώνακτος; Apostol. VIII, 71 ἃ Ἰσοκράτους
72) Vgl. Ὁ Hense III, S. 10, 50.
72) Fr. XVI liest dagegen diese Sentenz bei Anton. S. 140 p. 222,
48, wo sie in der M.-Ausgabe sich dafür nicht findet.
214) Vgl. auch Stob. (Mein.) IV, 268, 17 unter den Gnomen mit
Auswahl aus denen des Demokrit, Epiktet und anderer Philosophen.
275) Κ΄, 17. De Gnomol. Palat. ined. in der Satura Sauppio Hermanno
oblata. Berolini 1878 (vgl. Orelli I, 30, 91 unter Pythagoräersprüchen
und I, 122, 156 unter Δημοχρίτου λείψανο).
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactiss. 661
(vgl. 1, 25): Boiss. I, 132 nach Cod. Coisl. 249 Κλειτάρχου; Pythag. Syr.
n. 32; aus einem Vindob. unter den griech. Pythagoräersprüchen 269
n. 34 (H. Schenkl, Wien. Stud. VIII, 1886); ohne Lemma Georgid. p. 42,
15 (Boiss. I) und zweimal Boiss. Ill, 470. Pal. 115 (Wachsm. S. 50);
Par. 49; vgl. Hierocl. in carm, aur. p. 48, 11 Gaisf.
IX. Ἢ ἰσχὺς τοῦ σώματος μὴ γενέσϑω ψυχῆς ἀσϑένεια,
ἰσχὺν δὲ ψυχῆς φρόνησιν νόμιζε.
Anton. 37 p. 38, 58 Δημόναχτος; Max. 2, 14; Arsen. p. 274 (W;;
8, 42" Gott.); Flor. Lips. Il, 11 (Westermann S. 15); Cod. Paris. 1168
und Coisl. 249 (Boiss. I, 132, 5) und Paris. 1630 (Boiss. I, 127 ff. be-
nützt) Κλειτάρχου; Bodleian. misc. 120 bei Elter S. XLII, n. 101. 103 7°),
En τῶν Κλειτάρχου χ. τ. A.
X. Ἂν ἀλλοτρίοις παραδείγμασι maldeve σεαυτὸν nal ἀπαϑὴς
τῶν χαχῶν ἔσῃ.
Anton. 5. 37 p. 89, 1 (Μ. I, 10 p. 801 B) Demonactis; Max. 2, 15
(M. 733 B) Δημώναχτ.; Arsen. ed. Gott. 7, 169; Flor. Lips. p. 15 (West.)
τοῦ αὐτοῦ sc. Κλειτάρχου.
XI. Al μὲν χελιδόνες εὐδίαν ἡμῖν προσημαίνουσιν, οἱ δὲ ἐκ
φιλοσοφίας λόγοι ἀλυπίαν.
Anton, 170 p. 278, 10 (Gesn.) Μοσχίωνος &X. Δημώναχκτος; Clitarchi
Rib. (M. 929 ΟἹ; Bibl. Laurent. plut. XI cod. 14 = (od. A τοῦ αὐτοῦ
ἃ. ἢ. Δημωνάχτου und Bibl. plut. VII cod. 15 = Cod. B. Δημώνακτος,
ebenso Bibl. Laur. plut. VIII cod. 29 = Cod. C Δημώναχτος, in den
beiden ersten Handschriften des Max. geht Fragment XXI voraus’””);
Apostol. ed. Gott. I, 60°. Δημώναχτος ; (Orelli I, 8 n. 40 unter Demo-
philus vgl. Hadr. Agd. Cent. VII, 21) 8).
XII. Τοσοῦτον eis ἀρετὴν προσϑήσεις, ὅσον ἂν ὑφέλῃς τῶν
ἡδονῶν.
Flor. Lips. p. 12. (West.) Δημώναχτος; Anton. S. 1p. 6, 19 (M. 796 A)
ohne Lemma, voraus geht Demonactis.
XII. Αἰσχρὸν Ev μὲν ἄλλοις ἀποδέχεσϑαι τὰς ἀρετάς, ἐν
x 5»
ἑαυτοῖς δὲ ἔχειν τὰς χαχίας.
Anton. S. 1 p. 6, 21 (M.1p. 7 = 796 A) ohne Lemma folgt auf
Fr. XII; Flor. Lips. p. 12 τοῦ αὐτοῦ sc. Δημώνακτος.
XIV. Τοὺς τῶν σωμάτων ἐπιμελουμένους, ἑαυτῶν δὲ ἀμε-
λοῦντας ὠνείδιζεν ὡς τῶν μὲν οἴκων ἐπιμελουμένους, τῶν δὲ
ἐνοίκχων ἀμελοῦντας.
276) Ant. Elter, Sexti Pythagoriei sententiae cum appendicibus.
P. II. Clitarchi Epitome. Bonnae 1892 (Index lect.), Als 102 schiebt
sich der echt pythagoreische Satz dazwischen: Alpod τῇ φυχῇ μᾶλλον 7)
τῷ σώματι ἰσχύειν. Vgl. Schenkl, Wien. Stud. VIII, S. 271,45 (88 Stob.
ΠΌΡΟΥ ΞΞ- 1,22). Boiss, I, 132.
277) Reinhold Dressler, Quaestiones criticae ad Maximi et Antonii
Gnomologias spectantes. Lips. 1869 S. 23 und Schlußtabellen.
278) Orelli I, 200 ist eine andere Seite des Gleichnisses verzeichnet
mit dem Lemma Glykon: Καϑάπερ al χελιδόνες τῷ συνεχεῖ τῆς λαλιᾶς
τὴν ἣἥδονὴν τῆς ὁμιλίας ἀποβάλλουσιν " οὕτως οἱ ἀδολέσοχαι ὀχλήσεις συνεχεῖς
ποιούμενοι ἀηδεῖς ἀποφαίνονται τοῖς ἀχροωμένοις.
48 *
669 Κι απ κ,
. Anton. 8.1 p. 6, 23 τοῦ αὐτοῦ sc. Δημώναχτος; Max. 1, 49 (Μ. 728 D)
Δημώνακχτ.; Flor. Lips. p. 12; Arsen. p. 191 (W.).
XV. Δείχκνυσιν ἣ μὲν τροπὴ τὸν κατ᾽ ἀλήϑειαν ἀνδρεῖον, ἡ
δὲ ἀτυχία τὸν φρόνιμον.
Anton. S. 148 p. 238, 24 (M. 984 A) voraus geht Demonactis; Max.
18, 590 © = M. 835 B ohne Lemma nach Δημώνακτ.
XVI. Σοφιστοῦ τινος αἰτιωμένου αὐτὸν καὶ λέγοντος διὰ τί
με χαχῶς λέγεις; ὅτι μὴ καταφρονεῖς, ἔφη, τοῦ χαχῶς λέγοντος.
Anton. I, 53 p. 79, 19 (M. 945 Β) Demonax; Max. 10, 563 (M. 785 B)
Δημώναχτ. Τινὸς σοφιστοῦ... τὸν κακῶς λέγοντα, corr. Orelli II p. 146
in τοῦ κακῶς λέγοντος.
ΧΥΤΙ. Τοῖς ὡσὶ πλέον ἢ τῇ γλώττῃ χρῶ.
Anton. ὅ. 95 p. 156, 54; Max. 47 p. 647 (M. 940 C) Δημόναχτος.
XVII. ᾿Ελάσσω χαχὰ πάσχουσιν ol ἄνϑρωποι ὑπὸ τῶν
ἐχϑρῶν 7) ὑπὸ τῶν φίλων τοὺς μὲν γὰρ ἐχϑροὺς δεδιότες φυ-
λάσσονται, τοῖς δὲ φίλοις ἀνεῳγμένοι εἰσὶ καὶ γίγνονται σφαλεροὶ ᾿
χαὶ εὐεπιβούλευτοι.
Anton. S. 137 p. 217, 19 (M. 853 Β) Demonactis; Arsen, ed. Gott.
7, 7°; Axsen. p. 191 (W.).
XIX. Μυστήριον Ev φιλίᾳ ἀκούσας ὕστερον ἐχϑρὸς γενόμενος
μὴ ἐχφήνῃς᾽ ἀδικεῖς γὰρ οὐ τὸν ἐχϑρόν, ἀλλὰ τὴν φιλίαν.
Anton. 137 p. 217, 24 (Μ. 853 B) ohne Lemma nach Fr. XVIII;
Max. c. 6 Rib.; Armen. p. 19 Sexti; Exc. Vindob. 46 bei Mein. Stob. IV
p. 293 und Boiss. I, 125 haben kein Lemma, es geht aber ein Ausspruch
des Sextus voraus 279). |
XX. Μὴ χτῆσαι φίλον, ᾧ μὴ πάντα πιστεύεις.
Anton. S. 137 p. 217, 27 (M. 853 B) ohne Lemma nach Fr. XVII
und XIX; Max. 6 p. 550 (M. 761 ΟἹ Zekr.
XXI. Αἰτιωμένου τινὸς - τῶν ἑταίρων αὐτὸν χαὶ φήσαντος "
οὖκ ἐχρῆν σε τῷ ἐχϑρῷ μου φίλον εἶναι" σὲ μὲν οὖν, ἔφη, 00%
ἐχρῆν τῷ φίλῳ μου ἐχϑρὸν εἶναι.
Flor. Lips. cap. VI, 15 = p. 4 West. Δημώναχτος; Arsen. p. 191 (W.).
XXI. Ὃ λόγος ὥσπερ πλάστης ἀγαϑὸς χαλόν τῇ Ψυχῇ
περιτίϑησι σχῆμα.
Anton. 170 p. 278, 19. Δημώναχτος; Max. 15 p. 579 (Μ. 818 D) Ay-
μώνακχκτ., in den Handschriften D = ed. Combef., B, A, Ribit. 5. Gesn.
Cod.?2°); Stob. Flor. 81, 13 (III, 111, 13 Mein.) τοῦ αὐτοῦ ἃ. ἢ. Σωχρά-
τοὺς (Orelli I, 4 n. 5 unter Demophilus).
XXIII. Πλοῦτος ἀπὸ καχῆς ἐργασίας γενόμενος ἐπιφανέστερον |
ὄνειδος κέχτηται.
279) Gildemeister, Sexti Sententiarum recensiones Lat. Gr. Syr. Bonn
. 18982. SUR, 8,
280) Dressler S. 28 und Schlußtabellen.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 668
Anton. 41 p. 64, 19 (M. 900 ΟἹ Democriti (al. Demonactis nur bei
Gesn.); Anton. 31 (ΔΙ. 885 A) Chilonis; Max. 22 p. 602 (M. 856 C) Ay-
μοχρίτ. ; Stob. Flor. 10, 37; 92, 15 Annoxpitov (Mein. I, 236 und III, 181);
20,786. (Εἰ ΠῚ; 417, 1,292).
XXIV. Χρήματα πορίζειν μὲν οὖκ ἀχρεῖον, ἐξ ἀδικίης δὲ
πάντων χάχιον.
Anton. 41 p. 64, 21 (M. 900 C) Democriti; Anton. 78 p. 37, 11 (M.
877 Ὁ) Thespidae; Stob. Flor. 94, 25 τοῦ αὐτοῦ ἃ. h. Δημοχρίτου (Mein.
Ill, 196, 13); Max. 22 p. 602, 12 (M. 856 C) Δημοχρίτου; Democr. 43
(Orelli I, 85); Gnomica Basil. p. 166 n. 170 und Gnom, Voss. n. 68
fol. 42°, vorausgehend ὃ αὐτός [Δημόκριτος]; Mel. Aug. c. 10 n. 2 Δημο-
xeitov; Democrit. — Epict. S. 198 n. 197 (Wachsm.);. Palat. 148 (Wachsm.
8: 35)5u.Baröc., 117.
XXV. Οὔτε οὗ ἄμουσοι τοῖς ὀργάνοις οὔτε οἱ ἀπαίδευτοι
ταῖς τυχαῖς δύνανται συναρμιόσασϑαι.
Max. 18 p. 590 (Μ. 833 A) Δημώναχκτος und Anton. 1, 70 (M. 984 A)
Demonactis 383).
Zu diesen von Fr. namhaft gemachten Fragmenten kommen
noch folgende 6 Gnomen, von denen Wachsmuth, Stud. 5. 130
eine, Thimme 5. 47. 50 fünf für Demonax in Anspruch nehmen.
XXVI. Οἱ ἄνϑρωποι τάφους μὲν χατασχευάζουσι nal ἐντάφια
ὥσπερ μέλλοντες αὐτοῖς χρήσασϑαι" ἀφοβίαν δὲ χαὶ ἀλυπίαν τὴν
περὶ τοῦ ϑανάτου, 7] χρήσονται, οὐ παρασχευάζονται.
Mel. August. nach Wachsm. Stud. 5. 180 Δημώναχκτος; Max. 28
p. 614,9 (M. 877 D) Χαρικλ. Dieses Lemma ist offenbar unrichtig, wie
die Reihenfolge Leucippae, Characl. (sic!), Moschion, Demonax
(XXIX), Charicl. (XXVf.) zeigt, indem das Charicl. herabgerutscht
ist, wie es so häufig geschieht.
XXVII. "ἔνιοι πόλεων μὲν δεσπόζουσι, γυναιξὶ δὲ δουλεύουσιν.
Max. 3 p. 539 (M. 744 A) Δημώνακχτ.
XXVIN. Ὃ αὐτὸς (Δημῶναξ) ἐρωτηϑείς, τίς αὐτοῦ διδάσ-
χᾶλος γεγονὼς εἴη, Τὸ τῶν ᾿Αϑηναίων, ἔφη, βῆμα, ἐμφαίνων, ὅτι
N διὰ τῶν πραγμάτων ἐμπειρία χρείττων πάσης σοφιστικῆς δι-
δασχαλίας ἐστίν.
Max. 17 p. 587, 82 (M. 828 D) Δημώναχτος ; Stob. Flor. 29, 91 (II,
18 Mein.) Δημάδους als Lemma und im Text “85), ebenso Joann. Damasc.
Exc. Flor. I, 13, 157 (IV, 228 Mein.) und Arsen. p. 190, 29 ff. (W.),
mit dem Lemma Demadis auch in Codd. Vat. Gr. 741 und 385. Vgl.
außerdem Philodem. περὶ ῥητορικῆς ὑπομνηματικὸν Hercul. Vol. Collect.
alt. vol. III, 1864 — fol. 14 Col. V. Δημάδην &ly)ov(ta) τοὺς ἑαυτῷ παρα-
βάλλειν ἐθέλοντας ἐπὶ διδάσκαλον, τοῦτ᾽ ἔστιν τὸ(ν) δῆμ(ο)ν; Gmomol. ined.
281) Mit dem Lemma Anpoxpitov steht die Sentenz SMA; Δημος hat
wie gewöhnlich S. Vgl. Corp. Par. 194: Elt. Δημοχρίτου γνῶμαι.
282) Fr. äußert im Anschluß an fr. XV über die Zugehörigkeit
(Moschion oder Demonax?) Zweifel. Vgl. Thimme S. 49.
388) Nach III, 655, 6 H. ohne Lemma in S. Br., mit dem Lemma
Δημάδης (sic!) M.A. Er vermutet, daß dieses Apophthegma aus den
Chrien des Aristoteles genommen sei, wie das vorangehende.
664 K. Funk,
Vatic. (Sternbach, Wien. Stud. X, 220) n. 230 ὃ αὐτὸς ἃ. h. Δημοσϑέ-
νης 2332), mit ἢ. 233 folgt aber das Lemma Δημάδης; ohne Lemma aus
einem Cod. Bodleian. Clark. 11 f. 63 Cramer, Anecd. Oxon. vol. IV
p. 253, 22 ff.
XXIX. Ὑγιαίνων νοσεῖ πᾶς περίεργος ὃ τὰ ἀλλότρια πολυ-
πραγμονῶν.
Max. 21 p. 600, 15 (M. 583 A) Anuövauı; es schließt sich daran
ohne neues Lemma fr. IV; Anton. II, 76, 5 (M. 1192 B) Euclidis,
worauf fr. IV folgt mit dem Lemma Demonactis; Boiss. I, 137 Cheilon;
Floril. "Apıotov καὶ πρῶτον μάϑημα (H. Schenkl, Wien. Stud. XI (1889)
1f. S. 35 ἡ. 127 nach I (Pal. 64 Vind.! 64), II (Bar. 104. Nan. 103),
III Chelt. 335 Vat.! 286. Vat.? 288); Ap. Par. 193 2mal; Mel. Bar. X, 5;
Flor. Vind. 46. Vgl. Menandri Mon. 703; Vita Aesopi ed. Westermann
p- 29, 6ff.; Orelli I, 235 (Secundus).
XXX. Δεῖ ὥσπερ φορτίον τὴν. λύπην ἀναϑέμενον μὴ στέ-
νοντα φέρειν. |
—= Max. 28 p. 614 (M. 877 C) Δημώνακτος.
XXXIL Τοῖς ᾿Ασχλεπιάδαις μείζων ὀφείλεται χάρις ἐπερχομέ-
γὴν ἀναστέλλουσι νόσον ἣ παραπεσοῦσαν πάσχειν αἱρετώτερον.
Max. 50 p. 652 (Μ. 849 A) Δημόνακτος; Anton. 1, 56 (Μ. 953 A)
Demadis.
Wo außerdem noch der Name des Demonax in der Flori-
legienlitteratur erscheint, liegen offenbar Verschreibungen oder
Verwechslungen vor 358).
Nach dem im vorangehenden gekennzeichneten Stande
der Ueberlieferung müssen von den Fragmenten von vornherein
als unecht ausgeschieden werden VIII. IX. XIX. XXIH. XXIV.
XXVII XXIX. Dagegen sind wohl als echt anzuerkennen:
II. IV. VL X. XI—XVI. XXI XXV. XXVL XXVi?
2384) Das Gnomol. Vat. läßt die Worte von ἐμφαίνων bis Schluß weg.
285) Ἔν εὐτυχίᾳ φίλον εὑρεῖν εὐπορώτατον, ἐν δὲ δυστυχίᾳ πάντων ἄπο-
ρώτατον —= Max. 6 p. 192, 15 Rib. (ex dictis et sententiis Epicteti, Iso-
cratis et Demonactis) = Cod. Gesn., Mel. Aug. c. 11 n. 68 (ἐκ τῶν
᾿Επικτήτου, Ἰσοχράτους καὶ Δημωνάκτου); Anton. I, 24 p. 29, 18 (M. 852
A). Democrat. 72. Pal. 113 (Wachsmuth S. 30). Mon. 69. Leid. 68. Aber
schon die Verbindung dieser Sentenz mit fr. VIlI bei Anton., Gnomol.
Basil. p. 178 n. 265 und Gnom. Voss. n. 68 fol. 40” n. 236) zeigt, daß
Wachsmuth sie mit Recht für sein Gnom. Democrit. — Epieteteum in
Anspruch genommen hat (ὃ. 191). Dieselbe Verschreibung liegt vor
bei Max. S 17 p. 586 (M. 825 C), wo nach Ribit. 3 Aussprüche auch
unter den Lemmaten Demonactis, Isocratis et Epieteti laufen. Ebenso
trägt bei Apostol. XVIII, 41% (Schneidewin 729, 16) fälschlicherweise
der Ausspruch Χρόνος δὲ φευγέτω σε μηδὲ elg ἀργὸς die Unterschrift Ay-
μώνακτος, vgl. dagegen Arsen. LIV, 37: Stob, Flor. 29, 42; Hippon fr.
20 (Bergk). Das Gleiche gilt von der Gnoma bei Anton. 7 (M.796 A);
statt daß das Lemma Isocratis noch fortwirkt, ist das f. Demonactis
(= fr. XII und XII) heraufgenommen. Sie lautet: Βούλου τὰς τῆς
ἀρετῆς εἰκόνας ὑπομνήματα μᾶλλον ἣ Tod σώματος καταλιπεῖν — Isocr. ad
Nicocl. 36. Xen. Ages. 11, 7 (vgl. Tac. Agric. 46).
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 665
XXX. Inhaltlich stimmen diese echten Fragmente zu den An-
schauungen des Demonax in unserer Schrift, wie dies bereits
Fr. im einzelnen ausgeführt hat. Eine besonders auffallende
Uebereinstimmung findet sich aber nicht; es spiegelt sich in
den Aussprüchen nur die allgemein cynische Weltanschauung,
so daß die handschriftliche Ueberlieferung der Lemmata doch
den Hauptausschlag geben muß. Ich möchte deshalb nicht
mit Thimme wegen der Aehnlichkeit des Namens und des
Inhalts eine Gnome dem Demonax zueignen, welche das
Lemma Δημοχράτους trägt 356): ich glaube, daß eher hieher zu
ziehen ist das im Inhalt gleiche fr. II, weil es fast allgemein,
wie fr. 1 unter des Demonax Namen läuft. Seine Fassung
in einem jambischen Senar mag befremden. Aber bei der
Vorliebe des Demonax für die Dichter ist die Herkunft dieser
Verse von ihm nicht ganz unmöglich, und da zudem Photius
als Quelle des Stobäus nur einen Philosophen Demonax
kennt °®”), so wird man doch eher diesen als den Urheber
bezeichnen, denn einen Tragiker gleichen Namens erfinden 588).
Das gilt auch von Fragment 1.
Mehr oder weniger zweifelhaft bleiben trotz der inhalt-
lichen Anklänge 389) die Nummern V. VIL XI. XxX. XxlIl.
XXXI. Neue Veröffentlichungen auf diesem Gebiete werden
nicht bloß eine Entscheidung ermöglichen, sondern überhaupt
noch größere Sicherheit im Urteil und nicht unwahrschein-
286) Vgl. Thimme S. 50 ff. Die Gnome lautet: Κόλαζε χωρὶς ὀργῆς
τὸν ἁμαρτάνοντα, κηδεμονικὴν νουϑέτησιν, ἀλλὰ μὴ Σχυϑικὴν ἐμφαίνων ὦμό-
ya —= Georgid. cod. Laur. fol. 61” Δημοχράτους. Bar. 229, Pal. 157
(Wachsm., De Gnom. Pal. S. 36); Democrit. Epictet. S. 206 n. 258
(Wachsm.). Der echt cynische Ausdruck νουϑετεῖν (Diog. L. VI, 33)
findet sich auch in der Vita nicht.
287) Cod. 167 (ὃ. 114 B.) vgl. A. Elter, Photii Pinacograph. S. 42;
Flor. Stob. III, 587, 2 H.
288) Nauck, Trag. fragm. Lips. 1856 S. 643. Vgl. Wachsm. Stud.
S. 130; ebenso urteilte Mein., Hist. crit. p. 525, änderte aber seine
Ansicht Stob. Flor. IV p. ΠΧ], wie Fr. II, 1, 188 gegenüber III, 2, XV.
289) So entspricht fr. II (vgl. oben Anm. 286) genau: Πειρῶ πειϑοὶ καὶ
λόγῳ μᾶλλον I ὀῤγῇ τὰ ἡμαρτημένα διορϑοῦσθϑαι —= Georgid. p. 75, 9 (Boiss.)
Χαρικχλείας; Bar. 228; Mon. 98; Leid. 94. Pal. 158 (Wachsm. S. 36); De-
mocrit. — Epict. S. 206 n. 259 (Wachsm.),. Inhaltlich paßt es genau
zu Dem. 7 und 10. Mit Dem. 11 stimmt nicht weniger zusammen:
Ei τις τιμᾷ τὸν ϑεὸν ὡς προσδεόμενον, οὗτος λέληϑεν ἑαυτὸν δοξάζων τοῦ
ϑεοῦ εἶναι vgl. Wachsm., Stud. 5. 167 n. 8. Andere Beispiele ließen
sich noch mehr aufführen.
666 K. Funk,
lich auch eine Bereicherung an Fragmenten *°) bringen.
Für unseren Zweck aber genügen die als echt zu bezeich-
nenden Aussprüche vollauf, um jeden Zweifel an der histori-
schen Existenz des Demonax zu heben. Freilich ist die Iden-
tität unseres Demonax mit dem der Florilegien nicht dadurch
unzweideutig festgelegt, daß etwa der eine oder andere Aus-
spruch unserer Schrift in irgend einem Gnomologium unter
seinem Namen sich findet, oder daß wir wenigstens im allge-
meinen über die Existenz noch weiterer Schriften über Demonax
unterrichtet wären. Aber es dürfte der obige Schluß trotzdem
nicht zu weit gehen, da ja der einzige bedeutende Träger des
Namens Demonax aus der cynischen Schule — und einen
solchen müssen wir nach Eunapius und den Florilegien voraus-
setzen — eben nur der durch Lucian bekannte ist.
Dieser Schluß wird dadurch nicht mehr erschüttert, daß
der Kaiser Julian in einem Trostbrief an Amerius dieselbe
Anekdote, welche Lucian in c. 25 von Demonax berichtet, auf
Demokrit von Abdera zurückführt?®!). Denn die ganze Ge-
staltung der Anekdote bei Julian schließt zum mindesten die
direkte Benützung unserer Schrift aus. So sehr die Namen
aneinander anklingen und sonst gegenseitig verwechselt sind,
wir müssen annehmen, daß dieselbe Erzählung entweder ebenso
aus dem Leben des Demokrit überliefert war, oder daß Julian
oder ein anderer die Umprägung aus dem doch etwas unbe-
kannten Kreise in bekanntere Verhältnisse vorgenommen hat.
Was endlich die Frage nach der Quelle unserer Fragmente
290) Dressler S. 36 spricht von dem Vorkommen des’ Lemma De-
monax im Cod. Monac, 429 e. 11 περὶ φίλων; H. Schenkl, Die epikteti-
schen Fragmente in den Sitzgsber. d. Wien. Akad. (1888) 115, 468 er-
wähnt, daß im Cod. Paris. 1168 sich 13 Gnomen mit dem Lemma
Δημόναχτος finden und daran anschließend Apophthegmata, von denen
5 und 6 sicher Demonax gehören. S$. 500 sagt er indessen, daß dem
Kompilator des Max. nur die hier enthaltenen Stücke bekannt waren.
291) Epist. 36 (ὃ. 533 Hertlein): Φασὶ γὰρ Δημόκριτον τὸν ᾿Αβδηρίτην,
ἐπειδὴ Δαρείῳ γυναικὸς καλῆς ἀλγοῦντι ϑάνατον οὖκ εἶχεν, ὅτι ἂν εἰπὼν
εἰς παραμυϑίαν ἀρχέσειεν, ὑποσχέσϑαι ol τὴν ἀπελθοῦσαν εἰς τὸ φῶς ἄν ἅ-
ξειν...». μόνου δὲ ἑνὸς προσδέοιτο.. . εἰ τριῶν ἀπενυήτων
ὀνόματα τῷ τάφῳ τῆς γυναικὸς ἐπιγράφειεν. .., ἀπορρήσαντος δὲ
τοῦ Δαρείου χαὶ μηδένα ἄρα δυνηϑέντος εὑρεῖν... γελάσαντα συνήϑως τὸν
Δημόκριτον εἰπεῖν Τί οὖν, ὦ πάντων ἀτοπώτατε, ϑρηνεῖς ἀνέδην, ὡς μόνος
ἀλγεινῷ τοσούτῳ συμπλαχείς, 6 μηδὲ ἕνα τῶν πώποτε γεγονότων ἄμοι-
ρον οἰχείου πάϑους ἔχων εὑρεῖν.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 667
angeht, so läßt sich darüber in einigen Punkten nur etwas
Negatives sagen. Unhaltbar ist die Ansicht, daß sie aus der
Lucianischen Biographie des Demonax genommen seien. Aber
auch daran wird man nicht denken können, daß sie aus irgend
einem philosophischen Werke des Demonax selbst stammen
(Thimme S. 51). Weder dem Stobäus, noch dem Eunapius
ist er als Schriftsteller bekannt, und in unserer Vıta Demo-
nactis tritt nirgends ein deutlicher Hinweis auf eine schrift-
stellerische Tätigkeit hervor. Die Worte, die man darauf be-
ziehen wollte 355), sind zu allgemein und weisen nach dem
ganzen Zusammenhang (vgl. bes. c. 3) auf seinen Nachruhm
aus der praktischen Tätigkeit hin. Sie ist es ja und nur sie,
welche Lucian mit allem Nachdruck betont und überall den
schönsten und wohlgesetztesten Reden und Schriften vorzieht.
Sie ist es, auf die in der wirklichen Parallele zu unserer Stelle
Dial. mort. XXIV, 3 der Ruhm des Diogenes einzig und allein
begründet wird, indem er den Worten λόγον τοῖς ἀρίστοις περὶ
αὑτοῦ καταλέλοιπεν hinzufügt ἀνδρὸς βίον βεβιωκὼς ὁψηλότερον
τοῦ σοῦ μνήματος χαὶ ἐν βεβαιοτέρῳ χωρίῳ χατεσχευασμένον.
Wir werden ‘also überhaupt davon absehen müssen, daß De-
monax als Schriftsteller gewirkt hat. Er hätte sich damit in
Gegensatz gestellt zu der Anschauung der hervorragendsten
Cyniker und besonders zu denen der damaligen Zeit. Wie
nämlich schon Diogenes nicht durch Schriften, sondern durch
das lebendige Wort der Rede wirken wollte?®°), so wurde jetzt
in den Kreisen der Popularphilosophen die Enthaltung von
| schriftstellerischer Tätigkeit geradezu Grundsatz. Sei es, daß
Ruhmsucht darin gesehen wurde, oder daß das Vorbild des
Sokrates, der Pythagoräer und anderer älterer Philosophen ein-
wirkte, oder daß es einfach, die Stellung zu den Sophisten mit
sich brachte, denen Schreiben und Reden alles galt, Musonius
hat uns nichts Schriftliches hinterlassen, und seinem Beispiele
292) Thimme S. 52 bezog darauf ἑκὼν ἀπῆλθε τοῦ βίου πολὺν ὑπὲρ
αὑτοῦ λόγον τοῖς ἀρίστοις τῶν λλήνων χαταλιπὼν c. 4. Daß ἄριστοι ΞΞΞ
πεπαιδευμένοι zu nehmen ist, kann nicht bezweifelt werden. Vgl. Som.
c. 12 und Alex. 2; aber daraus folgt nicht, daß er nur durch schrift-
stellerische Tätigkeit bei ihnen zu Ansehen kommen konnte.
. > Diog. L. VI, 48; über seine Schriften 5. Dümmler, Antisthenika
668 K. Funk,
folgten Epiktet und Rustikus 334). Dieses selbe Princip dürfen
wir gewiß auch für Demonax, den neuen Sokrates und ge-
schworenen Feind der Sophisten, wirksam sein lassen. Die
abgerundeten Sentenzen, deren jede für sich allein verständlich
ist, und die Apophthegmata lassen auch kaum vermuten, daß
sie sämtlich als wörtliche Citate einem größeren philosophischen
Werke entnommen sind. Nach Form und Inhalt weisen sie
vielmehr auf eine der zahlreichen Gnomensammlungen oder
eine unserer Vita ähnliche Schrift als ihre Quelle hin (vgl.
Leo 8. 50).
Schluss.
Nach den gewonnenen Ergebnissen läßt sich der Zweck
unserer Schrift unschwer bestimmen. Zurückzuweisen, min-
destens in dieser Einseitigkeit, ist die Ansicht von Schwarz
(3. 582 ff.), als habe Lucian mit der fraglichen Vita den Cy-
nikern nur das Idealbild eines Philosophen ihrer Sekte zeichnen
wollen; denn dazu wäre ein Eklektiker doch nicht besonders
geeignet gewesen (vgl. Thimme Κ΄. 41ff.). Da für uns die
historische Existenz des Demonax feststeht, so tritt natür-
lich der historische Zweck in den Vordergrund (vgl. c. 2). Wir
haben in der Schrift eine wirkliche Biographie vor uns, das
Erzählte ist in der Hauptsache Geschichte im eigentlichen
Sinn. Nur müssen wir die Vita messen nach der antiken Be-
deutung des Wortes Geschichte 335), und sodann die Einschrän-
kungen anbringen, die wir oben schon gemacht haben, ohne
daß wir deshalb die Schrift mehr zu rhetorischen Zwecken
geschrieben sein lassen (Hermann S. 220).
Eine gewisse Idealisierung war ja von selbst gegeben
294) Vgl. Hirzel II, 293 ff. 244, 2 und R. Asmus, Quaestiones Epic-
teteae. Freiburg 1888. 5. 26 X.
295) Quint. 4,19. Vgl. Hirzel II, 146 ff; K. Fr. Hermann, ΜΝ Abh.
und Beitr. 8. 218.
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis.. 669
durch einen weiteren Zweck didaktisch-paränetischer Natur.
Es spricht nämlich in dem von uns als echt erfundenen c. 2
der Verfasser eigens die Absicht aus, zugleich der edleren,
nach wahrer Weisheit strebenden Jugend aus der Gegenwart
das Bild eines echten Philosophen darzustellen, eines solchen,
der sogar die großen, alten Musterphilosophen zu ersetzen
vermöge.
Aber wie eigentümlich, wie befremdend mutet uns die
Art an, mit welcher der Satiriker seine Absicht ausführt? Wir
wissen zwar aus Lucian selbst (Anach. 21), daß Aussprüche
weiser Männer, fruchtbare Gedanken und die Taten des Alter-
tums in den Khetoren- und Philosophenschulen behandelt
worden sind, und daß dies oft auch in Verse gekleidet den
Jungen Leuten zum Auswendiglernen gegeben wurde 395), allein
wir müssen uns wundern, daß so wenig ernste und ethische
Vorschriften und Kernsprüche in der Schrift geboten werden.
Gewiß verrät es den alten Satiriker, wenn trotz des angekün-
digten Zweckes sein Ideal im lebhaften Proteste mit der Zeit-
philosophie und den Scheinphilosophen erscheint, und daß er
die Auswahl der Aussprüche und Anekdoten so trifft, daß die
Polemik, die er anderwärts mit allem Eifer führt, hier nur
stiller und ruhiger als sonst sich fortsetzt.
Daneben hat es Lucian nun aber doch verstanden, mit
wenigen Worten das Bild eines wahren Philosophen zu ent-
werfen. Ein Vergleich mit dem von Epiktet (Arrian, Diss.
Epict. III, 22 Sch.) gezeichneten Ideal lehrt das deutlich. Die
Bedingungen, welche hier aufgestellt werden, erfüllt Demonax
vollständig. In ihm lebt die alte Größe des Diogenes und der
‚früheren Philosophen wieder auf; auf sie greift er zurück, aber
nicht nur äußerlich, wie die Nachahmer der Gegenwart, die
Thersitesnaturen (Dem. 61) oder, wie Epiktet (22, 80) sich
ausdrückt, die τραπεζῆες πυλαωροί, οἱ οὐδὲν μιμοῦνται Exelvoug,
ἢ εἴ τι ἄρα, πόρδωνες γίνονται, ἄλλο δ᾽ οὐδέν. Er ist mit
Epiktet (22, 10) überzeugt, daß nicht πηρίδιον, nicht τριβώνιον
(Dem. 19) und ξύλον (Dem. 48) den echten Cyniker ausmache,
296) Vgl. Quint. 1,1, 36; Seneca, Epist. 33, 7. Der Ausdruck ἐν
ταῖς σχολαῖς bei Plut. ist nicht mit Schmidt a. a. O. in diesem engen
Sinne zu nehmen. Vgl. Hirzel I, 370 Anm,
670 K. Funk,
daß man aber auch nicht den dafür zu halten habe, der Mode-
torheiten und weichliche Lebensart geißle, im Sinne dessen,
der da meint: χἂν ἴδω τινὰ δρωπαχιζόμενον, ἐπιτιμήσω αὐτῷ,
χἂν τὸ χόμιον πεπλαχότα ἣ ἐν χοχχίνοις περιπατοῦντα (22, 10).
Wie wenig Demonax einem solchen δρωπακιζόμενος gegenüber
das Verhalten eines Oynikers billigt, dafür scheint geradezu
c. 50 geschrieben zu sein, wie ebenso in c. 16 (vgl. 41) nicht.
der Tadel der Kleidertorheit, sondern die Art des Tadels
die Hauptsache ist. Die erste und höchste Forderung ist auch
bei ihm die Uebereinstimmung von Leben und Lehre. Das
ἐπιτιμᾶν τισιν χαὶ χολάζειν τοὺς ἁμαρτάνοντας fordert ein Üye-
μονιχὸν χαϑαρώτερον τοῦ ἡλίου (22, 93. 98. Vgl. Dem. 3). Durch-
drungen von dem Grundsatz, daß selbst tadellos sein müsse,
wer andere tadeln will, hätte Demonax mit Recht die Worte
Epiktets (22, 47—49) auf sich anwenden können: Ἰδετέ με,
domöds εἶμι, ἄπολις, ἀχτήμων, ἄδουλος: χαμαὶ χοιμῶμαι οὐ
γυνή, οὐ παιδία (Dem. 55)" οὐχ εἰμὲ ἐλεύϑερος; πότ᾽ ἐμ-
εμψάμην ἣ ϑεὸν ἣ ἄνθρωπον, πότ᾽ ἐνεχάλεσαά τινι
(Dem. 63. Vgl. 11. 27. 56. 3. 20); μή τις ὑμῶν ἐσχυϑ'ρω-
παχότα με εἶδεν (Dem. 6. 7); πῶς δ᾽ ἐντυγχάνω τούτοις, . οὺς
ὑμεῖς φοβεῖσϑε χαὶ ϑαυμάζετε; οὐχ ὡς ἀνδραπόδοις (vgl. Dem.
90. 50. 24, 25). Auch darin stimmt er mit dem Epiktetischen
Ideal (22, 81) überein, daß er niemand von seiner Freundschaft
ausschließt, daß er für alle sorgt wie ein Vater, wie ein
Bruder (vgl. Dem. 10. 7), daß er all seine Kraft und Zeit der
Menschheit widmet, um sie zu belehren, wie das wahre Glück
nicht zu suchen sei ἐν σώματι, χτήσει, ἀρχῇ σωματικὸν γὰρ,
ϑάνατος, φυγὴ οὐδὲν πρός με (22, 22. 26. Vgl. Dem. 7. 20. 24.
25. 45), und auf jede Weise hilft er es ihnen zu erreichen.
Er bleibt deswegen unverheiratet, wie der wahre Cyniker es
sein soll, ἐπιφοιτᾶν δυνάμενος τοῖς ἀνθρώποις, οὐ προδεδεμένος
χαϑύήμουσιν ἰδιωτικοῖς... ὃν δεῖ τοὺς ἄλλους ἐπισχοπεῖν,
τοὺς γεγαμηχότας, τοὺς πεπαιδοποιημένους, τίς χαλῶς
χρῆται τῇ αὑτοῦ γυναιχί, τίς χαχῶς, ποία οἰκία εὐσταϑμεῖ,
ποία 00, ὡς ἰατρὸς περιερχόμενος Aal τῶν σφυγμῶν
ἁπτόμενος (22, θ9---72. Vgl. Dem. 7. 9). Und wenn endlich
Epiktet (22, 90) als eine wesentliche Eigenschaft im Umgang
mit anderen χάριν πολλὴν φυσικὴν καὶ ὀξύτητα für den Ideal-
Untersuchungen über die Lucianische Vita Demonactis. 671
_ eyniker fordert, und wenn er das an einigen Beispielen von
Diogenes nachweist, so zeigt Lucian zur Genüge, wie glänzend
Demonax dieser Aufgabe entsprochen hat. Ja man glaubt in
der Anekdote von c. 16 geradezu eine direkte Bezugnahme auf
Epiktet herauszuhören, wenn dieser einmal (22, 54—56) aus-
führt: Δέρεσϑαι αὐτὸν δεῖ χαὶ δερόμενον φιλεῖν αὐτοὺς τοὺς
δέροντας, ὡς πατέρα πάντων, ὡς ἀδελφόν οὐ, ἄλλ᾽ ἄν τίς σε
δέρῃ, χραύγαζε στὰς ἐν τῷ μέσῳ — ὦ Καῖσαρ, ἐν τῇ σῇ εἰρήνῃ,
οἷα πάσχω, ἄγωμεν ἐπὶ τὸν ἀνθύπατον. Bei so vielen An-
klängen wird man gewiß annehmen dürfen, dem Verfasser der
Biographie haben die Dissertat. Epiet. von Arrian vorgelegen,
und dieser habe gleichsam die Illustration dazu geliefert.
Trotz alledem ist aber Demonax nicht bloß eine treue
Kopie Epiktets und seines Ideals. Es treten auch Unterschiede
hervor, und es machen sich auch Einflüsse von den anderen
Seltend, mit denen er umgegangen ist. Namentlich in seiner
Stellung zur Wahrsagekunst ist er ein echter Schüler des
Timokrates, der seinerseits wieder mit dem von Lucian (bes.
Alex. 17) so hochgefeierten Demokrit die philosophischen
Grundanschauungen gemeinsam hat 357).
So hat mithin Lucian auch mit diesem zweiten Zweck
nicht zu viel gesagt. Demonax entsprach in der Tat allen
Anforderungen, die man an einen Idealphilosophen damals
stellte, und er war es wert, der Jugend als nachahmenswertes
Beispiel vorgestellt zu werden. Es drängt sich also hier von
neuem der Schluß auf, den wir bereits oben glaubten machen
zu müssen: Demonax war unter den Cynikern der damaligen
Zeit trotz unserer geringen anderweitigen Kenntnisse von seiner
Persönlichkeit doch nicht so unbedeutend, er war es am aller-
wenigsten für Lucian selbst.: Der längere Umgang und die
nähere Bekanntschaft mit Demonax war für ihn, namentlich
als Schriftsteller, von der größten Wichtigkeit. Hier sahen
wir die Fäden seiner schriftstellerischen Tätigkeit zusammen-
laufen, und wie in einem Brennpunkt sich die Strahlen sam-
meln, die wir in seinen anderen Schriften zerstreut fanden.
297) Vgl. Philostr. Υ 5. 46, 29. Die Haltung gegenüber dem Staate
(Dem. 9) scheint auch von der Diss. 22,83 ff. gezeichneten abzuweichen.
672 ΚΙ Funk, Untersuchungen über die Luc. Vita Demon.
Nach Form und Inhalt stand er offenbar unter seinem Ein-
flusse. Dieser Philosoph war der freimütige Mann, der ihn
die Klippen der atticistischen Pedanterie vermeiden und die
rechte Mitte gehen ließ. In seinen geistreichen Gesprächen
fand er den Stoff für manche kleine Scene. Durch das Be-
kanntwerden mit ihm erfolgte wohl die Absage von der Rhe-
torik und die Hinwendung zur dialogischen Schreibweise Und
wenn die Dialoge nicht: der Belehrung, sondern der Unterhal-
tung dienen, und wenn der Grundton fast durchgängig der
cynisch-menippeische ist, so wird eben wiederum der Verkehr
mit Demonax die Erklärung für diese Erscheinung sein. Da
dieser ja selbst dem cynischen Hedonismus huldigte, mag er
ihn auch auf diese Quellen hingewiesen haben, als eine reiche
Fundgrube neuer, weniger verbrauchter Gedanken und Stoffe.
Sind die Ergebnisse vorliegender Untersuchung richtig,
so ist demnach Lucian nicht nur einfach ein Werk gerettet,
wir haben damit zugleich auch den Schlüssel gefunden für ein
besseres Verständnis dieses Mannes; wir haben in der Bio-
sraphie, deren Abfassung den Ereignissen fast gleichzeitig
ist, nicht nur eine glaubwürdige und schätzenswerte Bereiche-
rung unseres historischen Wissens über die philosophischen
Strömungen jener Tage, sondern nichts weniger als ein Stück
Autobiographie des Schriftstellers selbst.
Inhaltsverzeichnis. Register.
673
Inhaltsverzeichnis.
Einleitung
I. Untersuchung über "Ἢ πο ε ἢ 5
1. Aeußere Zeugnisse
2. Sprachliche Untersuchung
3. Sachliche Untersuchung
Il. Untersuchung über die Integrität k
1. Die Hypothese von der christlichen Uranharking
2. Interpolationen und Lücken . a
3. Erklärung für die Komposition der Schrift :
4. un. 3
Ill. Die historische Existenz den en ;
1. Beurteilung der erhobenen Einwände
2. Die Fragmente .
Schluß. :
Seite
961—563
564—617
964—566
566—589
589—617
617—647
617—623
623—631
631—639
ı 689— 647
647—668
647 — 659
6959—668
668—672
Register.
Abfassungszeit 601. 614 ff.
Adverbien 572. 578. 580.
Agathobulus 595. 651.
Anklänge 627 £.
ἅπαξ λεγόμενα 577.
Apollonius 616.
ἀπομνημόνευμα 682 f.
Apophthegmatä 626 ff. 633 ff. 659 ff.
Aristipp 595 ff.
Arrıan 646.
Artikel 570.
Atheismus 653 fi.
Athen 607. 617. 652 £. 654. 658.
Athleten 645.
Atticismus 567. 612 ἢ
Aufstände 655 ἢ.
Bagoas 607 fi.
Bedürfnislosigkeit 592 ff.
Begräbnis 603.
Cethegus 615 £.
Chrie 634 ff.
Christliche Interpolationen 617 ff.
Citate 585 f.
Cynismus u. Lucian 589—91. 613.
Cynische Tracht 596.
en nn
Demetrius 594. 651.
Demokrit 596. 666. 671.
Demonax Philosoph 595 ff. 614. 667.
— — Tragiker 665.
Denkmalsetzung 603.
Dialektik 600 f.
Dio Chrysostomus 594. 619. 622.
632. 652 f.
Diogenes 590 f. 595 ff. 634. 667.
Diokles 607 ff.
Dogmatische Philosophie 600.
Ehe 646 ἢ. 652.
Eleusinien 659.
Epigramme 603.
Epiktet 594. 604. 646. 651 f. 669 ff.
Epikur 596 £.
Ethische Philosophie 600.
Eunapius 565. 624. 648.
Favorinus 594. 608 f. 622. 626.
Fiktionen 650 ἢ.
Flexion 569 f. 578 £.
Florilegien 649. 659. 666 £.
Freiheit 602. 604.
Freundschaftsliebe 598 620.
Friedensstifter 619.
674
Gerichtsscenen 623.
Gladiatorenkämpfe 599, 652.
Gymnastik 594.
Handschriften 565 £.
Herminus 652.
Herakles 597. 644.
Herodes Attikus 611. 615. 642 f. 649.
Heroenbedürfnis 643.
Hiatus 575.
Humor 597 £. 603.
Idealphilosoph 605. 656 f.
Ironie 595 f.
Isthmus von Korinth 643.
Iulian 620. 666.
Kasus 570. 579.
Kleiderspott 6153.
Krates 619 f. 652.
Konsequenz 592. 600. 607 fi. 657.
667.
Kultus 654 ἢ.
Lautlehre 568 f£.
Lesbonax 612. 648.
Leutseligkeit 598 ἢ.
Lucians Eigenart 588 f. 591. 598 £f.
605 f. 615. 633. 637.
Lucius Philosoph 649.
Lucius Verus 616.
Mark Aurel 616.
Menipp 596 fi. 602 f. 610. 658 £.
Metaphern 587.
Milde 598 f. 619.
Modus 571.
Musonius 619. 649. 652. 667.
Mysterien 621. 654.
Mythologie 644 f.
Naturwissenschaften 600.
Negationen 572.
Objektivität 638.
Opfer 621.
Orakel 602. 610.
Ordnungslosigkeit 617 f. 632 ἢ,
635 ft.
Parallelen sachliche 607—13.
wörtliche 583—85.,
Partikeln 573 f. 578. 580 £.
Peregrinus 593. 595. 599. 603 f. 606.
Philosophie und Lucian 589 ff. 656 ff.
Philostratus u. Lucian 564. 601.
637. 641 ff. 648 ἢ. 652.
Register.
πιττοῦν 577. 613.
Platons Psychologie 611f.
Plutarch 620. 641 f.
Poesie 586. 593 f.
Präpositionen 572 f. 578. 580.
Pronomina 571. 579.
πρῶτος χαὶ μόνος 601.
Quelle der Fragmente 666 ff.
Räuberromantik 645 f.
Redefiguren 575 f.
Religiöse Strömungen 653.
Rhetorik 594.
Rhythmik der Sprache 568.
Satzbau 574 f.
Selbstmord 604 ἢ,
Sidonius Sophistes 626 f.
Sokrates 595. 605. 610. 621. 630.
634. 667.
Sophistik 590. 606 £.
Sostratus-Agathion 623 f. 639 ff.
Sostratus der Räuber 640.
Sprichwörter 585 f.
Staat 599.
Stand der Forschung 562 f.
Steinigung 655 f.
Stilarten 632f.
Stilprincip f. Biographien 632—637.
Synkrisis 640 f.
Synonyma 576.
Syntax 570f. 579. 581.
Tempus 571.
Thersites 597.
Theseus 644.
Timokrates 595. 612. 671.
Todesfreudigkeit 605. 609.
Todesgedanke 601f. 611. 649,
Toleranz religiöse 694.
Unsterblichkeit 604. 619. 644.
Urteilsunsicherheit 561 f. 567.625 ἢ.
628 £.
Verfolgungen religiöse 659.
Vergänglichkeit 601 ἢ.
Wahrheitsliebe 656 f.
Wahrsagekunst 610 £.
Wiederholungen 582ff. 589. 631.
635.
Wortstellung 5TAf.
Wortverbindungen 582f.
Wortwahl 576 ff. 581 f.
Xenophon 632 f.
Zenon von Sıdon 655.
Zweck der Schrift 605 ff. 668 ἢ.
ZUM SPRACHENKAMPF
IM RÖMISCHEN REICH
BIS AUF DIE ZEIT JUSTINIANS.
EINE SKIZZE
VON
LUDWIG HAHN.
Philologus, Supplementband X, viertes Heft. 44
Diese „Skizze“ beruht für die Zeit bis auf Hadrian auf der 1906
bei Dieterich (Theod. Weicher) in Leipzig erschienenen Studie des Ver-
fasserss „Rom und Romanismus im griechisch-römischen Osten. Bis
auf die Zeit Hadrians“. Dort mögen die näheren Angaben und Belege
für diese Zeit nachgesehen werden. Eine „Skizze“ habe ich vorliegende
Arbeit genannt, weil sie in allgemeinen Umrissen Andeutungen über
die Einwirkung des Romanismus und seiner Sprache auf den Hellenis-
mus sowie auf den Orient bis auf die Zeit Justinians geben soll. Mein
Zweck ist, die Aufmerksamkeit auf dies noch ziemlich brach liegende
Gebiet zu lenken, damit durch Lieferung von Spezialuntersuchungen,
die sich sowohl mit den kulturellen Verhältnissen — Verwaltung, Heer-
wesen, Rechtswesen, Handel, Münze und Maß, Religion, auch Kunst
und Literatur — als auch mit der Sprache befassen würden, eine
weitere eingehende Behandlung des großen Stoffes ermöglicht wird.
ἀν! ah hier auch auf die in „Rom und Romanismus“ formulierten
robleme.
I.
Jedem, der die Sprachenkarte Europas überblickt, fällt
wohl ein von einer Bevölkerung romanischer Zunge bewohn-
tes, aber von den übrigen romanischen Ländern weit entferntes
Gebiet auf, das im Osten, im sogenannten Halbasien, zu finden
ist. Dasselbe umfaßt bekanntlich Rumänien!), das östliche
Ungarn mit Siebenbürgen, die Bukowina, Bessarabien und
einige Landschaften südlich der Donau auf der Balkanhalbinsel,
die von den sog. Zinzaren oder Kutzo-Wlachen bewohnt sind.
Die Existenz dieser romanischen Sprache im fernen Osten
ist ein heute noch deutlich redender und lebendiger Beweis
für die Tatkraft der Römer, ein gewaltiges und bedeutungs-
volles Denkmal römischer Größe. Trotz der kurzen, nicht
zwei Jahrhunderte dauernden Besetzung Daciens durch die
Römer, trotz der Stürme der germanischen und dann der sla-
vischen Völkerwanderung hat sich an der unteren Donau die
lateinische Sprache als Mischsprache bis auf den heutigen Tag
erhalten) und gewinnt noch an Terrain. Noch jetzt heißt
sie die rumänische d. h. römische Sprache und, die sie sprechen,
nennen sich stolz Rumuni d. h. Romani.
1) Ueber die Bedeutung von Ῥωμανία (Romania bei Orosius III
20,11; VII 43,5) = römisches Land, Reich 5. Gaston Paris, Romania
I. Bd. (1872) S. 14; cf. auch die Bezeichnungen Rumelien, Rum (Ideler,
Chronologie I 454).
2) Der Ansicht, daß das Römertum infolge der Wegführung der
römischen Kolonisten durch Aurelian unterging und daß die heutigen
Rumänen seit dem 13. Jahrh. aus den Ländern am Balkan allmählich
in ihr heutiges Gebiet einwanderten, scheint mir die auffallende Tat-
sache entgegenzustehen, daß das heutige rumänische Sprachgebiet genau
der ehemaligen provincia Dacia entspricht. Vgl. auch Jul. Jung, Die
romanischen Landschaften des römischen Reiches, Innsbruck 1881 5. 403.
452. 460. 468. 470 ff. — Alex. Budinszky, die Ausbreitung der lateinischen
Sprache, Berl. 1881 S. 222 ἢ, — Die Donaurömer bildeten noch im byz.
Reich im 5.—6, Jh. den Kern des Heeres; Const. Jirecek, Die Romanen
in den Städten Dalmatiens während des M.-A., Wien 1901 5. 18—20.
44
678 Ludwig Hahn,
Kümmerlich nehmen sich einem solchen Erfolge der Römer
in der Romanisierung gegenüber die Germanisierungsversuche
aus, die vom Deutschtum seit den letzten Jahrhunderten an
der slavischen Grenze gemacht worden sind.
Freilich gingen die Römer bei der Unterwerfung der
Länder gegen die Eingeborenen, zumal wenn sie die Waffen
gegen die Sieger getragen hatten, mit der für die Aufrecht-
erhaltung der römischen Herrschaft notwendigen, rücksichts- .
losen Konsequenz vor, ohne sich durch humanitäre Doktrinen
beengt zu fühlen. Man hat berechnet, daß es zur Zeit Caesars
in Gallien etwa drei Millionen kriegstaugliche Männer gegeben
hat. Von diesen wurde etwa eine Million vernichtet und eine
zweite Million ging in der Sklaverei zugrunde 5). Bei hart-
näckigem Widerstand wurden ganze Stämme ausgerottet, ein
Verfahren, welches mit so großem Erfolg für die Ausbreitung
der europäischen Rasse von den Spaniern in Amerika und von
den Engländern in Australien angewendet wurde.
Die bis zum völligen Ruin gehende Dezimierung der Be-
völkerung traf vor allem die Länder des Westens. Da die
übrig gebliebenen Eingeborenen aus ihrem Besitze verdrängt
wurden, da sie ferner auch kulturell hinter den Siegern zu-
rückstanden, so gewann im Okzident der Romanismus leicht ᾿
und schnell Boden. Zu der Zeit, da die Germanen diese Pro-
vinzen in Besitz nahmen, fanden sie eine fast homogene Be-
völkerung mit römischen Sitten, römischer Sprache und römi-
scher Gesinnung. Die Romanisierung des Okzidents war also
schon vor dem Einbruche der Germanen vollendet.
Wesentlich anders lagen die Verhältnisse im Osten. Hier
stießen die Römer auf Hellas und die hellenistischen Reiche.
Der aktive Widerstand gegen die Herrschaft Roms war bei
der erschlafften und degenerierten Bevölkerung zumeist mit
der Besiegung der Könige zu Ende. Die Unterwerfung Gal-
liens beanspruchte acht Jahre, die Einverleibung Aegyptens
war das Werk weniger Tage. Wie die Engländer das un-
kriegerische und produktive Volk Indiens als ein Objekt der
Ausbeutung wenn auch nicht zu schonen, so doch zu erhalten
8) Vgl. Jul. Jung, a. a. Ο. S. 190.
Sprachenkampf im römischen Reich. 679
wissen, ebenso hatten die Römer keine Veranlassung, die un-
gefährlichen, ob ihrer Schwäche und Unterwürfigkeit verach-
teten Griechen und Orientalen, welche sie zur Bearbeitung der
praedia populi Romani, wofür die Provinzen staatsrechtlich
galten, unbedingt nötig hatten, auf gewaltsamem Wege aus-
zurotten.
Weit schwieriger war es den passiven Widerstand zu
brechen, den die Hellenen und noch mehr die rassefremden
ÖOrientalen, Völker, die ım Besitze einer alten Kultur auf die
römischen Emporkömmlinge als auf Barbaren herabsahen,
gegenüber römischem Wesen zeigten.
Der gewaltige Kampf zwischen Romanismus und Helle-
nismus begann bekanntlich mit dem Angriffe des Hellenismus
auf Italien. Schon im achten Jahrhundert faßten Dorier Euß
auf Sieilien (Gründung von Syrakus, 734?) und auf dem
italischen Festlande (Gründung von Tarent 708). Gelons
Sieg bei Himera über die Karthager (480) und der Hierons
über die Etrusker bei Kyme (475) bezeichnen den Höhepunkt
der Macht der Griechen des Westens, Aber im nämlichen
Jahrhundert schon beginnt die Bewegung der lebenskräftigen
italischen Stämme gegen die griechischen Kolonialstädte.
Kyme, von wo aus griechische Kultur nach allen Richtungen
ausstrahlte, fiel 420 in die Hand der Kampaner. Mit tiefem
Schmerz weist Aristoxenos von Tarent, der bekannte Musik-
theoretiker und Schüler des Aristoteles, die Griechen des Ostens
auf die Barbarisierung Poseidonias, des späteren Paestum, hin.
Mit der Niederlage des Pyrrhos, der den vergeblichen Versuch
gemacht hatte wie Alexander im Osten, so im Westen dem
Hellenismus die Herrschaft zu gewinnen, war die zukünftige
Romanisierung der früheren Graecia Magna entschieden. Zur
Zeit Strabos gab es in Unteritalien nur drei Städte, die sich
ihren griechischen Charakter noch erhalten hatten, Neapel,
Tarent und Rhegion. Längerer Zeit bedurfte die Romanisie-
rung Siciliens ἢ). Sie war erst gegen Ausgang des weströmi-
schen Reiches vollendet.
*) Cf. Expositio totius mundi et gentium (um 350) ed. Alex. Riese in ἢ
den Geographi Latini minores, Heilbronn 1878 S. 104 ff. c. 66: Sicilia
habet autem et viros divites et eruditos omni doctrina Graeca quoque
et Latina. — Jul. Jung a. a. O. 5. 521.
680 Ludwig Hahn,
Was schon der weitblickende Pyrrhos und nach ihm andere
einsichtige Griechen erkannt und befürchtet hatten, daß nach
der Niederwerfung des Hellenismus im Westen die griechischen
Staaten im Osten mit einer neuen feindlichen Weltmacht zu
rechnen hätten, das trat nach der endgültigen Bezwingung
des phönikischen Karthago, der letzten Rivalin Roms in der
Herrschaft über den Westen, ein. Die Siege bei Kynoskephalä,
Magnesia und Pydna machten den politischen Einfluß Roms
auch in den am östlichen Mittelmeer liegenden Ländern maß-
gebend. Damals stellte sich Prusias II. von Bithynien, der
Verräter Hannibals, römischen Gesandten in der Tracht eines
λίβερτος (libertus), wie Polybios sagt’), in den χάλτιοι (calcei)
und mit dem πίλεος (peleus) auf dem Haupte vor. Von da ab
war Rom der Aufenthaltsort zahlreicher Prinzen und vorneh-
mer Geiseln, die dort römische Art und die lateinische Sprache
kennen lernten. Einer derselben, Antiochus IV. Epiphanes,
zeigte sich später auch als König von Syrien nach Polybios’
Schilderung geradezu römertoll. Auch in der Kaiserzeit blieb
Rom für die Söhne der verbündeten und befreundeten Könige
die Stätte, wo sie ihre Bildung empfingen, eine Bildung, die
sie gewöhnlich der Heimat entfremdete, wie es Tacitus von
den Enkeln des Partherkönigs Phraates bezeugt. Die Nach-
kommen Herodes’ des Großen z. B. wurden fast alle in Rom
erzogen. Der letzte Herodeer, Herodes Agrippa II., kämpfte
auf römischer Seite gegen die Juden, seine Schwester Berenike
ward die Geliebte des Titus. PCR
Das bedeutendste Mittel zur Romanisierung war in Italien
und dann überhaupt im Westen die Aussendung von Kolonien.
Die methodische Besiedelung des Ördenslandes durch die
Deutschherrn bildet im Kleinen eine Parallele. In Unterita-
lien wurden in der Zeit der Republik Kolonien Kroton, Puteoli,
Thurii, auch Tarent und Rhegion; in Sicilien wurden gegen
Ende der Republik Messana, Henna und Tauromenion mit dem
vollen Bürgerrecht beschenkt.
Den Plan auch den Osten mit römischen Elementen zu
versetzen, wie es mit so großem Erfolg für die Romanisierung
im Westen geschehen war, faßte Cäsar. Seine bedeutendste
5) 8. „Rom u. Romanismus“ S. 23.
Sprachenkampf im römischen Reich. 681
Gründung ist Korinth. Doch fehlte allmählich Italien und dem
römischen Volke, das als Kriegerkaste des Reichs ungeheure
Verluste zumal in den Bürgerkriegen erlitten hatte, der nötige
Ueberschuss an Bevölkerung, um den Osten in demselben Maße
und Grade wie den Westen mit italischen Pflanzstädten anzufüllen.
Augustus verfolgte noch die Bahnen seines großen Vaters. Die
Romanisierung Siciliens machte unter ihm weitere Fortschritte.
Er gründete Kolonien in Macedonien°:), führte nach Paträ,
Heliopolis und Berytos Veteranen und besetzte das unruhige
Pisidien mit einer Reihe römischer Soldatenstädte. Aber in der
Folgezeit ward bei der zunehmenden Entvölkerung des Reichs
die Kolonisation des Ostens nur sehr schwächlich weitergeführt.
Zu erwähnen wäre noch die Umwandlung Jersusalems in eine
colonia Aelia Capitolina zur Zeit Hadrians °).
Die Kolonien des Ostens lagen zu weit vom Stammlande
ab und waren auch voneinander so entfernt, daß sie, wie etwa
in unseren Tagen ehemals ganz deutsche Städte in den Ost-
seeprovinzen, in Ungarn, in Böhmen dem Deutschtum ver-
loren gehen, so mit der Zeit dem ringsum herrschenden helle-
nischen Elemente erlagen. Zudem erkannte man im Kampfe
mit den orientalischen Völkern, bes. den Juden und Parthern,
und auch mit dem Christentum ὁ), gegen das die griechische
Philosophie dem römischen Staatgedanken als willkommener
Bundesgenosse zu Hilfe kam, in den Griechen bei der Gemein-
samkeit der Interessen und religiösen Anschauungen bald
natürliche Bundesgenossen und sah infolge dessen von einer
gewaltsamen Romanisierung des verbündeten hellenischen Ele-
ments ab, erkannte sogar im Laufe der Kaiserzeit die griechische
Sprache als die zweite, wenn auch minder berechtigte Reichs-
sprache an’), wie denn die Förderung des Hellenismus im
5a) Of. Kornemann bei P.-W. IV 1, 549.
6) Dio Cass. 69, 12, 1. — Ueber die Städte, denen in späterer Zeit
das wus coloniae erteilt wurde, wie Thessalonike, Philippopolis, Nikome-
dia, Tyana, Laodicea in Syrien, Tyrus, Palmyra, Antiochia in Syrien,
Hemesa, Caesares am Libanon, Sidon, Damaskus, Askalon, Gaza, Carr-
hae, Edessa, Nisibis etc. s. Budinszky a. a. O. S. 232 und bes. Korne-
mann bei Pauly-Wissowa IV 549 ff.
6a) 8. χὰ B. Origen. c. Cels. VIII 73.
) Ueber die Bezeichnungen altera lingua, ἑκατέρα γλῶττα 5. Leon
Lafoscade, Influence du latin sur le grec in J. Psicharis Etudes de
682 Ludwig Hahn,
Orient durch die Römer überhaupt als ihre hervorragendste
Kulturleistung für den Osten ®) anzusehen ist. Die römischen
Kolonien im Osten wurden also allmählich hellenisiert, was
Dion Chrysostomos von Korinth und Apamea eigens bezeugt.
Doch erhielt sich die offizielle lateinische Sprache in denselben
bis etwa in die zweite Hälfte des dritten Jahrhunderts.
Mehr Einfluß auf die Romanisierung hatte im Osten die
Erteilung des römischen Bürgerrechts?). Das scire latine war
nach der Ansicht iceros für einen römischen Bürger selbstver-
ständlich und noch Kaiser Claudius nahm einem vornehmen
Lykier, der seine in lateinischer Sprache an ihn gerichtete
Frage nicht verstanden hatte, die ceivitas, indem er aus-
drücklich erklärte, niemand dürfe römischer Bürger sein, der
nicht die Sprache Roms verstehe. War diese Voraussetzung
gegeben, so zeigten sich die Römer auch freigebig mit ihrem
Bürgerrechte, ein Beweis ihrer politischen Klugheit, wegen
dessen sie schon Philipp III. von Macedonien wie auch später
Dionysios von Halikarnaß und der Rhetor Aristides 19) rühmt.
Vor allem wurde die Zahl der römischen Bürger im Osten
wie im Westen vermehrt durch die Erteilung des Bürgerrechts
an die Soldaten und Veteranen der auxiliaa Denn die lange
Dienstzeit bot eine sichere Gewähr für die Romanisierung im
Denken und Fühlen. Hellenische Romantiker wie Apollonios
von Tyana, ein Vorkämpfer des Hellenismus gegen den Ro-
manismus, befürchteten schon die Barbarisierung der Griechen
durch die Römer. Derselbe beklagt es besonders, daß die
schönen Namen der Helden und Weisen des alten Hellas durch
philol. πέο- grecque, Par. 1892 p. 117 £. Vgl. dens., De epistulis etc., Lille
1902 8. 10873331. 115%.
8) Was in dieser Hinsicht Libanios von Kaiser Julian erhofft hatte,
zeigt uns, was er im ἐπιτάφιος ἐπ᾽ ᾿Ιουλιανῷ, dem weltgeschichtlichen
Klage- und Totenlied des sterbenden Heidentums, (bei Reiske 1 617) voll
wehmütiger Liebe spricht: Ὦ τέλους τῆς διανοίας ἀναξίου! ἡμεῖς μὲν
φόμεϑα τὴν Περσῶν ἅπασαν μέρος τῆς Ῥωμαίων ἔσεσθαι χαὶ νόμοις τοῖς
ἡμετέροις οἰκήσεσθαι καὶ ἀρχὰς τὰς ἐνθένδε δέξεσθϑαι χαὶ φόρους οἴσειν Kat
γλῶτταν ἀμεΐφειν χαὶ στολὴν μετακοσμήσειν nal eg κόμας Aal σοφι-
στὰς ἐν Σούσοις Περσῶν παῖδας ἐχκχροτήσειν ῥήτορας ı. . κχαὶ (last not
least!) τοῖς ἱεροῖς (d.h. dem alten Glauben) ὑποχωρήσειν τοὺς τάφους (Sc.
der christlichen Heiligen).
5) Ernst Dorsch, De civitatis Romanae apud Graecos ῬΕΟΡΑΔΆΒΟΒΕΙ
Diss. Bresl. 1886, 88 ff.
10) Eig “Ῥώμην p. 108 ff. 112 Ε΄. (Keil).
Sprachenkampf im römischen Reich. Ba 683
die modernen römischen ‚verdrängt würden, wie etwa bei uns
bes. vor 1870 die französischen und jetzt die englischen Vor-
namen in Mode sind, worin unwillkürlich die Höherschätzung
dieser Nationen zum Ausdruck kommt!!). Den Inschriften
nach zu schließen trugen allerdings die Griechen bes. besserer
Kreise häufig römische Namen, die römischen Bürger unter
ihnen vor allem die Familiennamen der Kaiser. Daher die
Menge der Ἰούλιοι, Φλάβιοι, Αἴλιοι 112), Αὐρήλιοι etc!?). Einer
besonderen Beachtung wert scheint die Wirkung des römischen
Bürgerrechts auf den Apostel Paulus. Paulus steht als römi-
scher Bürger dem Reiche nicht als Feind gegenüber wie sein
Volk. Diese kosmopolitische Stellung hob ihn über die Be-
schränktheit national-jüdischer Anschauungen hinaus und
wirkte so ihres Teils mit, daß er sich nicht als Apostel des
Judentums, sondern der ganzen Menschheit fühlte. Während
die Erteilung der civitas an die Griechen Unteritaliens infolge
des Bundesgenossenkrieges an der Latinisierung der Graecia
Magna bedeutenden Anteil hatte, ist die Wirkung von Üara-
callas constitutio Antoniniana de civitate bei dem damaligen
Zustande der Auflösung des Reichs in dieser Hinsicht weniger
hoch anzuschlagen!?°).
Il.
Da der römische Bürger nur an das römische Recht ge-
bunden war, so ward römischer Art auch im Rechtsleben der
Boden geebnet, — fast der einzigen Seite geistiger Tätigkeit,
in der die Römer nicht nur schöpferisch tätig waren, sondern
auch für andre Nationen mustergültig wurden (— dies gilt
auch für die Art der Einwirkung Roms auf das Christentum —).
Für die Einführung des Rechtes des herrschenden Volkes waren
ferner die Provinzialedikte günstig, welche zumeist auf römi-
11) Vgl. auch Hermann Dunger, Wider die Engländerei in der
deutschen Sprache, Berl. 1899.
11a) Lyd. de mens. ΠῚ 17 in.: ᾿Αδριανὸς ἐκ τῆς Αἰλίων ἐτύγχανε
φαμιλίας οἱονεὶ γενεᾶς" ὅϑεν ἔδοξεν αὐτῷ τὸ Αἰλίων ὄνομα τοὺς ὑπηκόους.
προγράφειν᾽ ὅϑεν nal Αἰλχλία ἢ Ἱερουσαλήμ᾽' καὶ γὰρ αὐτὸς αὐτὴν ἁλοῦσαν
ἐπόλισεν. |
. 38) Vgl. Ernst Dorsch a. a. O. 8. 34, 70 und auch Aristides rhetor,
ἃ. ©. ἃ. Ὁ. 8. 109, 8 63.
12 4) Vgl. Mommsen, Hermes XVI (1881) 474 ft.
684 Ludwig Hahn,
schen Rechtsanschauungen basierten. Schon im Anfang des
2. Jahrh. nach Chr. sind römische Prinzipien in der Recht-
sprechung in den Provinzen allenthalben maßgebend. Durch
die constitutio Antoniniana ward dann das römische Recht
völlig zum Reichsrecht!?®). Mit dieser für den Romanismus gün-
stigen Entwicklung hängt es zusammen, daß die Landrechte
der zu Provinzen gemachten ehemaligen Staaten vor dem
Reichsrecht immer mehr zurücktraten ähnlich wie wir es im
neuen deutschen Reich erleben. Die Mediatisierung der meisten
abhängigen Staaten im Osten durch Vespasian förderte diese
Zentralisierung. So ist es erklärlich, daß die speziell römische
Wissenschaft, die Jurisprudenz, seit der Kaiserzeit Griechen
wie Orientalen nach Rom zog; denn die. Kenntnis des römi-
schen Rechts war Vorbedingung für alle, die als Beamte Carriere
_ machen wollten. Der berühmte Rechtsgelehrte Papinian stammte
aus Phönizien, Ulpian aus Tyrus, Tribonian aus Side in Paph-
lagonien. Wenn auch das römische Recht durch den Einfluß
hellenischer bes. stoischer Anschauungen im Laufe der Jahr-
hunderte manche Veränderung erlitt, die Grundlage blieb so
sehr die national-römische, daß als Rechtssprache nur die
lateinische zu verwenden war. Durch den zur Zeit Diokletians
abgefaßten codex Gregorianus, durch die folgenden Sammlungen
des codex Hermogenianus und Theodosianus und schließlich
des codex Justinianeus ward die einheitliche Rechtsprechung
nach römischen Prinzipien wesentlich gefördert '?).
Von Byzanz aus unterwarf sich bekanntlich der römische
Geist im Laufe des Mittelalters und der neueren Zeit, indem
er Europa in einer Art juristischer Renaissance, deren Anfang
vor der humanistischen liegt, seine Rechtsanschauungen auf-
zwang, die Welt zum dritten Male!®).
130) Vgl. z. B. L. Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht 108. 164f.;
Schulten, Wochenschr. f. kl. Philol. 1893, 11. — Betrefis der Rezeption
des röm. Rechts in Aegypten, dessen hergebrachte Verwaltung wenig
geändert wurde, meint L. Wenger (Berl. philol. Wochensch. 1907, 147),
daß sich eine Art Kompromiß zwischen einheimischem und röm. Recht
vollzogen habe. — Die ägyptischen Ergebnisse dürfen m. E. nicht für
den Orient im allgemeinen generalisiert werden.
13) Vgl. Bruns-Sachau, Syr.-röm. Rechtsbuch, Leipz. 1880, Kommen-
tar Ὁ. 315 ff.; L. Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht 202; οἵ. 156 ff.
14) Rudolph v. Ihering, Geist des römischen Rechts I* Leipz. 1878,
S. 1: „Drei Mal hat Rom der Welt Gesetze dictiert, drei Mal die Völker
Sprachenkampf im römischen Reich. 685
II.
Das römische Heer ‚war ein Grundstein römischen Wesens
und Ausgangspunkt für die Verbreitung desselben. Den „Grae-
οι 15)... und Orientalen gegenüber behauptete der römische
Bürgersoldat im Bewußtsein der herrschenden Nation anzuge-
hören seine römische Eigenart!‘). Wie allgemein im Westen,
so war derselbe auch im Osten in gewissem Grade der Träger
und Verbreiter der lateinischen Sprache — das romanisierende
Element des Reiches χατ᾽ ἐξοχήν 17). Bei Apuleius!®) kann
man lesen, wie einem griechischen Bauern, der nicht lateinisch
verstand, von einem Legionar mitgespielt wurde. Die den
Legionen beigegebenen auzxilia gewöhnten sich an römische
Disziplin, an römische Soldatenart und Soldatensprache. Wie
Arminius im römischen Lager die lateinische Sprache lernte,
so wahrscheinlich früher schon ein Deiotarus, der sich sogar
zwei nach römischem Muster gebildete und eingeübte Legionen
schuf. Denn die Organisation und Bewaffnung der römischen
Heere wurde wie früher die der Macedonier für Freund und
Feind — selbst für einen Hannibal — vorbildlich. Der Ein-
wirkung orientalischer Sitten und Unsitten auf die im Osten
garnisonierenden Legionen suchte man wenigstens in den ersten
beiden Jahrhunderten der Kaiserzeit durch Verlegung von Le-
gionen in den Westen und umgekehrt!?) sowie durch häufigen
Wechsel der Offiziere entgegenzuwirken. Bei den auzilia da-
zur Einheit verbunden, das erste Mal, als das römische Volk noch in
der Fülle seiner Kraft stand, zur Einheit des Staats, das zweite Mal,
nachdem dasselbe bereits untergegangen, zur Einheit der Kirche, das
dritte Mal in Folge der Reception des römischen Rechts im Mittelalter
zur Einheit des Rechts; das erste Mal mit äußerem Zwange durch die
Macht der Waffen, die beiden anderen Male durch die Macht des
Geistes“ etc.
15) Vgl. Persius V 190:
Dixeris haec inter varicosos centuriones,
Continuo crassum ridet Fulfennius ingens,
Et centum Graecos curto centusse licetur.
16) Vgl. Gust. Friedr. Hertzberg, Gesch. Griechenlands unter der
Herrschaft der Römer 11. Bd. Halle 1868 5. 155f.
11 Vgl. auch M. Freudenberger, Beiträge zur Naturgeschichte der
Sprache, Leipz. 1900 S. 41.
18) Metam. IX c. 39ff.; cf. Lucian, Asin. c. 44 ff.
ὅτι 19) Dies geschah auch unter Aurelian s. Groag bei Pauly-Wissowa
412.
686 Ludwig Hahn,
gegen war man bestrebt, den nationalen Charakter möglichst
zu verwischen. Deshalb wurden denselben römische Soldaten
beigegeben und römische Offiziere standen häufig an ihrer
Spitze. Der ausgediente Auxiliarier erhielt das römische Bür-
gerrecht und ward so mit seiner Nachkommenschaft der herr-
schenden Nation zugesellt 59), Die Aufnahme von Mannschaften
fast aller Nationen des Reichs in die Legionen, wie sie seit
dem 2. Jahrhundert stattfand, konnte der Romanisierung nur
förderlich sein?®). Seit Septimius Severus bestand sogar die Prae-
torianergarde in Rom aus einer Auslese der tapfersten Völker
des Imperiums?'). Ein ähnliches System der Verteilung der
fremdsprachigen Rekruten in deutsche Regimenter herrschte
bekanntlich bis auf die neuere Zeit in Oesterreich — nicht
zum Schaden des Reichsgedankens und der Stütze desselben,
des deutschen Elements. Wie der römische Soldat an Rhein
und Donau die Lagerstädte schuf, von welchen aus sich römische
Sitte und Sprache weit ins Barbarenland hinein verbreiteten,
so war es auch an den östlichen Grenzen. Städte wie Melitene
und Satala??) in Kappadocien und Bostra??) in Arabien, wo
Legionen lagen, scheinen in der Umgegend in einem gewissen
durch den Wettstreit des Hellenismus beschränkten Maße
römischem Wesen Eingang verschafft zu haben. Auch Dacien
wurde durch die Soldaten und Veteranen romanisiert, obwohl
die Hauptmasse der römischen Ansiedler aus Asien stammte.
Wir können ja heute in unserer Lagerstadt Metz beobachten,
wie trotz des zähen Widerstands des im Bewußtsein der „grande
nation“ anzugehören hochmütig reservierten französischen Ele-
ments die Stadt immer deutscher wird. Im 2. Jahrh. standen
11 Legionen im Orient, ein ganz bedeutendes Gewicht in der
Wagschale des Romanismus. Im 3. Jahrhundert, als sich das
Reich in einzelne Nationalstaaten auflösen wollte, schien es,
als ob auch das feste Band des römischen Heeres, welches das
Reich noch zusammengehalten hatte, zerreißen sollte. Aber
20) Vgl. Cod. Theodos. VII 20,2 und Mommsen, Hermes XVI 473.
20a) Aristides rhetor a. a. O. S. 112 ἢ.
21) Dio Cass. LXXIV 2. — Vgl. Mommsen, Die Konskriptionsordnung
Ἂν röm. Kaiserzeit im Hermes XIX (1884) 8. 62 ff. — Dorsch ἃ. o. a.
. 8. 40.
33) Vgl. CIL III p. 2063, 2225 ff., 2316°,
23) Vgl. CIL III p. 18. 968f. 1214. 2303.
Sprachenkampt ım römischen Reich. 687
tüchtige Kaiser und Feldherrn, ein Aurelian °*), ein Konstan-
tin, ein Theodosius, ein Aetius wußten römischen Geist auch
den zum großen Teil aus Barbaren bestehenden Legionen ein-
zuflößen 55). Tausende von Germanen, von Armins Bruder
Flavus bis auf Stilicho, vergaßen, wenn ihnen die Ehre er-
wiesen ward, in den römischen Heeresverband aufgenommen
zu werden, ihrer Abstammung und Heimat und lernten, wie
noch heute die Deutschen die meisten Apostaten vom eigenen
Volkstum stellen, sich römisch zu geben und römisch zu fühlen.
Daß der römische Geist in den romanisierten Provinzialen und
dann selbst in den romanisierten Barbaren lange noch herrschte,
als schon längst kein Tropfen echten Römerbluts mehr existie-
ren konnte, ist der größte Triumph römischer Kraft. Denn
Rom erwies sich stärker als Blut und Rasse. Diese Umwand-
lung in der Denkart, die sich infolge des Dienstes im römi-
schen Heere, das der Welt ihre Herrscher gab, vollzog, finden
wir auch bei Orientalen. Ein junger Aegypter, von dem uns
ein Brief in einem Papyrus erhalten ist, schreibt stolz nach
Hause, daß er jetzt römischer Soldat sei und von nun ab einen
römischen Namen trage?%). Ueberhaupt dachte auch in der
Zeit der sog. 30 Tyrannen niemand, soweit nicht die Reichs-
idee und der Patriotismus durch staatsfeindliche Ideen des
kosmopolitischen, zum Teildurch kommunistische (montanistische
und chiliastische) Utopien vom Boden der realen Verhältnisse
abgelenkten, überdies durch die Verfolgungen verbitterten
Christentums geschwächt worden war 527), an die Auflösung des
den Völkern als eine Art unantastbaren Heiligtums geltenden
22) Ueber die Wiederherstellung der militärischen Disziplin durch
Aurelian s. Eutrop. IX: 14.
25) O. Seeck, Geschichte des Untergangs der antiken Welt I. Bd.
Berl. 1895 S. 415.
26), Vgl. Βα Τ II Nr. 423 (2. Jahrh.): ἔλαβα βιάτικον παρὰ καί-
σαρος χρυσοῦς τρεῖς (bei seiner Landung in Misenum) χαὶ χαλῶς μοί
ἐστιν... ἔστι δέ μου ὄνομα ᾿Αντῶνις Μάξιμος (statt des ägyptischen Namens
᾿Απίων). ᾿Ἑρρῶσϑαί σε εὔχομαι. — ΑΘ]. Aristides sagt (a. a. Ο. ὃ. 75
Ῥ. 113 Keil) von den mit der cwvitas beschenkten Rekruten: ὥστε χαὶ
αἰσχυνθῆναι τὸ λοιπὸν αὑτοὺς Exeivoug γ᾽ ἀνειπεῖν, ὅϑεν ἦσαν τὸ ἀρχαῖον.
“ἢ Vgl. z. B. Hippolytos, canon 18. 14, Cyprian ep. 1,7; 56,8,
‘dann bes. Schriften wie Tertullians Apologeticum (s. auch de cor. z. B.
11) und des Laktanz De mortibus persecutorum. — Paul de Lagarde,
Deutsche Schriften, Gött. 1892 8. 235.
688 Ludwig Hahn,
Reiches°®). Ein solches nefas lag den Prätendenten ebenso
ferne als später einem Odoaker oder Theodorich, die der festen
Ueberzeugung waren, daß die römische Welt durch sie erhalten
und verteidigt werde?°). Odenathus fühltesich als Vertreter Roms,
Zenobia nannte sich Augusta und ließ ihre Söhne vor allem in
der lateinischen Sprache als der Reichssprache unterrichten °°).
IV.
Den römischen Legionen folgte der römische Kaufmann.
Was mit dem Schwerte erobert war, das wurde zur Ausbeu-
tung und Aussaugung dem römischen Kapitalismus überliefert.
Bald wurden die Provinzen zu Domänen der reichen Kapita-
listen der Hauptstadt, auf denen die ehemaligen Besitzer als
Pächter oder Sklaven fronten. Wie in unsrer Zeit nicht nur
Indien und Aegypten, sondern selbst das scheinbar unabhängige
Portugal fast vollständig in der Hand des englischen Kapitals
ist, so wurden die unterwürfigen Griechen und Asiaten lang-
samer zwar als die Eingeborenen des Okzidents durch Kriege,
aber eben so sicher durch die Finanzpolitik in allen materiellen
Verhältnissen von Rom abhängig und häufig ihrer Existenzbe-
. dingungen beraubt und ruiniert. Wie die Irländer durch den
dauernden Druck der englischen Großgrundbesitzer teils zur
Auswanderung genötigt teils an den Bettelstab gebracht wor-
den sind, so wurden die einst so geistesmächtigen Griechen in
Sicilien ganz abgesehen von der Raubsucht von Statthaltern
wie Verres bes. durch den immer stärkeren Uebergang des
Grundbesitzes in römische Hand der Verarmung preisgegeben,
so daß dieser herrliche Zweig griechischen Volkstums allmäh-
‘ lich abstarb. Schon zur Zeit Strabos war die einst von volk-
reichen Städten erfüllte Insel zu einer von Hirten bewohnten
Einöde geworden — eine Folge der durch den echt römischen
Trieb nach Macht veranlaßten Gründung mächtiger latifundia,
die im Besitze des Großkapitals, wie der alte Plinius sagt,
28) Vgl. auch G. Kretschmar, Ueber das Beamtentum der röm.
Kaiserzeit, Ak. Antrittsrede, Gießen 1879 S. 60.
58) Vgl. Franz v. Löher, Kulturgeschichte der Deutschen im Mittel-
alter 1. Βα. Münch. 1891 S. 348 ff.
80) Trebell. Pollio Tyr. trig. 30: filios Latine loqui iusserat, ita ut
Graece vel difficile vel raro loquerentur. Ipsa Latini sermonis non usque
quaque gnara, sed ut loqueretur pudore cohibito. — Joh. Oberdick, Die
römerfeindlichen Bewegungen im Orient während der letzten Hälfte
des 3. Jh. n. Chr., Berl. 1869 S. 35. 38.
Sprachenkampf im römischen Reich. 689
Italien schon ruiniert hatten und die Provinzen noch ruinieren
sollten. In Asien waren Gemeinden und Könige von Schulden
erdrückt. Wie es dort zuging, zeigt uns, was Cicero von den
Salaminiern auf Cypern erzählt. Diese schuldeten dem Brutus,
der sonst nur als phrasenreicher Freiheitsheld und als repu-
blikanischer Tugendbold bekannt ist, einige Talente. Als sie
ihm die selbst für einen Wucherer übertriebenen Zinsen nicht
zahlen wollten, wurden die Ratsherrn der Stadt im Rathaus
von einer Schwadron römischer Reiter solange eingeschlossen,
bis fünf derselben verhungert waren. Wir begreifen, daß
sich unter solchen Umständen die Provinzialen zu Caesar und
den Caesarianern hielten und nach der kommenden Monarchie
sehnten, was dem im republikanischen Doktrinarismus und
Phrasentum befangenen Cicero als „mira amentia“ erscheint. Die
Monarchie bedeutete denn auch eine, wenn auch nicht voll-
kommene Erlösung von dem rücksichtslosen Druck einer selbst-
süchtigen und beschränkten Aristokratie. Der Untergang der
hellenischen Freiheit hatte lange Zeit — und das war die
schlimmste Folge der Wirkung römischen Wesens — auch die
geistige Schaffenskraft der Hellenen, wie das Beispiel Siciliens
zeigt, geschwächt. Unter dem Kaisertum aber erlebte der
Hellenismus materiell und geistig eine Renaissance, die den-
selben gegen den Komanismus stärkte.
Auf die Zahl der in eigenen Gilden, den sog. conventus,
vereinigten und fast mit dem Monopol privilegierten italischen
Kaufleute im Osten läßt die Angabe des Valerius Maximus
schließen, daß Mithridates in Kleinasien 80000 Italiker —
nach Plutarch waren es sogar 150 000 — hat ermorden lassen.
Auf Delos, dem römischen Emporium für den Osten, sollen
damals 20000 Römer getötet worden sein. Diese convenius
wurden in der Kaiserzeit verstärkt durch entlassene Veteranen,
die als Händler ihr Brot verdienten. Je mehr jedoch im Ver-
laufe der Kaiserzeit die Provinzialen den cives gleichgestellt
wurden, umso mehr verloren die Römer ihr kommerzielles
Uebergewicht. Ihre Nachfolger sind auch im Westen Syrer
und Juden ®!). Mit dem Siege des Christentums zogen viele
31) Vgl. Ernst Kornemann, De civibus Romanis in provinciis imperii
consistentibus, Diss, Berl. 1891, 5. 78f.— Friedländer, Sitteng. RomsI1® 78.
— Scheffer-Boichorst, Mitt. f. österr. Geschichtsforschung VI (1885) 528 ff.
690 Ludwig Hahn,
Pilger aus dem Westen nach Palästina?) und blieben zum
Teil als Mönche dort, wie Hieronymus, der seine meisten Werke
in einem Kloster bei Betlehem verfaßte. Diese Wallfahrer
lösten die Züge der Vergnügungsreisenden ab, die in den Zeiten
des Heidentums — man denke nur an Hadrian — die ge-
schichtlich oder auch landschaftlich merkwürdigen Stätten in
Hellas und im Orient bes. in Aegypten, den Engländern°®) in
unseren Tagen vergleichbar, in Menge besucht hatten.
Natürlich fanden mit dem Emporkommen des römischen _
Handels auch die Maße und Münzen der Römer im Osten
Eingang. Die römische Meile ist schon dem großen Geogra-.
phen Eratosthenes bekannt. Es entsprach dem Zentralisierungs-
bedürfnisse der Kaiserzeit, daß die römischen Maße rechtlich
Reichsmaße, die römischen Münzen Reichsmünzen, der römische
Kalender Reichskalender wurde. Doch verfuhr man hierin
nicht mit doktrinärer Konsequenz ; man beließ die einheimischen
Maße, wo sie nur den römischen angeglichen werden konnten.
Aehnlich wie die Engländer verstanden es die Römer zuzuwar-
ten, bis die Verhältnisse ein Fortschreiten der Zentralisierung
d. h. der Romanisierung rätlich erscheinen ließen. So ward
der denarius — das Wort existiert noch heute im Neugrie-
chischen, in den Sprachen der Balkanvölker und in denen
Westasiens ®) — zu Ungunsten der attischen δραχμή dieser
gleich gewertet, aber die δραχμή nicht außer Kurs gesetzt.
Die römischen Münzen wurden selbst in Arabien, Indien
und China bekannt; denn für die importierten Gewürze, Edel-
steine und sonstigen Kostbarkeiten dieser Länder ging das
römische Geld als Exportartikel ins Ausland, ein Hauptgrund
33) Vgl. Anton Baumstark, Abendländische Palästinapilger des ersten
Jahrtausends und ihre Berichte. Vereinsgaben der Görres-Gesellschaft,
Köln 1906.
3) Vgl, hiezu J. P. Mahaffy, The Greek world under Roman sway,
Lond. 1890 p. 11: I imagine the Romans to have held the place in
European disfavour which the middle class Englishman now holds,
who knows no foreign tongue, respects no foreign habit, recognises no
foreign virtue, but walks through the world assuming the English
respectability, just as the Roman assumed his gravitas, to be the
stamp of a superior race.
ε Ν᾿ Vgl. Gust. Meyer, Sitzber. Akad. Wien Bd. 132 (1895) ΠῚ
; 1
Sprachenkampf im römischen Reich. 691
der allmählichen Verarmung und späteren Finanznot des
Reichs 55).
| Υ.
Was Rom für die Welt in religiöser Beziehung geworden
ist und noch ist, das sichert dieser Stadt vor allem den Titel
der bedeutendsten Stadt in der Geschichte der Menschheit. Und
wenn Ihering®‘) in der Einleitung zum „Geist des römischen
Rechts“ sagt, daß Rom sich dreimal die Welt unterjocht habe,
durch die Gewalt der Waffen, durch die römische Kirche und
durch das römische Recht, so ist die zweite Eroberung sicher
die dauerndste.
Wie nun kam Rom zu einer so gewaltigen Stellung in
der Religion? Diese Umwandlung Roms aus einer Macht des
Schwertes zu einer geistigen Macht ist eine der bemerkens-
wertesten Metamorphosen der Weltgeschichte, eine Metamor-
phose, welche die Weltstadt erst zur ewigen Stadt gemacht hat.
Wenn auch Dionysios von Halikarnaß meint, es sei für
alle Untertanen Roms ersprießlich, die gewaltigen Götter der
Römer nach deren Weise anzubeten, so ist doch die altrömische,
juristisch formelhafte und gemütsleere Art der Gottesverehrung
von den Hellenen und zumal vom Orient, der Mutter der Re-
ligionen, kaum anders als wegen einiger äußerlicher Gebräuche
beachtet worden. Anders wurde es, als mit der Einführung
der Monarchie die tolerante, altrömische Götterverehrung durch
die neue Staatsreligion, den Kaiserkult, zurückgedrängt wurde.
Durch den Kaiserkult, der allerdings ursprünglich nur eine
Nachahmung des orientalischen, vom Hellenismus übernomme-
nen Herrscherkultes war, sollten den zentralisierenden Bestre-
bungen des Kaisertums entsprechend die Volksreligionen ver-
‚dunkelt und verdrängt werden. Die neue Reichsreligion sollte
wie das Reichsrecht allmählich bei allen Reichsangehörigen
3) Cf. Mor. Voigt, Privataltertümer und Kulturgesch. ἃ, R. (in
Iwan v. Müllers Handbuch d. klass. Altertums-Wiss. 4. Bd. 2, H.),
Nördlingen 1887 S. 897 ff. — Ueber die Bezeichnungen &2&&Yytov(exagium),
μιλιαρήσιον (miliarense), φόλλις (follis) 5. Hultsch, Metrol.” 327f. 330.
341. 343. — Kreuser, Verh. d. 5. Philol. Vers, Ulm 1842 S. 99. — Galen
ed. Kühn XII 931s; XIII 4285, 435, 893 ss.
36) 5, ο. S. 684 A. 14.
Philologus, Supplementband X, viertes Heft, 45
692 Ludwig Hahn,
Anerkennung finden. Das Opfer vor dem Kaiserbild war die
Unterwerfung unter die Hoheit Roms auch in Sachen der
Religion°®”). Im Gefolge des Kaiserkults verbreiteten sich die
zu Ehren der Kaiser veranstalteten Gladiatorenspiele, die von
den sog. Kaiserpriestern, den Statthaltern und den Vasallen-
fürsten gegeben wurden, über Hellas — in Athen war zur
'Stätte dieser Metzeleien das Theater des Dionysos geworden! —
und über den ganzen Orient. An den Kaiserfesten wurden in
den Amphitheatern des Ostens wie des Westens Hunderte von
Menschen dahingeschlachtet, wobei allerdings das religiöse
Moment gegenüber dem politischen erst mit den Judenkriegen
und Christenverfolgungen mehr hervortrat.
Die Kaiserreligion mußte denjenigen Volksreligionen gegen-
über, diesichihr nicht assimilieren und unterstellen ließen, unduld-
sam werden. Das erfuhren zuerst die Juden. Die Erbitterung
derselben ob der Verletzung ihrer religiösen Ueberzeugung
durch Aufstellung von Kaiserbildern in den Synagogen —
Caligula wollte seine Bildsäule sogar in den Tempel Jehovahs
bringen lassen — entlud sich im jüdischen Kriege. Die Ver-
weigerung des Kaiserkults war dann in der folgenden Zeit der
Hauptanlaß der Christenverfolgungen.
Nach der Zerstörung der heiligen Stadt des alten Bundes
suchte das Christentum einen neuen Mittelpunkt, eine neue
heilige Stadt. Es fand ihn in Rom, der Stadt der Märtyrer,
der Stadt der Hauptapostel Petrus und Paulus. Der Todestag
Jerusalems ward sozusagen der Geburtstag des Papsttums. In
Rom kam unter Einwirkung der römischen Anschauung von
der Machtfülle und Unabsetzbarkeit des magistratus der Un-
terschied zwischen Klerus und Laien zu immer deutlicherer
Entfaltung. Die Autorität des Bischofs galt für unantastbar
wie die des römischen Beamten. Die christliche Gemeinde in
Rom gilt schon Ignatius, dem Bischofe von Antiochia, der zur
Zeit Trajans als Märtyrer starb, als die erste der Christenheit.
Im 3. Jahrhundert wird der römische Bischof als der erste ‚des
Reichs hingestellt 38). |
“Ὁ Edwin Hatch, Griechentum und Christentum, Deutsch von Erwin
Preuschen, Freib. i. Br. 1892 S. 15.
3) Vgl. Irenaeus adv. haer. III 3 und das Auftreten Papst Viktors
I. (199203) im Osterstreit; cf. Euseb. H.E. V c, 24. Kaiser Aurelianus
Sprachenkampf im römischen Reich, ἢ 693
Konstantin d. Gr. gelang es zwar, das Christentum durch
kluge Nachgiebigkeit für den Staat zu gewinnen oder vielmehr,
wie einsichtige Kirchenväter erkannten 385), dem Staate dienst-
bar zu machen‘), aber die vom Kaiser aufgegebene Roma
schuf sich jetzt im Papsttum eine neue Form für den ihr vom
Schicksal gegebenen Beruf, die Weltherrschaft*!). Wie das
Christentum in Rom von der römischen Idee der Weltherr-
schaft erfaßt wurde*?), wie es immer mehr römischen Anschau-
ungen und Satzungen sich anschmiegte, römische Sitten und
Gebräuche übernahm, wie es auf Grund römischer militärischer
Disziplin und juristischer Konsequenz eine mächtige Hierarchie
entschied in dem Streite betrefis der Absetzung des Bischofs Paulus
von Samosata zu Antiochia, daß derjenige Bischof in Antiochia sein
solle, den der Bischof von Rom und die von Italien anerkennen
würden; Euseb. H. E. VII 30, Ad. Harnack, Mission und Ausbreitung
des Christ. 5. 435. Vgl. Ad. Harnack, Wesen des Christentums, 3. Aufl.
Leipz. 1900 S. 61. 72. 84 ff. 124f.; H. Grisar, Gesch. Roms und der
Päpste im M.-A., 1. Bd. Freib. i. Br. 1901, S. 242 ff. — Tschirn, Zeitschr.
f. Kirchengesch. XI 228 ff. — Th. Keim, Rom und das Christentum,
Berl. 1881 S. 340.
39) Vgl. S. Hilarii ad Constantium Aug. 1. Ic. 4 und 5 (Ausg. von
‚Franz Oberthür, Würzb. 1785) und bes. ο. 7 5.: Proclamo tibi, Constanti,
quod Neroni locuturus fuissem, quod ex me Decius et Maximianus audiret
Contra deum pugnas, contra ecclesiam saevis, sanctos persequeris, ...
religionem tollis, tyrannus non iam humanorum, sed divinorum es ...
Christianum te mentiris, Christi novus hostis es etc. c. 8: Plus crudeli-
tati vestrae, Nero, Deci, Maximiane, debemus. Diabolum enim per vos
vicimus,... At tu, omnium crudelium crudelissime, damno maiore in nos
et venia minore desaevis.... Sed haec ille pater tuus (!)
artifexhumanarum mortium, docuit, vincere sine contus
melia, iugulare sine gladio, persequi sine infamia, odire sine suspicione
mentiri sine intellegentia, profiteri sine fide, blandire sine bonitate
agere, quod velis, nec manifestare, quae velis... Dem Jul. Firmicu
Maternus (De errore profanarum religionum) sind die Kaiser Constantius
und Oonstans immer noch sacratissimi imperatores (6.1; 8,4; 16,4 etc.)
und Vertreter der christlichen Staatskirche; cf. 29,1: vobis, sacratis-
simi imperatores, hoc dei summi lege praecipitur, ut severitas vestra
idololatriae facinus omnifariam persequatur; cf. 16,4. 20,7. 28,6. —
Vgl. auch Leo Tolstoj, Mein Glaube, übers. von Raphael Löwenfeld,
Leipz. 1902 S. 297 £f.
40) Euseb. vita Const. IV 42, — Vgl. Gaston Boissier, La fin du
paganisme t. I Par. 1901 p. 66 ff. — Th. Preger, Konstantinos-Helios,
Hermes XXXVI 462 ff. — Ueber Theodosius ἃ. Gr. 5. Corp. Just. I 1,1.
— Justinian, der letzte bedeutende Vertreter des alten Reichsgedankens,
ist „die eigentliche Verkörperung des Cäsaropapismus“; cf. H. Gelzer,
Staat und Kirche in Byzanz 199 ff.
41) Vgl. Harnack, Wesen des Chr. 154 ff. — Hefele, Conciliengesch.
I. Bd. Freib. 1885 S. 7. 30. 33. 38.
#2) Tschirn, Zeitschr. f. Kirchengesch. XII 217.
45 ἢ
694 Ludwig Hahn,
aufbaute #3), wie seine Heere von Priestern und Mönchen weit
gewaltigere Eroberungen machten, als es in ihren kühnsten
Träumen die Cäsaren hätten ahnen können, das lehrt uns die
Geschichte des Christentums im Mittelalter. Winfried, der
romanisierte Angelsachse, und Hildebrand, der romanisierte
Langobarde, leisteten für Rom und Romanisierung weit Grös-
seres und Dauernderes als die Scipionen oder ein Cäsar. Die
Kirche hatte aber ihre in römischem Geiste erzeugte Organi-
sation und Rüstung gegenüber der ringsum andrängenden
Barbarei als einziges Schutzmittel für die im Christentum er-
haltenen Reste der antiken Kultur unbedingt nötig. Was
wäre aus der Kirche und aus der in ihr gehaltenen Lehre
Christi ohne jene gewaltige Kampfesorganisation geworden, die
wie alles Große in der Welt auf der geistigen Kraft einzelner
hervorragender Persönlichkeiten aufgebaut war? Sie bedeutete
den Schutz gegen Verweltlichung im schlimmsten Sinne, wie
sie etwa die verkommene Kirche des Merowingerreiches zeigt.
VE
In welchem Maße und Grade nun der Romanismus im
Osten Einfluß gewonnen hat, das läßt sich am genauesten an
der Sprache erkennen. Bei dieser Untersuchung sind vorzüg-
lich zwei Fragen zu beantworten. Erstens: „Welche Erobe-
rungen machte die lateinische Sprache im Osten?“ und zweitens:
„Wieweit ging die Latinisierung der hellenischen bez. der
Orte Sprachen 552) ὃ“ |
Schon in einem der platonischen Briefe, die a ΟΝ
lich im dritten Jahrhundert v. Chr. geschrieben sind, wird die
Befürchtung ausgesprochen, daß die Sprache der Griechen des
Westens entweder der punischen oder’ der der Opiker ἃ. ἢ.
der Römer erliegen werde. In der Zeit der Republik war die
offizielle Sprache des römischen Beamten im Verkehr mit
Griechen die lateinische, was Valerius Maximus eigens hervor-
48), Wilh. Soltau, Das Fortleben des Heidentums in der altchrist-
lichen Kirche, Berl. 1906, 5. 210 ff. — Ed. Rabaud, Altheidnische Wur-
zeln im katholischen Kultus, deutsch v. G.L. (ef. Lit. Z. — Bl. L 1699)
war mir nicht zugänglich.
4 Vgl. auch Albert Thumb, Die griech. Sprache im Zeitalter des
Hellenismus, Straßb. 1901 S. 152 ff. und L. Lafoscade, Influence du latin
sur le grec a. o. a. Ο, S. 100 ff.
Sprachenkampf im römischen Reich. 695
hebt. Cato der Aeltere hielt zur Zeit des Krieges mit Antio-
chus eine lateinische Ansprache an die Athener. Nach der
Schlacht bei Pydna verkündete Aemilius Paulus den Macedo-
niern die Beschlüsse des Senats in der Sprache Roms. In
solchen Fällen waren natürlich Dolmetscher nötig. Der erste
Grieche, der ohne Dolmetscher im Senate gehört wurde, war
wahrscheinlich Apollonios Molo. Dem Cicero wurde es noch
zum Vorwurfe gemacht, daß er vor dem Rate von Syrakus
griechisch gesprochen habe. Die Senatsbeschlüsse, die an
Griechen ergingen, die Erlasse der Statthalter, die Verord-
nungen der Kaiser waren im Urtext lateinisch abgefaßt 45).
Eine wörtliche griechische Uebersetzung wurde von Amts wegen
in Rom besorgt und beigegeben. Dies war in der Kaiserzeit
die Aufgabe der Beamten der griechischen Kanzlei *). Kon-
stantin d. Gr. verfaßte seine Reden in lateinischer Sprache,
dann wurden sie von eigens dazu bestimmten Beamten ins
Griechische übersetzt”).
Die Heeressprache war selbst in Aegypten, das nicht als
Provinz, sondern als dem Reiche angegliederte Domäne des
Kaisers galt und nach dem von den Ptolemäern überkomme-
‚nen System unter Beibehaltung der griechischen Amtssprache
#5) Vgl. z. B. Eus. H. B. IV 8 extr. X 2,2; 5; Ath. Mitt. XXVII
(1902) 82; Dirksen I 43 ἢ, ; CJL. III 352. 7000 die Epistula Ablabii praef.
praet. Orientis ad Orcistenos und das Rescriptum Constantini Maximi
filiorumque ad Orcistenos a. 331 (cf. Mommsen, Hermes XXII (1887)
Ss. 809 fi); L. Mitteis, Griech. Urkunden der Papyrussammlung zu
Leipzig, 1. Bd. Leipz. 1906, Nr. 44 (Lateinisches Reskript des Diokletian
über die Privilegien der Schauspieler und Athleten); A. Schulten, Zwei
Erlasse des Kaisers Valens über die Provinz Asia in d. Jahresheften d.
österr. arch. Inst. IX (1906) 40—70, bespricht den lat. Erlaß an Eutropius,
wahrscheinlich den Verfasser des Breviarium, dann einen lat. Erlaß
an Festus mit griech. Uebertragung. Letztere schien nötig, weil der-
selbe auch für die Provinzialen von Wichtigkeit war. |
46) Notitia Dignitatum Or. ce. XVII 8 4 (ed. Böcking 150): Magister
epistolarum Graecarum eas epistolas, quae graece emitti solent, aut ipse
dietat aut Latine dictatas transfert in Graecum. Eunap. v. soph. ed.
Boissonade p. 177 sagt von Nymphidianos: ὃ δὲ αὐτοχράτωρ Ἰουλιανὸς
αὐτῷ χαὶ τὴν βασιλικὴν γλῶτταν ἐπέτρεψε, ταῖς ἐπιστολαῖς ἐπιστήσας, ὅσαι
διὰ τῶν Ἑλληνικῶν ἑρμηνεύονται λόγων, cf. p. 108. --- Har. Steinacker,
Die röm. Kirche und die griech. Sprachkenntnisse des frühen M.-A. τῇ
der Festschr. Theod. Gomperz dargebracht zum 70. Geburtstage, Wien
1902, S. 339. — Ed. Dirksen, Civilistische Abhandlungen, Berl, 1820, I 53.
41) Euseb, vita Const.IV 32; ef. III 13.C.Fr. Weber, De latine scriptis,
quae Ran veteres in linguam suam transtulerunt, part. II, Cassel
1848 8. 1.
696 Ludwig Hahn,
verwaltet ward, lateinisch, wie z. B. die durch Papyri erhal- ἢ
tenen Fragmente eines römischen Militärarchivs erweisen 48). Ὁ
Noch am Ende des 5. Jahrh. ist die Kommandosprache im by- |
zantinischen Heere die lateinische”). Die offiziellen Inschriften
von Beamten und Offizieren, auch die römischer Kolonien δ) |
sind im Orient lateinisch 5). Doch findet sich häufig eine
griechische Uebersetzung beigegeben. Ebenso waren die Auf-
schriften der Reichsmünzen lateinisch, die der Provinzialmünzen
sind bis auf Trajan meist lateinisch oder doppelsprachig. Grie-
chische Buchstaben als Wertbezeichnung auf Münzen erscheinen
erst unter Kaiser Anastasios (491—518), eine griechische
Legende erst unter Heraklios (610—641) 52). Aehnlich ist es
mit den Meilensteinen’°?).
Lateinisch war auch die Sprache des römischen Rechts.
Die Anwendung dieser Sprache war schon durch den Gebrauch
der üblichen verba legitima bedingt°*). Diese werden noch in
den Novellen und in der im 6. Jahrhundert gefertigten grie-
chischen Paraphrase der Institutionen, die den Namen des
Theophilos trägt, lateinisch wiedergegeben. Man vergleiche z.B.
Ausdrücke wie , ὅπερ γὰρ divini iuris ἐστιν“ oder αὕτη γὰρ non
' Iure civili facta ἔστιν “ oder „to jurisgention “,, δύναται usucapere*,
„excusatevesdwoav“ oder „Y) emancipata ϑυγάτηρ ὅ5).“ Was dem
48) Jul. Nicole et Ch. Maret, Archives militaires du premier siecle,
Gen&ve 1900. — Vgl. Blümner, N. Jahrb. III (1900) 432 ff. und Archiv
f. Papyrusforschung II (1904) 1 ff.
49) Zachariae von Lingenthal in der Byz. Zeitschr. III 437 ff, J. B.
Bury, A. history of the later Roman empire Lond., 1889, II. Bd. c. 7.
p. 172, Cf. u. 8. 714.
‘0, Vgl.z. B. CIL. III p. 3 und CIL. IIIn. 165 f. aus Berytus, 284 f. aus
Germe, 289 f. 296 ff. aus Antiochia in Pisidien, 335 aus Apamea (Myrlea),
629 aus dem Municipium Stobi. — Cf. CIL. III n. 6786. 6810 ff. 6835 fi.
6873. 6889. 7168 ff. — Kubitschek, Wiener Studien XXIV (1902) S. 530.
5) Vgl. auch August. De civit. Dei XIX 7; At enim opera data
est, ut imperiosa eivitas non solum iugum, verum etiam linguam suam
domitis gentibus per pacem societatis inponeret.
52) Vgl. Lafoscade, Infl. 135. — Krumbacher, Gesch. d. Byzant.
Litt.? 8. 4.
58) (Yf. z. B. CIL. III 204 ff. 218 ἢ. 226 fi. 306 fi. 344 ff. 463 ff. 572 f.
708 ff. 6633. 6648 ff. 6715 ff. 6893 ff. 6956f. — Ο, Hirschfeld, Die röm.
Meilensteine, Berl. Sitzber. 1907, 165 ff.
84) Cf. Modestinus, Dig. XXVII (de excus.) 1,1 und Weber a. o.
a. O0. I 25. |
55) Triantaphyllides, Lexique des mots Latins dans Theophile et
les novelles de Justinien bei Jean Psichari, Etudes de philologie πόο-
grecque, Par 1892, S. 159 ff. 255 ff. — S. auch Krumbacher, Byz, Zeitschr.
VI (1898) 467.
Sprachenkampf im römischen Reich, 697
Volksrecht überlassen blieb, wurde im Osten zumeist griechisch,
wasrömischen Rechtes war, wohl zumeist lateinisch mit Beiziehung
von Dolmetschern verhandelt. Den Gebrauch der lateinischen
Sprache vor Gericht‘) veranschaulicht uns auch ein in einem
Papyrus erhaltenes Protokoll aus dem 4. Jahrhundert?”). In der
Kaiserzeit wurde allerdings sogar im Senate Zeugen auch in
. griechischer Sprache Gehör gewährt, obwohl Kaiser wie Tiberius
und Claudius möglichst auf der Anwendung der Reichssprache
bestanden zu haben scheinen.
Ein wichtiger Faktor für die Verbreitung der lateinischen
Sprache im Osten war ferner der Handel. Ueberall, auch in
kleineren Städten, blühten die conventus civium Romanorum >).
Die Inschriften derselben sind zum großen Teil lateinisch oder
doppelsprachig abgefaßt. Plutarch erklärt, daß zu seiner Zeit
fast alle Menschen die lateinische Sprache gebraucht hätten,
was wohl so aufzufassen ist, daß man damals die lateinische.
Sprache überall sprechen hörte und sich in ihr verständigen
konnte Die große Anzahl bilinguer Inschriften bestätigt
Plutarchs Angabe. Doch blieb die eigentliche Verkehrssprache
im Osten des Reichs immer die griechische.
Andererseits unterlagen Griechen und Orientalen, wenn
sie sich längere Zeit im Westen aufhielten, naturgemäß der
Einwirkung des Romanismus und der lateinischen Sprache.
Mochten sich die in Rom und in anderen, größeren Städten
des Westens wohnenden Angehörigen fremder Nationen auch
86) Vgl. auch Philol. LXII (1903) 133 ff. (0. Crusius, Lateinische
Schrift in griech. Texten), wo z. B. angeführt Zosim. V 41 p. 271
Mendelss: ..... τῆς ἀνδρείας, ἣν καλοῦσι Ῥωμαῖοι Virtutem. — In einem
φήφισμα von Mylasa (ΒΟΉ. XX [1896] 542)" erscheint im griech. Text
succlam(atum) est (Zeit des Septim. Severus). — Krumbacher, Byaz.
Zeitschr. VII (1898) S. 467. —C. W. J. Heimbach. Art. Griech. — röm.
Recht in Ersch und Grubers Encykl. Bd. 86 S. 198. 224. 227 f. 231 ff.
235 ff. Beispiele aus den juristischen Fragmenta Sinaitica (2. Hälfte d.
Ὁ. Jahrh.) s. bei. M. R. Dareste, Fragments inedits de droit romain
d’apres un manuscrit du mont Sinai im Bull. de corresp. hell. IV (1888)
449—460, z. B. 8.457: Legitimos οὐ δύναται legitimo ἄλλῳ in iure cedere
τὴν ἐπιτροπὴν, οὔτε οἷόν τε αὐτὸν καὶ legitimon εἶναι καὶ cessitium. —
Cf. auch Triantaphyllides a. ο. a. Ο. p. 114 ff. — Kreuser a. a. O. 120.
ἢ τὰ, De glossis lexici Hesychiani Jtalieis, Diss. Leipz. 1885
. 860 ff.
57) BeiL. Mitteis, Griech. Urkunden der Papyrussammlung zu Leip-
zig, Leipz. 1906 Nr. 40. S. u. 5. 701 Anm. 77.
08) Vgl. Kornemann bei Pauly-Wissowa s. v.
698 | Ludwig Hahn,
national zusammen — und gegen das Römertum abschließen, wie
es jetzt die Slaven in Wien gegenüber dem Deutschtum zu tun
versuchen, die einheimische Sprache drängte sich ihnen wenigstens
in der Folge einiger Generationen auf. Allerdings haben die
Christen in Rom bis in das dritte Jahrhundert die griechische
Kultsprache beibehalten °°), aber das Griechische war für die-
selben als Sprache des N. T. eine heilige Sprache‘®) und eine
solche erhält sich bekanntlich wie z. B. das Sanskrit oder das
Hebräische auch dann noch lange, wenn sie sonst schon längst
als eine im praktischen Leben nicht mehr übliche zu betrachten
ist. Wien, das an der Peripherie des deutschen Sprachgebietes
liegt, ist ein Germanisierungsfaktor ersten Ranges. Rom, das
mitten im italischen Sprachgebiete lag, das mehr Zuzug aus
dem Westen als aus dem Osten erhielt, muß eine mindestens
gleiche Wirkung ausgeübt haben. In Rom lernten abgesehen
von Sklaven und Freigelassenen viele griechische Gelehrte die
Sprache der Sieger, ebenso Geschichtschreiber wie Dionysios
von Halikarnaß, Diodor, Plutarch, Arrian 51), Appian‘?), Dio
Cassius ©), Herodian °*), Eusebius‘?), Zosimus‘®), der Kirchen-
59) Vgl. C. P. Caspari, Quellen zur Gesch. des Taufsymbols Bd. III,
Christiania 1874 8. 304 f. 409. 428. 435. 437. 450. 463 f. — Har. Stein-
acker a. 0. a. O. 8. 324 ff.
60) Bezeichnend für die Unantastbarkeit der Sprache des N.T. ist,
was Sozomenos (H. E. I 11) erzählt. Als ein christlicher Redner statt
des von den Attizisten beanstandeten χράββατος das für klassisch gel-
tende σχίμπους (cf. Lobeck, Phrynich. 62) gebrauchte, wurde ihm zuge-
rufen: οὐ σύ γε ἀμείνων tod χράββατον. (Θν. Marc. 2,12: ἄρας τὸν χράββα-
τον ἐξῆλϑεν) εἰρηκότος. |
61) Peripl. Pont. Eux. VI 2, X 1. C£f. Tact. 20: ἤν “Popatot
ἄἅἄ λν χαλοῦσι.
62) Prooem. 15, Β. Ο. IV 8—11; cf. II 146; ef. Weber ἃ. o. ἃ. Ο. 1
49. Vgl. φλαμέντας —= flamen B. C. 165, ἱντέρρηξ Β. C. 1 98,
ἰγκουιλῖνος —= inquilinus B. C. II 2, κουρία B.C. ΠΙ 94 mit Er-
klärung; cf. Ludwig Götzeler, Quaestiones in Appiani et Polybii dicendi
genus, Würzb. 1890 5. 7f. 32ff. und bes. 74. — Lafoscade, Infl. 110, —
Μάρκου ᾿Αντωνίνου τὰ eig ξαυτόν (ed. Jo. Stich) I5 παλμουλάριος ἢ
σχκχουτάριος, [16 οὐερνάχλος ... σχολαστικός, VII 8 σιγιλ-
λάρια νευροσπαστούμενα.
68) LV 3, 4-5: αὐκτώριτας ἐγίγνετο mit Erklärung, XLVIII
12,3: βουλὴν καλιγᾶταν ἀπὸ τῆς τῶν στρατιωτικῶν ὑποδημάτων χρήσεως,
LXXI,9 καλοῦσι δὲ τὸ τάγμα οἱ Ῥωμαῖοι λεγεῶνα, XXXVH 27: τὸ δὴ
λεγόμενον περδουελλίωνος ὃ Ῥαβίριος ἐκρίϑη, ΙΧΥΤῚ 28,1: ὄπτιμος
= ἄριστος, ΧΙΠ1|1,88: δικτατωρεύω, LXXII 19,2: τοῦ σεχούτωρος
χαλουμένου etc. ὶ
6) Vgl. Ludw. Götzeler, Observationes Herodianeae, Würzb. 1888
S.4 ff. Cf. Herod. V 4,9 die Erklärung von πραιτωριανός. — Jul. de
Poblocki, De Herodiani vita, ingenio, scriptis, Diss. Münster 1864 8. 29 ff.
Sprachenkampf im römischen Reich. 699
historiker Sokrates 57) etc.°®). Auch Strabo war, wie es scheint,
der lateinischen Sprache, kundig. Wer von Griechen oder
' Orientalen in Rom oder an der berühmten Rechtsakademie der
römischen Kolonie Berytus °°) sich mit dem Studium des Reichs-
rechts befassen wollte, der mußte zuerst Lateinisch lernen 79).
56) Vgl. 8. 700. — Cf. auch Eus. H.E. V.4: λεγεῶνα ... κεραυ-
νοβόλον τῇ Ῥωμαίων ἐπικληϑεῖσαν φωνῇ (Erzählung von der sog. legio
fulminatrix); vgl. V 5: ἐπὶ τῆς Μελιτηνῆς οὕτω χαλουμένης λεγεῶνος;
H.EIX ὅ: στρατοπεδάρχης, ὃν δοῦ α Ῥωμαῖοι προσαγορεύουσιν εἴα. Vgl.
Kreuser, Verh. d. 5. Vers. deutscher Philol. οἷο Ulm’1842 8. 102.
— Latinismen bei Julianus Apostata: ep. 25 (Ἰουδαίων τῷ χοινῷ) : πυρὶ
παρέδωχα τὰ βρέβια τὰ nad” ὑμῶν ἐν τοῖς ἐμοῖς σχρινίοις Anonelnevg,
ep. 48: ἵν᾽ eig τὴν βασίλειαν τῶν οὐρανῶν εὐοδῴώτερον πορευϑῶσι (ol ἐν τῇ
᾿Εδέσσῃ Ταλιλαῖοι) .... ἐκελεύσαμεν. .. τὰ χτήματα τοῖς ἡμετέροις προσ-
τεϑῆναι πριβάτοις, ἵνα πενόμενοι σωφρονῶσι καὶ μὴ στερηϑῶσιν, ἧς ἐλπί-
ζουσιν οὐρανίου βασιλείας. --- ὅσσ. Brambs, Studien zu den Werken Julians
d. A. I, Progr. Eichstätt 1897 3. 12.
66) Weber II 30 f. — Vgl. auch Zos. II 9: τοὺς περὶ τὴν αὐλὴν στρατιώτας,
og πραιτωριανοὺς χαλοῦσιν; cf. II 17: τοὺς δὲ πραιτωριανούς
στρατιώτας ; II 25: ἡγεμόνα τῶν ἐν τῇ αὐλῇ τάξεων ὄντα --- μάγιστρον
τοῦτον ὀφφιχίων χαλοῦσι Ῥωμαῖοι, V 32: τῶν δομεστίχων τάγματος
0 0. τῶν ἔν τῇ αὐλῇ τάξεων μνάγιστρος ... ὃ τὰ βασιλεῖ δοχοῦντα
τεταγμένος ὑπαγορεύειν, ὃν κοαίστωρα χαλεῖν οἵ ἀπὸ Κωνσταντίνου
, δεδώκασι χρόνοι, Il 33 τῶν λεγομένων δουχῶν, II 88 extr. ἀπεγρά-
baro δὲ τὰς τῶν λαμπροτάτων οὐσίας τέλος ἐπιϑείς, ὦτιν.ι φόλλιν αὐτὸς
ἐπέϑηχεν ὄνομα, 11 39: τοῦ λεγομένον νωβελισσίμου, II 40: τοῦ
πατριχίου. Vgl. noch die Erklärung von σχκχουτάριοι (III 29),
Enyeg und ποντίφιξ νάξιμος (IV 36), τριβοῦνος (V 40) und V
81 τοῖς χαλουμένοις μιλίοις, V 34 extr. τοῦ λεγομένου νοταρίων
τριβούνου etc.
67) Weber II 6. — Ueber Sozomenos 5. ibid. II 22 ἢ
68) Vielleicht auch Lucian; cf. ὑπὲρ τοῦ ἐν τῇ προσαγορεύσει πταί-
onarog ὃ 18: εἴ τι χἀγὼ τῆς Ῥωμαίων φωνῆς ἐπαΐω, τοὺς προσαγορεύοντας
ἀντιδεξιούμενοι τῷ τῆς ὑγιείας ὀνόματι πολλάκις ἀμείβεσϑε. Vgl. auch Gell.
XIX 9 und überh. Bernhardy, Griech. Litt. 51 5. 565. — Im Traumbuch
des Artemidor (Zeit Hadrians) finden sich lat. Termini für Gladiatoren
(II 32): σεκούτωρ, ῥητιάριος, προβοχάτωρ, (ἀσσιδάριος μορ-
piRAwv): cf. auch IV 59: τῆς οὐσίας ὑπὸ τοῦ φίσχου καταληφϑείσης.
- Lafoscade, Infi. ἃ. δ. Ο. 127. 5. überh. Weber ἃ. a. O0. I 14 ff. 1180 ἢ.
69) Ὁ. W. 1. Heimbach bei Ersch und Gruber Bd. 86 S. 224.
227f. Benzinger bei P.-W. III 322. — Vgl. Bruns-Sachau, Syr.-röm.
Rechtsbuch, Leipz. 1880, Kommentar S. 327. — Nestle, Berl. philol.
Wochschr. 1905, 284. — Expositio totius mundi et gentium ed. Alex.
Riese in d. Geogr. gr. min. c. 25: Berytus civitas valde deliciosa et au-
ditoria legum habens, per quam omnia iudicia Romanorum stare viden-
tur. Inde enim viri docti in omnem orbem terrarum adsident iudicibus
et scientes leges custodiunt provincias etc.
| 10) Philostrat. vit. soph. II 93,27. — Gregor. Thaumaturg. ed.
Ger, Vossius p. 186. — Liban. ep. 582 an Κλέαρχος: Ἰουλιανὸς οὗτοσί "
πρῶτος μὲν Ev "EMMA φωνῇ, πρῶτος δὲ ἐν τῇ τῶν χρατούντων, πλήρης
νόμων... -- Rauschen, Griech.-röm. Schulwesen, Progr. Bonn 1900
S. 17. 24. — Liban. I 184, 20 R; G.R. Sievers, Das Leben des Libanius,
Berl. 1868, 5. 17. 162. 188. — Lafoscade, Influence du Latin sur le
Grec a. 8. Ο. p. 99. 124 ἢ, — Nestle, Berl. philol. Wochschr. 1905, 284.
700 Ludwig Hahn,
Der lateinischen Literatur gegenüber verhielten sich die bil-
dungsstolzen Hellenen ebenso ablehnend wie die Franzosen
gegenüber der deutschen Literatur im Mittelalter trotz eines
Walther und Wolfram’®). Doch übersetzte zur Zeit Hadrians
der Sophist Zenobios”!) die Werke Sallusts, Paianios, wahr-
scheinlich ein Schüler des Libanios, das Breviarium des Eu-
tropius”??). Der Kirchenhistoriker Eusebius ist der Uebersetzer
. der als Prophezeiung auf den Sieg des Christentums aufgefaßten
vierten Ekloge des Vergil und zweier lateinischer Reden des
Konstantin’?). Zosimos schrieb zwar griechisch, ist aber in
seinem Denken völlig romanisiert wie Polybios. Ammianus
Marcellinus, der Fortsetzer des Tacitus, war ein Grieche aus
Antiochia, und Claudian”*), einer der lebensvollsten lateinischen
Dichter, der Sänger der Taten des Stilicho, stammte aus Ale-
xandria. Die Werke des Sulpicius Severus fanden auch im
Orient weite Verbreitung”’). Lehrbücher zur Erlernung der
lateinischen Sprache für Griechen, nach Art unserer Sprach-
führer gestaltet, waren vielfach im Gebrauch ’®).
700) Aber die Wohlfahrtswirkung des imperium Romanum erkannten
auch einseitige Hellenen an; cf. des Aelius Aristides Rede εἰς Ρώμην,
den weltgeschichtlichen Dankhymnus der Besiegten auf die Siegerin.
11) Suidas 85. v. Ζηνόβιος; cf. 5. v..’Appıavög, der μετάφρασιν τῶν
Γεωργυκῶν τοῦ Βεργιλλίου ἐπικῶς verfaßte. --- Der hellenisierte Gallier
Favorinus, der bedeutendste Sophist zur Zeit Hadrians, kannte und er-
klärte Vergil (Gellius XVII 10). Derselbe sagt dort (XX 1) von sich:
Non enim minus cupide tabulas istas duodecim legi quam illos duode-
cim libros Platonis de legibus; ef. XII1, XIII 25 οἷο. — Kannte Quin-
tus Smyrnäus den Vergil? (ΟΕ. Christ, Gr. Litt? 653). — Selbst in die
griech. Dichtung schlichen sich lat. Lehnwörter ein; cf. Kaibel, Epigr.
gr. 622,4 aus Rom: Πίστιν ἔχων ταβούλης χρήματος Adooviov (Zeit der
Antonine); 350,2; 351, 2; 440, 3; 607,4.
13) Butropii breviarium cum metaphrasi graeca Paeanii rec. Chr.
Cellarius, Jena 1698. (Darin I 1,3: σενάτορας αὐτοὺς καλέσας κατὰ
τὴν Ἰταλῶν φωνήν, Π 3,1 λεγεῶνες χατὰ τὴν αὐτῶν καλοῦνται φωνήν,
IX 9,7 δηνάριος; cf. auch II 3,6. — Ernst Schulze, De Paeonio
Eutropii interprete im Philol. 1870 8, 285 ff, \
18) Euseb. vita Const. IV, 29—33 und ad Sanctorum coetum oratio
19,4. Vgl. Ad. Harnack, Gesch. ἃ. altchristl. Lit. 1 2, 879. S. auch Gg.
Brambs, Blätter f. d. Gymn. Schulwesen, herausgeg. vom bayer. Gymna-
siallehrerverein, Münch. 1906, 5. 398 und P. Pfättisch, ibid. 1907 S. 60 ff.
14) Vgl. Kaibel, Inser. Graec. Sie. et It. (= 1 Ο XIV) 1074 aus Rom
betr. der „Claudiano, praegloriosissimo po&ötarum“, auf dem forum Traiani
errichteten Ehrenstatue. Schluß der Inschr.:
Eiv ἑνὶ Βιργιλίοιο νόον χαὶ μοῦσαν Ὅμήρου
Κλαυδιανὸν Ῥώμη Hal βασιλῆς ἔϑεσαν.
75) Sulpic. Sev. Dial. I 23. |
76) Löwe-Götz, Corpus glossariorum Latinorum Bd. III (Hermeneu-
Sprachenkampf im römischen Reich. 701
Mit der Einführung der absoluten Herrschaft durch Dio-
kletian waren der Romanisierung neue Bahnen eröffnet. Aegyp-
ten wurde damals auch formell dem Reiche einverleibt und
damit dem stärkeren Drucke des Romanismus und der Reichs-
sprache 77) überliefert”®). Da die Zahl der Beamten infolge
der strafferen Organisierung des Reichs immer größer wurde 79),
Beamter aber nur der werden konnte, welcher lateinisch ver-
stand, so ward der Einfluß der lateinischen Sprache immer
stärker. Die Kenntnis des Lateins, sagt Libanios®°), bringt
Reichtum und Ehren. Die Verlegung der Residenz nach Kon-
stantinopel bedeutete eine erneute Invasion des Romanismus
und seiner Sprache. Konstantin d. Gr., der seinen Soldaten
den Gebrauch der lateinischen Sprache vorschrieb 81), der selbst
vor den zu Nicäa versammelten Kirchenvätern sich der Reichs-
mata Pseudodositheana) Leipz. 1902. — M. Haupt, Opuscula II 508 ft.
— P. Grenfell and Arth. S. Hunt, The Amherst Papyri, part II, Lond.
1901 Nr. 26 (Fabeln des Babrios mit lateinischer Uebersetzung). —
urn, Greek Papyri in the British Museum. Lond. 1898 Bd. Il
p. 9521 Γ΄.
“Τὴ W. Schubart, Lit. Zentralblatt 1906, 1580 ἢ, (Besprechung von
L. Mitteis, Griech. Urkunden der Papyrussammlung zu Leipzig, Leipz.
1907 — mir bisher nicht zugänglich): „Eines der interessantesten Stücke
ist das unter Nr. 40 mitgeteilte Verhör in einem Prozeße aus dem 5.
oder 6. Jahrh. n. Chr. Die Verhandlung wird griechisch geführt, aber
die Fragen und Antworten werden durch lateinische Formeln eingeführt;
das Latein ist die Amtssprache, der die griechischen Aussagen wie etwas
Fremdsprachliches eingefügt erscheinen. .... Auffallend ist auch die
Menge der ins Griechische übernommenen lateinischen Wörter, wie
collega, contubernales, hospitium ἃ. a. ... Wie weit das Lateinische
vorgedrungen ist, lehrt auch die Erwähnung eines lateinisch abgefaßten
Testaments (Nr. 9) .... Dabei ist der Erblasser kein Römer“. Vgl. dar-
über auch Paul M. Meyer, Berl. philol. Wochenschr. 1907, 545 ff.
18). Nach Joh. Laur. Lydus (de magistr. III 42) wurde im Jahre
462 ein Beamter abgesetzt, weil er in Aegypten in offiziellen Akten
statt des Lateinischen das Griechische gebraucht hatte.
19) Vgl. G. Kretschmar, Ueber das Beamtentum der röm. Kaiserzeit, ἢ
Ak. Antrittsrede, Gießen 1879 8. 5.
80) Orat. de fort. suat.I. p. 133 BR: φυγὴ μὲν ἀπὸ τῆς τῶν Ἑλλήνων
φωνῆς, πλοῦς δ᾽ ἐπ᾽ ᾿Ιταλίας, ζητούντων κατ᾽ Exelvoug dtadtyeohaı' τοὺς γὰρ
. δὴ λόγους τῶν λόγων γενέσϑαι δυνατωτέρους καὶ εἶναι μετ᾽ ἐκείνων δυνάμεις
τε nal πλούτους, ἐν δὲ τοῖς πλὴν αὐτῶν οὐδέν ; cf. Weber a. ο. ἃ. Ο. Il ὦ
und Lafoscade, Infl. 122.
81) Euseb. vita Const. IV 19 extr.: Kat τῆς εὐχῆς δὲ τοῖς στρατιωτι-
χοῖς ἅπασι διδάσκαλος ἦν αὐτὸς ᾿Ρωμαίᾳ γλώττῃ τοὺς πάντας ὧδε λέγειν
ἐγχελευσάμενος (darauf folgt die griechische Uebersetzung des Gebetes).
Vgl. noch Const. Porphyrog. de Cer. 194 betr. der Inauguration Leos
des Jüngeren: χαὶ Expabov, ὃ μὲν δῆμος Ἑλληνιστί, προτρέποντες τὸν
βασιλέα ἀνελϑεῖν. ol δὲ στρατιῶται Ῥωμαϊῖστί etc.
700 Ludwig Hahn,
sprache bediente°®?), sah in der Nova Roma eine lateinische
Stadt°®®). Sicher herrschte auch längere Zeit wenigstens bei den
höheren Klassen der neuen Hauptstadt die lateinische Sprache °%).
Es gab daselbst eine lateinische und. eine griechische
Hochschule®®). Viele Ortsbezeichnungen in und um Konstan-
tinopel waren lateinisch®®). Auch lag die Stadt nicht sehr
weit von der Sprachgrenze; denn Moesien und das. nördliche
Thracien waren romanisiert, ebenso Illyrien®”). Noch zur
Zeit Justinians galt die Kenntnis des Lateins als für einen ᾿
Beamten notwendig°®). Erst im J. 535 nimmt Justinian das
Griechische als Gesetzes- und Rechtssprache an. Er erklärt
82) Euseb. Vita Const. III 13; cf. II 23; IV 32; Sozomenos H. E.
I c. 19 extr.: Τοιαῦτα τῇ Ῥωμαίων φωνῇ τοῦ βασιλέως εἰπόντος, παρεστώς
τις ἥρμήνευεν᾽ Vgl. auch Euseb. H. E. X 2,2; Weber 1Π1.
88) Lyd. de mag. Il 30; Kreuser in den Verhandlungen der 5. Vers.
deutscher Philol. und Schulmänner, Ulm 1842 S. 57. 98. 117f. —
Psichari a. a. O. p. XLVL |
82 Vgl. Har. Steinacker a. o. a. O. 8. 327. 337 #. — Edw. Freeman,
Some points in the later history of the Greek language im Journ. of
hell. Stud. 1882/83 p. 367 ff. — Th. Preger, Konstantinos-Helios, Hermes
XXXVI (1901) 462. — Gaston Paris, Romania I 14. — Kreuser a. o.
a. OÖ. 8. 101. — Papst Gregor I. sagt von sich (ep. XI 74): nos nec
graece novimus, obwohl er 6 Jahre in Konstantinopel ἀποκχρισιάριος
(= Nuntius) gewesen. Der bekannte Grammatiker Priscian schrieb
seinen Panegyrikus auf Kaiser Anastasius (491—518) zu Konstantinopel,
ebenso Corippus seinen Panegyrikus in laudem Justini Augusti minoris
(565—578); cf. Diehl, Justinien p. 82, Kreuser 117.
85) God. Just. ΣΧ 1;.1.9; 2.
86) Οὗ, z.B. Nicephori hist. syntomos ed. de Boor, Leipz. 1880 p.38,
13. 15 πραιτώριον, p. 42,10 ἐν τῷ παλατίῳ βλαχερνῶν, p. 57,3
Τριβουνάλιον τῶν WW" ἀκουβίτων, p. 75, 20 ἐν τῷ καλουμένῳ
Μιλέῳ, p. 76,20 Σ ἐ χρετα. — Const. Porphyrog. de cer. I p. 28, 28
Bonn φόρος = forum (cf. Reiskes Kommentar II 133 und 574), 1
p. 51,14: ἐν τῷ φουρνιχῶ τοῦ Μιλίου, I p. 312,5 τὸ ὀρνατόριον
(urnatorium) τῶν πρασίνων etc. — Th. Preger, scriptores originum Const.
I, Lips. 1901, p. 27,9. 12; 104,1; 89,7 ete. — Oberhummer u. Constanti-
nopolis bei Pauly-Wissowa IV 995 ἢ. — Weber I 19. — Kreuser in den
Verh. ἃ. 5. Vers. deutscher Philol. ete. Ulm 1842 S. 9.
87) Thracien lieferte viele Soldaten; cf. Expositio totius mundi et
gentium ed. Alex, Riese in den Geogr. gr. min, c. 50: Thracia provincia
et maximos habens viros et fortes in bello. Propter quod et frequenter
inde milites tolluntur. Ueber die lat. Sprache in Dalmatien und Alba-
nien vgl. Hugo Schuchardt, Der Vokalismus des Vulgärlateins Bd. III
Leipz. 1868 S. 52ff., in Dalmatien und Moesien, Jung a. a. 0. 366 ff.,
in Macedonien, Dorsch a. o. a. Ο. 8.38 ff. — Alex. Budinszky, Die Aus-
breitung der lat. Sprache, Berl. 1881 S. 198 £. |
88) Vgl. Jo. Laur. Lyd. de mag. III 29. 68; οὗ 11; Mitteis a. ο. ἃ. O.
5. 186 Fußn. 1. — Sievers, Libanius 17. 188. — Marquardt, Staatsv.
1? 565. — Lafoscade, Infl. 123. — Kreuser 118 ff. — Ducange, Glossa-
rium graecitatis, praef. p. IV f., XIff.
Sprachenkampf im römischen Reich. 703
in der 7. Novelle 89): οὐ τῇ πατρίῳ φωνῇ (d. h. in der lateini-
schen Sprache) τὸν νόμον συνεγράψαμεν, ἀλλὰ ταύτῃ δὴ τῇ χοινῇ
τε χαὶ ἑλλάδι, ὥστε ἅπασιν αὐτὸν εἶναι γνώριμον διὰ τὸ πρό-
χειρον τῆς ἑρμηνείας. Damit war, was sich schon seit der
Scheidung des Reiches in zwei Teile voraussehen ließ ?°), der
Sieg der griechischen Sprache über die lateinische entschieden).
Erst 578 aber kommt mit Tiberius ein Kaiser griechischer Abstam-
mung aufden Thron und auch dieser trägt noch einen lateinischen
Namen). Seit Kaiser Heraklios (610—641) geht die grie-
chische Sprache immer mehr zum Angriff ἄρον 8). Lateinische
Formeln wie „Deus conservet imperium vestrum, Tu vincas, In
multos annos“ oder „In gaudio prandete Domini“ haben sich
im byzantinischen Hofzeremoniell in ähnlicher Weise erhalten,
wie heutzutage noch im englischen Parlament gewisse franzö-
sische aus der Zeit der Herrschaft der normannischen Könige
stammende Redensarten im Gebrauche sind 55).
89) Nov. VII c. 1 (52,32). — Es gab auch Gegner dieser Maflregel
z. B. Joh. Laur. Lyd., der (De mag. II 12) eine alte, dem Romulus ge-
gebene Weissagung anführt: Τότε Ῥωμαίους τὴν τύχην ἀπολείψειν, ὅταν
αὐτοὶ τῆς πατρίου ἐπιλάϑωνται φωνῆς ; ibid. III 68; cf. 29.
90) 5. auch Heimbach ἃ. o. a. O. S. 293 f. — Kreuser 115 f.
9) Urteile auch in griech. Sprache zu fällen war den Richtern
seit Arcadius erlaubt; vgl. cod. Just. VIl, 45, 12. Theodosius 11. gestat-
tete den Gebrauch der griech. Sprache in Testamenten; vgl. überh.
Dirksen, Civilistische Abhandlungen, Berl. 1820, 1. S. 40 ff., Weber II 1,
Bethmann-Hollweg, Röm. Civilprozeß III. Bd., Bonn 1866, 85. 196 ft.
Ueber die Anwendung der lat. Sprache im oström. Reich s. J. B. Bury,
A history of the later Roman empire, Lond. 1889, II ec. 7 p. 167 Β΄; 7. J.
Reiske im Kommentar zu seiner Ausgabe des Const. Porphyrog. De Cer.
S. 443 Εἰ; Oberhummer, Art. Constantinopolis bei Pauly-Wissowa IV 1001.
— Eine Parallele: „Unter Cromwell erließ das Parlament ein neues
Edikt, um die englische Sprache (st. der französischen) in allen gericht-
lichen Akten einzuführen, aber diese Neuerung erschien den Juristen
‚ gefährlicher als die Abschaffung des Oberhauses und des Königtums‘“;
Aug. Fuchs, Roman. Sprachen in ihrem Verhältnis zum Lateinischen,
Halle 1849 S. 108, Fußn. 194.
92) S. auch Kreuser a. ὁ. a. O. S. 99. 117.
93) Lafoscade, Infl 135. — Krumbacher, Gesch. ἃ. Byzant. Litt.?8. 3 ff.
94) Vgl. De Cer. Bonn I 9 p. 69, I 10 p. 73, 143 p. 228, 147 p. 239,
175 p. 370£. ete. — Cf R. Nikolai, Griech. Literaturgesch. III Bd.
Magdeburg 1878 8. 61.— A. Fuchs a. o. a. O. 8. 108 Fußn. 194: „Noch
heutzutage bedienen sich die verschiedenen Zweige der legislativen Macht
(in England) in ihren gegenseitigen Beziehungen der französischen
Sprache. Wenn das Unterhaus der Pairskammer eine Bill zuschickt oder
eine von ihr erhält, so geschieht dies resp. mit der Formel: Soit baile
aux Seigneurs, oder: Soit bail& aux communes, und die königliche
Sanktion erfolgt mit den Worten: La reyne (geschrieben 1846!) le voet.
Vgl. Edw. Freeman a. o. a. Ὁ. S. 379: The cry of „oyez“ — heard in
704 | Ludwig Hahn,
Merkwürdig ist der Wandel im Christentum seit seiner
Verstaatlichung durch Konstantin auch hinsichtlich der Sprache.
Nach der Verlegung des Sitzes des Kaisertums nach Konstan-
tinopel erhob sich das durch die weltliche Macht nicht mehr
in Schatten gestellte Papsttum°°). Die Päpste betrachteten
sich nach der Ablösung der Staatsreligion des Kaiserkults durch
die Staatsreligion des Christentums, die als solche bald ebenso
unduldsam werden mußte, als Inhaber des Imperiums in der
Religion. Zur heiligen Sprache des römischen Papsttums
wurde die des weltlichen Imperiums, die römische. Unterstützt
wurde diese Stellung des Lateins abgesehen vom rapiden Rück-
gange des Griechischen in der alten Hauptstadt?‘) vor allem
dadurch, daß die westliche Hälfte des Reiches der Kirche auch
abgesehen von den großen Päpsten hervorragende Lehrer wie
Tertullian, Cyprian, Ambrosius, Hieronymus, Augustinus lie-
ferte°”), deren Werke bei der Furcht vor Häresien®®) auch
von den Theologen des Ostens gelesen werden mußten”).
Deshalb hält Athanasius die Kenntnis des Lateins für nötig
America as well as in England, formulas like „La reine le veult“ are
the counterparts of Latin salutations like βίκτωρ σῆς (sis!) σέμπερ, which
greeled the ears of the last Roman emperors of the East. (Const. Por-
phyrog. De cer. I 74—77). Ueber die Herrschaft der französischen
Sprache in England vom 11. bis 14. Jh. — eine der Herrschaft der
lateinischenSprache vielfachähnliche Erscheinung—s. ἃ, Progr. ἃ, Realsch.
Annaberg von Osc. Scheibner aus J. 1880. — Anwendung des Lateini-
schen in der Kirche bei Const. Porphyrog. Cer. I 74 p. 369,7.
95) Papst Leo I. erklärt dem Kaiser Marcian (Mansi VI 187 c. 3),
daß der Stuhl von Rom ein apostolischer, der von Konstantinopel nur
ein kaiserlicher sei.
%) Harold Steinacker a. o. a. Ὁ. 5. 332: „Schon Papst Damasus
nahm bei seinem Briefwechsel mit dem Orient die griechischen Kennt-
nisse des Hieronymus in Anspruch. Fünfzig Jahre später, zur Zeit des
3. ökumenischen Concils, war in der römischen Kirche selbst die leiseste
Kenntnis des Griechischen verschwunden.“
”) Vgl. Steinacker a. o. a. O. S. 340. ]
98) Οὗ z. B. den Brief Leos I. an Kaiser Marcian vom J. 454 bei
Mansi VI 274 c. 3 und den an Bischof Julian von Kos ibid. VI 276. —
Es war dabei noch der leichteste Fehler, wenn credulitas und erudelitas
verwechselt wurde; cf. Weber II 4.
99) Vgl. z. B. Aeußerungen wie die Basilios’ ἃ. Gr. ep. 265 ed.
Maur. 595 A: ὧν (τῶν ἀπὸ δύσεως) δεξάμενοι τῆς πίστεως τὸν νόμον ἔχομεν
παρ᾽ ἑαυτοῖς, ἑπόμενοι αὐτῶν τῇ ὑγιαινούσῃ διδασκαλίᾳ; οἵ, ep. 66 an Atha-
nasius, ep. 70 an Papst Damasus mit der Bitte ὡς ἐσομένης ἡμῖν τινος
ἐπισκέψεως παρ᾽ ὑμῶν, ep. 90 (Hilferuf an die ἐν τῇ δύσει) ete. — Weber
121; II 6. 11. 12; Lafoscade, πῇ, 127.
Sprachenkampf im römischen Reich. 705
zur Frömmigkeit!%). Das Christentum also bewirkte es, daß
die lateinische Literatur einen tieferen Einfluß auf die grie-
chische gewann 91). |
Wie die altrömischen Feldherrn die Beschlüsse des Senats
den Griechen zuerst in der authentischen lateinischen Sprache
und dann in einer Uebersetzung mitteilten, so hielten die
Päpste darauf, daß ihre Kundgebungen auch bei Kirchenver-
sammlungen in der östlichen Reichshälfte zuerst im lateinischen
Urtext, der dann ins Griechische übersetzt werden konnte,
bekannt gegeben würden 192), Das Lateinische sollte anerkannte
Kirchensprache werden, wie der Bischof von Rom der Primas
der Kirche. Noch die Akten des 5. ökumenischen Konzils zu
Konstantinopel (553) sind lateinisch abgefaßt!®). Aber das
Imperium der lateinischen Kirchensprache endet noch früher
als das Imperium des Papsttums im Osten. Die Trennung
in der Sprache geht der Trennung im Glauben weit voraus!‘%*),
wenn auch die Griechen sich Ῥωμαῖοι und die griechische
Sprache die Ῥωμαϊκη 105) nannten und ihre Kaiser den Titel
„Griechischer Kaiser“ als Beleidigung auffaßten 195).
vi.
Die kulturellen Wirkungen der Völker aufeinander lassen
100) Athanasius bei Migne, Patrol. gr. I 784 C. Cf. Lafoscade Infl.
128 und Weber II 3. — Aus dem Lateinischen übersetzt sind die Acta
martyrum Scilitanorum (graece ed. H. Usener, Bonn, 1881); ef. Usener,
Beitr. zur Gesch. der Legendenliteratur in d. Jahrb. f. prot. Theo).
XIII (1887) 240. 258.
101) $, auch Texte und Untersuchungen von Osc. v. Gebhardt und
Ad. Harnack Bd. VII, (Leipz. 1892), H. 3 (Die griech. Uebersetzung des
Apologeticus des Tertullian [cf. Euseb. H. E. II 2] von Ad. Harnack,
S. 1 #., 7, 9, 30 8.) und ibid. XI, H. 2 (Acta 5. Nereı et Achillei v. Hans
Achelis) Leipz. 1893, ferner ibid. XIV 1. — Papst Leo 1. bittet den
Bischof Julian von Kos die Synodalakten des Konzils zu Chalkedon
(451) ins Lateinische zu übertragen; Mansi VI 221 ce. 4.
102) Vgl. Har. Steinacker a. o. a. O. 332 ff., Budinszky a. o. a. Ὁ.
245. — Lafoscade, Infl. 129. 139 £.
108) Lafoscade, Infl. 139.
104) Vgl. Steinacker a. o. a. O. S. 332 ff. 5 :
106) Vgl. Bury ἃ. ο. ἃ. Ο. 8. 174. — Dagegen ist Ἕλλην = Heide;
cf. z. Β. Tatians λόγος πρὸς Ἕλληνας und Usener, Jahrbücher f. prot.
Theol. XIII (1887) 5. 226,3; Kreuser a. o. a. O. 8. 100 f. — Of. auch
ev. Jo, 7,35; act. ap. 14,1, ! \
106) Vgl. den Gesandtschaftsbericht des Bischofs Liutprand von Cre-
mona bei W. v. Giesebrecht, Gesch. d. deutschen Kaiserz. 12, 4. Aufl.
Braunschweig 1874, S. 540; s. auch ibid. 5. 524 den Streit über den
Titel βασιλεύς od. ῥήξ.
706 Ludwig Hahn,
sich- am deutlichsten und sichersten an der Zahl und Art der
Fremd- und Lehnwörter erkennen !”). Die Griechen waren
als Kulturträger nach Italien gekommen. Es scheint aber,
dafs sie doch manches Eigentümliche, wie das ja in der Natur
der Verhältnisse liegt, von 'den Italikern annahmen, so das
italische Maßsystem, vermutlich auch gewisse Rechtssatzungen.
In der Sprache der westlichen Griechen finden sich nämlich
die italischen Maßbezeichnungen λίτρα, ὀγκχία, xößtrov, dann
die Rechtsausdrücke μοῖτον = mutuum und χάρχαρα — carcer.
Das italische μόδιος wendet der Redner Deinarchos aus Korinth,
der Metropolis von Syrakus und Kamarina, an. Neben den
oben erwähnten Italizismen finden sich, wie wir aus den spär-
lichen im Lexikon des Hesychios geretteten Fragmenten er-
sehen, in der Komödie der westlichen Griechen noch manche
andere, wie das von der bekannten italischen Possenfigur des
Maccus abgeleitete μαχχοάω 198), das auch von Aristophanes
gebraucht wird, dann λοῦπα, χέλλα 199), κάλτιος (= calceus)
etc. Da in der Art der Stoffe und in der Verwendung von
Charakterfiguren .eine gewisse Verwandtschaft der Komödie der
westlichen Griechen, die in Sicilien durch Epicharmos, in
Italien durch Sophron und Rhinthon ihre Vollendung fand,
mit den uralten Possenspielen der italischen Bauern besteht,
so ist vielleicht der Vermutung Raum zu geben, daß die älteste
griechische Komödie in mancher Eigentümlichkeit italisch ist.
Historikern, wie Timaios, der den Krieg mit Pyrrhos beschrieb,
oder Sosilos, dem Begleiter Hannibals, oder Diokles, der den
Fabius Pictor zur Quelle hat, mögen Wörter wie τήβεννα
(= toga) oder ὕσσός (= hasta) angehören, die Bücheler als
altitalisch erwiesen hat. Nachdem Rom im Anfange des 2.
Jahrhunderts maßgebenden Einfluß im Osten gewonnen, brach-
ten griechische Gesandte die für die Lage der Griechen be-
105) 8. auch Thumb a. o. a. O. S. 157. 158 ff.
108) Vg]. Gust. Meyer, Sitzb. Wien. Akad. 1895 Bd. 132, IV 8.53 s. u.
μόχος und „Rom und Romanismus“ δ᾽. 8, |
100) „Kellien“ heißen noch jetzt die „Zellen‘ auf dem Athos; Rudolf
Lindau, Deutsche Rundschau 1902, Bd. 113 S. 123. — Vgl. H. Usener,
Der heilige Theodosius, Leipz. 1890 p. 127 ἢ. — Gust. Meyer 8. v. —
Sozomenus VI ὁ. 31: oixodar δὲ ἐν τοῖς χελλίοις (im Kloster ἐν τῇ
Νιτρίᾳ), ὅσσι τῆς φιλοσοφίας εἰς ἄκρον ἐληλύϑασι.
Sprachenkampf im römischen Reich. 707
'zeichnenden Ausdrücke πάτρων und προσχύνησις ἐπὶ τῶν ἀτρείων
(= salutatio in atriis) nach Hause. König Prusias bezeich-
nete sich selbst als λίβερτος.Ό Mit den ins Griechische über-
setzten Senatsbeschlüssen wanderte manches lateinische Wort
wie σηστέρτιος und die Termini des römischen Kalenders x«-
λάνδαι, νωναί und εἰδοί nach dem Osten. Die in denselben
enthaltenen, wortwörtlich ins Griechische übertragenen lateini-
schen Termini wie στρατηγὸς ὕπατος — praetor maximus,
στρατηγὸς ἐπὶ τῶν ξένων — praetor inter peregrinos, δοῦναι
ἑαυτοὺς eis τὴν Ῥωμαίων πίστιν = se in fidem populi Romani
_permittere etc. gingen in die Diktion der griechischen Histo-
riker über, welche diese Urkunden benützten. Daher finden
sich solche Latinismen von Polybios an bei allen griechischen
Geschichtschreibern, die sich mit römischer Geschichte be-
schäftigen 119). Polybios wendet mehrere lateinische Wörter,
meist Ausdrücke des Staats- und Heerwesens, worin sich ja
die Bedeutung der Römer vor allem zeigte, noch als Fremd-
wörter an, so natpixtos, δικτάτωρ, λίβερτος, ἐχστραορδινάριος,
τριάριοι, πρίγχκιπες, ἁστᾶτοι, πραίφεχτος, χεντυρίων, δεκχουρίων,
dann μίλιον, καλίκιος, πίλεος etc. Auch keltische Wörter wie
γαῖσος, σάγος drangen vermutlich über das Lateinische ins
Griechische ein, wie später zu den Zeiten der germanischen
Völkerwanderung germanische Ausdrücke wie βοῦργος u)
δροῦγγος 115), βάνδον 113), In Inschriften aus der Zeit ÜCaesars
und Sullas "erscheint neben πάτρων und δικτάτωρ das Fremd-
wort inrep&twp, in der griechischen Uebersetzung der Res
gestae divi Augusti auf dem Monumentum Ancyranum αὔγουρ,
ἀρουᾶλις, φητιᾶλις, alpdprov, in anderen Inschriften der Augu-
110) Vgl. David Magie, De Romanorum iuris publici sacrique voca-
bulis sollemnibus in Graecum sermonem conversis, Lips. 1905; cf. Max
Mentz, De magistratuum Romanorum Graeeis appellationibus, Diss. Jena
1894 und Aug. Wannowski, Antiquitates Romanae e Graecis fontibus
explicatae, Königsb. 1846.
111) Procop. de aedif. 4,6 p. 289 D: τὸ βούργου ἄλτου Wvonao-
μένον SC. φρουρίον.
112) — „Gedränge‘“, Heerhaufen; cf. Leon Tact. 13,3: κατὰ döpody-
Yovg xal τούρμας, Kulakovskiy, Byzant. Zeitschr. XII (1903) 8. 410 f.
118) Of. überh. J. G. Kempf, Romanorum sermonis castrensis reli-
quiae (= Jahrb. f. ἃ. klass. Altert. Suppl. 26), Leipz. 1900 S. 364. 368.
369. 373. — E. A. Sophokles, Greek Lexicon of the Roman and Byzan-
tine periods, New-York 1900 5. 80 ἢ.
Philologus, Supplementband X, viertes Heft 46
708 Ludwig Hahn,
steischen Zeit χολωνεία, pouvixintov, λεγιών, δεχορίων, NEVTO-
plwv, τεσσαράριος, δηνάριον, ἀσσάριον etc.
Besonders reich an lateinischen Wörtern ist die Römische
Archäologie des Dionysios von Halikarnaß 1153). Es sind vor allem
Termini aus dem Staats- und Heerwesen, Münzbezeichnungen,
Namen von Priestern und Festen, Ausdrücke des Kalenders.
Dionysios sucht auch diese Latinismen häufig unter Anführung der
Etymologie zu erklären. Aehnlich verfährt später Plutarch!!?»)
in seinen αἴτια Ῥωμαϊχά. Diese beiden Schriftsteller bieten
in den erwähnten Schriften, die römische Geschichte und Kultur
behandeln, sozusagen zugleich eine Art Fremdwörterlexikon.
Es darf wohl kein anderer Grund hiefür angenommen werden
als derjenige, der auch bei uns solche Werke notwendig ge-
macht hat: Die von Dionysios und Plutarch angeführten la-
teinischen Wörter waren den Griechen so geläufig, daß ihre
Erklärung als ein Bedürfnis erschien. Sagt doch auch Quintilian,
daß die Griechen trotz ihrer Neigung zum Purismus sich ge-
zwungen sahen bisweilen lateinische Wörter zu übernehmen 112),
und das bestätigen Inschriften und Papyri. Auch bei Schrift-
stellern wie Diodor, Nikolaos von Damaskos und Strabo finden
sich nicht nur lateinische, sondern auch keltische Wörter. In
den Inschriften der ersten Kaiserzeit erscheinen als Fremdwörter
bez. schon als Lehnwörter die altüblichen Latinismen r&tpwv,
μίλιον, δηνάριον, λεγεών, κεντυρίων, dann πατρώνισσα, ἀσσάριον,
χεντυρία, χώρτη (cohors), τύρμη (turma), ἄλη (ala), κλάσση (classis)
πραιτωρία, πριμιπιλάριος, οὐετρανός, κορνιχλλάριος, ταβλάριος etc.,
ferner die Verba χουρατορεύω und σχουτλόω (= scutulo).
Deutlicher als in den Inschriften, deren Texte im großen
und ganzen stereotyp bleiben, ist das Eindringen lateinischer
Wörter in der griechischen Kanzleisprache der Papyrusurkunden
der ersten Kaiserzeit zu verfolgen. Es finden sich in densel-
ben im allgemeinen die nämlichen lateinischen Wörter wie in
118.) 8. „Rom und Romanismus“ 5, 123.
1135) S. „Rom und Romanismus“ ὃ. 239 ff.
114) Quintilian 1 5,58 und Il 14, 1. Vgl. Lucian, de hist. rect
scrib. c. 15, der von Krepereios Kalpurnianos aus Pompeiopolis, einem
Geschichtschreiber der Partherkriege. sagt: ὃ y&p αὐτὸς οὗτος συγγραφεὺς
πολλὰ καὶ τάφρον ὡς ἐκεῖνοι (φόσσα; cf. Mauricius 4, 3; 12, 22) καὶ γέφυραν
(ef. Plut. Numa 12) καὶ τὰ τοιαῦτα. Vgl. auch dagegen in c. 21 den Tadel
des Hyperattizimus gewisser griechischer Historiker.
Sprachenkampf im römischen Reich. 709
den Juschriften. Zu erwähnen wären noch etwa Ausdrücke
wie χουστωδεία, χέλλα, ἄτριον, πάλλιον, πανάριον etc.
Wenn nun lateinische Fremd- und Lehnwörter in die
Papyrusurkunden eindrangen, in einem Gebiete, das nicht als
Glied des Reiches galt und in griechisch geordneter Verwal-
tung stand, wie viel mehr muß das Latein in den schon
länger unterworfenen nnd römisch verwalteten Provinzen des
Ostens Wörter an die griechische und an die orientalischen
‚Sprachen abgegeben haben! Daß dem so ist, ersehen wir auch
aus den Schriften des Neuen Testaments!'°), die zum größeren
Teil in der, wenn auch bisweilen etwas purifizierten griechi-
schen Vulgärsprache geschrieben sind. Von den im Neuen
Testament gebrauchten lateinischen Wörtern gehört offensicht-
lich eine größere Zahl schon in die Gattung der Lehnwörter
so λεγεών, πραιτώριον, φραγέλλιον und φραγελλόω, τίτλος (titulus),
δηνάριον und ἀσσάριον, χῆνσος, μόδιος, μίλιον, λέντιον (linteum),
σουδάριον etc. Mehrere dieser lateinischen Termini erscheinen
auch in der populären Sprache des Epiktet, in Inschriften, in
Papyri, dann beim Lexikographen Hesychios und wohl auch
bei dessen Vorgängern, die sich mit Erklärung von Lehn- und
Fremdwörtern befassen, endlich in den Glossen. Sie sind ferner
— ein Zeichen ihrer Beliebtheit — teilweise noch heute in der
neugriechischen Volkssprache vorhanden. Die Vertreter der
schönen Literatur freilich, die dem romantisch-puristischen Zuge
der Gebildeten gemäß dem Attizismus huldigen mußten, wollten
von solchen Latinismen, die als Solözismen und Barbarısmen
betrachtet wurden, nichts wissen.
Zumeist aus dem Griechischen des gemeinen Mannes wan-
derten die Latinismen auch in die orientalischen Sprachen. Ein
Beweis dafür sind die lateinischen Lehnwörter der Mischna "°),
8) Datinismen in der volkstümlichen Sprache der Briefe des Mär-
tyrers Ignatios, Bischofs von Antiochia, (gest. zur Zeit Trajans) sind :
δεσέρτωρ, ἐξεμπλάριον (cf. Immisch a. o. a. O. 8. 361), τὰ
δεπόσιτα, τὰ ännento. Auch im Pastor des Hermas finden sich
lat. Wörter z. B. vis. III 1 ἐπὶ τοῦ συμφελλίου (subsellium; cf. zu ΑΘ].
Aristides rec. Dind. prol. III p. 741: τρία συψέλια und classical rev. 1901
S. 256) ἔκειτο χερβικάριον λινοῦν καὶ ἐπάνω λεντίου ἐξηπλωμένον
λίνον χαρπάσινον. Vgl. J. Β. Lightfoot, The apostolic fathers, part. II
Lond. 1889, vol. I p. 410 f.
116) Vgl. Samuel Krauß, Griech und lat. Lehnwörter im Talmud etc.
II und I, Berl, 1898 und 1899.
40 ἢ
710 Ludwig Hahn,
einer Sammlung von jüdischen Satzungen, die gegen Ende des
2. Jahrhunderts entstand. Hier abgesehen von den auch schon
im N. T. vorkommenden nur noch einige zur Probe: χαλίγα,
σολέα, τόγα, φασχία, στρᾶτα, νοτάριος, σχᾶλα, κάψα, πατέλλα,
φοῦρνος etc. Die Latinismen in der Mischna sind an Zahl
weit bedeutender als die des N. T., und wir schließen, daß in
der griechischen Vulgärsprache derjenigen Länder, die vom
Romanismus mehr berührt waren als das abgelegene Palästina,
die Masse der lateinischen Bestandteile noch größer gewesen
sein muß. Es ist auch nicht außer Acht zu lassen, daß die
Römer abgesehen von den juristischen Termini mehr Bezeich-
nungen für das tägliche Leben liefern, während die griechi-
schen Fremd- und Lehnwörter im Lateinischen mehr Abstrak-
[65 117) bezeichnen und der Sprache der Gebildeten oder Ge-
lehrten angehörten. Die lateinischen Lehnwörter im Griechischen
waren demnach mehr beim gewöhnlichen Volke üblich, wes-
halb sie sich um so fester und dauernder einbürgerten. Leider
stehen uns aber bedeutendere Denkmale der griechischen Vul-
gärsprache abgesehen etwa von den Märtyrerlegenden 115), deren
117) Doch zeigt sich die Macht der römischen Kirche und ihrer
Sprache in der Aufnahme lat. philosophischer, bez. theologischer Termini
wie σουβσταντία; cf. Socrates H. E. II c. 30 πολλούς τινας κινεῖ περὶ τῆς
λεγομένης Ῥωμαϊστὶ μὲν σουβσταντίας, “Ἑλληνιστὶ δὲ λεγομένης οὐσίας ;
cf. Athanasius bei Migne, Patrol. gr. XXV 2, 141 Β,
118) Vgl. z. B. Euseb. H. E. IV 15,8: ἐχέλευσαν rpocsAdövra αὐτῷ
χκομφέχτορα παραβῦσαι τὸ ξίφος (Martyrium Polycarpi), dann die
Latinismen xöpng, Bır apıog, κουράτωρ, χουβιχουλάριος
ἰλλούστριος ἴῃ ἄρῃ Acta Nerei et Achillei (5.—6. Jahrh.) ; cf. Gebhardt-
Harnack, Texte und Unters. XI, H. 2 S. 66. — Acta S. Christophori ed.
H. Usener in der Festschr. zur 5. Säkularfeier, Heidelberg, p. 56, 3: ἀπὸ
Asxiov (Kaiser Decius) o&xpav.. . κατήνεγχαν, p. 56, 10: ἦν τις... τῶν ποτὲ
Konitwv στρατεύσας ἐν τῷ νου μέ ρῳ τῶν Μαρμαριτῶν, p. 10, ὃ: Μὴ ἀννῶναι
ὑμῶν ἔλειψαν N τὰ βέστια (= vestimenta) %. τ. λ., p. 70,25: χαλκοῦν
συμφέλιον (a.l: σουβσέλλιον), p. 12,4: ἀναχωρήσας τοῦ VEN ρέ-
Ton ἦλϑεν εἰς τὸ παλάτιον (Decius), p. 74,27: καὶ λέγει τῷ σπεκοῦυ-
λάτορι, etc. — Acta S. Marinae ed. Usener 1018. p. 17, 11: ἐπὶ δα ιδίου
(a. 1. ῥεδίου), p. 36,9: ἀπήγαγεν εἰς τὸ πραιτώριον; cf. 1014. Einl. S.11
und ἃ, Register s. v. Mapiva«. — Evangelium Nicodemi A. prol.: "Avaviag
προτέχκτωρ ἀπὸ ἐπάρχων, A 1,2: noöpowp, πραίχκων, A 1,5: τῶν
σιγνοφόρων κατεχόντων τὰ σίγνα, Α1,6: ἔξω τοῦ πραιτωρίου, A
IX, 5: ἐκέλευσεν ὁ Πιλᾶτος τὸν βἥλον ξλκχυσϑῆναι τοῦ βήματος, A X, 1:
περιέζωσαν αὐτὸν λέντιον, Α ΧΙΠ,1: τινὲς τῆς κουστωδίας, AXV,
5: σουδάριον etc. — Acta S. Anastasii Persae ed. H. Usener, Bonn
1894, Index, und Usener. Beitr. zur Gesch. der Legendenliteratur in den
Jahrbüchern f. prot. Theol. XIII (1887) 8. 245. — Marci Diaconi vita
Sprachenkampf im römischen Reich. 711
Sprache aber vielfach durch Zusätze und Umarbeitungen aus
späterer Zeit verändert ist, bis auf die Zeit Justinians nicht
zu Gebote 113). Einigermaßen Ersatz dafür bieten die Papyri.
In den Papyri des 2. Jahrh. finden sich beispielsweise folgende
Latinismen: οὐετρανός, χορνιχουλάριος, δουπλιχάριος, τούρμη,
AAN, χώρτη, ἀχτάριος, βενεφικιάριος, ἀννώνα, βιάτιχον, ἰμαγίνιφερ;,
χάστρα, χελλάριος, κολονεία, κωδίκιλλος, λεγιωνάριος etc., Aus-
drücke, die zum Teil auch in Inschriften 159) vorkommen. Man
darf wohl annehmen, daß die in Aegypten im 2. Jahrh. üb-
lichen Latinismen schon um ein Jahrhundert vorher auf der
Balkanhalbinsel und in Kleinasien im Gebrauche waren.
Ein wichtiges Zeugnis für den Uebergang lateinischer
Wörter ist die griechische Uebertragung des im J. 301 er-
lassenen Ediectum Diocletiani de pretiis rerum venalium. Das
zeigen Ausdrücke wie αὐρικαέσωρ, poüpxa, λιβράριος, νοτάριος,
σχουτλᾶτον, πλουμάριος, πουλβεῖνος, ῥῆγλα, πάλος, ἀχκούβιτον,
δορμειτώριον, φιβουλατώριον, χαψάριος, καρροῦχα, χατῆνα, φούλ-
λων, βεχτοῦρα, παπυλιών, [ῥαῖδα, σάγος] εἴο. 151).
Das Aufkommen des Christentums war für die Volks-
sprachen günstig, wie überhaupt die christliche Mission auch
heute noch die Einzelsprachen gegen die Weltsprachen schützt.
Man findet in den Schriften auch attizistisch gerichteter Kir-
chenväter manche Latinismen, so bes. in den Briefen !??).
Porphyrii episcopi Gazensis edd. societatis philologae Bonnensis sodales,
Leipz. 1895 (Anf. d. 5. Jh.) 13,166 κουβικουλάριος, 25,6 ff. "TAcpıog
covßaxdLrouß& τοῦ nayliorpov, 34,1 χαστρήσιος,, 44,5 δοῦξ,
44,17 τοῦ awvotLoroptov etc. — Legenden der Pelagia v. H. Usener
(μετάνοια τῆς ὁσίας Πελαγίας vom Diakon Jakob), Bonn 1879, 8. 5, 19: ἐν
τῷ χελλίω, 12,16: ἐν βεστιαρίῳ etc. [2. Viertel ἃ. 5. Jh.]. — Rud.
Knopf, Ausgewählte Märtyrerakten, Τρ. u. Leipz. 1901 p. III, 38. 43.
44. 64. 70. 72. 73. 74. 88. 89. 90.
119) Ueber den gewaltigen Unterschied zwischen der attizistischen
Kunstsprache der Gelehrten und der Sprache des gemeinen Mannes im
griechischen Sprachgebiet hat schon Kreuser (a. o. a. Ὁ. 8. 49. 55 ff.
74 ff. 83 ff. 102. 104 ff. 118 ff.) in geistvoller Weise, wenn auch allzu-
radikal sich ausgesprochen.
120) Of. Magie 8. v.
121) Vgl. CIL. 1Π 2 p. 800 ff. und „Der Maximaltarif des Diokletian*
herausg. von Th. Mommsen, erläutert von H. Blümner, Berl. 1893.
Viele der im Ed. Diocl. sich findenden Latinismen sind noch im Neu-
griech. üblich; cf. Gust. Meyer 8, v.
122) Vgl. z. Β, die in Joh. Chrysostomos’ opp. III epist. 14 (J. 404)
enthaltenen lat. Wörter: τριβοῦνος, λεκχτίκιον, μίλιον, κΧ ά-
στελλον, βικάριος, ῥήξ, (δροῦγγο ς).
112 Ludwig Hahn,
Eine Quelle juristischer Latinismen sind die zumeist
griechisch abgefaßten Novellen Justinians, dann enthält eine
große Anzahl solcher die Paraphrase der Institutionen von
dem sogenannten Theophilos, die ebenfalls ins 6. Jahrh. fällt.
In den Novellen findet sich z. B. ἀβστινατεύω, ἐξχουσεύω, ἰοῦγον,
ἰνστροῦχτον, βίνδιξ, καλούμνια, ἀδιτίων, χαγχελλάριος, βικαρία,
χονσιστώριον, σχρίνιον etc., aus Theophilos verdienen bes. Verba
wie τραχταΐζω, χομμιτεύω, παχτεύω, μανδατορεύω Erwähnung 135).
Neben juristischen Termini finden sich Bezeichnungen aus dem
Heeres- und Beamtenwesen in Inschriften 5) und Papyri des
4.—6. Jahrhunderts, so Anyatov, χομπρόμισσον, κῶδιξ etc.,
βηξιλατίων (= vexillatio), 5008, ἐχσχουβίτωρ, βουκχελλάριος etc.,
νοτάριος, ἰνδιχτίων, ἰλλούστριος οἷο. 135). Wenn dagegen bei
Prokopios die Latinismen verhältnismäßig etwas zurücktreten —
Beispiele sind natpıria (arc. 27,17 Bonn), 8005 (bell. Pers.
89, 5), σιλεντιάριος (bell. Pers. 243,13), πραίτωρ und κοιαίστωρ
(arc. 116, 10), npattwpıo: und Xevrnvapıa (arc. 119, 1), μάγιστρος,
παλατῖνοι, πριβάτα und πατριμόνιον (arc. 124, 23), δομέστι-
χοί τε nal προτήχτορες (arc. 136, 23), ταβελλίων (arc. 154, 13),
φοιδερᾶτοι, ῥαιφερενδάριος, NE, μίλιτες, ἀσηχρῆτις ete. 139) —,
wenn er als verschämter Attizist zu denselben noch häufig
ein λεγόμενος oder καλούμενος beisetzt 157), so zeigt hinwiederum
der bedeutendste Vertreter des Vulgärgriechischen in der Zeit
123) Vgl. Lexique des mots Latins dans Theophile et les novelles
de Justinien par C. C. Triantaphyllid®s in Jean Psicharis Etudes de
philologie neo-grecque, Par. 1892, S. 159 ff. 255 ff. — Vgl. auch C. Fer-
rini, Byz. Zeitschr. VI (1897) 548 ff,
124) Vgl. z. B. CIG. III 5187 aus Ptolemais in Cyrene das Edikt
des Kaisers Anastasios (491—518) de ordinandis stipendiis militum in
griech. Sprache. Als Latinismen kommen vor δοῦξ und douxıxög,
ἀννώνα, κάπιτα, κάστρα, καυσαρίοις χρῆσθαι τοῖς νόμοις,
φοσσᾶτον, πραίφεκτος,. δομεστιχός, GELÄAEVTLÄPLOG,
βουχινάτωρ etc. Dazu bemerkt Joh. Franz „de singulis vocabulis
huius barbariei non operae pretium est dicere“, eine Ansicht, die jetzt
hoffentlich überholt ist.
125) Vgl. Wessely a. o. a. 0.— Wilcken führt auch solche Latinis-
men auf Ostraka an; cf. U. Wilcken, Griech. Ostraka aus Nubien und
Aegypten Bd. II, Leipz. 1901, Nr. 1128 (J. 205): ὀπτέωνι, Nr. 1143:
τεσσεράριος öntiwvı χαίρειν (ΞΞ CIG ΠΙ 5109, 15; Anf. ἃ. 3. Jahrh.);
vgl. Nr. 1144, 1146, 1224, 1476, 1611 etc. und Bd. I Leipz. 1899 8. IX
und Nr. 762f. — Vgl. Bury a. o. a. O. 167 ff.
126) Vgl. noch Weber II 31.
121) Vgl. auch Bury a. o. a. Ὁ. 8.169 ἢ, — Thumb a. o. a. Ὁ. 8. 159 f.
Sprachenkampf im römischen Reich. 713
Justinians, Malalas, eine solche Fülle lateinischer Lehnwörter!?®),
daß man daraus ersieht, daß dieselben in der Sprache des
Volkes fast ebenso üblich waren, wie bei uns zumal in den
rheinischen Gegenden z. B. in der Rheinpfalz französische
Ausdrücke!*). Die dem Latein entlehnten Verba auf .--εύω 130)
scheinen in der späteren Gräzität fast eine ähnliche Rolle ge-
spielt zu haben wie unsere mit dem Suffix -ieren gebildeten
_Gallizismen. Eine Uebersetzung der im Kanzleigriechisch der
Justinianeischen Zeit geschriebenen Biographie des Joh. Lau-
rentius Lydus!?!) oder des Werkes des Kaisers Konstantinos
Porphyrogennetos über das Zeremoniell am byzantinischen Hofe
Sn
in das ἃ la mode -Deutsch, wie es ın den Kanzleien und
128) Gesammelt von Körting, Index lect. Monast. 1879. Vgl. dazu
C. Wagener im Philol. Anz. X 92 ἢ,
139) Vgl. z. B. Französische Familiennamen in der Pfalz und Fran-
zösisches im Pfälzer Volksmund von Phil. Keiper, Progr. Zweibrücken
1891. — Französisches im mecklemburgischen Platt und in den ‚Nach-
bardialekten, I und II von Rich. Mentz, Programme des Realprogym-
nasiums in Delitzsch 1897. 1898. — Gallicismen in den niederrheinischen
Mundarten von J. Leithäuser, Progr. des Realgymn. Barmen 1891 τ 1894.
I Vel.z.B. xovparopsöow („Rom und Romanismus“ S. 228),
ἀννωνεύω Wessely 124, πραιποσιτεύω ibid. 144, ληγατεύω "Marci
Diac. v. Porphyrii a. a. 0. 46,17 und 82,8, μητατεύω ibid. 52, 11f.,
ἰνδικεύω Lafoscade, Infl. 133 Fußn. 8, δηφενδεύω Mauric. II, 1
πραισεντεύω Malalas 176,3, önpıysdw ibid. 322,10 (u. Const.
Porphyrog. Cer. 170), &Exovosdw ibid. 356,19, ἀπλιχκεύω ibid.
333, 15, πραιδεύωῳ 1014. 30, 21, σηχρητεύῦω Laur. Lyd. de mag. 11127.
Bury ΗΠ ΘΙ. οἱ. p. 173 sagt, daß die lat. Verba auf -ari zu
solchen auf- eöw wurden wie πραιδεύω, ὀρδινεύω, ἀπλιχκεύω.
132) Laur. Lyd, mag. III 26 ff.; vgl. z.B. c. 27: οἵ δὲ πρὸς τὸ βοηϑεῖν
ὑπὸ τοῦ λεγομένου AB ἄκτις χαλούμενοι, τὸ μήποτε γενόμενον, TTAPOAO-
λοῦντες προσελάβοντό με εἰς πρῶτον χαρτουλάριον.. .. ὁμοίως τε ποιῶν
ἄντ᾽ αὐτῶν τὸ λεγόμενον περσωνάλιον nal κοττιδιανόν, περὶ ὧν
ἄρτι διεξῆλθον, σουγγεστιῶνας ἐτιϑέμην, ὧν ὃ λόγος ὧδε ' πάντες μὲν
ἄνέκαϑεν ol παρὰ τῇ ποτὲ πρώτῃ τῶν ἀρχῶν βοηϑοῦντες τοῖς τρέχουσι
σχρινίοις διὰ πολλῆς ἐξέλαμπον παιδείας " περὶ δὲ τὴν Ῥωμαίων φωνὴν
τὸ πλέον ἔχειν ἐσπούδαζον ' χρειώδης γὰρ ἦν αὐτοῖς κατὰ τἀναγκχεῖον..
συνέταττε τὴν λεγομένην σουγγεστιῶνα --- ἀντὶ τοῦ διδασχαλίαν..... ὡς
᾿ἐχπλήττειν τόν τε τῆς βουλῆς κυαίστορ ἃ χαὶ τοὺς λεγομένους πάλαι μὲν
ἀντεχήνσοῤας, καϑ' ἡμᾶς δέ ἀντιγραφεῖς ([). .. οὐ μόνον ἐπλήρουν τὰς
εἰρημένας λειτουργίας ἐπὶ τοῦ σχρινίου, ἀλλὰ μὴν ἐπεσηχρήτευον
παρὰ ποῖς ταχυγράφοις, ἔτι χαὶ βοηϑῶν ἑτέροις ἐν τῷ τεμένει τῆς δίκης
ταχυγραφοῦσιν, ὅ χαλεῖται σήκρητον .... ἔνϑεν ὥσπερ ἀναπτερωϑεὶς ἐπὶ
τοὺς λεγομένους ἃ σ κρήτις τῆς αὐλῆς ἐπειγόμην. Die zahlreichen lat.
Wörter und Ausdrücke in diesem Werk 5. im Index der Ausg. von
Rich. Wuensch, Leipz. 1903 S. 173fi. Vgl. auch O. Crusius, Röm.
Sprichwörter ... bei Jo. Laur. Lyd., Philologus LVII (1898) 501—503.
— Ueber lat. Beamtentitel im byz. Reich s. auch Kreuser a. o. a. Ο.
Ss. 100 u. u. A. 132. — Immisch a. o. 8, O. 8. 358 ἢ,
714 Ludwig Hahn,
an den Höfen des 17. Jahrh. üblich war, würde klar zeigen,
daß auch die griechische Sprache, die uns als die reinste
erscheint, eine Periode gehabt hat, in der sie der Ausländerei
und Barbarei verfiel!??). Dies gilt besonders auch für die
Sprache des Heeres, Das στρατηγικόν des Kaisers Maurikios
(f 603) wimmelt von lateinischen militärischen Ausdrücken 155),
Wie viele lateinische Wörter durch Vermittlung des Grie-
chischen in die durch das Christentum zu neuem Leben er-
weckten Sprachen der orientalischen Völker, in das Syrische 152),
Armenische 55), Arabische 155), Persische 157, Koptische 138), über-
gingen”), dies nach dem Vorgang von Samuel Krauß 1595),
13°) Wie sehr die offizielle Sprache mit Latinismen versetzt gewesen
ist, erkennt man an der Sprache des Werkes des Kaisers Konstantinos
Porphyrogennetos De caerimoniis, die von Latinismen wimmelt. — Paul
Koch, Die byzant. Beamtentitel von 400—700. Diss. Jena 1903. — S.
auch Kreuser 100.— Die Latinismen drangen in die vulgäre Verkehrs-
sprache des Mannes aus dem Volke ein, wie im Westen; die Gräzismen
in der latein. Sprache dagegen gehören zum größten Teil der Gelehr-
tensprache an (vgl. „Rom und Romanismus“ 265f.). Der großen Zahl
der lat. Lehnwörter im Neugriechischenr (cf. Gustav Meyer a. a. O.) stehen
nur wenige altgriech. Wörter gegenüber, die sich in den romanischen
Sprachen im Volksmunde erhalten haben (cf. Fr. Diez, Gr. d. roman.
Spr.* 57—61). "
188) 7.B. δηποτάτοι, ἄντιχένσώρες, μίνσώρες, KAYrdrwp,
6öyo. Das Latein war auch noch in Kommandoworten in Gebrauch
z. B. Sta! Ad latus stringe! Cf. Bury a. o. a. O. 8. 172. Vgl. die
Parole voßioxovn δέους Mauric. 2, 17.7, 16. — Zachariae von Lingen-
thal, Byz. Zeitschr. III 437 ff. — Aussaresses, l’auteur du Strategicon, Rev.
et anc. VIII 23 ff. — Lafoscade, Infl. 142. — Immisch a. o. a. ©. S. 359.
134) Bruns-Sachau, Syr.-röm. Rechtsbuch, Leipz. 1880, Kommentar
S. 347; cf. 155 ff. — Gust. Meyer a. o. a. O. III 2£.
1355) Vgl.C. Brockelmann, Die griech. Fremdwörter im Armenischen,
Zeitschr. d. deutschen morgenländischen Gesellschaft XLVII (1893)
5. 1f., H. Hübschmann, Armenische Grammatik, Leipz. 1895 8. 322 ff., -
A. Thumb, Die griech. Lehnwörter im Armenischen in der Byzant.
Zeitschr. IX (1900) S. 388 ff.
136) S. auch die Angabe der baskischen uud keltischen Wörter, die
ins Arabische eindrangen, von Vollers in der Zeitschr. der deutschen
morgenländischen Ges. LI (1897) 5. 311 ff. — Siegmund Fränkel, Die
aramäischen Fremdwörter im Arabischen, Leyden 1886, S. 191f. 196 ἢ,
197, 199, 201 ff, 278 ff. und passim.
181) Of. Procop. bell. Pers. 244, 17: ὃ Καῖσαρ, οὕτω γὰρ τὸν Ῥωμαίων
βασιλέα καλοῦσι Πέρσαι. '
188) Vgl. W. C. Crum, Coptic ostraca. Lond. 1902, 8. 23 φόλλις,
5. 45 πλουμαρίζειν, 8. 69 ὃ οὔξ οἷο. — Osk. v. Lemm, Kleine kop-
tische Studien im bull. de l’acad&mie imp. des sciences de St. Peterbourg
V. ser. tome XVII nr. 1 (1900) p. 45 ff.
139) Später auch ins Russische (cf. Zar von Caesar — Katoap) und
in andere slavische Sprachen, wie früher schon ins Gotische (ef. v. d.
Gabelentz-Loebe, Ulfilas, Lips. 1846, II 2 S. 4.).
1398) Griech. und lat. Lehnw. im Talmud, 2 Bde, Berl. 1898—99.
Sprachenkampf im römischen Reich. 715
der bes. das Hebräische, oder Gustav Meyer 145), der speziell
das Neugriechische!?!) in Betracht zog, zu erweisen, wäre
eine dankbare Aufgabe für die orientalistische Philologie.
Eine zweite Aufgabe aber ist es darzulegen, wie und aus
welchen Gründen es der griechischen Sprache möglich war,
den Jahrhunderte hindurch dauernden Ansturm der lateinischen
ohne bedeutendere Schädigung auszuhalten, wie seit der Zeit
Justinians das Latein im Osten immer mehr zurückgedrängt
wird!*?), wie eine national-griechische Reaktion eintritt, wie
dann aber der Hellenismus, der dem Romanismus so erfolg-
reich widerstanden hatte, durch Araber und Türken hinweg-
gefegt wird!*?).
140) Sitzb. d. Akad. zu Wien 1895, Bd. 132, Neugriech., Studien III 1 ff.
#1) Von den ebendort (lV 1ff.) angegebeneu romanischen Lehn-
wörtern im Neugriechischen dürften einige noch als lateinisch bez. vul-
gärlateinisch in Anspruch genommen werden, so μέλο — βῆλον, velum,
βέργα = virga, βέστα — vestis, βικάριος = vicarius, γέμελλος — gemellus,
δεπόζιτον —= depositum, xovöitog —= conditum, λίβελλος = libellus, ματ-
pöva = matrona, voräpog — notarius, πανέρι = panarium etc.
142) Uebrigens dachte noch Constans, der Sohn des Kaisers Kon-
stantin III, und Enkel des Heraklius, an die Wiederaufrichtung des
römischen Reichs; cf. Theoph. Conf. 384,4: Τούτῳ τῷ ἔτει καταλιπὼν ὃ
βασιλεὺς Κωνσταντινούπολιν μετέστη ἐν Συρακούσῃ τῆς Σικελίας βουληϑεὶς
ἐν Ῥώμῃ τὴν βασιλείαν μεταστῆσαι, ---- S. auch Sievers, Libanius 12.
148) Dazu bedarf es noch überall der grundlegenden Arbeit. Denn
der Kampf der Nationalitäten und Sprachen im römischen und im
byzantinischen Reiche ist bisher noch wenig beachtet worden. S. auch
Krumbacher, Byzant. Lit.? 5, 1136.
110
vn.
Inhalt. Sachregister.
Inhalt.
. Mittel der Romanisierung: Krieg, Gründung von Kolo-
nien, Verleihung der civitas
. Verbreitung des römischen Rechts
Das römische Heer als Romanisierungsfaktor .
. Der Druck des römischen Kapitalismus. Die „italischen*
Kaufleute im Osten. Reichsmaß und Reichsmünze .
. Roms Bedeutung in der Religion: Kaiserkult, Papsttum
. Gebrauch und Verbreitung der lateinischen Sprache im
Osten. Das Latein als Amts-, Heeres-, Rechts- und Kir-
chesäprache 1. Wal u IL ah τ A δα
Latinismen und lateinische Fremd- und Lehnwörter im
Griechischen, bes, in Inschriften und Papyri, bei Poly-
bios, [Dionysios von Halikarnaß, Plutarch], im N. T.,
(lateinische Lehnwörter in der Mischna), in Märtyrerle-
genden, in der griechischen Uebersetzung des Edietum
Diocletiani, in den Novellen und bei Theophilos, bei
Prokopios, Joh. Laur, Lydus, Malalas, Maurikios. Lat.
Wörter in orientalischen Sprachen 698 f.
Sachregister.
Seite
678—683
683—684
684 —688
688—691
691—694
694— 705
705— 714
Berytos Ὁ. 681. 699.
Christentum, Einfluß des Romanis-
mus auf das — 692. '
civitas, Verbreitung der — im
Osten 682 ἢ.
conventus civium Rom. 689. 697.
Diocletian 701; lat. Wörter in der
griech. Uebersetzung des Edic-
tum Dioel. 711.
Dionysios von Halikarnaß, latein.
Wörter bei — 708.
Handei, röm. im Osten 688 ff.
Hellenismus u. Rom im Bunde ge-
gen Orient u. Christentum 681 f.
Inschriften, lat. Wörter in griech.
— 707 £. 712.
Italizismen in der griech. Komödie
706,
|
|
|
|
|
|
Iustinian und die Reichssprache
"02,
Kaiserkult 691 £.
Kolonien, röm. im Osten 680 ft.
Konstantin ἃ, Gr. 693. 695. 701f.
Konstantinopel, die lat. Sprache
in — 702.
Konstantinos Porphyrogennetos,
lat. Formeln bei — 703. 713.
Lateinische Sprache, Gebrauch der
— — im Osten 694 fi., als Amts-
und Reichssprache 694 f. 701 ff.,
als Heeressprache 695 f. 701. 714.
als Rechtssprache 696f. 701 δ,
als Kirchensprache 704 ἢ —
Fremd- und Lehnwörter im
Griech. 706 ff. — Formeln im
byzant. Hofzeremoniell 703. 713.
Latinismen in ins Griech. übersetz-
ten Urkunden u. bei den griech.
Historikern 707f. 712 ff. ; ef. 698.
Sachregister.
‚ Lydus, Lat. Wörter bei Joh. Laur.
— 718.
Märtyrerlegenden, Lat. Wörter in
griech. — 710, A. 118.
Maß, röm. — als Reichsmaß 690.
Maurikios, lat. Wörter im στρατη-
yınöv des — 714, A. 133.
Mischna, lat, Wörter in der — 709 Γ᾿
Münze, die röm. — als Reichs-
münze 690.
Novellen, lat. Wörter in den — 712.
Orientalische Sprachen, lat. Wörter
in den — — 714f,
Paulus, Der Apostel — als röm.
Bürger 683
Papsttum, Entwicklung des—691 ff.,
Latein, die Sprache des — 704 Ὁ
Plutarch, Lat. Wörter bei — 708.
Polybios, Lat. Wörter bei — 707.
Sprachliches. 717
Prusias II. von Bithynien 680.
Recht, Verbreitung des röm. — im
Osten 683 f. 696 ἢ.
Römisches Heer, Bedeutung des —
— für die Romanisierung 685 ff.
695 £.
Römische Literatur, Verhältnis der
Griechen zur — — 698 ff. 704 f.
Rom, Einfluß der Hauptstadt auf
die Romanisierung 680. 697 ff. ;
Bedeutung in der Religion 691 ff.
— Metropole des Christentums
692 ft.
Steilien romanisiert 679.
Testament, Lat. Wörter im N. T. 709.
Theophilos, Lat. Ausdrücke in der
Paraphrase des — 696. 712.
Uebersetzungen aus dem Lateini-
schen ins Griech. 700. 705.
Zenobia 688.
Sprachliches.
(Verzeichnis der wichtigeren hier erwähnten Lehn- und Fremdwör-
ter, die dem Lateinischen entnommen sind.)
ἀβ ἄχτις 713 A. 131.
ἄλη (ala) 698 A. 61, 708, 711.
ἀννώνα 710 A. 118, 711, 712 A. 124;
ἀννωνεύω 713 A. 130.
ἀντεχήνσωρ (ἀντικένσωρ) :ΞΞ antecessor
7113 A. 131, 714 A. 188.
ἀπλικεύω (applicare) 713 A. 130. :
ἀσσάριον (as) 708, 709.
ἄτρ[ε]ιον 707, 709.
αὐχκτώριτας 698 A. 63.
[βάνδον 707).
βενεφικιάριος 711.
βέστα (vestis) 715 A. 141; βεστιάριον
(vestiarium) 711 A. 118; βέστιον
. (vestimentum) 710 A. 118.
βῆλον 715 A. 141].
βιάτικον 687 A. 26, 711.
Bixaprog 710 A. 118, 711 A. 122,
715 A. 141; βικαρία 712.
[Boöpyos 707].
βρέβιον (breve) 699 A. 69.
[γαῖσος 707].
δεχο[ υ]Ἱρίων 706, 708.
δεπόσιτον (δεπόζιτον) 709 A. 115,
715 A. 141.
δηνάριον 708, 709; δηνάριος 700 A,
14; ci. 69.
δικτάτωρ 706 ; δικτατωρεύω 698 A. 63.
δομέστικοι 699 A, 66, 712; δομεστι-
χὸς 412 A, 184
δούξ (δοῦξ) 699 A. 65 und 66, 711
A. 118, 712 u. A. 124, TI4 A.
138.
[öpoöyyos] 707, 711 A. 122.
ἐχσκουβίτωρ 712.
ἐξεμπλάριον 709 A. 115.
ἐξχουσεύω 712, 713 A. 130.
ἰλλούστριος 710 A. 118, 712.
ἰνδικεύω 713 A. 130.
ἰνδικτίων 712.
χαῖσαρ 714 A. 137 und 139.
χαλίγα 710; χαλιγᾶτος 698 A. 68.
γαλίκιος (κάλτιος, — calceus) 680.
706, 707.
χάστελλον 711 A. 122.
κάστρα 711, 712 A. 124; χαστρήσιος
711.4. 118.
χέλλα 706, 709; χελλίον 706 A. 109,
711 A. 118; χελλάριος 711.
xevropiwv (χεντυρίων) 706, 708.
xevrvpta 708
γῆνσος 709.
χλάσση 708.
χοιαίστωρ (κυαίστωρ) = quaestor 699
718
A. 66. 712, 713 A. 131.
κολωνεία 708, 711.
xöung 710 A. 118.
χουβικουλάριος 710 A. 118.
χουράτωρ 710 A. 118; κουρατορεύω
708, 713 A. 130.
χουρία 698 A. 62.
rovorwölele 709, 710 A, 118.
κωδίκιλλος 711.
κῶδιξ 712.
χωνσιστώριον 711 A. 118, 712.
λεγέών (λεγιών) 698 A. 63, 699 A,
65, 700 A. 72, 708, 709; λεγιω-
νάριος 711.
λέντιον 709 u. A. 115, 710 A. 118.
λίτρα 706.
μάγιστρος 111 A. 118, 712; μ. ὀφφικίων
699 Α. 66
ματρώνα 715 A. 141.
μιλιαρήσιον 691 A. 35.
μίλιον 699 A. 66, 702 A. 86, 707,
708, 709, 711 A. 122.
μόδιος 706, 709.
νοτάριος 699 A. 66, 710, 711, 712;
voräpog 715 A. 141.
öyria (uncia) 706.
ὀπτίων 712 A. 125.
οὐετρανός 708, 711.
παλάτιον 702 A. 86, 710 A. 118;
παλατῖνος 712,
πανάριον 709;
715 A. 141.
παπυλιών 711.
πατρίχιος 699 A, 66, 706; πατρικία
712.
πάτρων 706, 708.
πλουμάριος 711; πλουμαρίζειν 714
A. 138.
πραιδεύω 713 A, 130.
πραίτωρ 712; πραιτωριανός 698 A.
64, 699 A. 66; πραιτώριοι 712;
πανέρι (panarium)
Sprachliches.
χλάσση πραιτωρία 708 ; πραιτώριον
702 A. 86, 709, 710 A. 118.
πραίφεκτος 707, 712 A. 124.
πριβᾶτον 699 A. 65, 712,
προτέχτωρ (προτήχτωρ) 710 A. 118,
712.
[ῥαῖδα 711; ῥαιδίον 110 A. 118].
δὴξ 699 A. 66, 705 A. 106, 711 A.
122, 712.
ῥόγα 714 A. 133. ;
Ῥωμαῖοι 705; Ῥωμαϊκή 705.
“Popavia 677 Α. 1.
[o&yos 707, 711].
σ[ε]ιλεντιάριος 712 u. A. 124,
σεχκούτωρ 698 A. 63, 699 A. 68.
σήχρητον (otuperov) 702 A. 86, 710
A. 118, 713 A. 131; & σήκρητις
712, 713 A. 131; σηχρητεύω 713
A. 130, ἐπισηχρητεύω 713 A. 131.
σχουτάριος 698 A. 62, 699 A. 66.
σχρίνιον 699 A. 65, 712, 713 A. 131.
σουβσταντία 710 A. 117.
σουδάριον 710 A. 118.
συμφέλζλ]ιον (subsellium) 709 A. 115,
710 A. 118.
ταβελλίων 712; ταβλάριος 708; ταβούλη
700 A. 71. i
τεσσαράριος (τεσσεράριος) 708, 712
A. 125.
τήβεννα (toga) 706.
τίτλος (titulus) 709.
«[ο]ύρμη (turma) 711.
τριβοῦνος 699 A. 66, 711 A, 122.
ὕσσός (hasta) 706.
φαμιλία 683 A. 11a.
φίσκος 699 A. 68.
φόλλις 691 A, 35, 699 A. 66, 714
A. 138.
φόρος (forum) 702 A. 86.
φόσσα 708 A. 114; φοσσᾶτον 712 Α.
124.
φραγέλλιον (flagellum), φραγελλόω
709. |
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